Es ist der dreiundzwanzigste April, St. Georgstag. Gunnaris sagt, heut
stellten in Nyland und in Karelen bis gegen die Grenze nach Petersburg hin
die Frommen Milch unter die heiligen Bäume und speisten Kuhzungen mit
geschenktem Mehl in den Ställen.
Es schlägt Acht von der Höhe Lidingös.
Gegenüber der ersten Stockholmer Schäre gehen wir an Bord. Sirola und
Vehkamäki rudern von der anderen Fjordseite herüber.
Wir gingen hundemüde gleich in die Kabinen, es ward sehr dunkel.
Ich kann nicht schlafen, horche auf das Flauschen der großen Segel und bin
voll Unruhe, aber ich begreife nicht, was mich durchzieht. Nach rückwärts
ist alles klar, nach dem Zukünftigen der Weg gerichtet. Ich habe vier
Wochen Zeit, bis ich mit abgelaufenem Paß nach dem Balkan muß. Was kann es
mir nützen, daß ich es überlege?
Ich habe auf der Brust einen Brief meines Bruders, der mir eine
Dankesschuld für ihn abzutragen aufträgt und der durch viele
Zensurstationen mich nach zwei Jahren in Schweden erreicht hat; ich habe
eine Mission in meinem Beruf außerdem noch und liebe sodann noch Siv. Ich
habe vier Wochen Zeit, bin in Eile und mache doch unbedenklich trotzdem
diese riskante Exkursion. Ich weiß also genau, was ich will, wie ich immer
es wußte.
In der Pupille, dem Spiegel gegenüber, ist kein Nachlassen der Energie, nur
hin und wieder scheint heut zum erstenmal hinter dem hellen und
herausfordernden Ton der Netzhaut ein noch tiefer im Silber des Glases
liegendes Gesicht heraufzutauchen.
Doch sehe ich hart danach, bleicht es erschrocken zurück.
Es gibt nichts, was mich verwirren könnte im Umkreis, Gefahr erschreckt
mich nicht. Ich höre auf zu denken und spüre, wie es irgendwo in mir bebt.
Ich laufe auf und ab. Es ist heiß, ich gehe im Schlafanzug hinauf, höre die
Matrosen, die an ihre Weiber denken, summen. Der Seewind macht müde, ich
schlief am Geländer, bis die Möven kamen. Sirola stand schon vorne und
fütterte sie und lachte, wenn sie, sausend herabgeschossen, vor ihm mit
nach oben gestreckten Beinen erschreckt und gierig am selben Fleck
flatterten.
Abends sahen wir Leuchtfeuer über der Ostsee und kreuzten, hörten ein
Motorboot einmal, glitten durch ein Gitter von Scheinwerfern, die uns nicht
ganz erreichten und kamen südlich von Abo auf das finnländische Ufer.
Das Schiff fuhr nach Helsingfors weiter.
An der St. Heinrichsquelle trafen wir Svinhufvund. Er nahm die drei anderen
Finnen gleich beiseite, Gunnaris winkte mir entschuldigend mit den Augen,
ich blieb eine Weile allein. Mittags erst erfuhr ich, daß deutsche
Battaillone in Hangö und Lovisa gelandet seien, Helsingfors genommen und
die Arbeitertruppen in Haufen erschossen hätten.
Sirola zog einen Kreis mit dem Finger.
Die Roten waren zwischen der Linie des General Mannerheim mit der weißen
Garde zwischen dem bottnischen Meerbusen über Tammerfors bis zum Ladogasee
und den Deutschen im Süden eingeklemmt und gegen Rußland zu im Sack.
Svinhufvund erklärte, die Luft sei rein und unschwedisch, wir bummelten in
Abo, saßen im Café. Plötzlich wandte sich Gunnaris um, zog uns mit ins
Innere und durch den Garten heraus. Durch die Mauer an der Ecke sahen wir
schwedische bürgerliche Freischärler mit den Schafpelzuniformen in das
Lokal stürzen. Wir verbargen uns.
