Die Geburt vollzog sich am neunundzwanzigsten Februar auf Schloß Favorit
bei Baden-Baden, als schon heller Frühling war. Sein Vater war der Portier,
der in gelber Livree, rotbehost, die großherzoglichen Farben zur Führung
der Fremden trug, das Kind Cepha Billy nach einem Nick-Carter-Schmöker
nannte und Ehrfurcht vor den Dog-Carts und Autos lehrte, die durch die
viergegliederte Allee heraufstrichen.
Bald nachher folgte seine Mutter einem feurigen Chauffeur, der sie mit
Glasketten behängte, mit der Pistole den Gatten bedrohte und die
schmalhüftige Frau in fliegenden Kurven zur Rheinebene hinunterknatterte.
Mit vier Jahren warf Billy einen Stein nach dem Prinzen Schlitz-Glitsch,
der auf der Wiese das Strumpfband einer deutschen Aristokratin zu
befestigen suchte. Der Prinz fuhr herum, begann zu lachen und schenkte ihm
fünf Mark, was den erbleichten Vater so erschreckte, daß er zwei Schritte
gradaus machte und in strammer Haltung, die Mütze auf der flachen Hand:
»Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten . . .« zu singen begann.
Mit neun Jahren riß Billy aus, indem er sich an ein Auto hängte, was erst
in Karlsruhe entdeckt ward. Ein Gendarm brachte ihn zurück. Gestraft wurde
er nicht, der Portier ließ eine fast furchtsame Verwunderung spüren.
Mit zehn Jahren leierte Billy eine lebende Katze am Schwanz in den
Kastanienbaum und sagte das Vaterunser auf, während er im Kreis der
Gehöftkinder Steine nach ihr warf.
Da der Pastor selbst ihn am Ohr herunterschleifte, machte die übermäßige
Angst dem Portier Mut, das Ende einer Komödie zu finden, in der nur sein
Respekt ihn hinderte brutal zu sein. Er schrieb einen Brief nach Kowno, in
dem er alles aufzählte und sich der besten Gnade empfahl.
Einige Wochen später, als Billy im Bett lag und auf die Mondkringel
lauerte, die durch die Alleen strömten, fuhr ein Wagen herauf, es wurde
angeklopft, geöffnet, eine Stimme rief »mein Sohn«, stieß die Tür auf, kam
her, von einem möderischen Lachen umschwungen, und nahm ihn aus dem Bett.
Die Nacht schaukelte Billy auf den Knien des Fürsten Wolkowski, der ohne
Unterlaß redete, der Portier sollte Tee machen und von seiner Frau
erzählen, aber er kam immer in die Jahreszahlen der Porzellankabinette
hinein und kaute wie mit dem Mund einer Rüstung schnarrend und sinnlos. Am
Morgen nahm Wolkowski seinen Sohn mit.
Er schob dieses Niveau, das ihm seiner Mutter nach vielleicht gelegen
hätte, als durch die Ereignisse überholt und des Kindes Blut offensichtlich
nicht entsprechend, rasch von ihm weg, um es einer markierteren Zukunft
entgegenzuführen.
»Lebewohl«, schrie er dem Portier zu, doch er war nicht zu finden, erst wie
sie rasch das Haus verließen, trat er in den Alleegang, als der Wagen schon
lief, vermochte kein Wort zu sagen, sondern blieb stehen, warf die Arme
»Präsentiert das Gewehr« und den Kopf »Augen links«. So fuhren sie an ihm
vorbei, Billy winkte mit einem Tuch.
Wolkowski lehrte ihn auf der Fahrt noch, daß er unter allen Umständen keine
Mutter habe und brachte ihn nach Gerolsheim in ein Pensionat. Er behielt
seinen Namen, nur wurde ihm der Vorname Wolkowskis, Harion, hinzugefügt,
man nannte ihn Harri. Wolkowski war ein ungewöhnlich schöner Mensch mit
kleinem dunklem Bart am Kinn und einer Kante an der Stirn, die sein
Interesse am Kleinen mit einem Wachsein für ein langes und weitgespanntes
Dasein verband.
Ein Jahr später übersiedelte Harri, der seinen Vater nicht mehr sah, auf
seinen Wink in die Odenwaldschule, wo er zwei Jahre lebte mit beiderlei
Geschlecht, wilden Mädchen und klugen Jungen und einer Erziehung, die ihm
Freiheit des Geistes als oberstes Merkmal pries.
Dann zog der Befehl Wolkowskis ihn nach Ettal. Im Kloster mit der halb
bäurischen, halb besten aristokratischen Jugend Bayerns, lernte er
strengste, kirchlich geheizte Zucht mit dem vereinen, was an der Bergstraße
seine Lehrer ihm als Ziel der Lebensidee an Freiheitsgefühl unausrottbar
ins Blut gesetzt.
Wolkowski war tot, als er das Kloster verließ, ein Anwalt verwaltete ein
ansehnliches Vermögen, das der Magnat seinem Bastard übermittelt.
Er ging nach Genf, München, Berlin, sah kurz Warschau und Petersburg und
verbrachte seine Zeit in der üblichen Form seiner Gesellschaftsklasse.
Ausschweifungen bestätigten ihm nur vom Kloster her Bekanntes in größerer
Ungebundenheit, in die niemand mehr hineinsprach. Sonst war nichts Neues
da, außer dem, was das Auge durch Vergleiche ablas.
Die Zeit begann dagegen, die auf sie Horchenden bereits zwischen ihre schon
heftig mahlenden Mühlräder zu nehmen, und, zwischen fernen Gewittern und
glatter Gegenwart, war ein Mann nur, wer sich entschied.
Durch ein Mädchen, das er mitnahm, kam ihm das niedere Schicksal in seinen
Gesichtskreis, was man mit einer Handbewegung sonst abtat, was man nicht
wissen und erlebt haben durfte, wenn man heiter weiter leben wollte und ihn
begann das Dasein der anderen tieferen Schichten anzuziehen, jedoch nicht
mehr als mit teilnehmender Neugier.
Mit glänzenden Beziehungen, reich, schlank und mit blonden Haaren über
dunklen Augen, einen sportlich gewaltigen Rücken zwischen der slavischen
Eleganz tierisch anmutiger Bewegungen auf schmalen Hüften schaukelnd,
angesehen und nicht ohne ererbte Haltung, zog ihn alles eigentlich zu
Erfolgen und Siegen seiner Schicht.
Aber eine dumpfe Erbschaft, die von der Mutter her sein Blut bewohnte,
zwang ihn immer wieder, eifrig den Ausgleich abzutasten von seiner Klasse
zu der, wo man fern demonstrierte, schuftete und stank.
Nach jedem Versuch aber, sich dort festzuklammern, flüchtete er zu neuen
Geliebten. Es lockte ihn dunkel aber sofort wieder hinunter.
In Mons fuhr er in Manchesterhosen in die Braungruben, aß Speck, Brot,
gröhlte und schnapste. Kräftig, braun, erfrischt, aber innerlich erschöpft
kam er nach Köln ins Hotel.
In München arbeitete er im Wohlfahrtssekretariat, Fürsorge,
Antituberkulose. Sein Lehrer Brentano zeichnete ihn im Seminar aus, wo er
durch kühne Einfälle die besten volkswirtschaftlichen Florette führte.
Als es anfing ihn zu verwirren, daß bei allem Drang und aller Lust er in
den Tatsachen der Masse fernblieb, ohne Kontakt und selbstverständliche
Gemeinschaft, während das, was er von Natur leicht besaß, ihn in seinen
Möglichkeiten nicht reizte, fuhr er auf der Durchreise zu dem Mann, der
neun Jahre sein Vater zu sein schien.
Der kannte ihn nicht und begann erschreckt, als der Kavalier über den
Horizont seines in elf Unteroffiziersjahren erreichten und umschlossenen
Weltgefühls sich ihm zärtlich nahte, Hilfe bei seiner vorgesetzten
Autorität zu suchen und knarrte verzweifelt die Namen und Jahreszahlen der
badischen Dynastie herunter.
Entsetzt fuhr Harri durch die fabelhaften Alleen.
Zwei Jahre ging das Leben so hin, bis die Operation des Appendix ihn um ein
Haar erledigte. Auch als er genas, geriet er dem Tod nicht aus seinem Bann.
An der Grenze des Lebens hatte er verlernt, die Wichtigkeit der irdischen
Dinge respektvoll beizubehalten.
In einer tiefen Melancholie, die allerdings nicht auf die Oberfläche seines
Wesens trat, erlebte er nur noch den spielerischen Reiz im Ungefähr dieses
Existierens und blieb schon durch den Gedanken, daß er bei Unkenntnis
dieser Operation vor wenigen Jahren ein verscharrter Kadaver und eigentlich
nur geschenkt und leihweis dem Leben überlassen sei, lächelnd plötzlich
jenseits der Probleme und Fragen der Zeit aufgestellt.
Seltsamerweise ging alles Seitherige in seinem Gedächtnis unter, er begann
neu die Eindrücke zu spiegeln, ohne sie aufzunehmen.
Eine Laune des Todes, verbrannt von der einmaligen Größe seiner Nähe und
nur noch imstande mit diesem furchtbarsten aller Wertmesser noch
einzuschätzen, ein fast uninteressierter Beurlaubter des Sterbens, so
fühlte er sich, obwohl stark und voll fiter Gesundheit, einem Dasein
entgegenschreitend, das er einerseits nicht besonders einzuschätzen
vermochte, das auf der anderen Seite aber mit verzehrenden Lockungen und
dauerndem Wechsel ihm gegenübertrat.
