Am vierten Tage kommen Kerstins Pferde, schellen im Garten, treten,
stampfen, werfen auf eine Säule Dampf. Ich trete ans Fenster, fasse den
Laden fest. Nehme die Skier.
Folge Kerstin in ihr Haus.
Staune nicht.
* * *
Es scheint, als gebe das Klavier Kerstin eine bewundernswürdige Maske von
Kraft und Zorn, und die Vollendung ihrer Hände erreiche in der Berührung
der Tasten eine Erhöhung der Töne, die sich dichter immer zwischen sie und
mein Hören stellte . . . und die langsame Verdunklung ihrer riesigen Diele
sammle aus der florentinischen Seide der Wände und den aus Feuer gefärbten
Bildern Marées eine Stärke, die sie mir wehmütiger und ferner entzog.
Sie sprang zu Chopin.
Ihr Rücken bog sich wie ein Coli im Sprung, und jene Süßigkeit der
Weidengerten war dazugegeben, die den März zum schmiegsamsten und
verführerischsten aller Monate macht.
Ich verstand die Musik nicht, die sie davontrug, und ich fand, man vermöge
wenig Sinn zu finden für dieses, wo die Natur uns täglich säugt und wir
verliebt sind in sie mit unsterblichen Gästen.
Ich sage:
»Weißt du, wie Lia von Florenz sprach und
jener Sonne Eures Ateliers und Speyer und Lucius und jener Sinfonie, die
mit Gold und Musik Ihr morgens über die Hügel stürztet -- und ich schwarz,
zerschlagen, gepeinigt vom Bild jener Stadt, in der ich diese Zeit damals
verbrachte (Stadt bestürzender Enge, niederen Behagens, wohlgenährt, aber
ohne Wollust, Stadt, der ein Schicksal Prüfungen nie gab, feist, faul und
bürgerlich und selbst zu feig zur Sünde) -- -- daß ich gepeinigt nicht
sagte: Dulden ist mein Los -- -- sondern ins Gewitterblau der Pflaumenbäume
hinausging, am Bach Gott bat, mich hochzureißen an den Rändern des Gefühls,
mit Zorn mich anzuschwellen, zu tränken und zu stärken, daß ich, unser
dichterisches Schicksal erfüllend, blutigen Mundes den Haß der Vaterstädte
ausrufe . . . . .
und daß ich, weißt du noch, am gleichen
Abend, als der Berg rot flammte, Vollmond aufsprang zwischen den Ufern,
Hügel violett und bebend sich malten auf die sie kaum ertragende
himmlisch-japanische Seide, daß ich in Eurem Boot dennoch nichts anderes
tat, als dein Gesicht zu preisen. Es war mir nah wie mein Herz, und wie es
heraufstieg aus der illustren Kette der großen Revolutionäre und Helden
Deiner Familie und das Unvereinbare trug der Hingebung _und_ des
grenzenlosen Hochmuts (über den schwarzen Brauen und unter dem rauhen Helm
der roten Haare), traf es mich in einer unbeschreiblichen Erlösung:
nie habe gemischtes Blut von Franzosen,
Juden, Aristokraten, Dichtern und Deutschen soviel wilde Schlankheit der
Hüften und schmerzliche Verhaltenheit der schönen Nase in eine lückenlosere
Harmonie des guten Weltbildes getragen . . . . . und der See hielt deinen
Leib wie ein Schild mit inbrünstiger Entsagung gegen den von Schwärmen
übersternten Himmel.
Weißt du . . . . . als an dem Tage, wo draußen an der Notbucht einer
umschlug, und die Kreuzbö uns überfiel, zu dritt wir uns über Backbord
warfen, es drückten, den Gesandten Teherans von zwei Meter Länge im Lee
durch das schwarze Wasser zogen, und Maria, als es ums Sterben ging, das
Focktau in die letzte Messingpumpe sog . . . . . wie dein Gesicht allein
mir lohte.
. . . . . wie von dem Turm,
wo nach dem Wasser einer wie ein Croupier, einer zum Land wie ein Rabe
malte, jener Reiter, von Entzückung Illuminierter, dir die ganze Nacht
Feuer über die Seezunge brannte.
. . . . . wie wir durch die Sturmnacht auf
den Rädern um die Seebögen heimwärts rannten, und das Aleppogeträum des
Prinzen und Bagdad und Pera unsere Herzen verband, als lägen wir Gesicht an
Gesicht in deinem Haus zu Fiesole.
. . . . wie der große Geländeläufer,
in Davos und Edinburgh gefeiert, dich schlafend morgens im Boot entführte
und abends abreiste mit eingesunkener Schläfe
. . . . . wie der Ritter von Harty, dem die hohen
kriegerischen Medaillen die Brust überschwammen, die Regatta unter deinen
Augen verlor, am Strand saß und heulte
. . . . . und wie der Arm der Diseuse, die nach dem
Gewitter gedeutet, magnetisch angezogen dem Blitz nachjagte und auf ihn
noch wies nach zwei Stunden auf deinem Balkon und dich ein wenig verwirrte.
