Wo niemand begreift, mit
welch ahnungsloser und erlauchter Schönheit die wirklich adlige Rasse der
Staufer und Kreuzzüge neben der ihnen unverständlichen Zeit her in den
Abgrund hineingeht, und wo selbst die besten und raffiniertesten Exemplare
nicht einmal soviel Barriere-Mut aufzubringen vermögen, daß (was ihre Sache
immer wieder gerettet) nicht einmal Deserteure zeitweilig ins feindliche
Lager übergingen . . . . . .
wo zwar
das Gemecker eines ehemaligen Königs über seine eignen Stiefelspitzen in
seiner namenlosen Albernheit von derselben Widerlichkeit berührt wie die
Brillantenschiebungen des süddeutschen Prinzen und die Massierung der
Grenze im amerikanischen Auto (und Diplomatenpaß) voll Antiquitäten . . . .
. .
wo zwar die Kavallerieattacken des württembergischen
Generals am Bakkarattisch des Kurhauses zwischen Schiebern und
aufgekommenen Zuhältern in ihrer Wurstigkeit um den Brand des ringsum
angezündeten Europas noch glänzender berühren als das schwachsinnige Gekeif
gegen die Republik der ehemaligen popogescheitelten Beamten . . . . . .
und wo erst recht die theoretische Hingabe
an den neuen Zustand vereinzelter Freunde in seiner Ehrlichkeit, Zögerung,
Bedingtheit nur die ungeheure innere Befremdung und lediglich von adliger
Gebärde überglättete Hilfslosigkeit anzeigt.
. . . . . . Wo sie bei Eisners Ermordung
zwar Faschingsbälle abhielten, während in München Hunderttausend eine
Blutwolke wie nie seit den Hugenotten zu beschwören nah waren . . . und bei
der Baltikumer und Kapps ungenialer Harlekinade foxtrottend wahrlich
hinlänglich bewiesen ihr Désinteressement an Deutschland, das freilich ihre
Herrschaft nicht nach der französischen Revolution geknickt, sondern nur in
seiner bubenhaften politischen Nachlässigkeit es unter dem zweiten Wilhelm
zu so falscher und maskeradenhafter Herrlichkeit der siebentklassischen
Leute hatte werden lassen.
. . . . . . Wo die Entfernungen zwischen
den geistigen Trägern der Rasse und den Aristokraten so irrsinnig sich
verzogen haben, daß den meisten adligen Exemplaren in Deutschland sogar der
Künstler, mit dem sie gern früher sich mischten und den sie trugen in die
Höhe der wundervollen Epochen . . . . daß er ihnen ein Wesen geworden,
bestaunbar wie ein Papagei in seiner Fremdheit, ein Pudel, halb blau und
halb grün, und den sie nur fürchten oder hassen oder sich ihm unterwerfen,
wenn seine Breeches besseren Schwung besitzen und seine Ledersachen und
Reitzeug eine noch kühnere Diskretion verraten wie die ihren.
. . . . . . Und wo schließlich die falsch angesetzte
antisemitische Parole, von rotgemalter alternder Duchesse mit den Pistons
ihrer Zahnplomben aber auch den Pauken ihrer Hüften angegeben, zwar weder
über die Unasiatischkeit ihres Stammbaums noch über die Fragwürdigkeit
ihrer Vergangenheit hinlänglich beruhigen kann . . . . . . wo die Ohnmacht
der ungarischen Gräfin, die alle Mädchen verführte, beim Namen eines der
gehaßtesten revolutionären Führer . . . . . . ebenso wie das goldene
Kettenarmband um den Skistrumpf der Hessin . . . . . . und der meskine
Bürgerwehrschwindel und Antibolschewistenpathos älterer bäurischer
Offiziere in seiner falschen und bourgeoisen Verplamperung
nichts zwar als unser breites und vollendetstes
Gelächter bereit findet,
. . . . . . . die wir, auf härteren
Seiten des Sternbogens stehend, aber auch mit Wollust alle Höhen
überschweifend, keine Sekunde unterlassen werden, die Albernheit der
menschlichen Figurinen unerbittlich aufzuzeigen . . . . . . und die wir,
bereit jede Sünde gegen Welt und Freiheit bis auf das Blut zu bekämpfen,
auf keinen Reiz und selbst gegen das Herz hin irgend einen Pakt der
Gemeinsamkeit mit irgendwelchen Obskuren (von welcher Seite auch immer)
schließen würden.
. . . . . . die wir aber dennoch nie umhin können, hinter den besonders
publiken kleinhirnigen Ausnahmen den großen Blutgeruch der Züchtung und
Erlesenheit triumphal zu spüren und, bejohlt von den Polizisten von links
aber eiskühl bis auf die Nägel darüber, gerade in diesem Versagen das
Erlöschen der Rasse wie langsam gewordene Scheinwerfer auf die tragische
Epoche zu empfinden und zu lieben . . . . . . und bei den Frauen diesen
bewundernswert schlanken Hineinritt in die Röte des Sturms.
Wie ungewöhnlich unbeträchtlich sind in der Ausübung ihrer Mission und der
Handhabung ihrer Berufung die aristokratischen Wölfe geworden, aber wie
glänzend und liebenswert blitzt noch das Gebiß dieser Feinde der Freiheit!