Abends ritten wir, da die Finnen auf jeden Fall in Verbindung mit Tokoi und
Haapalainen kommen wollten und ich diesen ein Papier mitgeben wollte,
strammen Schritt südlich gegen die russische Grenze zu. Die Finnen hatten
viel Ernst in ihren unbekümmerten Gesichtern. Die Gäule waren bös, aber wir
kamen bis zu dem Gut Mommila, wo wir am Vorwerk abschnallten, im Heuhaufen
etwas ruhten und in der Dunkelheit noch weiterritten.
Gegen Morgen sahen wir die Pörtten eines Dorfes. Sirola rührte an den
Donnerkeil über dem Eingang und stieß mit dem Absatz die Tür auf. Dreckige
Leute lagen über den Boden hin. Die Wände schwarz vor Rauch. Ein
schwitzender Finne rieb sich die Augen, und als er sah, daß wir den Keil
berührten, stand er, einladend, auf. Sie plauschten mit ihm, hielten die
Finger auf den Mund und nickten ihm zu. Er bejahte und bürgte mit einer
Bewegung für die anderen. Wir hielten uns, da die schwedischen Freischärler
Gunnaris erkannt hatten, versteckt, denn wir waren ohne Zweifel
signalisiert. Unser Aufenthaltsraum in der Hütte war abgesperrt, es stank
entsetzlich.
Mittags kamen mit Gebrüll Wagen und Reiter, schrieen: »langen Hanf, langen
Flachs«. Wir sahen durch einen Schlitz der Hütte.
Sie packten aus, hatten Schellen und tanzten und machten Ringelspiele aus
Freude, daß die Roten zurückgeschlagen und in den Mausfallen abgeschossen
wurden. Sie trugen, da es fast Mai, Pluderhosen, keine Röcke mehr und
Strümpfe über den Schuhen.
Mit der Dämmerung rückten wir ab, trotteten in der Dunkelheit wieder hinter
Svinhufvund, um Mitternacht nahm uns ein Wagen auf, der aus einem Waldpark
herausgepfiffen wurde. Wir kamen bis zu einem großen Gehöft. Der Besitzer
streichelte den Menschenknochen an unserem Bock. Wir kamen in die
Badestube, die aus Ziegelsteinen erhitzt wurde, man sperrte uns wieder ab,
ich konnte nur kurz in der Hitze bleiben, im Nebenraum waren die Weiber
nackt, die zwei Männer in Hemden.
Wir fuhren im Auto weiter.
Am Kymmenefluß, nun auf den Spuren der beiden Armeen, sahen wir Hinrichtung
und Brand überall. Hinter Wiborg hatten wir den Bogen um die beiden
irregulären Fronten durchfahren, kamen zweimal in versprengte Rotten der
Roten. Die Finnen orientierten sich, sprachen mit den Führern, wir fuhren
auch bei Tag. Das Kreideland dehnte sich in Fichtenschonungen. In der Nähe
einer der letzten Biegungen hielten wir und gingen, geführt von dem Lehrer
Hannes Uksila, über eine Sumpfwiese, auf der einige Weiber heuten.
Andere hingen Vogelsprenkel auf. Aus dem Gebüsch trat ein Lachshändler, der
auch Felle führte. Uksila rief ihn an, er schielte und knurrte.
»Beim Wort den Mann, am Horn den Ochsen«, schrie Gunnaris, der als
Nordländer die feigen und erbärmlichen Tavastaländer des Südens verachtete
und schlug ihm den Hut vom Kopf.
Die Perücke fiel mit, es stand ein Nordländer mit gelblichen Haaren vor
uns, und die Heuerinnen und Vogelfänger hatten Gewehre auf uns gerichtet.
Vehkamäki und Sirola hatten seine Hände gefaßt und schüttelten sie mit
einem Singsang des Vergnügens hin und her. Es war Oskari Tokoi, der, früher
Arbeiter in Amerika, den Frontabschnitt der roten Truppen befehligt hatte.
Sie traten beiseite, Gunnaris gab ihm alle Papiere, die er bei sich trug,
auch die meinen.
Nachts ging Tokoi auf russische Erde über die Grenze. Wir aßen Speck,
Erbsen und Aal in Essig, fuhren bis Lill Ablorfors, wurden an einer
Wegscheide umringt und verhaftet.
