Die wenigen, die dennoch gekommen waren, es waren sechsundzwanzig,
waren Außenseiter. Nur die »unreife Jugend« hatte sich davon, das neue
Quartett zu hören, nicht abhalten lassen. »Weil es doch ein Feez ist,«
hatte die blonde Käthe Birke zu dem Primaner Erich Mosemmel auf dem
Hinwege gesagt.
Als das Konzert aus war, lungerte spazierengehend halb Altenroda in der
Nähe des Konzertraumes auf Nachrichten, »wie es eigentlich gewesen sei«.
Käthe Birke, die mit dem Primaner Erich Mosemmel nach Hause ging und
ihren Eltern begegnete, erstattete Bericht.
»Es war himmlisch! Ich habe nie geglaubt, daß es etwas so Schönes gibt.«
Das Kind hatte Mühe, zwei halbe Tränen in die Blauaugen
zurückzudrängen, als es das sagte.
»Ja,« bestätigte Erich Mosemmel, bedeutend forscher im Ton; »es war
tadellos!«
Und es ging noch am selben Abend ein Gesumme in der Stadt, das Konzert
sei herrlich gewesen. Und noch am selben Abend erwogen zwei Männer, ob
sie nicht am besten Selbstmord verübten: Cyrill und der Dachdecker. Der
Apotheker nahm es fast ebenso tragisch wie diese beiden; er betrank
sich im Giftgadern ganz unverünftig. Liesel Tilgner flennte sich
halbtot, einmal, weil der Tenor in seinem Unglück über das schlecht
besuchte Konzert fast gar nicht mit ihr gesprochen hatte, und dann,
weil ihr Vater, der Kirchenchordirigent, der noch immer gegen ihre
Beteiligung am Quartett war, gesagt hatte, der »Reinfall« wäre eine
gerechte Strafe für ihren kindlichen Ungehorsam. Ach Gott, es ist auch
schwer, als »Kind« von einunddreißig Jahren immer noch ganz gehorsam zu
sein.
Nur Sabinchen aß nach dem Konzert noch einmal tüchtig zu Abend,
lutschte eine Tüte Bonbons aus und schlief dann selig, das wunderschöne
Köpfchen auf den molligen Arm geschmiegt.
* * * * *
In Altenroda gab es eine Sensation.
Das Stadtblatt brachte folgenden Artikel:
»~Kunst im Winkel.~ Ach, ich alter Knabe! Ich habe geglaubt,
im Musikleben Bescheid zu wissen. Ich habe in Berlin, in Rom, in
Paris, in München mich bemüht, einen Blick hinter den Schleier der
Musik der bezauberndsten aller Göttinnen, zu tun, in ihr ewig schönes
Gesicht zu schauen. Und dann habe ich so ziemlich alles, was auf
Erden an Bedeutung singt, geigt, orgelt, flötet, klavierspielt,
opert, operettelt und Laute zupft, gehört. Ich war in einem Jahre bei
zweihundertundzwei Musikabenden. (Beileidsbesuche und Kranzspenden
dankend verbeten!) Ich hätte geschworen, daß ich nie, nie mehr ganz
freiwillig in ein Konzert gehen würde, sondern nur, wenn es höhere
Pflicht erheischt: Kritikerpflicht oder die Pflicht, einem Großen in
der Musik zu huldigen, indem man sich demütig zu seinen Füßen setzt.
Kleinstadtkunst, das war für mich so etwas wie Gurkenbau in Liegnitz,
Schnupftabakfabrikation in Ratibor, Stoffweberei in Cottbus. Alles sehr
brav, alles sehr brauchbar, ja unentbehrlich, aber mich ging's nichts
an, hatte mit ›Kunst‹ nichts zu tun. Kleinstadtkunst ging mich noch
weniger an als die vielen Dilettantenstümpereien in den Großstädten,
die nichts sind als Legierungen von Schwärmerei und Eitelkeit und
vielleicht ein bißchen Sehnsucht.
Ach, ich alter Knabe, ich alter musikalischer Globetrotter! Da bin
ich in einem entzückenden Erdenwinkel zur Winterfrische, habe wegen
Talentlosigkeit meiner Bauchmuskeln das Skifahren aufgegeben und mich
nur auf das Rodeln beschränkt, mußte mal kurz verreisen, las, wie schon
vorher tausendundeinmal, also zum tausendzweitenmal den Fahrplan falsch
und blieb also in Altenroda fünf Stunden lang ohne Weiteranschluß
sitzen. Ein Einheimischer kann sicherlich in Altenroda fünfzig Jahre
lang zufrieden und selig sein; aber was soll ein großstädtischer
Fremdling mit fünf Stunden in Altenroda anfangen? Alle Ehre der
Konditorei unter den Lauben und dem Hotel zum ›Löwen‹, sowie den dort
ausliegenden Lesezirkelheften -- aber ach, fünf Stunden sind halt
grausam lang.
Kurz und gut, ich sah ein Plakat: ›Quartett Altenroda. Konzert.‹ Ich
las das Plakat aus lauter Langerweile. Und ich fiel in einen Abgrund
von Erstaunen. Das war ein Programm, würdig eines Konzertraums, dessen
Vorbedingung aparter Geschmack ist. Wo in aller guter und böser
Geister Namen kam ein Mensch nach Altenroda, der ein solches Programm
aufstellen konnte? Und wenn nun schon einer war, der solchen Geschmack
hatte, wie konnte er die Kräfte zusammen bekommen, solch ein Programm
auszuführen? Es mußte doch greulicher Unfug dabei herauskommen.
