Es war einige Zeit vor dem Kriege.
Die verwitwete Frau Geheimrat hatte zwei Töchter. Die ältere -- Hedwig
-- war zu Haus bei der Mutter geblieben: die jüngere -- Irene -- war
ihrem Gatten tief ins Russenland gefolgt, wo sie mit ihrem Manne ein
Gut bewirtschaftete. Die Schwestern glichen sich außerordentlich bis in
viele, ja ganz lächerliche Kleinigkeiten. Beide waren frische, sonnige
Mädel. Als aber Irene fortgezogen war, wurde es sehr einsam im Hause
der Mutter; ein Herzleiden legte der alten Dame die größte Schonung
auf, und als die Jahre an Hedwig vorübergingen und die Hoffnung auf
Ehe- und Mutterglück ihr langsam zerrann, wurde sie ein stilles Mädchen
mit dem leisen wehmütigen Lächeln, das diejenigen haben, die auf das
Schönste verzichteten und denen doch die tiefe Güte des Herzens blieb.
Alle zwei Jahre kam Irene einmal zu Besuch. Dann war die Jugend wieder
im Haus, dann war alles Sehnen und Bangen fern, dann funkelten die
Wände und glitzerten die Fensterscheiben. Wenn aber der Abschied
gekommen war, wenn die Uhr wieder so müde und einförmig tickte und die
toten Stunden zählte, dann blieb nur die Hoffnung: in zwei Jahren kommt
sie wieder, dann blieb nur die eine ganz fröhliche Stunde in der Woche,
wenn Irenes Brief am Sonnabend kam und ihre liebe drollige Art aus den
Zeilen zu den Vereinsamten sprach. Dann lachten sie oft unter Tränen,
legten den Brief in ein Mahagonikästlein zu den andern und dachten
stolz und glücklich an Irene, wie man an einen großen Schatz in der
Ferne denkt ...
Im fünfzehnten Jahre nach der Verheiratung Irenes erhielt Hedwig
durch eine Mittelsperson von ihrem Schwager eine heimliche Nachricht,
die Entsetzliches brachte. Irene war bei einem Aufstand von einem
betrunkenen Bauern erschlagen worden.
Eine Base war es, die Hedwig zu sich gerufen und ihr den Unglücksbrief
übermittelt hatte. Erst nach zwei Stunden gelang es dem Hausarzt, einem
alten Freund der Familie, das zusammengebrochene Mädchen zu sich zu
bringen. Nach der dritten Stunde schickte die ahnungslose Mutter nach
ihr. Es wurde eine Ausflucht gefunden, und Hedwig saß noch weitere zwei
Stunden bei der Base.
»Weinen Sie! Weinen Sie sich aus!« sagte der Arzt.
Aber Hedwig weinte nicht. Sie sprach auch nicht. Sie saß ganz still da.
Zuletzt erhob sie sich und stand gerade und fest.
»Mich hat's getroffen,« sagte sie, »die Mutter wird's nicht treffen.
Ich werde es ihr nie sagen -- nie!«
Sie wies jede Begleitung ab und ging allein nach Hause. Und sie belog
zum erstenmal die Mutter. Während sie das Abendbrot bereitete, war sie
lebhaft und lachte ein paarmal stoßweise.
»Du bist so komisch!« sagte die Mutter.
»Das Leben ist überhaupt komisch,« entgegnete die Tochter; »du glaubst
gar nicht, wie komisch.«
Die Mutter schüttelte den Kopf.
Nach dem Abendbrot sagte Hedwig: »Ich habe so Lust, ein paar Briefe von
Irene zu lesen.«
Damit war die Mutter immer einverstanden. Und Helene suchte aus dem
Mahagonikasten die lustigsten Briefe heraus, die Irene je geschrieben
hatte und las sie laut vor. Die Mutter lächelte und nickte glückselig
mit dem Kopf, und Hedwig kicherte bei jeder drolligen Stelle der Briefe.
»Siehst du,« sagte sie am Schluß, »solche Briefe könnte ich nie
schreiben, mir fehlt der Humor.«
Die Mutter seufzte.
»Liebes Kind, Irene hat auch viel mehr Grund lustig zu sein, als du in
deiner Einsamkeit.«
»Ja,« nickte Hedwig versonnen, »Irene hat allen Grund, sich über das
Leben lustig zu machen. Aber ich werde von jetzt an auch lustig sein,
Mutter, paß nur auf!«
In der Nacht hatte Hedwig, die bei der Mutter schlief, ihr Taschentuch
im Mund wie einen Knebel, weil sie sonst laut aufgeschrien hätte. Aber
am Morgen lächelte sie wieder und pfiff dem Kanarienvogel eine Melodie
vor.
Am gleichen Morgen wurde Irene in Rußland begraben ...
Nächsten Sonnabend blieb der gewohnte Brief aus Rußland aus. Die Mutter
betrübte sich; aber Hedwig lachte und sagte:
»Wird sich russisches Postmeister gesagt haben: wozu soll immer schöne
russische Marke in dreckige Deutschland wandern? Mach' ich Marke los
von Brief, schmeiß' Brief weg, verkauf' Marke noch einmal, geht auch!«
»Du bist jetzt immer sehr vergnügt, Hedwig.«
»Findest du, Mutter? Ich will noch vergnügter werden.«
Eine Woche verging, der Sonnabend kam wieder; die alte Geheimrätin saß
schon in früher Morgenstunde am Fenster und wartete auf den Briefträger.