. . . . . weißt du, wie
ich die flachen Hechtsprünge machte, um dir zu gefallen, obwohl die Narbe
mich feurig schmerzte, und deine Hände, die gemacht sind, daß, wenn man
dich liebt, man sie spüren muß oder krepieren, sie sänftigte und meine
Eitelkeit linder tadelten als dein Wort.
. . . . . weißt du, wie, als wir am
Bach lagen, und die Idylle des Himmels und der Häuser uns verzauberte im
gläsernen Mittagssturz, jene fremde augenmalayische Frau mit dem schönen
Mund und den vielen Steinen, die wir als große Freundin von der
Freundschaft später so sehr noch lieben sollten, das Auto anhalten ließ und
ausstieg und zu dir einfach sagte: »Wie schön sind Sie«, als seiest du eine
Wiese.
Aber eins, weißt du, kann ich nicht ertragen:
Du hast
zwischen Tau, Flieder und Vögeln mit deinem Körper getanzt in unserem Park
am Morgen, und nichts blieb uns fremd von deinem Bein und deinem Hals und
den Brüsten -- -- und ich habe jeden Teil durch die Luft genossen und
geliebkost wie ein Irrer . . . . .
und kein Teil deines Körpers,
Kerstin, vergaß mich (wenn ich anders sprach, log ich) und jeder hielt an
sich, blieb bei mir und besaß mich toll in den Jahren, die sich, während
ich uneingedenk deines Schicksals durch viele Leben dahintrieb,
geheimnisvoll zwischen dein Leben damals und dein heut verhülltes Leben
spannen, meine Freundin.«
Sie stand auf.
Die zwei dänischen Doggen gehen vor ihr her.
* * *
Ich folge. Ihrem Rücken nach. Ein Fischer, Kerstin, hat mich einer Frau mit
weißen Beinen aufgeladen, hielt mit der einen Hand ihren Hals, mit der
andern die Knie. Ich wurde in einem Boot gemacht. Flog mit Störchen, blies
Frösche auf, vergaß nie, daß der schlagende Horizont einziger Freund.
Kam, als das Geheimnis der aufgebauten Körper mir noch Erlebnis schien,
wert nachzuspüren dem göttlichen Zusammenhang Eileiter, Sonne, Hoden, Niere
und Leidenschaft, mit der Syphilisexpedition, mit Reagenzen,
Spiritusblasen, Zeichnungen, Wassermann, Abnormitäten, nach Sumatra.
Ätiopinnen liebten mich, wenn wir auf den Schilfbarken fuhren. Tja--ka
. . i lärmten die Papageitaucher hinter Trontje.
Mein blondes Haar band die schmale Luxemburgerin im September vor ihrer
großen Heirat um ihre Zehen. Habe an Häfen gelungert, war Photomodell,
Araber im Sketsch des Odéon, verkaufte Zeitungen vor der Opéra und quer
über die Boulevards. Wie groß war der Sandwind selbst der Passy-Kloaken!
Wie stählern flog der Himmel auffeuernd hinter dem Rußschwanz der
Seineschlepper. Ich habe Tierschmalz in den Knochen. Wohne in einem
Bauernhaus, Kerstin, das in der Sonne schaukelt auf einem Bergpfeil. Mit
dem Pfiff auf zwei Fingern hole ich den Himmel runter wie einen Hund.
Was soll mir hier um dich der Plunder?
Sag, Antilope, blaugelber Ara, Perlreiher, kleinpupilliger Puma, zahmer
Südleopard . . . . . was soll mein Blut mit dem Angehäuften, Verfaulten,
hinfälligen Zauber, der dich verkapselt, und den, eh die fremden Hände in
diesem Haus ihn um dich zogen wie einen Keuschheitsgürtel um deine Schenkel
und Augen, Jahrhunderte nur blutlos häuften, verehrten, bewunderten, um
allein dich abzuschnüren von mir, von dir. Niemand kann lachen in dieser
Feierlichkeit hier. Doggen erfrieren und gähnen. Mir ist im Hals, als äße
ich Waldkirschen, Galläpfel, Holzbirnen.
Der Römer aus Bronze glänzt ab auf deinem Rücken. Die sieben Knaben
Donatellos werfen den Marmor auf dich und verkühlen dich zu Ferne. Die
frechen, schmalen Stiele der Orchideen überwuchern dich mit solcher
Geilheit, daß sie der Köstlichkeit des Halses noch verzaubertere Linien
hinzufügen.
Und die Luft der Gobelins, gebogener Kassetten, der geschlechtlosen Figuren
des marmornen Klassizisten Hildebrandt . . . . saugen dich auf in ein Maß
der Entzogenheit, daß selbst der weiche Staub des Wassernebels vor dir
zurückfüllt.
Was geschieht, bezaubert, besitzt dich so stark, daß selbst die sechs
Sekunden, die ich dir über die Veranda langsam folge, dich, um die unsere
Statuetten gierig glühten am See, Schmetterlinge und Tücher brannten,
Sträuche wie Wind wehten, daß selbst die sechs Sekunden dich verhüllen und
vermoosen und hineintauchen in dies deinem Wesen Un-Nahe, Verhaßte, langsam
Entfremdende? -- -- --
Sie bleibt stehen.