Noch müd fuhr er, zu reisen, von Baden nach Folkstone, der Himmel war voll
Gewölk und lichter erst über den wollweichen Wiesen von Kent. Zwischen den
Riffen und Blumen und Bächen, Hornissen und Sturmschwalben gingen Wochen,
die nichts gaben, nichts nahmen.
Bei Angeln, Jagd, bei auf dem Rückenliegen, im Anblick eines Hauses, des
hellen New-Romney, im Anblick von Wight, der Cousine Lyne eines Freundes,
die morgens viel lachte, im Anblick der Grasschur für Hockey, im Anblick
von Bournemouth, von einem Korallenparksee, der Portlandinsel, im Anblick
eines Strandes, der immerzu ihm entgegenzuschwimmen schien, im Anblick von
Weihen und Hasen, von Uplyme Hill, Lyme Bay, von Hunden, von einem
Kerzenbegräbnis, von Cast Looe, Himmel, Birken . . . . . . im Anblick von
Fischschuppen, die ganz neu ihm erschienen, vom Zinnober des Abends über
Kühen, im Anblick von Abteien und Ulmen, Gerrans Bay, Polperro, Gorran
Haven, im Anblick des Hallstroms, wo er ins Gewirr des Meerarms strömte
unter Blattwerk und rudernden schwarzen Enten, im Anblick von Cape
Cornwall, St. Ives, einer Hochzeit im Dorf, im Anblick eines Autos, das in
die Luft sprang und ins Meer stürzte, im Anblick einer dauernden besonnten,
reichen und wundervollen Reise empfand er nur ein gewisses Interesse, das
sich abendlich verdunkelte, in der Frühe immerhin nicht ohne Sympathie war.
Er stieg vom Dampfer, nahm die Bahn und ging quer durch Cornwall zurück. Am
Waldrand bei Liskeard bettelte ein Vagabund ihn an, Harri bettelte zurück.
Da lief der Störzer wie ein Eber schreiend davon. »Simpelst thing in the
world«, sagte Harri, sah ihm nach, fischte ein paar Tage Forellen mit
Edinburgher Studenten, fuhr durch blühende Grassteppen ans Meer, durch
Sussex, und kam nachts nach Paris.
Im Hotel neben dem Panthéon schrillte dieselbe Nacht unter einem Dietrich
das Türschloß, sein Schlüssel flog heraus, das Licht ging an, ein Herr im
gelben Pyjama stand vor seinem Bett, verbeugte sich, hielt den Finger auf
die Lippen, deutete auf eine Dame, die hinter ihm stand und glitt lautlos
hinaus.
»Wie heißt der Mann?« »Gallow.«
Sie flüsterte zitternd, während draußen der Lift hochschoß, Männer liefen,
ein Zimmer erbrachen, die Stimmen aufkrischen und langsam zurückfliehen und
verschwanden. Harri bot der Dame sein Bett an und verpflichtete sich, im
Lehnstuhl zu schlafen, die hatte einen Kimono über dem Hemd, die nackten
Beine bebten. Nach zwei Stunden entführte sie Gallow mit einer Verbeugung,
eine Limousine nahm sie auf vor dem Hotel, die Vögel sangen bereits in das
Lila einer Dämmerung.
Mit dem Grafen Shanvady, mit dem er eine Zeitlang in Ettal zusammen war,
fuhr er die ersten Tage nach St. Germain, nach Enghin, nach Calais. Mit
Shanvadys Cousine Mirei fuhr er zum Sonnenaufgang nach Trouville. Im Motor
begleitete er sie durch das Abendrot der Seine am Trokadero.
Ihre Schläfen waren leicht eingebogen, die lebhaften Nüstern zitterten
scharf und anmutig, das Auge war bedeckt mit einem perlmuttenen Schleier,
unter dem das leidenschaftliche Herz sich kühl verbarg.
Vor Bildern, im Musée Moreau, vor den Räuschen übergroßer Empfindung, fiel
ihr Gesicht wie eingestürzt noch nach innen. Sie war so unerlöst, daß der
Hauch einer seelischen Bestürzung sie erstarrte, eine Zärtlichkeit der
Stimme sie fiebrig den Blick verschwimmen ließ.
Auf den Rennen in Auteuil traf er dagegen am Totalisator Gallow wieder, der
eine Bande kommandierte, die zwischen den Buchmachern, Jockeys und
Startrichtern hin- und herschoß und signalisierte. Er setzte auf ihre Tips,
gewann, verlor, gewann. Angezogen durch die Organisation blieb er dabei,
nachts endete er mit einem Umzug durch die Brasserien des lateinischen
Viertels. Da Gallow am nächsten Tag in die Provence verschwand, kam von dem
Räderwerk einiges an Harri heran.
Er schaffte den holländischen Photographen Visser, der die dunklen Höfe für
drei Sous aufknipste in ein illustriertes Journal, wo Visser die Klischees
an Althändler zu verkaufen vermochte mit siebenfachem Gewinn gegen seine
Gage. Er schob Germaine als Tänzerin in das Ballett, wo beim
achtundzwanzigsten Mal erst ihrer Schenkel Kraft einem Kritiker auffiel und
Germaine auf den Punkt gelangte, ihr gewisses Renommee und diesen Ruhm zu
abenteuerlichen Räubereien an der Gesellschaft zu benutzen.
Er bugsierte den Juden Blumenthal in den Marstall des Präsidenten, der
dann, von der Opposition bestochen, das Pferdezeug durchgehn, den Wagen auf
der Straße von Neuilly umschmeißen und den wackelnden fetten Mann als
Oberhaupt der Republik von Maulaffen und Verbrechern mit Birnen beschmeißen
und in aller Taghelle besudeln ließ, bis seine glänzende küraßte Kompagnie
herbeikam, aber den Skandal nicht mehr aufspießte, der aus einem Film und
hundert Karikaturen über Europa flitzte.
Er bewegte sich in dem Milieu politischer Flüchtlinge, bankerotter
Literaten, sozialer Bohèmes und Glücksrittern, in diesem nihilistischen und
auf Karriere bockgeilen Milieu mit der Sicherheit seiner Beziehungen und
seiner Uninteressiertheit.
Dazwischen sah er Mirei.
Bald mischte sich sein Leben.
Er saß mit der Ungarin in der Opernloge, aß mit ihr und Shanvady im Café de
Paris und fuhr im spiegelglatten Auto in den Klub der Rue de Grenelles.
In derselben Nacht in schiefer Sportmütze und Sweater decouvrierte er den
Rennfahrer Müller, der im Absynthrausch in der Rue Champollion gestürzt
war, als Besitzer eines zerborstenen Holzbeins, Spitzel, und Besitzer von
fünfhundert Francs, die er verschwiegen und sich von den kleinen Kokotten
hatte aushalten lassen.
Er tastete mit Mirei die Knoten der ältesten Spitzen ab im Musée Cluny und
ging dem Filigran nach in seine jahrhundertalten Verästelungen.
Er holte Hallboog hingegen aus seiner fensterlosen Baracke, wo er zwischen
dem Bild einer Frau, die ihn betrogen, und dem Glas darüber, eine Brut
Wanzen züchtete, und brachte den gertenschlanken, haarumbauschten Burschen
zum Führer des Chors in eine dramatische Revue des Odéon.
Er ging im Promenoir der Folies Bergères, den Zylinder im Genick, die Hand
in der Fracktasche neben Mirei, und machte in dem Café der kleinsten Huren
den Kroaten Mitro Petrova aufmerksam auf eine Notiz im Figaro, die einen
phantastisch reichen und abenteuerlichen Sportsmann und Aristokraten seiner
Rasse bei Geschick in seine Hand gab.
Er fuhr zum Golf auf den graziösen Avenüen zwischen den Idyllen und
Zartheiten der Gebüsche mit Mirei im Bois de Boulogne auf dem
Mail.-Phaeton, und brachte Petrova hingegen unter als Spitzel gleichzeitig
bei dem serbischen und österreichischen Konsulat.
Er glitt mit dem Räderwerk, das er stellte und spielte, tief in das Milieu,
war im arabischen Viertel heimisch wie ein Zuhälter, kannte und lernte die
Tricks der Polizei, der Gesellschaft, lernte die Finten dagegen, die
Fallstricke, die Betäubungen der Gegnerschaft. Wußte, wie Mädchen verkauft,
Männer ausgetrieben werden, kannte die Führer der Milchdiebe und der
panslawischen Komitees, lebte in dem Rauch der europäisch gemischten
unruhsamen Retorte, wurde von Mirei nicht erkannt, als er ihr als Camelot
ein Abendblatt vor der Oper verkaufte, nicht, als er statt Hallboog dem
Chor im Odéon die Stichworte gab, aber er brachte genug unausgesprochener
fremder Welt an sie heran, daß sie ohne Begreifen aber gefüllt bis zum Rand
mit Instinkten mit ganz weit geöffneter Iris und dem fiebrigen Pochen,
gleich einem dahinter schlagenden Vogelherz, ihm gegenübersaß.
Als Mitro Petrova, durch das Pech verfolgt, nicht beim Grafen Castiglione,
jenem großen ungarischen Sportsmann, vorgelassen wurde, nahm er selbst, in
Petrovas Maske und ausgefransten Hosen und ohne Kragen die
kompromittierenden Briefe, erreichte, von Petrova gefolgt, in dem Hotel am
Vendômeplatz drei Appartements, ging in das vierte, von der erblaßten
Dienerschaft bestaunt, sah eine Frau im Peignoir halbnackt, aber mit
deutlicher wunderbarer Schulter durch einen Vorhang verschwinden und hielt
mit ruhiger Überlegenheit dem Grafen, einem breiten, nackenschweren
Burschen mit rötlichem Bürstenschnurrbart die Papiere und die Situation vor
und ließ ihn wählen.
