Harri sah ihn an: »Hätte ich ihn bei Ihnen vermieden?«

»Sie hätten ihn vermieden«, sagte Blériot unerschütterlich, »aber Sie waren

nicht konsequent.« Er zürnte ihm nicht, begriff ihn, sprach sein klares

schneidendes Urteil über die Dinge, womit er sie überwand.

Da kam ein Auto angefahren, am Kühler stand Shanvady, das Gesicht bedeckt.

Seine Zähne zuckten in der Lippe. Der Wagen fuhr an den Sprunghügel heran.

Im selben Augenblick wurden die Leichen angetragen.

Shanvady sprang vom Wagen herunter, an die Bahre Mauds, zog das Tuch

zurück, neigte sich ein wenig, warf es wieder darauf. Ihr Kopf war nicht

entstellt, die Augen geschlossen, schräg und energisch über den Leib

gelegt. Er machte einen Schritt: »In meinen Wagen.« Sie ward

hineingebettet.

Ein Kommissär erbat seine Legitimierung. Da sagte Shanvady plötzlich mit

einer furchtbaren Blässe: »Meine Frau« und zog den Hut.

Harri trat an den Wagen und legte die Füße Mauds, die heraussahen, unter

die Decke. »Ich wünsche Ihre Spur nicht wieder zu sehen«, sagte er in

großer Erregung zu Shanvady. Alle hatten die Hüte gezogen. Shanvady stieß

einen rauhen Ruf aus, sah nicht um, als er im Wagen mit der Leiche

davonjagte.

Mittags mietete Harri das Atelier der Abrahamowitsch, Montparnasse, Ecke

des Boulevard, im sechsten Stock. Die Glaskuppe des Hauses füllte sich

morgens mit Sonne wie mit einem freundlichen Gas. Abends schwamm sie in die

heitere Dämmerung.

Doch auch der Tod vermochte ihn, der ihn so abgründig erlebt hatte, nicht

hineinzuzwingen in seinen Kreis. Er war nicht gebunden nachträglich an ein

Ding, das er begehrt, aber um das er nicht einmal gekämpft hatte. Er

überwand mit der gleichen Sicherheit. Die Erinnerung trieb immer tiefer und

verblassender in den Hintergrund des Todes hinein, der sie aufnahm in jene

majestätische und entfernte Haltung, an der Harri ablas Wert und Gültigkeit

der Dinge. Es entfernte, verallgemeinerte sich, kam nicht auf ihn zu,

sondern trieb mit den dunklen Melodien unter ihm weg, die ihm jene

Leichtigkeit und Verantwortungslosigkeit gaben, die ihn zu fast

erschreckendem Hochmut erhoben.

Er hielt diesen Vorgang in sich nicht aus. Am ersten Tag ließ er die bunten

Vorhänge durch die Luken über seinem Kopf hinaus, flaggte das Atelier mit

gelben, roten, blauen Segeln. Am zweiten Tag fuhr er nach Meudon. Als ihn

am dritten vorm Bankschalter ein Hund in die Hand biß, daß er vor

Zähnezusammenbeißen ohnmächtig wurde, sah er aufatmend in Mädchenaugen,

hörte eine Stimme begütigend: »Léon.«

Das Gebiß des völlig erstarrten Hundes aber war eingeschraubt um die Hand.

Er hielt den Schmerz nur durch, gelähmt und bezaubert durch die Stimme,

während man telephonierte. Mit einer tobenden Schelle vorn gings über den

Boulevard ins Spital St. Lusac.

Ein seidenschnurrbärtiger Arzt beugte sich über ihn mit einer Phiole:

»Wollen Sie, daß der Hund lebt?«

»Hätte ich ihn sonst nicht getötet?«

»Es dauert fünf Minuten länger.«

»Wie heißen Sie?«, frug er das Mädchen.

»Aira Belmont«.

Er wurde ohnmächtig. Aus dem Institut Pasteur erfuhr er direkt, daß keine

Tollwutgefahr sei. Aira Belmont kam ihn zu sehen, vor Trotz und Scham

wortlos. Sie überging seine Verwundung. Sie dankte, daß der Hund lebe.

Sein Lachen verwirrte sie nicht, sie sah geradeaus und fiel nicht aus der

Haltung der holländischen Dame, die mutig und in aller Jungfräulichkeit von

Java aus Europa bereiste und ihre Gesellschafterin davongejagt hatte, um

unnahbar zu sein. Als, von der schreienden Concièrge verfolgt, der Hund

bellend hereinstürzte, verlor sie diese Geste, machte eine hülflose

Bewegung und jagte ihn mit einer entsetzlichen Ohrfeige hinaus. Lachend

drehte sie sich um. Entgeistert sah sie das Glasdach geflaggt.

Die Wärme ihres dunkel zitternden Organs zog ihn an. Die weltunwissende

Sicherheit des schlanken Körpers, dessen sachliche Eleganz nach Wiesen und

Klarheit duftete, und dessen junger Spannung gegenüber die Welt unerprobt

und voll phantastischer Neuheit lag, machte ihn zu ihrem Führer.