Ich schaue auf.
Die Brust des Schlosses stürzt vor meinem Blick mit einer Glaswelle über
den Abgrund.
Da steigt und bäumt das Gebirge draußen auf hinter dem Glassturz, flammt im
Saublut des Mittag, steigt und brüllt und saust und sinkt hinter die
glitzernde Scheibe wie eine geblasene Spiegelung.
Eine Sekunde schwebt auf den Wagbalken.
Welches ist die Welt, die eigentlich mich explodierende, aufschwingende:
draußen das? Hier? Ist draußen das ein Phantom, was ich liebe zum
Verrücktsein, die Brust der Alpen, an denen selbst die Schweine gut wurden,
das Hochkar, das gleich machte, das Menschliche aufschälte wie eine Orange,
Lawinen, dressierte Sturmflocken, die Mutterbrüste der Schneehimmel, an
denen wir hingen, an ihrem fahlen Zinnglanz schmatzend, saufend, mit vollen
Mäulern? Ist das nichts, nicht ein Winterinhalt, ein Leben? Verzuckt es
hinter dem Glas? Hält nicht stand dem Leben hier drinnen, dem wilden Geruch
aus dem Jahrhundert, der Gebärde schrankenlos aufsteigenden Daseins,
verwirrenden Gobelinsprüchen, Waffen, dem Bauch des Michelangelos Tritonen?
Wird es schon Blase. Zerplatzt, abgenutzt, blaß, ein Nichts? Blähung, die
mir ins Gesicht fährt? Spiegelung, die mein Blut betrog. War mein Leben
umsonst?
Da dreht Kerstin ihre Hüfte in die bebende Sekunde mit einer Bewegung der
Achsel, wie, mit Kristianiaschwung brausend, sie gestern bremste, als neben
mir, in Hosen die schönste Statue, sie in den flamingonen Abend mit mir vom
Gletscher schoß. Die Wagzunge bebt.
Die Wage schwankt, geht hoch.
Ich sehe endlich ihr wahres Gesicht, ihr Gesicht.
Mit leidenschaftlicher Durchdringung durchsüßen die Bogen der Schneefelder,
wie herübergeschienen, ihre Haare, die Brauen. Sie spiegeln sich ineinander
in tiefem Hingegebensein, bis sie, sich vertauschend, vergehen.
Es war, als mische in einer unlösbaren Sekunde die Landschaft und das Weib
sich, die wir beide nur durcheinander ganz zusammen und vereinigt unendlich
lieben und erfassen können bis zum Tode, auf ihrem Gesicht zu einer
Vollendung, in der die Glut keines Sommers, das Zucken keiner Umarmung,
nicht die Ausschweifung der Mondnacht, keine Gefahr, Demut und Riskieren,
und die blutige Wut keines Eistages fehlte.
Wie strudeln die Weidenbäume märzlich herein! Suchen Schneeflammen sich an
dir zu zerstören. Tost der Kessel vom Signal des Bobs und erschüttert der
Himmel sich mit Süße!
Die Wagschale saust in die Höhe. Dein wahrer Kopf kommt herauf. Ich sprenge
die Zeit von deinem Mund, deinem Auge. Breche es auf bis ins Blut. Dein
Gesicht kommt herauf. Ist da. Ist da. Ich sehe jede Spur deines Körpers,
wie an dem Tag, da du tanztest.
* * *
Zwei Tage werde ich dein von innen mir zugewandtes Gesicht sehen wie den
segelnden Mond. Ich will dir den Abgesang bereiten, meine Freundin.
Du wirst die schönste sein auf dem Wege von der Geliebten zu der Kameradin,
und das Geheimnis wird sich in dir bestätigen von der späten Freundschaft
mit den Frauen, an deren Brust wir von der Pilgerfahrt wie an der
Mondflamme uns golden ausgeruht.
Dein Schritt wird als ein Echo irgendwo lauschend stehen. Aus jedem Spiegel
wird unserem eigenen dein tragischer Stolz entgegenschnellen und
verschwimmen. In großer Brandung wird dein Gedanke mich treffen.
Selbst unsere seltene Ruhe wird durch dich schwebender und gleich einer
Ballonfahrtschleife, deren Klarheit die Geräusche des Bodens in der Ahnung
nur steigert, aufglänzt, hebt.
Jedermann weiß, was das Summen einer Goldfliege an Ungeheurem ist in einer
Sommerkuppel. So warst du.
Als du kamst, sangen die Hunde dir zu in ihren Träumen. Die Sarabande der
Sturzbäche machte eine silberne Wolke hinter dir, und dein jungfräuliches
Herz verlangte nichts andres, als guten Saft deines Lebens meinem
Eindringen entgegenzutreiben.
Und siehe:
Dennoch . . . . . bringst du Unheil über mich
und alles, was ich tue.
Schon im Sommer barst der Riemen, verlor ich die Wette, kenterten wir beim
Halsen, mißlang eine Arbeit von drei Jahren. Heute nacht sprang meine Uhr,
raste ein Wecker, kam ein Todtelegramm. So vieles schon treiben die wenigen
Stunden herauf, seit ich deinen Geruch wieder spüre. Wird morgen der Sprung
vom Skihügel meine Knochen zerknacken, wird mein Schlaf mir entzogen,
erkrankt meine Niere, wird der Geliebte der Midussi, weil sie noch bleibt,
der Locke inmitten ihrer Stirne halber, am Bahnhof mit dem Revolver mir
auflauern, mich erschießen?
