Vom Musikleben in Altenroda

In friedlicher Zeit, als die Menschen noch nicht so von politischen

Ängsten und Leidenschaften zerrüttelt waren, hatten sie Muße, das Leben

mit Behaglichkeit zu genießen und sich mit allerhand schönem oder

vergnüglichem Nebenwerk das Dasein zu erheitern. Allenthalben blühten

Liebhaberkünste, insonderheit wurde gern gesungen, und so war es auch

in der Stadt Altenroda.

In dieser Stadt gab es drei Gesangvereine: einen vornehmen, einen

weniger vornehmen und einen gar nicht vornehmen, alles hübsch geordnet

nach Stand und Einkommen.

Singen konnten alle drei Vereine nicht; aber sie bildeten sich ein, daß

sie es könnten. Ihr Publikum, das zumeist aus Verwandten und Bekannten

bestand, klatschte Beifall, wenn sie ein Konzert gaben, und so war

alles in schöner Ordnung.

Der Apotheker jener Stadt aber, der ein gewaltiger Bassist war und

den »Schwarzen Walfisch zu Askalon« oder den »Grafen von Rüdesheim«

so machtvoll vortragen konnte wie kaum ein anderer Mensch, warf

sich auf die kritische Seite und störte, wie alle Kritiker, die

künstlerische Ruhe und das Behagen der Sängerwelt. In dem vornehmsten

Gesangvereine, dem er selbst angehörte, der »Harmonie«, krittelte der

Apotheker ständig, war bei den Proben nie zufrieden und wollte immer

alles anders »aufgefaßt« und bis zur Endlosigkeit wiederholt wissen.

Dadurch machte er sich unbeliebt und wurde bei der Generalversammlung

nicht mehr in den Vorstand gewählt, weshalb er aus dem Vereine

ausschied und diesen der mächtigsten Grundsäule des Basses beraubte.

Aber auch mit dem zweitvornehmsten Vereine, dem »Kirchenchor«,

verfeindete sich der Apotheker. Als bei dem zwanzigsten Konzert, das

er in diesem Vereine erlebte, abermals »Der Herr ist mein Hirt« und

»Hebe deine Augen auf« auf dem Programm standen, gähnte der Apotheker

bei einer Pianissimostelle so laut und schmerzlich, daß die ganze

Zuhörerschaft in Lachen ausbrach, wodurch die feierliche Liedwirkung

sehr beeinträchtigt wurde. Der Dirigent des Kirchenchores war so

böse auf den Apotheker, daß er, als er sich bald darauf einen Finger

beschädigte, mit der Eisenbahn nach einer Nachbarstadt fuhr, um dort

ein Schächtelchen Salbe einzukaufen, da er den Apotheker nichts mehr

verdienen lassen wollte.

Ganz und gar verschüttet aber hatte es der Apotheker mit dem dritten

Gesangverein, welcher »Frohsinn« hieß. Er hatte öffentlich behauptet,

dieser Verein müsse nicht »Frohsinn«, sondern »Verzweiflung«

genannt werden; seine Mitglieder gehörten samt und sonders in die

Korrektionsanstalt.

Einige Frohsinnsmänner, die über solche Kritik verdrossen waren,

brachten darauf dem Apotheker fast allabendlich ein Ständchen, dessen

Text nur eine einzige Zeile hatte: »Es war einmal ein Apotheker«,

dessen Musik aber die Textworte fugenartig auseinanderzog, zum

Beispiel: »A-a-po-po-the-the-ker-ker«. Der Apotheker war rasend über

diese »Sauerei«, wie er es nannte, konnte es aber nicht hindern, daß

sich immer wieder einige Mitglieder des »Frohsinns« vor seiner Haustür,

über der als Firmenbild ein goldener Kranich war, aufstellten und im

Liede beteuerten, daß einmal ein »A-a-po-po-the-the-ker-ker« war. Die

Fuge über dieses eine Wort war ungefähr eine Viertelstunde lang, worauf

die Sänger, wenn sie nach dem endlosen Gestammle das Wort »Apotheker«

am Schluß doch glücklich und im Zusammenhange herausgebracht hatten,

sich vor dem goldenen Kranich artig verneigten, gleich als hätte der

Beifall gespendet, und ihrer Wege gingen.

Solche Dinge können ja einem Biedermanne und Kunstkenner das Leben

verbittern ...

Seit einigen Wochen lebte in Altenroda ein junger Mann namens Cyrill

Dietrich. Die Leute hielten ihn für überspannt. Schon seine Eltern

mußten nicht ganz gescheut gewesen sein, sonst hätten sie ihn doch

lieber Max oder Kurt oder auf sonst einen vernünftigen Namen, aber

nicht Cyrill getauft. Cyrill war früher Postsekretär gewesen; aber er

hatte -- wie sich der Apotheker im Bilde ausdrückte -- die Marken an

die Wand geklebt, war nach Berlin gegangen, hatte dort Musik studiert

und schließlich sein Examen glänzend bestanden. Eine Stelle als

Kapellmeister hatte Cyrill bis dahin aber nicht gefunden, wenigstens

keine, die er anzunehmen geneigt war; denn er hielt viel von sich

selbst und schrieb zurzeit an einer Oper, zu der er sich den Text

selber dichtete. »Ganz wie die beiden Wagner, Vater und Sohn,« sagte

der Apotheker, der einzige, der den jungen Mann ernst nahm, weil er

in ihm außer sich selbst den einzigen musikverständigen Menschen von

Altenroda erblickte.

Cyrill benahm sich sehr hoffärtig. Der Frau Bürgermeister, die ihm

angeboten hatte, ihrer siebzehnjährigen Else »fortgeschrittenen

Klavierunterricht« zu erteilen, wofür eine Mark und fünfundzwanzig

Pfennige die Stunde gezahlt werden sollten, hatte Cyrill einen

höhnischen Absagebrief geschrieben. Darauf hatte die Frau

Fabrikbesitzer Strümpel, die mit der Bürgermeisterin verfeindet war,

Herrn Cyrill Dietrich sechs Mark für die Stunde angeboten, wenn er

ihre Tochter Thea unterrichten wollte. Cyrill antwortete, wenn er

kein Geld mehr haben werde, wolle er sich bei Herrn Strümpel um eine

Stelle als Fabrikarbeiter bemühen, keinesfalls aber dem Fräulein Thea

Klavierunterricht geben.

Darauf sagten die Leute in Altenroda, Cyrill sei ein Grobian. Nur der

Apotheker lobte ihn und nannte ihn einen Charakter.

Jedenfalls hatte sich Cyrill, was seine musikalischen Fähigkeiten

und Kenntnisse anlangte, in Respekt gesetzt. Als die »Harmonie« ihr

nächstes Konzert gab, räusperte sich ihr Dirigent verlegen, als er

Herrn Cyrill im Saale auftauchen sah, und alle Vereinsmitglieder sagten

sich im stillen: Heute heißt es aber sich zusammennehmen und das Beste

bieten.

Cyrill hörte sich nur die erste Nummer des Konzerts an, dann verließ er

behutsam und mit betroffenem Gesichte den Saal.

»Der hat genug!« sagte der Apotheker ziemlich laut, was ein Kichern,

aber auch ein verärgertes »Pst! Pst!« zur Folge hatte. Die Sänger auf

dem Podium machten erboste Gesichter und es war, als läge ihnen gar

nichts mehr daran, weiterzusingen.

Am nächsten Tage suchte der Apotheker Herrn Cyrill auf. »Sie haben

gestern das Konzert der ›Harmonie‹ ostentativ verlassen. Das war nicht

mehr als recht und billig.«

»Ich wollte die Leute nicht kränken,« erwiderte Cyrill sanft; »ich

hielt es nur nicht länger aus.«

»Kann ich mir denken, mir denken! Die Leute haben keine Ahnung vom

Singen.«

»Nein,« sagte Cyrill noch sanfter.

»Keine Ahnung von Tonbildung oder richtiger Atmung oder Dynamik. So zum

Beispiel singen sie:

›~Stüll ruht da Söö,

Die Veeglein schlafähn,

Ein Flistarn nua, du merkst es kahum.~‹

Und bei ›Flistarn‹ brüllen sie wie die Stiere. Dabei soll man das

Flüstern kaum merken. Ich danke!«

Cyrill lächelte nur schmerzlich.

»Herr Cyrill Dietrich,« nahm nun der Apotheker einen großen Anlauf,

»ich bin gekommen, Ihnen einen Vorschlag zu machen, beziehungsweise

Ihnen eine Bitte zu unterbreiten. Es ist eine Schande, daß das

Musikleben Altenrodas so trostlos daniederliegt. Altenroda ist

doch immerhin eine ansehnliche Stadt: Landratsamt, Gymnasium,

Fabriktätigkeit, neuerdings sogar Garnison. Also da muß etwas

geschehen. Ich hatte mir nun die Sache so gedacht, daß die vier besten

Stimmen hier am Ort zu einem Quartett zusammentreten würden: Sopran,

Alt, Tenor und Baß, daß Sie, Herr Kapellmeister, die Direktion und vor

allen Dingen die Ausbildung des Quartetts übernehmen. Dann würde den

Banausen hier endlich einmal klar werden, was singen heißt.«

Der Apotheker machte eine Pause und wartete auf eine Antwort. Er

wartete vergebens. Cyrill sah ihn nur düster an. So würde Beethoven

ausgesehen haben, wenn man ihm zugemutet hätte, auf einem Jahrmarkte

Musik zu machen. Nach einer Weile aber öffnete Cyrill doch die Lippen

und sagte mit müder, schleppender Stimme:

»Herr Apotheker, ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es

war einmal ein Kanarienvogel, dem ging es ganz gut in seinem Bauer;

denn er war in der Gefangenschaft geboren. Dann aber kam er in eine

Stadtwohnung, wo in dem Zimmer über ihm Gesangunterricht erteilt wurde.

Nach drei Wochen war der Kanari tot. Er war nämlich leider musikalisch

gewesen. Verstehen Sie, er war musikalisch gewesen, der arme Kanari!

