Ich bleibe zurück.
Ich fühle, daß mein Leben sich ändert. Aber ich weiß nicht, warum und wie.
Wie zerborsten bin ich und doch wie klar.
* * *
Am Morgen später kamen Reporter, ein Photograph. Ich empfing nicht,
leugnete ab. Beim Frühstück las ich, daß die konservativen Blätter aus
Liebe zu Deutschland mich deckten, »Sozialdemokraten« griff mich und
zugleich auch Mannerheim an. Um zehn Uhr rief die Gesandtschaft an. Ich
dementierte. Um halb elf kam der Pressechef. Mannerheim hatte sich
beschwert, ich beruhigte den Beamten, konnte es in der unbestimmten Lage,
die meine Mission umzirkelte. Ich gab ihm eine gute Darstellung des
Lachsfangs in einer nördlichen Schäre. Mannerheim und die Stockholmer
Presse erhielten das Dementi. »Dagens Nyheter« erlaubte sich den Scherz
meiner Vielseitigkeit später. Als ich ausging, hielt vor dem Hotel ein
Bursche ein tänzelndes Pferd. In der Glashalle erhob sich der Reiter,
Erzbischof Sahlström, schlug mir athletenhaft auf die Schulter, ritt neben
mir den Quai entlang, kreiste von Literatur zu den Gäulen in die Politik.
Ich führte den blauäugigen Fuchs noch verschlungener in die Irre.
Am Gesicht des Gesandten beim Frühstück empfand ich seinen Ärger: »Wenn wir
auch keineswegs die militärischen Narren im Amt in Berlin stützen . . .
müssen Sie, Herr, sich gerade fangen lassen?« Ich hatte eine kleine grüne
Bronze in der Hand, die Rodin dem Minister geschenkt hatte, ich setzte sie
hin und verbeugte mich: »Die Karambolage mit dem mongolischen
Ludendorffimitator, ach Gott, Exzellenz . . .« ich erzählte ihm leis
einiges, aber nicht alles, denn unser Weg ging nur ein Stück zusammen, und
meiner weit über seinen hinaus. »Ich habe dem Minister des Innern zwei
Lachse senden lassen, die ich offiziell vor drei Tagen im Binnenwasser fing
mit einem Kompliment auf den Reichtum der schwedischen Gewässer.« »Nach dem
Dementi?« Nicken. Die runden Augen sahen fragend aus. Ich sagte:
»angenommen.« Exzellenz trommelte mit den Fingern auf die Kniescheibe, wir
gingen zu anderem über.
Es gab französische Küche, der Gesandte fing seinen übervollen Geist in den
entzückendsten Anekdoten und führte die Probleme mit anziehendem Geist in
die Form. Es schoß dauernd aus ihm von Aperçus, denen das Frühstück an
Eleganz und Zusammenstellung entsprach. Ich hatte manchmal an dem Mittag
das Gefühl, von einem Parterre meines Inneren aufs andere zu stürzen und
sah andere Ebenen gleichfalls bereit. Bei Schnaps und Zigarren entwickelte
ich den Plan der nächsten Woche, die Beziehungen, die ich anschneiden
wollte und wie ich es zusammenzuführen gedachte.
Der Marineattaché kam dazu. Exzellenz gab ihm ein in rotes Leder elegant
gebundenes Buch, das er in französischer Sprache früher über deutsche
innere Politik in Paris veröffentlicht hatte, schleuderte die Augen
anklagend gegen den Plafond und begleitete mich durch den Vorraum.
Ich fuhr in einer Fähre nach dem Saltsjöbadenbahnhof, wechselte die Oere in
ein Kupferblech, warf die Marke in die Messingbüchse, nahm den Motor und
fuhr durch die Schären nach Gunnaris. Wir verhandelten den Mittag, ich
konnte ihm nur die Umrisse erklären, er dachte lange nach, grübelte und
hatte plötzlich einen kühnen Plan.
Er telefonierte.
Am Abend kam Almqvist. Mit wundervollen Beinen, elegant, der beste Mann
Schwedens. Er war sehr zurückhaltend. Gunnaris sprach lange auf ihn ein,
Almqvist schien sehr ungehalten, daß Gunnaris ihn kompromittiert habe und
Gunnaris ward verlegen, denn er glaubte nun auch, wenn auch aus Dankbarkeit
und großer Freundschaft zu mir, zu weit gegangen zu sein.