Ich ging hin. Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen. Ich war --
pünktlich, wie es sich geziemt -- fünfzehn Minuten vor acht da. Ein
leerer Raum. Einige Jünglinge und Jungfrauen an den Wänden. Mir wurde
bange wie einem Einsamen in der Wüste.
Und nun sangen vier Leute; ein blasser junger Mann dirigierte. Zwei
Damen-, zwei Herrenstimmen. Eine kritische Würdigung des Konzerts
will ich nicht geben, nicht etwa, wie man mancherorten sagen würde,
eine ›Rezension‹ schreiben; ich will nur als eines meiner seltsamsten
Lebensereignisse berichten, daß ich in einer deutschen Kleinstadt eine
Kunstgabe fand, die mich in Erstaunen setzte. Glückliches Deutschland,
wenn selbst in deine fernsten Täler solcher Kunsteifer und solche
Kunstreife gedrungen sind! Der Tenor des Quartetts hat prachtvolles,
wenn auch noch nicht zu voller Edelreife gediehenes Material. Die
anderen leisten (auch von strengem Gesichtspunkt aus beurteilt)
höchst Achtbares. Alle sprechen richtig, alle atmen richtig, alle
singen richtig. Der Dirigent ist ein famoser Mann, und ich segne mein
Mißgeschick, das mich in Altenroda fünf Stunden aufhielt.«
Dieser Artikel, der im Altenrodaer Stadtblatt erschien, war von
einem der gefeiertsten und gefürchtetsten Kritiker der Hauptstadt
unterzeichnet.
Jedermann, der behauptet, daß Rezensenten gemeingefährliche Subjekte
sind, hat recht. Cyrill Dietrich kriegte einen Weinkrampf vor Jubel,
als er den Artikel las. August Stumpe, der ein zerschlätertes
Winterdach ausbessern sollte, saß mit dem Zeitungsblatt in eisiger
Höhe, wäre beinahe erfroren und tat gar nichts, weder zur Ausbesserung
des Daches noch seines Seelenzustandes. Der Apotheker betrank sich drei
Tage und drei Nächte lang vor Freude, und nur Sabinchen heulte, und
zwar wegen der plötzlich ausgebrochenen Trunksucht ihres lieben Papas.
Daß aber der Artikel der kritischen Großstadtkoryphäe in dem Altenroder
Stadtblatt Aufnahme gefunden hatte, erklärte sich einfach daraus, daß
der Verleger des Stadtblattes die Bedeutung jener Koryphäe kannte.
Er war auf einige großstädtische Zeitungen abonniert. Und wenn er
jetzt eine Abonnentenreklame für sein Stadtblatt losließ, vergaß er
nie zu bemerken: Mitarbeiter u. a. Herr +Dr. X.+, der gefeierte
Musikkritiker erster Weltblätter.
* * * * *
Es ging schon auf den Frühling zu. Im Winter blüht das Geschäft
der Dachdecker nicht. Über ein paar Notaufträge, wenn gerade das
Schneegestöber schon ins Haus dringt oder sich der Nordwind einen gar
zu groben Spaß erlaubt hat, kommt es nicht hinaus. So hatte August
Stumpe viel Zeit zum Studium, und es wurde auch jede freie Stunde
sorglich genützt. Cyrill war ein unermüdlicher Lehrer. Es war diesem
durch und durch musikalischen Manne ein Herzensglück, ein so starkes
Talent, wie das des Dachdeckers war, zu immer größerer Reife zu führen.
Schon lange waren sie über bescheidene Rollen aus Spielopern wie
»Freischütz« und »Waffenschmied« hinaus. Schon waren sie bei Wagner
angelangt. Als Cyrill das erstemal zu seinem Schüler über Wagner
sprach, stand er vor ihm wie ein begeisterter Priester, und als er ihm
die Wonnen und Wunder des »Lohengrin« erschloß, seufzte der Dachdecker
und sagte: »Das ist Musik aus dem Paradiese.«
Eines Tages fuhren die beiden miteinander nach der Hauptstadt. Im
Wartesaal zu Altenroda trafen sie sich.
»Ich habe einstweilen die beiden Fahrkarten gekauft,« sagte Cyrill.
»Ich auch!« sagte der Dachdecker.
Cyrill hatte dritter, der Dachdecker hatte zweiter Klasse gelöst.
Schließlich legten sie die vier Karten zusammen, fuhren erster und
waren schön allein im Abteil. Der Dachdecker schämte sich halb zu
Tode in dem feinen Raume und wünschte nur, daß keine anderen Menschen
einsteigen möchten.
Cyrill lächelte wehmütig.
»Sie werden bald immer erster Klasse fahren,« sagte er. »Wenn Sie erst
ein Bühnenstern sind! Und ich werde immer dritter Klasse fahren. Ich
glaube, ich bin selbst dritter Klasse.«
Dagegen erhob der Dachdecker leidenschaftlichen Protest; aber Cyrill
wehrte ab und sagte:
»Lassen Sie es gut sein. Nicht jeder kann ganz vorne stehn. Es genügt
schon, wenn er dabei ist. Heute abend im Opernhaus nehmen wir uns ganz
gute Plätze. Wohnen können wir ja in einem kleinen Vorstadthotel.«
Sie saßen in einer Loge des Opernhauses.
Lohengrin.
Das silberne Singen der Geigen mit dem Gralsmotiv setzte ein; die
Ouvertüre wogte vorüber, der Vorhang hob sich, und ein schönes
Bühnenbild zeigte König Heinrich mit den Männern von Brabant am Ufer
der Schelde.
Der Dachdecker preßte seine Hand auf Cyrills Knie, als müsse er sich
festhalten. So selig erschrocken wie er schaute einst Moses ins Gelobte
Land.