Es ist ein Unglück, musikalisch zu sein, Herr Apotheker; man leidet

schrecklich darunter!«

Solch abgrundtiefer Hochmut ging nun dem Apotheker doch über die

Hutschnur; er erhob sich also von seinem Stuhle und sagte:

»Nun, Herr Kapellmeister, da scheine ich ja mit meinen Bestrebungen bei

Ihnen kein Glück zu haben. Ich möchte nur das eine wissen, ob Sie nicht

auch mal Unterricht haben mußten, oder ob Sie schon als Meister vom

Himmel gefallen sind.«

Cyrill sah ihn ganz verdutzt an und brachte nur zwei Worte heraus:

»Ja -- ich!«

»Ja -- Sie -- Sie!« grollte der Apotheker. »Woher wissen Sie denn, ob

die vier, von denen ich sprach, nicht ebenso musikalisch sind wie Sie

und Ihr verstorbener Kanarienvogel?«

Cyrill staunte über den Apotheker. Dann ging ein Lächeln über seine

Züge, als dächte er bei sich: was für seltsamen Aberglauben gibt es

doch in der Welt. In Altenroda soll es Leute geben, die so musikalisch

sind wie ich. Dieser Gedanke erheiterte Cyrills Gemüt so, daß er fragte:

»Ich möchte wohl wissen, wer diese großen Talente sind.«

Der Apotheker kam ein wenig in Verlegenheit.

»Nun, nun,« sagte er, »ich will ja nicht zuviel behaupten; aber was

das Stimmaterial anlangt, so ist schon alles da, was notwendig ist.

Da ist zunächst die Tochter von unserem Kirchendirigenten. Hat einen

prachtvollen Sopran -- lerchenklar! Technik hat sie keine. Sie kann

nicht piano ansetzen und hat keine Zwerchfellatmung. Atmet einfach

durch die Lungen. Das ganze Korsett wackelt, wenn sie singt.«

»Sie wissen etwas von Zwerchfellatmung?« fragte Cyrill mit einigem

Respekt.

»Ach, ich weiß wohl dies und das,« fuhr der Apotheker fort.

»Also Fräulein Liesel Tilgner wäre der Sopran. Ihr Vater kann

mich nicht ausstehen und ich ihn nicht. Aber die Kunst steht

über allem Persönlichen. Dann käme der Tenor. Er ist von Beruf

nur Dachdeckergehilfe. Aber war nicht der große Wachtel früher

Droschenkutscher? Und Slezak, wenn ich nicht irre, Schlossergesell?

Unser Tenor heißt August Stumpe (der wird sich ja wohl ein Pseudonym

beilegen müssen; denn ›Stumpe‹ klingt nicht). Stumpe hat eine

strahlende Höhe. Das +H+ mühelos und crescendofähig. Mittellage

etwas rauh. Schade, daß er ein windiger Hund ist.«

»Tenöre sind immer windige Hunde; das gehört dazu,« sagte Cyrill, den

die Sache zu interessieren begann.

»Ja, deswegen braucht einer aber noch nicht dem Verein ›Frohsinn‹

anzugehören und vor meinem ehrsamen Hause Schweinereien zu singen.

Aber, wie gesagt, die Kunst steht über dem Persönlichen.«

Damit schloß der Apotheker plötzlich seine Rede. Cyrillen interessierte

nun die Sache wirklich. Durch sein Hirn war der Gedanke geblitzt: Wie

wäre es, wenn ich hier ein Talent entdeckte, ihm die erste Ausbildung

gäbe und dann einem Direktor damit unter die Nase führe? Mein Weg als

Kapellmeister wäre gemacht.

»Wer sind nun die beiden letzten, der Alt und der Baß?« erkundigte er

sich.

Abermals kam der Apotheker in Verlegenheit.

»Ich spreche nicht gern von mir selbst und meiner Familie, es sieht

leicht nach Dünkel und Selbstlob aus. Und ich kann es in den Tod nicht

ausstehen, wenn jemand eingebildet ist. Echte Talente sind bescheiden.«

Cyrill schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, nur die Lumpe sind bescheiden. Das wußte schon Goethe! Wer

was kann, weiß das auch.«

»Also,« atmete der Apotheker schwer auf, »der Alt wäre meine Tochter

Sabine, und der Baß wäre ich.«

In Cyrills Miene trat eine gewisse Säure. Zwei Talente in einer

Familie schienen ihm von vornherein verdächtig. Aber da ihn, wie

schon wiederholt gesagt wurde, die Sache interessierte, forderte er

den Apotheker auf, ihm doch etwas vorzusingen, und wies mit einer

Handbewegung nach einem alten gelben Piano, das der Tante Cyrills

gehörte, bei welcher der junge Künstler wohnte.

Der Apotheker wurde bei der Aufforderung, zu singen, rot wie eine

Pfirsichblüte. Aber er erhob sich mutig und sagte:

»Wie ich schon auseinandersetzte, Herr Kapellmeister, an Technik

fehlt's. Man weiß, wie es sein soll, aber man kann's nicht!«

»Das ist so wie bei den Kritikern,« warf Cyrill ein.

»Richtig!« stimmte der Apotheker bei, der ein unsinniges Herzklopfen

verspürte. Kurz erwog er, ob er den »Schwarzen Walfisch«, den »Grafen

von Rüdesheim« oder »Es liegt eine Krone im tiefen Rhein« vortragen

solle. Er entschloß sich für das letzte, hochberühmte Lied, da in

diesem seine Gefühlswärme und sein schönes Tremolo am besten zur

Geltung kamen. Als er aber am Klavier saß, wurde das Herzklopfen noch

ärger, und er spürte ein Würgen in der Kehle, das für ein schönes

Tremolo keine guten Aussichten bot. Es hätte leicht ein Meckern daraus

werden können.

Also präludierte der Apotheker auf dem Klavier ein wenig hin und her

und her und hin, erhob sich dann plötzlich und sagte:

»Entschuldigen Sie, Herr Kapellmeister, aber ich kann hier nicht

singen, das Klavier ist zu verstimmt.«

Nun wurde Cyrill rot -- nicht wie eine Pfirsichblüte, sondern wie

reiner Zinnober.

»Verstimmt?« lachte er etwas albern. »Verstimmt sagen Sie? Natürlich

verstimmt! Greulich! Ich aber -- ich wußte das gar nicht. Die alte

Kommode gehört meiner Tante. Ich spiele natürlich nie darauf. Nie! Ich

habe hier kein anderes Instrument als die Orgel meiner Seele.«

Mit der letzten edlen Phrase hatte Cyrill seine Haltung

wiedergewonnen. Der Apotheker kehrte langsam nach seinem Stuhle zurück.

Er war ein praktischer Mann, ein Menschenkenner, und so dachte er sich:

Aha, der arme Kerl hat das Geld für den Klavierstimmer sparen wollen

und die Sache selbst versucht -- und da ist eben ein solches Resultat

herausgekommen. Er war boshaft genug, anzufangen vom Klavierstimmen zu

reden.

Cyrill lehnte sich stolz zurück.

»Wissen Sie, was das erste Erfordernis für einen sogenannten

berufsmäßigen Klavierstimmer ist? Er darf kein musikalisches Gehör

haben; sonst taugt er nichts.«

»Nanu!« warf der Apotheker ein.

»Ja,« sagte Cyrill wieder in seinem hochmütigen Tonfall; »ich kann

das nicht so kurz erläutern. Dazu gehört die ganze Vorkenntnis vom

wohltemperierten Klavier.«

»Kenne ich!« sagte der Apotheker freudig. »Ein ganzer Ton hat neun

Grade, +cis+ steht fünf Grade über +c+, des nur vier Grade.

+Cis+ ist höher als +des+. Zwischen dem vierten und fünften

Grad gehen diese beiden sozusagen Stiefzwillingsschwestern aneinander

vorbei. Auf dem Klavier aber müssen +cis+ und +des+ gleich

sein. Beide werden mit der gleichen schwarzen Taste getippt. Das ist

ein Gehör-Kompromiß.«

»Das ist kein Kompromiß,« sagte Cyrill feierlich, »das ist Sudelei. Für

musikalische Menschen eine Qual. Klavier ist Roheit!«

»Dann ist die Orgel auch Roheit!« warf der Apotheker ein; »dann ist

jedes Instrument Roheit, das festliegende Töne hat und Kompromiß

zwischen +cis+ und +des+ eingehen muß. Dann bestehen nur

Streichinstrumente und menschliche Stimme, die diese Unterschiede

machen können.«

Cyrill bekam Respekt vor seinem Gegenüber. Dem Apotheker aber schwoll

der Kamm.

»Halten Sie Paderewski für einen Künstler?«

»Ja, natürlich!« antwortete Cyrill.

»Paderewski hat mal bei uns ein Konzert gegeben. Seine königliche

Kunstmajestät verirren sich auch manchmal in eine kleinere Stadt. Also

unsere ›Harmonie‹-Banausen hatten zwar den Mut gehabt, Paderewski

ein Heidenhonorar zu garantieren, aber nicht das Geschick, für ihn

einen anständigen Flügel zu besorgen. Paderewski kommt an -- es war

ein kalter Wintertag -- badet seine Hände eine Viertelstunde lang in

warmem Wasser, probiert dann den Konzertflügel und macht ein Gesicht

wie ein Löwe, der Krautsalat fressen soll. Kurz und gut, ich hatte

damals gerade meinen neuen Blüthner; Paderewski kommt zu mir, ist

zufrieden; ich stelle natürlich den Flügel zur Verfügung, und alles

wurde ausgezeichnet. Damals hat sich Paderewski auch von meiner Sabine

ein Liedchen vorsingen lassen und sie gelobt.«

Cyrill erkannte, daß er besiegt sei. Mit persönlichen Bekannten von

Paderewski sich zu entzweien, wäre Wahnsinn.

So bat Cyrill den Apotheker, ihm morgen seinen Gegenbesuch machen und

den Paderewski-Flügel probieren zu dürfen. Es könnte dann gleich das

Weitere wegen des neuzubildenden Quartetts besprochen werden.

Hochbefriedigt ging der Apotheker nach Hause. Der goldene Kranich über

seiner Tür blitzte stolz im Sonnenschein.