Denn auch du, die du zwischen den Dörfern die Schneeobeliske der Hügel, den
Stock mit dem Seidentuch daran in der Hand, gestürmt hast, und in deren
Kehle der Blutruf der Kriegsgötter neben den der großen Jägerin trat, auch
du hast nichts in deiner göttlichen Entferntheit als Unverstehendes und
Gleichgültiges zu Zeit und Qual dieses armen und geschundenen Volkes
. . . . . . denn du bist so sehr von durch die Jahrhunderte erlesenen
Instinkten geleitet, daß du, Zeitlose, die Gesellschaft der Hunde deiner
Wahl jener der nicht gut gezüchteten Menschen unbedenklich vorziehst.
Und ich liebe dich auch dafür.
Auch wenn du an einem Fenster einmal stündest, unter dem ich füsiliert
würde oder erschlagen, und von dem Fenster in naiver Laune und unwissend,
in wen der Donner einschlug, dem Sieger mit einem Tuch zuwinktest, das ich
dir einmal schenkte.
Denn ich liebe dich um deiner Fülle von Rätseln, um deiner Widersprüche und
deiner Entferntheit und nicht zum wenigsten darum, daß du selbst sogar
vielleicht bereit bist die mykenische Lanze gegen meine Brust zu
schleudern. Ich bin ein Kind der Erde und freigiebig auch in der Preisgabe,
aber voll von Lust auch, sie ganz zu umfassen und in der entlegensten
Äußerung zu begehren. Ich bin nicht ihr Affe, nicht ihr Sergeant, sondern
ihr Geliebter, auch im Kampf. -- -- --«
Sie hat einen Bogen der westlichen Papuas in der Hand, und es ist kein
Unterschied zwischen ihrem Schenkel, dem Bauch, dem Nacken und der Spannung
des Instrumentes. Hinter ihr ist rotes Glas, darüber weicher aufgerißner
Himmel.
Und während sie den lautlos den Garten durchjagenden Tieren zuwinkt, steht
ihr Gesicht mit der seltsamen kurzen arischen Nase wie eine metallene Maske
in dem Rubin . . . . . . ohne Rührung, als sie der Feinheit der Glieder die
bedeutende Kraft der Lenden zu solcher Bewegung hinzufügt.
Der alte Matrose hat den dressierten Affen gelöst und ist mit ihm in die
Beete gegangen, wo er, mit Schneeglocken winkend, aus den halslosen breiten
Schultern den eisgrauen Trollkopf erhebt.
Denn auch er kann nicht ruhig neben ihr bleiben ohne Huldigung, ihr nicht
wie irgend einer anderen um Geld Schlangen aus Peru, Eier vom Sudan,
Mumien, zirkassische Amulette der Liebe und andere Symbole seiner
schweifenden Sehnsucht zeigen, während neben ihm zwischen der weißen Wolle
des Koptiabaums plötzlich sie die Schultern aufzieht und in der Veranda wie
in einem Tigerwagen steht.
Du willst Lil Pax sehen, Uga.
Aber ich schüttle den Kopf.
»Nein.«
Denn ich kann dieser schrägen Richtung deines Blickes nicht folgen, Uga,
die blühende Sicherheit deines Atems Lil Pax entgegenzuführen, denn ich
weiß nicht, ob sie geneigt ist, soviel tierischer Anmut sich hinzugeben.
Die sie entführende Wolke ihres Schicksals schiebt sich immer tiefer und
geballter unter ihre Füße. Und ich will nicht, daß, von soviel
unübertrefflicher Geschmeidigkeit deines Lebens getroffen die jüdische
Madonna einen Augenblick nur erstarrt vor der kugelbrüstigen Diana.
Denn du bist von ihr getrennt durch alle Zonen des Blutes und in deiner
fürchterlichen Mischung, die von der Grausamkeit der Göttin bis zur
elastischen Stärke der irdischen Hüften sich wundervoll ausdehnt, zu weit
entfernt von ihrem Pol des Entsagens, als daß du nicht ohne Gefahr der
Zerstörung zu plötzlich mit ihr zusammenstießest.
Ich liebe dich, Uga. Ich habe mit einem Zittern des Herzens und nicht ohne
demütigen Eifer meine Sehnsucht der deinen genähert. Du begrenzest in einer
unnatürlichen Höhe alles, was nur Wünschbares bis zum Unmöglichen mein Blut
durchfährt.
Aber Uga, wenn du die weitesten Kreise, die von dieser Frau zu dir gespannt
sind, durchjagst, auch durch die Kreise deiner Vollkommenheit, Uga,
empfinde ich nichts als ihr Schicksal.
* * *
Wir fahren nach einer Schneehütte am Gletscher. Die Woche senkt sich. Die
Einsamkeit steht zwischen uns und den Menschen, das ist Glück.
Brächten Bauern auf ihren Ochsenschlitten Flieder statt Heu auf unsere
Höhe, während sie schläft, in der Sonne vor der Hütte, ich dächte, der
Himmel, der herabkommt auf ihren Busen, habe ihn abgeschneit. Die Lichter
der Taldörfer, der Berghänge unten sind am Hintergrund unserer Einsamkeit
aufgezogene Zeichen der Menschen, die wir geheim verlachen in unserer Ruhe.
