»Daß du nicht enden kannst, das
macht dich groß.« Goethe
Tradition ist steinerne Grenze von Vergangenheiten um die Gegenwart:
wer ins Zukünftige will, muß sie überschreiten. Denn die Natur will
kein Innehalten im Erkennen. Zwar scheint sie Ordnung zu fordern und
liebt doch nur den, der sie zerstört um einer neuen Ordnung willen.
Immer schafft sie sich in einzelnen Menschen durch Übermaß ihrer
eigenen Kräfte jene Konquistadoren, die von den heimischen Ländern der
Seele in die dunklen Ozeane des Unbekannten hinausfahren zu neuen Zonen
des Herzens, neuen Sphären des Geistes. Ohne diese kühnen Überschreiter
wäre die Menschheit in sich gefangen, ihre Entwicklung ein Kreisgang.
Ohne diese großen Boten, in denen sie sich gleichsam selbst vorauseilt,
wäre jede Generation unkund ihres Weges. Ohne diese großen Träumer
wüßte die Menschheit nicht um ihren tiefsten Sinn. Nicht die ruhigen
Erkenner, die Geographen der Heimat, haben die Welt weit gemacht,
sondern die Desperados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien
fuhren: nicht die Psychologen, die Wissenschaftler, haben die moderne
Seele in ihrer Tiefe erkannt, sondern die Maßlosen unter den Dichtern,
die Überschreiter der Grenzen.
Von diesen großen Grenzüberschreitern der Literatur ist Dostojewski
in unseren Tagen der größte gewesen, und keiner hat so viel Neuland
der Seele entdeckt als dieser Ungestüme, dieser Maßlose, dem nach
seinem eignen Wort »das Unermeßliche und Unendliche so notwendig war
wie die Erde selbst«. Nirgends hat er innegehalten, »überall habe ich
die Grenze überschritten,« schreibt er stolz und selbstanklagend in
einem Briefe, »überall«. Und unmöglich ist es fast, alle seine Taten
aufzuzählen, die Wanderungen über die eisigen Grate des Gedankens, die
Niederstiege zu den verborgensten Quellen des Unbewußten, die Aufstiege,
die gleichsam traumwandlerischen Aufstiege zu den schwindelnden
Gipfeln des Selbsterkennens. Wo kein gewöhnlicher Weg war, er hat ihn
beschritten, wo Labyrinth und Wirrnis war, am liebsten gelebt. Nie
hat die Menschheit zuvor so tief den Mechanismus und die Mystik ihres
seelischen Wesens erkannt, sie ist wacher und bewußter geworden in
seinem Blick und gleichzeitig geheimnisvoller und göttlicher in seinem
Gefühl. Ohne ihn, den großen Überschreiter alles Maßes, wüßte die
Menschheit weniger um ihr eingeborenes Geheimnis, weiter als je blicken
wir von der Höhe seines Werkes in das Zukünftige hinein.
Die erste Grenze, die Dostojewski durchstieß, die erste Ferne, die er
uns auftat, war Rußland. Er hat seine Nation für die Welt entdeckt,
unser europäisches Bewußtsein erweitert, als erster die Seele des
Russen uns als Fragment und als ein Kostbarstes der Weltseele erkennen
lassen. Vor ihm bedeutete Rußland für Europa eine Grenze: den Übergang
gegen Asien, einen Fleck Landkarte, ein Stück Vergangenheit unserer
eigenen barbarischen, überwundenen Kulturkindheit. Er aber zeigte als
erster uns die zukünftige Kraft in dieser Öde, seit ihm fühlen wir
Rußland als eine Möglichkeit neuer Religiosität, als ein kommendes Wort
im großen Gedichte der Menschheit. Er hat das Herz der Welt so reicher
gemacht um eine Erkenntnis und um eine Erwartung. Puschkin (der uns ja
schlecht zugänglich ist, weil sein poetisches Medium in jeder Übertragung
die elektrische Kraft verliert) hat uns nur die russische Aristokratie
gezeigt, Tolstoi wiederum den einfachen, patriarchalischen bäurischen
Menschen, die Wesen der alten, abgeteilten, abgelebten Welt. Erst er
entzündet uns die Seele mit der Verkündung neuer Möglichkeiten, erst er
entflammt den Genius dieser neuen Nation und läßt uns fast sehnsüchtig
werden, daß dieser glühende Tropfen Weltkindheit und Seelenanfang seines
Russenvolkes in die müde, stagnierende Welt des alten Europa einglühe.