Als die Lichtgestalt Lohengrins auftauchte, diese Gestalt, die
aus Glanz und Wonnen kommt, ganz Schönheit, ganz Reinheit, ganz
Heldenkraft, ganz wundersamste Jugend, rannen dem armen Dachdecker
unaufhaltsam die Tränen über die Wangen, das Herz pochte ihm in
Seligkeit; alle Glocken klangen, alle Engel sangen; tausend Melodien
strömten ihm zu: Du bist glücklich, du bist selig, du bist im Himmel!
Aber als der Vorhang gefallen war, saß der Dachdecker stumm und mit
bleichem Gesichte auf seinem Stuhle.
Die Leute gingen nach dem Vorraume.
»Wollen wir nicht auch hinausgehen?« fragte Cyrill.
Der Dachdecker schüttelte den Kopf. Wie konnte man aus diesem Himmel
hinausgehen? Aber er war so todblaß und stierte so eigentümlich mit den
Augen, daß Cyrill fragte:
»Was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?«
»Ach,« sagte der Dachdecker, »ach, ich erbärmlicher Kerl! So etwas
werde ich niemals können. Der Lohengrin ist wie ein Gott!«
Cyrill schwieg. Er dachte: Ganz gut, wenn du die Größe und
Schwierigkeit deiner Aufgabe erfassest. Im übrigen ist noch jeder,
der wirklich etwas kann, nicht einmal, sondern hundertmal an sich
verzweifelt. Nur die Stümper sind selbstsicher.
Im zweiten Akte, nach Elsas süßen Nachtgesängen, faßte sich der
Dachdecker am Hals und flüsterte Cyrill angsterfüllt zu:
»Mir wird übel!«
Cyrill sah mit einem Blick, daß die Sachlage hier bedrohlich wurde,
faßte August an der Hand und führte ihn hinaus. Unwillige Blicke
folgten den Störern, und Elsa sang unten auf der Bühne: »Es gibt ein
Glück, das ohne Reu,« ohne zu ahnen, daß da oben ein kunstbegeisterter
Naturmensch diese Sentenz +ad absurdum+ führte.
August Stumpe mußte sich erbrechen. Kalter Schweiß perlte ihm auf dem
Gesichte und auf den Händen.
»Na, hören Sie mal,« sagte Cyrill, der nur unwillig den Samariter
spielte, »wenn Sie sich immer im Theater so aufregen wollen, dann
taugen Sie freilich nichts für die Bühne.«
»Nein,« schöpfte August Luft, »nein, ich tauge nichts! Ich tauge rein
gar nichts! Ich bin eine unnütze Kreatur! Ich bin ein dummer Mensch.
Für mich gibt's nur eins -- weg von der Welt!«
»Blech!« sagte Cyrill zum Trost und sonst nichts. Dann führte er
August an ein Büfett und labte ihn mit einer Flasche Selterswasser.
Von drinnen drangen die Hochzeitshymnen des großen Kirchgangs. August
strebte wieder hinein.
»Nicht um die Welt!« sagte Cyrill und hielt den Dachdecker zurück.
Da lehnte sich August Stumpe in seinem todjämmerlichen Zustande an
eine Säule, und Cyrill stand neben ihm in dem leeren Restaurationsraum,
und beide machten einen unvorteilhaften Eindruck.
Wie sie so dalehnten, kam ein kleiner dicker Herr mit einem Hornzwicker
auf der Nase vorbei, musterte sie, blieb stehen, ging vorüber, blieb
wieder stehen, guckte sich um und kam plötzlich heran.
»Also, da möchte ich doch wetten, Sie beide sind aus Altenroda.«
Cyrill und August erschraken, als ob sie entlarvte Verbrecher seien,
und einer von beiden sagte: »Ja, ja, ja!«
»Habe ich Sie doch erkannt,« schmunzelte der alte Herr vergnügt. »Ja,
mein Physiognomiengedächtnis! Also die Leute vom Quartett Altenroda.
Sie der Dirigent, Sie der Tenorist! Weiß alles, weiß alles! War ja in
Ihrem Konzert. Sind also da mal hergekommen in die Oper -- was? Und da
ist Ihnen wohl schlecht geworden? Sehen ja ganz verdaddelt aus?«
»Ja,« sagte Cyrill, der den gewaltigen Musikkritiker von dazumal
inzwischen erkannte oder wenigstens ahnte, »meinem Freunde wurde übel.«
»Er ist doch nicht Sänger von Beruf? Was ist er denn?«
»Dachdecker.«
»Dachdecker? So, so -- Dachdecker! So -- heidi -- ganz oben! Ganz oben,
direkt am Kirchturmknopf! Dachdecker! Und singt! Und fährt mal in die
Oper! Opfert Geld! Siebzehn Mark zweiter Klasse hin und her! Weiß
ich! War ja doch in der Gegend. Siebzehn Mark! Und dann die sonstigen
Spesen. In die Oper! In den ›Lohengrin‹! Und hört dann hier solches --
solches -- und wird ihm schlecht.«
Der kleine dicke Herr mit der Hornbrille nahm Cyrill etwas auf die
Seite.
»Sagen Sie mal -- der Mann hat sich wohl direkt erbrochen? Das sieht
man ihm doch an!«
»Ja,« sagte Cyrill, »es wurde ihm übel. Schon nach dem ersten Akt wurde
ihm ganz benommen.«
»Hatte er denn vorher getrunken oder sich den Magen verdorben?«
»Durchaus nicht! An der Übelkeit ist nur die Oper schuld.«
Der Dicke funkelte Cyrill mit den Brillengläsern an.
»Die Oper! War denn -- dieser -- dieser Dachdecker schon öfter in der
Oper?«
»Nein, es ist die erste, die er hört.«
Der Dicke rieb sich die Glatze.