Nur einmal, als dumme Passanten, halb getötet vom Aufstieg aber ihre
Niedrigkeit mit sächsischem Geschrei schamlos preisgebend, uns nahten,
hatte sie Gelegenheit, mild und im Erklären sich neigend, eine Größe zu
beweisen, die weit das mitleidlos spöttische Lachen der Göttin übertraf.
Die Rührung über das Glück hat die Grenze erreicht, wo das Alberne ein
Geschenk wird, wenn man es gibt. Der Himmel wogt unerbittlich durchblaut.
Hinter dem Gebirg berührt er meine Kindheit:
»Als ich klein war, Uga,
ward ich krank und bekam den Pudel Fosko. Mein Bruder stahl ihn in einem
Zirkus. Wie lag ich im Bett und verzehrte mich, aufzustehen, um das
Gartenviereck mit ihm zu rennen und ihn zu hetzen, daß er Wildkatzen
zerbeiße. Zehnjährig habe ich auf dem großen Gut Tivolis im Bett meines
Cousins Zigaretten versteckt und in den Matratzen vergessen und erwartete
Monate die Entdeckung, und daß man mich als Verworfenen an den Pranger
schlug.
Die Neubauten unseres Villenviertels habe ich alle gekannt, die Mädchen
liefen mir nach hinein, wo die Labyrinthe von Keller und Dachstiege
geheimnisvoll sich begegneten.
Unterm Damm durch den Teich vor unserem Haus beerdigten wir Eichhörner und
bissen die Zähne aufeinander, so bedrückte es uns, daß wir mit Quarzsteinen
sie aus den Lärchenwipfeln geschmissen, aber zum Fest der Vollendung haben
wir eine Dogge, den Feind, in den Maulbeerbaum gehißt. Einem Dobscher, der
von Rennfahren träumte, fuhr ich im Rollwagen des Steinbruchs die
Kniescheibe durch, daß er schneidernd bald bei der Petrollampe flirrte.
Als die Canneri, die das bezauberndste Lächeln trägt, mit goldnen
kurzverschnittenen Locken mich als Jungen sah, stand sie kerzengrad im
Wagen auf mit dem Lorgnon und rief: quel bel homme. Meine erste Geliebte
quälte ich, als ich noch nicht wußte, daß Liebe kein Gesetz, sondern nur
eine Masse Zufälligkeit, und nicht ahnte, daß man Frauen eher besitzt, wenn
man verstößt, als wenn man bindet, meine erste Geliebte quälte ich durch
Fragen, ob sie mich als Krüppel noch liebe und prügelte die Arme, als sie
entsetzt auswich.
War etwas gut, etwas schlecht? Es ist eine Kindheit. Sie lebt wie ein Baum,
ein Fuchs. Sie schüttelt und biegt sich vor Wachstum. Sie fliegt auf und
ab, als ob du mit ihr spieltest, und ist in ihrer märchenhaften Gemaltheit
deinem Lächeln dieser Stunde verbunden, dessen Leichtheit so schon gelöst
ist, daß es die Einsamkeit spiegelt. Das ist unsere Brücke. Wie unwichtig
unser Gram. Wie kindisch selbst das Schwerste.
Verstehst du, Uga . . . . .
du bist
nicht Schwan, nicht Gazelle, von denen ich Fieber und Glanz an dir beim
ersten Anblick schaute. Du bist vielmehr mit der scharfen Schmalheit deines
federnhaften Augenlides zu sehr vermählt an das schwingende Brausen des
Blaus, als daß du anderes wie Schwebendes vertrügest.
Ich habe am Sinai deine Mutter gesehen, die, weiße Adlerin, auf unser Auto
herabstieß. Ihr Geschlecht allein, das drei Jahre lang die Welt
durchfliegt, und dann mit einem Weib ausharrt unerbittlich bis zum Tod, hat
die für dich genug beherrschte Ruhe.
Nur deine Farbe ist verändert und aus der Helle herausgetreten, als hättest
du, während ich schlief, in Marokko Jagden durchstreift und von einer Hecke
Ginster, die du berührtest, auch den Goldton deiner Kniekehlen auf den Berg
getragen.«
. . . . . . Der Firnschnee fällt, naß und glatt,
man braucht die Skier nicht mehr zu wachsen, der letzte Schnee. Enzian
flammt auf den Matten überall, als wir hinunterzogen.
Südlich duften die Veilchen mit Heftigkeit. In tiefen Tälern meiner Heimat
blühen Kirschen, Mirabellen. Die Aprikosen tauen aus rosanem Morgen noch
heller.
Was hilft es, wo sie scheidet.
Zinn, ruht die Sonne im Schneegestöber. Nur wenn der Hausberg aus dem
Geflock schaukelt, flattert die Lichtflamme mit. Sekunden geht ein Mai auf,
süß, voll qualvoller Inbrunst spiegelt, grün und hell, der Eisrücken, wie
ein Bergstraßenwald morgens früh. Das gläserne Wunder verschneit.
Uga.
Sie kam, den letzten Abend mit Sneeboots, die die weißbeseideten Fesseln
noch schmäler machten und mit ihrem Pelzrand dem Gang das Schleifende der
großen ruhigen Raubtiere gaben.