Verwirrt griff der nach dem Schlüssel seines Schranks, um auszuzahlen, da
stürzte Petrova auf die Papiere, warf sie dem Grafen vor die Füße, warf
sich in den Teppich auf die Knie, verzichtete auf die Rente und erbat als
Gegenleistung für die Papiere seine Geliebte für eine Nacht.
Der Graf riß die Papiere an sich, bekam durch diese Wendung Mut, spannte
eine Pistole, und nur mit schrecklichen Sätzen gelangten die beiden ins
Freie. Der Figaro brachte Castigliones Bericht durch seinen Interviewer,
das Journal sein Bild, der Polizeipräsident setzte eine Belohnung auf die
Erfassung der Attentäter.
Am folgenden Morgen machte Petrova Harri klar, daß er nichts, Harri alles
zu verlieren habe, und daß er Geld brauche. Harri lachte und schlug ihm
zweimal seine Handschuhe ums Gesicht. Nun tauchte aber Gallow wieder auf,
eifersüchtig und gewandt versuchte er ebenfalls die Erpressung. Harri gab
ihm eine Banknote. »Einmalig . . . . wie der Tod«, sagte er.
»Yes« -- Gallow.
Nach drei Tagen begann Gallow die Erpressung von einer anderen Seite. Harri
suchte ihn durch einen Dritten, der zuhörte, zu fassen. Es gelang nicht.
Als er ihm entgegnete, daß er, wie seinerzeit den Störzer am Waldrand bei
Liskeard, ihm auf gleiche Weise Erpressung vor die Brust schießen werde,
fragte Gallow kalt: »Wieso?«. In der Tat gab es gegen diesen eleganten und
gefährlichen Halunken kein sicheres Material.
Das sagte Harri zu dem Grafen Shanvady, als er mit ihm vor dem Café
d'Harcourt saß, und damit trat Shanvady in sein Leben, in das er tief wie
niemand einschnitt.
Shanvady frug, ob er ihm das Arrangement überlasse, Harri nickte; Gallow
verschwand.
Am gleichen Tag fuhr Harri ohne Shanvady mit Mirei nach Fontainebleau. Das
Wasser hatte eine zauberhafte Durchdringung der Luft, die Parke standen
hauchklar und leicht.
Sie erregten sich aus der Beschwingtheit des federhaften blauen Tags hinein
in die Schönheit des, was sie umgab. Er zeigte ihr den Hof, wo Napoleon
Abschied nahm vor Elba, und Sergeant Dubois durch einen Schrei die ganze
Kompagnie zum Heulen brachte.
Vom Wagen links und rechts sich neigend, verständigten sie sich, daß hier
der Rousseau gemalt, dort der bauernhafte Millet, da der Daubigny, und am
Ende überall der aus Silber und Flöte die Welt geschaffen: Corot.
Schon im Schloß lächelten sie sich zu und begannen die Säle zu durchrennen,
immer süßer wie von ihrer eigenen gleichströmenden Harmonie weitergetragen,
bis Mirei neben einer schlanken elfenbeinernen Vase der Marie Antoinette
stehen blieb, errötend, ihn erwartend und die Hand auf der Brust, atemlos:
»Fühlen Sie mein Herz«.
Alles war nunmehr aus ihr herausgetreten und hatte sich in ihrem Gesicht
aufgestellt, bereit wie mit einer großen und feierlichen Zeremonie ihn zu
empfangen und ihm entgegenzutreten.
Allein in diesem Augenblick entfernte sie sich unter seinem Blick, er
fühlte keinen Anlaß und keine Begeisterung hineinzutreten in diese Welt,
als sie sich ihm öffnete, er vermochte sich nicht darauf zu spannen, daß
dies ihm etwas sei. Der Tod hatte ihn zu sehr entrückt, er bestand die
erste Probe nicht, mit der das Dasein ihn lockte.
Flaumenweich, dünn und zwecklos floß es ihm weg, er neigte sich nur
lächelnd und zurückhaltend, als höre er. Abends nahm er im
Luxembourg-Garten eine tschechische Studentin mit, küßte ihre Knie und
lachte über die Nationalbänder, die sie durch ihre Wäsche geflochten.
Am anderen Abend eröffnete er mit Hallboog das Kabarett in der Rue
Champollion. Er suchte Hallboog damit durch die Varietésensation in die
Literatur hineinzubringen, aus der dieser abgebogen war durch ein
Weiberunglück, und in die dieser ungebrochene und nur zum erstenmal
zusammengeklappte Jüngling mit penetranter Begabung gehörte.
Den Tag über hatte er alles, was irgendwie ihre Kreise streifte, als
Sandwichmänner mit Plakaten herumgeschickt. Germaine, die er gestartet, war
im Auto mit Herren im hohen Hut angefahren, um als Favorite nun wiederum
diesen Start zu machen.
Shanvady in grünem Seidensweater, Apachenmütze, Lackpumps und rotem
Halstuch eröffnete, indem er ein Florett durch das Billard stach und, das
sechseckige Monokel eingeklemmt einen dicken Herrn in der ersten Reihe
verhöhnte. In der Hand hatte er zwei Diskusse, die er dröhnen ließ. In der
vierten Nummer sang Germaine, indem sie beinahe nackt auf dem Tisch tanzte:
J'offre ces violettes / Ces lis et ces fleurettes / Et ces roses icy / Ces
vermeillettes roses / Tout freschement écloses / Et ces oelliets aussi. Die
Spanier kamen, warfen ihre spitzen Hüte hoch, schrien ihre Namen: Tomé
. . . Elisabat . . . Camacho . . . Curchuelo. Ein zamoranischer Dudelsack
pfiff dazwischen, aus den Ecken gingen Grammophone wie Böller los,
Überraschungstüren knallten mit aufgebundenen Akteuren um eine wagrechte
Achse.
Da sprang über einen Tisch der Holländer Visser, streckte sich eine Sekunde
mit dem pockennarbigen Gesicht wie ein Pferd in die Höhe, machte einen
Riesensprung und stieß, ihm in die Augen sehend, Hallboog zwei Messer in
den Rücken. Die Scheiben des Cafés wurden eingedrückt, Sanitätsleute liefen
vom Boulevard herüber, das Polizeirevier sperrte ab.
Sie frugen Visser: warum. Er vermochte nichts mehr zu sagen als den Namen
seiner Schwester, die verschwunden war, er sagte ihn bis an sein
Lebensende.
Das Komitee ward verhaftet und zurückbehalten. Shanvady rettete sie, indem
er plötzlich mit dem grauen Torpedoauto der Botschaft vorfuhr.
Am anderen Morgen traf Harri, aus dem Metro steigend, Mirei. »Wir sind im
selben Wagen gefahren und haben uns nicht gesehen.« Er nickte. Ihr Gesicht
sprang fast wie dünn gewachsenes Glas unter den verhaltenen Tränen. »Ich
fahre am Abend.« Er nickte und schwieg. Sie gaben sich vor ihrem Haus die
Hand. Bald darauf kam Harri an die Seine.
Ein Dampfer legte bei an dem Steg, er bemerkte jemand, der ihm winkte. Ein
Engländer grüßte von dem Dampfer mit hellen Handschuhen ihm herauf, aber
erst, als dieser die große Reisemütze abtat, erkannte er Petrova, der,
zwischen Lederkoffern und eine Frau neben sich, dem Glück eines Tricks
nachfuhr, der ihn in die Höhe geworfen, und den sofort eine Rauchwolke, die
das wendende Schiff machte, verhüllte.
Vom Arc de Triomphe sah Harri die Stadt wie einen Stern geordnet und Züge,
die in das gewellte abendblaue Ackerland hinausrollten. In einem der Züge
war Mirei.
Gegen Mitternacht sprang er über das Gitter des luxemburgischen Gartens,
trat in die Platanenallee und kam in die Nähe des Platzes, wo der Wind auf
fünfzig Meter die Fontäne gleich einer Peitsche herumschlägt. Auf der Bank
saß ein Mann, er erkannte, als dieser aufsprang, Shanvady.
Harri hatte die Hände vor die Augen geschlagen, um besser zu sehen. Das
verkannte Shanvady und machte eine Bewegung, die aufforderte, sich ihm
vollständig hinzugeben. Als sähe er in ihm einen Zusammengeschlagenen,
sagte er: »Kommen Sie mit mir, schließen Sie sich mir an. Ich führe Sie, zu
was Sie wollen.« Harri starrte ihn an.
In diesem Augenblick kam die Fontäne armdick angesaust und Harri fing sie
mit der Brust und entgegengeworfenem Gesicht auf. Damit waren sie zu nah in
das mondvolle Rondell getreten, die Wache am Schloß trat ins Gewehr, ein
Trommelwirbel, die Qui vives kamen durch die Bäume. Die beiden sprangen
zurück, machten kehrt, rannten durch die Allee, über die Mauer auf die
Straße und verloren sich dabei. Anderen Morgens trafen sie sich, ohne von
dem Abend zu sprechen, im Zug nach Straßburg, von wo Shanvady auf eine
Besitzung fuhr.
Harri begleitete ihn nicht, versprach ihn später zu besuchen, reiste
weiter, im übrigen vergaß er diese ganze Epoche rasch, sie blieb ohne
Widerhall in seinem Leben.
Als er Fische wieder fing, war alles aus ihm heraus mit dem Fluß schon
abgeströmt und nichts da als das pastellne Rosa-Schaukeln der Wolken und
Dächer, das Kuhgebrumm und das Schlafbedürfnis, das von den kräuselnden
Ulmenschatten über die abendlichen Matten herüberwehte. Als er Dover sah,
nahm er es nackt und ungetrübt, ein Spiegel, der zum erstenmal die Welt in
sich spannte. Er sonnte sich wie in sich selbst ruhend, am Strand, auf den
Schiffen, als sei nur pausenloses Leben vor ihm und hinter ihm nichts.
