Frauen

Man stirbt nicht vor Trauer. Man hat das Meer zum Anstarrn, müde der

Herzen, die verführen und peinigen. Die großen Nebelwolken, die mit Sausen

wie Batterien angefahren, haben die Küste verödet. Man hat die Nebel

zwischen sich und den Leidenschaften, das ist Einsamkeit.

Man leidet an den stumpfen bleiernen Gurten, die das Meer gegen den Himmel

spannt, mit unaufhörlicher glücklicher Monotonie. Die Dunkelheit des

Herbstes hat sich gepaart mit den Gedanken, die die Ruhe durchdringen und

in den Wolken ausbluten, wenn der Abend sie entflammt. Die Sicherheit,

jenseits der Eitelkeit, der Siege, Wunden, Triumphe, all des Geschichteten,

Reibenden, all der Unrast der Menschen, verfallen zu sein einer

Traurigkeit, die man grundlos erleidet, aber die man liebt, das hat einen

unbeschreiblichen Glanz der Melancholie entfacht.

Da gehen perlmutten graue Nebel und ballen sich starrauf vor den Mond wie

eine Armee. Das Meer blinkt ausgetrocknet, metallen und hart. Die Dünen

haben den Atem der Traurigkeit aufgenommen und tragen sie mit dem Reichtum

einer dunklen Melodie davon. Das ist, wie man lebt, den Kopf in den Händen.

Da sprengt Kerstin quer durch einen Traum auf ihrem weißen Grey Lad. Man

birgt die Augen in der Einsamkeit. Man kapituliert nicht in der schmerzlich

dampfenden Landschaft vor dem nackten Blitz. Das hohle Schweigen des Windes

hat die Erscheinung an den silberstarren Horizont getrieben. Die Nacht hat

sich mit einem verhaltenen Ton dunkel ausgebreitet, die Ruhe hat sich an

das Fenster geschmiegt. Das herbstliche Klirren der Brandung dämpft das

erlöschende Fieber: fort von den Leidenschaften, die leer machen und

verzehren.

Da tritt Kerstin aus dem Geruch des Bodens, ihr Bild steigt über die

schrägen Gläser der Türen und, hinaustretend, überfällt ihr Wesen einem,

wie ein Nebel durchdringt sie das Blut, unerschöpflich. Es saugt einem

voll, grenzenlos, wie einen Schwamm voll ihrer Gegenwart. Das Meer ist blaß

geworden. Die Dünen zittern flötenhaft erregt: man geht von neuem aus der

Einsamkeit hinaus.

Man läßt den Tiefsinn zurück. Tage, Stunden, Wochen, fallen ab gegen den

kristallenen Himmel, die in Traurigkeit sich tief erfüllten. Was war es?:

Glück.

Man hat das Meer nun nicht mehr zum Anstarrn. Doch man stirbt nicht vor

Trauer. Man stirbt auch nicht vor Freude.

Aber Kerstin zu sehen nur, welch schöne und bittere Verführung!

* * *

In Schwetzingen fand ich ihre Spur. Den Sommer war sie in Schachen. Die

schweizerischen Berge kamen am Abend mit Lichtern über den Bodensee

geflogen. Sie hatte gegen den Herbst in Bocklet gewohnt, das wies in seiner

Verborgenheit auf Männer um sie. Die Barockfiguren des alten Parks begannen

lang und zärtlich mir nachzuschreiten, als ich im Wagen nach Kissingen

hinüberfuhr. In Bamberg sah ich durch jedes Mittelalter sie kommen, von den

Portalen und Kirchen herunter sich neigen. In einem Landhaus bei Bayreuth

kreuzte ihr Name sich mit dem eines Mannes. Obwohl unsere Leben sich

voneinander gelöst und entfernt voneinander trieben, traf es mein Herz

mitten auf die Brust.

Ich quälte mich weiter. Von nun ab gingen die beiden Spuren zusammen, ihre

Gestalt zog immer tiefer in den Ausdruck des Mannes hinein, der ihr Leben

teilte. Ich begann zu leiden. Zurück? Wozu in die Traurigkeiten, die

verbittern mit Einsamkeit?

Ich beginne im Gegenteil zu leben an dem Widerstand, mich zu entzünden mit

einer melancholischen unerregten Leidenschaft, die nur sehen will und

überschauen kann. Man stirbt auch nicht aus Leidenschaft.

Ich habe die Tagbezeichnungen vergessen, werktags abends kam ich ins

Gebirge, fuhr an das Schloß, sie war verreist für eine Tour. Man erwartete

sie. In der Dämmerung ließ ich lenken und besuchte Lil Pax. Ich ließ den

Schlitten angespannt, denn sie war im Begriff in ein Sporting-House zu

fahren, die Glocken schellten.

Lil Pax fuhr in meinem Wagen. Der Tod hatte Quartier in ihr aufgeschlagen.

Die überschöne Schlankheit der Hände und das fiebrige Feuer der großen

ruhelosen Augen schienen den Knabenkörper mehr in den Ruf des Erlöschens zu

ziehen als in das Muskelgekrach.