Ich nahm an, daß Almqvist, der sehr viel zu verlieren hatte (ich wußte
nicht, wie es damals schon in ihm aussah), mißtrauisch auf mich sei als auf
einen Deutschen, wie jedermann damals in der Welt. Doch war es dies nicht.
Er war zornig, daß Gunnaris einer Sache wegen, die nur entfernt ihre
eigenen Ziele berührte, ihn in eine Situation warf, die den Unterschied
zwischen seinem Leben und seiner Tätigkeit leicht verwischen konnte.
Ich sagte ihm daher frei und offen drei Dinge, die ihn an mich binden
mußten, die ich von ihm wußte. Auch ich hatte einmal in dem Hospiz gewohnt,
in dem er seine vielseitige Rolle spielte.
Wir fuhren, eifrig redend, in der Dämmerung zurück. Ich kannte sein nach
der Gesellschaft hin gekehrtes Dasein, leicht begeistert, Freund der
Frauen, anständig, mit starkem Aufwand lebend. Ich suchte dies zu
durchbrechen, ihn anzusaugen nach seinem Kern hin, beroch, bespielte jede
Pore, es war ein stilles, langes Sichmessen. In einem kleinen französischen
Restaurant neben dem Hotel Exzelsior sprachen wir, etwas zog uns unbedingt
gegen alle Widerstände zueinander. Wir redeten mit einer halsbrecherischen
Offenheit, in einer Stadt und einer Zeit, wo Geliebte gegeneinander stumm
blieben, aus Furcht vor der verräterischen Atmosphäre. Unsere Ziele
berührten sich, wir wurden, indem wir sie besprachen, ernst und
niedergeschlagen. Wir speisten in der Wohnung seiner Freundin. Almqvist war
bestrickend, sang, spielte zur Laute und umgab die schöne Frau mit einer
hinreißenden Liebenswürdigkeit.
Den folgenden Morgen berieten wir ganz durch, mittags arbeitete ich
angestrengt, zog mich in der Dämmerung um und ging zu dem
Portefeuilleträger des Inneren speisen, mit dessen Schwager ich freund war.
Seit der Ausbootung der Konservativen waren sie erst seit vier Wochen aus
Lund heraufgekommen, waren noch ungenügend installiert, aber bereit, mir
den Abend so zu beweisen, daß ich kein Stück eines gewählten schwedischen
Mahles auch nur vermissen könnte. Man hielt bei den Staatsmännern
Elsaß-Lothringen für die Achse der Probleme, mein Plan war anders, ich
sprach nicht davon, ich zog mich um elf zurück und gab vor, sehr müd zu
sein.
Ich ging über zwei Plätze. Der Mond ist tief über Stockholm geflogen, er
geht über meinen Tisch am Fenster der Glasveranda im Grandhotel. Ich schaue
in die Nacht und jeder Klang, jedes Instrument und jeder Gedanke kommt aus
ihr verschwärmt und feuriger zurück. Aber ich denke nicht daran, spüre es
kaum.
Um halb zwölf tritt an den Tisch der Türken ein bulgarisches Sujet, das
irgendwie Beziehungen zur Gesandtschaft hat, aber als Türke gilt, kurz
darauf der Franzose Boissont. Ich sehe nicht hin. Sie sitzen auffällig
gerade, fast entfernt voneinander auf den Stühlen, reden aber mit gesenkten
Kinnen, sicher fast lautlos.
Um dreiviertel zwölf kommt Siv.
Sie legt die großen, schlanken und harten Beine (wie die der
Stadionsläufer) übereinander und schließt die Augen zum Gruß. Das Haar ist
weißblond, mit Öl über den Kopf gescheitelt und tief in einer Schlinge in
die Stirn hineingezogen, an den Ohren quillt es in kleinen Trauben
herunter.
Ich bin begeistert, ich fühle über den Tisch die Frische der Haut, das
Belebende dieser Gegenwart. Ich rede viel, denn ich beobachte gut. Ich
schweige keine Sekunde, der Hummer ist von klarem Rot, das Fleisch gut an
der Schale angesetzt, viel Saft in den Scheren. Siv neigt den Kopf zurück,
saugt sie aus. Der Aufschlag ihrer Lider macht das Blau frei wie einen
Strahl. Sie steckt den Kopf auf beide Hände, zieht den Mund kraus: »Was
tatest du?« Ich kann erzählen. Ich finde Siv reizend wie nie mit dem
gescheitelten Haar.