Und er brachte den gewohnten Brief von Irene.
»Diesmal hat Postmeister nicht Marke gemaust,« sagte Hedwig heiter, riß
den Brief auf und las ihn laut vor. Schon nach dem dritten Satz lachte
sie laut auf.
»Diese Irene ist ein zu drolliges Ding!«
Die Mutter freute sich auch über den Brief, wunderte sich aber, daß ihn
Hedwig gar so lustig fand.
»Er ist witzig,« sagte die alte Frau zum Schluß, »aber ich weiß nicht
-- die andern sind so mehr lieb und drollig.«
»Was du auch hast, Mutter; ein Brief fällt nicht aus wie der andere!«
»Gib mir den Brief.«
»Aber du hast ihn doch schon gehört, Mutter.«
»Na, gib ihn schon,« sagte die Alte ärgerlich; »ich will ihn doch
selbst lesen; man hat doch die Schrift in den Händen.«
Die Mutter setzte die Brille auf und las.
»Die Schrift ist ein bißchen verändert,« sagte sie; »Irene mag eine
neue Art Feder gehabt haben.«
»Ja, wahrscheinlich,« stimmte Hedwig bei und tastete sich durch die Tür
nach der Küche.
Sie und ihre Schwester hatten immer eine Schrift gehabt, die nicht
zu unterscheiden war. Nun, da Hedwig unter tausend Qualen und Mühen
einen Irenenbrief an die Mutter geschrieben und ihn dem Schwager zur
Rücksendung zugestellt hatte, fand sie ihre eigene Schrift verändert
und konnte es nicht verhüten.
Noch am gleichen Tage mußte sie den »Brief von Irene« beantworten und
der Mutter das Antwortschreiben geben.
»Aber Hedwig,« sagte diese betroffen, »deine Schrift ist ja auch anders
geworden, und zwar gerade wie die von Irene.«
Hedwig zuckte die Achseln.
»Das macht wahrscheinlich, weil wir beide älter werden, Mutter. Irene
und ich werden immer gleich bleiben; ich glaube, wenn die eine mal tot
ist, ist die andere auch tot.«
»Kind,« sagte die Mutter streng, »ich verbiete dir, daß du so was von
dir und Irene sagst.«
»Ich werde es nie wieder sagen, liebe Mutter!«
So vergingen fast zwei Jahre. An jedem Sonnabend kam ein Brief
von Irene. Er enthielt immer viel Lustiges, Schilderungen aus der
Häuslichkeit, Szenen aus dem russischen Gemeindeleben. Gott weiß, wie
schwer Hedwig die Abfassung dieser Briefe wurde. Der Schwager mußte
ihr »Stoff« liefern (immer durch die Base), und Hedwig war glücklich,
als sie einen Band »Anekdoten aus dem russischen Volksleben« erstehen
konnte. Den ganzen Band schrieb sie nach und nach in den Briefen »von
Irene« ab. Der Mutter gegenüber atmeten die Briefe immer die reinste
Liebe; sie waren immer von zärtlicher Sorge erfüllt, die Mutter
möge ihres Herzleidens wegen sich vor jeder Aufregung hüten; denn
die Geschehnisse dieses jämmerlichen Erdendaseins seien gar keiner
Aufregung würdig.
Manchmal sagte die Mutter: »Findest du nicht auch, Hedwig, daß sich
Irene verändert haben muß? Es ist eine Schärfe und Härte in ihren Stil
gekommen, die früher nicht da waren und die mir leid tun. Das Kind muß
etwas Trübes erfahren haben, was mir verschwiegen wird. Nein, nein,
widersprich mir nicht, Hedwig; eine Mutter hat feine Ohren.«
Dann entwarf Hedwig den nächsten »Irenenbrief« wohl fünfmal, ehe sie
ihn abschickte und prüfte jeden Satz immer und immer wieder, ob nicht
die Note ihrer eigenen tiefen Herzenserbitterung darin mitklinge. Und
manchmal blickte sie in stummer Qual auf zum Himmel: »Führ' mir die
Hand, Irene!«
Nach zwei Jahren war die Zeit gekommen, daß Irene ihren Besuch machen
sollte. In jenen Wochen konnte es Hedwig nicht mehr verbergen, daß
sie sehr krank war. Der alte Hausarzt kam, sprach von Nerven und
Bleichsucht und verordnete seine Mittelchen. Und eines Tages kam ein
kurzer mit Bleistift geschriebener Brief aus Rußland:
»Liebe Mutter, ich war so leichtsinnig, auf eine Leiter zu steigen
und bin gefallen. Meine Verletzungen sind nicht lebensgefährlich, was
Du schon daraus sehen kannst, daß ich Dir selber -- wenn auch mühsam
-- schreibe. Das Schlimmste ist, daß der Arzt sagt, eine anstrengende
Reise nach Deutschland sei auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Arme
Mutter! Ich liebe Dich und küsse Dich und Hedwig.