Und als sie mit starrem Blick sich gegen den Wind wandte, um noch einmal in
das Tal zu gehen, kamen die Heuschober auf sie zu aus der dunkelsten Breite
wie früher die Hunde.
Als ich spielend die Leiter anlehnte an die erste Hütte, als Uga
hinaufstieg und die leichte Biegung des Dachs erklimmte, den roten Schirm
über sich, die Knie im Telemark gebogen, die Jägerin, mittel und fest
gebaut und lächelnd, die Hundepeitsche in der Hand, . . . . . .
schien es,
sie schritte durch das dichter gewordene Geflock über den Scheitel des
Daches mit einer unnachahmlichen Stellung der Füße in den Horizont hinein.
Sie fuhr erst die Nacht. Aber ich fühlte in dieser Sekunde den Abschied so,
daß mir keine Erinnerung blieb. Es befiel mich in diesem Augenblick nichts
anderes als die Freude der Fische, als hörte ich alle ihre kleinen Herzen
stoßweis schlagen, wie ihre bronzene Freundin zurückkam in den See und sie
wie früher zärtlich zwischen ihren Brüsten und Knien spielten.
* * *
Die Brandlawine hat den Frühling frei gemacht, er kommt mit leichten Wolken
nachgeschwommen. In die Freude der Wiesen fallen die Versammlungen der
Enten, die das Geschrei der um die Pfützen gelagerten Hühner übersteigen.
Die Felle der Angorakatzen sammeln am Hauskalk die Sonnenbündel, schnurrend
vor Wonne. Heere von Bienen hängen am Aprikosenbaum und summen mittags in
die Hänge. Die metallen schönen Giftmücken tanzen gegen die Scheibe. Den
Ochsen treibt Glanz ins Fell. Zwischen den Schafherden, die den Horizont
säumen, schleudern junge Bullen die Erde mit den Hinterhufen in die Luft.
Bauern fahren, Lenz in den Nasen, schnuppernd in die verliebte Luft, Mist
auf die Matten. Die Mädchen haben prall mit graden Beinen sich an das
Stöbern gemacht. Die Häuser fangen an zu funkeln. Die Wölbung des
Frühmorgens erhebt sich auf siebzig Vogelmelodien, seidig und langsam, wie
ein Ballon.
Die Wandlung der Nächte, die Säfte der Erlen, der Glanz der Blumen treibt
in das Blut: man kreist mit ihrem Leben. Man lauscht in sich dem Bach, dem
Samtglanz über den Wächten, dem Blumenduften. Man horcht zurück aus dem
wachsenden Baum, dem Bachgesumm, den Wespen Erinnerung heraus.
Glutrote Tupfen stehen auf den Knospen der Haselsträuche. An den Gärten
hängen in Schnüren die Wasserperlen der Frühjahrsgewitter. In ihnen hatten
wir am Anfang, einmal, uns getäuscht. Sie hatte, rasch hinlaufend, den
Silbertau für Kätzchen gehalten. Sie kämpfte damals mit den Tränen.
Aber damals standen auch über ihrem hellen Gesicht die Kurven der
Schneefelder noch unbeschreiblich gespannt. Nie nahm der Winter ein Ende,
solang sie zum Himmel aufsah mit jener Unbedingtheit des Trotzes, der
selbst ihre Melancholie durchkühlte.
Erst durch den Schleier der Tränen ist sie eingegangen in das schüttelnde
Rund, unerreichbar, des Horizonts.
Meine Freunde, denen ich in die Traurigkeit der Einsamkeit und Arbeit
auswich, werden sagen, ich habe einen Frühling vertan.
Die Armen.
Welche Fülle trug er in mich hinein:
Du warst die
Frau, die eine Nacht mit mir schlief in Kowno in Lasallis Haus, das
Napoleon bewohnte, und vor dessen Fenster ein elender Winter dann erfror
. . . . . . die aus dem Boot auf den Aalandsinseln mir entgegenlief,
weißblond, im Hemd zwischen den Dünen . . . . . . die aus dem rumänischen
Zirkus herauspreschte in die Pflaumenblüte meines Wagens. Du bist die Hure,
die mich am Pont Neuf in den abscheulichen Monat der Hallen zog. Der
Ritterstad mütterliches Lächeln schwankt manchmal elfenbeinern über deiner
Schulter. Auch von Kerstins blumenhafter Anmut ist etwas deutlich auf deine
Lippe getreten, Uga.
Du saßest, die Knie zum Kinn gezogen, am Floßrand mit mir zwischen Worms
und Ems, bist die Pastellufer der Lahn schwärmerisch mir nachgezogen, durch
Vogelsberg und Spessartbuchen in die Einsamkeit der Eifel gedrungen, wo
zwischen dem gelben Mattenbrand und den stumpfen Maren dein schwarzes Haar
die Bauern feindlich erregte.
Du hast in Versoix die Friture der Fische mit mir gegessen, Landwein
getrunken, die gut gerösteten Köpfe und Flossen mit Hasenzähnen geknabbert,
standest am Dampferkreuz genfwärts, sangst befeuert: »Le soir est doux et
parfumé . . . . . .« und hast in der Nacht dir den Kopf zerschossen.
