VII

Es war Achteinviertel und Unrat noch immer nicht da. In der Gier, ihre

Freiheit auszunutzen, lärmte die Klasse bis zur Selbstbetäubung, bis zur

Verblödung. Alles schrie, ohne noch darum zu wissen, »Unrat! Unrat!« Die

einen waren davon unterrichtet, er sei tot. Die andern schwuren, er habe

seine Wirtschafterin zu Haus ins Kabuff gesperrt und sie verhungern

lassen, und befinde sich zu dieser Stunde im Zuchthaus. Lohmann, Ertzum

und Kieselack schwiegen dazu.

Unversehens schlich Unrat langen Schrittes auf das Katheder zu und ließ

sich mit Vorsicht, als schmerzten ihn seine Knochen, in den Sessel

hinein. Viele hatten seine Gegenwart noch nicht bemerkt und brüllten

weiter: »Unrat!« Aber es schien Unrat nichts daran zu liegen, ob er es

ihnen »beweisen« könne. Er sah sehr grau aus, wartete geduldig, bis man

ihn reden ließ und betrug sich bei der Beurteilung der Antworten mit

geradezu kränklicher Grillenhaftigkeit. Einen, dem er sonst

leidenschaftlich nachzustellen pflegte, ließ er zehn Minuten lang die

falscheste Übersetzung liefern. Einem andern fiel er giftsprühend ins

erste Wort. An Ertzum, Kieselack und Lohmann sah er wieder standhaft

vorbei, -- aber er dachte nur an sie. Er fragte sich, ob sie gestern

nacht auf seinem mühseligen Heimwege nicht an einer Hausecke gestanden

hätten, an der er sich, beide Hände auf der Mauer und grade sehr üblen

Mutes, vorbeigetastet hatte. Er meinte sogar, sie angestoßen und Pardon

gesagt zu haben ... Aber sein Denken war auch noch damals unverwüstlich

klar geblieben, und er hatte keinen Augenblick das Verständnis dafür

eingebüßt, daß nicht alles, was er in jener Verfassung sah und spürte,

der Außenwelt anzugehören brauchte.

Er litt großes Bangen, weil er über diese Sache nicht im Reinen war. Was

wußten die drei Verworfenen?... Und was mochte gestern noch geschehen

sein, nachdem Unrat selbst aus den Vorgängen ausgeschieden war? Waren

sie zurückgekehrt in den Blauen Engel? War Lohmann in das Kabuff

zurückgekehrt?... Die Künstlerin Fröhlich hatte geweint; es war möglich,

daß sie sogar schon geschlafen hatte. Aber Lohmann hatte sie vielleicht

aufgeweckt?... Unrat schmachtete danach, Lohmann die allerschwierigste

Stelle zu erklären zu geben. Aber er wagte es nicht.

Lohmann, Graf Ertzum und Kieselack betrachteten ihn unablässig.

Kieselack hatte dabei sehr wohl ein Gefühl für das Spaßige, Ertzum für

das Erniedrigende, Lohmann für das Armselige in alledem; aber davon

unabhängig berührte alle drei eine Art Grauen, eine gewisse schreckliche

Weihe durch ihr dunkles Einverständnis mit dem Tyrannen.

Im Schulhof, während der Pause, lehnte sich Lohmann gegen die sonnige

Mauer, verschränkte die Arme und hörte innerlich, wie gestern an der

rauchigen Saalwand, sein Unglück erklingen in seinen Versen. Ertzum trat

wie von ungefähr heran und fragte unterdrückt:

»Auf dem Tisch lag sie und schlief? Das kann doch nicht sein, Lohmann.«

»Wenn ich dir sage, daß sie schnarchte. Er hat sie betrunken gemacht.«

»Der Gauner! Sobald ich ihn nochmal --!«

Ertzum schämte sich, seine Prahlerei zu beenden. Er knirschte stumm im

Joch der Schule. Mehr Abscheu als Unrat machte ihm seine eigene

Ohnmacht. Er war Rosas nicht würdig!...