Es gab viele Genüsse freilich, die ihn leicht erheiterten, aber es hätten
ihn aus seiner entfernten Kühle nicht einmal die Schmerzen getrieben. In
Husum knackten die Fischermotore, in Trouville sangen die Austernverkäufer
weiter, weiter . . ., in Hamburg krischen die Matrosen: »Glorie, glorie,
Hallelujah / Schön sind die Mädchen von Sankt Pauli-Altona.« In dieser Zeit
vermochte er sogar viel zu lesen und zu studieren.
Von Hamburg fuhr er plötzlich direkt zu Shanvady.
In einem dampfenden Gewitter an einer Wegkreuzung der Vogesen ließ Shanvady
ihn abholen in einem Wagen des vierzehnten Ludwig, mit sechs Pferden,
karmoisin und golden, und einer Krone als Abschluß. Mit Fackeln kamen sie
abends in den Park eines Rohanschlosses. In einem erleuchteten Fenster
schwamm unregbar die Silhouette Shanvadys, der mit sich selbst Schach
spielte. Am Portal ließ er Harri durch den Hausintendanten begrüßen, es lag
eine Absichtlichkeit wie die Vorbereitung eines heimlichen Ringens in der
Luft.
Auf der breiten Marmortreppe des Ausgangs bewegten sich eine Dame und ihre
Tochter zwanzig Stufen über ihm. Plötzlich fiel mit glatter Bewegung die
Hose des Mädchens über ihre Schuhe. »Mais . . Juju . .«, entsetzte sich die
Dame. Das Mädchen schlug die Hose dem Hund neben ihr ins Gesicht, erblickte
Harri, streckte die Zunge heraus und folgte ihrer Mutter wieder mit Ruhe.
Sie hatte einen Frottéstoff im Kostüm bis zu den Knien, war etwa
siebenzehnjährig, mit biegsamen Beinen.
Auf dem Balkon neben Harris Zimmer stand der Hausintendant mit dem Gesicht
einer Dogge. Der Stall war mit einer Lichtschnur erleuchtet. Zwischen den
Gartenbosketts, die dampften, ritten Reiter durch die nächtlich blauen
Schwaden. In einem Springbrunn im Hof, auf dem der Mond lag, standen nackte
Jünglinge und hielten sich, murmelnd, an den Händen.
Über sie aber kam aus der Ferne des Gartenrings ein Laut, der vor dem
Schloß fast starb, aber noch zitterte in der Luft, weich und süß, spielte
eine Weile, verschwand und kam wieder an, die volle unruhige Nacht
hindurch.
Beim Erwachen sah er vom Bett aus einen Mann in roter Toga, eine Ziege an
einem Band führend, das Haus verlassen.
Es war die Zeit, wo Sekten anfingen in Deutschland die geistigen
Leidenschaften der Epoche, die noch kaum donnernd unter der Zeit ihres
Aufbruches lagen, in Vorposten um kuriose Karikaturen zu sammeln, und wo
die Folien der Helden das Land durchstreiften. Ein Adept seltsamer Prägung
erschien bereits voll Bekehrungswallung noch beim Ankleiden, der mit
eingesunkenen Augen deklamierte: Sinnlichem gelte seine und seines Lehrers
Clique Verachtung, worauf in Pyjamahose und nackter Brust nur Harri sein
Gurgeln gerade beendete.
Als der Diener im Tubbe ihn einseifte, fuhr der Adept unbeweglich fort:
Leben sei der Zweck, durch ewiges Training der Seele zum Spiegel
vergangener gelebter Leben vorzudringen und mit solchen geistigen
Reservedivisionen das läppische Rätsel der Erscheinungen dieser Welt wie
mit Handgranaten aufzuschmeißen . . . . . . worauf mit leichter Bewegung,
den Schwamm hoch auf dem Nacken ausdrückend, Harri freundlich über die
Schulter frug, in wessen fabelhafter Tat und Kühnheit sich diese
Lebensfasson am kräftigsten offenbare. Da geschah das Unvorhergesehene, daß
in das tiefe Schweigen beim raschen Niederbücken dem Diener ein
bestürzender Knall entfuhr.
Doch erschien glücklicherweise der Hausintendant, half Harri in das über
den Kopf gereichte Hemd und meldete Shanvadys für ganz kurze Weile in der
Nacht stattgefundene Abreise.
In kurzen, kniefreien Unterkleidern stehend, Manschettenknöpfe einziehend,
meinte Harri, als der Adept nicht wich, daß man beim Lesen feuchte Knie, im
Schlaf hin und wieder Hundeträume habe, im Gewitter grüne Leichen sehe wie
er sage, das sei amüsanter freilich wie manches, aber was helfe es ihm, der
auf das Frühstück aus sei, welches englisch gerichtet mit einem kleinen
Beafsteak und Anchovisfischen, Porter und Marmelade und Lachs der Diener
auf der erhobenen Hand im Hintergrund anbot.
Als aber darauf der Hausintendant plötzlich nach dem Garten schielte und
mit zitternder Stimme auf eine schöne Junonin neben einem taprigen, elegant
arrangierten alten Gecken wies und, eh er fortfahren konnte, der Adept zum
erstenmal seine verklebten Augen aufriß und mit schüttelnden Verneigungen
den Gaga als jenen Holzer grüßte, der beim Feldzug der deutschen Seele nach
ihrer zeitlichsten Vertiefung die meisten Skalps gestochen, und wedelnd mit
seinem Skelett am Fenster knackte, ergriff statt jeder Kritik und Würdigung
mit Schwung, Harri neben seinem Bett ein rundes Gefäß, drehte sich um:
»Excusez«, worauf der Adept bei dieser Anrufung der Natur wie unter einem
Donnerschlag verschwand.
Als er gelangweilt durch den Park strich, verirrte er sich zwischen den
barocken Hermen und kam erst durch ein Gezwitscher zu sich, das ihn lockte.
Er folgte um Gebüsche und Steine, kam an den Uferrand und sah gerade noch
Juju.
Er trieb sie über den Fluß, aber als er um eine tiefere Brücke herankam,
entwich sie zurück, indem sie einen Zweig erwischte und in einen Kirschbaum
sich schwang.
Im gleichen Augenblick mußte Harri zurück, sich am Ufergebüsch verstecken,
denn aus dem Rondell trat eine Schar Menschen, die teils sehr elegant,
teils aber auch in Ponyfrisuren und offenen Brüsten und Indianerhaaren die
Zeichen der deutschen geistigen Freiheit trugen, und einer baltischen
Weisheitsschule Couleur in Form eines Fürsten bei sich führten, der
unablässig an einem violetten Seidenkissen stickte.
Ihr jüngster Nachwuchs blieb mit hochmütigen Hälsen unter dem Baum stehen
und versuchte, indem sie ihre Beschwörungsformel »tak . . . tak . . . tak
. . . tak . . . ore« riefen, Juju zu locken, die ihnen Kirschkerne auf die
Köpfe spuckte.
Da aber das gemessene peripathetische Schreiten dadurch in Unordnung
geriet, wandte sich der adlige Schreiber, der den Turnus führte, herum und
schlug dem Jüngsten Laotses Sprüche heftig auf die Ohren, worauf der Fürst
sich umdrehte und knurrte, weil ihm mißfiel, daß der Aufenthalt der
Damenbeine halber geschah und erbost mit der Stricknadel einen Jüngling
piekte.
Als sie im nächsten Boskett verschwanden, rannte Harri um die Brücke und
kletterte in den Baum, wobei ein Regen von Kirschen auf ein niederging.
Als er aber dem Ast nahkam, auf dem die langen schönen Beine baumelten,
ging ein Lärm los, als rausche ein Adler in das Gezweig herunter, aber nach
einigem Lauschen sah er, daß es nur ein Dutzend Jünglinge waren mit
wallenden Togen, die gesenkten Hauptes hinter dem Mann mit der Ziege
herschritten, mit einer gewissen wallenden und stolzen Bewegung der nach
innen gesetzten Füße.
Harri bemühte sich ruhig zu bleiben, aber es war nicht vonnöten, denn diese
Männer sahen nicht herauf, sie murmelten nur, indem sie zum Takt ihrer Füße
den unteren Rücken schwangen.
Die jungen Leute schienen noch weniger wie die Vorausgegangenen Frauen zu
lieben, ihnen genügte es immer nur einen Namen zu lispeln, der wie
»Georges« ausklang und, wenn er kein jüdisches Symbol bedeutete, ihn
schließen ließ, daß hier ein balkanischer Stamm sich in Riten übte, worauf
auch die Ziege den Akzent gab und ähnlich versunken mit dem Steiß flog.
Im Augenblick, wo sie einbogen, ließ sich Juju an den glatten Ästen
heruntersausen, er konnte aber wieder nicht folgen, weil um die Ecke in
großer Erregung Menschen sprangen.
Die schöne Frau des Vormittags zuerst, die Röcke geschürzt, den Busen
fliegend. Hinter ihr der Greis mit falschen Hüften und Schminke im Gesicht,
der sofort an einer Ritze der Badezelle Posto faßte und der Entkleidung
zusah, die Harri vom Baum der anderen Seite durch das offene Dach noch
freier sah. Hinter einem Baum aber, noch weiter hinter dem spekulierenden
Holzer aber stand, das Gesicht von Tränen überlaufen, der Hausintendant,
trostlos und ohne Hoffnung gegenüber so alter und konkurrenzloser
Leidenschaft.
