Sie ist ganz weiß, ihre Augen glänzen weiß, glasig, sie hebt die Hand,
deutet, ich verneige mich tief: »Mein Verlobter.«
Ich verneige mich noch einmal vor Sir Johnsons Sohn. Ich denke, dies Haus
ist heilig. So hatte ich vom Morgen an gedacht. Aber ich fühle, es schlägt
mir die Knochen entzwei, es macht mich kaput, ganz klein.
Vor mir, an meinem Arm die Herrin, defiliert die Gesellschaft. Ich benutze
die Minute für meinen Bruder, ich flüstere: »Ich bringe den Dank eines,
dessen Leben Sie gut getan.« Sie winkt gütig mit den Augen ab, ich werde
ihr das nächste Mal allein erzählen, sie lächelt.
Dann geht das Essen wie ein Rad vorüber. Ich sehe das blaue Kleid nicht. Er
sitzt auf derselben Reihe wie ich. Was ist aus mir geworden? Ich kenne mich
nicht.
Der Kaffee wird auf der Terrasse genommen, da sitzt sie mir gegenüber, das
macht mich frisch, ich rede viel und nicht zerstreut. Es ist eine halbe
Stunde nur noch, man muß sie nehmen und ausfüllen so gut man kann.
Vogelschreie der Bahnen ächzen aus der Dämmerung. Das Auge Ebbas geht nicht
von meinem, ich fühle es, wo ich kaum mehr etwas sehe.
Ihre Pupille und meine Pupille sind aufeinander gestellt.
Havannas werden gereicht. Das Glas färbt sich dunkel. Ich bin berauscht,
als ob ich Wein in mir hätte, ich habe einen guten Tag plötzlich, ich wende
mich nach allen Seiten, und wie ein Karussell windet sich alles um mich.
Ich habe so leicht zu reden, »Dozent Lilljeqvist« sage ich, »Sie tun
unrecht, Baron Prittwitz, der die Ehre hat, uns zu vertreten, ist Pazifist,
wenn auch aus bon sens, und hat gegen den Willen Wilhelm II. gearbeitet,
der Ihr Land in den Krieg kommandierte. Als er zu Ihrem früheren
konservativen Premier kam, Wallenberg, dem schlausten Krämer . . . nein«,
ich wende mich ganz herum, »nein, Sir Johnson, ein erschossener Steuermann
ist ein Zufall, aber Sie haben recht: die Tötung jedes Menschen ist ein
ungeheuerliches Verbrechen. Aber kalkulieren Sie damit nicht in Politik.
Tod ist nicht Zähler, nicht Nenner. Was tat Ihre Regierung denn, die keine
andere schöne Wendung sah, als daß sie zwei Tage die ganze schwedische
Presse mit Geheul gegen Deutschland vorließ und dann zurückpfiff. Und
Wallenberg, die Augen schmunzelnd, errechnete, daß mit hunderttausend
Kronen Entschädigung und dreitausend Pension die Steuermannswitwe eine
glänzende Lotterienummer gezogen und etwas verändert die ganze Presse der
gleichen Meinung war. Das ist Verbrechen, Sir . . . Dank für das Feuer
Sverker Ek . . . .«
Ich setze mich tiefer zurück, mache mich breit, ich habe im Feuer vieles
gesehen, ich rede immerzu: »Hören Sie, wie anekdotisch dieses Regime
arbeitet, bei uns und bei Ihnen, es ist das gleiche furchtbare System: Als
der Gesandte frug, als Ludendorff ihn zwang: ob wir Munition bringen
dürften nach Finnland durch die schwedische Sperrzone, sagte da Wallenberg
nicht, kühl und kaufmännisch in den Bart -- daß einmal ein Mann gekommen
sei und gefragt habe, ob er rauchen dürfe und man habe gesagt: nein. Der
aber wies auf Reste von Zigarren, worauf er die Antwort hört: das taten
solche, die _nicht_ frugen. Man verständigte sich unter Lachen. Stellte ein
schwedisches Torpedo zurecht, ließ die Munitionskolonne beschießen, drei
Tage die Presse heulen, dann war es vorüber.
Deutschland gab eine Million Weißwein dafür frei. -- -- -- O Malte
Davidson, dreißigtausend Tonnen Schmalz für den Hunger in Deutschland, das
kam, weil eben der Gesandte Euch und sich elastisch hielt im Zusammenprall
solchen Schicksals. Ohne ihn säßen Sie in Sibirien, ich weiß, er wand Ihrem
König manchmal den Entschluß zu den Kanonen aus dem Hirn. Nicht, weil er es
verfluchte, daß Menschen sich töten, aber weil er aus dem neutralen Lande
Essen wollte für die skrophulösen Kinder . . .
»Nein Sir«, ich lächle, »der Wutschrei des Polizisten am Brandenburger Tor
über Ihren Chauffeur ohne Mütze, das ist nicht das Deutschland unserer
Gesinnung. Aber trotzdem, ich neide Sie nicht, nicht Ihre jungen Männer, so
sehr ich den Frieden begeistert grüße, der Ihr Land beglückt. Sir Johnson«,
sage ich und ich spreche mehr aus, als ich sonst je wage, »Sir Johnson«,
sage ich betont und staune über den Klang, denn ich hätte nie selbst zu Siv
so offen und frei in diesem Lande gesprochen, ich, der ich nie von Plänen
spreche und mit ihnen die anderen anfalle wie ein Weih mit dem Vorstoß
. . . »was ist Krieg Ihrer Jugend, Sir Johnson? Ein Trog, an dem sie fraß
und fett ward. Gulasch nennen sie selbst den neuen Reichtum, der in
falschen Konservenbüchsen kam. Fühlt sie sich nicht krank, ihre Jugend, Ek
und Davidson, vor dem kochenden Gold, das ihre Leidenschaften, ihre
Begeisterungen frißt? Wo habt Ihr jenes Stolzeste, das manche andere und
mehr gequälte Jugend mit einem siegreichen Lächeln als Trotz und Auflehnung
entgegenträgt? Eure Besten leiden daran, Weiber, Pelze, reiche Schiffe zu
haben, aber kein anklagendes Echo Eurer Seele im Ohr der Menschheit. Sie
haben in Schweden keine große Politik getrieben. Blieb Ihr Land neutral,
Sir, war es Vorsicht von uns und von Euren Aktionären, nicht Haß gegen die
Gewalt. Zweitausend Kilometer Etappenstraße nach Rußland, das wog Euch
Erschreckten mehr als humane Überlegung . . . . Im Museum liegt Euer
Imperialismus, Karls Standarten, Wasas Helm, ungefährlich als Rausch für
Eure romantischen Jünglinge. Aber Ihr lerntet nur Vorsicht, noch nicht das
letzte. Eure Gelehrten sinnen und rechnen, machen ballistische Kurven, um
auszurechnen, wer Euren größten Krieger, Karl XII. schmale Abenteurerstirn,
erschoß, die Feinde draußen, die kriegsmüden Schweden innen? Die Narren.
Der Friede erschoß ihn. Verstehen Sie mich wohl gut, Sir Johnson?«
Ich breche ab. Bis an den Rand der letzten Minute habe ich geredet, es ist
mir frei geworden, ich habe einen Zweck gehabt zu reden. Nichts ging
verloren, es ist, als kenne ich das Dunkel, als verstünde ich es besser mit
den Sinnen plötzlich wie den Tag.
Schwätzend, wie ein Seiltänzer bebend, die letzte Sekunde.
Ich erbleiche plötzlich.
Sie kann nicht gehen. Sie läuft schon hin, reißt ab, ich stehe auf.
Auf strahlender Diele stehen alle im Halbkreis. »Es lebe das Deutschland
Ihrer Gesinnung.« Ich verbeuge mich ein wenig vor Sir Johnson, ich verbeuge
mich noch einmal tief. Ich bin mir nicht ganz im klaren, was ich tun soll,
wo ich bin, ich verliere alles aus dem Auge, ich weiß nichts anderes, mich
zu retten, daß ich mich noch einmal verbeuge.
Die Herrin hat den Arm auf Ebbas Schultern.
Die anderen Gäste verneigen sich.
»Gnädige Frau, ich werde den Tag nicht vergessen.« »Farväl,« sagt sie und
nickt mit den Augen.
Nun wage ich Ebba anzusehen, ganz kurz.
Meine Augen beginnen zu brennen vor Schmerz. Die Zähne in den Lippen. Ich
verbeuge mich, schaue nicht wieder auf, ich erreiche nur ihren Mund mit dem
Blick, er ist weiß, zuckt einmal.
Ich folge dem Diener zum Wagen. Im Spiegel der Bahn sehe ich mein Gesicht.
Welch ein fremdes Gesicht. Stürbe ich jetzt, wie schön diese Wollust.