Du warst Renée, die mich fand, Rue Bonaparte, als mich beim Verkauf des
Intransigeant ein Verkehrsauto überfahren. Als Backfisch, unbekannter, hast
du im Kreis getanzt und die Hände zusammengeschlagen, wie ich das
Schlittschuhrennen als Gymnasiast als zweiter machte.
Am Thomasstaden Straßburgs stieß ich dich zurück, weil in dem gotischen
Tiefsinn der Stadt deine Schlankheit ergriff wie die steinerne Schönheit
der kreuztragenden Jungfrau der Kathedrale und ich mich nicht entschloß,
dir den übermütigen Stolz und die Herbheit einer Macht, die zu lösen in
meiner Hand lag, abzunehmen.
Du bist dieselbe, die mich mit in Bonn belogen, im Ruf als Gentleman
geschädigt und ausgeplündert auf die Manschetten im Hotel Royal
nachdenklich auf die entlaubte Allee hinunter erwachen ließ, weißhäutig du
wie keine.
Du hast im Auto Sekt gefrühstückt, in Neuilly eine Mansarde mit mit
bewohnt, warst der dunkle Tierblick einer Komtesse in einem Schloß des
Maingau, das ich mit dieser Last, Versäumnis eines Sommers, verlassen. An
dich dachte ich, wenn ich allein mit einer Frau leben, Kinder haben, eine
Farm, ein Gut bewohnen, gut grau werden wollte. Du warst tröstend da, wenn
mich das Elend fast krepierte. Du warst die Frau, die ich hatte, begehrte
und die, welche auch mit unvergleichlicher Vielfalt darüber hinaus die Zone
meines Traumes durchflammte.
O Diana.
Das Unsichere, in dem du kamst, und das überlegene Lächeln, mit dem du dich
entferntest, haben eine Vollkommenheit in die Spanne dazwischen gesammelt,
die selbst das Unfaßbare des Abschieds nicht verschleiert.
Einmal war alles geschenkt, alles beschieden. Auf jeder Sekunde, die tief
zu dem Laster und hoch in das Herrliche sich spannte, habe ich den
Kontinent der Abenteuerlichkeit meines Herzens grenzenlos durchlaufen.
Alles war einmal gesammelt, einmal Figur.
Es war wohl zu erlesen. Es konnte nicht bleiben. Ich hätte es nicht einmal
gewünscht. -- --
Wenn ich im Herbst zurückkomme, ist Einsamkeit. Die großen Nebelwolken, die
mit Sausen wie Batterien angefahren, haben die Landschaft verödet. Man hat
den Blätterfall zum Anstarrn, müde der Herzen, die verführen und peinigen.
Ich werde, indem ich mit Lil Pax in Pelzen und Shawls zum See fahre,
während sie abwesend lächelt, von der Jägerin erzählen, daß der Teich leer
war einen Frühling, daß ich eine Woche auf der Schneehütte mit einer Nymphe
wohnte, daß der braune Glanz ihrer Schulter mehr wiegt als Ruhm, als
Ehrgeiz, als alles.
Das Grün des Sees wird uns verfolgen durch den Pferdeschaum und die
Spaliere der Fichten, die auch in der Rotglut des Herbstes die Erinnerung
deiner Anmut manchmal noch tragen, wird versprühen am Bleihimmel und
zuletzt wird ein geringes davon über der Braue der Frau sein, die schweigt:
wie fern ist mir davon selbst das Nächste,
aber wie grausam ist Glück.
Du wirst es hören, jeden Laut, wenn ich von dir rede.
Sommer steigt von der Alpspitze golden herab. Die Sonne schwenkt prasselnd
Glut aufs Heu. Die weißen Krokus sind nicht zu fassen in der Fülle.
Du hörst, Uga, wo auch immer du, wenn das Wasser du abtatest, vorziehst die
Pause deines Daseins in unserem Bezirk zu verbringen:
Ob du durch Stadtpaläste feierst, auf
westlichen Schlössern vor einbrechenden Horden nachts fährst . . . . . .
kein Laut, wenn ich rede, der dir entginge, den du nicht schmeichelnd
empfindest. Wir sind nicht getrennt. Du nimmst alles auf, wie immer, die
schmalen Lippen wenig verschoben, den Kopf auf dem kräftig gegossenen Halse
kaum wiegend, manchmal nur nickend. Nie gab ein Gott einer Diana so viel
von einem Kinde.
Ich träume nun, allein jetzt auf den Matten, in die Hände, wo du seist:
Jagst du nackt vor Männermeuten
skiernd nach Kautokeino mit hell schreiender Gurgel? Wälzt du in
Osorisschnee das erglühte Gesicht? Funkelst mit nächtlichen Lanzen den
Okzident ab der Sehnsucht? Schwingst auf Delphinen durch violetten
Abendhimmel? Bläst ein Horn auf den Sternbögen?
Uga.
Wie gleichgültig dies Rätseln. Es war. Es bleibt. Welches Glück!
* * *
Das träumen wir, wenn es uns wohl geht. Aber man stirbt. Aber man gerät in
das Elend. Die Leidenschaften steigen in die Niederung dann, wo sie um
Hunger, Krankheit, Leiden sich bewegen. Wir sind verloren, wenn wir
abstürzen. Wo sind dann die Geliebten?
