Schlafe weiter, Siv, höre nicht mein Aufstehn. Dank, Siv.«

Ich rede noch auf der Treppe, ich würde tagelang reden, wenn Siv so lange

schliefe. Aber ich kann ihre wachen Augen nicht sehen. Ich habe sie zu sehr

gehabt. Ich habe sie zu sehr gehabt, Siv.

Schon bin ich Stunden entfernt. Östergötland . . . Småland mit Wäldern

. . . Skåne voll Wasserduft und Wiesen. Immer noch Siv. Ob sie lasterhaft

war einmal, in Kaschemmen mit Matrosen geschlafen, Schuhe verkaufte oder

als Ministerstochter auf rosanen Rädern durch die Parks gefahren, wie ist

das eine so gleichgültig als das andere, aber wie ist alles gesammelt in

einen Hauch, kaum Wort, kaum Bild, aber rührend und vollendet weggewandelt

aus dem hellen Leib mit der stolzen Bewegung und unergründlicher

Herrlichkeit und aus ihrer geheimnisvollen Blässe schon unbedingter dann

hinübergewandelt und zum Bild dieser Stadt verwoben, verführerisch und bis

zur letzten Sekunde im Griff lautloser Sehnsucht, spielerisch am Meer jene

unergründlichen Pas tanzend, die unvergeßlich betäuben.

Ich steige in Lund aus, es ist Nacht. Die Straßen voll betrunkener

Studenten. Ich drücke im Hotelzimmer gegen die Seitentür, sechs Koffer

fallen um, ich lerne den kaukasischen Baron Uxkull kennen, der aus dem Bett

springt, er hat einen Kopf, poliert und oval wie ein Straußenei, die

kleinen überlegenen Elefantenaugen unter der bedeutenden Stirn. Sein

esthnischer Diener macht Tee, wir trinken ihn mit Himbeer.

Mir ist, als schwebe alles zart und gefügig wie in einem gläsernen

Kugelbauch, die ganze Welt. Ich bemühe mich lange, mich zu entschuldigen um

die Störung, um das Mißverständnis. Die selbstverständlichsten Dinge

bedürfen eines Eingehens heute.

Ich ziehe mich langsam zurück.

Fahre in der Frühe nach Barsebäck.

* * *

Ich wohne Barsebäckby. Es liegt eine halbe Stunde im Land. Eine halbe

Stunde vom Hafen Barsebäckham und dem Bad Barsebäcksaltsjöbaden. Ich wohne

bei Jöns Holgerson.

Ich bin allein, habe vierzehn Tage Zeit noch in Schweden. Ich weiß nicht,

warum ich mich hier verkrieche, nachdem meine größte Sehnsucht gelungen

ist. Ich trete oft vor den Spiegel, da steigt etwas aus meinem Auge aus der

Tiefe und ich kann es kaum zurückwerfen, so tief und reif ist es. Ich

fürchte mich vor mir.

Nun, wo ich nichts will, nichts tue, nichts unternehme, ist wundervolle und

ahnungshafte Flaute in mir. Ich weiß. nicht, wann Ebbe kommt, wann Flut

steigt. Ich sehe den Mond, die Sterne; die Sonne ist immer über mir.

Nachts kommt Jöns Holgerson, seine Frau ist krank. Ich ziehe ihre Ölhosen

an, er hupft auf einem Bein vor Vergnügen und schlägt die Faust auf die

flache Hand. Wir fahren in der Dunkelheit hinaus, überall paddeln die

Ruder.

In der Dämmerung ist Jöns verstört, ich bemühe mich, ihn zu trösten wegen

der Frau, allein er grübelt nicht um die Krankheit, sondern nur um den

Grund. Jöns ist viel gefahren auf Kuttern, er hat nachgedacht über die

Wurzeln der Ereignisse.

In Indien ist rote Ruhr nur zu bekommen von Obst, in Holland bei

wochenlangem Nichtregnen von Pflaumen, in Ungarn vom Liegen auf freiem Feld

nachts. Er weiß dies alles und findet keine Veranlassung; sein Wissen

bürdet ihn schwer, er schüttelt den Kopf.