Dann bist du entfernt, und die Geschicke knallen aus den Federn.
Aber ich lache.
Siehe den Sinn herauf der Kraft und weiche nicht eine Minute. Gerne hielte
ich, verzaubert von solchem Schicksal-Gegner, die Hand in deinem schönen
Fleisch, entzückte Parade, und mein trommelndes Herz wäre jede Sekunde
bereit, durch die Tranches, die Fahnen, Tanks und die Marne des Schicksals
hindurch sich zu schlagen. Denn siehe: ich kann nicht leben, wenn nicht
mein Ehrgeiz Flamme speit gegen Widerstände, Schicksale abdonnert, sich
riskiert -- und der Condottieri meiner Adern aufbricht, steigt, strömt vor
Stolz.
Aber du.
Du hast deine Schönheit in wechselndem Spiele ausgeliehen an die Dinge, die
um dich sind. Es liebt dich jeder Baum, jede Wiese und jeder Himmel. Zu
festes Halten ist Tod aber für die großen Liebenden. Deine blumenhafte
Zartheit abzulenken vom sanften Gleiten deiner fatalen glückhaften Bewegung
in die anderen Zustände deines Verweilens, zerstörte nur deine kostbare
Form. Es heißt zurückgeben dich an das Viele, dem du gehörst, Entzogene den
Leberblumen, dem Kiesweg, dem Hochkar, den Matten des Forellentals und
Weidentroddeln der Bäche, den Dörfern, Gehöften. Sie lieben dich alle,
warten in Sehnsucht. Ich kann sie nicht ersetzen, nicht immer um dich sein,
dich nicht mit tausend Vertauschungen sehnsüchtig halten.
Wie sollte ich leben?
Nur auf der Höhe der weit und wie Pfauenräder verwirrend geschwungenen
Gefühle uns begegnen, durchdringen und kulminierend besitzen -- -- wie
schön unser Schicksal.
Du wirst nicht weinen.
Der Abendgesang der Berge ist wie Glas. Regenbogen des Mondes spielen
darauf. Die Schweife der Pferde sirren dir nach: Geliebtes.
Selbst Lil Pax wird in den guten Stunden ihrer Krankheit beten, daß du
sanft durch den Abschied entgleitest und gut es hast, bis idiotische
Schaffner den Morgen aufgellen: Fiume . . . Buccari . . . Czirqueniza
. . . und milde See dein florentinisches Lächeln spiegelnd tragen.
* * *
Die Leidenschaften haben sich erfüllt. Selbst die Trennung ist da eine
heitere Bewegung. Man muß zu leben wissen und sich einrichten. Man trägt
den Kopf nicht zwischen den Schultern nach hinten. Hinter Gewesenem
seufzen? Die Sentimentalen haben nie eine Frucht aus der Leidenschaft
gezogen. Daß etwas so war, ist eine Herrlichkeit. Schied es in Harmonie,
welch ein Besitz!
Als ich mit Lil Pax am Abend um den See fuhr, hatte Uga, die Bronzenymphe
des Grundes, ihre Lage verlassen und es schien, daß sie sich mit Bauch und
Gesicht ein wenig gegen den Wagen hin unter der grassilbernen Oberfläche
bewege.
Das Grün kam aus der Tiefe um ihre Glieder mit einer Stille herauf, daß
dieser wundervollen Bewegung nur der Mond noch jene gewisse Starre
hinzuzufügen vermochte, mit der er riesenhaft die Fahne der Schneefelder
entrollte.
Der Mund neben mir lächelte voll Zurückhaltung.
Es gab nichts mehr in der Dämmerung als die selbstverständliche Bewegung
der Nymphe. Um Baum und Eis und Pferde schwankte ihre Erinnerung. Dem Lauf
der mondmagischen Berge gab sie das Maß ihrer Gegenwart. Wir fuhren durch
die Fichten wie durch ein Spalier dieser Anmut, wenn sie sich in dem Reif
bewegten.
»Kann man«, sage ich, »jetzt noch den Mut finden zu glauben -- und sei es
nur der Sportlichkeit der Vergleichung halber -- daß eine unter der Masse
jüdischer Rodlerinnen, Danziger Offiziersfrauen, der Filmerinnen, bebuster
Antiquariatsweiber, württembergischer Reichsgräfinnen, der
Pilules-Orientales-Breeches, der Dichterinnen, der A. E. G.-Direktricen
. . . . . daß eine nur vermöchte, dieser göttlichen Bewegung sich
anzugleichen und auch nur annähernd dieser Überlegenheit nahezukommen
. . . .
daß eine vermöchte,
zwischen dem zarten Rosa der hochgeschwungenen Wade und den breiten dunklen
Schenkeln, Kniescheiben von dieser Kleine und Rundung zu wiegen und die
stählerne Wucht der Jägerin auf so verengten Hüften zu heben, daß Kerstin
selbst diese Linien der Göttin nur in ihren besten Stunden ertrüge . . . .