Als wir eintraten, ging der schwarze Boxer Bambula oben an den Ring und

nickte uns zu. Man massierte ihn darauf, der auf den Seilen lag, und führte

ihm Luft zu, während der Saal in Erwartung der Schläge ächzte. Während der

Time-Keeper schellte, der Unparteiische pfiff, Bambula sich aufblies, der

kleine Ukrainer mit Ballettschritten ihn angriff, der Neger ihn Uper Cut

nahm und niederhieb, sah ich dahinter das Meer, aufgebäumt. Grey Lad

preschte davor mit Kerstin.

Das zweite Matsch erst brachte den Saal in Verwirrung. Aber während Frauen

auf den Stühlen dem Neger zuschrien, die Männer wüteten, Bauernburschen die

Tirolerhüte schwangen, Bambula gleich einer Schnake den Gegner Clinch nahm,

lachend Sawate erhielt und mit grandiosem Bak Spring ihn in die Herzgrube

erledigte, war ich schon tief ergriffen von der Kühle der Frau neben mir.

Lil Pax war unerregt geblieben. Wir fuhren im Galopp über die Felder

zurück. Mit erschreckender Deutlichkeit kam ihr Wesen aus der schwülen

Ekstase des Saales mit einer überlegenen Deutlichkeit und einem gewissen

hochmütigen Lächeln auf mich zu. Sie hatte die geheimnisvollen Beziehungen

des Verzichtes früher als alle durchstoßen und von der in ihr reisenden

Nähe des Todes eine Ironie um den Mund erhalten, der sie allem entfernte,

obwohl sie nichts floh.

Das Verzückte war hinter ihr in schwärmerischen Bögen abgeschnitten. Sie

hatte jene Größe, die sich nicht entschied und weder das Gesicht weg von

dem Dasein wandte und es verfluchte, noch in Betäubung stürzte. Sondern sie

ließ, allem hingegeben und allem entfernt, das Dasein, geliebt und

unbegehrt, vorüberfließen, während ihr Mund in schmerzhafter Blässe nicht

zuckte. Welches Blut lag dahinter abgedämpft, wenn sie gütig nickte!

Welcher Sprung, im Haß, federte und ward nicht getan!

Ich neige mich über ihre Hand.

Sie erkrankt, heftiger. Ich werde nicht reisen. Ich richte mein Gesicht

nach dieser Frau. Sie beginnt ihren schicksalhaften Zug, tief und weit

entfernt, über mein Zugewandtsein.

Ihr Leben beginnt über meinen Horizont zu laufen, ruhig und gütig, ohne

deutliche Spur, eine Sonne von Westen her immer der gelben und roten Sonne

entgegen, dunkler und unsichtbar, aber im selben Kreislauf.

Damit ist mein Leben eingezeichnet.

Was folgt an Dingen, die Blut, Tag, Rausch bestimmten, ist anders, diesem

Abgewandtes, vielleicht nicht wenig, aber nicht dies. Welche Bedeutung es

hat in meinem Dasein: ob diese Frau das Entscheidende ob das andere, wer

durchschaut das Schicksal? Vielleicht weiß ich es, wenn mein Blut langsam

rinnt und meine blonden Haare so hell geworden sind, daß das Urteil bis an

die Grausamkeit vordringt. Wer kennt sein Herz? Man muß sich unterwerfen.

Stolz ist ein Spielzeug. Bebauen wir unseren Garten. Man lebt sich schon

hinein in sein Schicksal.

Ich habe die Fahrt nach Kerstin angetreten. Da liegt nun das Leben zum

Anstarrn. Der Kreis öffnet sich. Da sind nun die Tage, Wochen, die

Leidenschaften, die hineinreißen in ihren Bann und entzünden und verzehren.

Haben sie mich erreicht einmal, schwinge ich sie schwärmerisch wie Vögel

auf. Ich bin dabei. Das ist eine Freude. Hallo. Ich lebe in Begeisterung.

Welche Woche!

Habe ich in dieser Woche nicht zwischen blaugespannten Bergzügen Venus und

Jupiter in bengalischer Konstellation gesehen? In die flamingone Abendröte

den Hausberg aufgereckt wie die Begehrlichkeit einer wilden Sau? Ist die

Natur nicht mit Lawinen und sausenden Gletschern aufgezuckt mit meiner

Bewegung? Hat eine sizilianische Frau nicht unter den Kronleuchtern ihre

Rasse aufgezaubert? Habe ich nicht das Blut der silberblonden Ritterstad

auf der Lippe gespürt, der eine Katze die Schneehaut aufgerissen? Haben die

seidenen Fahnen, als wir im Bob passierten, sich nicht gegen den Wind alle

huldigend auf diese schöne Frau mit dem lachsfarbnen Mund gerichtet?

Schossen wir nicht aus dem Nickelglanz des Starts herunter auf dem Bauch im

Rodel, durch die Kurven auf den Hüften hinunter uns wiegend wie im

Liebesspiel?

Welche Woche, Lil Pax, während Sie lagen! prall, festgefüllt, aufgestäubt.

Wie bunt. Doch was ist es am Ende?

Es bewegte sich nur. Aber . . . . alles Getane, alles Erlebte kreiste um

Sie, Lil Pax. Das ist nunmehr von allem die Richtung.

Ich sehe Margit, Ihren Liebling. Aber ich erblicke sie nur in der

Verbundenheit auf Ihr Wesen hin, gleichwie mit der unentziehbaren Bewegung

der Sonnenblumen, die dem Gestirn mit ihren Mähnen folgen. Es gibt keine

Frage darüber. Das ist Bestimmung.