Und gerade in diesem Kriege haben wir gefühlt, daß wir alles, was wir
von Rußland wußten, nur durch ihn wußten und daß er es uns möglich
gemacht, dieses Feindesland auch als Bruderland der Seele zu empfinden.
Aber tiefer noch und bedeutsamer als diese kulturelle Erweiterung des
Weltwissens um die Idee Rußlands (denn diese hätte vielleicht schon
Puschkin erreicht, wäre ihm nicht im 37. Jahre die Duellkugel durch die
Brust gefahren) ist jene ungeheure Erweiterung unseres seelischen
Selbstwissens, die ohne Beispiel ist in der Literatur. Dostojewski ist
der Psychologe der Psychologen. Die Tiefe des menschlichen Herzens
zieht ihn magisch an, das Unbewußte, das Unterbewußte, das Unergründliche
ist seine wahre Welt. Seit Shakespeare haben wir nicht soviel vom
Geheimnis des Gefühls und den magischen Gesetzen seiner Verschränkung
gelernt, und wie Odysseus, der einzige, der vom Hades wiederkehrte, von
der unterirdischen Welt, erzählt er von der Unterwelt der Seele. Denn
auch er, wie Odysseus, war begleitet von einem Gotte, von einem Dämon.
Seine Krankheit, ihn aufreißend zu Höhen des Gefühls, die der gemeine
Sterbliche nicht erreicht, ihn niederschmetternd in Zustände der Angst
und des Grauens, die schon jenseits des Lebens liegen, ließen ihn erst
atmen in dieser bald frostigen, bald feurigen Atmosphäre des Unbelebten
und Überlebendigen. Wie die Nachttiere in der Finsternis sehen, sieht
er in den Dämmerzuständen klarer wie andere am lichten Tag. In den
feurigen Elementen, wo andere verbrennen, wird ihm erst wahre, wohlige
Wärme des Gefühls; er ist weit über die gesunde Seele hinaus gewachsen
und hat in der kranken gehaust und damit im tiefsten Geheimnis des
Lebens. Atemnah hat er dem Wahnsinn ins Gesicht geleuchtet, wie ein
Mondsüchtiger ist er sicher über die Spitzen des Gefühls geschritten,
von denen die Wachenden und Wissenden in Ohnmacht abstürzen. Dostojewski
ist tiefer in die Unterwelt des Unbewußten gedrungen als die Ärzte, die
Juristen, die Kriminalisten und Psychopathen. Alles was die Wissenschaft
erst später entdeckte und benannte, was sie in Experimenten gleichsam
wie mit einem Skalpell von toter Erfahrung losschabte, alle die
telepathischen, hysterischen, halluzinativen, perversen Phänomene, hat
er voraus geschildert aus jener mystischen Fähigkeit des hellseherischen
Mitwissens und Mitleidens. Bis an den Rand des Wahnsinns (den Exzeß des
Geistes), bis an die Klippe des Verbrechens (den Exzeß des Gefühls)
hat er den Phänomenen der Seele nachgespürt und unendliche Strecken
seelischen Neulandes damit durchschritten. Eine alte Wissenschaft
schlägt mit ihm das letzte Blatt zu in ihrem Buch, Dostojewski beginnt
in der Kunst eine neue Psychologie.
Eine neue Psychologie: denn auch die Wissenschaft der Seele hat ihre
Methoden, auch die Kunst, die vorerst durch die Zeiten eine unendliche
Einheit scheint, ewig neue Gesetze. Auch hier gibt es Wandlungen des
Wissens, Fortschritte des Erkennens durch immer neue Auflösung und
Determinierung, und so wie etwa die Chemie durch Experimente die Anzahl
der Urelemente, der anscheinend unteilbaren, immer mehr verringert hat
und im scheinbar Einfachen noch die Zusammensetzungen erkennt, so löst
die Psychologie durch immer weiter schreitende Differenzierung die
Einheit des Gefühls in eine Unendlichkeit von Trieb und Widertrieb auf.