. .
daß zwischen hirnlosen gelben Husaren im
Schlitten solch unirdische Geste irgendwo hier aufzustehen vermöchte, und
daß unter der Verbrämung der Pelze der Blick einer solcher Anmut
gleichkommenden Frau den Horizont absuchen könne bei den idiotischen
Foxtrottphrasen der bayrischen Flachstirnen . . . . . .
daß am Tisch in der Nase bohrender
Tanzdivisionäre, korsettierter Hochstapler, kastrierter Erlauchte, gemalter
Perlenweiber eine so gestaltete Frau die Angst der rasenden
Großkapitalisten umschwirre . . . . .
daß
sie eintrete in von jüdischem Kommerzienrat mit dunkelbrauner Glatze und
schlechten Knickerbokkers ihr geöffneten ausgehaltenen Appartements . . . .
. .
daß vielleicht auf dem
Eliteball der geflüchteten Aristokratie sie heimlich ihren Fächer trüge,
und, in weißen Handschuhen und Hofballpantomime in schäbigem Restaurant die
verfallene Zeit in den kleinsten Symbolen aus Trotz betonend, vor
Spartakiden jede Minute erzitternd, zwischen schlecht geratenen fürstlichen
Kuriositäten und vermiesten Exzellenzen in steifen Tänzen stünde . . . . .
. und vielleicht sogar in einer unheilvollen Sekunde dem fehlenden Kinn und
der Grande-Bouche-Chevalerie des hohenzollernschen Reichspinguins
entsetzlich verfiele . . . . . .
und daß in der plötzlich ausgelöschten
und ohne diese Erinnerung freudlos gewordenen Schneesteppe überhaupt
irgendwo, daß in Hotels, auf Bobs, bei Sonnenaufgängen, in gescheiterten
Schlitten, bei Skistarts sich die grenzenlose Überraschung solch göttlichen
Lächelns zu entfalten vermöchte, an dessen Entzündung die Leidenschaften
erst sich zu entwickeln vermöchten in die märchenhafte Höhe . . . . . . --
-- --
Aber alles in mir wird
nun trotzdem die entsetzliche Bemühung antreten, dennoch ein lebendes
Ebenbild zu finden, das, ebenso erlesen und dieser Gebärde an Schönheit
vergleichbar, der frauenhaften Adligkeit Kerstins auch noch das
Unbegreifliche der Göttin hinzufügte. Suchen wir. Es gibt keine
Phantasien.«
Aber es kam scharf aus den Pelzen, die einer Wolke gleich über dem
Wagenbord flauschten:
sie vermöge in Wunsch
und Absicht dieses Planes schon nichts anderes zu sehen als jene maßlose
Überhebung unserer Rasse, die, ohne Übergang der Kulturen, das Herrliche
sofort für sich requiriere . . . . . und die wir glaubten, pathologische
Athleten, neben der Dummheit den Mut der Stiere als Erbschaft tragend, auch
das Gezüchtetste und Überirdische neige ohne Bemühung schon sich unsrer
Ungestalt als natürliche Beute . . . . . .
und daß das kindische Haschen (und nicht begehrenlos
Ertragenkönnen) nach der göttlichen Spiegelung mit seiner rohen und nur auf
Gewalt gestellten Äußerung in seiner naiven Zufriedenheit schon jener
unendlichen Rührung nahekomme, mit der der Glaube unsres Volkes, Gott habe
vor anderen es auserwählt zur Herrlichkeit (obwohl er es mehr wie irgendein
anderes als Sklaven gestempelt und täglich vor die Tiere warf) seine
schwarz-weiß-roten Patrioten als so besonders arme Akkoucheure des Glückes
erscheinen lasse . . . . . .
und daß schließlich doch nur Besessene
und Wilde das Unmögliche nicht zurückschrecke, die wir auch nach der
tragischen Lächerlichkeit unserer Revolten seit der Reformation bis zu den
Bolschewiken das Bittre unserer menschlichen Unvollkommenheit immer noch
nicht als Verworfenes erkennten . . . . . und unserer Rasse tiefste
Mischung von Roheit und Sentimentalität auch in den überlegensten Minuten
nicht verleugneten . . . . .: Barbaren der Sehnsucht. -- -- --
Wieder überflog ihr Auge und den Mund der Charme, der an ihr Leben
bedingungslos band, und der auch in der Anklage dem Gezüchtigten
Bewunderung nicht entzog: »Immer«, klagte sie, »sind die erstaunlichen
Vögel seewärts gezogen und ins Meer gestürzt. Man kann sie nicht hindern.«
Ich wende mich den Pferden zu vor Lachen.
In ihre Kosakenpupillen ist plötzlich das Grün getreten. Auf dem Bach zur
Linken flimmert es in Kreiseln. Der Hohlspiegel der Gletscher wirft es mit
Scheinwerfern herauf über die Schneeprärien. Die Erinnerung der Nymphe ist
aus dem Spalier der bereiften Bäume heraus bis vor den Himmel gedrungen.