* * * * *

Der Apotheker verbrachte eine unruhige Nacht. Es war durchaus nicht

leicht, Fräulein Liesel Tilgner und Herrn August Stumpe, die beide

feindlichen Vereinen angehörten, für ein Quartett zu gewinnen. Zum

ersten Male im Leben wurde der Apotheker, der sonst von grobkörniger

Ehrlichkeit war, zum Heuchler. Er schrieb zwei verlogene Briefe, in

denen er den Adressaten unmäßiges Lob spendete, insonderheit auch

sagte, daß sie in ihren »geschätzten Vereinen« ja schon eine gute

Gesangsvorbildung genossen hätten und nun unter der Leitung des Herrn

Cyrill Dietrich, eines der gefeiertsten und genialsten Dirigenten

Deutschlands, in einem erlesenen Quartett zur letzten Kunstreife

geführt werden sollten. Man wollte sie ihren beliebten und geschätzten

Vereinen natürlich durchaus nicht abtrünnig machen, im Gegenteil würden

diese gewiß eine Förderung erfahren, wenn sie durch ein Mitglied mit

dem in Musikkreisen äußerst einflußreichen Herrn Cyrill Dietrich in

Verbindung kämen. In aufrichtiger vorzüglicher Hochachtung usw.

Um neun Uhr früh wurde der Laufbursche Fritz beauftragt, die beiden

Briefe zu ihren Empfängern zu tragen. Nach einer Stunde schon war er

zurück, was für den Laufburschen eine anständige Leistung war, da der

Weg, den er zurückzulegen hatte, immerhin unter einer Viertelstunde

nicht zu machen war.

Fritz berichtete, bei Fräulein Tilgner hätte er den Brief einfach

abgegeben, aber mit dem Dachdecker sei es eine schwere Not gewesen. Der

hätte gerade auf einem hohen Dache geklebt. Da hätte er hinaufgebrüllt,

er solle doch mal runter kommen, der Herr Apotheker schicke ihm einen

Brief.

»Was hat er gesagt?« fragte der Apotheker begierig.

»Ach, gesagt hat er gar nichts,« erwiderte Fritz. »Er hat bloß zu

singen angefangen: Es war einmal ein A-a-po-po ...«

Fritz bekam eine Ohrfeige.

»Was hast du mit dem Briefe gemacht?« fauchte der Apotheker.

»Ich bin,« heulte Fritz, »ich bin die Leiter hinaufgestiegen und hab'

den Brief in die Dachrinne gelegt.«

Da bekam er eine zweite Ohrfeige.

»Schuft! In die Dachrinne? Und jetzt regnet's! Schreibe ich dafür

Briefe?«

Fritz machte, daß er hinauskam. Der Apotheker tobte im Zimmer auf und

ab. Nach einer Viertelstunde wurde die Tür aufgerissen, Fräulein Liesel

Tilgner stürmte herein und fiel dem Apotheker jubelnd um den Hals.

»Ich freu' mich -- ich freu' mich -- ich freu' mich ...«

»Also Sie machen mit?« fragte der Apotheker befriedigt. »Was sagt denn

der Herr Papa?«

»Ach der! Der hat es mir aufs strengste verboten. Also, wann gehen die

Übungen an? Ich kann es kaum erwarten. In unserem Kirchenchor ist das

ein greuliches Gequieke.«

»Allerdings!« sagte der Apotheker, indem er auf den Brief vergaß, den

er erst vor einer Stunde abgeschickt hatte.

Am Nachmittag kam Cyrill. Er vergaß, den Hut abzunehmen, guckte sich

nur geistesabwesend im Zimmer um, sah den Blüthner-Flügel, ging mit

zitternden, ausgestreckten Armen auf das schöne Instrument los und

spielte in seliger Selbstvergessenheit drei Stunden lang, ohne auch

nur eine Pause zu machen und den Apotheker zu Worte kommen zu lassen.

In der dritten Stunde wurde es dem langweilig, und er ging in den

Giftgadern, um einen Schnaps zu trinken. An der Tür traf er seine

Tochter Sabine. Diese sagte:

»Das ist ja ein greulicher Kerl. Paß auf, der zerhaut uns noch den

Flügel.«

»Schweig!« sagte der Apotheker. »Musiker sind so!«

»Kopfschmerzen hab' ich schon,« schmollte Sabine. »Wenn der es jedesmal

so macht, kann's ein schönes Quartett werden.«

»Schweig!« sagte der Vater abermals und trank einen zweiten Schnaps.

Dann ging er seufzend nach dem Musikzimmer zurück.

Nach drei Stunden brach Cyrill das Spiel jäh ab.

»Haben Sie Notenpapier?« fuhr er den Apotheker an.

Nein, Notenpapier war nicht im Hause. Da suchte Cyrill verstört nach

seinem Hute, fand ihn aber nicht, weil er ihn immer noch auf dem Kopfe

hatte, und rannte davon. Der Apotheker sah ihm blöde nach. Vom Quartett

war nicht die Rede gewesen ...

Am Abend dieses Tages kamen verdächtige Gestalten die Friedrichstraße

herab, steuerten über den Marktplatz und stellten sich vor der Apotheke

zum »Goldenen Kranich« auf: August Stumpe, der Tenorist, mit noch acht

Mann aus dem Verein »Frohsinn«. Dem Apotheker, der sie kommen sah, lief

es eiskalt über den Rücken. Jetzt kam wieder jener elende Schandgesang

-- und dann war es mit der Hoffnung, den stimmbegabten Dachdecker für

das Quartett einzufangen, vorbei. Das war also die hohnvolle Absage

auf seine liebenswürdige Einladung. Bleich vor Ärger zog sich der

Apotheker tief ins Zimmer zurück, um wenigstens am Fenster nicht

gesehen zu werden. Doch, wie sollte er alsbald erstaunen!

»~Stüll ruht da Söö,

Die Veeglein schlafähn ...~«

Mit schmetternden Stimmen und großer Begeisterung wurde das Lied

gesungen. Und als die Sänger in der letzten Strophe in Donnertönen

beteuert hatten, daß »auch du, auch du wirst schlafen gehn«, gingen sie

noch lange nicht schlafen, sondern sangen: »Wenn ich den Wandra frage

...« und dann: »Ich kenn' ein'n hellen Ödelstein ...«

Man brachte dem Apotheker ein ernstgemeintes Ständchen. Das sah er beim

dritten Liede ein, freute sich unbändig über das treue deutsche Herz,

das sich da draußen vor seiner Haustür offenbarte, trat ans Fenster,

öffnete es und klatschte stürmischen Beifall, als die Sänger geendet

hatten. Aus jedem Fenster des Marktplatzes hing ein Menschenkopf

heraus. Manche Leute klatschten, manche kicherten leise und hofften,

daß doch noch die Apothekerhymne kommen würde. Aber sie kam nicht,

sondern im Gegenteil:

»~Unsa Kaisa liebt die Blumen,

Denn er hat ein samft Gemiet ...~«

Ein paar Hunde eilten herbei und sangen mit. Sie heulten zum

Steinerweichen. Darüber faßte einen Bassisten der Zorn. Er ging hin,

hieb den Bestien sein Liederbuch um die Ohren und vertrieb sie.

Nach dem schönen Waldmannschen Kornblumenliede trat ein Sänger an das

Fenster heran und hielt folgende Ansprache:

»Geehrter, geschätzter Herr Apotheker! Indem wir ja eigentlich bis

jetzt einige bedauerliche Differenzen hatten, sind wir gekommen, um Sie

mit einem kleinen Ständchen zu beehren; denn wir haben uns gefreut,

daß Sie in einem Briefe an unsern Freund und Ehrenmitglied, Herrn

Stumpe, unserem geschätzten Vereine Ihre Ehrfurcht ausgesprochen haben.

Wir werden unseren Freund und Ehrenmitglied, Herrn Stumpe, für Ihr

Quartett gern zur Verfügung stellen und in Ihren Konzerten vollzählig

erscheinen. Der Herr Apotheker lebe hoch -- hoch -- hoch!«

Die neun Männer brüllten, aus manchem Fenster wurde auch mitgebrüllt,

und die Hunde, die sich in eine Seitengasse zurückgezogen hatten,

bellten und heulten. Es war sehr eindrucksvoll.

Der Herr Apotheker erwiderte, daß er sich über das reizende Ständchen

außerordentlich gefreut habe, und lud die Herren zu einem Gläschen

Wein ins Haus. Die tranken nun im Giftgadern so reichlich, wie es der

Gastfreundschaft des Wirtes und ihrem eigenen Appetite entsprach.

Der Laufbursche Fritz aber erlebte an diesem Abend noch ein

schmerzliches Abenteuer. Der Apotheker hatte ihn als Eilboten zu

Herrn Cyrill geschickt mit der Siegesnachricht: »Unser Quartett ist

komplett!« Fritz kam ganz entgeistert zurück. Er sagte, Herr Cyrill

hätte ihn erwürgen wollen, weil er ihn beim Komponieren gestört habe.

* * * * *

Am nächsten Abend sollte die Tätigkeit des neuen Quartetts durch den

ersten Übungsabend eröffnet werden. Cyrill kam eine halbe Stunde zu

spät, grüßte kurz und setzte sich sofort an den Blüthner-Flügel, allwo

er mächtig zu präludieren anfing. Der Apotheker saß in Angst und

Sorge da, weil er der drei Stunden von gestern gedachte. Er machte

einige Versuche, an Herrn Cyrill heranzukommen, der wies ihn aber mit

drohender Miene ab und versank immer tiefer in ein Meer von Akkorden,

Passagen, Trillern, Stakkaten, Arpeggien und kontrapunktischen

Wogengängen.

Nachdem Cyrill so dreiviertel Stunden lang gespielt hatte, nahm der

Dachdecker seinen Hut, sagte dem Apotheker ins Ohr: »Ich habe keine

Zeit mehr!« und drückte sich zur Tür hinaus. Der Apotheker versuchte

vergebens, den Sänger am Jackenärmel zurückzuhalten. August Stumpe

hatte »keine Zeit mehr«. Er ging Skat spielen. Der Apotheker war bleich

vor Ärger.

»Unser Tenor ist fortgegangen!« sagte er laut.

Cyrill machte eine Pause.

