Erschüttert frug er: »Wo ist Léon?«

Sie machte eine verhüllte Bewegung.

»Warum?«

»Weil ich dich liebte.«

»Tatest du es selbst?«

»Gestern abend. Ja.«

Sichere Konturen bekam, was sie besah. Stetigkeit hatte ihr Ausruhn, ihr

Spaziergang, ihre Liebkosung. Sie gliederte den Tag, die Leidenschaft, die

Ruhe mit einer bewegenden Anmut. Die Gegenstände empfingen von ihr Würde

und Haltung. Sie beherrschte einfach, was ihr entgegentrat, ohne es zu

wollen und auch das, was sie nicht begriff, mit der Ungebrochenheit ihres

Wesens.

Saftigeres schälte sich ihnen nun heraus aus den Museen: Holbein, Ostade,

Bosch, Grünewald, Brueghel, Mäleskirchner. Da flossen Speisen überall,

knackte das Leben mit Orangkiefern sich auf, ward nach Gott explodiert, und

in Lehm und Spelunke, in Fisch, Frucht, Fleisch, Prasserei noch ein Haben

gefordert und endlich nackte Sicherheit gelassen vor das Schicksal

gestellt.

Airas einfache Einstellung wußte jedes Urteil im Traum. Doch hielt sie auch

Oxygénée, was ein Purgier ist, für einen Vornamen. Unfaßbar, aber auch

nicht zu umspannen, stand sie an den Fenstern, die auf Paris hinabsahen,

das irgendwo in einem apfelgrünen Himmel jäh ertrank.

Sie ging hinaus, als Petrovas Karte hereinkam, elegant der Mann hinterher.

»Ah?« frug Harri. Petrova nahm einen Liqueur: »Sie sehen keine Veränderung.

Entweder kein Sou oder zwanzigtausend Francs in der Tasche hielt ich stets

als Prinzip.« Harri lachte: »Sie waren nicht so bestimmt«. Petrova lächelte

mit dem Mundwinkel: »Das ist der Vorteil des Besitzes. Für einen

Hungerleider ziemte die unbestimmte, abenteuerlichere Haltung.« Allein

seine Sicherheit war nicht so groß wie sein Auftreten. Er deponierte bei

Harri fünfzigtausend Francs.

Ihn bangte immer vor dem Schicksal und er legte Reserven, aber sein Glaube

an Menschen war unbedingter wie an das Starre der Institutionen, er

vermied, abergläubisch, den Tresor der Banken wie Pest.

Mit einer älteren Dame, die im Auto ihn erwartete, entschwand er über den

Boulevard Port Royal aus dem Gesichtskreis.

Die Hitze fiel ein in Paris.

Auf den Boulevards kamen nachts Ratten herauf, fraßen die Absynthsäufer an.

Manche ohne Ohren, mit halben Nasen wurden in die Spitäler gerollt.

Die Seine fauchte wie ein fauler Fisch schillernde Gase aus. Das Viertel

der Großen Hallen stand eine geöffnete Kloake und stürzte Wolken Gestank in

den Himmel. Fein, kaum merkbar fror das Arom der zärtlichen Champs Elysés

zwischen den auf ihren Bänken geräuschlos Winterspeck ausschwitzenden

Rentnern und der erstarrten Verzauberung der sandigen Bäume. Selbst die

Militärmusik der öffentlichen Gärten klapperte nur verzweifelt mit gelben

Flügeln und schleifte doch nie die Töne bis an die erfrischendere

Trommelfülle der Fontänen.

Sie packten.

Harri öffnete die Luken, ließ die Windsegel hinaus. Die Kuppel strahlte von

Glas mit feuriger Steigerung. Die Straße unten lag noch voll Schatten.

Vom Auto, das sie rasch den Boulmich hinunter entführte, sahen sie zurück.

Mit blauen, gelben, roten Ballonen und Segeln gehißt, vom Morgenwind immer

wieder festlich gefüllt, schwamm die Kuppel ihnen weg in die Sonne.

Sie fuhren nach Holland.

Schon führte nicht mehr er, schon war in ihrer Heimat sie von keiner

Überlegenheit. Mit gleichen Augen bereits sahen von Nordereiland sie

Rotterdams Hafen, spürten die Viehherden über riesige Drehbrücken in dies

Loch Europas strömen, fühlten die Vorstädte mit Reis, Tabak und Tee sich

füllen wie eine gleichmäßige große Bewegung.