* * *
Ich gehe gleich zu Bett im Hotel. Ich weiß noch: morgen fahre ich zu
Almqvists Schwester. Nach Särö. Dann schlafe ich ein. Ich weiß nicht, wie
ich schlief, ich schlief wohl sehr fest.
Das Telephon weckte mich, ich lief ins Badezimmer vor Verwirrung, dann
legte ich mich nieder.
Ich nahm den Hörer vom Tisch, ich hebe ihn an mein Gesicht. »How do you
do?«
»Falsch verbunden.«
Ich hänge ein. Es schellt von neuem.
»C'est le portier qui parle.«
Ich fluche, ich rufe ins Telefon, er möge verplatzen.
Eine andere Stimme kommt, aus Nebel süß und weich: »Kan jag få tala med Nr.
417?« Ich streckte mich lang aus im Bett. Ich zitterte am Körper. Ich bin
Nr. 417.
Ich will die Stimme noch einmal hören, ehe ich sie für immer verliere.
Sie wiederholt. Ich genieße es lange. Dann antworte ich; wie klanglos meine
Stimme. Ich antworte nur, was sie sagt: »Ja, Fröken Ebba, ich vergesse die
Bücher nicht zu senden, ich küsse die Hände.« Da geht die Leere ins
Telefon. Doch sie ist noch da, ich weiß, ich spüre es. Ich sehe sie dastehn
mit dem weißen Gesicht, erfroren am Mund, und lauschen.
Doch ich darf nichts anderes sagen, ich muß es fallen lassen, wenn es mich
auch vernichtet. Ich habe stets gedacht, dies sei ein heiliges Haus. Ich
will keine Verwirrung in diesem Haus.
Wie unglücklich bin ich und schwach. Und doch wie getröstet. »Ich küsse die
Hände, auf Wiedersehen!« rufe ich steif und hänge ein. Ich kann es nicht
hören, wenn sie den Gruß wiederholt. Ich richte mich auf unter der
Badedusche, hebe die Arme, die Muskeln wiegend im Strahl -- und breche
zusammen: welches Glück, diese Stimme.
Erst nach dem Mittagessen kam ich in Särö an.
Vor dem hellen Sandstrand stand die Nordsee. Dann machte der Basalt eine
Welle, die Häuser trug. Davor brannten mit schmalem Rasen die tausend
Obstbäume. Ich ging durch den verschneiten Geruch.
Auf der Terrasse kam Almqvists Schwester auf mich zu. Ich trat betreten
einen Schritt zurück. Sie lächelte mit einer sich nicht entäußernden
Bewegung, ihre Schönheit streng bei sich behaltend. Ich saß auf der
Klippenbalustrade vor dem kleinen Schloß. Ich frug nach ihrem Bruder, sie
wußte keinen genauen Termin, noch ohne Nachricht. Sie hob die Schultern ein
wenig, ich mußte warten. Ich unterließ nicht, ihr meine Bewunderung für
solche Schönheit schweigend zu bezeugen.
Aber es war ein Raum zwischen uns, ich durchbrach ihn nicht, ich hatte
einen Schmerz in der Brust, der mich peinigte bei jedem Wort und mich
wegzog, wenn ich die schmetternde Süße der Apfelbäume vor dem aufgestählten
Dunkel der Nordsee empfand. »Sie haben recht,« sage ich hin, »Ihre Bürger
sind Hunde wie alle, gnädige Frau« und ich lächle schief und trotzig, aber
ich will es nicht wissen, was geht es mich an, was liegt mir daran, daß ich
ihren Vornamen gern wüßte.
Aber ich frage nicht danach. Daß sie in Norwegen skiert mit Meir Elisha,
meinem Partner. O, was liegt mir daran. Ich bin da, um auf Nachricht von
Almqvist zu lauern, es ist keine da. Ich sitze und rede und höre nichts wie
ein phantastisch Knirschen eines Rockes immer im Ohr.
Auf der Klippe gegenüber stehen Kinder, rufen »Mur«.
Sie steht auf, nimmt die grün-weiß-orange-schwarze Decke von dem Teetisch,
winkt hoch damit. Die Kinder jauchzen, kriechen wie Ziegen weiter mit den
kleinen Spitzenhosen.
Auf der geschorenen Steppe ins Land hinein spielen Engländer Golf. Weiße
Männer liegen unten in den Segelyachten. Ich stehe auf, lege die Hand über
die Augen und sehe lang in die gläserne Bläue. Ich vergesse, wo ich bin,
ich drehe mich um: »Ich sah Ihr Stadthaus, gnädige Frau; darf ich es sagen,
die holländische Backsteinrenaissance hat eine asketische Linie, die ich
wenig ertrüge, nie eine Frau damit umgäbe.« Ihr kristallenes blaues Auge
umfährt mich ohne Ironie, sieht über mich weg.
Ich empfinde, daß alle lügen, daß sie nicht die marmorne schönste Frau
Bohusläns ist; welche Narrheit, sondern, daß sie noch nicht gelebt hat und
ihre Gefühle lawinenhaft hinter dem Herzschlag liegen.
Aber im Augenblick darauf schon sehe ich das Meer wieder, sie ist
aufgestanden, an die Mauer getreten, was kümmert mich diese Frau, die Ruhe
macht mich glücklich, überempfindsam, die Segel meiner Seele sind groß und
weit gebauscht. Welcher Friede, ich will es sagen, es gelingt mir, fast
werde ich mitteilsam, ein Schwätzer, ich schüttle mich und lache in mich
hinein.
Die Obstbäume brennen ihr Weiß gegen die besonnte Felswand und schwingen
sich selig über das im Kreis gerundete Meer. In der abgeebbten Seitenbucht
liegen Völker von Möven mit ausgebreiteten Flügeln im Sand. Wir sitzen und
reden und warten auf Almqvist, ich erschrecke, muß lachen, die Teetasse
fiel zu Boden.
Ich muß lachen, ohne es zu zeigen (wie kühl und höflich ist mein Gesicht),
ich sitze mit der schönsten Frau Westschwedens über den wiegenden Rahen
ihrer drei Segelboote, und ich sehe über ihr hinter den Schaumriffen genau
von den in der Brise schaukelnden Kirschästen bis zu der Spitze des
Granitbergs immer eine Reiterin durch die Luft hinschreiten.
Die Kinder kommen rufend, werfen sich ihr an die Brust. Wie schön ich mit
Kindern spielen kann, die ich sonst nie sah. Bin ich sechzehn Jahre? O, wie
fühle ich mich von mir selbst verlassen. Sogar den Bärentanz vermag ich auf
der Mauer ihnen vorzuzeigen; wie sie heulen vor Wonne. In welchen Korridor
entfernter Jugendlichkeit habe ich mich mit Geschwärm und Verlieben und
Spielerei schrecklich zurückverirrt? Wie weit lag das hinter mir.
Ich balle die Faust in der Tasche, ich kann ja doch nichts tun gegen die
süße Gewalt, die mich von allem reißt, mich hier einen Fremden und Kranken
und Unbeteiligten sein läßt, o Gott, wie schön ist die Gewalt dieses
Schmerzes, den ich hasse.
Ich balle die Faust in der Tasche und greife das farbige Tuch, mit dem sie
den Kindern winkte, das die Kleinen mir hineinbugsierten. Nun gut, es soll
drinnen bleiben, wir lachen, ich küsse die Hand, die es mir schenkt.
Vom Bahnhof herauf läuft ein Auto.
Almqvist.
Ich gebe ihm die Hand.
Ich stehe mitten in den Dingen, dressiere die Drähte von Plänen und
Absichten und Zielen bewußt und klar.
Ich schlafe traumlos und gut. Ich habe mich völlig, nichts irrt ab.
Wir fahren in der Frühe nach Göteborg, nehmen den Russen auf, steigen in
den Dampfer.
Der Hafen ist stundenlang, die Schiffe haben sich in Herden hineingelagert.
Als wir den äußersten Ring am Mittag passieren, zeigt Krassin auf eine der
vielen flachen Granitinseln. Aus Stollen sausen elektrische Fahrstühle mit
Batterien hoch, schießen, sausen tief unter das Meer zurück.
Ich lache: »Entwickelt die Erde sich weiter in explosive Kurven, wird man
in zwei Jahren dies von Withe Chapel oder vom Grunewald aus beschießen.«
Da werde ich verhaftet.
In der Kajüte verhört mich der Kapitän. Er ist zu dumm, die Vorzüglichkeit
meiner Papiere zu kapieren. Ich kümmre mich nicht um den Ochsen, stehe
wütend an der Wand. Die ganze Mission steht auf der Wippe. In diesem
Augenblick finde ich mich klar zurück, abgeschnitten liegt das Nebelhafte
von mir, ich strecke mich, bin wieder ein Kerl, kühn am Kopf, fühle die
Muskeln um den Rumpf herum sich dehnen, ich trete vor.