Trotz aller vorausschauenden Genialität einiger einzelner Menschen ist
eine Grenzlinie zwischen der alten Psychologie und der neuen nicht zu
verkennen. Von Homer und weit bis nach Shakespeare gibt es eigentlich
nur die Psychologie der Einlinigkeit. Der Mensch ist noch Formel, eine
Eigenschaft in Fleisch und Knochen: Odysseus ist listig, Achilles
mutig, Ajax zornvoll, Nestor weise ... jede Entschließung, jede Tat
dieser Menschen liegt klar und offen in der Schußfläche ihres Willens.
Und noch Shakespeare, der Dichter an der Wende der alten und der neuen
Kunst, zeichnet seine Menschen so, daß immer eine Dominante die
widerstreitende Melodik ihres Wesens auffängt. Aber gerade er ist es
auch, der den ersten Menschen aus dem seelischen Mittelalter in unsere
neuzeitliche Welt voraussendet. In seinem Hamlet erschafft er die erste
problematische Natur, den Ahnherrn des modernen differenzierten
Menschen. Hier ist zum ersten Male im Sinne der neuen Psychologie der
Wille durch Hemmungen gebrochen, der Spiegel der Selbstbetrachtung
in die Seele selbst gestellt, der um sich selbst wissende Mensch
gestaltet, der zwiefach lebt, außen und innen zugleich, im Handeln
denkend, im Denken sich verwirklichend. Hier lebt der Mensch zum
erstenmal sein Leben, wie wir es fühlen, fühlt, wie wir Gegenwärtigen
fühlen, freilich noch aus einer Dämmerung des Bewußtseins heraus: noch
ist er, der Dänenprinz, umwoben vom Requisit einer abergläubischen
Welt, noch wirken Zaubertränke und Geister auf seinen beunruhigten
Sinn, statt bloß Wahn und Ahnung. Aber doch, hier ist er schon vollendet,
das ungeheuere psychologische Geschehnis der Verzweifachung des Gefühls.
Der neue Kontinent der Seele ist entdeckt, die zukünftigen Forscher haben
freie Bahn. Der romantische Mensch Byrons, Goethes, Shelleys, Child
Harold und Werther, den leidenschaftlichen Widerspruch seines Wesens zur
nüchternen Welt im ewigen Gegensatz empfindend, fördert durch seine
Unruhe die chemische Zersetzung der Gefühle. Die exakte Wissenschaft
gibt inzwischen noch manche wertvolle Einzelerkenntnis. Dann kommt
Stendhal. Er weiß schon mehr als alle früheren von der kristallinischen
Bildung der Gefühle, der Vieldeutigkeit und Verwandlungsfähigkeit der
Empfindungen. Er ahnt den geheimnisvollen Widerstreit der Brust um jeden
einzelnen ihrer Entschlüsse. Aber die seelische Trägheit seines Genies,
die spaziergängerische Lässigkeit seines Charakters vermögen noch nicht
die ganze Dynamik des Unbewußten zu erhellen.