»Das ist fabelhaft! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Sehen
Sie, man müßte doch annehmen, auf eine so naive Haut, wie es ein
Dachdecker aus Altenroda ist, müßte die erste Oper, die er hört,
mächtigen Eindruck machen, sie müßte ihn begeistern. Aber nein!
Wenn er ein musikalisches Talent ist (und das ist Ihr Dachdecker
in ganz hervorragendem Maße), wenn er ein musikalisches Innenleben
hat, wird ihm bei einer solch gottserbärmlichen Aufführung, wie die
heutige ist, einfach schlecht. Er kotzt! Er verachtet die ganze
Bande. Der ›Lohengrin‹, der heute hier auf Engagement zu singen die
Verbrecherstirn hat, soll sich auf einen Misthof als Kikerikihahn
vermieten. Ja, das soll er! Das schreibe ich morgen in meine Kritik.
Als Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten! Selbst ein wirklich
musikalischer Dachdecker aus Altenroda hat das herausempfunden.«
Auf diese Rede hin sagte Dietrich Cyrill weder »ja« noch »nein«. Er war
zu erstaunt über diese Wendung der Dinge.
»Also,« fuhr der Dicke fort, »ich habe damals über Ihr Konzert an Ihr
Stadtblatt einige Zeilen gerichtet. Es machte mir Spaß. Ich wollte auch
den Spießern aus Altenroda, die Ihrem Konzert ferngeblieben waren,
eines auswischen. Ich habe mich damals über Ihre Leistungen gewundert.
Aber noch mehr wundere ich mich heute. Daß einem Naturkinde bei der
ersten Oper, die es hört, schlecht wird, nur weil schlecht gesungen
wird -- sehen Sie, das ist ein psychologisch rasend interessanter Fall.
Das ist ein Testimonium so elementaren Schönheitswillens, daß ich
erstaunt bin.«
Der Dicke ging nun zu dem Dachdecker, der mit einem weidlich dummen
Gesicht immer noch an der Säule stand, und sagte:
»Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Übelkeit! Wundern Sie sich nicht, daß
mir nicht auch übel geworden ist! Verachten Sie mich deswegen nicht!
Ich bin abgehärtet bis aufs äußerste. Ich kann Seifenlauge vertragen,
weil ich berufshalber tausendmal habe Seifenlauge schlucken müssen.
Verstehen Sie das?«
August wußte nicht, was der ›Lohengrin‹ mit Seifenlauge zu tun habe,
aber er nickte mit dem Kopf. Ihm war alles egal.
Nun war drinnen der zweite Akt zu Ende; die Leute strömten in den
Restaurationsraum. Der kleine Dicke zog eine Visitenkarte aus der
Tasche, überreichte sie Cyrill und sagte:
»Da ist meine Adresse! Es würde mich freuen, wenn Sie mich mit Ihrem
Freunde morgen besuchten. Am besten zwischen elf und zwölf Uhr.«
Dann ging er.
Während des dritten Aktes saß August Stumpe wieder in seligen
Schauern da. Es wurde ihm nicht mehr übel. Am Schluß nur, bei der
Gralserzählung, rannen ihm heiße Tränen über die Wangen. Er klatschte
keinen Beifall. Ganz still saß er noch, als die meisten Leute schon
gegangen waren, und verließ als einer der letzten das Theater, Leuchten
in den Augen und einen Schimmer von Verklärung auf dem Gesicht.
In einem kleinen Vorstadthotel hatten Cyrill und August ein gemeinsames
Zimmer inne. Der Dachdecker saß auf seiner Bettkante und träumte.
Cyrill störte ihn nicht.
»Wie ein Gott hat er gesungen -- wie ein Gott!«
Da meinte Cyrill:
»Lieber Freund, ich gebe Ihnen einen guten Rat; wenn wir morgen bei
dem kleinen Doktor sein werden, sagen Sie kein Wort über die heutige
Aufführung, kein einziges Wort!«
»Warum nicht?« fragte Stumpe.
»Weil es sich nicht ziemt, daß ein Anfänger in Gegenwart einer solch
anerkannten Größe seine eigene kritische Meinung zum Besten gibt.«
»Das ist richtig!« sagte der Dachdecker. Nach einem Weilchen stand er
auf.
»So hat er dagestanden!« sagte er in seliger Versunkenheit, »so die
Augen ganz in die Ferne gerichtet nach Monsalvat, weit über alle Länder
und Menschen hinweg. Und so hat er gesungen: ›Im fernen Land, unnahbar
Euren Schritten, steht eine Burg, die Monsalvat genannt ...‹«
Und nun sang August Stumpe erst leise, dann mit immer vollerer Stimme
die Gralserzählung, und Cyrill hörte ihm glückselig zu. Sein Schüler
sang die Gralserzählung wirklich viel schöner als der Tenor auf der
Bühne, und was den Dachdecker heut so begeistert hatte, war ja auch
nicht die wenig hohe Kunst jenes Bühnentenors gewesen, sondern das
Theater selbst, in das dieser begnadete Künstler als ein verbannter
Königssohn zum erstenmal wie in eine Heimat gekommen war, in die er
gehörte.
»Mein Vater Parsival trägt seine Krone, sein Ritter ich, bin Lohengrin
genannt ...«
In einer Gloriole glühender Tonfarben sang der Dachdecker den Schluß
der Gralserzählung.
»Ruhe dort drin! Die Herrschaften schlafen schon!«
Das war der Nachtportier.