Wir ziehen alle aus allen Kräften hoch, stemmen uns nach rückwärts und

winden die Garne auf.

Nun ist die Bucht eine Silberlawine von Heringen, die in den Netzen

schlagen. Der stille abseitige Strand wird plötzlich in Licht getaucht, ein

Horn tutet dreimal leis herüber.

Zelte von Käufern werden aufgeschlagen, die Stille wird verknüppelt mit

Radau und Gefeilsch, heulenden Kindern, dem Trott der mit Fischen

abziehenden Wagen.

Am fünften Tage kommt von Barsebäcksaltsjöbaden der Bote herauf mit meiner

Post. Ich gehe unter der Sonnenuhr hin, der der Blitz in der Nacht die

Zahlen 3 -- 5 ausgeschlagen, in das saftige fette Riedgras.

Der Gesandte schreibt, daß der Kurier gedrahtet, Ludendorff habe gelacht

trotz aller Beweise, der Balkan sei von ihm schon eingeschüchtert. Gut.

Dies war umsonst.

Berührt es mich noch? Es ist schemenhaft vorbei, ich fasse es gar nicht

mehr. Die Jagd der letzten Wochen ist abgefallen von mir. Ich weiß, auf

diese Weise kommen wir nicht weiter. Ein anderer Weg ohne Diplomatie,

Überzeugungskünste, ein anderer Weg wird es sein, wir werden ihn gehen,

auch ich werde ihn gehen, wer kann uns helfen aus dieser Not, wir müssen

uns finden, es ist nicht anders, die Welt kracht in Tragik und wir sind

dumm und klein.

Gunnaris und Vehkamäki sind nach Finnland gefahren, schlagen nach Karelen

via Moskau sich durch. In Finnland ist keine Hoffnung auf Freiheit mehr,

seit und solang in Potsdam ein preußischer Prinz auf die singenden Vokale

dieses Landes gedrillt wird.

Almqvist ist mit den beiden verschwunden. Ich zweifle nicht daran nach dem

Tag von Marstrand, sein eines Leben löste sich mit einer arithmetischen

Präzision von dem andern, in einer sehr schmerzhaften harten Sekunde aber

mit einem Aufflug ohne Gleichen in dem Schmerz.

Ich gehe nun auf und ab am Strand, ich gehe auf und ab und lese, daß man

mich nicht ausweist, daß man mir aber ein Agrément verweigern wird in

Zukunft, Schweden wird nicht mehr wünschen, daß ich einreise.

Das ist der Schluß.

Ich lächle, ich werfe den Fischen Krabben zu und sehe aufs Meer. Das alles

schlägt mich nicht, das macht mich nur fester.

Eine Nacht segle ich mit Axel Ahlmann, dem Dichter, der von Lund

herübergekommen ist. Er fährt dann weiter nach Christiania durch die

Schären. Ich winke ihm nach. Er ist ein strammer Bursche, angenehm und

zuverlässig, ein guter Segler. Ich sehe ihm nach ohne Bedauern.

Von Schloß Borgeby kommt einen Tag Ernst Cederström hinter Bjerred her, wir

singen mit den Mücken, liegen im Sand, trinken den ganzen Tag Meth,

Kallskol, Punsch.

Er fährt acht Tage vor mir nach Deutschland, »fahren Sie wohl«, sage ich

und drehe mich in die Bläue, ich drehe mich tief in die Bläue und vergesse

zu singen, er stößt mir in die Rippen.

Ich sehe ihn genau an, er hat einen langen Bart und eine Glatze und den

Atem und die leuchtende Freudigkeit eines Gottes.

Sonst bin ich einsam. Ich gehe im Badetrikot immer der schlängelnden Welle

nach. Den ganzen Morgen gehe ich am Meer, ich sehe es nicht groß, nicht

stürmisch, ich liebe es nur.