Erst Dostojewski, der große Zerstörer der Einheit, der ewige Dualist,
dringt ein in das Geheimnis. Er oder keiner schafft die vollkommene
Analyse des Gefühls. Bei Dostojewski ist die Einheit des Gefühls in
eine Masse zerrissen, als wäre seinen Menschen eine andere Seele
eingebaut wie all den früheren. Die kühnsten Seelenanalysen aller
Dichter vor ihm scheinen irgendwie oberflächenhaft neben seinen
Differenzierungen, sie wirken, wie etwa ein Lehrbuch der Elektrotechnik
wirken mag, das 30 Jahre alt ist, in dem eben nur die Anfangsgründe
angedeutet und das Wesentliche noch nicht einmal geahnt ist. Nichts ist
in seiner Seelensphäre einfaches Gefühl, unteilbares Element -- alles
Konglomerat, Zwischengangsform, Durchgangsform, Übergangsform. In
unendlicher Verkehrung und Verwirrung taumelt und schwankt die
Empfindung zur Tat, ein rasender Tausch von Wille und Wahrheit
schüttelt die Gefühle durcheinander. Immer meint man, schon am letzten
Grunde eines Entschlusses, eines Begehrens angelangt zu sein, und immer
wieder deutet es wieder weiter zurück in ein anderes. Haß, Liebe,
Wollust, Schwäche, Eitelkeit, Stolz, Herrschgier, Demut, Ehrfurcht,
alle Triebe sind ineinander verschlungen in ewigen Verwandlungen. Die
Seele ist eine Wirrnis, ein heiliges Chaos in Dostojewskis Werk. Es
gibt bei ihm Trunkenbolde aus Sehnsucht nach Reinheit, Verbrecher aus
Gier nach der Reue, Mädchenschänder aus Verehrung der Unschuld,
Gotteslästerer aus religiösem Bedürfnis. Wenn seine Menschen begehren,
tun sie es ebenso aus Hoffnung auf Zurückgestoßensein wie auf Erfüllung.
Ihr Trotz, faltet man ihn ganz auf, ist nichts anderes als eine
verborgene Scham, ihre Liebe ein verkümmerter Haß, ihr Haß eine
verborgene Liebe. Gegensatz befruchtet den Gegensatz. Es gibt bei ihm
Lüstlinge aus Gier nach dem Leiden und wieder Selbstquäler aus Gier nach
der Lust, in rasendem Kreislauf dreht sich der Wirbel ihres Wollens. In
der Begierde genießen sie schon den Genuß, im Genuß schon den Ekel, in
der Tat genießen sie die Reue und in der Reue wieder, rückfühlend, die
Tat. Es gibt gleichsam ein Oben und Unten, eine Vervielfachung der
Empfindungen bei ihnen. Die Taten ihrer Hände sind nicht die ihrer
Herzen, die Sprache ihrer Herzen wieder nicht die ihrer Lippen, jedes
einzelne Gefühl ist so Zerspaltenheit, Vielfalt und Vieldeutigkeit. Nie
wird es gelingen, bei Dostojewski eine Einheit des Gefühls zu fassen,
nie einen Menschen im Netz eines Sprachbegriffes zu fangen. Man nenne
Fedor Karamasoff einen Wüstling: der Begriff scheint ihn zu erschöpfen,
aber doch, ist nicht Swidrigailoff auch einer und jener namenlose
Student in den »Werdenden«, und doch: welche Welt zwischen ihnen und
ihren Gefühlen! Bei Swidrigailoff ist die Wollust eine kalte, seelenlose
Ausschweifung, er ist der berechnende Taktiker seiner Unzucht.
Karamasoffs Wollust wieder ist Lebenslust, Ausschweifung bis zur
Selbstbeschmutzung betrieben, ein tiefer Trieb, sich in das Niederste
des Lebens noch einzumengen, nur weil es Leben ist, sein Unterstes,
seinen Absud noch zu genießen aus einer Ekstase der Vitalität. Jener ist
Wollüstling aus Mangel, der andere aus Exzeß des Gefühls, was bei diesem
kranke Erregung des Geistes, ist bei jenem eine chronische Entzündung.