»Wer ist fortgegangen?«

»Unser Tenor! Die Übung sollte um acht Uhr beginnen. Jetzt ist es halb

zehn. Herr Stumpe ist ein fleißiger Handwerker, er muß sich seine Zeit

genau einteilen; er hatte keine Zeit mehr zu warten.«

»So, so,« sagte Cyrill; »nun, wenn er keine Zeit hat, soll er doch

ruhig gehen.«

Und er begann wieder zu spielen. Da brach jemand in ein schallendes

Gelächter aus. Cyrill fuhr herum. Wer wagte es, in seiner Gegenwart

so unverschämt zu lachen? Ach, er sah in ein blühendes, wonniges

Mädchengesicht; er sah den Frühling, die Poesie, die Schönheit in

Menschengestalt vor sich; er sah eine strahlende junge Göttin. Seine

Blicke verfingen sich, seine Gedanken verwirrten sich, sein Herz

stockte. Bleich saß er auf seinem Klaviersessel. Wieder einmal war aus

heiterem Himmel jener Blitz gefallen, den die Menschen »Liebe auf den

ersten Blick« nennen.

Endlich ermannte sich Cyrill. Er erhob sich und machte eine ganz

demütige Verneigung.

»Ich habe leider bisher unterlassen, mich vorzustellen, meine Damen.

Cyrill Dietrich! Ich bitte vielmals um Verzeihung. Wenn ich an die

Musik komme, geschieht es mir wohl, daß ich Raum und Zeit vergesse.

Ich durfte aber unmöglich Ihre Gegenwart vergessen. Ich bitte um

Entschuldigung.«

Der Apotheker stellte die beiden Damen vor; die größere, etwas massige,

war Liesel Tilgner, die kleine, zierliche, braune war Apothekers

Sabinchen -- die junge Göttin.

»Schade, daß der Tenor fort ist,« sagte der Apotheker; »wir könnten

sonst jetzt anfangen.«

»Wo ist er hin?« fragte Cyrill selbstvergessen. »Ist er dachdecken

gegangen?«

Wieder lachte Sabinchen silbrig auf.

»O, Gott! Dachdecken in so finstrer Nacht!«

Der Apotheker sagte, er würde den Ausreißer schon finden und

herbeischaffen. Und nun wurde Fritz, der Laufbursche, abermals

ausgesandt, und zwar nach dem »Bleiernen Hecht« mit der Botschaft, Herr

Stumpe möge kommen; es habe jetzt angefangen.

Nach einer Stunde kam Fritz mit einem kleinen Rausch, aber nicht mit

dem Tenor zurück. Der Dachdecker und seine Spielkumpane hatten ihm

Schnaps zu trinken gegeben und ließen sagen, zum Singen sei es heute zu

spät.

Fritzen wurde für den nächsten Morgen eine Tracht Prügel in Aussicht

gestellt, und er ging mit dem bekümmerten Gedanken schlafen, daß es ein

hartes Ding um den Dienst der Kunst sei

Im Musikzimmer hatte sich Cyrill inzwischen zur »Prüfung der Stimmen«

von dem Apotheker und Liesel Tilgner je ein Lied, von Sabinchen aber

vier Lieder vorsingen lassen.

Nach dem vierten Liede sagte Sabinchen:

»Bei mir dauert es wohl am längsten, ehe Sie ein wenig Talent

entdecken?«

Cyrill sah sie schmerzlich an.

»Mein gnädiges Fräulein, ich werde kein größeres Glück kennen, als Ihre

goldige Stimme ausbilden zu dürfen. Es wird eine schöne Sache werden um

unser Quartett. Wenn es den Herrschaften recht ist, beginnen wir morgen

mit dem Unterricht pünktlich um acht Uhr.«

Der Apotheker staunte, daß Cyrill jetzt bereits eine ganze Reihe

vernünftiger Sätze gesagt hatte, und freute sich.

»Die größte Überraschung werden Sie an August Stumpe erleben,« sagte

der Apotheker. »Er ist zwar ein windiger Hund, aber an Stimmaterial ist

er uns allen über.«

Am nächsten Abend trat Cyrill Schlag acht Uhr in das Musikzimmer. Er

fand das Quartett vollzählig versammelt vor und ließ sich zunächst

Herrn August Stumpe vorstellen und prüfte dessen Stimme. Stumpe wählte

sich: »Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein.« Als er geendet

hatte, sagte Cyrill:

»Sie singen nicht -- Sie brüllen! Aber Sie brüllen schön! Sie brüllen

ganz wunderbar!«

Dann begann der Unterricht.

»Zunächst,« sagte Cyrill, »müssen Sie stehen lernen.«

Die Mädchen kicherten.

»Ja, meine Damen,« fuhr Cyrill ernst fort, »stehen lernen! Sehen Sie

mal, wie Herr Stumpe dasteht, wie er den Bauch vorstreckt.«

»Ich habe gar keinen Bauch; also kann ich ihn wohl auch nicht

vorstrecken,« knurrte der Dachdecker mißmutig.

»Bitte keinen Widerspruch. Sie haben, wie alle homines sapientes, einen

Bauch und strecken ihn vor. Außerdem stehen Sie da wie ein Rekrut in

Grundstellung und präsentieren ihr Notenblatt wie ein Gewehr. Das wirkt

häßlich und lächerlich. Stellen Sie abwechselnd mal den rechten und

den linken Fuß etwas vor, haben Sie federnde Leichtigkeit in Füßen und

Knieen, halten Sie die Arme anmutig und pressen Sie vor allen Dingen

Ihren Adamsapfel nicht zu weit heraus. Auch lassen Sie sich die Haare

gut schneiden, den Schnurrbart um drei Viertel verkürzen und putzen Sie

alle Tage dreimal Ihre Zähne, früh, nach dem Mittagessen und vor allen

Dingen vor dem Schlafengehen.«

Der Dachdecker sah sich nach seinem Hute um und wollte auf und davon.

Doch der Apotheker faßte ihn am Arme und sagte:

»Hier muß alles deutlich und ohne Rückhalt zur Sprache kommen. Außerdem

sind wir unter uns, und Lehrzeit ist keine Herrenzeit. Ich bitte, Herr

Kapellmeister, mir immer die blanke Wahrheit zu sagen, alle meine

Fehler rücksichtslos zu rügen.«

Dieser Aufforderung kam Cyrill augenblicklich nach.

»Sie, Herr Apotheker,« sagte er, »sind viel zu dick. Auf der Bühne

wären Sie höchstens als Falstaff zu gebrauchen; für das Podium sind Sie

unmöglich. Trachten Sie danach, sechzig Pfund abzunehmen.«

»Aber erlauben Sie,« unterbrach ihn der Apotheker denn doch verärgert.

»Ich glaubte immer, Bassisten dürften ein gewisses Embonpoint haben.«

»Embonpoint wohl,« erwiderte Cyrill, »aber keinen Speckbauch. Ein

Sänger hat ästhetisch zu wirken, und Speckbäuche sind unästhetisch.«

Der Dachdecker freute sich über das, was dem Apotheker widerfuhr,

sah ein, daß der Kapellmeister unter den verschiedenen

Gesellschaftsschichten, was seine Grobheit anlangte, keinen Unterschied

machte, und beschloß, sich in Zukunft durch Kritik nicht mehr beleidigt

zu fühlen.

Mit den Damen verfuhr Cyrill viel höflicher. Er empfahl ihnen, vor

dem Spiegel ihre angeborene natürliche Anmut bis zur größten Wirkung

zu steigern und sich möglichst immer individuell zu kleiden und zu

frisieren, jedenfalls dabei aber auch dem Zeitgeschmack durch eifriges

Studium der apartesten Modezeitschriften Rechnung zu tragen.

»Und nun, bitte, setzen Sie sich!«

Cyrill musterte die vier vor ihm Sitzenden und sagte: »Es kommt

vor, daß man auf dem Podium auch mal sitzen muß, z. B. wenn man die

Einzelnummer eines anderen abzuwarten hat. Wenn Sie, Herr Stumpe, dann

mit so weit vorgestrecktem Gebein dasäßen wie eben jetzt, würden die

Konzertbesucher der ersten Reihe befürchten, Sie wollten ihnen ins

Gesicht treten.«

Der Dachdecker zog erschrocken seine Pedale ein und sah sich wieder

nach seinem Hute um.

»Sie werden zunächst sprechen lernen,« fuhr Cyrill fort (ohne daß

jemand lachte). »Erst muß man sprechen können, dann erst kann man

singen lernen. Von hundert Sängern, die in Deutschland singen, kann

nicht ein halber richtig sprechen. Ist es Ihnen schon aufgefallen, daß

ein guter Schauspieler, der etwa bei einer Sterbeszene auf der Bühne im

leisesten Flüstertone spricht oder singt, im vierten Stock oben auf der

Galerie richtig verstanden wird, während einen sogenannten Volkssänger,

der keine Ahnung vom Sprechen hat, oft die Nahesitzenden schon nicht

verstehen, auch wenn er brüllt, daß ihm beinahe die Lungen platzen? Das

macht die vorhandene oder fehlende Sprechtechnik. Wir fangen natürlich

ganz von vorne an, mit der lautreinen Aussprache der Vokale: a, e, i,

o, u. Herr Apotheker, sagen Sie ›a‹!«

Der Apotheker sagte »a«.

»Sagen Sie wiederholt ›a‹ hintereinander.«

Der Apotheker wurde rot, und auch der Dachdecker dachte sofort an die

Apothekerhymne, die er ja so oft mitgesungen hatte.

»A--a--a--a--a,« sagte der Apotheker mit Todesverachtung.

»Nun sagen Sie wiederholt ›a‹, Herr Stumpe!«

Stumpe sagte: »A--a« und mußte sehr an sich halten, daß er nicht, wie

gewohnt: »popo -- thethe -- kerker« dazusetzte.

»Nun, meine Herrschaften,« griff Cyrill wieder ein, »haben Sie ein ›a‹

gehört? Nicht ein richtiges ›a‹!« Der Herr Apotheker sagt ein Gemisch

von ›a‹ und ›o‹, weil er die Zunge zu hoch wölbt, Herr Stumpe sagt

›ä‹, weil er den Mund zu breit macht und zu wenig öffnet. Bei beiden

kommen die Vokale gequetscht aus der Kehle. O, diese Kehltöne -- dieses

Gutturale! Wenn es möglich wäre, müßte man allen Gesangsschülern die

Gurgel abschneiden, damit sie das Kehlsprechen verlieren, das der

Tod allen Sprechens und Singens ist. Vorn an den Zähnen wird der Ton

gebildet, nicht hinten, da, wo die Mandeln rötlich blühen.«

Die vier Gesangsschüler sahen beschämt und betroffen vor sich nieder,

während Cyrill mit dem Fünfzackenkamm der rechten Hand seine Haarmähne

durchharkte.