Ich sehe Margit. Ihr Hund heißt Lorm. Ihr Lied »O Dolly.« Ihr Herz ist voll

von schönen Schauspielern, von Coquelin, Cyrano, Rolla, von melancholischen

Pianisten, im Lyon reitenden schwarzgeschnürten Offizieren, von Pré-Catlan,

von Speisen bei Spiegeln mit Kerzen, von Bootfahren am Abend, von Lido, von

Sand und Hitze, von einem Mann mit Namen Claessens, von irgendeinem schönen

Capitaine Ettore Cosomati, von einem kriegerischen Colonel Ugolino, von

Melonen, Zirkus, Schokolade mit Zitronen.

Ich fahre mit Margit, während Sie krank liegen, zwei Tage südlich. Ich

kaufe ihr gelbe Calvils, ich zeige ihr Innsbruck. Ich trinke mit ihr den

serbischen Slivovicza. Ich teile mit ihr den Abend, der mit den schon

südlichen Springbrunnen verzaubert, und die Honigdämmerung unter den

Schneebögen der Hügel und die lauen Schatten der Madonnenlauben unter dem

Golddach. Ich lasse sie Preise verteilen in der Franziskanerkirche an die

Statuen, sie teilt es dem provenzalischen König zu, dessen Erzbrust hundert

Amouretten überspielen, der den Visierschnabel frech, gigantisch, der

Unerschütterliche, Gott ins milde Zinnoberlicht seines Auges hinaufhebt. Es

ist ein rotseidenes Strumpfband, was sie als Preis austeilt, und gibt ihm

ein glückliches Aussehn.

Ich jage sie durch die Begeisterung bis in die Müdigkeit. Nun laufen die

Berge der Bahn wieder bei unserer Rückfahrt entgegen. Ich sehe sie an

gegenüber, wie sie schläft. Mit zerfleischten Rücken sinken die Berge in

schwarze Seide. Flammend mit Stierblut kreist der Geier des Gestirns noch

einmal über die Grate.

Sie träumt von Pesaro, von einem Teich und ihrem Lackhut als Kind. Ein

Röntgenologe versichert, sie habe das kleinste Herz. Bäte ich nur, sie

vermachte es mir. Es stünde auf meinem Tisch, kleiner als die Zunge des

Gordon-Setter. Sie wacht plötzlich auf, hinein in Begeisterung. Ich spüre

ihren Atem, sehe sie herübergleiten. Ein schönes Geschenk der Stunde. Ich

versage sie mir ohne Bemühung. Warum?

Ihr Dasein ist zu nah und zu dicht auf das Ihre gerichtet, Lil Pax. Sie ist

nur etwas wie eine zärtliche sekundenlange Laune, die Sie verloren. Die

Bewegung dieses Mädchens umkreist Sie zu nahe. Was ist ihre Hüfte gegen das

Maßlose Ihres Todes.

* * *

Das Dasein hat zwei Seiten für mich nunmehr. Von einer brennt es hell, das

sind die Leidenschaften, die erheben, und die Genüsse, die man erobert. Ich

erhebe mich und erobere, je weiter von Ihnen, um so voller das Ergebnis.

Ich ziehe das Dasein herein aus seinem äußersten Kreis. Ich warte noch

immer auf Kerstin.

Die andere Seite ist das, was sich an Ihr unaufhaltsames Schicksal bindet.

Man schließt die Augen. Man soll sich nicht ausbrennen vor Schmerz. Aber,

Liebe, kein Lächeln auch nur vergeht, ohne daß seine Deutung sich bezieht

auf Sie, irgendwie.

Als Rassignac, der in schlechter Zeit mein Freund war, die

Maschinengewehrladung der Polizisten im Bauch, in St. Sulpice lag, spie er

dem Präsidenten der Republik, der das Monstrum des großen Apachen

beschaute, ein Stück Lippe ins Gesicht. Dann sagte er ruhig: »Mon corps est

foutu . . . . hé . . . . non pas mon orgueil.« In der Stille seines

Gesichts lag unterdrückt derselbe Claironklang, der hinter Ihrem Leben

gellt.

Auch liegt dieselbe Kühnheit der Ideen an der Kurve Ihrer Nase wie bei ihm

eingezeichnet, und daran weiß ich ebenso, wie an der übergroßen Lässigkeit

Ihrer Hände, welch ganz anderes irrsinniges Leben Sie ausfüllt im Grunde.

Hätte der Verderber sich nicht in Ihr Blut begeben und Sie hingeführt zu

der Harmonie Ihres Geistes mit jener Güte und Milde, . . . . Sie hätten auf

der anderen Seite der Seele ein anderes klirrendes Dasein gelebt:

Wären unter Scipionen mit ehrgeizigem Herzen in Aulen gewandert. Hätten die

pompejanische Seeschlacht geleitet am Bug. Man hätte zwischen Karlisten und

Rosenroten auf der Barrikade Sie mit der rauchenden Flinte gesehen. Sie

hätten Päpste mit der glatten Stirn beunruhigt. Als Kreuzzugfanatische

hätte ein Pferd über Singenden Sie auf die Mauer Jeruschalaims getragen. Im

Reifrock hätte das Gift Ihres Geistes Politik zerschlissen. Schwertscharf

wären Sie vor Ihren Leuten unter die Elephantenbäuche gerannt, makkabäische

Königin. Ihr Haß hätte geschlagen. Ihre Liebe grausam geflackert.