Als aber die Dame das Korsett in der Badezelle abnahm, war des Alten
Erregung so gestiegen, daß er »Anastasia« zu rufen anfing und auf den Zehen
hüpfte. In diesem Augenblick zog ein Boot vorüber, am Steuer der Adept des
Vormittags, aber selbst das Gestöhn ihres Meisters, der sich die Haare
raufte und aus der Nase blutete, weil Anastasia das Hemd mit dem Trikot
wechselte, vermochte sie nicht abzuhalten, die Augen niederzuschlagen und
»Heil« zu rufen.
Durch diese Ablenkung erst vermochte Harri seinen Posten zu verlassen, von
zwei Zwergen verfolgt kam er zum Lunch.
Aus dem Schlaf weckte ihn das tiefe Geräusch, das den Horizont umspannte
und dabei dünn und weich vor dem Schloß erstarb, wieder ausklang und
verging und jeder Welle der Luft sich tausendmal mitteilte.
Im dunkelnden Garten rochen die Pechnelken wild herauf.
Hinter der Herme hörte er einen Pfiff.
Mit kleinen ängstlichen Schritten hüpfte Juju vor ihm. Sie ergab sich am
Sockel der Niobe, entsetzlich erschreckt, weil im selben Augenblick ihre
entzückende, breit plissierte Hose wieder fiel. Juju auf dem linken Arm,
die Hose als Flagge in der Rechten, lief Harri in die Fliederpergola.
Sie entwand sich, er fand sie auf einer Schaukel wieder, in der sie hoch
über eine Wiese schwang. An den Füßen zog er sie herunter. Sie schluchzte,
als er sie ins Boot hob. Er mußte zurück, ihr zitterndes Hundevieh Rouge
mit an Bord nehmend.
Als Wimpel wehte Jujus Hose, wie sie durchs Schilf hinausstrichen.
Plötzlich glitzerten ihre Augen, sie riß ihr Kleid ab und warf sich mit
einer rollenden Bewegung ins Wasser in dem Badeanzug, den sie darunter
trug. Er zog sie wieder hinein. Sie landeten, sie verschwand im Schilf und
kam mit dem Badeanzug zurück, während die Vögel aus dem Schlaf schrien.
Ihre Beine wippten auf dem Landungsbrett, dann flatterte der Trikot im
Wind, sie paddelten weiter.
Je tiefer sie aber trieben, um so deutlicher kam ihnen das Geräusch
entgegen, weicher und getragener in der Nacht, und um so lockender zog es
das Boot an.
Juju weckte mit der Blendlaterne die Fische, riß die vom Licht Bezauberten
heraus, drückte sie auf den Bauch, daß sie die Mäuler aufsperrten und warf
sie in das Wasser zurück.
Nun war es kein Zweifel mehr, daß das Geräusch, das immer dunkler die Nacht
erfüllte, Frauengesang sei und sie fuhren darauf zu. Harri nahm Juju mit
auf die Entdeckungsreise, als er landete. Sie biß ihm vor Vergnügen in die
Lippe:
»Chéri . . . mon ami.«
Sie hörte den Gesang zum erstenmal.
»Wie lange bist du da?«
Sie wußte es nicht mehr.
»Wie lange bleibst du?«
Sie lachte: »Fragen Sie Maman«.
An einem Teich vorbei, Hügel mit Statuen, die man nicht erkannte. Jujus Arm
an seinen angeklemmt. Immer auf den Gesang zu, der flackernd manchmal
hochstach und dann in leichten Schwingungen sich vernebelte. Brausen in der
Ferne. Plötzlich kam ein Haus.
Die Tür ging in den Garten. Es wurde vollständig still. Jujus Zittern ging
durch seinen Rock. Im gleichen Augenblick erhellte sich eine Partie des
Gartens wie ein langer silberner Streifen. Harri strebte danach, zuckte
zurück, sie stießen an elektrische Drähte. Die Tür zurück war geschlossen.
Im gleichen Moment begann das Singen wieder.
Der lichte Teil des Gartens _bewegte sich zu einem Zug, der wie auf einer
Leinwand bebte,_ zu verhüllt, um lebendig, zu sicher, um nur gedeutet zu
sein.
Er sah den Zug vorüberlaufen, und vergaß Juju, die vor ihm stand:
Da kamen blonde Tscherkessinnen. Polinnen mit roten Lederstiefeln bis zur
Scham. Im Blusenhemd warme Bornholmerinnen. Provenzalinnen mit
Olivensträußen am Gürtel. Jütische Fischerinnen mit schlanken, sehnigen
Armen. Die Diana von Aleppo. Eine weißblonde Finnin von den Stromschnellen,
eine kleine von den Hochzeitsgütern. Neuseeländerinnen kamen, Kinodiven mit
kurzen Rücken, hochbeschuht. Jüdinnen mit roten Haaren. Kleinasierinnen in
Kleidern Poirets, den Bauch herausgepreßt. Kunstreiterinnen sausten vorbei,
Russinnen mit Madonnenscheiteln, Armenierinnen mit den Hüften der
Wolfshunde. Negerinnen, die schöne Melonenbrüste über der Schulter trugen.
Arabische Frauen auf Pferden, kleine Irinnen, fliegende Frauen aus
Normandie, Zigeunerinnen mit heller Iris, Provinzmädchen aus Krain mit
anmutigen scheuen Knien. Dahinter Winzerinnen vom Elsaß, Sehnsüchtige aus
Madrid, Barcelona, Chinesinnen, die Brustwarzen rot bemalt, Australinnen,
glatt wie Zebufell.
. . . . . . Augen, Hüften, Beine kamen. Füße schritten, die auf Kies nicht
treten konnten, Zehen, denen Blumen zu schwer waren, Knöchel so
hochgespannte, daß sie die Sandalenschnur verschmähten, Waden,
geschwungener als Kallastengel, entfalteter wie Orchideen, Arme, die besser
als Vögel schwangen, Hälse kühner als Fliegerkurven gezogen, Achseln, die
wie Schwanennester schwebten, Brüste wie Hügel der Bretagne aus der
blausten Abendferne, Leiber, die mit der Bewegung der kühnen Gestirne
aufzogen, Schenkel, die leichter als die erlesensten Tiere auftraten, Knie,
deren Leichtigkeit Reh und Panther und Flamingo verjagte, Hüften, die der
Eleganz der Rennmaschinen den Zauber der Erntefelder und Flüsse
hinzufügten.
. . . . . Soubretten mit offenen Munden, Autofahrerinnen in
Schleiergesichtern, Huren, die auf die Brust sich wiesen, Verbrecherinnen
mit Quarzaugen, Damen, die wußten, alles sei duftig, reizvoll, sie
angemessen erwartend in ihrer Sicherheit, Seglerinnen mit Nacken wie Katzen
gespannt, Reiterinnen mit bleichen, herrschsüchtigen Gesichtern, Mädchen
mit Gliedern, als trüge jeder Muskel ein Service, Schauspielerinnen mit
roher Träumerei vor dem Auge. Frauen mit Landschaften um sich, Cornwall und
Gibsons Wald, burgundische Täler, der Po, die Rheinflüsse, Verona, der
Ammersee. Frauen, hinter deren Kniebeuge das winterliche Gebirge aufschoß,
unter die der Schwarzwald vom Merkur bis Badenweiler sich unter die Abfahrt
legte, Frauen, um die Schiffe und Signale wuchsen, tropische Städte sich
formten, Abhänge glitten. Frauen, um die der sommerliche Horizont flog, die
über Birkenrinks bei großen Concours wegsetzten, Frauen auf dänischen
Gütern, dalmatinischen Schlössern, Frauen, um die das Meer aufscholl, die
in Jachten bräunten, die durch den Herbstwald hetzten, Frauen, deren Füße
die Liebkosung der Maimatten kannten, Frauen, die durch die afrikanische
Nacht auf Tiere schossen.
. . . . . . Polinnen aus Krakau, Rumäninnen mit lasterhaften Händen.
Griechinnen von Smyrna, geduckte Frauen aus der Krim. Karthagerinnen. Die
kriegerischen Weiber des Helesponts, Amazonen mit weißen Hengsten,
Negerinnen, gleitend mit Bogen. Frauen mit üppigen Brüsten unter Ketten und
Bronze, rote Haarbüschel über der Stirn. Die säbelschmalen Weiber aus
Damaskus. Frauen mit Lippen, geschlitzt, sanft wie Mondfahrt, Lippen wie
Trompeten geballt. Frauen, windhaft wie Segel, schwirrend wie Pfeile, mit
Fruchtglanz aus Bagdad, Spiegelnde aus Kairo, von Ceylon, Beirut. Frauen
mit großstädtischen langen Schenkeln, die nur Teppiche und Wagentritte
berührten. Mit mozartischen Gelenken. Mit Goldflecken auf dem Rücken. Mit
Niggermusik in dem Bauchmuskel. Kühle Schottinnen. Amerikanerinnen mit
Diamanten in den Zähnen. Dalarnische Baronesse mit Blau wie Blitzen im
Blick. Frauen, die Stirn verschleiert. Frauen, Unzüchtiges im weichen
Blick, Frauen mit aufgesprengten Lippen. Frauen aus Bayreuth, aus den
Starnbergschlössern. Frauen aus den Pyrenäen. Ruteninnen, deren Väter
Franzosen waren.
. . . . . . Frauen kamen mit harten, glatten Beinen. Frauen, die sich
umarmten und dem Mann noch unergründliches versprachen. Frauen mit
Unterwerfungsgebärden. Frauen, die vorn am Dampfer standen. Frauen von
Sieg. Frauen von Windspielen umgeben. Frauen im Wagen durch die Steppe
gejagt. Frauen mit schimmernder Haut. Frauen, die ihr Gesicht sekündlich
wechselten. Frauen mit grausamen Beinen, mit Madonnenhänden. Frauen mit
tätowierten Armen. Frauen aus Syrakus. Frauen vom Sudan. Ätiopinnen, die
auf Vogelschreie horchten. Frauen aus Eisenbahnen hinausgelegt. Frauen, die
mit ihrem Körper den Erdball versprachen. Frauen, die wie Moos rochen, wie
Klee, wie Neckar, wie Fasane, wie Palermo, wie die Nordseebäder, wie
Borkum, Abwinkel, wie Teer, und Sonne und Sand, wie die Haut der
Vierzehnjährigen im Juli im Inselhotel des Bodensee.