»Bitte, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹!«

Liesel Tilgner war ganz verängstigt und sagte:

»Ich kann es nicht!«

»Sehen Sie,« triumphierte Cyrill, »bisher haben Sie geglaubt, Sie seien

eine Sängerin und könnten Gott weiß was für schwere Lieder singen,

und nu können Sie nicht einmal ›a‹ sagen. Aber die Erkenntnis seiner

Unzulänglichkeit ist der Kreuzpunkt, von da aus die Straße nach oben

führt.«

Nach dieser Sokratischen Sentenz machte Cyrill eine Pause, damit alle

Anwesenden über sein Wort nachdenken könnten. Dann wiederholte er:

»Und nun, Fräulein Tilgner, sagen Sie ›a‹.«

Liesel Tilgner sagte ›a‹.

»Es ist ›ä‹,« urteilte Cyrill düster; »›ä‹ wie bei Herrn Stumpe. --

Darf ich nun Sie bitten, Fräulein Sabine?«

Sabinchen lachte erst etwas geniert, dann sagte sie klar und deutlich

›a‹!

Cyrill klatschte in die Hände.

»Herrlich! Kristallklar! Direkt echt! Bühnenecht! O, bitte, Sie müssen

in diesem Falle unser Vorbild sein. Vielen Dank, Fräulein Sabine! Und

nun kommt das Experiment. Fräulein Sabine! Sie müssen also sozusagen

unser Anschauungsmaterial sein. Bitte, stellen Sie sich dicht an den

Kronleuchter. Und Sie, Herr Apotheker, kommen Sie her und schauen Sie

Ihrem Fräulein Tochter in den Mund hinein, wenn sie ›a‹ sagt. Es kommt

ganz auf die Lage der Zunge an und wie der Atem darüber hinweggeht,

erst in zweiter Linie auf die Öffnung der Lippen. Geben Sie genau

acht. Wer nicht ›a‹ sagen lernt, dem bleibt das ganze Alphabet der

Gesangskunst verschlossen.«

Der Apotheker nahm vor seinem Töchterlein Aufstellung, guckte ihr dicht

mit seinem Brillengläsern auf den Mund und sagte:

»Sprich ›a‹.«

Das Mädel lachte zuerst, dann sagte sie ›a‹.

Der Apotheker guckte und guckte, dann wandte er sich um und sagte:

»Ich seh nichts! Rein nichts! Wissen Sie, Herr Kapellmeister, wenn man

mit so dickem Kopf vor so kleinem Schnabel steht, dann ist man sich

selbst im Lichte. Der Kronleuchter nutzt dann gar nichts; es bleibt

finster in der Höhle.«

»Das ist richtig!« sagte Cyrill und dachte nach.

»Machen Sie's doch!« sagte der Dachdecker dreist zu Cyrill. »Sie haben

ja einen viel größeren Mund; da sieht man vielleicht eher etwas.«

Cyrill warf ihm als Antwort nur einen verächtlichen Blick zu und

dachte weiter nach. Endlich verklärte sich seine Miene.

»Man bringe eine elektrische Taschenlampe,« sagte er.

Nach einigem Hin und Her wurde die Lampe herbeischafft. Sie stammte

von dem Laufburschen Fritz und funktionierte wider alles Erwarten der

Leute, die über Fritzens sonstige Ordnungsliebe eingeweiht waren.

»So,« sagte Cyrillus Triumphator; »ich möchte die Schwierigkeit sehen,

die bei festem Willen nicht zu überwinden wäre. Also Fräulein Sabine,

sagen Sie fortgesetzt ›a‹, und Herr Apotheker, schauen Sie Ihrem

Fräulein Tochter in den Mund und achten Sie vor allem darauf, wie die

Zunge liegt.«

Der Apotheker begab sich wieder auf Beobachterposten, Sabinchen sagte

›a‹, und Cyrill trat mit der elektrischen Taschenlampe heran und

blitzte plötzlich auf.

Vater und Tochter fuhren zurück und rieben sich die Augen.

»Sie blenden einen ja!« rief der Apotheker und riß sich die Brille ab.

»Gott -- o Gott -- bin ich erschrocken!« seufzte das Sabinchen.

Cyrill stand mit seiner Lampe da als ein geschlagener Held.

Der Dachdecker faßte sich zuerst.

»Es wird nichts nützen,« sagte er, »wenn wir sehen sollen, wie Fräulein

Sabine ›a‹ sagt, muß sie einige Leuchtkäfer kauen. Oder sie muß ein

Feuerfresser werden.«

Der Dachdecker war ein dreister Mensch, der es mit der Kunst nicht

ernst nahm. Das empfanden alle. Nur Sabinchen lachte über seinen

Scherz.

Es ging noch lange mit dem »a« sagen, dann kamen »e« und »i« an die

Reihe. Bei letzterem mußte der Mund unnatürlich breit gemacht werden.

»Das ›i‹ muß man sich gewissermaßen mit beiden Mundwinkeln in die

eigenen Ohren hineinsagen,« lehrte Cyrill.

Die richtige Rundung beim »o« brachte Fräulein Liesel am besten heraus,

und den Unterkiefer streckte beim »u« der Apotheker am besten vor.

Nach eineinhalb Stunden sagte Cyrill:

»Das wäre der Anfang. Die Übungen im lautreinen Sprechen der Vokale

werden den Anfang jeder Unterrichtsstunde bilden. Es ist wie das

Einmaleins beim Rechnen. Heute üben wir nur den flüssigen Konsonanten

›l‹ noch ein, damit Sie ihn in Verbindung mit den Vokalen auf die

ersten fünf Töne der Tonleiter zu Hause üben können; also la, le, li,

lo, lu -- lu, lo, li, le, la und umgekehrt al, el, il, ol, ul -- ul,

ol, il, el, al.«

Es gab noch greuliche Mühen diesen Abend. Der Konsonant »l« hat es, was

die Zungenhaltung anlangt, in sich, und daß er zwei Millimeter über der

oberen Zahnreihe mit der Zungenspitze angesetzt werden muß, ist auch

nicht so einfach, wenn man es bisher falsch gemacht hat.

Am Schlusse der Unterrichtsstunde sagte Cyrill:

»Nun noch eine kleine Aufgabe. Sprechen Sie: ›Rabe, Rebe, Robe‹ -- oder

›Aber, Eber, Ober‹! Es handelt sich um das Zungen-R.«

Es stellte sich heraus, daß nur der Dachdecker das Zungen-R hatte, alle

anderen sprachen Gaumen-R.

»Nun, dieses vermaledeite Gaumen-R wird uns allein monatelang

aufhalten,« seufzte Cyrill.

Der Apotheker lud alle Teilnehmer an dem Unterricht zum Abendbrot ein.

Der Einladung wurde gern entsprechen. Nur der Dachdecker sagte, er

hätte keine Zeit mehr, und ging in den »Bleiernen Hecht«.

»Nun, wie war's?« fragten ihn dort seine Freunde.

»Feezig,« antwortete der Sängersmann. »Ich kann beinahe ›a‹ sagen.«

»Was habt ihr denn gesungen?«

»Gesungen? Ihr habt eine Ahnung! Singen werden wir, wenn wir werden

richtig sprechen können. Und das wird vor Ablauf des fünfzehnten

Unterrichtsjahres wohl nicht der Fall sein. Wißt ihr, was ihr seid --

stumm seid ihr! Nicht einen Buchstaben könnt ihr sprechen, geschweige

ein Wort.«

Sie lachten, daß es dröhnte.

Der Dachdecker ließ sie lachen, war an diesem Abend beim Spiele nicht

ganz bei der Sache und sang am nächsten Tage, als er das Dach des

Rathauses ausbesserte, so beharrlich la, le, li, lo, lu und alle

Umkehrungen dieser schönen Übung, daß das Sabinchen ans Fenster

trat und ihm lachend zunickte. Alle anderen Leute aber meinten, der

Dachdecker hätte den Sonnenstich bekommen, und man solle die Feuerwehr

alarmieren und ihn herunterholen.

* * * * *

Es war fast jeden Abend Unterricht.

Man mußte es Herrn Cyrill lassen, daß er als Lehrer an Fleiß und

Hingebung kaum übertroffen werden konnte. Alle vier Schüler erwiesen

sich als über das Mittelmaß begabt. Der bei weitem Begabteste war der

Dachdecker; er faßte alles spielend auf, und was ihm einmal korrigiert

wurde, machte er nie wieder falsch. Er kleidete sich neuerdings gut,

ging ordentlich frisiert und rasiert, hatte blitzblanke Zähne und

benahm sich immer tadelloser. Wenn ihn der Apotheker einmal einlud,

hatte er Zeit dazubleiben. Seine Freunde im »Hecht« freilich waren mit

ihm höchst unzufrieden.

Die Lautbildungslehre ging weiter; die Schüler erfuhren, daß der schöne

Name Hedwig nicht wie Het-wick ausgesprochen wird, sondern He-dwich,

daß es nicht »daas Grapp«, sondern umgekehrt »daß Graab« heiße, nicht

Entschuldijunk, sondern Entschuldi-gung mit der nasalen Verbindung von

n und g, nicht selbstvastäntlich, sondern selbstverstän-dlich. Und so

vieles andere, was damit zusammenhängt. Die Betonungslehre kam daran,

schließlich die Tonfärbelehre, die schon ins Künstlerische hineinragt,

und daneben gingen meist unter endlosen Solfeggien: do, re, mi, fa ...

die eigentlichen Gesangsübungen.

Sämtliche Teilnehmer mußten musikalische Bücher lesen, auch Biographien

von großen Musikern; es wurden drei Musikzeitschriften mitgehalten

und vor allen Dingen auch die konzertkritischen Artikel aus den

Tageszeitungen studiert und erläutert. Es wurde mit Feuereifer

gearbeitet. Nach drei Monaten sagte Cyrill: »Zur Belohnung für Ihren

Fleiß und Ihre Ausdauer wollen wir es jetzt mit dem ersten Quartett

versuchen. Ich habe dafür das Volkslied: ›In einem kühlen Grunde‹

ausgewählt.«

Cyrill hielt eine Ansprache über dieses Lied. Er sprach mit großer

Liebe und Verehrung von Eichendorff.