Ich sehe Almqvist in der Portiere, ich fühle jeden Muskel sich spannen in
meinem Körper, ich rede seit Monaten zum erstenmal laut in der
Spionagezentrale des brennenden Europa. Wie leicht fällt mir zu reden: »Ich
will dich an Hedin erinnern, Siv, an Sven Hedin, von dem du viele Bilder
gesehen, und gelesen hast, daß er ein Land in China gefunden hat, Tibet,
Siv. Mit diesem Mann war ich in Upsala, er ist ein Trottel. Die Studenten
tranken die Nacht Punsch, tanzten mit eleganten Damen auf den Schultern. Um
zwölf steckten sie Feuer an vor allen Küsten.«
Es interessiert Siv nicht, was ich da erzähle, sie hat die Speisekarte und
liest, ich winke mit den Augen den Kellner neben sie. Siv bestellt, schöne,
viele Sachen, die sie nascht und beißt: Sekt, Lachs und Mayonnaise . . . .
Roti . . . . Backelse . . . . Punsch.
Nun geht Almqvist hochmütig um alle Tische herum, nähert sich dem der
Bulgaren, er beginnt eine Verbeugung, ich muß wegsehn, das dunkle Auge
Boissonts leuchtete gegen meines.
Ich kann mich totlachen, ich bin von einer Heiterkeit, die mich
durchzittert, wenn ich mit Siv rede. Man hat die geschlossenen Fenster
heruntergelassen, wir sind umhaucht von den letzten Wellen der Geierschreie
der Bahnen, die aus den Fjords längs der Salzküste noch in der Mainacht
schwimmen. Mir fallen Lächerlichkeiten ein, so, daß, als ich Siv zum
erstenmal sah, nicht in der Nordischen Schuhkompagnie, sondern im
Humlegården, wo sie aus dem Break mir hinterm Rücken des Staatsrats winkte,
daß ich das Laub des Busches, an dem ich stand, mitnahm und behütete und
abends beim Umsteigen verlor. Ich neige mich über den Teller, ich küsse ihr
die Hand, ja ich weiß mich vor Narrheit nicht zu fassen, ich küsse Siv die
Hand mitten im Lokal.
Da fällt mein Blick auf die Ministerin, und im Spiegel sehe ich
gleichzeitig Almqvist bei dem türkisch-bulgarischen Tisch, sie sitzen weit
auseinander und reden mit dem Kinn auf der Brust, also lautlos.
Die Minister sind also, statt in die Büros, zur Nacht dem Mond und blauen
Kanälen nachgegangen. Der Burgunder hat ihnen die Politik aus dem Hirn
gejagt, sie halten nicht mehr in der Bewegung der Hände das bißchen
Schweden, um es trocken durch die europäischen Wasserspiele zu tragen. Nun
sieht mich der Blick der Frau, zieht sich abgekühlt zurück, weil ich müd zu
sein log, bleibt an Sivs Gesicht hängen und lächelt.
Ich stehe auf, ich verbeuge mich, ich bin glücklich, ich setze mich wieder,
ich habe im Spiegel gesehen, daß das bulgarische Sujet aufsteht. Ich mache
aus der Serviette Figuren, ich scheine betrunken, denn ich bohre einen
Papierpfeil in Sivs Eis; daß sie mit der Gabel versucht mich zu stechen,
das macht mich fast bersten vor Vergnügen. »Gott möge den Deutschen tausend
Gefangene am Tage geben«, sagt es am Nebentisch. Ich zeige Siv den Mann, es
ist ein Dichter, der Knut Hamsun den Bären schalt. Er wohnt in einem
Landhaus in Sturängen, wo die Mädchen abends am Kamin singen: kom hjärtans
frojd. Er haßt den Strindberg, der die Theaterstücke schrieb und die schöne
Tochter hat.
Doch gähnt Siv, sie kennt die Männer nicht, der Gehrock nebenan ist ihr zu
dürr. Wie kann ich Siv erheitern, wo auch die Türken durch das Vestibül
vorüberwandern?
Da fällt mir eine gute Sache ein, ich habe einen Ton mit der Zunge gemacht,
Siv starrt mich an, ich blinzle nach der Seite, sage ihr was ins Ohr. Da
sitzt Rolf, der große Kabarettist, der Sänger des »mit swärmeri . . . i
. . .« Siv ist voll Neugier, wir starren den großen Mann an und vertiefen
uns in ihn.
Dann lächle ich sanft und sage kokett, ich habe mich geirrt. Siv ist
wütend, stößt den Teller über den Tisch, sie ist sehr schön in dem
Augenblick, und ich kann mich nicht halten vor Vergnügen.