Da klopft es, herein mit der Lässigkeit des Befehlenden kommt Almqvist. Der
Kapitän erhebt sich sofort, das feige Schwein. Der Zwischenfall wird wie
eine Kartenpartie erledigt. Zur Entschuldigung wird Kaffeefrühkost auf dem
Kapitänsverdeck aufgetragen.
Im Kreis der Offiziere, fettem Fisch und Aquavit fliegen die nackten
Ursteine vorbei, manche haben Häuser blau und rot, andere fahren vorbei mit
singenden trocknen Fischen an Drahtseilen klappernd. Das Nackte der Steine
verblaßt in gespenstische Blasen, das Panische stützt von ihnen gegen den
von Wasserzartgrün und Segel musikalisch tief gefüllten Horizont. Die
Eidern stehen mit Geschrei darin. Aus einem Kessel von Granit, der sich
öffnet, schießt schräg zwischen den moosgrünen glatten Felsen ein dicker,
geschwängerter Segler mit viereckig braunem Tuch, die Metallhörner tuten.
Um fünf Uhr legen wir an bei Marstrand.
Von unserem Hotel sehen wir vier Seiten Himmel, überall See. Zwei Tage
studieren wir mit den Gläsern die Gruppen, die Gewohnheiten, die
Lagermulden, die Badeplätze, Frauenbeine, Männerkostüme. Almqvist spricht
mit vielerlei Menschen, läuft in den Garten, macht lange Gänge, schreit zum
Fenster hinaus: »Halo . . . så ni säger,« schickt den Hausburschen in die
kegelhaft gestellte Spielzeugstadt unter uns, läßt Zigaretten holen, setzt
den Panama auf, geht zum westlichen Strand. Manchmal mit Damen, oft allein,
einmal in einem Rudel Männer. Ich sehe, die Arme zum Fenster hinaushängend,
wie Damen ihm zuwinken, wie er vor sich hinschaut, grüßt, in Häuser
hineinblickt, kleine Gärten durchquert.
Er erfährt sicher vieles, wenn er sich so bekümmert, er erzählt nichts,
bringt Blumen mit, empfängt allerlei Subjekte.
Im Osten sehen wir einen großen Klüngel immer am Meer, der seltsame Formen
annimmt. Trennen sich Teile davon ab, verlieren die andern nie die
Verbindung mit ihnen, die Figur der Ansammlung läuft aus wie Tinte,
verzogen wie Rosagummi.
Oft schaue ich nach Norden. Nicht, als ob ich da etwas sähe. Es ist die
Richtung nur, in die ich mich wende. Ich liebe es nicht, wenn ich mich
dabei erwische, ich bin sehr verschlossen dann sicher im Gesicht.
Auch sehe ich gar nichts wie Netze und Schären. An der grünen Wildheit der
Riffe aber, wenn mein Blick damit zusammenprallt, könnte ein Herz wohl
aufschrein. Ich glaube es bestimmt.
Mittwochs kamen die Schweden, hörnerschlank, blondgescheitelt. Almqvist
besprach lange jedes Detail mit ihnen. Ich rührte mich nicht sonderlich bei
den Vorbereitungen, prüfte die Klaviatur nur manchmal, ich hatte das Ganze
zu überschauen, ich maß meinen Puls nicht wie Sverker Ek, ich war wie immer
in den drängenden Stunden der Gefahr fast unbeteiligt, als stünde nicht ein
Ruhm ungekannter Größe und Bedeutung auf dem Spiel.
Ich sprach mit Almqvist lange über diese Frage, die endlose Lüge der
Geschichte, die uns idiotische Führer und geschickte Taktiker als Helden
ewig exerzierte, wo wir aus der Gegenwart im Einblick in alle Verhältnisse
dies Prisma von kleinster Menschlichkeit und Kohl und Lüge und dümmster
Brutalität zu jeden Vergleichen an der Hand hatten und an den Märtyrern und
Tapferen eigenwilligerer Ziele ganz anderes Heldentum beobachten konnten.
»Es ist Zeit, es ist Zeit,« sagte Almqvist, als er die Fernrohre vom
Hausdach richtete, »mit einem Stierstoß das Epaulettengenie aus der
Historie zu stürzen und die Heiligenscheine steigen zu lassen.« Er lachte
höhnisch, wir hatten am Ostufer den Bienenschwarm Männer in den Gläsern.
Wir kannten jeden einzelnen, die Beziehung jedes einzelnen zu irgend einer
Gesandtschaft und amüsierten uns über das Schachspiel, das sie miteinander
aufführten.
Um elf Uhr gingen die weißen Hosen des Außenministers vorüber. In
Badekostüm und Tenniskleidern begann die Börse. Alle heben die Nasen nach
seinen politischen Vapeurs, die nach seiner Entfernung bis zu seinem
Abendbummel, wie Rauchschwaden der U-Boote nach dem Tauchen, den ganzen Tag
geballt zurückbleiben. Die Spionagezentrale des Stockholmer Grand-Hotel,
die ihm hierher gefolgt ist, schwitzt, nachrichtgeil, vermanscht die
Atmosphäre zu Meldung, sie langweilen sich und spielen sich weiter die seit
zwei Jahren vorgespielte Rolle vor, der eine Davoser, der andere
staatenlos, der andere Neutraler, refraktär, krank, desertiert. Sie fluchen
auf den Außenminister, daß er die Klippe als Bad nahm, sehnen sich nach den
Bars Stockholms, nach Royal, Hasselbacken, Rosenbad, nach Autos, Kokotten,
Telefonen.
Sie haben die Nordsee peinlich in den Nüstern, es spielt sich schlechter
vor der wilden Kulisse. Sie kennen jeder einander genau, jeden Atemzug,
alle Vergangenheit, sie lügen sich täglich an und glauben sich täglich neu,
sie sterben vor Gähnen darüber. Hätten sie wenigstens Frauen, es sind keine
Mondänen da.
Die Schweden klatschen in die Hände vor Vergnügen, wenn das Spiel im Sand,
von uns vorhergesagt, nach den jeweiligen Berichten der Zeitungen,
mechanischer als ein Flohzirkus funktioniert.
Das Eigentliche vollzieht sich allerdings nur deutlich für den Kenner: wie
zwei sich bewegen oder beobachten, am Lauern, am Ansprechen. Oben in der
Wirklichkeit sind alles nur Ausländer, die sich sonnen. Alles elegante
Gentlemans, die baden und höflich sind und die Formen der Welt
respektieren, im Kopf ein Nichts an Hirn, im Bauch Hunger und Trieb.
Unter dieser Oberfläche geschieht das eigentliche Techtelmechtel:
Ein portugiesischer Gestus trifft einen wienerischen, sie feilschen
zusammen: Zigaretten am Balkan, Orangenladungen in Lissabon, die Finger
spreizen sich. Da sagt ein amerikanischer Mund, steif gezogen, Höfliches,
reicht ein Streichholz und ist verbindlich . . . während im Untergrund das
Herz anschreit: »Du Sau der tyska legatione . . . Amerikahund.« Beider
Augen messen sich: wieviel Ladungen Munition im Monat der eine Blick
. . . wieweit die Ernährungsfrage im Herbst der andere. In beiden
Brusttaschen Banknotenbüschel! Ein bulgarischer Kalkül stellt einem
englischen ein Bein, lockt ihn in die Falle, bekommt steife Prügel, saust
heraus, blamiert . . . oben sind die Köpfe der beiden unberührt, der eine
überschlägt, daß er durch die Blamage tausend Pfund verloren, der andere,
wie er den abgeblitzten sich zu Diensten fängt.
Alle Köpfe haben einen Zug Gier nach Geld, das ist das Gemeinsame.
Eine türkische Stellung wird beim Zeitunglesen verschachert gegen eine
Nachricht vom Zentrum Lenins. Am Telegraphenamt sind alle bestochen.
Abschriften sämtlicher Telegramme zirkulieren jeden Tag, alle Chiffern sind
bekannt, harmlose Telegramme sind die beliebtesten, da sie drei Deutungen
haben. Zwischendurch Poker, Bar . . . bac . . . ma tante . . . vingt et un
. . . die Karten fluschen.
Abends ist mancher plötzlich reich, nicht an der Roulette, das Spiel von
Ehrgeiz und Bedeutung geht über dem gesellschaftlichen. Da klotzen die
Köpfe brutaler, stierer sich ins Weiße: Kanonenpräzisionen, Abordnung von
Führern, ein auslaufendes Kriegsschiff, Flammenwerfermodelle, Atmosphäre
des Eßdrucks gehn als Tip.