Gehe ich tief in die Ebbe, komme ich manchmal nahe bis an das dunkle

Dampfersignal. Ich starre auf den Grund, da hat das Meer sich Steine

zurechtgeschliffen: Fasangold gespritzt auf Schwarz, rosa Klammern auf

Dunkelblau, Basalt mit einem weißen ovalen Ring, purpurviolett schraffiert,

gekörnt, Taubengrau mit himmlischer Spiegelung, Ocker und Safran mit

Ziegelrot, Feuerstein, Schnee und Flamme, Hechtblau mit hellen Bändern.

Alle sind rund, gehen in die Hand, am liebsten hat das Meer sie sich wie

die Muscheln gemacht, oval und handgroß. Nehme ich sie heraus, erlöschen

sie. Ich lerne sehr bald, sie nicht zu berühren. Ich schaue sie nur durch

das Wasser an, das mir manchmal fast bis zur Brust geht. Unter den Knien

ist ein fabelhaftes Geglänz.

Ich sehe hinein und bin zufrieden. Es wird Mittag manchmal, manchmal Abend.

Wie liebe ich die Steine, wie beschäftige ich mich lange und heftig mit

ihnen.

Oft kommt mit braunem Segel die Schifferbarke abends zurück, während ich

noch schaue; ich wandere immer weiter, der Leuchtturm funkt, dahinter fällt

die Dämmerung herunter, es verliert sich jeder Umriß, man kann nicht einmal

rufen, so allein ist es.

Der einzige Kirschfink der Gegend wohnt in unserem Garten. Cuno Adelkranz

legt Dämme an mit kleinen Weiden, setzt dann Berberitzen, Schlehen und

Brombeer. Ich schaue lange zu, er führt den Spaten lässig und fest, seine

Hand ist weniger braun wie die meine.

Die Bläue über dem Meer steigt immer höher und süßer. Ich fange an zu

blasen; ich habe ein kleines Horn, das an beiden Enden geblasen wird, es

ist der Kuckucksruf.

Auf einer Erle hinter Barsebäckham ist ein Storchnest, ich schleiche mich

später langsam an, vom Meer am besten her, da glänzt der Baum wie ein

Signal, wenn die Blätter sich drehen von der Brise und die zinnweißen

Unterseiten wirbeln. Die Störchin sieht großmütig zu, wenn eine Wolke

Sperlinge aus dem unteren Nestteil auffliegt, mir wirft sie Überreste

herunter und schnattert bösartig, sie liebt mich nicht.

Ich fahre langsam wieder hinaus.

Jöns Holgerson erzählt, hier habe einer seiner Vorfahren einen fetten Abt

vom Bauch erlöst, indem er ihn in Ketten legen und das Faultier mit Hammer

und Esse arbeiten ließ. Es ist sehr lang, dieser Erzählung zu folgen, sie

hatten einen Vertrag gemacht und es war unmöglich, diesen Holgerson zu

strafen; aber sie straften ihn doch und das ergrimmt Holgerson, der es

erzählt.

Am Abend ist Getös, weil Marye Eyllenkrok die Kühe dreimal gemolken hat,

wie sie soll, aber die Schafe zweimal, statt einmal. Adelkranz hat Tabak im

Mund und spuckt aus Zorn, sie schleicht an den Mauern herum und brummt vor

Wut.

Als er außer Sichtweite ist, hebt sie die Arme: »Sakramentskade fan«.

Sofort sinkt sie wieder zusammen, hört auf zu fluchen, steckt die Hand in

den Mund vor Schreck.

Adelkranz nämlich steht im Fenster, hört nicht auf zu donnern, wirft einen

Blumenstock herüber: »Jädrans . . . karibel . . . . . . förbannade djärne

. . . .«

Sie hebt die Röcke hoch über die Schenkel und läuft vor Schreck so an den

Strand. Sie ist bald verschwunden, wir nicken einander zu, Adelkranz und

ich, wir rauchen beide, ich öffne ihm meine Zigarettentasche, er nimmt, ich

zünde an.

Wir wechseln kein Wort.