»Ein Heiligtum ist dieses Lied, ein Nationalschatz. Und doch, der

Schatz wäre beinahe verloren gegangen. Eichendorff hatte das Lied

aus göttlicher Eingebung heraus geschrieben und es von Königsberg

nach Schwaben an seinen Freund Justinus Kerner gesandt. Der las das

Gedicht, erkannte, daß er ein Juwel ohnegleichen in Händen hatte,

und lief aus seinem Arbeitszimmer hinaus, um alle Hausgenossen

zusammenzurufen, ihnen dieses Juwel zu zeigen. Als Justinus Kerner an

seinen Schreibtisch zurückkehrte, war die Eichendorffsche Handschrift,

die er dort zurückgelassen hatte, spurlos verschwunden. Das Zimmer

wurde durchsucht. Umsonst. Das Fenster stand offen. Ein Luftzug mußte

das kostbare Blatt entführt haben. Justinus war in Verzweiflung. Er

wußte, daß Eichendorff keine Abschriften anfertigen ließ, daß das Juwel

verloren war, wenn sich das Blättlein Papier, an das es gefesselt war,

nicht wiederfand. Justinus Kerner ließ fünf Tage lang seinen Garten und

das angrenzende Gelände absuchen. Das Blatt war verschwunden. Seinem

Freunde Eichendorff den Verlust zu melden, wagte Kerner nicht.

Und da geschah das Wunder. Ein Händler kam in Kerners Haus, ein

Mann, der einen Korb mit allerlei ›Kurzsachen‹ feilbot: Tabaksdosen,

Broschen, Kinderspielzeug. Er bot auch Kerner seine Waren an. Und

da sieht der -- zum Herzstillbleiben ist es gewesen -- Eichendorffs

Handschrift um eine Kinderklapper gewickelt.

›In einem kühlen Grunde ...‹

Ein Griff. Justinus Kerner hatte das Lied.

›Wo haben Sie dieses Papier her?‹ fragte er den Händler mit bebender

Stimme.

Der Händler guckte sich das Blättlein an.

›Ach Gott,‹ sagte er, ›das fand ich auf einem blühenden Flachsfeld. Es

war gutes Papier, auf einer Seite ganz unbeschrieben, und da brauchte

ich es zum Einpacken.‹

Weit über eine deutsche Meile weg war das blühende Flachsfeld, auf das

der Wind Eichendorffs unsterbliches Lied aus Kerners Wohnung getragen

hatte!

Können Sie sich denken, wie Justinus Kerner vor Weh und Freude

geweint hat, als er dieses Blättlein Papier wieder hatte? Ahnen Sie,

was das ist um ein unwiederbringliches Heiligtum aus dem Tempel der

Menschheit? An diesem einfachen Liede, das doch ein Diamant unsagbaren

Wertes ist, haben sich arme Prinzessinnen, die an ungeliebte Prinzen

verkuppelt wurden und einen Leutnant von der Schloßgarde liebten,

berauscht; dieses Lied ist wie eine Mahnerin zum Ernst in Trinkgelage

von Schlemmern hineingekommen; dieses Lied hat arme Wäschermädel in

ganz weite Höhen geführt; einsame alte Junggesellen haben das Lied

auf frostigen Buden gesungen; versonnene Bauernmädel am Brunnentrog

haben es angestimmt in stiller Abendstunde; ein einsamer Wanderer

auf mondbeschienener Landstraße hat es gesummt; ein alter Gelehrter

nach langer Geistesarbeit ist an seinen Flügel geschlichen und hat

mit müden Fingern die alte, liebe Weise noch einmal gespielt. Das

Lied vom deutschen Walde, von der deutschen Mühle, von der Liebe,

vom zerbrochenen Ringlein, vom Aufbäumen des verwundeten Herzens und

vom Sterbenwollen. Sehen Sie, meine Zuhörer, der ganz große Geist,

der Beethoven hieß, der hat seine unsterbliche neunte Symphonie

geschrieben. Um den ganzen Erdball herum können Sie suchen, über der

Erde und unter der Erde -- einen so großen Demantklotz finden Sie

niemals mehr wie diese ›Neunte‹! Was will Beethoven in seiner Neunten

sagen? Es war ein Mensch, der durch Schuld und Nichtschuld, kurz,

durch sein Leben an allem verzweifelte. Dann suchte er Erlösung in

wilder Lust. Er fand sie nicht. Er fand sie endlich erst in der reinen

Freude Götterfunken. Eichendorffs kleines Lied führt nicht so weit --

es führt ins Sterbenwollen, aber doch auch durch die ganze Staffel des

Liebens und Leidens hindurch. Ihnen, meine Zuhörer, will ich nur das

eine einprägen: Ehrfurcht -- Ehrfurcht vor einem Kunstwerk, ob es eine

Symphonie ist oder ein Volkslied.«

Als einige Tage später die Stimmen des Quartetts zum ersten Male

zusammenklangen, hatte Cyrill Tränen der Freude in den Augen.

»So schön,« sagte er, »ist in Altenroda noch niemals gesungen worden

...«

Und auch hier kam die Liebe und mischte sich ins schöne Spiel. Wenn

Cyrill seinen Unterricht gab, war er streng sachlich und hütete sich

wohl, von seinen Gefühlen für das Sabinchen etwas zu verraten. Er

wußte, daß er anfänglich auf der gefährlichen Bahn gewesen war, sich

vor der Geliebten lächerlich zu machen, und daß nichts der Erfüllung

heißer Liebessehnsucht so hinderlich ist, als sich in ein lächerliches

Licht zu stellen.

So war Cyrill ein gewissenhafter, ja gestrenger Lehrer und sah auch

dem Sabinchen keinen Fehler nach, wenngleich er bei seinen Korrekturen

an ihr eine gewisse sanfte Zartheit nicht verbergen konnte, die er ja

für den Dachdecker, den Apotheker und auch für Fräulein Liesel Tilgner

nicht übrig hatte.

Zu Hause in seiner armseligen Stube aber litt Cyrill oft die größte

Liebesnot und hatte Kummer aller Art. Von dem schmalen elterlichen

Erbteil besaß er noch tausend Mark. Wenn die weg waren, stand er vor

dem Nichts. Die Tante, seine einzige noch lebende Verwandte, bei der

er wohnte, war selbst wenig bemittelt und außerdem äußerst geizig. Was

sollte werden aus Cyrill? Der Dachdecker selbst war reicher als er;

er hatte ihm einmal anvertraut, daß er ein kleines Erbteil und etwas

Erspartes von zusammen dreitausend Mark besitze. Er hatte das wohl in

der gutmütigen und doch für Cyrill demütigenden Absicht gesagt, ihm

seine Hilfe anzubieten, wenn er mal in finanzieller Verlegenheit wäre.

So sah wohl jedermann schon von weitem Cyrill den armen Hungerleider an.

Was sollte werden aus Cyrill? Nichts gelang. Er hatte weder eine Stelle

als Kapellmeister bekommen, noch hatte sich ein Theater gefunden,

das seine Oper aufführen wollte. Nur einige kurze Liedkompositionen

hatte er bei Verlegern angebracht, diese aber auch nur gegen winziges

Honorar. Aber Cyrill freute sich, wenn die vierseitigen Blätter

herauskamen, die seinen Namen trugen und ein Kindlein seines Geistes

bargen, und trug sie alle zu Sabine. Einmal gab Cyrill ein neues Lied

heraus und hatte kühn auf das Titelblatt drucken lassen:

»~Sabine gewidmet~ ...«

Der Text des Liedes lautete:

~Daß ich Dich liebe ...

Es wissen es alle Blumen der Au,

Es weiß es die Dämmerung, die Nebelfrau,

Die Vögel zwitschern's vom hohen Dach,

Die Wellen im Bache schwatzen es nach,

Der Hahn auf dem Kirchturm möchte es schrei'n

Hoch in den blauen Himmel hinein;

Im Walde tuschelt es Baum zu Baum,

Die Bienen summen's am Wiesensaum;

Bald wissen's wohl alle Leute der Stadt,

Als ständ' es geschrieben im Wochenblatt;

Es weiß es die Nacht und das Morgenlicht --

Nur Du weißt es nicht!~

Für dieses Lied hatte Cyrill bei seinem Verleger der »besseren

Ausstattung« wegen auf jedes Honorar verzichtet, ja selbst zugezahlt.

Und als nun die ersten Exemplare vor ihm auf dem Tische lagen, auf dem

Titelblatt sein Name und der des geliebten Mädchens, umrahmt von roten

Rosen, faßte ihn heiße Angst. Gewiß, Sabine brauchte den Text durchaus

nicht auf sich zu beziehen; solche Liedtexte sind neutral, können dahin

oder dorthin oder ganz ins Blaue gezielt sein, aber sie konnte das

Lied auf sich beziehen und dann konnte sie sich kompromittiert fühlen.

»Bald wissen es alle Leute der Stadt, als ständ' es geschrieben im

Wochenblatt ...« dem Mädel mußte ja himmelangst werden, wenn sie das

las. Und dann war es durch die Schuld seiner aufdringlichen Huldigung

gewiß aus und vorbei mit aller Hoffnung. Cyrill telegraphierte an

seinen Verleger, er ziehe das Lied aus dem Musikhandel zurück. Der

Verleger antwortete: »Nur gegen Übernahme der ganzen Auflage.

Dreiunddreißigeindrittel Prozent Rabatt vom Originalpreis. Fünf

Exemplare bereits verkauft.«

So opferte Cyrill einen großen Teil seines bißchen Vermögens und hatte

bald einige hundert gedruckte Lieder in seiner Wohnung aufgetürmt, für

die er keine Verwendung besaß.

»Die Nacht wußte es und das Morgenlicht,« was Cyrill um Sabine litt.

Hoffnungslos. Er, der arme Musiker, sie das einzige Kind eines reichen

Mannes!