Da sitzen die bluffigsten Karten. Zwei Jahre noch Kriegsgewißheit (wie
stehn die Nerven drüben, Freund?) und Industrien schnellen göttlich hoch.
Zusammenbruch pleite, aber welche Chance bei Voraussicht. Eine
Offensivmöglichkeit wird einem schwarzblauen eleganten Conte abgeknöpft,
auf zehntausend Tote kalkuliert, Zurückschrecken, auf siebentausend falsch
frisiert, das zieht, in den Kabel gegeben, den Toten zu einer Mark, am
Abend als Gewißheit weiterverkauft gegen Fettrationsnachweis,
Kupferlösungstabellen, Salvarsanschmuggel.
Äußerlich schlenkern sie die Arme, schleichen sich gegenseitig unauffällig
nach, wünschen sich die Pest in den Schlund, lächeln süß, duellieren sich
selten, innerlich lauern sie, sind angespannt, aufgezogen, Federn,
Pistolendrücker, Minenexplodeure.
Am Abend gehen die weißen Hosen des Außenministers am Strand zurück. Die
Blutbörse reguliert sich neu. Die Spionagezentrale sucht die
Telegrammzellen auf. Über Lissabon, London, Berlin, Washington, Wien,
Paris, Mailand, Pest geht ein Nachrichtregen nieder. Sieben Armeen kämpfen
weiter, Tag um Tag, gut informiert, aufs beste bedient. -- -- --
Wir scherzen, lachen, zeigen uns dies und jenes, der Tag ist hell, wird
immer weicher. Die Fernrohre kreuzen sich, sehen aus wie Maschinengewehre,
wir trainieren unser Handwerk, wir sind sehr vergnügt, machen Skizzen und
Notizen. »Siebentausend Moslemin,« knirscht Ek ironisch. »Viva el Peru«
rufen wir und machen sie nach. Wir singen, weil es so schön ist: »Happy
day, ha--a--a--ppy day -- --. When Jesus washed my sins away.«
Lilljeqvist hat eine Segelmütze auf der Glatze, wir sind in bester
Stimmung, unter Scherzen geht der Morgen hin. Ein heller Tag. Auf der
westlichen Klippe gehen wir ins Meer, zweihundert Meter weiter schießt der
Halbbogen der Fjords wieder heraus, da gehen die Frauen ins Meer, kupfern
gewölbte Schatten liegen vor einer Schäre, der Wind hat nachgelassen,
traumhaft abgebogen stehen Segel vor dem sinkenden Kreis des Horizonts.
Almqvist hat die Unterredung durchbrochen, das Genießende und Schöne ist
aus seinem Gesicht verschwunden, er ist verzweifelt, er geht auf und ab,
die Frauen schauen herüber, er wendet sich an uns alle, das Meer, die
atemblaue Seligkeit der Luft:
»Ha,« sagt Almqvist, »was Jaurès, was Pétain, was das ganze Schachspiel
. . . Bagatellen für Affen. Die Erde ist in den Äquator der Abrechnung
eingelaufen, was? Die Fahrt in das Dunkel hat begonnen, die Kugel knallt in
das Chaos. Ha . . . wie hängen die Dummen noch ungelöst an ihren
Bettwärmern, ihren Seelenkitzeln, ihren Kompromissen. Der Bruch geht
verflucht durchs Ganze. Schöner Tag, Ek, süße Bläue, Krassin!
Aus für uns.
Die Lichter sind ins Dunkle geflaggt. Ha . . . und keiner sieht in
verlogenen Räuschen von heute schon den Schluß. Unerbittlichkeit, i . . .
i, Nachdenken Ek. Nichts wird hinübergerettet. Die Weiber mit kostbaren
Dessous, die lachend vor Spiegeln stehen, von Steinen voll gepflegte Hände,
Salbenhaut, die in Kissen feucht wird. Autofahren, sanfter Luxus, der
reizvoll die zarte Erdoberfläche malt . . . betrügt Euch nicht. Der
Zeitbulle rennt sich seit vier Jahren die Hörner ein, auch die Gazellen
werden damit verrecken müssen. Putzt die Lampen auf für andere Jagd. Ob die
Zeithörner blasen oder Frauenbeine spielen, erschöpft für diesmal die Frage
für das Säkulum. Im Katastrophenschacht der Sternbilder, in den wir
einfahren, ist der Ernst und die Grausamkeit verdammt en vogue.
Ha . . . süßer Tag, Ek, milchweiße Silberränder in der Luft, man wird den
Schönheitszauber mit Keulen zerschlagen. Ob ich ihn geliebt? Wie habe ich
ihn genossen. Einmal wird Schönheit die zackige, rohe Erde erlösen. Nichts
ist das aber vorderhand für uns.
Wir werden keine Freudelagerfeuer des Sommers an dunklen Julifjorden
entflammen. Städte werden zum Osiris gefeuert und der Mond auf Leichenhügel
geknallt. Schwelgerische Sternnächte werden ohne Regatten rauschen, Ebenen
nicht mehr verzücken, Meere nicht zu Begeisterung schlagen, Seen zu keinen
Frauenräuschen treiben, dampfende Schneefelder unter flamingoner Röte nur
im Traum noch schweben . . . aufgespreizt dagegen, mit gußeisernen Kolben
wird dem Zeitauge das Plasma ausgeschlagen. Tritt in den Brustkorb dem
schloddrigen Gerippe. Knackt die Schulterblätter der duftenden, innen
verwesten Kokotte. Ab mit dem Geschrei der greisen Äffin Europa. Die Erde
hat . . . hat ein elefantisches Toben angenommen.
»Nach uns erst, Ek, werden die Nymphen wieder steigen, wir sind leider bei
der Reinigung und der apokalyptischen Dusche.«
Er hört nicht auf zu lachen, seine eleganten Hände pressen sich immer
wieder auf die Knie, der Oberkörper schüttelt sich, er kann sich nicht
fassen. Er bekommt langsam sein Gesicht wieder, die Maske wächst ihm vom
Kinn zu den Augen.
Ich sehe durch sein Lachen den Krampf, wie sein wundervolles Leben sich
ablöst von dem Leichten der Zeit, dem es anhing mit allen bei diesen Gaben
und solchen Fasern lebenden Gefühlen. Ich fühle den schicksalshaften Tenor
seines Blutes, etwas steigt, begreift in mir eine Sekunde das Ganze, dann
vergesse ich es wieder, sehe nur das Nahe, spüre mich feig und kneifend,
aber hell und voll Ehrgeiz zusammen, ich kann es nicht ändern, ich kann ja
nicht tauschen, ich höre nichts als immer in jeder Sekunde durch den Granit
den Herzschlag des Meeres herauf mit einem einzigen Klang: Ebba.
Alles erfüllt es, alles beglückt.
Ich habe die Bücher nicht einmal gesandt, ich kann ihren Namen nicht nennen
beim Händler, ich kann ihn nicht aussprechen, es ist schon so fast zu viel.
Sie wird am Fenster stehn irgendwo, ich sehe es deutlich, sie wird am
Fenster stehen und warten. Keine, keine Verwirrung in diesem Haus.
Ich wende mich ab, ich wende mich von ihr, was soll ich mit diesen
Gedanken? Ich schelte mich feig, ich strenge mich an, Almqvist zu
erreichen, ich will seine Klarheit, ich winde mich darum, sie zu fassen,
aber, ach Gott, warum sehe ich immer die Frau da am Fenster?
Ich kann noch nicht. Ich bin noch nicht so weit.
Wir gehen über den Steinhügel der Insel. Kanonendonner gespenstisch im
Kattegatt. Ein Fischerboot saust unter englischer Mine vor den Schären in
die Luft. Die Bojen läuten. Leuchtfeuer taumeln durch die mit weißen
Sternen durchzischte Luft. Der Mittag wellt dunkler gegen das Moos, die
Möven rennen tief nach dem Wasser zu.
Almqvist legt den Finger an den Mund.
Die Schweden schwenken ab, mit den Händen deuten sie noch einmal nach
verschiedenen Stellen, beschreiben einen Bogen, verziehen den Mund, lachen,
entfernen sich, Steine nach Vögeln werfend.
Ich liege auf dem Hausdach.
Mit dem schärfsten Rohr beschaue ich die Sammlung am Ostufer, dann
schleiche ich nach, ich komme hinter einem Felsen her, erwische den Rücken
einer alten Badekabine, deren Dach schräg auffährt, ich drücke mich platt
an. Unter mir bewegt sich das Gekribbel, alle starren ins Land hinein.
Ich sehe Almqvist kommen, er schlenkert mit den Knien, bewegt die Schultern
lässig, den Mund gespitzt, der Panama schaukelt in seiner Hand.