Die Finnen Sirola, Gunnaris, Vehkamäki hatten keine Papiere, ich setzte
durch meine sehr guten deutschen durch, daß der Bürgeroffizier uns in das
Hauptquartier des General Mannerheim fuhr. Er schlief, als wir ankamen.
Posten mit Gewehren waren in unserem Zimmer. Die Finnen schwiegen, es war
mathematisch ausgemacht, was sie protokollieren lassen würden, falsche
Namen, falsche Route, den Zweck.
In der Nacht wurde ich siebenundzwanzig Jahre, und jene Unruhe, die ich auf
dem Schiff zuerst gespürt, stieg unbegreiflich. Ich war gewohnt, mir über
jeden Zustand Klarheit zu verschaffen, ich versuchte auf und ab zu gehn,
überlegte, schied aus, überging die Situation haarscharf. Aber meine Lage
wiederum störte mich gar nicht und es war nichts aus dem Augenblick heraus
Gewordenes, was mich an die Ränder eines unbekannten Bezirkes anstieß. Es
kam wie von einer fernen, uneinziehbaren, schicksalhaften Beziehung, die
stärker wurde und reifte, ohne daß ich auch nur einen Hauch zu fassen
vermochte.
Was machte mir der Augenblick . . . Dieser General, der in Oesterbötten die
Gegenrevolution gesammelt, die Bourgeoisie eingekleidet, der nach Wasa
geflohenen Senatorenregierung den krummen Rücken gestählt und das
Proletariat mit Hilfe deutscher Truppen aufgerieben hatte, war er nicht
machtlos, ein Sklave des Kaiserreichs, mußte sich beugen vor meinem
Passepartout der Stockholmer Gesandtschaft . . . Dies alles reizte mich
nur, ich war gespannt, ihn zu sehen, das Lauern seiner Augenbrauen, das
wölfische Nagen der Zähne, die übermenschlich lange, dürre, vorgebeugte
Figur.
Ich ging darüber weg. Ich dachte an Siv und spürte ein glückliches Ziehen
meines Blutes. Auch das konnte es nicht sein.
Aber es stieg in der Nacht in mir mit einer verzweifelten dunklen Flut und
wogte in mir, als ob hinter dem Bewußtsein sich Kämpfe abspielten und
Entscheidungen, die mein Leben angingen. Ich lauschte und horchte
stundenlang, ganz still, aber ich faßte es nicht.
Gegen Morgen wurde ich ruhiger. Ein Offizier rief meinen Namen, ich folgte,
schlenkernd, aber doch gespannt. Ich wartete zwei Stunden. Eine hohe
Gestalt trat ein, ich spürte, eh ich mich umdrehte am Schatten, der über
mich fiel, schon, daß es Mannerheim nicht war.
»Warum haben Sie kein Visum?« Ich hob die Handflächen ein wenig, ließ sie
auf den Schenkel langsam zurückfallen. Es war nicht nötig, die Frage
idiotisch, ich sah mich im Kreis um. »Die Namen der Finnen.« Ich gab die
ausgemachten Schlagworte.
Er zögerte.
Dann wies er rasch auf die Zeitung Työmies: »Waren Sie nicht mit Eero
Haapalainen und Kullervo Manner als Studenten befreundet?«
Ich zuckte die Achseln.
»Zweck?«, rief er barsch, verzweifelt.
Ich war kühl und ruhig wie selten und freute mich eine Sekunde an der
Klarheit und Harmonie, die mich zum erstenmal wieder erfüllte.
Ich ging bis an den Tisch und wies langsam mit dem Finger auf die Stelle,
wo auf dem Passepartout in Berlin von einer gewissen Stelle gefertigt eine
Passage stand. Drei Sekunden blieb es still.
Dann hoben sich seine Lider, er warf mir den Raubtierblick entgegen voll
Haß, durchschaute wohl unser Spiel, war machtlos, murmelte: »Der Herr
General ersucht.« Ich trat durch eine Tür. Aber er empfing mich nicht, fuhr
draußen im Auto ab.
Uns brachte man mit zwei Studentensoldaten im Auto nach Helsingfors.