Am Ende erst, vielleicht, aussätzig, alternd, verlassen, einen Dolch im

Rücken, wären Sie der liebenden Größe nahgekommen, mit der Sie heut

überschauen, was sich heranwälzt auf dem Schicksal.

O Sie haben mit Ihrem Finger manche Nacht, Lil Pax, an den Tapetenmustern

von Davos und Arosa jede Zuckung Ihres zurückgeworfenen Blutes

nachgewandert mit den gepflegten Nägeln:

Sind in afrikanischem Aufstand verschleift, haben als Märtyrin, sich

verschenkend, Weg geebnet, standen hinter den Getto-Feiglingen als

Peitsche, gingen unter Spaniolen steil, die Stolze, hatten Hochmut,

Verachtung. Ach und schwangen in der Inbrunst der Fiebernächte, Steine,

Schmuck, Lächeln um den Mund, da und da und dort, in die Leidenschaften

hinein bis an den bittersten Ehrgeiz.

Jeden Morgen aber waren Sie zurückgeworfen in den Körper, der, verseucht,

aus allem vertrieb. Sie haben mit einer übermenschlichen Bewegung der Seele

langsam gut gelächelt mit dem Partner Tod.

Dies Lächeln ist die Lebensrichtung geworden für den, der Ihr Dasein

streift. Man stürbe gern für Sie. Was an Versagtem in das Gefäß Ihres

Körpers zurückfiel, geht in zarter Helle und Herrschaft des Geistes wieder

von Ihnen aus.

Selbst wie Sie den wilden Regenbögen, die über den Hausberg flattern,

nachsehn, ist eine Leidenschaft, die Sie den Nächten abgerungen. Süß muß

der Tod sein, der im Nahen schon so schön verwandelt.

Aber zum Erbleichen furchtbar der Abstand zwischen dem Ziel, dem feurig

Ihre Bestimmung einstmals ehrgeizig zugeflogen, und dem Ausdruck, mit dem

Sie nun entsagend lächeln.

In der Mitte das Leid. Aber welch ein Ausgleich! Als Sie der Bonne Ihre

Tibetgarnitur schenkten, war es dasselbe, als wenn Sie, ohne dies

Schicksal, auf der anderen Seite des Schweifens, Kunstreiterin, dem

englischen Geschäftsträger Vitriol aus dem Sattel in die Loge aufs Gesicht

geschleudert. Ihr unterdrückter Husten bei dem Besuch des alten russischen

Admirals gleicht aus, was Sie an Triumph, Tänzerin, auf die Spitze des

bolognesischen Balletts unter Blumenwürfen gehoben. Der Charme der

Teestunde, der an Ihren Geist anbindet, wäre nichts andres gewesen, als daß

Sie, Dompteuse, das Panthermaul schlössen, mit der Pistole einen

etruskischen Dörfler getötet. Entgleiste Lokomotiven, fliehende Ballone,

aufbrennende Opern haben den Anlaß, aus Ihrem anderen verhinderten Leben zu

springen, wenn Sie mit gleicher Milde, als sähen Sie die sieben Freuden

Mariä, in den Schlaf Ihrer Müdigkeit hinübergleiten.

Aber, was an Macht über Menschen in Ihnen ruht, wie wenigen der Epoche, was

an Zauber Ihrem Körper, an hingebender Grazie Ihrem Hirn, an

unaussprechlicher Süßigkeit Ihrem Geist gegeben ist und allsamt Sie in eine

Bedeutung erhöht hat, deren Überlegenheit Sie am deutlichsten spüren

. . . ich weiß, Sie gäben es mit eisigem Gesicht, stellten es beiseite mit

dem Madonnigen, dem Zauber, dem Wissen, Sie würfen als Hundebissen in die

Gosse das Milde und Gute, Sie spien aus das Dulden . . ., wenn Ihnen, schon

Jauchzende, dafür getauscht sei: prall, stählern an Leib, vogelhaft atmend

mit den Lungen, eine Woche nur noch einmal in Hölle und Seligkeit, mit

einem Mann, den Sie lieben, durch die Helligkeit Kopenhagens, durch die

Schiffe, den warmen Prater, einen vernarrten Frühling Merans zu toben.

Doch man soll die Wünsche nicht wecken. Man stirbt an den Wünschen.

Sie tragen jedoch Ihr Ausgestoßensein mit solchem Gleichmut, daß ich

manchmal in der Gewißheit nicht zweifle, daß Sie zu gleicher Zeit wohl auf

einem anderen Gestirn in einer behenderen muskulösen Figur alle

Leidenschaften, die hinter Ihrem hier abgegrenzten Dasein stürmen, mit

selbstverständlichem Frohsinn und einer gewissen Leichtigkeit in der Größe

des Ausmaßes durchfahren.

Hier aber sehe ich wie keiner die schmerzliche Zusammengezogenheit Ihres

Lebens.

Und ich kann sie nicht vergessen.