Unter mir macht Boissant zwei Winke, in der allgemeinen Verwirrung
entfernen sich die Türken mit dem Bulgaren. Boissant bleibt breitspurig
stehen, die Hände in den Hosentaschen, die pomadisierten Haare in die Stirn
gebürstet. Plötzlich, je näher Almqvist kommt, begrüßt er ihn zuerst mit
einigen Schritten auf ihn zu, und als die anderen nachdrängen, wird er
immer kleiner, unansehnlicher, das brutale Gesicht wird säuerlich weich,
die verdellerte Stirn mit den schrägen Augen versinkt in Falten und einen
weinerlichen Buckel, er benutzt die erste Möglichkeit, mit den beiden
Alliierten ganz allein zu sein, versucht aus dem Nadelkissen der
Spionenschwärme herauszuglitschen, verschwindet nach der Klippe zu . . . .
geht in unsere Falle.
Ich bekomme Klopfen im Hals, seine Entfernung wird bemerkt, Blicke kreuzen
vieldeutig in der Richtung, der Wiener Beauftragte murmelt »ja schaugts«,
schon heben sich die Beine, manche springen auf.
Da nimmt Almqvist die Sekunde, gestaltete sie mit seiner Verführerischkeit,
es erweckt keinen Trotz, mit dem ganzen Zauber seines Wesens zieht er
unwiderstehlich die Geliebte eines englischen Geschäftsträgers gegen seine
Hüfte:
»Frauen«, sagt er erstaunt. Sein Rücken lehnte gegen einen Strandkorb: »Sie
haben wenig Frauen, meine Herren«, sagt er spielerisch und zieht sie in
seinen Tonfall und ich zittere unter seinem Tonfall, weil ich darunter sein
anderes Gesicht immer erblicke. »Sie haben die kleinen Hasen mit Recht
vergessen, die kurzbeinigen, mit denen man spielt, die man nicht liebt.
Welch allersüßestes Kompott von anderen Frauen könnten Sie auf der Klippe
servieren.«
»Dinieren Sie«, ruft mit steifem Blick der Engländer.
»Frauen«, sagt Almqvist. »Französinnen, da geht eine Welle von der Gosse
bis zu den royalistischen Dessous. Ich diniere voll Vergnügen. Gekrümmter
Bizeps: man hat sie alle. Sapristi. Schönes Geflügel, doch man fängts nur
vom Blut aus. Nimmt man sie als Weib, vom Weibsenhaften her, hat man jede.
Dann können Sie vornehmen, was Sie wollen, und jede Académie des Dames bei
jedem Essen mit ihnen vollführen. Die Wege sind egal, solang sie so
erfochten werden. Verlieren Sie die Luftschicht, arbeiten Sie mit Gedanken
und Tricks, ist es aus. Narren glauben nur, Liebe sei nicht Talent, weil
Frauen manchmal auf Idioten reagieren. Verhängnisvoller Irrtum, die Idioten
waren einfach die Begabteren. Wüßten die Schreiber sehr erlauchter Bücher,
die oft mit unmöglichen Weibern leben, wieviel trächtige Instinkte es
bedarf, welche Wollustbarometer, welches Training und welche Disziplin, wie
man führen, folgen, verlocken, zurückbleiben, lange zögern muß, dabei immer
in Siedenähe der Seelenatmosphäre der Frau, wie man vorstoßen, mit Maß
überwältigen, göttlich disponieren muß . . . . . . um nur das anonyme
Straßenmädchen Chichette, die kleine Bürgerstochter Anna zu verführen
. . ha . . . . . . . diese Schreiber, deren ich das größte Amüsement bei
ihren Büchern habe, stiegen von ihrem Hochmut sehr rasch zu den
Sansculotten und fühlten sich den dem Blute viel näheren Abenteurern
wahrhaft gegenüber als Nichts und Null. Französinnen. Ich diniere als Hors
d'oevre, Dessert und Entremet. Diese Frau ist ein Meer, der begabte Mann
kann sich Legion der Vielfalt aus ihnen machen, ein gutes Material des
Weiblichen, wo aus der Stimmung der Sekunde das Entsprechende grilliert
wird. Doch man muß gestalterische Phantasie und viel Einfluß haben, Rezepte
aus dem Augenblick saugen und die Soßen genial verrühren können. Der
Unbegabte nur, meine Herren, geht an die Frau wie an ein Schiff, liest den
Namen, betritt es, und es ist ihm gleich, oder er nimmt es für seinen
Verdienst zufrieden, heißt es nun Lutetia 4, ist's Demut, ist's Glückliche
Meerfahrt. Beschränktheit und Trottelei. Casanova beherrschte als letzter
Souverän das weibliche Alphabet, gab seinen Frauen den Namen, den er
beliebte und den Charakter, den er vorzog. Er verstand auch, was aus der
Französin leicht, bei anderen sehr schwer, aus Hüllen von Schmutz und
Silberfuchspelzen, aus Palais und Hafen und Kulisse, Gesellschaft und Gosse
jenes Blasse, ein wenig Stöhnende herauszuholen, immer wohl das Gleiche,
aber jedes anders überspielt, anders gestaltet: das Weibliche, la femmelle,
was man lächelnd, aber nie ohne zu erbleichen, auf dem Grunde des
Frauenhaften suchte.«
Er hat den Blick fest in dem des Engländers.
»Dinieren Sie,« sagte der Engländer mit steifem Blick.
»Ich diniere voll Vergnügen«, sagt Almqvist. »Ich ziehe es vor,
Norwegerinnen mir zu dispensieren, schlimme Knöchel. Däninnen Austern,
feine Hüften, keine große Sache, oft grau im Teint, Salzwasser, man muß
Zitrone hinzutun. Schwedinnen haben Rasse und Charme wie die Französinnen,
sie kommen ihnen am nächsten, sind sogar besser gepflegt, nicht mit Puder
und Rotstift, sondern von Gymnastik, mit ganz famosen Beinen und
Aprikosenteint. Es geht nur ein paar Jahre, dann erkaltet ihr Arom.
Immerhin werden sie komplizierter, weil sie ohne die französischen
Retuschen, Parfüme und Toilettekünste arbeiten. Denn ihr
Falschheitsattribut ist also mehr im Inneren, sozusagen Seele, während bei
den Weibern der Boulevards und Impasse, ungreifbar jedoch zu dressieren,
auf Busenwarze, Fußzehe, Bauchlinie das Seelenhafte sich herrlich
vollzieht. Der Liebhaber und Amateur kann der Skandinavin daher nicht in
Reinkultur der prallen Männlichkeit kommen, es braucht etwas Hirn, ein
wenig Intellekt. Schon braucht es grobe Mittel, dem Amateur wahrlich
Verächtliches: Logik, Strafe, Züchtigung. Wüßten die Frauen, die, statt
groß und frei sich zu geben, dumme Seelenkulissen dazwischen bauen, wie der
seelenvolle Mann gleich Mondschein ihre prüden Bewegungen widerlich findet,
sie kaprizierten sich weniger auf »Werben«, »Sicherringenlassen«, auf
Seelenpflaumen als überraschendes Zwischengericht und Intellektkrebse
zwischen Salat und Huhn. Während sie glauben, raffiniert zu sein, machen
sie nur abscheuliche Rezepte, rühren Ei und Öl und Preißelbeeren an einen
und denselben Fisch. Das fabelhafteste Menu ist das natürlichste, ohne
Hemmungen, aber mit der Lust am Speisen. Seele kommt dann von selbst nicht
als Eis, aber als Atmosphäre, denn wo wäre Seele nicht, wo Harmonie sich
löst. Rutscht der Frau unseres Jahrhunderts und unserer irrsinnigen
Erziehung, meine Herren, die Welt ins Hirn, so können nur Dressuren sie
sanft machen zu Beefsteaks der Liebe. Ich kenne die europäischen Küchen
allesamt, die Art des Klopfens ist überall dieselbe, (lediglich die Nomaden
Ungarns belieben Fleisch manchmal noch unter den Sattel zu legen). Man
treibt das Hirn ihnen so aus, sie erkennen unter Schmerzen das
Schöpferische des Mannes, werden seltsam anschmiegbar für ein paar Stunden.