Wir durften unser Schiff nicht nehmen, wurden eingeschifft, kamen bei
schlechter See an den sieben Inseln Sweaborgs vorbei nach den Aalandschen
Schären, hatten zwei Tage Gegenwind, kreuzten mit dem Lotsen von Ekerö zwei
Tage an den Markzeigen entlang und waren am neunten Tag der Ausfahrt vor
dem großen Stockholmer Hafen. Die Finnen ließen sich an den Schären
aussetzen. Gunnaris schenkte mir einen Ring.
Ich schrie ihnen nach ins Boot noch einmal »Te--le--fon« und deutete. Sie
winkten, standen nickend am Ufer, sangen eine Weile, bis man sie nicht mehr
sah. Gegen zehn Uhr ward die Ostsee golden. Der Hafen ein einziger
Mövenschrei. Ich badete. An einem Kriegsschiff vorbei in den inneren Hafen,
das leuchtende Eingeweide Stockholms.
Siv stand eine Stunde schon am Geländer, stahlschlank, nickte immerzu leise
herüber. »War die Überfahrt gut?«
Ich spüre fast wie an der Haut ihres Gesichts, die sich langsam rosa färbt
plötzlich, wie Finnland sich entfernt über dem Rudel der Schiffe. Selbst
wie ich mich umdrehe und die Kielfahrt des Schiffes noch ölig und glänzend
im Silberschaum sehe, hört alles auf, wo der Blick endet.
Wir drehen uns um, gehen Strandvägen hinauf.
Ich bin merkwürdigerweise mit einem Mal ausgelassen, wir lachen. Ich nehme
Sivs Arm. Vor der Brücke stehen wir und lassen die Wachtparade passieren,
hechtgraue Soldaten sehen wir mit gelben Troddeln um die Taille und Musik
und den Führer, der in erhobenen Armen zwischen den Fingern einen silbernen
Stab hält. Wir schauen und kommen höher auf den Skansen, wir riechen die
wilden Tiere und Siv sieht mit angezogenen Nüstern die See. Ich schenke ihr
die weißen Korallen, die ich mitgebracht. Siv hat den Rhythmus der Musik
noch in den Knien. Wir besuchen die Renntiere, die unter Weidentroddeln ihr
flaumiges Geweih blutig reiben, die Polarwölfe, die Silberfüchse, plötzlich
schweift unser Blick über die vielen Fjorde bis dahin, wo die
schwärmerische Luft des süßesten Frühlings mit der Herbe und dem nackten
Granit der Felsen zusammenprallt.
Ich verweile eine Sekunde.
Als ich mich abwende, bin ich voll Trauer und Verzweiflung. In Djurgården
schimmert dunkelgrün der Tau. Üppig schwillt über mir die blaue Fahne mit
dem gelben Kreuz. In Kungsträdgården ist Musik, aus den Fischnetzen des
Mälar fallen langsam die kristallenen Tropfen.
»Willst du zu Blanche?«
Ein Orchester sitzt hinter den Crèmegardinen.
»Nein.«
Wir gehen auf und ab zwischen den Bäumen und den Matrosen in der Dunkelheit
und hören lang auf die Geigen, dann enden wir auf einer Bank.
Nachts wache ich auf im Hotel. Siv ist schön, bezaubernd die federnde Größe
ihrer Beine, die Linien, die im Bogen weiß von den Hüftansätzen über die
Brüste laufen. Ich liebe sie und sie ist mir fern.
Ich fühle nur: Auf der Ostsee fährt irgendwo ein Dampfer. Der Expreß saust
durch Småland. Die Nordsee steht dunkel gegen Christiania gespannt. Der Bär
im Skansen träumt durch die Gitter und die Sterne flirren darüber kalt. Ich
fühle mich in der Gewalt einer Bestimmung, die mein gewohntes Erleben
ablöst, unempfindlich macht mit Auge und Seele gegen die sonst geliebten
Reize. Nun kommt der Morgen. Sivs Feiertag ist zu Ende.
Als sie sich erhebt, fallen die hellen Haare ihr übers Gesicht, die Frühe
lehnt sich kaum vom Mälar herauf und ist fast nur Duft. Der schmale
biegsame Körper bebt auf den Gardinen.
»Zwei Tage . . .«
»Siv, schöne Tage, weil ich an dich denke.«