Mit gleich empfundener Melodie wie auf einer Spieluhr spulte vor ihnen in

s'Gravenhaage im Hotel des Indes das Speisen und Sichbewegen der

bevorzugten Sippen bei Flöten- und Geigenorchester sich ab, fiel abends die

Gegengebärde der saftigen derben Leiber a Spuistraat dröhnend in dieselbe

Kadenz.

Fiel allabendlich in Amsterdam ein andres Weib in die ölgefleckte Gracht,

zog die Bluse kreischend aus und schüttelte den mächtigen Busen, so trugen

sie mit dem gleichen Lächeln den Vorgang sich zu, ebenso wie wenn vor ihrem

Blick hinter Zorgvliets Parks die Welt in Scheweningen mit Badeeifer den

Strand erhellte.

Sie fiel auf durch die schlanke Lässigkeit ihrer selbst im geringsten

rassigen Bewegung, er hatte selbst unter Amerikanern noch die beste Figur.

Der Abend ging vor ihnen von der Seeterrasse zurück und die Lichter der

Seebrücke begleiteten ihn noch eine Weile, bis Gesang aus den Pinken

aufscholl und mit glitzernden Fischnetzen der Lärm in den Hafen zurückkam.

Sie sahen es abebbend mit der Ruhe, vollsaugend sich mit Leben, immer im

gleichen Puls. Sie gewöhnten sich so aneinander, daß sie das gleiche schon

empfanden, eh es in ihren Gesichtskreis trat.

Erotische Landschaft spürten sie, wenn sie die Dampfer und Fregatten

meilenweit Spalier stehn sahen. Lust auf Kanälen zu fahren machte es ihnen

bereits, übernachteten sie auf Mühlen, duschte der Gastherr sich nackt

morgens im Garten. Wie unter Stichworten tröstete über dem Gestank des

Judenviertels sie der goldene Staub.

Hinter dem Prinsenhof an der Oute Delft gingen sie sogleich wortlos rasch

in die Wiesen, wo aus den Lindenkanälen und fetten Gräsern bis unter den

letzten erzitternden Horizont die Glocken schlugen. Da stand Aira wieder

mitten in der Frische, von jedem Erdstück, jedem Glockenschwung, die sie

berührten, neu und anders gerichtet. Nichts gab es an Wolke, Blau und

Büschen, das sich nicht auf sie richtete und seinen Reiz neidlos für sie

hingab.

Aber so nah war sie dem Geheimnis ihrer Natur, die sie nicht kannte, daß

sie gewissermaßen zurück in Herz und Kern der Dinge einfiel und wieder

schlank und sehnig sich aus ihnen spannte. Stand sie zwischen Kühen, die

von weither zu ihr liefen, war etwas von ihrer wilden Anmut in den Weichen

der Tiere, aber die Sanftmut der ruhenden Tiere hatte in ihren Blicken

ebenfalls Sitz.

Am Abend verließ sie ihn für wenige Tage. Sie kam zurück damit, daß sie,

ihr Vermögen zu regulieren, nach Java fuhr. Er lachte, als sie die Absicht

aussprach, daß sie, deren ganze Verwandtschaft dort unten wohnte, allein

führe. Er plänkelte eine Weile, aber wie ihr verschleierter Blick ihn

warnte, mit Zwingen dahin vorzustoßen, wo in ihren Hintergründen der

Entschluß sich festgesetzt, ließ er die Sache fallen, wie alles, was sich

ihm entzog.

Obwohl ihn alles an ihr reizte, so lange ihre Herzen auf einem Akkord

hinliefen, überfiel ihn Müdigkeit in dem Augenblick, wo er verfolgen

sollte, was ihn floh, und selbst für diese Frau schien Kampf im Augenblick

ihm noch zuviel.

Sie setzten einen Termin, sprachen nicht mehr darüber, gaben sich Stunde

und Tag und sich selbst aufatmend einander wieder wie vorher.

Eine Woche lebten sie in zwei Dörfern, die eine Düne trennte. Auf dem Kamm

trafen sie sich morgens. Der Dünenfuß war mit Makrelen besät,

Vogelgezwitscher und Kuhgebrumm stand dahinter.

In einem Ewer fuhren sie dann in die schwerrollende See der Morgendünung.

Mittags booteten sie aus, bestiegen eine Eisenbahn, fuhren in einem kleinen

Wagen, bis sie sich zwischen den Dünen kaum mehr auskannten. Dann schlossen

sie eine Lagerhütte auf, rollten ein Boot ins Wasser, ruderten mit langen

Schlägen auf eine kleine Insel und zogen in das einzige Haus.