. . . . . . Es kamen Frauen, die Australien plötzlich auf den Handtellern
trugen. Frauen, in deren Augen tödliche Geschichten eingeschrieben standen.
Frauen, die zwei Meter über dem Netz den Tennisball im Sprung noch hielten.
Bobfahrerinnen, Träumerische vom Engadin, aus der Eifel. Frauen als
Tänzerinnen. Mit Flöten. Frauen, blumenhafte, Frauen, die ein Wort knickt,
Frauen wie Hyänen. Frauen mit Spitzenwolken, belgische Nutten, kleine gelbe
Katzen aus Chile. Pumas, nackte Räuberinnen, Frauen, die einen Fjord
überschwammen. Frauen, die Timbuktu plötzlich entfachten, die
Fidschiinseln, Honolulu malerisch zwischen den Brüsten wiegten. Frauen wie
Luchse, wie Kaninchen, wie Papageien. Pompejanische Jüdinnen,
Katalonierinnen, Frauen vom Roten Meer, von der indischen Bay, heiße Weiber
aus Syrien, antilopenschmale Berberfrauen. Frauen, die den Sternaufgang
über den Schären beschworen. Frauen, die Tod hießen oder Pensée. Erregte
mit verschlossenem Mund. Von Gibraltar. Von Bagomoio. Jungfrauen, von Löwen
antik gejagt. Blonde Maurinnen aus Saragossa. Prinzessinnen mit Pferden an
der Hand. Mimi Pinson, Ruth St. Denis, Aino Akté, die Hasselquist, die
Durieux. -- Isis und Huschnaia. Göttinnen in einem wundervoll vollendeten
griechischen Flug, mit überirdischen Lanzen und menschlichen Leibern. -- --
Das Fieber brach ab, wie es kam. Der Garten losch aus, der Zug war aus. In
das Dunkel stachen suchend zwei Laternen.
Der Garten war leer.
Sie umgingen torkelnd die Drähte, die mit einem Mal sie nicht mehr hemmten.
Hinter ihnen hielt Shanvadys perlgrauer Wagen, der Chauffeur stand mit dem
Hut in der Hand am Schlag. Sie stiegen fluchend hinein. In einer großen
Schleife fuhren sie nach dem Schloß. Einmal hielt der Wagen. Da lag ihr
Boot am Fluß.
Noch zweimal hielt er.
Jedesmal kam aus der Landschaft ihr erster Dialog. »Chéri . . . mon ami.«
»Wie lange bist du da?« Pause. »Wie lange bleibst du da?« »Fragen Sie
Maman.«
Dreimal warf entsetzt Juju die Arme um Harris Hals: »Mon ource . . . mon
rigolot . . . mon grand bébé.« Aber sie zitterte nur wegen dem Wort
»Maman«.
Harri lag im Wagen. Er überlegte nicht, was an Geheimnissen die Nacht
füllte: Welche Frau Shanvady verstecke, welche Technik er zu solchem Bluff
ersonnen, wie er ihn gefangen, wie er ihn gereizt und düpiert. Er ahnte
nicht, wie weit der Kreis um ihn geschlungen, in dem er sich verwirrt. Er
spielte nur mit Jujus Hand, es war ihm gleich.
Das Schloß war erleuchtet. Auf der Diele erwartete er Juju, die sich umzog,
auf der Treppe küßte er ihrer Mutter die Hand, die sofort hinter dem Fächer
mit ihm kokettierte, was Juju errötete. Im Billardsaal stand winkend
Shanvady. Er sah ihn zum erstenmal jetzt lächelnd.
Sein Lächeln deutete, daß das Geheimnis, dem sie nachgepirscht nicht
entwirrt werden könne, und daß der Versuch es zu lösen, nur noch stärker an
es verstricke.
Aber Harri stand kühl beiseite. Er fühlte, nicht beteiligt genug auch
hierbei, daß Shanvady den Reiz, der ihn unbewußt zu ihm geleitet seit jener
Nacht im luxemburgischen Garten, selbst zerreiße, indem er ihn darin zu
fangen suchte, und daß das Messen und Ringen, das Shanvady aufgestellt,
darum für diesen verloren war, nicht für ihn. Ein Sieger wider Willen hob
er die Augen.
In dem Augenblick, wo Shanvady, der Seelenfänger, ihn unterjocht dachte,
weil er endlich seine Apathie in die Maschen eines unlösbaren Reizes in der
Falle glaubte, riß er den Zauber durch, den Shanvady auf ihn ausübte.
Es gelüstete ihn nicht, das Geheimnis zu lösen. Er ließ es fahren
ungeöffnet. Es reizte ihn nicht mehr.
Wie unter einer abgründischen Melodie trieb es weg wie alles wegtrieb, was
an ihm gezogen. Als Zuschauer floß ihm dieser Tag fort wie jeder andere
Tag, er vergaß ihn, vergaß die vorigen. Als sein Auge Shanvady traf, der
mit einer leisen Gebärde seine Überlegenheit hißte, erbleichte Shanvady
unter dieser unbeweglichen Kälte, die nichts rührte. Die Gebärde zerbrach
mitten im Schwung.
Harri sah schon durch Shanvady hindurch, all der Plunder um ihn zerfiel.
Es war grauenhaft, mit welcher Leichtigkeit er sich auch aus dieser
Atmosphäre löste. Sein Hirn war plötzlich nur eingestellt von dem Drang
wegzufahren, das erfüllte ihn mit einer wunderbaren Helligkeit, er kam sich
den Abend von solcher Leichtigkeit getragen vor, daß es ihm schien, er
vermöge die Erde auf den Spitzen der Finger zu halten.
Als er aufwachte, sagte ein Brief Jujus, daß sie abgefahren, aus Eifersucht
auf Maman. Am Tag zauberte Shanvady noch einige spielerische Dinge, die
ihren Kreis um alle Anwesenden spannten. Anastasia war die Nacht
verschwunden. Mittags brachten die Weisheitsschüler ihre Kleider,
widerstrebend, an den Zipfeln, da die Georgesleute sich geweigert hatten,
die Jünglinge Holzers aber unter Weheruf den Ort geflohen seien, wo
Weiberkleider lagen.
Da sie am Fluß lagen, bedeutete es Anastasias Tod. Eine Zeitlang plauderte
Holzer, dann stand er langsam auf, mit seinem gebräunten Schnurrbart wie
ein ägyptischer General, griff in den Mund, riß das Gebiß mit den vielen
Goldplomben heraus, zerschlug es am Boden, gurgelte nwao . . . uaiii. Sah
um sich, nichts als Jugend und ging an einem Stock hinaus ins Greisenalter,
gehässig, demütig, ein röchelndes Skelett.
Mit einer zärtlichen Bewegung öffnete nunmehr Shanvady den Ring dieser
Katastrophe, in der er Schicksal gespielt, Anastasia nach Genf beordert,
die Maskerade zur Tragödie getürmt, mit heiterem Nachspiel, indem er den
Hausintendanten mit Halali nun und freiem Pirsch dem Weib nachschickte, in
seinem eigenen Wagen, von Tränen des Glücks überschwemmt und in
himbeerroter Livree.
Es half Shanvady nichts, diese Kritzeleien. Am Abend fuhr Harri. Im Wagen
des vierzehnten Ludwig, karmoisin und golden, mit sechs Pferden, eine Krone
als Abschluß, Fackelträger, Reiter, vor ihm, hinter sich. Shanvady reizte
ihn mit nichts mehr. Vorbei.
In Paris lernte er Blériot kennen. Der Meister hatte gerade den Kanal
überflogen, die Welt schien von Möglichkeiten um so tiefer ins Herz
bedroht, als die neuen Waffen noch phantastische Erweiterungen zuließen und
fast noch keine Pioniere hatten. Zweimal fuhr er mit Blériot als Passagier,
schon figurierte sein Bild neben dem Blériots im »Journal«, »Matin«, »Petit
Parisien«. Auf dem Marsfeld stellte des Meisters Handbewegung ihm Maud
Kordelin vor.
Sie sah ihn nicht an.
Als er zu Elie Abrahamowitsch nach Neuilly in den Hangar fuhr, sah er sie
wieder. Sie sah ihn wieder nicht. Er schob an ihr vorbei, an Balanceproben
vorüber, durch angekerbte Drähte, deren Wundstellen unter Flammen standen,
an deren Ende elektrische Hebel zogen und Uhren notierten, bei welchem
Druck sie rissen. Elie verbeugte sich etwas vor dem Passagier Blériots, auf
seinen Wunsch brachte Maud Kordelin ihn mit der Zeichnung zurück, um die
Konkurrenz zu ehren.
Sie lag im Torpedospritzer, führte das Rad über dem Kopf zum Steuern, die
Luft schoß wie unter Wasser kräuselnd gegen das dicke Glas der
Schutzplatte. Als er ausstieg, schob sie den Wagen in eine Sprungkurve,
ohne ihn zu beachten.
Am nächsten Morgen trat Harri bei Rippère ein, acht Wochen vor dem
Concours, einen Schal um den Hals.