Kieselack drückte sich, im Hin und Her der Schüler, an den zwei

Mitwissern vorbei und wisperte hinter der Hand, schiefen Mundes und

heimlich geschüttelt von grauenvollem Jubel:

»O Mensch, er fliegt ja rein, sag' ich euch, er fliegt ja mächtig rein!«

Er fragte, ehe er vorüber war, noch rasch:

»Kommt ihr wieder hin?«

Die beiden hoben die Schultern. Das war wohl eine verächtliche

Selbstverständlichkeit.

* * * * *

Für Unrat war es Pflicht, und sie ward täglich erfreulicher, je mehr er

sich einlebte bei der Künstlerin Fröhlich. Er war, damit Lohmann ihm

nicht zuvorkäme, immer der erste im Blauen Engel. Dann ordnete er die

Toilettengegenstände, suchte die saubersten Unterröcke und Höschen

hervor, legte, was zu flicken war, auf einen Stuhl abseits. Die

Künstlerin Fröhlich erschien spät, denn sie fing an, sich auf Unrat zu

verlassen. Er verstand bald, seine grauen Finger ganz spitz zu machen

und die Knoten an ihr damit aufzulösen, ihre Schleifen geradezuziehen,

die Nadeln aus den Verstecken an ihrem Körper hervorzuholen. Wenn sie

sich schminkte, löste sich ihm das rosablaßgelbe Spiel ihrer eiligen

Arme allmählich in sinnreiche Griffe auf. Er fand sich auf der Palette

ihres Gesichts zurecht, erlernte Namen und Nutzen der farbigen Stangen

und Fläschchen, der stäubenden Säckchen und Schachteln, der fettigen

Büchsen und Töpfe; übte sich still und eifrig in ihrer Anwendung. Die

Künstlerin Fröhlich bemerkte seine Fortschritte. Eines Abends lehnte sie

sich vor dem Spiegel auf ihrem Stuhl zurück und sagte:

»Nu los.«

Und er richtete ihren Kopf so vollkommen her, daß sie den Finger in

keine Salbe mehr zu tauchen brauchte. Sie wunderte sich über seine

Fertigkeit und verlangte zu wissen, wie er sie so rasch erworben habe.

Er errötete wolkig und stotterte irgend etwas; aber ihre Neugier blieb

ungestillt.

Unrat erfreute sich der Bedeutung, die er in der Garderobe erobert

hatte. Lohmann durfte nicht mehr hoffen, ihn zu ersetzen. Würde Lohmann

etwa behalten haben, daß der rosa Bolero dort zum Färber sollte? Ja,

wenn Lohmann durch eifrigeres Memorieren der aufgegebenen Homerverse

sein Gedächtnis geübt hätte! Nun stellten sich die Folgen des

Müßigganges heraus!... Und zwischen den weißen Wäschestücken am Boden

und auf den Möbeln schlich Unrat umher wie eine große schwarze Spinne,

behende ausgreifend mit dünnen, gekrümmten Gliedmaßen. Unter seinen

grauen, eckigen Händen glätteten sich mürbe Stoffe, raschelnd und

knisternd. Andere glitten unversehens zu Formen auseinander, die sie im

Verschwiegenen bewahrt hatten -- zu einem Arm, einem Bein, das Unrat

befangen anschielte, mit dem Gedanken:

»Freilich nun wohl -- immerhin.«

Dann stahl er sich an den Türspalt und lugte nach ihr aus, deren Stimme

pfiff und kreischte unter dem Donnern des Klaviers, deren Glieder Würfe

machten durch den Rauch, und nach den dummen Köpfen, wie geblähte Tulpen

in einem Beet, die sie begafften. Er war stolz auf sie, verachtete den

Saal, wenn er klatschte, spritzte auf in Haß gegen ihn, wenn er schwieg;

-- und ein ganz eigenes Gefühl widmete er ihm, wenn er vor Vergnügen

gluckste, weil die Künstlerin Fröhlich sich tief gegen ihn verneigt und

ihm die Öffnung ihres Korsage freigebig zugewendet hatte. Dann stand

Unrat eine kribbelnde Angst aus ... Nun wehte sie, in einem Windstoß von

Beifall, zur Tür herein, und Unrat durfte ihr einen Abendmantel umlegen

und ihr den Hals ein wenig pudern.