Er leitete sie den Rand der harmlosen Entzückungen vorsichtig entlang.

Durch ihn sah sie Paris in idyllischem Format. Er brachte sie zu Rufen der

Freude über die siebenundfünfzig Fruchtläden um Notre Dame de la Lorette.

An seinem Arm besuchte sie Kirmisse außerhalb der Stadtwälle und bog

zwischen Lampions und dem Schwung illuminierter Schiffschaukeln den Buden

nicht aus, wo sie nach Pfeifen aus Ton und fliegenden Bällen schossen.

Er lehrte sie den Zauber der Imperiale, wo Meister Levage neben ihnen

murmelte, wenn sich der Omnibus durch dunkle Straßen bewegte, und seinen

Gäulen sein von der Angst der Autobusse, deren Einführung bevorstand,

umwölktes Alter erzählte und wie seit vierzig Jahren die empfindlichen

Stellen der Pferdehälse mit der Peitsche tuschte.

Schon blieb sie selbst stehen und durchbrach ihre Herkunft, als an den

Straßenecken die Roulettetische aufgeschlagen wurden, und Harri trug das

Glas mit Goldfischen, das sie gewann, auf einem Karussell und dann auf der

Bootfahrt im Bois, wo sie die Tiere befreiten unter den mispelfliegenden

Pappeln.

Er führte sie wieder in das Gewühl der Seinedampfer und brachte sie hinaus

an die Grenze, wo Wiesen und Wind aus Büschen der Stadt entgegenkam.

Aus Blumen, Bäumen, Wellen formte sich dann etwas in sie hinein von

seltsamer Kraft.

Etwas trat plötzlich in ihr Blut, das sie stark machte gegen ihn, ja ihn

manchmal dunkel bedrohte. Staunend sah er, wies das, was er an sie

heranbrachte, sich irgendwie gegen ihn verstärkt zurückwandte und ihn einem

Zustand zuleitete, der ein tiefes Aufmerken und ein Anschlag in seinem

inneren Hören war.

Ganz anders war Fontainebleau mit ihr, in neuer nie gesehener Landschaft

sproßte St. Germain. Ihre Blicke hatten etwas Unverborgenes selbst für ihre

eigenen Geheimnisse. Aber selbst ihre lässige schlanke Müdigkeit lehnte

sich mit einer wilden Kraft, die ihr von Margueriten und Rosen und der

Abendluft zuströmte, über ihn.

Als sie seine Geliebte ward, blutrot verschämt, mit dem Gedanken an ihre

verstorbenen Eltern, wie sie gestand, und voll von einem sanften Entsetzen,

war ihre Hingabe dennoch von so hemmungsloser Kraft, daß sie ihn mehr besaß

als er sie.

Morgens fuhren sie nach Versailles.

Als er am Ende aller Stufen im Gras am See, der die Terrassen auffing, auf

sie wartete, stand sie noch oben unter den hohen Schloßfenstern und wartete

auf den Wildentenpfiff.

Dann kam sie.

Da fühlte er eine Veränderung schon, wie die erste Terrasse sie aufnahm und

er begriff, wie das in sein Leben hineinfaßte und es bestimmte.

Er sah, wie alles sich plötzlich auf sie hinwandte, wie alle Menschen aus

den Taxushecken, den besonnten Bosketts, den geschlungnen Beeten die Augen

nach ihr hoben, wie die Natur fast in einer aussetzenden Sekunde sich ihr

anschloß, See, Wiese und Guirlanden hineinströmten in diese abendliche

Bewegung.

Die Marmorstufen, die rot und weiß unter ihren Schuhen sich streckten,

dröhnten leisselig die Minuten, die sie herabkam, von Treppenfall zu

Treppenfall gleich von sanft strömenden Kaskaden heruntergegeben. Es

schien, als treibe alles ihr nach in dieses Gleiten.

Und ebenso, wie sie den von den quecksilbernen tiefen Schloßfenstern

abgeblendeten roten Himmel mit sich herabzog, schloß sich an allen

Stationen des Herabgangs das Vorhandene an sie an.

Die Delphine und Tritonen liehen ihr das Ängstliche ihrer kühnen

Bewegungen. Diana drängte nach ihr den Busen. Die Königin der Frösche

wandte die glühende Achsel herüber. Der Flötenbläser sah zitternd in

stummer Betäubung zu ihr hinüber. Der rötliche Marmor Apolls selbst und die

bronzenen wilden Tiere erregten sich in einer fiebrigen Minute und

beruhigten sich wieder. Die Orangenbäume neigten in dem Vogelschweigen sich

in eine flüsternde Brise.

Schmerzlich und verlassen standen die Göttinnen der unteren Terrassen und

wandten sich hinter ihr in das Dunkel der Laube.

Und nun begannen in ihrem Rücken die großen Wasserspiele aufzugehen und

sich tief in den Himmel zu drehen. Die Sonne hatte sich auf dem Teich

niedergelassen und schloß mit den schaumigen Köpfen der tanzenden Fontänen

oben zwischen zwei Vorhängen sie ab von der Welt.

Frauen · 第 19 / 20 题