Die Leidenschaften haben sich umgedreht. Was mich aus allen Betten und

Fiebern und Längegraden meiner Erde zu Ihnen gerissen, hat sich unter

diesem Schicksal verändert. Das ist zu einer wohltuenden Fremdheit

geworden, die in schwesterlicher Inbrunst meinen Herzschlag begleitet in

einer meinem Blut nicht zugänglichen, schön überglühenden Welt, höher als

jene dieser Dinge, die mich hier hart verzücken und in Begeisterung fangen.

Das ist unser Leben.

Die Lawinen brüllen durch die Woche und grüßen Sie aus der Mondsteppe wie

wilde Tiere. Der Himmel hat eine amethystene Schaukel um Ihr Haus gelegt.

Morgens stehen mosaische Signale, Säulen feuriger Wolken auf den Spitzen

des Gebirgs. Die Natur bereitet Ihnen Verehrung.

Auch die Abschiedspolonäse auf Skiern für Marga Ritterstad und Margit,

Ihren Liebling, hat sich als Huldigung gerade Ihrem Haus gegenüber hoch im

Gebirge geeint. Die Midussi hat ihr sizilianisches Gesicht zur Komödie mit

einem roten Turban geschmückt. Alle schauen auf das Zeichen. Der Riemen

Margits löst die Schleife: »Azt a kutja faját.« Die Schnäbel der Skier

haben sich auf Ihr Talhaus gerichtet. Da quillt weißer Wolkenschaum um die

Gipfel des Kessels, die Sonne, aufrauschend dunkel schmeißt ihn zurück.

Schmetternd wie eine Posaune kreuzt sie über dem Tal.

Mit einem verderbten Schrei wirft die Midussi die Fahne zur Abfahrt und

gibt den Start. Nach Ihrem Haus zu verzischt Ihre Linie im Gebüsch. Die

Ritterstad fährt wie ein stolzer Fasan. Man soll die Diva nicht tadeln,

weil alles sie liebt. Heller Strich auf Strich saust eins nach dem anderen

ab nach Ihrer Villa auf dem bläulichen Schnee. Mit Hagebutten in der Hand

macht Margit noch Telemark und schaut herauf, dann saust sie hinunter zu

Ihnen durch die Latschen. Alle schreien Ihren Namen, die Sie, auf dem

Südbalkon Ihres Hauses, das Glas über den Augen, diesen Herabflug aus den

Hängen auf sich zukommen lassen, beherrschten Mundes wohl, wie jede Ihnen

unaufhaltsam nicht mehr zugehörige Bewegung.

Ich stürzte, über Heidekraut, sechs Meter ein Hecht durch die Luft, eine

Parade der Arme, ich fiel auf die Erde zurück, der Bergkreis glühte, blau,

dann schwarz. Als ich aus der Ohnmacht aufwachte, sah ich Ihr Haus, Lil

Pax.

Ich habe mich aufgerichtet, die Stirn ist zwar verdellert, die Knochen aber

sind heil. Ich habe den Fahrtrausch noch im Blut, das Risiko der Stürze

noch im Hirn, der Tod hat mich nicht gedämpft. Ich bin voll Kühnheit und

Begeisterung. Verdoppelt empfinde ich Erregung in mir laufen und Beglückung

aufquellen satt und voll. Das brüllende Tier des Gestirns braust gierig

durch das Blau. Ich fühle mich umschwungen von den Menschen und der Fülle

ihres Atems und der Farbe der starken Empfindung, mit der diese alle ihre

Leben hier gelebt.

In dieser Sekunde der Höhe aber reißen die Menschen ab aus der Melodie. Die

Woche, die sie füllten, gleitet zurück zu Ihnen, wie zum Mundstück eines

Instrumentes.

Sie nehmen es, schlank, und scharf aufgerichtet in die Hand, führen es an

die Lippen: da stürzt sich alles in Sie hinein, begierig, daß Ihr Atem ihm

erst Gesicht gibt und es brennend hinauswirft. Was ist um mich all das

Getümmel? Ein Teil von Ihnen. Ich sehne mich in Ihre Einsamkeit aus aller

meiner Fülle.

Ich spüre Sie in meinem Leben als die Bringerin. Im Seedorf der Vogesen, in

der Entferntheit der Blumengärten Immenstads, in Norrbrö, im fensterlosen

Gemach meiner Heimatjahre spüre ich Sie als die größere Vielfalt. Denn wenn

Sie wollen, werden Figuren und Reihen der Menschen auf der Ebene der Wand

mit der Musik ihres Blutes erscheinen, beherrschter und glänzender als die

meines Erlebens, so als bliesen Sie sie in Wahrheit auf kleinem goldenem

Instrument zart herüber aus der Einsamkeit der Überwindung in meine

Einsamkeit der Fülle.

Ist dies der Abschied?

Ich kann, beglückt von dem wilden bronzenen Schild, das die Sonne über die

Steppen schüttelt, sportiv, kräftig, Strapazen überlegen, ich kann meine

barbarische Stärke nicht mehr dem Zauber entgegensetzen, der, aus

Verhängnis und Versagtem gebildet, Ihr Lächeln ist. Es ist zu schwer, wenn

man so Großes durchschaut, an sich zu glauben.