»Nein!« brüllte ein Handlungsreisender, der im linken Nebenzimmer
schlief, »er soll weitersingen. Der Mann singt großartig.«
Die Tür zum rechten Nebenzimmer öffnete sich; die Nachthaube einer
alten Jungfer erschien, und eine Stimme flötete:
»O, Herr Portier, bitte, lassen Sie ihn weitersingen. Es ist himmlisch!«
»Nein,« sagte der grobe Portier, »es ist nicht himmlisch, sondern es
ist Nacht. Die Leute wollen schlafen.«
Aus dem oberen Stockwerk rief einer grob die Treppe herunter:
»Was ist denn das für ein Radau da unten? Ruhe will ich!«
Das war August Stumpes erster Erfolg und Mißerfolg in der großen Stadt.
»Publikum!« sagte Cyrill. »Publikum!«
* * * * *
Am nächsten Vormittag zwischen elf und zwölf Uhr war August Stumpes
Schicksalsstunde. Der kleine Doktor hatte die beiden mit den Worten
empfangen:
Ȇber gestern wollen wir nicht mehr reden. Wir wollen in diese Stimmung
nicht zurückfallen. Ich habe mir den Ärger in meiner Nachtkritik von
der Leber heruntergeschrieben, und Ihnen ist, wie ich sehe, ja auch
wieder besser.«
Er führte sie in ein schönes Musikzimmer.
»Sie sollen mir was erzählen,« sagte er; »von dem Musikleben in
Altenroda sollen Sie mir was erzählen.«
Cyrill erzählte kurz und schlicht von der Gründung und Ausbildung des
Quartetts.
»Wo und bei wem haben Sie studiert, Herr Dietrich?«
Cyrill gab Auskunft, und der Doktor brummte.
»Und da sitzen Sie in Altenroda? Was machen Sie denn da?«
»Ich warte auf eine Anstellung als Kapellmeister. Ich bin arm und
muß bei meiner Tante wohnen, die meine einzige Verwandte ist. Einige
Angebote habe ich gehabt; es waren aber so untergeordnete Institute,
daß ich lieber in Altenroda weiter darbe. Ich habe auch eine Oper
geschrieben.«
Der Doktor stand auf und unterbrach Cyrill.
»Oper geschrieben? Als Kapellmeister? Das ist nichts! Kapellmeister
sollten nie Opern schreiben, Theaterdirektoren und Bühnenleute nie
Dramen dichten. Wissen Sie, was das ist? Inzucht ist das! Kommen
meist Wechselbälger heraus! Mache! Technik! Kulissenverwendung!
Gebrauchsgegenstände +pro loco+! Nein! Ist nichts! Jeder bei
seinem Fach! Ein General soll nicht zugleich Armeelieferant sein.«
Damit war Cyrill abgefertigt, und August Stumpe kam an die Reihe.
»Singen Sie mir was vor! Die Tonleiter!«
August Stumpe sang die Tonleiter auf do, re, mi ...
»Na weiter! In die zweite Etage! Noch mal von unten an!«
Stumpe sang zwei Tonleitern.
»Also,« sagte der Doktor, »das war in ›a‹. Nun versuchen Sie es mal
einen halben Ton höher, in ›b‹«.
Als August Stumpe sofort das »b« richtig traf, unterbrach ihn der
Doktor und sagte:
»Gut! Ich weiß Bescheid! Nun singen Sie mir noch irgend etwas aus einer
Oper. Was möchten Sie sich wählen?«
»Die Gralserzählung!«
Darüber machte der Doktor ein saures Gesicht. Diese Wahl mißfiel ihm.
Aber er sagte:
»Meinetwegen. Nach der Seifenlauge gestern ...«
Und er schlug den Klavierauszug zum »Lohengrin« auf. August Stumpe
sang. Nicht ganz so in Verklärung und Entzückung wie gestern Abend,
aber doch gut.
Am Schluß sagte der Doktor, dem hinter der Brille die Augen funkelten:
»Also -- das können Sie noch nicht. Selbstverständlich noch nicht. Aber
in einem Jahre werden Sie es wahrscheinlich können. Nun, mein Lieber,
das Dachdecken hört jetzt auf, und wenn es allen Bürgern in Altenroda
in die Bude regnet. Und wenn in der Konditorei unter den Lauben der
Kaffee verwässert, und wenn alle Journale im ›Löwen‹ verfaulen -- das
Dachdecken hört auf! Absolut und sofort! In einem Monat sind Sie hier.
Ich werde für einige Mäzene sorgen, die Ihren Unterhalt bestreiten und
Ihnen die geeigneten Lehrer verschaffen. Alles andere findet sich dann
für Sie von selbst.«
Nach einigen Abschiedsworten waren die beiden entlassen.
* * * * *
Sie saßen in einer kleinen Weinstube. August Stumpe hatte ein
knallrotes Gesicht. Er hatte Fieber. Seine Lebensstraße war plötzlich
von glühweißem Sonnenlicht übergossen. Das blendete ihn, der so lange
im Schatten gelebt hatte. Völlig verwirrt war er. Er tastete nach
Cyrills Hand; die war eiskalt. Cyrills Aussichten auf eigenes Glück
waren vernichtet. Der kleine Doktor hatte ihn fallen lassen, und der
bunte Vogel, den er gezüchtet und gepflegt, auf den er seine Hoffnungen
gesetzt hatte, flog davon.
August Stumpe versuchte ein Gespräch herbeizuführen, es mißlang.
»Lassen Sie mich!« sagte Cyrill verstört, »ich muß mich erst darein
finden!«
»In was müssen Sie sich finden?«
Cyrill gab keine Antwort. Er sank in die Sofaecke der kleinen Nische,
in der sie saßen, und schloß die Augen. Ganz ruhig saß er. Nur die
Brust zuckte manchmal in innerem Krampf.