Alle Entgegenkommenden haben Seefarbe über den Brauen. -- -- --
Da liegt nun das Leben zum Suchen. Die Leidenschaften sind in die größte
Spannung getreten. Man sollte das Unvergleichliche nie erblicken. Man tötet
sich aus Sehnsucht.
Wann hat das Göttliche je sich heruntergeneigt?
Ich finde es trotzdem.
Das Glück ist eine Hure für junge Leute und bereit für die zwischen Zwanzig
und Dreißig den Traum einer Taille zu bestätigen.
Uga!
Ich finde deine Bewegung wieder, mit der du das Wasser deines Sees ein
wenig erregtest und ich zittre, du seist es selber, so sehr hat die Frau,
die auf Skiern nun steht und gegen das Gebiß der Gebirgszüge hineinschwebt,
deine Kraft und deine Kühnheit. Sie hat die Hände in den Taschen und fährt
mit karierten Breeches, die die Bluse wie einen Kelch heben. Man muß sie
auf Skiern erreichen. Es ist eine wahrhaftige Jagd.
Uga!
Ich hole sie ein. Es ist unmöglich ihr einen anderen Namen zu geben. Ihre
Haltung hat nur etwas Durchbebteres wie von einer Gazelle in den Hüften und
von einem Schwan etwas Kühle um die Schultern. Sie erstaunt. Sie stellt
sich. Ich sehe ihre Hände, ihr Gesicht. Selbst der Unmut ihrer Braue hat
eine Richtung, als vermöge er sich aufzulösen und wegzuschwinden mit ihr in
andere Gegenwart. Ich wische mit leisen Worten ihn weg.
Wir fahren zugleich ab, ich lasse ihr jeden Vorsprung, bemühe mich, daß sie
auf mich, die Gewandtere, wartet. Aber auch ihr stolzes Lächeln hat keine
festere Begründung als ihr Zürnen. Kein Horizont hinter ihr. Wenn ich ihr
Leben weiß, bin ich soweit wie am Anfang. Um dies Lächeln zu sehen, tausche
ich die Qual es nicht ertragen zu können? Welches Scheitern!
Mit großen Schwüngen nehme ich die Führung plötzlich.
Göttinnen lieben zu entgleiten. Aber sie gleiten mit Skiern nicht den Berg
hinauf. Sie folgt geschlagen ins Tal. Eine Woche bleibt vor uns: bebauen
wir unseren Garten! Ball, Pferde, Schlitten, Spieltisch, Bobs, Skijöring,
Musik hinein in die Woche. Heran nun Tag auf Tag!
* * *
Wir nähern am dritten Tag uns dem Kloster. Dem Wagen tritt in Parade Stück
auf Stück der Landschaft entgegen. Der Kamelberg mit dem Tagmond schmal
gezeichnet kniet vor das Tal. Die Madonna sieht, mit der großen Zehe den
Zeiger der Sonnenuhr weisend, herüber zu Uga.
Sie zeigt das Raubtiergebiß, das Lachen der jagenden Diana.
Wir nähern uns dem Kloster.
Gold, blau und zärtlich im Weiß summt die barockene Kuppel in das fließende
Hell, im Schweben von dem Aufstieg des Korbinian, Katharinas, Benedikts,
Sebastians und der Heiligen Familie begleitet.
In der schwelgerischen Bläue steht die lateinische Stimme des Präzeptors
rund und hoch, eine Lobpreisung.
Der Chor der Pagen, die ciceronische Perioden reiten, geht im Kreis in
sanfter Herde die welligen Raine hinauf über die Zacken bis ins Licht.
Selbst die Gäule haben die Stille erfahren und traben an der Bergschlucht
zum Brunnen mit einer Übereinstimmung der Hufe, als liefen sie in den St.
Leonhardstag, an dessen Dämmerung die Pferde eintreten in ihre eigne lange
und einsame Prozessuale.
Aber wo die bayrischen Aristokraten mit Flüchen auf die Revolten, falschen
Pässen und in Mönchssoutanen durch den Hohlweg nach Österreich flohen,
haben die Fahnen der Weidenbäume über dem Schnee sich so gesenkt, daß das
seidene Rot von Ugas Mantel plötzlich von gelben blühenden Fransen umweht
liegt, und selbst der Duft der Seidelbaste heruntersteigt und sich mischt
in die Huldigung, die der frühe Frühling mit Himmelschlüsseln und Krokus um
sie entfacht.
Selbst die Nässe, die vom Humus den Geruch des Frühjahrs zu der Bewegung
der springenden Knospen hinaufträgt, scheint sich an ihr mit allen Düften,
von denen die Luft sich schüttelt, zu entzünden, und jedes Element und
jedes Ding scheint bereit sie an sich anzugleichen.
Wenn sie kein Fohlen wäre im Mutwillen ihrer Gelenke, in jedem Traumzustand
der Wünsche würde sie als Forelle mit mir schwimmen in allen Bächen, die
Abfahrt der Hügelfläche zum Haus Chrystophorus mit mir fliegen als mein
Hikory, als mein Motor jubelnd mit mir schweifen über die Pässe. Welch
sichere Gegenwart! Und würde nicht, der ungewissen schattenhaften Wildheit
eines Tieres gleich, das mein Gefährt nur wie auf Sekunden begleitet, erst
durch die scheue Berührung ihres Blickes die Sicherheit eines Lebens und
einer glühenderen Gegenwart mir geben, deren Kühnheit mich erst völlig in
den Rausch des Tages hinein begeistert:
O ein Holzhacker sein zwischen der Chaussee
und dem Wildbach! Briefträger zwischen den Leberblumen und Gletschern!