Eine Woche bremste weißköpfig das Meer die Welt ab. In der letzten Nacht

brach der gewittergeäderte Himmel unter einem pausenlosen Schlag. Harri

erwachte. Aira war nicht da. Das Haus war leer. Atemlos stürzte er in den

Garten. Da kam sie, umwölkt von dem Bodenduft, geschmeidig in der Haut, das

Hemd voll Blattzeug, auf den schlanken Hüften aus der mattschimmernden

Nacht, wie ein Stück dampfende Erde in seinen Arm.

Mittags kam ein Motor langsam um die Ecke und holte die Koffer. Abends

sahen sie durch die Rosenhänge der Veranda die Lichter des wartenden Autos

an der Küste. Sie schwammen hinüber, damit sie das Meer noch einmal koste,

das ihnen solange gemeinsam war. Im Schuppen zog sie sich um, küßte ihn.

Auf dem Strand der Insel drüben hörte er noch das Verrauschen des Autos am

Horizont.

Er gab sich der Ruhe hin, den Fischen, dem Mond, den Wellen, aber er hatte

zu geringes Maß Vertrauens auf sich gesetzt, als er seinen Elan nicht

stählte, um sie zu kämpfen.

Denn als sie fehlte, verdreifachte sich ihre Kraft, und aus jeder Schnecke,

jeder Muschel, jeder Welle, jedem Segel nahm sie Form an.

Ja selbst aus Dingen, zu denen er sich rettete, die ihn zerstreuten, aus

Fischen, aus Mond, aus Wellen trat sie heraus. Sie kam aus dem Weiß des

aufgeschlagenen Bettes, sie trat in den Schlaf, in den Traum, sie bezwang

ihn mit jedem Gegenstand, den er berührte.

In alles, was in Zusammenhang stand mit ihrem Wesen, war sie unverlierbar

gekettet, im Läuten des unsichtbaren Viehs hinter den Dünen klang ihre

Stimme, an den Lämmerwolken des Abends ruhte ihr Auge, im Flüstern des

Schilfs war ihre Stimme.

Aber sie hatten sich so sehr vertauscht, daß nicht die Dinge nur, die sie

berührt, sie ihm zurückbrachten jede Sekunde, sie war so eingegangen in

seine eigene Figur, daß der Klang seiner Stimme, das Schaukeln seines

Schattens, daß selbst das Zittern seiner Hände nichts war als ihr Ausdruck,

ihre Stimme, ihre Anmut, und daß er, wenn es ihn überfiel vor Sehnsucht,

sich fühlte, als sei in ihn ihr Wesen eingezogen, und als sei sie wiederum

auch er.

Am Strand, die Augen geschlossen, ertrug er den Schmerz nicht länger: seine

Heimat war von ihm gegangen. Dies Gefühl blieb. Alles andere hatte sich

ganz aus ihm gelöst.

Das spannte ihn wie ein Fell, auf dem es dröhnte, als er sich zerstreute,

zwischen Städten, Menschen, Schiffen nichts sah als sie.

Da fühlte er, daß er es nicht ertrüge ohne sie, er beschloß ihr zu folgen,

aber er war so sanft geworden, daß er schon anfing ihre Gedanken nicht nur

zu denken sondern zu leben, und damit er sie nicht störe, von niemand

gesehen werde und ihr nicht schade und sei es nur in ihrer ängstlichen

Einbildung, nahm er, nur im Drang ihr nah zu sein, Zwischendeck.

Sigfrid Brown, Makler, geboren Odessa, überschiffte er das Meer. Zum ersten

September legten sie in Samarang an. In der Dämmerung kam Aira Belmont mit

ihren Brüdern in einer Barkasse herüber und ging über das Deck in die

Kajüte. Er sprach sie nicht an.

Als sie zurückkam, stand er am Reeling in der Dunkelheit, die Barkasse

legte wieder an. Aber während sie die Treppe hinabstieg, stiegen ihm die

Tränen in die Augen vor besinnungslosem Schmerz.

_Im selben Augenblick aber brach der Ring, mit dem der Tod sein Leben

eingekreist_ und ihm sein irrsinniges Erlebnisgrauen neben die nun

spielerischen Dinge stellte.

