Drei Wochen hielt sie es aus. Sie schmückte Irenes Grab mit den wenigen
schlichten Blumen, die sie in der Landschaft fand, und freute sich des
Töchterleins, das die Schwester hinterlassen hatte. Die kleine Irene
war ein zwölfjähriges Mädchen, lebhaft und heiter wie ihre Mutter. Den
ganzen Nachmittag entwarf und schrieb Hedwig Briefe. Abwechselnd war
immer einer mit Irene, der andere mit Hedwig unterzeichnet. Nicht nur
das Briefpapier wechselte, nein, auch der Stil. Während Irenes Briefe
heiter, liebevoll, romantisch waren, schrieb Hedwig geschäftsmäßig und
trocken.
Kurz vor ihrer Abreise verlangte Hedwig von ihrem Schwager in
bestimmtester Form, daß er ihr Irenes Kind überlasse und mitgebe. Er
sah sie in seiner scheuen, aber milden Weise an und wandte ein:
»Glaubst du, daß das Kind nie verraten wird, daß seine Mutter tot ist?«
Da brach Hedwig in bittere Tränen aus und fuhr allein durch die
trostlose Steppe Rußlands heim.
Nach einem Jahre neigte sich das Leben der alten Frau Geheimrat zu
Ende. Der Hausarzt machte schließlich der Tochter gegenüber kein Hehl
mehr daraus. Und er fand sie gefaßt.
»Drei Jahre habe ich mir das Leben der Mutter noch ertrotzt -- jetzt
kann ich es wohl nicht mehr,« sagte sie.
Sie saß oft und sann, ob sie nun der Mutter alles offenbaren solle.
Aber sie kam immer wieder zu dem Schluß: »Sie soll erst erfahren,
daß sie Irene verloren hat, in dem Augenblick, wo sie ihren Liebling
wiederfindet. Nicht eine Sekunde soll sie Herzeleid haben um Irenes
grausamen Tod.«
Dabei blieb es. Die Mutter, die ihr Ende nahen fühlte, ließ Brief
über Brief an Irene schreiben, und jeden Tag kamen Briefe zurück voll
innigster Liebe, aber auch voll Klagen, daß gerade jetzt eine Reise
unmöglich sei. Dazu Vertröstungen auf nahe Zukunft.
So kam die Todesstunde. Da rief die Mutter:
»Telegraphiere an Irene -- sie muß kommen -- muß. -- Besorge selbst das
Telegramm, Hedwig -- andere besorgen es nicht richtig!«
Hedwig entfernte sich. Als sie nach kurzer Zeit in Mantel und Hut
zurückkam, rief die Mutter:
»Irene -- Irene -- du bist da -- du bist da!«
Hedwig sank am Bett in die Knie. Der Hut fiel ihr vom Kopf, die
Sterbende streichelte ihre braunen Haare.
»Irene -- mein Kind -- du bist da -- du warst so lange -- Hedwig und
ich haben so gewartet -- Hedwig ist ein sehr, sehr gutes Mädchen.«
Dann wurden die Augen weit, die Sterbende hob den Kopf der Knienden,
starrte ihr ins Gesicht und sagte:
»O, du bist -- nicht Irene -- du -- bist Hedwig ...«
Sie sank zurück in die Kissen, starrte nach der Decke, griff mit den
Händen in die Luft und rief plötzlich:
»Da steht Irene -- dort oben!«
Und starb ...
Nach Minuten erhob sich Hedwig und drückte der Mutter die Augen zu. Sie
streichelte die blasse Wange und sprach:
»Nun weißt du es, Mutter. Nun zürne mir nicht und sage auch Irene, daß
sie der Fälscherin nicht zürne!«
* * * * *
Am Begräbnismorgen erschien der Schwager aus Rußland. Er führte Irenes
Kind an der Hand, übergab es Hedwig und sagte:
»Ich bringe dir das Kind, damit du nicht zu allein bist.«
Da schaute Hedwig den Schwager an und sagte:
»Richard, du bist ein treuer Mensch!«
Am Abend, als sie beisammen saßen, sagte Richard:
»Hedwig, achte nur darauf, daß mir die kleine Irene alle Wochen einen
Brief schreibt -- mir würde sonst die Sonne fehlen.«
Und er sah mit verlorenem Blick in den Abend hinaus.