Plötzlich verläßt mich die Laune, ich werde kühl, gemessen. Ich hebe den
Hörer ab, der Tischapparat hat gesurrt. Der Portier meldet, Tisch
siebenundachtzig will mich sprechen. Almqvist sitzt allein, den Rücken zu
mir, ich sehe es in dem Nickel des Hörers, es ist seine Stimme.
Schon unterbrochen.
Ich sehe auf. An seinem Tisch steht ein Fremder. Ich hänge ein. Wir sind
bei Aqvavit wieder, Punsch, Kaffee und Zigaretten, Siv hat sich
zurückgesetzt und betrachtet mich durch halbgeschlossene Augen, zeigt die
Zahnschnur. Almqvist ist plötzlich an seinem Tisch nicht mehr da.
Der Boy bringt Telegramme, ein Billett. Ich falte es auseinander. Ich setze
mich hoch, ich lasse mich einen Augenblick gehen, hineinfallen in jene Form
der Bewegung, die mir frei und klar aus dem Gefühl kommt. Ich weiß, wir
werden haben, was wir suchen, wir sind auf dem Weg. Da ist es. Endlich. Wir
werden die Generale drücken, Zusammenhänge beweisen. Ich denke es klar und
kühl und fühle mich vorn stehen, wo die Dinge sich entscheiden.
Ich bringe Siv nach Hause.
Die Lichter sind im Ausgehn und scheinen rosa aus dem blauen Wasser, das
lautlos Stockholm durchströmt. Weiße Wolken ballen sich höher über
Schlössern und Inseln. Sivs Arm in meinem, ihre Hand. Ich fühle den Tau der
Morgendämmerung, das abenteuerliche Schwinden des Nachtwindes.
Ich liebe Siv und habe sie zehnmal belogen den Abend. Ich kenne die
Menschen und habe recht gehabt.
Aber ich spüre irgendwo, welche Klüfte mich trennen, wie ich ausgesperrt
bin von einer Verbindung, die, anders und tiefer als ich es fasse, die
Menschen zusammenbindet. Ich denke lange darüber nach, doch es verschwimmt,
während Sivs Gang und ihre leidenschaftlich kühlen Bewegungen und die
herrlichen Ausfahrten unseres Rausches goldener vor mich treten.
In der Frühe fahre ich durch Schweden. Zwischen Teichen und Felsen und
dunkelroten Holzhäusern zur Nordsee. Ich fahre zwölf Stunden mit vielen
Menschen. Ich esse Smörgåsbord, wenn der Zug hält, an den Stationen, gehe
auf der Holzdiele langsam, den Reisehut in der Stirn, zurück. Ich lese die
Verlobungen Stockholms, ich kaufe das Blatt »Saisonen« und beschaue die
eleganten Frauen, döse in die Landschaft, schlafe einmal ein. Ich sehe den
Kondukteur eine Fahne an der Lokomotive heraushängen: fünfundzwanzig
Minuten Pause. Ich schlendre auf und ab, die Arme teils in den Taschen,
teils auf dem Rücken, ich bin ein Passagier wie alle anderen, ich langweile
mich mit Maß und Ruhe, ich kaufe keine Lakritzer, die man mir anbietet, ich
sehe einmal, als wir wieder fahren, verwühlte Kissen, Sivs hohes reines
Bein ganz ohne Flaum. Ich beginne in einem schlechten Roman zu lesen, es
ist kein guter Geschmack, daß ich ihn ziehe, aber er amüsiert mich
köstlich, ich versinke ganz darin. Mir gegenüber sitzt der Außenminister.
Der Zug ist gefüllt mit internationalen Raben, Hyänen, Wölfen. Ich bin sehr
in der Lektüre, wende langsam Blatt um Blatt, ich sehe jeden, der am
Kupeefenster durch den Korridor schleicht, ich sehe jeden Gedanken.
Ich bade mich in Göteborg, ich ziehe mich um, ich gehe ins Varieté. Ich
gehe an einer holländischen Gracht hinauf, das Wasser riecht faulig, Jasmin
ist dazwischen aufgegangen. Ich nehme in der Holzbaracke die Loge, die
Almqvist mir bezeichnet hat.
Neben mir sitzt ein Kommis mit goldenem Armband, den steifen Hut im Genick
starrt er offenen Mundes zur Bühne. Neben mir links ist frei. Ein
Riesenorchester hat um die Beine einer Tänzerin geknallt, nun schwenkt ein
gepudertes Schweinsgesicht ententistische Fahnen mit Zauberei dazwischen.