Sie winken ab mit der Hand: Sie lieben mein Leben. Sie glauben an den

Reichtum selbst meiner Melancholien und sind erfüllt von dem Aufgerichteten

meiner Phantasie. Sie haben Leidenschaft für meine Welt. Sie sind neidlos

entzückt, wenn ich diese Welt in die Hände nehme, mit Fingern und Zähnen

den Saft auspresse, Sie lieben das Bunte, verehren die Stärke, Sie glauben

an die Schönheit des wilden Bildes und die Größe des erregten Blutes.

Was aber ist es gegen Ihre Welt? Man kann sich nicht finden. Welche Tragik,

daß, was Ihr Elend ist, ich liebe, daß, was mir ein Nichts ist, Ihnen

erhaben scheint. Man soll sich nicht belügen. Wie kann man genießen, was

den anderen quält? Es ist bitter genug, mit Verantwortung zu leben. Bebauen

wir unseren Acker und entfernen wir uns von den Qualen, die wir nicht

mindern können.

Ich habe mich aufgestellt. Die Augen brennen aus der Ohnmacht noch auf dem

Schnee.

Als mich die Bretter in weitgeöffneten Schwüngen ins Tal hinunterziehen,

sehe ich keine andere Bewegung als die aus diesem Zustand in den der

Entfernung.

Ich bin ein törichter Mensch und züchte mir Qualen, statt sie leicht zu

nehmen und mit Selbstverständlichkeit zu bezwingen. Ich mache sie groß,

weil ich sorglos bin. Man könnte leichter leben.

Wie ich die Skier unten löse, hindert mich nichts mehr am Abschied.

Am Abend kam Kerstin.

* * *

Am Abend kam Kerstin in mein Haus. Musik ging vor ihr her, und die Berge

schimmerten näher von ihrer Blässe. Die Sarabande des Sturzbachs formte

über ihrer Schulter etwas wie undurchsichtigen silbernen Regen.

Sie griff einen Stuhl bei der Lehne.

Ich dachte:

Man solle vor wilde Tiere sie führen und

in Versammlungen, wo der alte Fanatismus der Menschheit ins Böse bricht,

damit das Gleichmaß vom Ineinanderfließen der Beine und des Bauches und die

rührende Schönheit des erschütternd schlanken Gesichts die Stille auslöse.

Brüllende würden lächeln, Tobende demütig werden an diesem Körper.

Keine der Frauen, deren Hüfte mein Frühling, deren Brust mein Weglager

waren, die ich Jahre hindurch schmerzlich durchwandert, hatten soviel Macht

als dies ledigliche Dastehn.

Sie hatte, wenn sie lächelte, etwas, was schon zerfloß, und das

orchideenhafte Rosa der Bluse schien aufgelöst über der alabasternen Höhe

der Brust.

Sie nickte, als sie aufstand.

Sie ging.

Und entzog mich mit dieser Bewegung jedem Gedanken und Koffern, die den

Abschied erdrängten, und mit einer märchenhaften Hebung der Achseln beweist

sie, daß ich ihr Haus sehen soll, nicht allein das ihre mehr, und die Luft

behält diese Rundung der Schulter wie einen Abdruck.

O Sommer, den wir glücklich waren, die Hindin und jener, der mit ihr über

den Rasen lief:

Als jener See damals nichts war als ein Spiegel für ihre Schlankheit, der

manchmal selbst in seiner blausten Verjüngung zu schwer schien, soviel

Anmut zu tragen, aber mit schwingenden Uferfacetten sie von neuem faßte in

einer Demut und Geduld, die uns überraschte . . . .

Als Lella neben ihr ging, die ägyptische Königstochter, und von der braunen

Vierzehnjährigkeit ihrer Knie und der Hängelocken über den Ohren die Reiter

hingezogen hielten, und deren Beine so hoch und überlegen standen wie das

schwarzseidene Trikot um ihre engen Hüften -- -- und als ein Rascheln

deines Kleides uns mehr schien als Lellas ganzer Leib, um den zu sehen

selbst die fünfzigjährigen Landräte und Rennstallbesitzer Löcher in das

Damenbad bohrten, und deren Besitz uns doch die tragische Unerreichbarkeit

ihrer Jugend erhöhte . . . .

Als sie im Stern von Gudrun saß, und wie eine Weiberbrust unser Segel im

Mondschein flauschte und sie plötzlich das Wasser küßte mit einer jähen

Bewegung über Lee und ich tagelang dachte: sie hat den See geküßt, meine

Freundin, was soll nun das Leben, es ist so silbern geworden. Wir ertragen

die Dämmerung nicht mehr . . . .

Als durch die Dorfstraße auf dem geschmückten Narzissenmotor die Hochzeit

kam mit vielen Offizieren und Orden, und in der Dorfkirche der Sänger im

Requiem stecken blieb, wie er sie an der Säule sah . . . und plötzlich alle

von dem Priester sich umwandten, sie anzustarren, als sei sie aus der Säule

gehauen und flöge mit ihr auf abgesenkten Flügeln in die Höhe, nachdem eine

Sekunde ihnen unwiederbringlich die Hüften des Paradieses gezeigt.