Du weißt keine Antwort auf die letzte Frage, Uga! Bist du bei mir, wenn die
Mondsichel tragisch auffliegt. Steht das Zucken deiner Braue als Trost am
Horizont, wenn man mich füsiliert, wenn ich im Straßenkampf stehe, elend in
einer Vorstadt vegetiere, der große Sund meine Malaria nicht mehr
herunterwirft in die Tiefe des Thermometers?
Man ist allein. Man geht beiseite zugrunde. Wir sind zerborsten in die Welt
gesprengt. Man weiß nichts von den Herzen, an denen man unirdisch gelegen.
Unsere Kraft versagt. Niemand kennt einander, wenn wir krepieren.
Welcher Mann wird, die Locken verwirrt, in Scheweningen nachts die Midussi
zu Tode quälen? Wer wird mit einer Achselbewegung Margits Frische im Keim
ertöten? Wer gibt der Ritterstad, von einem Auto bedroht, den Tip sich zu
wenden? Stirbt Bambulas Stärke an einem foul blow des giftigen Ukrainers?
Wer rettet Lella vor der Schwermut im Walde?
Selbst Kerstins tödliche Sekunde zeigt niemand meinem Auge, wenn sie,
verstörten Gesichtes, schön und schmal zum letztenmal ein Bild in dem
Seespiegel sucht.
Am Ende ist Einsamkeit. Man ist vor dem Ziel betrogen. Alles war umsonst.
Wir sind allein.
Wir haben wohl Göttliches genossen, aber sind vor dem Tode eine Null. Alles
war Lüge, die wir uns gestatteten. Wir waren einsam im Getümmel. Waren
frauenlos in den heißesten Weibernächten. Wir haben uns mit Kameradschaft
gepanzert, aber, ach, es überließ uns dem Nichts. Die Menschen haben uns
wie Bienenschwärme umschart, aber wir haben uns getäuscht, sie haben nichts
genutzt.
Die Landschaft, von der wir dachten, sie tränke uns, durchspüle uns mit
Geruch, Fels, Wald und Baum, seliger See, einzigem Meer, weicht aus, wenn
unser tödlicher Blick sie sucht. Die Natur ist feig wie ein Hund, unfähig
dem, der ihr nichts zubringt, zu geben, uneingedenk der Zeit, wo wir, als
wir olympisch zu schweifen glaubten, sie wie eine reife Polle aus der
Ewigkeitstunde schlürften.
Wir haben sie nicht erlebt, sondern in sie hinein gedacht, was wir
wünschten. Mit den Leidenschaften, die sterben, erlischt auch ihr
Gegenstand. Man ist in Einsamkeit.
Wir Armen.
Wenn wir nüchtern sind, sehen wir unsere Spiegel. Wir haben uns an uns
selbst berauscht. Haben unsere Stimme mit Glanz, den nur jugendliche Kraft
so schmerzlich und hallend verlieh, ohne Echo hinausgerufen. Wir haben die
besten Stunden wegen Chimären verlitten. Als wir am schönsten glühten,
waren wir in schweiniger Bitternis.
Wir haben in der Tat die Welt umschifft, um als Drecksäcke in die Hafen zu
laufen. Ausgestreut haben wir, aber nichts eingenommen. Gegründet haben
wir, die Bilanz ist bankerott.
Auf Sternpolen haben wir uns wie Dioskuren verschmolzen, aber liegen als
Pack vor die Karren gekehrt. Das ist der Schluß. Man kommt nicht heraus aus
der Einsamkeit.
Dann aber, Uga, stehen wir allein unter Gewittern, verödet, trostlos,
preisgegeben, und der Fluch zerschlägt auch selbst hinter uns die
Erinnerung unserer Fahrt, die manchmal doch an paradisische Landschaften
kreuzte. Die Blitze sind nüchtern, wenn sie zerstören. Wo bist du? Wir
sehen einander nicht mehr.
* * *
Wir Kleinmütigen. Wir Schlucker der Verzweiflung. Dieses Leben.
Wie herrlich muß es sein, daß auch seine besten Tugenden manchmal selbst
den Kühnsten bezweifelbar scheinen.
Welches Glück, daß wir erkennen: Bestien sind wir. Belämmert, klein,
Ausgespiene, verdammt von der Geburt auf. Wir haben als Helden uns
maskiert, wenn wir als Hyänen uns fühlten. Wir haben uns Mächte angemaßt,
die wir, nur gedrehte Figuren, nie besaßen. Haben uns empört, die wir
zerbrechlicher sind wie Glas. Wir sind Arme und Trübselige, im Verbrechen
befangen, nach Schmutz sehnsüchtig, Größe abgewandt mit Eifer, und selbst
in unseren Instinkten unverzeihlich mißleitet.
Denn da beginnt erst unser Anfang, indem wir, ohne die Möglichkeit, tiefer
zu fallen, unser Elend und unsere Wünsche vergleichend, die Sehnsucht nach
der besseren Station wie alles Irdische in uns tragend, die Himmelfahrt
jedes Aases antreten.
Je tiefer wir uns wissen und je geringer wir uns einschätzen, um so heller
sind noch immer die Montgolfieren der Leidenschaft in unwahrscheinliche
Möglichkeiten geschwebt.