In Esprit sich und die Liebe verwickelnd, sind sie von Stimme und Gebärden
Hyänen, aber mit welcher Grazie spielt nach der Prozedur des Dressierens
man mit süßen Katzen. Dabei sind die Intellektuellen ohne jede von ihnen so
erstrebte Dämonie, sie sind nur komisch, meistens bös, nie gefährlich. Dazu
sind sie zu dumm, weil ihr ganzer Apparat ja männliche Kopie ist, ihr
Bestreben männlichen Geist mit maskulinen Mitteln zu imitieren, und sie
dabei die typische männliche Dummheit gegen die verstrickendere ihrer
reinen Weiblichkeit eintauschen. Arme Dinger, sie würden nie Schnaps
trinken und Pfeifen rauchen, weil die Männer in Scharen Wettlauf von ihnen
weg begännen, aber in den Regionen des sogenannten Geistes sind sie
instinktlos wie kein Tier. Was Sie dumme Ziege nennen, kann mir Kosmos und
Schicksal sein, Bestimmung und Verhängnis, kann in manchen Momenten mich um
den Finger wickeln, wie einen Wurm. Ich fliehe, weil ich gebildet bin und
Frauennähe brauche, geistvolle Frauen. Die Dame mit Literatur verräuchert,
Kunst weich kauend, geht trotz bestem Magen auf die Darmnerven, macht
totkrank bei halbstündigem Tee. Mit einem Barmädchen Lilly fuhr ich bis
Kairo. Daher sind die Asiaten und Afrikaner so herrlich. Haben Sie schon
einmal mit Abessinierinnen gefrühstückt, Palaumädchen zwischen den Wellen
der Brandung nachts Melonen essen sehen? Das ist pikanteste Küche: Milch,
Honig, Traube und Kokos und Ziegenlende. Haben Sie Negerinnen auf Gäulen
durchs Gras reiten sehen, das sind die schönsten Frauen, gelehrig wie
Papageien fahren schnatternd den Fluß mit einem herunter, während im Wald
es schreit und dröhnt. Auch ist ihr Odeur extravagant, wenn man nicht den
Schlag von Kapstadt nimmt, der ist Bruch. Aber nicht jeder verträgt diese
Atmosphäre, man ist bei uns zu festgelegt auf gebadetes Fleisch, statt das
Wechselspiel von Haut und Luft zu bewundern. Doch muß ich eine Warnung
hinzufügen, sich nicht zu sehr der Biskuitschönheit der Javanerinnen
hinzugeben, deren Talmianmut verderbter europäischer Grazie nahekommt.
Beine und Brüste sind lange nicht so gut wie bei Schwarzen. Das andere ist
Bluff. Sie drehen große Augen auf, das ist alles. Man stirbt vor Langeweile
oder wird Buddhist. Die Spanierinnen sind von ähnlichem Filet, man kann
sich mehr Vollendetes auch in den seltsamsten Kühnheitsstunden der
Phantasie schwer denken, die Caballeros stehen an den Gittern und erregen
sich an den Damen hinter dem Fenster, sodann zünden sie Zigaretten an und
gehen ins Bordell. Haben sie endlich eine Dame durch Heirat, sind sie nach
zwei Monaten wieder dort. Mondaugen und ideale Büste, braune Marmorschenkel
und süße Hüftlinien genügen doch nicht ganz, wenn das Blut stickig
geworden. Wo ist in Europa sonst noch ein Typ? Russinnen verstehe ich
nicht, davon rede ich nicht, hier gar nicht. Italien weich und süchtig wie
Gelee und dunkle Marmelade. Am Balkan Gehetz. Die Cuisinen duften Paprika,
Knobloch und grünen Pfeffer. Sonst wie mit Hunden gebalgt ist alles,
Beißen, ein Knäuel, man läuft auseinander, schimpft. Schöne Spielerei und
immer Getös, man wendet sich bald ab, zieht Fußballspiel und Hockey vor,
welcher Sport auch reinlicher erhält das Gemüt.«
»Dinieren Sie,« sagte der Engländer mit gehärtetem Stimmuskel. Er saß zum
Sprung. Almqvist hatte seinen Blick in dem seinen wie in einer Fessel. Er
zog das eine Auge herunter. Wie furchtbar spielt er die Komödie!
»Nur die deutschen Aristokratinnen sind appetissant. Da ist Zucht, zwar
geistlos, aber heftig in Rasse, schmale Hüften, Tennisbeine, dünn und zäh,
ovale Köpfe. Etwas vom elegantesten Tier, der Giraffe, und einiges von
dünnem Stahl. Soviel Federndes ist darin, daß man sehr hohe Ereignisse mit
ihnen erreicht, daß man bis an die Mondhügel und die Milchstraße schwebt,
verzückt. Doch das ist Züchtung, man erreicht es nur im auserwählten Fall,
meine Herren, das Landläufige schlägt Sie mit Entsetzen, ein Schreck
zwischen Sentimentalität und zu kurzen dicken Beinen. Der Schick geht nicht
bis auf die Dessous, wo er erst beginnen sollte. Ein fatales Souper an der
Spree, ein nur durch südlichen Himmel gemildertes in München. Nur
Düsseldorf oder Mainz sind geprickelt, dort mischt sichs mit Niersteiner,
französischen Rotis und Rheinwind. Die anderen verstehen die Soßen nicht zu
präparieren, es klebt aus Wasser und Schmalz und Mehl. Sie wissen nicht
aufzuduften herrlich zugleich nach Apfelblust, Meer, Houbigant, Kirsche,
Roquefort, Chablis. Sie haben nicht Reizsinn, das macht, daß die pikanten
Entremets fehlen. Das Souper ist ohne Würze. International leider als
Kapitalanlage verwandt. Da von Genuß nicht die Rede mehr ist, geht bei der
Dirne daher schon der Zynismus um, daher ist diese Atmosphäre auch jedem,
selbst übelsten Ansinnen offen. Dies Essen allein verläßt jeder ohne Dank,
ohne Erinnerungshauch, der köstlich noch nachschwebt aus der Morgenröte,
dem samtnen Gestammel, kalt wird es verlassen, was selbst den Japanerinnen,
die quälen, nicht passiert. Auf dem Düngerhaufen der Welt modert dies
Überbleibsel, getreten in London, in Bordellen Südfrankreichs, roh, heiser,
in den Anlagen Buenos Aires, auf den Boulevards. Hin und wieder steigert
das Mütterliche hingegen sich zu Güte und Brille. Man steht erschrocken vor
Sympathien, die einem unerträglich sind. Auch gibt's spielerische Abarten,
Blutmischung von Polen, Prag, Elsaß. Da liegen Kegel Luftschicht flüsternd
um die Leiber, was wichtiger wie Frou Frou, Pelz und Seide. Da geht ein
Kampf immer mit Stummheiten, Abwehr, Hieb und Einsinken zwischen Wünschen,
Männerblicken und dem Weib, Lustfächerspiel aus Luft. Besonders aus dem
Österreichischen her, Genies der Haut, Hasen, an denen die Lust sich reibt,
riechen wie Klee, schnuppern. Schwierig, die mit Seele, man will sie nicht,
aber sie möchten auf diesem Umweg bezwungen sein, man hat ein Lazo um den
Hals, ich wage nicht, Sie mit den tollen Einzelheiten der Flucht hiervor zu
langweilen, Sie ziehen eindeutigere Einzelheiten vor. Man speist nicht
Straußeneier, weil sie selten, sondern man speist Kibitzeier, weil sie
selten und dazu sehr gut«.
»Dinieren Sie,« sagte der Engländer.
»Asiatische Würze in europäischer Flaconnierung, ich setze mich gern zur
Tafel«, er zog die Engländerin herüber, spielte mit ihrem Haar und übersah
den Rufer. »Heißt das Essen Adler, hat das Exemplar leicht kurze Beine, ist
jüdisch, wird dick. Da hat sich Vorderasien schon ganz an das bürgerliche
Europa angeschlossen, aufgegangene Kaprizen in Sackfett bourgeoiser Ideale.
Heißt's aber etwa Guzman, kommt es aus Spanien über Saloniki, ist schmal,
hat kein Ghetto gehabt, zäh, geistig und voll Charme. Vielleicht das
Höchste, was es gibt: Hirn plus Blut. Aber in der hinreißendsten Grazie
serviert. Internationale Aristokratie. Ihrer Tradition Chefs waren, als
unsere Vorfahren in Pelz und Barett noch schwitzten, gepflegte, untadelige
Gelehrte und Künstler in Katalonien. Serviert man Frauenkompott, darf die
herrlichste Jerichospeise nicht fehlen. Man wird immer wieder zu den
Jüdinnen zurückkehren, zu dem Hafen, den Intellektuellen der Freude.