Biene über den Kätzchen! Pferd nach dem Bergsee! Die rote Weste des
Postillons, der die Kurven zum Pisaner Gnadenbild fährt, vor dessen
elfenbeinerner Schönheit die Bauernmönche des Klosters täglich erschrecken.
Da spüre ich den Druck ihres Knies.
Von nun ab hat sich der Atem des Tages um sie zu einer Süße erhoben, um die
nun alles ohne Abwehr kreist und fliegt.
Und während wir, in den Schleifen der Straße hängend, herauf und herab uns
bewegen an der Seite des Gebirgs zum Tal, sehen wir, wie die Eisberge
spielerisch sich neigen und heben und, sausend auf der Schaukel der
Seligkeit gewiegt, aus dem Fasanrot der Ebene sich hineinbegeben in den
gleichen Takt.
Mit gewechselten Pferden geht's in den Abend weiter. Fünf Fackelwagen
liegen über uns in der Spirale. Die Feuerscheine huschen flackernd über
Ugas Gesicht, ich sehe sie nicht deutlich.
Ich kann jedoch, mit klopfendem Herzen die Pferde nicht in den Umwegkreis
zum See verleiten, wo durch die Konfrontierung mit der bronzenen Schwester
ich den Zweifel, sie sei es selber, verlieren müßte, und, spiegelnd, das
schöne Bild sich vollzogen hätte:
daß der kühnen Bewegung der
über das Grün des Wassers gebeugten Diana das schwermütige und wilde
Lächeln der Nymphe vom Grund herauf entgegengetaucht wäre in einer
beispiellosen Vollendung.
Doch unter dem Eindruck ihres lautlos geöffneten Mundes, wie vom Feuer
aufgesprengt, heben die Gäule die Hufe und die weißen Bäuche senkrecht auf
und biegen gegen die Kandare herum in den Lauf der anderen Wagen ein, den
beschwerlicheren Weg mit hingebender Geduld hartnäckig wählend, den
Terrassen zu, um über dem eisern und grau vor das Bergmassiv genieteten See
den Morgen mit der Brandlawine zu erwarten.
Als das Bankett uns dann trennte, hatte die schöne gipsern geweißte Frau
des Amerikaners neben mir nicht so viel Fähigkeit mich abzulenken, daß mir
auch keine Zuckung an Ugas Arm unter dem Ärmel entging.
Meine Vermutung weiß, ohne daß ich es sehe, vom Ansatz der Knöchel aus
deutlich, wie braun sie ist bis in die verschwiegensten Falten der
Übergänge des Leibes, und die Haut, die föhnig den Körper überfliegt, hat
nur die eine prächtige Stauung, wo sie den dunklen Hügel der Brust
heraussprengt.
An ihren Beinen sieht selbst der nur nach schlanken Jünglingen hingewandte
Flieger Sofias, daß, mit solch verschlungen gestählten Sehnen, sie, auf
einer Kugel stehend, Tage verbringt, im Gras über Hügel und Raine
hinspielend. Denn die erlesenen Muskeln, die groß und gedehnt geworden sind
im Streifen durch die Sonnenkringel der Buchwälder und des Jagdparks, gehen
in der Verwegenheit der Spannung so weit, als sei jeder ein junges Tier.
Aber mein Herz erhebt sich nicht. Von dumpfem und angstvollem Pochen
gefüllt hält es an. Denn wenn das Lächeln ihr Profil erhellt, fällt sie so
sehr über die anderen weg in eine Sphäre, die mich erbleicht, daß auch das
weiße Glänzen ihrer spitzen Zähne nicht die heiße Furcht zu bannen vermag,
daß unter den Kanten des Tischs ihr Leib in einer kristallenen Flosse sich
manchmal vollende.
Ich sehe, die Nacht steigt herab. Der Mond hat im Zenith den Schnee blau
geflaumt. Ich sehe das Kap des Bergmassivs immer wieder, wenn der
Schlitten, der mit den anderen im Kreis jagt, es umbiegt. Mit tragischer
Maske hält das Gletschergesicht sich monden verhüllt. Dunkel brüllt unter
dem Hufschlag das Wasser gegen das Eis. Ich sehe noch durch den Traum des
Jagens die Männer mit Dolchen und Lampions rufend auf die Leitpferde
springen. Da beginnen die Blaumeisen aus dem Frühlingswald im Tal
unsichtbar die Frühhelle süß zu durchsingen. Ich hole den Wagen Ugas ein,
es fällt mir von den Augen: weg die Betäubung, welche Klarheit!
Die Sonne zuckt eine Minute, dann schwillt sie vor riesenhafter Bewegung.