Der Kellner legte leise ein paar Zeitungen hin. Der Dachdecker sah
eine Weile bestürzt und verängstigt auf Cyrill, dann glaubte er,
der schlafe, und er blätterte vorsichtig, um kein Geknittere zu
verursachen, in einer Zeitung. Da fand er die Nachtkritik des Doktors
über die »Lohengrin«-Aufführung.
»In einer kleinen Dingsda-Stadt lebt ein Dachdecker, der musikalisch
ist und durch einen Zufall zu einer sachgemäßen musikalischen
Ausbildung gekommen ist. Dieser Mann wandte seinen kargen, auf
halsbrecherischem Höhengelände erworbenen Lohn an, um mal in unserer
Oper den ›Lohengrin‹ zu hören. Der Unglückswurm geriet in die
Aufführung, in der gestern Herr Edmund Tolschmusen auf Engagement
als Lohengrin debutierte. Und dem musikalischen Dachdecker wurde
schlecht. Man stelle sich vor: ein Dachdecker, ein reiner Tor, ein Hans
Kuckindiewelt, einer, der auszog, um das selige Gruseln zu lernen,
dem wurde schlecht, der mußte sich in die Retirade flüchten, weil
Herr Edmund Tolschmusen so übererbärmlich sang, daß dem musikalischen
Naivling die Magenwände rebellierten. Herr Edmund Tolschmusen soll mal
nach Dingsda fahren und sich ein Konzert anhören, in dem der Dachdecker
singt, damit er eine Ahnung kriegt, wie gesungen werden muß. Oder wenn
er so viel Kunsteifer nicht aufbringt, soll er sich kurzerhand als
Kikerikihahn auf einen Misthof vermieten. Vielleicht zieht unser Herr
Intendant, der ihn zum Probesingen einlud, als Hühnerwärter gleich mit.
Fürs Krähen und Gackern interessiert er sich ja sicherlich.«
Großstädter sind an solche deutliche und witzige Kunstkritiken ja
gewöhnt; aber dem Kleinstadtmann verschlug's den Atem.
Mit entseeltem Gesicht starrte August Stumpe das Zeitungsblatt an. Er
las die »Kritik« ein zweites und drittes Mal, spuckte, kratzte sich am
Halse und an den Beinen und wurde nur immer verwirrter. Himmelangst
wurde ihm; als sei er verhext, so kam er sich vor. Was war denn das?
Was bedeutete denn das? Der Dachdecker war ja doch wohl er selbst? Aber
wer war denn der Kikerikihahn?
Cyrill Dietrich erhob sich plötzlich.
»Also, lieber Stumpe, ich bin wieder bei mir. Ich hoffe, ich werde
darüber hinwegkommen. Stoßen Sie mit mir an. Ich gratuliere Ihnen
aufrichtig und herzlich. Ich freue mich, daß ich der Kunst einen
solchen Jünger wie Sie habe zuführen können. Sie werden nun bald ganz
im Lichten sein, und ich werde in Altenroda Klavierstunden geben
müssen. Ich sagte es Ihnen schon gestern -- der eine erster, der andere
dritter Klasse. Das ist nun mal so im Leben.«
Da faßte August Stumpe ein unsinniger Zorn, als ihm klar wurde, daß er
aufsteigen, sein bisheriger Lehrer aber in der Tiefe bleiben solle. Er
verschüttete sein Weinglas und sagte:
»Wissen Sie, was der Doktor ist? Ein Schuft! Wissen Sie, was er in
seiner Zeitung geschrieben hat? Ich bin ein Tor, der Tenorist von
gestern Abend ist ein Kikerikihahn. Und Sie läßt er sitzen! Und von
mir sagt er, mir sei schlecht geworden, weil es im Theater so schlecht
war; dabei ist mir schlecht geworden, weil es überaus herrlich war. Der
Idiot! Ich gehe jetzt zu ihm und hau ihm eins in die Schnauze.«
Der zarte Cyrill bemühte sich ganz vergebens, den riesigen Dachdecker
aufzuhalten. Der empörte Mann riß sich los und stürmte davon. Die
Kellner wunderten sich sehr über diesen Gast.
Cyrill konnte nichts tun, als den Doktor telephonisch auf das
vorbereiten, was ihm bevorstand. Ein kollerndes Lachen rollte Cyrillen
durch den Telephonhörer als Antwort ins Ohr.
»Na, also, wenn er aufbricht, um einen Kritiker zu hauen, ist er ja
doch der geborene Bühnenkünstler! Das ist eine neue Talentprobe. Lassen
Sie ihn kommen! Und Sie, kommen Sie auch noch mal zu mir, Sie sind ja
eigentlich der +spiritus rector+ von der ganzen Geschichte. Einer,
der aus einer Dilettantensache so etwas machte, wie Ihr Quartett, der
ist ja sicher ein Kapellmeister. Der muß intelligent und vor allem
sehr fleißig sein. Fleißig -- das ist eine gute Eigenschaft für einen
Kapellmeister. Nur das eine tun Sie sich selbst zu Gefallen: sagen Sie
niemand, daß Sie eine Oper komponiert haben.«
Nach einer Stunde saßen Cyrill und August wieder zusammen.
August Stumpe hatte ein friedliches Gesicht.