Erotische der Ideen, Glühende nach Ziel und Triumph. Dasselbe, was
Anarchistinnen treibt, ist ihre Umstrickung. Dazu sind sie einfältig, fast
primitiv, im intimsten Moment. Lasterhaftes und Wille, sich für einen töten
zu lassen, Adel und Ausschweifung, Königin und Dirnengeschwätz,
dolchscharfes Hirn und Akkumulator der Gasseninstinkte -- -- das fließt
fabelhaft ineinander, man vergißt diese Frauen nicht. Sie sind wenig
entdeckt, man degoutiert ihre Männer und sieht sie nicht. Wer sie aber
erfahren hat, läßt nicht die Lieblingsmarke. Sie halten einen nicht. Ihr
Trieb ist, Freiheit geben überallhin und dadurch erst recht zu fesseln. Man
schlägt das Auto, etwas betrunken, mit ihr völlig in Fetzen, im Abfahren
ruft sie »Säufer, du Protz«, man steht eine halbe Stunde auf der Straße,
beschließt, irgendwie anders nun von dieser Nacht ab zu leben, geht zu ihr,
sagt ihr's, und findet keinen Zug, keine Falte, die den Triumph bei ihr
anzeigt. Es soll sogar, so vielfältig ist der Typ geschichtet, chinesische
und negerische Jüdinnen geben. Man hat die Auswahl: runde, ovale,
Suaheliköpfe, Schlitzaugen, mandelgebogene, abbessinische Formung,
überweiße Arme und sehr dunkle Haut, es ist von den klassischen Ragouts bis
zu den bourbonischen Chateaubriands jede Nüance vertreten. Asien wird uns
als Mission in die Adern getragen, Steppen, Jahrhunderte Gold des Jericho
und Euphrat, Schmutz und Begeisterung und Landstraße und Silberhimmel sind
in ihrer Neigung zusammen, es betäubt und man ist immer wieder da zu Hause.
Hier ist das intimste Diner gerichtet, man langweilt sich nicht mit den
Suppen, man will endlich einmal über die Hors d'oevres hinaus, zu Forelle
und Fleisch. Sei es auch à la tatare. Auch wird man Paprika, portugiesische
Sardellen, Anchovis als Würze, persische Pflaumen, Pfirsich und Brüsseler
Trauben als Früchte dazu haben. Man fährt auf solchen Gedanken wie auf
Äroplanen durch den Ozean von Rausch und Erregung. Ein ungemeines Potpourri
von Erlesenheit der Speise ist zu den Kompotten geschichtet. Wer nach
Blutstromwanderung, nach Sehnsuchtsfjorden aus ist, hat hier die
wundervolle Yacht. Auf welcher Regatta es sei, führt der Liebhaber die
palästinensische Göttin, großhüftig und braun, am Fock.«
»Dinieren Sie. Dinieren Sie,« schrie der Engländer.
Da zog Almqvist die Frau auf das Knie: »Ich vergaß die Gemüse Ihrer Insel,
ich bin bestrebt, ihre Lendenstücke nicht außer acht zu lassen.«
Der Körper des Engländers schoß an ihm vorbei, Almqvist hatte die Frau mit
dem rechten Arm an sich gezogen, hochgehoben, war dem Springenden
ausgewichen.
In der Dämmerung lief er drei Sätze.
Jagte auf der Galerie des Landungsstegs als Schatten. Eine kleine
Segelyacht kreuzte gegen den Wind, legte sich leewärts an das Geländer, sie
sprangen beide hinein.
Der Abendwind riß mit einer schaumigen Brise das Boot ins Graue. Am
Geländer fiel der Engländer stumm um, hämmerte die Faust auf das Knie, tac
. . tac. Ich sah ihn noch aufstehn, wanken vor Wut, dann schlich ich in der
Verwirrung der anderen zurück.
Hinter dem Fels begann ich zu laufen. In dem Spielzeuggarten war eine
Jasminwolke aufgebrochen, Kometenstücke fielen dauernd über die
Granitfelsen der Ostseite tief in die weich flutenden Fjorde. Ich saß
stundenlang am Fenster, wartete, sah mählich die Nacht über den Silberglanz
hingehen, die Düfte immer stärker auf der schweigenden Insel nach oben sich
wölben, die Uhren fielen schwer und flaumig in die dichte Stille.
Um zwei Uhr kam Krassin.
Um zehn hatten sie den endlich ungestörten Boissant nach seiner Unterredung
mit den türkischen und bulgarischen Subjekten abgefangen, betäubt, in einen
hollunderzerwachsenen Felshafen getragen, in die kleine Segelyacht gesetzt.
Krassin blieb zurück, öffnete, kopierte die Abmachung, ließ die Kopie
zurück auf dem Holztisch Boissants, genau so verfertigt, gesiegelt,
unterschrieben, wie das Original.
Er gab mir das Original, verschwand lautlos. Ich ging mit ihm hinüber, las
es, ging zu Bett, schlief ein.
Die Schweden kreuzten inzwischen mit Boissant bis zum Morgen zwischen der
Küste und der Insel, er hatte sogar die Möglichkeit, sich mit der
Engländerin zu unterhalten, »Englishman?« frug sie mißtrauisch, die Hand in
Almqvists Genick.
»Allright.«
Sie setzte sich etwas höher, weil sie schräg lagen, sah ihm ins Gesicht.
»By Jove,« sie erschrak zu Tode über das Affengesicht.
»Hallo cap, hallo cap,« murmelte der Franzose und stierte ins Wasser.
Morgens setzten sie ihn lachend ans Land. Davidson erzählte ihm, als es
ganz hell ward, man habe ihn mit Krassin verwechselt und bat um
Entschuldigung, indem sie ihn tatsächlich wider Willen beim Wenden am Land
noch durch eine Ruderwelle bespritzten.
Um elf morgens kam Krassin. Almqvist war in Gefahr, der Text der
Konventionskopie, die Krassin hergestellt, war als Fälschung stark schon in
Verdacht, alles stellte sich im Arrangement natürlich auf Almqvist.
Ich suchte ihn, irrte mich im Zimmer, trat in ein falsches, da schliefen,
von der Sonne beleuchtet, tiefatmend zwei nackte Menschen. Almqvists Tür
war verschlossen. Ich klopfte, er antwortete nicht, schlief noch. Ich ging
zurück.
Ich kämpfte den ganzen Vormittag. Ich nahm das Papier, sah es an, legte es
wieder beiseite. Das Papier war von einer Bedeutung, die weit über meine
Verantwortung als Mensch hinausging. Wie hatte ich danach gehetzt und
gejagt.
Eine Abschrift war für den mißtrauischen Ludendorff nur Gelächter. Das
Original hatte Beweiskraft. Zeigte, wie die Außenposten seiner Politik im
Wind lagen, Konstantinopel nach der Trikolore lauerte, bulgarische Ohren
nach London sich spitzten. Ich hatte für das Schicksal der Monate das
wichtigste Papier, hielt es in der Hand.
Was war Almqvist dagegen? Das Papier brannte in mein Blut sich ein.
Schicksale, Menschen, Entscheidungen wölbten sich aus ihm heraus, das
Papier ging in die Zukunft. Mein Ehrgeiz öffnete die Akte der folgenden
Wochen. Meine Handlung!
Ich schwieg, stellte mich vor den Spiegel. Wie kühl, entschlossen bin ich.
Ich schwanke nicht, als es sich regt im Zimmer neben mir. Die Bedeutung des
Momentes schneidet alles ab, es geht weit über die Rücksicht auf einen
Menschen.
Ich opfere Almqvist. Ich kann ihm das Papier nicht geben. So geht der Weg.
Ich lege die Lippen aufeinander. Ich bin am Schluß.
Gegen Mittag sah ich plötzlich deutlich, daß ich nur von mir aus empfand
und beschloß. Die Einstellung war zu klein. Ich schämte mich trotz dem
Stolz, der mich füllte. Ich fand mich häßlich, wenig unterschieden von den
Schweinen der Spionagezentrale.
Dennoch lag meine Hand sicher und freudig auf dem Blatt Papier. Triumph.
Ich überlegte dann: wenn die Heeresleitung nicht glauben wollte, oder aus
Schicksalszug nicht glauben sollte, half dann das Original, war dann nicht
hinfällig, klein und dünn der Streit zwischen Papier und Papier? Der
Zweifel fraß mich an, ich hielt ihm lange stand, er warf mich auch nicht
um.
Aber ich verstand mit einem Male, daß gegen alle meine Klugheit und
Entschlossenheit Mächte aufschossen, die eine andere tragische Macht als
die helle Sicherheit meiner kleinen Pläne beherrschte, und wie weggeblasen
und ausgespien diese oder jene Wendung mich machen konnte.
Ich sah aus dem Fenster. Stundenlang.
Dann ging ich hinüber, Almqvist das Original zu bringen.
Er war nicht mehr da.
Ich fahre nach Stockholm. Über mir schläft ein weißhaariger Priester. Ich
habe die Hand auf dem Brief auf meiner Brust. Am Bahnhof steht Siv. Wolken
steigen wie Ballone rund und dick und porzellanen über den Mälar und das
königliche Schloß. Der Gesandte fährt mit dem Finger über die Tinte des
Schreibens und trommelt amüsiert über die entzückend zugezogene Falle an
seinen verbündeten Kollegen auf dem großen Karo seiner Hose, das das Knie
bedeckt. Er hat den wichtigsten Trumpf, Rechtfertigung seiner in Berlin
geschmähten Politik in der Hand. Seine rasche Zunge hat ein gesalbtes Öl,
in dem sein scharfer Vorstoß seltsam glitzert.