Ich bin zum erstenmal in meinem Leben einsam. Zum erstenmal habe ich Zeit,

ich weiß nun, was Ruhe ist, mein Schuh, mein Hemd, wir haben es nie gewußt.

Ich sehe, ich staune, welches Wunder kommt aus jeder Ritze, jedem Tang,

jedem Fleck. Um mich blaue Maßliebchen, wilde Petersilien und Sternkraut

und das Riedgras.

Ich sehe immer auf das Meer, nur selten schaue ich zur Seite, da entdecke

ich neue Sachen, ich entdecke neue Sachen, ganz rund, ganz erfüllte Sachen,

ich erblicke sie nicht nur, ich erlebe sie mit ihrem ganzen unbedingten

Sein.

Ich sehe auf das Meer und denke an meinen Bruder.

An diesem Tage verstehe ich meinen Bruder, ich habe ihn früher nie gekannt,

ich begreife meinen Bruder, es fehlt kein kleines Stück an meinem

Verständnis, ich begreife nun auch, warum er, obwohl die Gefahr beiseite

gelegt mit dem Wechsel, obwohl er mit Anstand und freier Brustschwenkung

leben konnte, warum er abbog, warum er beiseite geht und immer sein Gesicht

von den Menschen wendet und es gegen sie verhüllt.

Wie liebe, wie kenne ich seine Einsamkeit.

Ich schaue auf das Meer, ich denke an meinen Bruder, ich kenne ihn so

genau, ich liebe ihn so deutlich, es ist kein Unterschied mehr, ich mache

sein Leben mir zu eigen, ich erlebe _sein_ Leben:

Ich gehe trottelnd den Tippelmarsch der internationalen Kunden, ausgesengt

von Sonne auf der Bahnspur zwischen Kalifornien und Texas, Boston und

Florida, ich sehe nichts als Steppe um mich, sie hebt sich mit jedem Tag,

ich gehe auch in der Nacht. Ich gehe vierzehn Tage, ich erblicke nichts wie

Kaninchen, es ist nicht leicht, sich zu nähren, obwohl das Fleisch sehr

billig, allein die Cents, allein die Centavos sind selten, ich will sie

nicht verdienen, aber ich muß es manchmal; so habe ich nicht viele und ich

habe sie nicht immer.

Da sehe ich am vierzehnten Tag durch die Steppe auf dem Bahndamm einen

entgegenkommen, er ruft schon von ferne, er ist wie ich gewandert von der

anderen Seite, er freut sich, einen Menschen zu sehen, er hat einen Papyrus

im Mund und schreit: »Hast du ein Streichholz, John?«

Ich gehe wortlos an ihm vorüber, ich sehe ihn nicht an, ich weiß nicht, ob

er ein Gringo, ob ein Eingeborener, ich weiß nichts von ihm, er ist schon

vergessen, ich sehe nur die Schienen, die sich blutig in den Horizont

schneiden.

Ich stehe auf, setzt sich aus dem Dunkel heraus an mein Campfeuer einer,

fängt an, sein Fleisch an meinem Feuer zu braten, ich gehe weiter unter der

Nacht; ich suche mir Mist, ich suche Büffelmist und mache mir ein neues

Feuer.

Ich wickle mich fest in die Lingera, ich gehe, da der Wind stark und rauh,

und mich ein Husten gefaßt hat, daß ich nachts wenig Atem habe, ich gehe in

die Lingera gewickelt, nach den warmen Savannen des Gran Chaco, ich treffe

viele meiner Sorte, ich treffe auf den wochenlang gewälzten grauen Steppen

Strizzis und Kunden und Rowdys und Schiffsköche und Vagabunden und

Abenteurer und jeder fragt, wenn wir aufeinander zuschlendern und einen

Augenblick stehen bleiben zwischen den Schienen, jeder fragt: »Y tu

compagnero?«

Aber ich habe keinen Gefährten: Ich schüttle den Kopf. Sie starren mich an:

»Verrückt.« Ich gehe weiter.

Frauen · 第 13 / 20 题