Swidrigailoff wieder ist der Mittelmensch der Wollust, der »Lasterchen«
hat statt der Laster, ein kleines schmutziges Tierchen, ein Insekt der
Sinne, und jener, der namenlose Student der »Werdenden«, wiederum ist
Perversion geistiger Bosheit ins Sexuelle. Man sieht, Welten des Gefühls
stehen zwischen diesen Menschen, die sonst ein einziger Begriff
zusammenfaßt, und so wie hier die Wollust differenziert ist und aufgelöst
in ihre geheimnisvollen Verwurzlungen und Komponenten, so ist bei
Dostojewski jedes Gefühl, jeder Trieb immer zurückgeführt in die letzte
Tiefe, in den Ursprung aller Kraftströmung, in jenen letzten Gegensatz
zwischen Ich und Welt, Behauptung und Hingabe, Stolz und Demut,
Verschwendung und Sparsamkeit, Vereinzelung und Gemeinschaft, zentripetale
und zentrifugale Kraft, Selbststeigerung oder Selbstvernichtung, Ich
oder Gott. Man mag die Gegensatzpaare nennen, wie es der Augenblick
fordert, immer sind es letzte, sind es Urgefühle jener Welt zwischen
Geist und Fleisch. Nie haben wir vor ihm von dieser wimmelnden Vielfalt
des Gefühls, von unserer seelischen Gemengtheit so viel gewußt.
Am überraschendsten aber wird diese Auflösung des Gefühls bei
Dostojewski in der Liebe. Es ist die Tat seiner Taten, daß er den
Roman, ja die ganze Literatur, die seit Hunderten von Jahren, seit der
Antike, immer nur in diesem Zentralgefühl zwischen Mann und Weib, als
in den Urquell alles Seins gemündet hatte, noch tiefer hinab, noch
höher hinauf, in letzte Erkenntnisse geführt hat. Liebe, anderen
Dichtern der Endzweck des Lebens, das Erzählungsziel des Kunstwerkes,
ihm ist sie nicht Urelement, sondern nur Stufe des Lebens. Für die
anderen dröhnt die glorreiche Sekunde der Versöhnung, der Ausgleich
aller Widerstreite im Augenblicke, wo Seele und Sinne, Geschlecht und
Geschlecht sich restlos in himmlische Gefühle lösen. Im letzten Grunde
ist bei ihnen, den anderen Dichtern, der Lebenskonflikt lächerlich
primitiv im Vergleich zu Dostojewski. Liebe rührt den Menschen an,
ein Zauberstab aus göttlicher Wolke, Geheimnis, die große Magie,
unerklärbar, unerläuterbar, letztes Mysterium des Lebens. Und der
Liebende liebt: er ist glücklich, erlangt er die Begehrte, er ist
unglücklich, erlangt er sie nicht. Wiedergeliebt sein ist der Himmel
der Menschheit bei allen Dichtern. Aber Dostojewskis Himmel sind höher.
Umarmung ist bei ihm noch nicht Vereinigung, Harmonie noch nicht die
Einheit. Für ihn ist Liebe nicht ein Glückszustand, ein Ausgleich,
sondern erhobener Streit, intensiveres Schmerzen der ewigen Wunde und
darum ein Leidensmoment, ein stärkeres Am-Leben-leiden als in den
gemeinen Augenblicken. Wenn Dostojewskis Menschen einander lieben,
so ruhen sie nicht. Im Gegenteil, nie sind seine Menschen mehr
durchschüttelt von allem Widerstreit ihres Wesens als im Augenblick,
da Liebe sich von Liebe erwidert fühlt, denn sie lassen sich nicht
versinken in ihrem Überschwang, sondern suchen ihn zu übersteigern.