Dabei bekam er ihre Launen zu spüren. Je nachdem sie ihm gnädig die

Schultern hinhielt oder ihm den Puderquast gegen das Gesicht schlug, daß

er nichts mehr sah, brach eine gute Stunde an für Unrat oder eine

schlechte. Seine Blicke unter die weibliche Oberfläche führten tiefer

als nur bis dort, wo die Kleider aufhörten. Er bekam heraus, daß sich

mit den Stoffen und Pudern beinahe auch die Seele handhaben und riechen

lasse; daß Puder und Stoffe schon nicht viel weniger seien als die

Seele ...

Die Künstlerin Fröhlich zeigte sich ihm bald ungeduldig und bald

freundlich. Und es brachte ihn aus dem Geleise, wenn sie sich mit

unvorhergesehenem Ruck auf ihre Freundlichkeit besann. Ihm war viel

unbefangener zumute, wenn sie schalt ... Sie besann sich aber von Zeit

zu Zeit auf einen Plan in seiner Behandlung, dessen Durchführung sie

erheblich langweilte; auf Verhaltungsmaßregeln, die sie empfangen hatte,

und denen sie sich fügte, aber ohne rechte Überzeugung. Dann ward sie

auf einmal gesetzt, mit einem kleinen Stich ins Gefühlvolle und einer

Miene, als säße sie zu seinen Füßen; der Miene, die man aufsetzen muß,

wenn man bei einem ernsten Mann was machen will ... Aber bald, und das

erleichterte Unrat, ohne daß er sich klar ward weshalb -- schob sie ihn

wieder vom Stuhl fort, wie einen Packen Unterröcke.

Einmal gab sie ihm sogar einen Backenstreich. Darauf zog sie hastig ihre

Hand zurück, betrachtete sie, roch daran und versetzte starr:

»Sie sind ja fettig.«

Er errötete, hilflos. Und sie brach aus:

»Er schminkt sich! Nu schlag' einer lang hin! Darum hat er es so rasch

herausgehabt. Er lernt es heimlich an sich selber! O Sie -- Unrat!«

Unrat machte ein entsetztes Gesicht.

»Jawoll: Unrat!«

Sie tanzte um ihn her.

Und darauf lächelte er glücklich ... Sie wußte seinen Namen, sie wußte

ihn von Lohmann und den andern und wahrscheinlich schon die ganze Zeit:

es schüttelte ihn heftig um, aber nicht peinlich, sondern zu Lustgefühl.

Dies gab ihm einen kurzen Verdacht und eine schwache Scham ein, wieso es

ihn glücklich machen könne, daß die Künstlerin Fröhlich ihn bei seinem

nichtswürdigen Namen nenne. Aber, er war nun einmal glücklich. Außerdem

durfte er nicht nachdenken, sondern sie schickte ihn nach Bier.

Unrat bestellte es nicht nur; er ließ den Wirt, der die Gläser trug,

durch den Saal vor sich her gehen; und dadurch, daß er den Transport des

Getränkes von hinten deckte, ward verhindert, daß andere es unterwegs

wegfingen. Einmal mutete der Besitzer des Blauen Engels es Unrat zu, das

Bier gleich selber mitzunehmen. Die befremdete Würde, womit Unrat

ablehnte, hinderte den Mann, seinen Irrtum zu wiederholen.

Bevor die Künstlerin Fröhlich trank, sagte sie:

»Prost, Unrat.«

Dann, innehaltend:

»Komisch, was, daß ich Sie Unrat nenne? Ja, eigentlich ist es komisch.

Wir haben doch gar nischt miteinander. Wie lange kennen wir uns nu

schon? Was die Gewohnheit alles macht.... Aber nee, ich will Ihnen was

sagen: Kiepert und Frau, die können mir alle Tage gestohlen werden,

denen wein' ich keine Träne nach. Mit Ihnen is es was anderes ...«

Ihre Augen waren allmählich sinnend und starr geworden. Sie fragte ganz

vertieft:

»Aber was soll es, was =wollen= Sie?«

Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen · 第 11 / 20 题