. . . und als nach einer Woche alle Skiläufer, Dirigenten, Spieler,

Arbeiter, Segler, Fischer, Bauern, Bankiers nichts wollten, als daß ihr

Blick auf kurze Zeit auf ihnen ruhe -- -- und wir den Berg in der Frühe

erstiegen, die Alpen ausgebreitet lagen tief wie die Kolonnen der Engel

. . . und sie gegen die siebenfache blaue Staffel des Horizonts vorging,

die Hand hob und nun kein Blut, kein Fleck der Haut es anders wußte, als

daß ihr Lächeln nur, ihre Hand allein sie weich und schwebend erst formte,

Amaranth hingab und seidige Härte -- -- und als sie bei mir war unter dem

Park und aufschrie, und am Morgen im Pyjama durch den Taugarten ging, und

die vier Nachtigallen wie ein Gewitter rasten zu einer Stunde, wo

bedingungslos sie sonst schwiegen . . . . .

aber das Trommeln

und Steigen ihres Gesangs so zerschmetternd war, so sehr nahe der Höhe der

Lust, daß ich den Scheitel des Sommers erbebend unter mir fühlte und wußte,

nach so ungeheurem Erfüllen käme nur ein hinab . . . . . . -- -- --

Was ist geworden in den Jahren, die ich im Süden ein Hund war und Suchender

und Wüstling und nicht gedachte an deine große Schönheit -- und zwischen

Segelfahrt und hellenischem Frühling nichts die Zeit überbrückte zwischen

mir und unseren zartesten Sekunden -- -- und was hat dich in anderen Armen

verwandelt und hinter welchen Mannes Gefühl ist dein Gesicht verborgen, daß

nicht einmal der irrsinnige Hochmut deiner Mädchenhaftigkeit mir vertraut

und nah ist, mit dem dein Blick mich ans Kreuz schlug, als ich am Ufer dich

ansprach mit dem Wort zu scharf und leicht für deine frauenhafte Bedeutung

. . . . . und daß nun, wenn du fremd in deinen Kleidern hinausgingst, die

Sehnsucht nach deiner Entferntheit und die weite Kühle deines Lächelns mich

tot machen, meine Freundin?

* * *

Zwei Tage mied ich Kerstin, zwei Tage lief ich mit der Midussi.

Wenn sie die Locken schüttelt und feig vor der Schußfahrt in die Knie geht,

und die prinzessinhaft im Nacken geschnittenen Haare ihr in die Zähne

flattern, hören selbst die erregtesten Weiber auf, sie mit Steinen zu

werfen und zu begeifern, ihrer engen Skihosen halber, sie selbst aber ist

nie abgeneigt, mit dem Schrei loszufahren, zu kratzen und die angesammelte

Meute sechs- und achtjähriger Knaben, Eiszapfen schwingend, zu sprengen.

Zehn Männer, die den Kranz ihrer Kali-Syndikat-Millionen anzubeten

lediglich nicht müde zu werden hofften, fiebern nachts nur noch von ihren

spielerischen, lesbischen Beinen.

Sie hat eine Locke zwischen den Augen in der kleinen Stirn, und das

achtzehnjährige sizilische Gesicht ist krank, bös, schön gespannt in der

aufregenden, von ihren Blicken verdorbenen Luft um sie.

Sie quält, lächelt und ist kühn genug, im verruchtesten Loch mit der großen

weißen Perlenkette dem Schwarm der Bauernmasken sich zu mischen, die, durch

ihre Holzmasken wie Hunde heulend, im Kilometerradius einen Zirkus von Tanz

um die Gebirgskette schlagen, und aus deren Weiberröcken und wilden Fäusten

sie heiser lachend entgleitet, den Saal hinter sich zurücklassend,

aufgepeitscht bis ans Geheul.

Ich weiß nicht, ob sie mich haßt, aber es mag sein, daß dies ihre Liebe

ist.

Die Syrakusanerin läßt den Schlitten voraus fahren, Schellen klirren sacht,

hell. Wir kommen auf den Pfad, wo die Angehörigen eines religiösen Hotels,

mondäne Nonnen, an uns vorüberstreichen. Es geschieht, daß die Midussi, die

Zähne im verbrauchten Gesicht, sagt, daß Picard zum drittenmal ihr an den

Hals gedroht, führe sie nicht nach München -- -- fürchtet sich, schaut

schräg auf.

Wir lachen. Da es auf diesem Weg ist, erfüllt sich unser Gelächter zu einer

Schleife, die am Hausberg sich hinaufsingt, oben fast donnert.

* * *

Samstag kam ein Brief von der großen Diva.

Marga Ritterstad.

Lil Pax las ihn. Als gespenstische Schaukel schwingt der

Wachsensteinobelisk sich aus Geschleier und zurück. Unsere Augen treffen

sich dazwischen.

Die ihren meinen: auch der metallene und schmale Stolz der Spaniolin könne

soviel Blondes liebend anerkennen, denn es sei gut und von gewisser

Bedeutung, und, wenn man vieles leide, sei manchmal auch das Zweckloseste

sehr viel.

Ich sage:

»Hat man je den Mut gehabt, das Spiel auf

das Strenge zu richten. Man verzeiht. Man lächelt. Niemand klagt an. O,

wenn ich die Kinos alle hätt in meiner Hand!