»Na,« sagte er, »es war ganz nett. Gehauen haben wir uns nicht. Ich
habe ihm bloß ordentlich meine Meinung gesagt, daß es gestern im
Theater großartig war, und daß mir so schlecht geworden ist, weil
es eben so großartig war. Und da hat der Doktor so gelacht, daß ich
dachte, er erstickt. Aber dann hat er gesagt: ›Stumpe, Irren ist
menschlich. Ich habe mich in Ihnen geirrt. Wenn Sie mir gestern
abend das gesagt hätten, was Sie mir jetzt sagen, hätte ich Sie nie
und nimmer eingeladen. Ich hielt Sie aber für ein psychologisches
Monstrum. Stumpe, Sie sind kein Monstrum. Doch ein guter Sänger können
Sie werden; das habe ich inzwischen festgestellt. Und so bleibt alles
beim alten, und Ihren Meister Cyrill werde ich auch unterbringen. Ich
hab' schon was für ihn in Aussicht.«
Schön wurde es in der kleinen Weinstube! Nachmittags um vier machten
Cyrill und August Bruderschaft.
Darauf ging August Stumpe an einen Kellner heran, zerrte ihn am Ärmel
in eine Ecke und sagte:
»Ach, verzeihen, Sie, Herr Nachbar, können Sie mir sagen, wieviel
eigentlich so eine Flasche Champagner kostet?«
Der Kellner grinste.
»Das kommt auf die Marke an. Französischer Sekt etwa achtzehn Mark.«
»Warten Sie mal!« sagte August Stumpe, zog sein Portemonnaie heraus,
zählte sein Geld, rechnete umständlich auf einem Zettel mit Bleistift
etwas aus und sagte dann:
»Es langt! Bringen Sie eine!«
Der Kellner berichtete am Büfett, daß ein solch ländlicher Blödling,
wie dieser Gast war, der den Sekt bestellte, noch in keiner Weinstube
der Welt aufgetaucht sei. August und Cyrill aber saßen sich glückselig
gegenüber, nannten sich du, hatten miteinander und durcheinander
gesiegt. Und einmal bückte sich August schnell nieder und küßte dankbar
Cyrills feine weiße Dirigentenhand.
* * * * *
Als die beiden nach Altenroda heimkamen, fand jeder auf seiner Stube
eine gedruckte Mitteilung vor, die niederschmetternd war.
Der Apotheker zeigte die Verlobung seiner einzigen Tochter Sabine mit
dem Provisor seiner Firma an.
Sie waren mit dem Abendzug spät eingetroffen. Nun kam eine trostlose
Nacht. Jeder war einsam für sich mit seiner Verzweiflung. Jeder saß vor
dem schrecklichen kleinen Blatt, das den Verlust des Liebsten auf der
Welt kundtat; jeder hatte wildes Weh im Herzen; jeder war vom Himmel in
die Hölle gefallen.
Was war der herrlichste Weg, der sich wie durch ein Wunder erschlossen
hatte, wenn das selige Ziel, zu dem er führen sollte, für immer
verschwand?
Das Naturkind, den Dachdecker, packte es am schlimmsten. Er dachte an
nichts weiter, als daß es aus sei mit aller Lebenshoffnung, daß er nie
mehr singen würde, daß er sterben müsse.
Gegen Mitternacht hielt es August nicht mehr aus in seiner Einsamkeit.
Er wußte niemand, dem er sich anvertrauen konnte, als Cyrill. So
verließ er das Haus, um, wenn es möglich wäre, noch zu Cyrill zu
gelangen. Und August begegnete Cyrill auf der menschenleeren,
nächtlichen Straße.
Sie erschraken vor einander.
»Ich wollte zu dir!«
»Und ich zu dir!«
Cyrill erkannte blitzschnell, wie es um den Dachdecker stand; der
Natursohn ahnte von dem andern auch jetzt noch rein nichts. Er war nur
von seinem eigenen Herzeleid überwältigt, fiel Cyrill um den Hals und
begann laut zu schluchzen. Wie weichmütig war doch dieser starke junge
Mann!
Cyrill stand steif und still. Wie ein Steinbild stand die
feingliederige Gestalt, an die sich der weinende Riese lehnte.
»Komm mit mir!« sagte er erst nach einer ganzen Weile.
Sie gingen durch den Frühlingssturm. Wolken jagten über ihnen, löschten
alte Sterne aus und enthüllten neue Sterne.
In Cyrills Stube saß der Dachdecker auf dem kleinen roten Plüschsofa.
Er saß mit gefalteten Händen und sagte mit ernster Feierlichkeit in der
Stimme:
»Cyrill, du bist mein Freund geworden. Dir allein kann ich mich
anvertrauen. Ich kann nicht mehr leben. Ich kann es nicht ertragen, daß
Sabine einem andern gehört. Ich muß sterben. Aber ich habe noch eine
alte Mutter. Die ist fromm. Die würde es nicht überleben, wenn der Sohn
so ein -- ein Selbstmörder wäre. Sie würde glauben, daß mich dann der
liebe Gott auf ewig verwirft.«
Er machte eine Pause. Cyrill saß ihm schweigend und düster gegenüber.
»Ich habe die Sabine zu sehr geliebt,« fuhr der Dachdecker fort. »Ich
habe die ganze Sache beim Quartett nur ihretwegen mitgemacht; ich habe
auch bloß ihretwegen zur Oper gewollt. Das ist nun alles aus. Cyrill,
du weißt, ich habe einen gefährlichen Beruf. Wenn du nun mal hörst,
der August Stumpe ist abgestürzt, da weißt du Bescheid. Du sollst es
wissen, sonst soll es niemand wissen, vor allen Dingen nicht meine
Mutter. Aber eine soll es noch wissen -- Sabine! Der sollst du es
einmal heimlich sagen. Sie soll wenigstens einmal eine halbe Stunde um
mich leiden.«
Cyrill sagte auch jetzt noch nichts. Er setzte sich an sein altes
Klavier und begann ganz leise zu spielen. Der Dachdecker lag lang auf
dem Sofa. Was sich bei ihm in naturwüchsiger Heftigkeit entlud, ging
in stiller Qual auch durch Cyrills Seele. Der spielte wohl eine Stunde
und länger. Dann stand er auf. Er war sich seiner Dirigentenpflicht
bewußt geworden. Er durfte nicht dulden, daß jener andere dort die
schöne Symphonie seines Lebens umwarf und vernichtete. Er war wie jener
in Irrnis und Wirrnis, aber er war der berufene Führer, der den andern
befreien mußte.