Wir speisen gut. Ist der schwedische Diener mit den dicken Händen und den
Zwirnhandschuhen, der serviert, draußen, klopft er mir jedesmal auf den
Arm, auch wenn er anders spricht. Ich sage: »Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr
Minister, ich trinke gerne auf Ihr Wohl.« Die Gläser stoßen an. Er macht
mit Finger und Sprache das Parkett in Kreuznach, wenn der Brief übergeben
ist, wir lächeln. Noch vor dem Dessert präsentiert sich der beste Kurier,
er fährt sofort nach Deutschland. Im selben Zug sitzt eine Frau, die hat
den Brief.
Exzellenz erzählt, wie die alte King verwechselt abends, daß er von Pyjamas
sprach und Bananen versteht und das die unanständigsten Folgen in der
Geschichte hat, zerlegt die Nüancen wie den Apfel, springt begeistert nach
Mokka und Schnäpsen zum Rauchzimmer hinauf. Er schenkt mir sein
französisches Buch über innere Politik in rotem Leder.
Ich habe es dreimal.
Ich schlafe den Mittag, sitze den Abend mit Siv im Grand-Hotel. Ich sitze
am gleichen Tisch, am selben heruntergelassenen Fenster wie das letztemal.
Der Geierschrei der Fjordbahnen pufft wie damals durch die Luft.
Es ist eine unheimliche Ruhe in mir. Weiter weiß ich nichts. Bis zur
Beängstigung ist alles klar gezeichnet, still und gut. Ich bin bereit, mich
über alles zu freuen. Vielleicht gefällt mir die Gegenwart so sehr, weil
ich so wenig in ihr bin.
Ich freue mich, wenn Siv kokett die Spitze ihres Schuhs unter dem Tisch
meine Wade hinaufführt. Ich nehme herzlich auf, wie schön ihr herrliches
pomadisiertes Haar im halben Bogen tief die Stirne ausschneidet. Ich füge
ihr den Stolz an, zu erröten, indem ich frage, ob ein Mann ihr Bein
bewundert, während ich weg war, irgendeiner tags oder abends. Ich weiche
der Gabel aus, die sie nach meinem Handgelenk sticht. »Willst du Rolf sehen
im Varieté, Naima Wifstrand, die Katze, die Hasselqvist tanzen, die Bosse
schreien, Musik, Siv, ich brächte dich gern zu Musik, du mußt mir das
glauben, Siv, wie gerne ginge ich mit dir zu Musik.« Ich will ihr Gutes
sagen, ich verwechsle alles, ich sage das Gegenteil ihr immer von dem, was
auf sie paßt.
Ich sage ihr plötzlich und nun kann ich wieder lachen, daß es ihr gefällt,
nun sage ich ihr lächelnd, daß wir vor Hofås mit äronautischen Karten
gesegelt sind und alle Klippen getauft haben, eine so, diese anders, eine
aber, ich sage es ganz ernst, eine wie der Bauch einer Stute, die springt,
einer weißen Stute, versteht sich, eine: Siv.
Ich füge hinzu, ich kann es ruhig ihr sagen, ich füge hinzu, in den
Kniekehlen habe ich gezittert nach ihr beim Baden, denn wer ist schöner wie
Siv?
Ihre Augen flattern vor blauer Nacht.
Ich füge sofort hinzu, ich kann es ruhig tun, ich spreche nicht die
Unwahrheit: »Nein, ich sah keine sonst, nein, keine Frau habe ich gesehen,
Siv . . . inte . . . inte . . . .«
Wir sitzen lange am Fenster meines Zimmers oben. Wir wohnen im dritten
Stock. Siv ist halb entkleidet, in schönen plissierten Hosen und dünnem
Leibchen sitzt sie auf dem Fensterbrett und streckt die Beine nach der
Straße hinaus. Es ist gar nicht dunkel, wir hören das weiche, flutende
Wasser.
Manchmal erzähle ich Siv. Dann sage ich manchmal: »Mittags sprach Per Geyer
vom Schnee im Lappland, Didring schenkte mir ein Messer von seiner
Expedition. In Saltsjöbaden die bronzene Tür müßtest du sehen, Siv, die
Heiligen sind verrückt geworden darauf, du würdest lachen. Im Schlafwagen
fuhr ein Engländer mit mir, ein alter Herr mit guter Wäsche. Wir waren
beide aufeinander auf der Lauer. Doch eine Frau traf ich, Siv. In Särö. Ich
weiß ihren Vornamen nicht. Ja. Die einzige Frau, die ich traf. Deine Haare
riechen, Siv.«
Ich schließe die Jalousie.
Mir ist, ich trüge die fremde und stille Welt, die ich in mir spüre,
irgendwie über diese Nacht in mich hinein, als ich Siv hinüberhebe in die
weißen, dämmernden Kissen. Die Nacht ist lang und zwielichtig. Ich sehe
alles vorüberrauschen, Tage und Wochen und Erinnerungen.
Ich bin nicht undankbar in meinem Blut. Ich stehe auf. Ihre großen Beine
glänzen. Sterne überall über Stockholm. Unaufhörlicher Mövenschrei auch die
Nacht. Ich ziehe den orangenen Schild der Jalousie auf. Höre
Kungsträdgården brausen.
Ich schließe die Augen: Ist Mälaren nicht blau, Himmel nicht erschüttert
von noch süßerer Bläue, ist nicht Fanfare das Läuten vom Turm des
Södermalm? Ihre Haare sind weißblond, wie habe ich sie umarmt, Siv. Wie
trägt mein Körper noch auf Jahre das Glück des ihren beruhigt im Blut. Auch
dies verliert man nicht.
Ich wende den Kopf, ich lege ihn schief und fast bis zum Boden, daß ich
ihren Kopf noch einmal sehe, die Wimpern, daß ich sie noch einmal ganz
sehe, wie sie daliegt auf der Decke, Tochter im Namen Tors, so schön
gestaltet der Leib, daß der Schlag meiner Sehnsucht sie umwarf. Ich bewege
mich lange vor ihr, ich kann mich schwer davon trennen, sie anzusehen.
Es ist Unsinn, ich habe dumm geträumt, daß sie an Werktagen Schuhe verkauft
in der Nordisca Companiet, es ist eine Farce, eine Lüge gewesen, die ich
betrieb, ein affenhafter Witz. Ihr Vater ist Staatsrat. O wie sie in
Humlegården mir zum erstenmal winkte aus dem Break, ein gelber Handschuh
mit schwarzen Schnüren. Ich weiß es genau noch, ich belüge mich sicher
nicht mit diesem Bilde, ein gelber Handschuh, Siv, ich trenne mich schwer
von deinem Anblick.
»Ich liebe Ebba, Siv,« sage ich plötzlich, »ich sage es nur, wenn du
schläfst. Ich würde dich nie verlassen, Siv, nie ein Unrecht tun im
Gedanken an dich. Du beglückst mich.
Jene ist Pein.
Ich weiß, Siv, ich besaß dich nie ganz, meine Freundin, auch in der
tiefsten Umschlingung . . . wie keine Frau, die ich sehr geliebt, und bei
denen das Unentwirrbare mich anzog und verstrickte. Darum liebe ich das
Dasein, es gibt mir keine Grenze: Städte mit Wolken, Schiffe in Gefahr,
Hauch der Obstbäume, die langen Chausseen, Jagd nach den Tieren, die
unteilbare Wucht des erschütterten Himmels. Was willst du mehr, ich bin
voll Sorge und Liebe für dich, Siv . . . lebe, Siv, daß Geliebtes dir fremd
bleibt, du lebst dann gut . . .
Aber Ebba, Siv, ich sage es, wenn du schläfst nur, das ruft in der Nacht.
Das preßt die Hände vor Zorn, das bringt zur Verzweiflung, man ringt
lautlos die Hände. Das reißt tiefer hinab zu den Quellen des Bluts als dein
leiser Aufschrei, dein dunkles Erstarren im jagenden Herzschlag. Ich habe
sie nicht einmal umarmt. Nicht einmal dies Geringe.
Du bist schöner wie Ebba, Siv, ich gab dir mehr Beweise der Liebe wie
vielen. Ich rede nicht laut von der Stimme, die kommt, die fordert. Aber
sie kommt, Siv, sie kommt aus jedem Geräusch; dein Atem bringt sie, das
Auto, das auf Engelbrechtsgatan stöhnt, der Mond, der Stockholm überfliegt,
das silberne Tuten des Fischerhorns nahe Norrström . . . deine Haut selbst,
die atmet -- -- -- alles, besinnungslos dasselbe.