* * * * *

Und noch ein zweiter litt um Sabine: der Dachdecker. Was ist doch Frau

Musika für eine arge Kupplerin. Wie geht sie mit leisen Hexenschritten

um die Menschen herum, kreist sie ein, läßt sie aus überquellenden

Tonbechern süßes Gift schlürfen, nach fremden Rhythmen atmen, in

fremden Melodien fühlen. Wie kann sie zwei Menschen in alle Tiefen

und Höhen führen, Geheimsprache reden vor tausend Ohren, unsichtbare

Liebeslauben bauen vor tausend Augen. Wie kann sie streicheln und

quälen, erheben und erniedrigen, werben und verderben.

Der schlichte Sohn des Volkes, der übermütige Bursch, war zum Träumer

geworden. Wenn er auf einem hohen Dache saß, irrten seine Augen immer

wieder über das Häusermeer dahin, wo auf dem Marktplatz neben dem

Rathausturme das Apothekerhaus mit dem goldenen Kranich war. Dieses

Haus war ihm zur wahren Heimat geworden. Das war licht und schön,

anders als seine arme Handwerkerstube, und ein Engel von himmlischer

Anmut lebte darin.

Oft saß der Dachdecker auf einem schwindeligen Platz in tiefen

Gedanken. Manchmal, wenn die Glocken so feierlich klangen, weinte er.

So viele Dächer, und keines das seine; aus so vielen Schornsteinen

weißer Rauch, und sein eigen kein Herd, an den er ein geliebtes Weib

führen konnte.

Von hohen Dachfirsten sah er über die Stadt hinweg ins freie Land

hinaus. Straßen führten in weite Fernen. Er könnte wandern, könnte sich

loslösen von seiner Pein. Aber er würde wohl rückwärts gehen, um immer

noch die liebe Stadt zu sehen, und wenn ihr letztes Dach verschwände,

würde er von Sehnsucht überwältigt nach Hause laufen. Was blieb dem

armen Dachdecker anderes übrig, als eines Tages abzustürzen und »in

Ausübung seines Berufes« ehrenvoll den Hals zu brechen!

* * * * *

Cyrill war eines Nachts auf einen Rettungsgedanken verfallen, auf einen

Gedanken, den er allerdings früher schon einmal gehabt hatte. Er mußte

August Stumpe ausbilden, mit diesem wirklich ganz außergewöhnlichen

Gesangstalent eines Tages einem Opernhausdirektor unter die Nase fahren

und so Stumpe als Sprungbrett für die eigene Kapellmeisterlaufbahn

benutzen.

Cyrill war immer noch nicht ohne Hochmut. In Marienwerder war ihm eine

Kapellmeisterstelle angeboten worden. Es war zum Lachen. Als ob er nach

Marienwerder aussähe! Als ob Sabine je die Frau eines mit dreitausend

Mark dotierten Kapellmeisters in Marienwerder werden würde. Abgesagt!

Die Agentur schrieb ihm darauf, daß sie vorläufig für ihn nichts wisse.

Cyrill sagte Stumpe August einmal auf dem Heimwege unter

ehrenwörtlicher Zusicherung absoluter Verschwiegenheit: er wolle ihn

zum Opernsänger ausbilden und schon dafür sorgen, daß er im ersten

Fach unterkomme. August Stumpe lachte erst blöde, dann sagte er, er

habe nicht recht verstanden. Worauf Cyrill noch einmal seine Absicht

aussprach. Darauf sagte der Dachdecker, Herr Cyrill möge entschuldigen,

ihm sei nicht gut, es werde ihm so komisch. Und er ging beiseite und

lehnte den Kopf an einen Zaun. Eine Hand preßte er aufs Herz und eine

auf den Magen, und es würgte ihn zum Erbarmen.

»Brechen Sie nur! Brechen Sie nur!« riet Cyrill. »Sie sind der rechte

Mann. Es packt Sie. Sie nehmen es ernst!«

Es war ein stilles Heldentum, das die beiden von nun an verrichteten.

Alle Abende, die nicht dem »Quartett« gewidmet waren, saßen sie

in Cyrills Stube, studierten und übten oft bis tief in die Nacht.

Alle Sonntage waren dem eifrigsten Studium geweiht. Selbst nach den

Quartettabenden nahm Cyrill den Dachdecker oft mit in seine Klause. Er

lieh ihm Bücher. Selten hatte ein eifriger Lehrer einen so eifrigen

Schüler.

Der ersehnte Preis all dieser Mühen war für beide der gleiche.

Sabine!

Die armen Burschen wußten es nicht und gewannen sich nach und nach lieb.

Hätten sie sich durchschaut, sie hätten sich gehaßt und gegenseitig zu

verderben gesucht.

So wanderten sie beide dem selben Lichte zu und keiner sah von dem

andern, daß er die gleiche Straße zog.

* * * * *

Anfang November wollte das Quartett sein erstes Konzert geben. Wenn

aber ein Quartett ein Konzert geben will, muß es einen Namen, eine

Firma haben, schon der Anschlagsäulen und der Zeitungsnotizen wegen.

Es wurde eine Beratung abgehalten. Wer je einer Beratung beigewohnt

hat, in der ein neuer Name gefunden werden soll, weiß, daß das

ein schwieriges Geschäft ist, ganz gleich, ob es sich um eine

Gesangsvereinigung, um eine literarische Zeitschrift, um eine

Aktiengesellschaft, um ein neues Insektenpulver oder um ein kleines,

manchmal noch gar nicht geborenes Kind handelt. Namengebung ist immer

schwer und verantwortlich.

»Ich bitte um Vorschläge,« sagte Cyrill; »ich selbst werde meine

Meinung zuletzt sagen, um niemand zu beeinflussen. Bitte, Fräulein

Tilgner!«

»Ich hatte mir gedacht,« sagte Fräulein Tilgner, »da wir doch vier

sind -- im Quartett sind ja wohl immer vier -- also da könnten wir uns

›Quartett Jahreszeiten‹ nennen. Der ›Frühling‹ ist natürlich Sabinchen,

ich selbst bin ja etwas älter und könnte als der ›Sommer‹ gelten; Herr

Stumpe müßte den ›Herbst‹ darstellen, und der Herr Apotheker, wenn er

so gut sein wollte, den ›Winter‹.«

»Danke!« sagte der Apotheker verdrossen; »so eisgrau bin ich noch

nicht! Fünfundfünfzig bin ich! Und dann -- wieso Herr Stumpe mit

sechsundzwanzig Jahren ›Herbst‹? Und wieso überhaupt vier? Sind

wir nicht fünf? Zählt der Dirigent nicht mit? Der Name ist einfach

unmöglich.«

»Bitte um Entschuldigung!« sagte Fräulein Tilgner kleinlaut und setzte

sich.

»Nun Ihren Vorschlag, Fräulein Sabine,« forderte Cyrill auf.

»Ich hatte,« sagte das Sabinchen, »auch an die Zahl vier gedacht, und

da wollte ich vorschlagen, wir nennen unser Quartett ›Kleeblatt‹. Es

gibt ja übrigens auch fünfblättrige Kleeblätter.«

Der Apotheker erhob sich.

»Meine liebe Tochter, erstens sind Kleeblätter in erdrückender

Majorität dreiblättrig. Vierblättrige sind eine Seltenheit, und es wäre

arrogant, wenn wir uns als Seltenheit hinstellen wollten. Das würde

eine boshafte Kritik sofort aufgreifen. Eine boshafte Kritik würde

aber noch etwas anderes sofort aufgreifen; nämlich sie würde sagen:

Kleeblatt? Wieso? Es liegt hier eine Beleidigung des Publikums vor.

Denn wem werden Kleeblätter vorgesetzt? Doch nur Rindviechern! Der Name

›Kleeblatt‹ ist ganz unmöglich.«

»Nun, dann mache doch selbst einen Vorschlag, Papa!«

»Das will ich,« sagte der Papa. »Ich schlage vor, unser Quartett

heißt: ›Der Wagen‹. Der Name berührt zunächst befremdend. Aber das

soll er. Alles, was in der Welt zugkräftig sein soll, muß einen

auffälligen Namen haben. Das weiß ich aus der Apotheke. Je verrückter

der Name einer neuen Sache ist, desto besser geht sie. Und dann

denken Sie doch an die berühmte Düsseldorfer Vereinigung ›Malkasten‹

oder an die Münchener ›Scharfrichter‹. Ist das nicht auch verrückt?

Doch nun zur Sache! Ein Wagen hat vier Räder. Alle Räder müssen

gleichen Takt halten, alle müssen dem gleichen Ziel zusteuern,

dieselbe Straße ziehen, mal langsam, mal schnell, mal in anfeuerndem

Tempo, mal nachlassend diminuendo. Und der Fünfte? Kein auch noch so

verrohter Kritiker wird wagen, in einem blöden Witz zu behaupten,

daß der Dirigent des ›Wagens‹ das Roß sei, das den Wagen zieht,

sondern jedermann wird ihn als den Kutscher ansehen, der den Wagen

lenkt. Das Publikum aber wird der ›Wagen‹ über Berg und Tal in grüne

Waldeinsamkeit, an alte Burgen und in das Gewühl der Großstadt führen,

kurz, der ›Wagen‹ wird ihm eine Reise durch alle Poesie des Lebens

vermitteln.«

»Was sagen Sie zu dem Vorschlag des Herrn Apothekers, Herr Stumpe?«

»Ach,« sagte August Stumpe, »der Vorschlag ist an sich sehr geistreich.

Nur, wir sind ein Musikverein, und ein Wagen macht keine gute Musik.

Ein Wagen knarrt, und wenn er singt, quietscht er. Man könnte dann den

Verein lieber ›Automobil‹ nennen, das hat auch vier Räder, und alles

andere trifft auch zu, das von der Waldeinsamkeit und den Burgen und

Städten, zu denen man hinfahren kann. Ein Wagen kann ferner nur wenig

Leute über Berg und Tal führen; wir wollen aber vielen Menschen die

›Reise durch die Poesie‹ verschaffen. Darum sollten wir uns lieber

›Omnibus‹ heißen, der hat auch vier Räder.«

»Herr Stumpe, wollen Sie mich verhöhnen?«

»Gott bewahre, Herr Apotheker, ich sage nur meine Meinung.«

»Er sagt seine Meinung! Und er hat ein Recht dazu!« entschied Cyrill.