Wir bekommen langsam die zwei Gesichter, von denen das eine erbleicht über
unser Elend, während gleichzeitig schwärmerisch das andere in graziösen
Minuten Glückshügel überschweift.
Denn wir sind kühn genug, das Nichts zu überschreiten und an die Tiefe
unserer Erbärmlichkeit die Höhe unserer Leidenschaft anzuschließen, mutig
genug, statt Sklaven uns zu Herren aufzuschwingen in den Spiralen des
Ewigen, in die wir, seltsame Schicksals-Looping-the-loop-Fahrer, gehängt
sind.
Wir haben kein Anrecht auf Glück.
Gut.
Erobern wir es.
Würden wir nicht gleich platten Fröschen manchmal zusammengeknallt auf die
Tiefe unserer Erbärmlichkeit, wir fänden, Satte, Eitle, nicht die Kraft,
die großen atemlosen Mondaufgänge immer wieder mit erregten Herzen zu
erwarten, die ruhige Sonne über Tulpenbeeten zu genießen und über den
Wäldern geheimnisvoll die wandernden Regenbogen zu suchen.
Seltsames Leben.
Wie niederschmetternd muß es im Grund sein, daß selbst die Kühnsten so sehr
sich daran zu begeistern verstehen.
O wie erinnere ich mich der Sybilla Monti, die aus dem schmalen Hafen von
Antibes mit der gleitenden Bewegung der südlichen Frau, die frische
Syphilis im Körper, verkleidet als Schiffsjunge, gesucht von Polizisten,
mit dem großen Segelschiff in das tödliche Schicksal fuhr . . . .
aber
gereizt von der unwiederbringlichen Schönheit, mit der von den Seealpen her
über Aloe, Orange und Lorbeer der Mond das Silberrot der Wellen wie Duft in
sein Licht hinaufzog, die Arme in eine große Bewegung des Entzückens vor
dem ersten Segel aufzuheben wagte -- -- -- eh wir sie morgens mit den
tierisch schönen nackten Oberschenkeln an den Strand getrieben sahen.
Wie ging da sterngleich jener Frühling der Erkenntnis am südlichen Meer
meiner dumpferen Jugend auf:
O Frau
von Tervani, vor deren weißer Palmvilla und abenteuerlichem Schmerz mir der
Mai die fremde Seelandschaft berauschend versang, wo ich die hellen Stufen
von dem Olivenpark zum Strand Abend um Abend hinuntergehend meinen
verschollenen Bruder als Steward im Hafen des nachbarlichen Genua erwartete
auf einem nie nahenden Schlepper, wo Rosmarin und Buchsbaum und das Licht
des gelben Ölbaumholzes aus dem Kamin Frau von Tervani umrahmten -- -- --
-- -- bis ich aus dem Erwachen ihrer Arme heraus blitzhaft durch die hohen
aufgegangnen schmalen Läden über der Terrasse unten im Hafen die ägyptische
Fregatte Bonapartes erblickte . . . .
. . . . . daß von dieser Sekunde ab die Wollust mich mit jeder Segelflaute,
jedem Wolkenschauer über der süßen Bucht, jedem goldnen Pirol, der uns aus
dem Hain herauf weckte, unzähmbar überschwemmte:
nun in die noch unbekannten
Länder aufzubrechen, Tiere zu suchen fabelhafter Form, Menschen
beispielloser Vielfalt zu erkennen und genießen und belauschen, Städte,
Meere, Kape zu übersteigen, Früchte im Morgen, Dampfer an der Reede, Stürme
an den Antillen und Schmerzen der Sehnsucht zu erblicken . . . . . . und
einmal dann am Ende in Bücher Menschen ohne Zahl und überlegen wie Körner
durch das Sandglas stürzen zu lassen, daß noch vier Generationen der Jugend
nach mir sagen werden: welch ein herrlich Lebendiger hat hier unvergeßlich
gewandert.
* * *
Uga, welche Unterwerfungen hat es seither gekostet, Geliebte, bis ich
erkannte, wie begrenzt wir sind in dem Dasein und beschämend eingehürdet in
diese Welt, daß ich schließlich vermochte, auch über die Zweifel unserer
Unzulänglichkeit hinweg so Verflüchtigendes und so göttlich Unerreichbares
wie dich, Uga, ganz zu umfassen und auch wunschlos noch zu genießen und zu
lieben, wo unsere Hände schon im Leeren treiben und unsere Leidenschaften
nicht mehr genügen und fassen.
Welche Opfer und welche Entbehrungen, um dies Ruhige zu erreichen und nicht
weiter zu trotzen . . . . . du sahst es nicht. Wenige werden sie meinem
Leben und der ihnen zugewandten Fläche meiner Existenz glauben. Niemand
wird es wissen.
Es muß nicht sein.
* * *
In diesen Tagen kam der Föhn unter wolkenlosen Sternen über die Steppen
gefallen. Er wirft sich auf Lil Pax' Herz.
Sie lächelt. Wenn sie allein ist, stöhnt sie leis. Depeschen kommen.
Menschen fahren heran. Eis, Kaviar, Kompotte . . . . man sendet das
Erdenkliche in die Villa. Sie erhält Kampfer, Veronal, Morphium. Es
vergiftet sie, sie lehnt ab. Die Atemnot kommt. Ich sitze an ihrem Lager.