Ein Feuerwerk geht hinterher los und Amerikaner kakewalken auf langen
Bretterstelzen, die Musik hat ein Delirium und schmeißt das Publikum in
einen Rausch. Der Kommis fühlt sich als Achse des Erdballs und gröhlt,
bekommt rote Schläfen und kann kaum mehr sitzen.
Da zieht links neben mir jemand den Hut, setzt sich an die Brüstung, sieht
gerade aus, nun liegt das Bild Almqvists vor ihm. »Gut«, sage ich.
Der Agent Krassin mit gelbem Gesicht und runden Augen! Er hat von Gunnaris
und Almqvist Telephongespräche. Almqvist kommt in vier Tagen. Ich bin ein
wenig ungeduldig. Wild riecht die Mainacht draußen. Mit einer Kapelle
kommen tausend Hafenarbeiter vorbei, die rote Nelke der Jungsozialisten im
Knopfloch, mit Schildern: »Friede, Klassenkampf, Brot«. Krassin zittert.
Auf dem Meer Segel wie Glas. Der Marschtritt der Proletarier donnert fern
schon aber deutlich. Im knallweißen Licht der Laternen stehen kleine Huren
mit Zigaretten im Mund, pfeifen mit blutroten Lippen durch die Zähne.
Das Tor des Varietés klafft mit einem Tusch und Trommeln und speit den
Kommis heraus, er geht steif und schwankend mit einer dicken Sau und schaut
hochmütig um sich. Krassin hat den Hals eingezogen, denkt nach und geht
neben mir, bescheiden, vieles wissend, ein wenig hinkend, bis zu meinem
Hotel.
Am Morgen kommen drei Schweden, Ek rauh, Lilljeqvist mit faunischem
Adlerkopf und Glatze, Davidson schön. Krassin kommt nicht.
Wir fahren zwei Stunden, es kommen Wiesen. Am Wald liegen sechs Villen. In
der ersten Wiesenhürde üben Hindus, rösten Kaffee und rauchen. Am dritten
Tor an der dritten Umzäunung legen Ek und Davidson die Oberkleidung ab,
verschwinden in der Villa, kommen in einem knappen Nationalkostüm zurück
und üben mit Geren und Steinen, während Lilljeqvist auf dem Buckel liegt
und raucht.
Ich gehe beiseite, ziehe einen Brief und lese. Ich erröte, es wird mir warm
plötzlich, ich atme rascher, schaue mich aufnehmend um. Ich schlendre
weiter, Chinesen und Amerikaner rufen sich einen Slang zu, weichen mir aus,
wie ich mit Händen in der Tasche herankomme. Ich gehe durch die Mädchen,
die einen Reigen hin und zurück sich werfen, melodisch, mit einem
Schwedisch, das ich nicht verstand, auf einen Mann zu, der vor der sechsten
Villa stand.
Er war athletisch, ein Vierziger, und, wie er sich bewegte, zog er die
Hüfte mit herunter. Ich ging auf ihn zu, gab ihm die Hand. »Grüße meines
Bruders«, sage ich. Er hob den Kopf, der ein wenig zitterte beim Hören,
nahm den Namen auf und nickte, drückte mir noch einmal die Hand.
Nach zwei Stunden, wo wir zusammen waren, wo er mir alles gezeigt, was die
Sportschule seit dreihundert Jahren geleistet, erwähnte er ihn einmal, wies
einen Stab, mit dem er den bekanntesten Chikagoer besiegt. Dann gingen wir
hinüber, wo schwarzweißes Rindvieh mit praller, glänzender Haut uns dicht
umdrängte; wir fahren mit den Händen darüber, es scheint die Sonne immerzu.
Am Abend lagen wir bei Feuern am Waldrand, tranken Kallskol aus Zitronen,
Wein und Saft.
Ich muß vielerlei denken, während die Tanzenden zwischen den Lichtflammen
zucken. Ich sehe die dünne Linie des frischen Monds an einer Pappel und ich
muß denken, daß an diesen Bäumen die Tragödie des Bruders begann, hier sich
sein Hirn wund rieb an den Büschen. Ich muß denken, daß Floda nahe liegt,
daß vom Herrenhaus ihm die Rettung kommt, als er mit dem Pferd in den Wald
reitet, daß der Wechsel bezahlt wird, daß alles gut scheint, aber sehr
schlecht ist.