Vier Tage arbeitete er mit einem mechanischen Hammer in einem
Messingkessel. Der Hammer tat hundertfünfzig Schläge die Minute. Als die
Bänder genietet waren, hörte er nichts mehr, zwei Tage später war er
darüber weg, trainiert auf jedes Geräusch. Im Ausprobraum zwischen
fünfundzwanzig Motoren von pro Stück zweiundzwanzighundert Schlägen
Tourenzahl die Minute, kontrollierte er zwischen farbigen Gasen und
feurigen Säulen über den Ventilen die Auspuffung, den gleichmäßigen
Herzschlag der Eisenkuben.
Um das Getös, das bald wie etwas Festes und Gefrorenes, fast greifbar,
dastand, rauschten die Thermosiffons der Wasserkühlung an den Wänden
herunter, erhitzten sich auf achtzig Grad in der gleichen Sekunde und
stiegen in langen Schwaden von selbst wieder auf.
Er kam zu den Einfahrern der neuen Wagen.
Mit den Stellwagen ohne Karosserie begaben sie sich in die Kilometer. Mit
Kupons, die im Midi, bei Brest, in Marseille testiert wurden, mit
Stechuhren, mit dem Befehl die Maschinen an der Rhone, in Calais, in
Tarascon zu zerlegen und zusammenzusetzen, schnitten sie mit Schußlinie
über die Chausseen.
Eingedrückt wie Affen, mit der Scheibe der Steuerung spielend, lernten sie
das Verwachsen mit dem Material, beherrschten den Stahl mit dem Hirn,
liebten die Maschinen, wurden wieder geliebt.
Sie rissen beim Überrunden einem Möbelwagen die eine Seite ab, aber sie
behielten den Auspuff genau im Ohr. Mit zitternden Flanken ließen sie die
Wagen wie Pferde auf der Weide, trafen sich in einem Weiler, einem Gehöft,
würfelten, tranken Absynthe, schlugen sich, machten ein Rennen unter sich.
Stanken nach Benzin wie die Ochsen, trugen gelbe Schuhe, englische Anzüge
unter den Leinenblusen, die Zigarette nie aus dem Mund.
In der tollkühnsten Gefahr verloren sie nicht die Besinnung. Nur wenn sie
kühl waren, ging der Verstand ihnen in die Lappen.
Drei Tage blieb Harri im Büro, zwei auf der Rennbahn, zwei bei der
Konstruktion. Auf der Eisenbahn, Compagnie de l'est, lernte die Verstopfung
der Gase, die Qualität der Kohle, der Öle und Benzine.
Bei Renauld erlernte er die Systeme der Konkurrenz, bei Pairfax die aus
beiden gezogene Essenz. Nun hatte er den Radius abgelaufen, die Intimität
zum Gegenstand erreicht, den Querschnitt durch das Technische gelegt.
Er beherrschte und liebte.
Er war imstande, Sympathien vom Schwung eines Tenders, der Flanke einer
stählernen Blitzzuglokomotive, von der Melodie eines angeschirrten
Flugzeugs, das aus allen Seilen sang, zu spüren.
In der vierten Woche trat er bei Blériot in den Hangar, der Schatten der
ingeniösen Nase und des Vogelkopfs mit der verkehrt gesetzten Mütze lag an
der Wand wie mit Dynamomäulern nach allen Seiten gerissen. Sechs Wochen
übte Harri mit ihm, bediente den Sturmvogel, dem keine Kühnheit nicht
kalkulierbar, kein Tod nicht ausmeßbar und zu überwinden war.
Er liebte an dem Flieger das Unerschütterliche. Dieser gewöhnte sich bei
Harri an das Nichtmitreißbare.
Gegenseitig liebten sie ihre Kühle und Distanz, die bei dem einen das
unentrinnbare Erlebnis des Todes geformt, bei dem anderen sein Durchmarsch
durch solch unvorstellbare Kurven der Kühnheit des Geistes und der Gefahr,
daß er die Welt nicht verachtete, sondern sie jenseits des Zynischen schon
wieder verstand. Sie empfanden, daß die nach außen gekehrte Reserve eines
jeden von ihnen kein Manko, sondern der gehärtete Widerhall einer feurigen
Seele sei.
Harri lernte, daß die Welt als flache Scheibe zurückfiel, wenn er das
Steuerrad zurückriß, und wenn er dann nach hinten sich warf, daß blaue Luft
die Erde tiefer zurückstieß. Er fühlte das Grausen der Vertikalböen als
Musik im Blut. Die Verwindung, die vom Rad nach der Stange des äußersten
rechten Flügels lief, knirschte kurz und rollte. Die Klappe des rechten
Flügels stieg unter seinem Druck.
Die Schnur lief langsam über den Kreis hinüber nach links, der linke Flügel
senkte sich ein wenig. Die Kreuzung der Schnur verschob sich rasch.
Nun fühlte er das wunderbare Gefühl des Kreises, den die Libelle machte,
als befreite Bewegung seines Körpers, dann zischte der Renner in kurzen
Spiralen hoch in Blériots Hand.
Er lehrte Harri das Neigen, den Fall nach vorn, der das Flugzeug senkte,
beim Seitensteuer die Gleichzeitigkeit der Fußbewegung und des
Flügelaufhebens. Er lehrte ihn den Mut der Sicherheit, nicht den der
Gefahr.
Er bewies ihm die Klarheit in der Berechnung der Tatkraft, das
Überschießende der Sicherheit gegen die verderblichen Möglichkeiten. Er
führte auf Umwegen ihn jederzeit dahin, über das Ungefähre der technischen
Dinge und ihrer begrenzten Beherrschung die ausgerechnete wasserhelle
Sicherheit der Überlegenheit zu halten, der nichts gewachsen war.
Sieben Tage vor dem Concours wechselte Harri hinüber zu Abrahamowitsch, der
ein neues Modell startete.
Von Blériot erfolgte nichts, er rührte sich nicht.
Einen Tag vor dem Concours nur zog er seinen Namen aus der Liste, zwei
seiner Schüler sprangen für ihn ein.
Auf dem Marsfeld probte Harri zwischen Elie und Maud Kordelin auf dem
dreiteiligen Sitzbogen. Am sechsten Tag plombierten sie die Libelle, ließen
sie durch zwei der besten Monteure Tag und Nacht im Schuppen bewachen.
In der Nacht gab Harri ein Fest, die Leute tanzten, steif und besessen zum
Takt von Motoren, jagten dann um zwölf, der Herren ledig, weg nach Neuilly.
Mit einer raschen Bewegung sprang Maud Kordelin in den Wagen, reichte Harri
die Hand. Mit ihren schräg stehenden tatarischen Augen sah sie ihn zum
erstenmal grau an.
Der Skandal der Buchmacher und Presse, denen Harris Wechsel der zum
erfolgreicheren Konkurrenten war, gab Elie eine erhöhte Reklame, aber sein
blasses und scharfes, auf dem übergroßen Körper immer umnebeltes Gesicht
bemerkte es nicht, nur ausgefüllt von den Kombinationen seiner Modelle.
Was er vom Äußeren der Welt begriff, vermittelte ihm unbewußt sein
Instinkt. Was er erreichte, gab ihm sein Erfolg. Das Übrige des Daseins war
Arbeit, weiter nichts. Selbst das Weibliche erreichte ihn nur dort, wo das
Schöpferische begann, und mit der Kordelin Fanatismus traf sich nichts von
seinem Wesen in ihrem Haus am Bois, sondern begegnete sich Aufleuchtendes
nur, wenn seine Arbeit sie in das Atelier am Montparnasse hinaufriß. Ein
Leben daneben gab es ihm nicht.
Bei der Prüfung des Reservemotors warf sich Elie mit einer kühnen Bewegung
auf den Apparat und blieb das Ohr an seinem Auspuff liegen. »Sie traitieren
die Maschinen wie andere die Frauen«, flüsterte Sauerwein vom »Matin« mit
frivol gesträubter Mouche. »Aber wir sehen die Frauen nicht wie Sie die
Maschinen«, sagte Elie.
Der Motor ward eingebaut in einen Reserveapparat, die Photographen tickten.
Harri gab angeschnallt vor Mauds Kopf den Ruck nach der Signalflagge.
»Ich bitte Sie wiederholt, kein Korsett zu tragen«, zischte Elie hinter
ihm, als er Maud anband.
Das Gebrüll der anschiebenden Monteure hallte rhythmisch heraus, schon
schwebten sie auf Rue St. Honoré, die längste Straße Frankreichs.
Sie befuhren Rue de Courcelles, da fiel Paris ein geöffneter Fächer ihnen
entgegen. Elysée, Rue de Courcelles, Rue de Washington, Rue de Berry, die
Place Vendôme. Sie fuhren Place Concorde, die Tuilerien, die Mairie des
achten Arrondissements, das Ministère de l'intérieur. Sie schwebten auf
einer sanften weißen Kaskade, den Champs Elysés.
Sie fuhren Arc de Triomphe, fuhren das kochende Silber der Seine, fuhren
dunkelrot gebäumt Trocadéro. Fuhren Quai de Passy, Quai de Grenelles, Rue
Mozart, Porte Molitor, Avenue de Versailles.
Sie fuhren zurück: Rue de Vaugirard, Boulevard Raspail, gläsern der
Monparnasse. Fuhren Boulevard Port Royal, Boulmich, Bullier, Jardin du
Luxembourg. Notre Dame, Boulevard St. Germain, Jardin des Plantes.
Sie fuhren Halles Centrales, Quai du Louvre, Rue du Quatre Septembre, die
Börse, Gare de l'est. Fuhren Marcadet, Poissonnières, Porte du canal St.
Denis. Solang sie fuhren, spürte er Mauds Knie.
Sie fühlten das Herz plötzlich in den Schläfen: das Meer.