Die Helferinnen pumpen den Sauerstoff über ihr Gesicht. Das Telephon ist
belagert. Sie empfängt niemand. Eine Rippenfellentzündung trifft in eine
Nacht, sie breitet sich nicht aus.
Sie sieht wie auf ein Spiel, ob ihr Körper es überwindet, ob er versagt.
Sie hat die uninteressierte Neugier mit leichter Ironie um den Mund. Als
sie keinen Atem mehr bekommt, verliert sie die Teilnahme an der Krankheit
ganz. Sie wendet sich scharfsichtig den Dingen zu, die sie mit der Welt
verbinden. Nichts erleidet eine Störung. Sie diktiert ihre Post. Sie
empfängt, sie unterhält sich. Der Atem versagt. Sie verlacht mit
liebenswürdigem Spott die kleine Nonne, die neben ihrem Kissen den Jesus
verküßt: »Haben Sie keinen anderen Geliebten?« Der schönen Nonne stürzen
die Tränen. So groß ist die Rührung ihres Zaubers.
Aber als nachts plötzlich die Fieber sanken, das Herz ruhig pumpte, die
Rippeninflammation zurückging, die Krise überschwang . . . . . nahm sie
Lächeln und Maske des irdischen Aufenthalts von den Augen:
Sie entfernte sich in
einer erschreckenden Anmut. In einem unbeschreiblichen Prozeß der Lösung
schien der Körper immer weiter sich zu verflüchtigen, und ihr Geist allein
beherrschte in quecksilberner Reine die Bögen der Stirn. Ihre Hände
schienen nicht mehr da, die Augen, der Mund waren verloren, aber ich habe
nie sie so deutlich und greifbar in jeder Muskel gespürt.
Ich hatte falsch gespielt. Ich hatte das Rauschen des knospenden Birkbaums
im Garten zu ihr geführt. Ich habe Äpfel, die noch rochen, ich habe Krokus,
Aprikosenzweige in Blüte gebracht. Ich legte eine Katze an ihr Bett, sie
hörte das Jägerische an ihr. Ich habe einen Wackerstein des Flusses auf
ihre Hand gelegt, daß sie das Murmeln der Wellen wieder höre.
Sie war zwar gefolgt.
Der Kern wohl ihres leidenschaftlichen Blutes war dem Glühenden hier wie
immer nachgeschritten und hatte sich angesogen an das Pfeifen des Föhn und
die Wiesen voll Himmelschlüsseln und den betäubenden Heranmarsch des
blühenden Grases von allen Hängen und Matten.
Aber ihr Geist lächelte: das Spiel zerfiel.
Sie wollte nicht mehr zurück den Weg über die dreiundzwanzig Nächte der
Qual. Er hatte sie zu weit vom Leben entführt, als daß sie um den Tausch
eines zerbrochenen Körpers die große Sinnlichkeit gegeben hätte. Denn was
geblieben wäre, war Aussicht auf Qualen in einem Nichts an Leben. Sie legte
es zu dem andern: »Meine Mission ist getan. Was bliebe, ist zu gering für
meinen Anspruch.«
Sie hatte zuviel Stolz in ihrer Milde: das gute Material, aus dem sie
gebaut war, wehrte sich am falschen Platz. Platin und Stahl des schmalen
Körpers hielten bis zum Zersprengen, als sie schon abschloß. Sie erwachte:
»Es ist spät.«
Die Schwester, geneigt: »Du bist müd Lil.« Sie richtete sich auf: »Man muß
sich nicht gehen lassen.« Die Augen, weit offen, sahen nichts mehr.
Die schmalen braunen Märtyrerhände lagen auf der gelben Seide der Decke.
Sie lagen schön und körperlos. Die donnernde Sonne des Hochgebirgs wird sie
nicht mehr verbrennen.
Dann machte sie noch eine Bewegung --: sie wandte, unzwingbar, dem Feind,
der seit Jahren in ihr zerstörte, mit einer unerschreckbaren Größe, gebend,
mild das Gesicht zu, daß er erbleichte. Sie war souverän. Er besiegte sie
nicht. Sie gab sich hin.
Zum erstenmal ließ sie sich gehen. Ach, es haben viele geweint.
Was ist nun Sterben?
Ich habe mit niemand über diese Tage viel und groß gesprochen. Wie
glücklich bin ich. Wie frei.
Greller, gewaltiger, asiatischen, aber schön gedämpften Musiken gleich
rollt aus dem Westen über mich täglich der schmetternden roten Sonne zu die
heimliche dunkele über meinen Horizont.
Wenn sie sich schneiden, ists Mittag. Abends erlöschen sie beide an den
Polen der Fläche. Nachts kreisen sie unter mir. Ich spüre sie beide
unauslöschlich, jede in ihrem Kreis.
Ich fahre.
Mit abenteuerlicher Fülle wirft mir der Maingau den aufduftenden Sommer mit
allen Prärien und Wassern und Wäldern und Hügeln und Flüssen dazwischen
entgegen. Ich gehe mit festen Schenkeln und der hochgewölbten Brust des
Seglers und Fechters in ihn hinein.