Cyrill zog eine Schublade auf, nahm ein Notenblatt heraus und legte es
vor August Stumpe hin.
»Da -- lies das!«
Der starrte erst geistesabwesend auf das Blatt. Als er aber den Namen
Sabine sah, griff er gierig zu.
»Daß ich dich liebe ...« -- »Sabine gewidmet.«
Und er las den Text. Verwirrt fragte er.
»Was bedeutet das? Ist das Lied von dir?«
»Ja.«
»Und es ist auf Sabine gemacht? Dieses Liebeslied?«
»Ja.«
Der Dachdecker sprang auf.
»Dann hast du ja auch -- du auch ...«
Seine Augen glommen feindselig, seine Fäuste ballten sich. Cyrill stand
ganz ruhig da.
»Ja, ich habe sie auch geliebt. Ebenso sehr wie du. Und bin nun ebenso
um mein Glück betrogen wie du.«
»O Gott! -- O Gott!«
Der Dachdecker sank auf das Sofa zurück.
»Und -- und was wirst du tun?«
»Ich werde mir nicht das Leben nehmen. Ich habe eine andere Ansicht
von dem, was ich noch im Leben zu tun habe, eine andere Ansicht von der
Kunst als du. Gewiß, ich habe jenes Mädchen geliebt, aber ich liebe
noch viel mehr die Musik. Der werde ich treu bleiben; die wird jetzt
meine Braut sein. Die ist jeden Tag schön, jeden Tag lieb, jeden Tag
tröstlich, jeden Tag die beste Gefährtin. Die wird nie alt.«
»Ja du -- ja du!« rief der Dachdecker leidenschaftlich. »Du bist ein
großer, gelehrter Künstler. Ich bin ein Stümper, ein Anfänger. Außer
dem, was ich von dir kann, kann ich nichts. Für mich ist's aus!«
»Für dich ist's nur aus, wenn du ein ganzer Narr bist! Du bist ein
Anfänger. Aber in zwei Jahren wirst du schon an erster Stelle stehen
und ich an einer zweiten oder dritten Stelle. Wer weiß, ob ich je eine
erste Stelle erreiche. Aber selbst das, was ich bin und was ich kann,
werfe ich nicht weg um das schöne Gesicht eines Mädchens.«
August Stumpe saß ganz still da. Nach einiger Zeit sagte er:
»Cyrill, du bist mein Freund, der einzige wahre Freund, den ich habe.
Du bist hundertmal klüger als ich. Dir werde ich folgen.«
»Sieh,« sagte Cyrill, »wir sind wirklich Freunde. Als uns heute
unerwartet dieses Unglück traf, lief einer zum andern in seiner Not.
Und wir begegneten uns mitten in der stürmischen Frühlingsnacht. Das
hat was zu bedeuten! Wir sollen beieinander bleiben.«
»Ja, das sollen wir,« rief August Stumpe. »Das sollen wir! Ich werde
alles tun, was du willst!«
Da hatte die Dirigentenseele Cyrills eine zarte Freude über den
gefügigen Sänger.
»Ich will ganz aufrichtig zu dir sein,« sagte Cyrill; »du warst mir
anfangs auch nur ein Mittel zum Zweck. Ich erkannte deine Begabung und
sagte mir, durch dich könne ich wohl selbst zu etwas kommen. Und so ist
es ja auch geworden, wenn auch etwas anders, als ich es anfangs dachte.
Wir sind uns auf dem Lebenswege begegnet, und ich glaube, es war für
beide ein Glück. Und wenn es nun mit Sabine so ganz anders gekommen
ist, als wir beide es wünschten -- jeder ganz für sich selbst -- so ist
doch in dem Unglück das Glück, daß wir beide Freunde bleiben können.«
»Ja, richtig,« rief August Stumpe, »wenn ich die Sabine bekommen hätte,
dann hätte ich ja dich wohl verloren. Und umgekehrt auch. Und das wäre
schrecklich gewesen.«
»Ja,« sagte Cyrill, »und nun wollen wir beraten, was zu tun ist.«
* * * * *
Um vier Uhr früh ging der Dachdecker nach Hause und fing sofort an,
seine Sachen zusammenzupacken. Um neun Uhr hoben die beiden Freunde
ihre Sparkassenguthaben ab. Um zehn schickten beide einen Blumenstrauß
mit einer kurzen Gratulation nach der Apotheke.
Gegen Abend verließen Cyrill Dietrich und August Stumpe Altenroda. Ein
Bote brachte einen Brief in die Apotheke:
»Sehr geehrter Herr Apotheker!
Mein Freund August Stumpe hat Aussicht, bei der Oper anzukommen; ich
werde wahrscheinlich eine Kapellmeisterstelle erhalten. Wenn Sie
diesen Brief lesen, haben wir beide Altenroda bereits verlassen.
Einen Abschiedsbesuch wollten wir nicht machen, um das Glück der
jungen Braut nicht zu stören. Wir danken Ihnen für die in Ihrem Hause
empfangene Gastfreundschaft und wünschen, daß es Ihnen gelingen möge,
die durch unseren Fortzug im Quartett Altenroda leergewordenen Plätze
neu zu besetzen.