Die alte Frau bekam einen bösen Anfall; ihr Leben war in Gefahr, und
Hedwig stand im Hausflur vor dem alten Arzte und sagte: »Ich habe den
Tod betrügen wollen; er läßt sich nicht betrügen!«
Aber die Mutter wurde wieder gesund, hauptsächlich weil der Schwager
alle Tage telegraphisch gute Nachricht über das Befinden Irenes gab.
Nach vierzehn Tagen saß die alte Dame wieder im Lehnstuhl am Fenster
und sagte zu Hedwig:
»Kind, ich traue deinem Schwager nicht, daß er mir Irenes Zustand zu
günstig schildert. Fahr' hin, Kind, überzeug' dich selbst, wie es Irene
geht, und gib mir dann Nachricht. Wenn du mir gute Nachricht gibst, ist
sie wahr; denn du hast mich noch nie im Leben belogen.«
Da wandte sich Hedwig ab und starrte mit gläsernen Augen die Wand an.
Am dritten Tage ließ sie die Mutter in der Obhut der Base und reiste
nach Rußland. Endlos war die Fahrt durch die nüchterne Ebene. Als sie
auf der kleinen Station ankam, trat ihr der Schwager entgegen, führte
sie abseits unter eine Baumgruppe und sagte in tödlicher Verlegenheit:
»Hedwig, noch ehe wir in den Wagen steigen, muß ich dir etwas sagen --
ich bin -- ich bin wieder verheiratet.«
»Du bist -- du bist ...?«
»Ja, ohne Hausfrau konnte ich das Gut nicht halten.«
»Ah!«
Sie sah sich wie betäubt nach dem Bahnhof um.
»Wann fährt denn der nächste Zug zurück?«
»Hedwig!«
»Ich kann ja nicht -- kann ja nicht ...«
Sie saßen wohl über eine Stunde unter der Baumgruppe auf einer Bank.
Der Schwager redete viel auf sie ein. Sie aber sagte immer nur mit
einem irren Ausdruck in der Stimme:
»Die Mutter, die Mutter ...«
Und endlich fuhr sie mit dem Schwager heim und wurde von der neuen
Gutsherrin freundlich empfangen. Am Abend schickte sie einen Eilbrief
nach Hause.
»Irene geht es sehr gut. Sie hat einen so zielbewußten, tüchtigen Mann.