Aus dem Schmerz kommt eine wundervolle Klarheit in ihn gezogen, und während

das Liebste seines Lebens verschwindet, erglüht seine Seele zum erstenmal

voll Rausch. Und wie die geheimnisvolle Verbundenheit sich öffnet, mit der

sein Dasein dem Tod verschuldet war, tritt er heraus aus der Rolle des

Zuschauers in den heißen Kreis des Daseins, der schmerzt.

Sie fuhren nach Ceylon weiter. In dieser Zeit wandte er sich mit

Aufmerksamkeit an die Umgebung. Zwischen Matratzen und Läusen entging ihm

nichts. Bei einem Boxkampf zerschlug einer einem Steward die Nase. Die

Nigger walkten ihn, bis er schwoll.

Die Stickluft machte ihm eine Entzündung. Nachts brachen sie, wuschen die

Windeln, die Kinder schrien. Ein Ire, stiernackig und groß, fiel auf die

Knie und betete. Es entging ihm nichts.

Am letzten Tag starb einer an Tuberkulose. »Ausgespien«, schrie sein

Nachfolger in der Matte. Sie schmissen ihn, in einem Sack, mit einer

Kanonenkugel ins Wasser. Oben schossen sie. Unten sang man:

»Uns rettet nie ein höhres Wesen,

Kein Gott, kein König, kein Tribun,

Uns von dem Elend zu erlösen

Vermag nur unser eignes Tun.«

In der letzten Nacht ohrfeigte der Kapitän einen galizischen Rabbi, weil er

öffentlich die Gebetszeremonie machte.

Als Harri frug, warum er sich nicht empöre, gab er keine Antwort. Vor der

Landung riß er, nachdem er ihn in eine Ecke lockte, Bart und Haar herunter,

er sah Shanvady. Er suchte ihn zu überreden, mit ihm auszuschiffen, seine

Rolle in Europa hatte er hinter sich geworfen. Harri weigerte sich.

»Sie waren in Ihrer Unbeweglichkeit mein reizvollstes Experiment da

drüben«, sagte giftig Shanvady am Schluß, »was habe ich Ihnen nicht

entgegengeführt? Dies Land ist pleite drüben, denn selbst Sie vermochte ich

nicht zu fesseln, obgleich gerade Ihre Kühle mich reizte, Ihnen alle

Raffinements entgegenzustellen.« Er ging allein von Bord. In der Nacht

starb ein junger Mann über Harri. Harri entschloß sich, zurückzufahren, die

gleiche Tour.

Nichts trennte ihn mehr von den Kameraden, mit denen er fuhr. Der Strick

war durchgehauen, der ihn hin und her schwanken ließ zwischen den Schichten

mit dem Augenblick, in dem er Aira Belmont gehen ließ und sich darüber so

verändert fand.

Aus der Entsagung kam ihm eine wilde stete Kraft, die ihn weit über sich

selbst hinaus brachte an die Dinge und Menschen heran, die er früher nur

sah wie Gespenster, und an die er jetzt mit einer zähen Teilnahme sich

geworfen fand.

Er entschied sich gar nicht, die Sache war völlig klar. Mit Shanvady schied

der Vertreter, glänzend und repräsentativ einer Klasse, die nicht mehr

baute, nicht voran kam, nicht mehr stieg, sondern mit genialen Späßen das

Angesammelte der Jahrhunderte noch einmal mischte und mit Stöcken umdrehte,

bis sie, der Witze müde, floh.

Ihn aber gelüstete es ganz und neu, arbeitsam, gesichert, in das Verlassene

zurück.

Noch einmal legten sie in Samarang an. Die Barkasse fuhr herüber mit Aira

Belmont. Sie stieg an Deck mit ihren Brüdern. Die Mütze über das Gesicht

gezogen mußte er es am Reeling noch einmal sehen und ertrug es.

Währenddem trugen sie eine Frau an ihm vorbei ins Lazarett. Als sie ihn

sah, schrie sie »Harion«.

Er folgte der durch und durch Verfaulten und erfuhr noch, ehe sie in der

Nacht starb, aus den Papieren, daß es seine Mutter war.

Die Matrosen bliesen ein Hornsignal, das Schiff wendete. Harri sah zurück,

wo die Barkasse landete, sah Tage, Jahre vor sich voll Bitterkeit und ohne

diese Heimat, aber senkte nicht den Kopf. Durch die Strahlenbrechung des

Lichts, die die Küste weit über den Horizont hob, stob ihm durch das Segel

in der Dämmerung das Rot Schatten wie eine unsterbliche Bestimmung um seine

Schläfen.

Frauen · 第 20 / 20 题