»Bitte, Herr Stumpe, was sagen Sie zu den Vorschlägen der beiden Damen?«

»Ja,« meinte Stumpe, »wir kommen ja nur mit der Wahrheit weiter. Es

tut mir leid, aber die Vorschläge der beiden Damen waren kitschig. Am

kitschigsten war der von Fräulein Sabine. ›Kleeblatt‹ nennt sich ein

Backfischkränzchen, aber kein ernster Kunstverein.«

»Sie sind frech,« sagte Sabine gemütlich. »Pah!«

Cyrill war ganz blaß.

»Bitte, Herr Stumpe, nun machen Sie Ihren eigenen Vorschlag.«

»Ich schlage vor,« sagte August Stumpe, »daß wir auf allen Klimbim

verzichten und unsere Vereinigung nennen: ›Quartett Cyrill Dietrich‹.

Herr Cyrill Dietrich ist unser Lehrer, unser Führer; ohne ihn könnten

wir nichts. Cyrill Dietrich ist ein schöner, wohlklingender Name. Der

Name Cyrill Dietrich wird einer Vereinigung immer ein Ansporn sein,

eifrig zu arbeiten, und dem Publikum immer eine Garantie, daß es etwas

Gutes zu erwarten hat.«

Schweigen. Cyrill saß mit gesenktem Haupte da. Er war in tiefster

Seele glücklich. Er hatte in diesem Augenblicke den Dachdecker August

Stumpe von Herzen lieb. Nicht in der Hauptsache wegen der letzten

über ihn selbst geäußerten Worte, obwohl Cyrill wie alle Künstler für

Anerkennung überaus empfänglich war, sondern des Wahrheitsmutes wegen,

mit dem Stumpe seine Meinung gesagt hatte, und vor allem, weil er sich

so recht als begnadetes Gotteskind offenbarte. Wie kam ein Dachdecker

zu solchem Geschmack, zu solcher Ausdrucksweise? Der Mann war, während

er Cyrills Unterricht genoß, mit Siebenmeilenstiefeln gewandert. Ach,

das naturgeborene Genie vor sich zu haben, was ist das doch für eine

Wonne!

Nach einer Weile aber lehnte Cyrill den Vorschlag August Stumpes

dennoch ab.

»Meine Damen und Herren! Bitte, binden Sie sich nicht an meinen Namen.

Einst -- vielleicht sehr bald -- werde ich nicht mehr bei Ihnen sein.

Ich werde dann nichts sein, als der zufällige erste Dirigent Ihres

Quartetts, der noch dazu sehr kurze Zeit bei Ihnen tätig war. Mein Name

ist kein Programm. Genehmigen Sie meinen eigenen Vorschlag: ›Quartett

Altenroda‹. In dem schönen Namen Altenroda haben Sie alles, wofür Ihr

Herz und Ihre Kehle singt, haben Sie die Heimat und alles, was Ihnen

darin lieb und wert ist.«

Cyrills Vorschlag wurde angenommen.

* * * * *

Als August Stumpe nach diesem Abend im Bette lag, dachte er nicht wie

sonst darüber nach, weshalb wohl ein ein Meter und fünfundsiebzig

Zentimeter langer, kräftiger Mann zur Nachtruhe in einem Gestell

zu liegen habe, das nur ein Meter und siebzig Zentimeter lang war,

sondern er klagte sich in leidenschaftlichen Selbstvorwürfen an, daß

er an Fräulein Sabines harmlosem Vorschlag eine so bissige Kritik

verübt, daß er seinen Engel so böse gekränkt hatte. Immer wieder

überdachte er die Situation; immer aufs neue schüttelte es ihn vor dem

»Kleeblatt«-Vorschlag Sabinens, und immer aufs neue brannten dennoch

alle Sehnsuchtsfeuer nach dem lieblichen Mädchen hin. Es war ein auf-

und abwogendes Fieber, ein wildes Auf und Nieder. Ganz zuletzt aber

dachte August Stumpe an Cyrill. Und im Gedanken an Cyrill schlief er

ein. Ein kleiner kluger Gott saß auf der Kante der kleinen Bettstelle

und lächelte. Wieder hatte einer die Liebe zur Kunst über die Liebe zum

Weibe gestellt.

Auch Cyrill schlief schlecht. Auch er dachte an die Vorgänge des

Abends. Und auch er quälte sich. Daß Sabine den »Kleeblatt«-Vorschlag

gemacht hatte, grämte ihn noch im Bett, verursachte ihm sauren

Geschmack im Munde. Aber was war sie denn? Ein Kind von kaum zwanzig

Jahren. Ein liebes, wonniges Mädel. Was sollte man von ihr verlangen?

Die Sehnsuchtsfeuer loderten. Aber dann glitten Cyrills Gedanken doch

zu dem begnadeten Dachdecker hinüber, und er wurde ganz ruhig und

schlief ein.

Und derselbe kleine kluge Gott, der auf Stumpes Bettstelle gehockt

hatte, kam auf silberner Mondbahn zu Cyrill gefahren und besah sich

lächelnd auch diesen Getreuen. --

Auch Fräulein Liesel Tilgner schlief nicht. Sie hatte sich heute in

August Stumpe, als er so grob wurde, endgültig und rettungslos verliebt.

Selig schlief nur das Sabinchen, ihr herziges Köpfchen auf den molligen

Arm gelegt. Sabinchen dachte an nichts Böses und an nichts Gutes --

sie dachte an gar nichts. Völlig ruhelos war der Apotheker. Er saß an

seinem Schreibtisch und entwarf »Statuten« für das »Quartett Altenroda«.

* * * * *

Das »Quartett Altenroda« gab sein Konzert. In der Vorankündigung hieß

es, das Programm würde einen Volkslied-Teil und einen Kunstlied-Teil

enthalten, zur Umrahmung des Liederteils zwei Klaviervorträge,

ausgeführt von Herrn Cyrill Dietrich, im ersten Teil Schubert, im

zweiten Beethovens Letzte Sonate (+op.+ 111). Preise der Plätze

drei Mark, zwei Mark, eine Mark; Stehplatz fünfzig Pfennige.

Bei der Aufführung waren eigentlich nur Stehplätzler anwesend, das

Parkett war fast leer. Nur hie und da hockten mit trübseligem Gesicht

ein paar verirrte Seelen. Sie fühlten sich äußerst unbehaglich in ihrer

Einsamkeit. Die Sänger taten ihnen leid. An den Wänden aber klebte

junges Volk: leise kicherndes hübsches Backfischgesindel und junge

Männer im ehrenvollen Alter von sechzehn bis neunzehn Jahren, die alle

gut gescheitelte Frisuren hatten und feierliche Gesichter machten.

»Was sollen wir tun?« fragte der Apotheker, als er den leeren Saal sah.

»Diese Bande! O, diese Bande! Was sollen wir tun?«

»Singen!« antwortete Cyrill, düster und lakonisch.

»Aber doch nicht allein vor diesem jungen Rabattengemüse?«

»Doch!« sagte Cyrill noch um eine Silbe lakonischer, und der Fall war

entschieden.

Schlag acht Uhr (das war der festgesetzte Beginn des Konzerts) machte

Cyrill Dietrich seine Dirigentenverneigung vor dem Publikum und hielt

eine kleine Ansprache:

»Meine Damen und Herren! Ich freue mich, daß insonderheit die Jugend

Altenrodas unserer Einladung so zahlreich Folge geleistet hat. Ihr

schöner, jung-seliger Idealismus hat Sie hierhergeführt. Nur wer

die Jugend hat, hat die Zukunft. Nur auf die Jugend baue ich meine

Hoffnung, daß in Altenroda eine Besserung des Kunstgeschmacks eintreten

kann. Ich heiße Sie herzlich willkommen und bitte Sie, auf den

leergebliebenen Stühlen des Saales Platz zu nehmen.«

Hei, flog das hübsche Backfischgesindel in seinem jungseligen

Idealismus auf die leeren Stühle. Die jungen Herren folgten in

gemessenerem Tempo; einige aber blieben »ostentativ« an der Wand

stehen. Sie wollten sich »nichts schenken« lassen; sie hätten ja,

wenn sie es nur gewünscht hätten, sich leicht einen Talerplatz kaufen

können. Sie hatten es aber nicht gewünscht. Sie standen lieber. Sie

standen »prinzipiell«, standen »zum Vergnügen«. Und alle Welt ließ sie

auch ruhig stehen.

Schlag acht Uhr wurde auf Cyrills Befehl auch die Kasse

geschlossen. Zehn Minuten später aber, als der Kassierer noch

mit den Aufräumungsarbeiten, insonderheit mit dem Verpacken von

dreihundertfünfundsiebzig unverkauft gebliebenen Programmen beschäftigt

war, erschien noch ein Sekretär mit seiner Frau und wünschte zwei

Plätze.

»Bedaure,« sagte der Kassierer hochmütig; »die Kasse ist geschlossen.«

»Ist es denn so voll?« fragte der Sekretär verwundert.

»Das wohl nicht,« erwiderte der Kassierer; »aber was geschlossen ist,

ist geschlossen. Das ist so bei vornehmen Konzerts.«

Das Konzert des »Quartetts Altenroda« war boykottiert worden. Die

ganze sangesfreudige Stadt Altenroda war nun einmal in drei Lager

eingeteilt, je nach der Zugehörigkeit zu einem der drei Gesangvereine;

jedes Lager war bis zur Lächerlichkeit vereinsmeierisch und hielt auf

strengste Disziplin. Parole war Parole. Wehe dem, der da nicht Stange

hielt! Und hier bei Cyrills Konzert hieß in allen drei Vereinen die

Parole: »Nicht hingehen!« Die »Harmonie« haßte Cyrill wegen seines

Verhaltens im Harmonie-Konzert. Der Kirchenchor war neidisch auf

Liesel Tilgner, die »wohl die Einzige sein wollte, die was könnte«. Der

Verein »Frohsinn« hatte »seinen Freund und Ehrenmitglied« August Stumpe

wider alle anderslautenden Zusagen eingebüßt; denn August Stumpe hatte

sich seit langem dem Verein ferngehalten, nicht einmal an dem großen

Schweineschlachtfest-Wettsingen hatte er sich beteiligt.

Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein · 第 28 / 50 题