Ich liege weit zurück und sehe erschüttert und traurig, und doch davon
wieder gehoben, die Nachtscheibe des Himmels sich immer weiter und tiefer
über das Meer hinausschwingen.
Ich habe seit Jahren wenig gedacht an meinen Bruder, ich habe vieles zu
tun, ich bin beschäftigt gewesen mit mir und tausend Dingen, ich habe nie
begriffen oder versucht es zu fassen, warum er sich selbst, nachdem die
Bagatelle beigelegt, hinausstieß.
Ich denke darüber nach und fasse es nicht ganz, aber es arbeitet in mir
weiter, auch wenn ich nicht nachdenke, ich fühle es genau. Der Boden, den
er betrat, das Laub früherer Sommer, das er berührte, verbindet mich eng
mit seinem Schicksal.
Ob er barfuß durch Kalifornien läuft, auf Akkord in Steinbrüchen der
Kordilleren arbeitet, wieder ohne landen zu können als Boy vorm
genuesischen Hafen immerzu liegt, ich spüre sein Leben hier, ich kann ihm
nicht helfen, ich bin unglücklich darüber. Ich habe manches Unrecht an ihm
getan, fällt mir ein.
Am Morgen holt mich Davidson. Ich fahre froh nach Floda, ich will, kann ich
nichts anderes, wenigstens diese Kleinigkeit des Dankes dem Bruder schön
vollenden. Ich habe die Unruhe zurückgelassen, die die erzwungene Pause mir
auferlegt. Ich fühle mich nur wohl, wenn ich in die Bogen, die ich selbst
gerichtet, von Handlung zu Handlung mich spanne. Aber ich habe diesen Tag
keine Unruhe, ich bin vergnügt fast, ich sitze in der Equipage und schaue
auf den Buchenwald, als sei er mein.
An einer Bachecke umringen uns Damen, ich springe raus, ich weiß sofort,
wohin ich mich zu wenden habe. Ich grüße die Herrin. Sie geht anmutig über
den Wiesenpfad, steht vor den weißen Säulen des Herrenhauses, hebt die
Hand: »Välkommen«.
Ich verneige mich.
Das Land liegt unten mit pastellener Idylle, weichem Teich und Birken. Sie
sagt ein Wort: »Ebba«.
Es ist die Schwägerin. Der Gang einer Reiterin. Ich sehe ein blaues Kleid.
Ich sage: »Ich freue mich. Ich bin zufrieden, Sie zu sehen.« Die Herrin
winkt, sich entschuldigend, zieht sich zurück, das Souper wird gerüstet.
Ich gehe mit Ebba weiter, immer im Kreis. Welch ein schöner Tag. Sie trägt
ein blaues Kleid, geht wie eine Reiterin. Ein Kiesweg. Ein Hund. Da steht
die Herrin wieder, als sei sie eine Sekunde nur weg. Sie ist in großer
Toilette. Neben ihr der Gatte: »Välkommen«.
»God dag, Sir Johnson.« Seine Hand, bescheiden bewegt, sagt
Gastfreundschaft an der Pforte des Schlosses bis zum letzten. Ich danke.
Ich gehe mit Ebba weiter, immer den Kiesweg, jetzt erst bricht etwas von
dem Duft um mein Hirn, jetzt höre ich ihre Stimme deutlich. Dann ist sie
wieder im Nebel. Warum lähmt mich ein Schicksal, nimmt mir den Mut, mühelos
kühne Sachen zu sagen. Es ist nichts von Angriff in mir. Ich senke den
Kopf. Ich sage: »Als Kind hatten wir denselben Hund.« Ich deute auf das
Gras und mache mich lächerlich mit dieser Bewegung. Mein Blut kocht aus
Zorn über meine Schlappheit in meinem Kopf, ich siede, es wühlt grausam in
mir. Was kann ich machen, was kann ich machen? Ich weiß nichts mehr von
mir. Sie schaut mich an, die Augen sind hart, die Stimme süß und weich.
Drei Minuten gehen wir wortlos. Immer den Kiesweg. Einmal gelang es mir,
ich sagte leis ihren Namen vor mich hin, es ist ausgeschlossen, daß sie es
hören konnte. Welche Macht das Wort Ebba, es scheint stärker als ich! Eine
Wolke brach vor ihr Auge. Das Gong tönte. Ich fühle, als risse sich die
Seite wund bei mir, an der sie ging, als wir umdrehten.