Als ich einmal jene drei Tage mit ihr durch alle Cafés und Theater und

einen unvergeßlich perlmuttenen Frühlingstag geglitten, und aus einer Loge

sie durch plötzliches Schneegestöber in die Bahn gebracht, blieb etwas wie

Verzauberung über den Straßen hängen . . . . denn soviel Liebe sie

empfängt, strahlt sie zurück.

Man kann ihrer Spur folgen durch die Wüste. Morgens kam ich nach Nürnberg,

lag im Bette, telefonierte dazwischen, durchschlief den leeren Tag. Am

Abend überwogte mein Auto aber die Brücken und Hügel der Stadt, ich fuhr

von Kino zu Kino in der von der Dämmerung entzündeten Sehnsucht, die Blonde

zu suchen, und ich erregte am Egidienplatz einen Auflauf des Volkes, das

dort noch nie einen Wagen gesehen, wo ich in der Baracke sie fand.

Wie lieben die Menschen die Kostbarkeit ihrer Haut und die erlesene Haltung

ihrer Augen!

Piccolos zittern knabenhaft und ohne Frechheit, denn ihre Träume haben nie

geglaubt, daß so Herrliches wahrhaft an Restaurationstischen atme und

speise.

Kellner verbeugen sich gleich vor der selbstgeschaffenen Königin ihrer

Liebe.

Köche, vom Gerücht im Betrieb elektrisch erreicht, garnieren nur ihren

Fisch mit hingebender Kunst, Portiers eilen, Chauffeure, von anderen

gemietet, unbestechbar, brechen auf unter dem Schlag ihres Namens, rasen

und schmeicheln sich, mit großer Bewegung sie grüßend, keinen Lohn zu

empfangen.

Nie hätte ich gewagt, zu glauben, daß dies Volk der Sklaven, das vor

verrunzelten Wittelsbachern und leberleidenden Hohenzollernfrauen

erbleichte, so viel Größe habe, sich eine Fürstin ihrer Liebe zu schaffen.

Sie ist die weiße Göttin der Masse.

Sie lieben diese Frau um ihres Auges, ihrer Hand, ihres Lächelns willen.

Nichts weiter. Man neigt sich vor der Wahrheit einer Legende.

Überall, wo ein W. C., eine Kirche, eine Kaserne sich findet, flimmern die

Lichtspiele, durchdringen die Rinde des Erdballs, stehn auf Schiffen, in

Klostern, auf Inseln, in Lazaretten, Bordells, Villegiaturen, Steinbrüchen,

Sanatorien, Irrenhäusern, Auswärtigen Ämtern, Polizeibüros,

Landwirtschaftskammern, Redaktionen, Expeditionen, Luftschiffen und

Völkerkriegen.

Ihr, die ihr wach seid, die Freiheit fordert, Gerechtigkeit liebt und gegen

den pfaffenhaften Schwindel eurer Volksbildung lächelnd und, moderne

Berserker, anrückt und feuert, die ihr den Erdball aus infamen Achseln

klappt und nicht vergeßt, dabei die Marseillaise eurer schönen Herzen zu

singen, euch, die ihr euch hingebt, duldet und tapfer seid im Blut, schreie

ich hinaus: Nehmt die Waffe. Laßt die Theater, die Intellektuellen nur

spielen und bourgeoisem Geist, der verfettet ist wie ein Alkoholikerherz,

treibt diesen Kreisel durch alle Niveaus, Kreise und Staffeln.

Schiebt die Erschütterungen auf die Leinwand, von ihr hinein in die Adern,

füllt durch sie den Pulsschlag, schafft einen Riesenkreis der Wirkung.

Treibt die Besitzer der Sauställe aus, baut Kinohallen. Enteignet diese

Gesellschaft.

Vertreibt das Gesindel aus den Tempeln, denen diese Frau nichts darstellt

als ein Kapital von hundert Millionen, eine Tantieme, und sehr zu

pflegendes Tier.

Dann wird die weiße Blonde in der Stille kommen. Der Moment der Erfüllung

wird ein Blitz sein.

Auf daß sie nicht mehr der weiße Vampir sei, die goldene Schlange, das

helle Marderspiel, sondern daß sie eine gewisse Demut ertrage und, von

zehntausend Leinwänden in der gleichen Sekunde herunterwandelnd, von

Rosenheim bis Chikago, Djursholm und Kapstadt, als unsere gute Frau von den

sieben Schwertern und blutroten Rosen die Armen und Geschlagenen in

Wahrheit heraufführe bis zu der sanften Höhe ihres Lächelns aus dem Rausch

der romantikverstunkenen Löcher, in denen selbst die Verwüstetsten, um

ihren Glanz anzubeten, nie erlahmen werden, ihre kargen Abende und die

Dämmerungen des Frühlings hinzugeben.

Und, die heute täglich suhlt à la boche in den Lachen der von Kocherls und

Ladnerinnen umjauchzten Geschwätze, wird vor ihnen hergehen, wahrhaftig,

Instrument der Gesinnung, Jungfrau von Orleans mit der blonden Krone und

dem liebenden Beispiel, Entfacherin echter Tränen, guter Handlung -- -- --

.«

Lil Pax hat die Hand gesenkt, die mit den Haaren Margits spielt, die diesen

Augenblick mit vor innerer Spannung erfrorenen Augen empfindet, und sagt:

»Silberner Vampir«.

Frauen · 第 15 / 20 题