Als sie den Gipfel des Gletschers erreicht, verrauscht das Seidene der
Luft. Der Himmel zerbricht, die Lawine gleitet, welche flötenhafte
zerbrechende Musik!
Ich sehe Ugas Auge zittern. Ich habe Verachtung plötzlich auf meine
Unsicherheit um das Verflüchtigende ihres Wesens. Ich durchdringe ihr Auge,
während die Brandlawine märzgroß im Donner herankommt. Als die Felsen sich
bewegen, hat sich das Dunkel ihrer Pupille geweitet. Wie ich eindringe,
sicher, morgenlich, schön umsungen aus nun erhellten Frühlingswäldern, das
bis zum Weinen verengte Herz von den Vögeln golden erhoben, weiß ich eine
Sekunde lang sicher, daß ich sie nie mehr, die Flüchtende, verfolge,
sondern daß ihr Lauf immer mir entgegen sein wird, und daß eine andre mit
achatnen Augen den See bewohne.
* * *
Sie wird nicht über den Strich eines Gedankens, nicht über die Länge der
brodelnden Wiese entweichen. Nachts wird sie manchmal nur schreien. Sie
wird sich der Männlichkeit, die sie einmal besaß, nicht mehr entreißen. Man
flieht nur, was man nicht kennt. Das Blut versöhnt. Man gab den Amazonen
kein Vorrecht.
Als ich im Schneegestöber sie kommen sah, den Mittag zu durchstreifen, in
Breeches, wie irgendeine schöne Frau, durchfuhr mich Rührung, sie nicht
mehr so sehr hingegeben zu sehen an die Mächte, denen sie mit einer
gewissen Blässe des Auges, wenn ich heftig nach ihr Sehnsucht trug,
bisweilen gehörte.
Sie trug die Gelenke des untersetzten Jägerinnen-Körpers in einer dunklen
und erlösten Herbe, und langsam, während sie die lange Straße heraufkam,
schlossen mit hängenden Zungen und nach ihr gerichteten Augen an sie, die
den Knäuel leicht nur mit den Fingern wehrte, die Hunde von Tür zu Tür in
Meute sich an.
Uga!
An den Riedhängen entging es sogar der knurrenden Gefolgschaft deiner Tiere
nicht, daß, tief grüßend, der Reichspinguin einen Bogen um deinen lärmenden
Einzug schlug und nicht in die Nähe der glühenden Lefzen gelüstete, über
denen deine kleinen Hände spielten.
Du lachtest noch, als wir auf der Hügelkuppe in das Haus des Matrosen
traten, der, fünfzig Jahre die Welt überwandernd, immer neu hingerissen
nach Äquator und Pol und Wendekreisen seiner bäuerlichen Sehnsucht, das
Seltsame der Erdteile in seine Höhle stapelte . . . . . . und du in einem
Regen dich umschwingender birmanischer Harfen und Phalloswurzeln, Haimaulen
und Palaumasken so im Schatten standest, daß nur das Weiß deiner Iris im
Samtdunkel wie ein Dolch sich bewegte.
Ich sage:
»Deine Gefolgschaft . . . . .
Graf Cantacuzene
umschleicht dich nur noch fern und Wrede wächst ein Geweih vor Eifersucht,
wenn du, zur Meute gewendet, einem Anderen deutlicher das Gesicht zuneigst.
Dein Park von Edelgetier schweißt gegeneinander und stampft vor Zorn, Bohan
zerschmettert am Meilenzeiger bebend seinen Stock, den seinem Großvater ein
dicker Kurfürst dedizierte aus Gnade und Dank für die Errettung vor einer
Sau, wenn er dich nicht antrifft . . . . und Sailern vermag (oben Lénau,
unten Mikosch) nicht einmal mit seinen gewonnenen Schlachten und der
Zartheit seines von Frauen sehr gerühmten Schulterknochens über seine
Niederlage bei dir sich zu trösten.
Der rosendünne Morgendiskant Uwaroffs ist unter deinem Zimmer verstummt.
Saluzifsky hat den Zirkel um den Spieltisch in resignierte Enge gezogen.
Und der seltsamerweise deinem Gang geneigte knabenliebende Ski-Dioskure hat
nicht unterlassen, in rotem Sweater und gelben Gamaschen den Falsett seiner
schneidenden Kindlichkeit auf seine Nebenbuhler zu hetzen.
Aber wie kann selbst die Kläglichkeit solch halbseidener Haltung und die
Kretinerie dieser Drohnen nicht die Würde verletzen, die den wahrhaften
Kern einer gezüchteten Rasse so hoch in die Jahrhunderte begleitet hat, und
wo Hohn und Spott nur immer noch sehr kleine Korrekturen bedeuten können
einer Bedeutsamkeit tiefsten Sinnes!
Und die zu bekämpfen heute nur die weltfremde Idiotie deutscher
Dichterknaben und orgiastischer Revolutionäre ermöglichen kann, die, trotz
Umsturz und Revolte um hundert Jahre verspätet, durch ihre Ahnungslosigkeit
der Vorgänge die allein feindliche Widerlichkeit arrivierter Bürgersöhne
und Kopisten adliger Gebärden noch nicht zu erfassen die geistlose
Dreistigkeit besaßen.