Sie jagten darauf zu. Ein Bienenhelm saß die Sonne auf der Fläche. Der
Rauch der Brandung verging in Mövenschwärmen. Wie eine Wolke hing das Meer
mit wilder Anmut zwischen den Kreidefelsen.
Harri schaltete aus. In streichelnder Grazie berührten sich die zartesten
Wellenkämme mit dem Gleiten des Flugzeugs, dann stießen sie auf den Strand.
Der Brandungsstreifen lief nach der Seezunge St. Valérie, mit vielen Booten
davor. Fischerknaben brachten Picknick. Im Anblick der Ruhe und des über
das Blau tief heraufsteigenden frühen Sommers bekam Maud Lust, die Tage der
Langweile und Ruhe vor dem Concours in die Normandie zu fahren. Elie
nickte, während die Fischerjungen anschlichen und ihr bunte Muscheln in den
Schoß warfen.
Aber als Harri unter dem Glasdach Abrahamowitschs sie holen wollte, sagte
Elie ab. Die Ausbalancierung der Libelle mußte auf ein Fabriktelegramm hin
noch einmal durch einen Rechentrick laufen.
Sie fuhren zu zweit allein, Maud nahm das Rad, sie fuhren direkt ans Meer,
erreichten es bei Le Tréport. Maud bog von der Landstraße ab und fuhr
direkt hinein, bis die Hinterräder in der Luft rotierten. Als sie die
Strümpfe auszog, stand sie gegen das Meer in Muskeln und Sehnen
geschmeidig, eine junge Athletin. Der Morgen jagte mit hellen dichten
Wolken. In Eu strahlte es schon . . . . . . Gamaches . . . . . . Dieppe. In
St. Valérie tranken sie Schokolade auf der Straße . . . . . . Fécamp
. . . . . . Montvillier . . . . . . Le Havre . . . . . . Harfleur.
Die Seine wuchs ganz groß ins Meer. Über Deauville mit einem Tulpental nach
Caen. Sie ließ das Steuerrad nicht aus der Hand. Sie fuhren noch lang in
die Dämmerung, hörten den Meerschlag durch das Dunkel dann brechen. In
einem Dorf machten sie Halt mit einem übererhitzten Kühler, es ging nicht
mehr.
Sie setzten den Apparat in Meerwasser, zogen sich für ein paar Stunden
zurück. Harri hörte nach einiger Zeit, aufs Bett ausgestreckt, die Matrosen
und Fischer unter dem Fenster. Sie grinsten, klopften sich den Bauch, ein
Kupferkopf stopfte einen Tabaksbeutel sich selbst ins Maul, zwischen den
Öllampen und Netzen humpelten fluchende Alte, breimäulig liefen sie nach
dem Meer.
Als Harri ihnen folgte, sah er Maud aus dem silberüberschütteten Meer auf
den Sand kommen, mit einem tierisch hinreißenden, kaum unterbrochnen Weiß
der Haut und mit amazonenhafter Bewegtheit ihren Bademantel umwerfen.
Er sicherte, ohne daß sie es sah, ihren Rückweg. Eine Stunde noch lag er in
der Hitze auf seinem Bett. Eine Holzwand trennte sie. Jedes Geräusch kam
durch die Fugen. Dann stand er auf, ging hinüber und klopfte.
Einen Augenblick zögerte sie an der Tür. Dann öffnete sie.
»Sind Sie sehr müde?«, sagte er ruhig.
Sie lächelte.
»Fahren wir weiter.«
Sie nahm die Mäntel und Decken:
»Gut.«
Mit Pfeifen und Gläsern voll Cidre torkelten die breitbärtigen Fischer im
Hof, die roten Boutons ihrer Mützen schwankten. Sie rissen die Mäuler auf,
rollten die Augen. Zum Schreien waren sie zu sehr betrunken. Sie hatten
einen schwerhörigen Kapitän in der Mitte, der sich bemühte, die Fäuste
unterm Kinn, sie zu verstehn und laut lachte, wenn sie nichts sagten. Er
hatte nicht begriffen, warum sie so erregt waren, aber er verstand, daß sie
besoffen waren und gröhlte am lautesten, als ob er es wüßte, warum.
Das Auto gab ihm bei der Ausfahrt einen Rand, daß er hinschlug, mitten in
das Geheul der anderen, die schon selbst beim Anblick der Abfahrenden
vergessen hatten vor Schnaps, warum sie verrückt auf die Bäuche sich
schlugen.
Mit einer silbernen Fahrspur kam ihnen über der Chaussee der Mond
aufgezogen. Sie fuhren zwei Waldwege, fuhren einmal dicht am Meer, fuhren
durch Nebelwiesen, bissen mit vier Laternen Gespenstiges in das Gewoge.
Als sie wieder frei sahen, schob Harri ihre Hand mit einer
selbstverständlichen Bewegung vom Steuerrad.
_Er_ fuhr.
Sie hinderte ihn nicht. Die Küsten fielen in großen Erkühnungen in den
Kanal. Der Vergaserhahn rotierte in seiner Hand. Er fuhr, daß Maud an den
Kurven sich hielt, um nicht hinauszufliegen. Fast träumerisch lagen ihre
Augen, ihre Glieder entspannten sich in einer weichen Gegebenheit, ihre
Blick suchte das Steuer immer, das er führte, suchte den Mond, der
lilienweiß im Tag noch stand, ging die Normandieküste nach Süden hinunter
und fiel wieder auf seine Hand. Sie ließ Grandville . . . . Abranche
vorübergleiten, den elastischen Halbkreis um die Bucht St. Michel. Als
Harri hielt, lag in Orangesonne der Hafen St. Malos unter ihnen.
Hier endete ihre vorgeschlagene Tour.
Ihre Lider trugen eine Weichheit, die von der Bai heraufkam und der sie
sich hingab, als kennte sie das nicht.
»Sie hätten mich lieben sollen«, sagte Harri.
»Zu spät.«
Sie wandte sich um. Er hörte nicht auf sie zu küssen.
Sie jauchzte in jede Umarmung hinein mit einer Kraft, die eine
Verhaltenheit aufriß und in ihr ergoß. Glühend an seiner Seite fuhr sie
zurück.
Am Tor des Hangars in Neuilly stand Elie. Sie sprangen beide aus dem Wagen.
Die Männer musterten sich einen Augenblick, Elies Pupillen waren sehr weit
geworden: »Die Konferenz hat eine andere Balanceberechnung ergeben. Sie
scheiden aus. Isaac fährt«
Beide sahen auf Maud.
Einen Augenblick schwankte sie, ob sie sich hinüberwerfen solle zu dem, der
sie in ein kaum geöffnetes Leben riß, aber als nichts von diesem her
erfolgte, der kühl und aufmerksam beobachtend dastand, wandte sie sich zu
Elie, dem ihr Fanatismus und die Arbeit sich entgegenwandte, und das
Mitleid, daß seine große Kraft einen Augenblick lang zur Entscheidung voll
in ihren Händen lag.
Beim Start am andern Morgen weigerte sich Elie zu fahren, reagierte auf
keinen Aufruf und blieb nachlässig bei seiner Libelle. Das Publikum
bedrohte die Startrichter aus Angst, daß Intriguen gegen seinen Favorit
dahinter seien. Es war schon gereizt, weil Blériot am Morgen die weiße
Fahne über sein Zelt hatte hissen lassen.
Die Tribünen schimpften auf Blériot, der, wenn er fuhr, Gott war jederzeit.
Sie warfen mit Tomaten und Äpfeln nach seinem Zelt, nannten ihn Ölsardine,
Lapin, Birnensteiß.
Als Elie nicht kam, sondern stehn blieb, drückten sie über die Barrieren
und winkten ihm mit Tüchern zu. Beim zweiten Aufruf, als Elie stehn blieb,
als höre er nicht, tobten sie bereits, riefen seinen Namen. Ein Kurier lief
zu Elie hinüber, der sagen ließ, er fliege nur, wenn der Akzent seines
Namens beim Aufruf richtig eine Silbe nach hinten gelegt werde. Es gab eine
Riesenovation, Harri sah dahinter, daß Elie nervös war.
Kurz darauf stürzten zwei Flugzeuge ab, eines durch eine Vertikalbö, die es
umwendete, das andere, indem es in luftleere Trichter absackte wie ein
Stein. Die Stafette kam von dem kleinen Wald.
Nichts sei tot, schrie es noch, als Elie aufstieg.
Zweihundert Meter nahm der Flugrenner gurgelnd vor Wonne in unverständlich
schmalen Kreisen, dann schoß eine Querflamme durch den Apparat, fraß die
Flügel weg, sausend kam die Libelle vor dem seidigen Himmel herunter. Als
sie aufschlug, schrien die Monteure, die Frauen hielten die Augen zu.
Die Stadtsergeanten sperrten den Hügel ab.
Isaac brachten sie tot. Elie schlug unter der Schläfenmassage die Augen
auf. Nach kurzem Besinnen frug er:
»Mein Bruder?«
Alle schwiegen.
Er senkte den Kopf. Strecken konnte er sich nicht mehr, der Oberschenkel,
der zerbrochen war, spießte ihm durch die Kleider, die eine Wange fehlte.
Er wurde ganz bleich:
»Die Fürstin?«, frug er seltsamerweise.
Er wagte es kaum, als man ihn nicht verstand, zu sagen:
»Maud.«
Man sagte ihm, der Sturz hatte ihr nichts getan, aber die Korsettstäbe
hatten die Lunge durchbohrt. »Frauen bleiben Frauen«, sagte Elie noch, eh
er sich umlegte und zu atmen aufhörte.
Als Harri aufsah, trat Blériot auf ihn zu. »Sie haben mich umsonst
verlassen. Immerhin haben Sie sich den Tod am Schluß geschenkt.«