Sie machen, echte Kinder seiner Entzweiung, nicht halt in dieser
letzten Sekunde. Sie verachten die sanfte Gleichung des Augenblicks
(den alle anderen als den schönsten ersehnen), daß Geliebter und
Geliebte sich gleich stark lieben und geliebt werden, weil dies
Harmonie wäre, ein Ende, eine Grenze, und sie leben nur für das
Grenzenlose. Dostojewskis Menschen wollen nicht ebenso lieben wie sie
geliebt werden: sie wollen immer nur lieben und wollen das Opfer sein,
derjenige, der mehr gibt, derjenige, der weniger empfängt, und sie
steigern einander in wahnsinnigen Lizitationen des Gefühls, bis es
gleichsam ein Keuchen, ein Stöhnen, ein Kampf, eine Qual wird, was als
sanftes Spiel begann. In rasender Verwandlung sind sie dann glücklich,
wenn sie zurückgestoßen, wenn sie verhöhnt, wenn sie verachtet werden,
denn dann sind sie es ja, die geben, unendlich geben und nichts dafür
verlangen, und darum ist bei ihm, dem Meister der Gegensätze, der Haß
immer so ähnlich der Liebe und die Liebe immer so ähnlich dem Haß. Aber
auch in den kurzen Intervallen, da sie einander gleichsam konzentriert
lieben, ist die Einheit des Gefühls noch einmal gesprengt, denn nie
können Dostojewskis Menschen gleichzeitig mit den geschlossenen Kräften
ihrer Sinne und Seele einander lieben. Sie lieben mit der einen oder
mit der anderen, nie ist Fleisch und Geist bei ihnen in Harmonie. Man
sehe nur auf seine Frauen: alle sind sie Kundrys, gleichzeitig in zwei
Welten des Gefühles lebend, mit ihrer Seele dem heiligen Gral dienend
und gleichzeitig wollüstig ihren Leib verbrennend in den Blumenhainen
Titurels. Das Phänomen der Doppelliebe, eines der kompliziertesten bei
anderen Dichtern, ist ein alltägliches, ein selbstverständliches bei
Dostojewski. Nastassja Philipowna liebt in ihrem spirituellen Wesen
Myschkin, den sanften Engel, und liebt gleichzeitig mit geschlechtlicher
Leidenschaft Rogoschin, seinen Feind. Vor der Kirchentür reißt sie sich
von dem Fürsten los in das Bett des anderen, vom Gelage des Trunkenen
stürzt sie zurück zu ihrem Heiland. Ihr Geist steht gleichsam oben und
sieht erschreckt zu, was unten ihr Körper treibt, ihr Körper schläft
gleichsam im hypnotischen Schlaf, während ihre Seele sich in Ekstase dem
anderen zuwendet. Und ebenso Gruschenka, sie liebt gleichzeitig und haßt
ihren ersten Verführer, liebt in Leidenschaft ihren Dimitri und mit
ihrer Verehrung schon ganz unkörperlich Aljoscha. Die Mutter des
»Jünglings« liebt aus Dankbarkeit ihren ersten Mann und gleichzeitig aus
Sklaverei, aus übersteigerter Demut Wersiloff. Unendlich, unermeßlich
sind die Verwandlungen des Begriffes, den die anderen Psychologen unter
dem Namen »Liebe« leichtfertig zusammenfaßten, so wie Ärzte vergangener
Zeiten ganze Gruppen von Krankheiten in einen Namen drängten, für die
wir heute hundert Namen und hundert Methoden haben. Liebe kann bei
Dostojewski verwandelter Haß sein (Alexandra), Mitleid (Dunia), Trotz
(Rogoschin), Sinnlichkeit (Fedor Karamasoff), Selbstvergewaltigung,
immer aber steht hinter der Liebe noch ein anderes Gefühl, ein Urgefühl.
Nie ist Liebe bei ihm elementar, unteilbar, unerklärbar, Urphänomen,
Wunder: immer erklärt, zerlegt er das leidenschaftlichste Gefühl. O,
unendlich, unendlich diese Verwandlungen, und jede einzelne wieder in
allen Farben schillernd, von Kälte zu Frost erstarrend und wieder
erglühend, unendlich und undurchdringlich wie die Vielfalt des Lebens.
Ich will nur erinnern an Katerina Iwanowna. Sie sieht Dimitri auf einem
Ball, er läßt sich ihr vorstellen, er beleidigt sie, und sie haßt ihn.
Er nimmt Rache, er erniedrigt sie, -- und sie liebt ihn, oder eigentlich
sie liebt nicht ihn, sondern die Erniedrigung, die er ihr zugefügt. Sie
opfert sich ihm auf und meint ihn zu lieben, aber sie liebt nur ihre
eigene Aufopferung, liebt ihre eigene Pose der Liebe, und je mehr sie
ihn so zu lieben scheint, um so mehr haßt sie ihn wieder. Und dieser Haß
fährt los auf sein Leben und zerstört es, und in dem Augenblick, wo sie
es zerstört hat, wo gleichsam ihre Aufopferung sich als Lüge offenbart,
ihre Erniedrigung gerächt ist, -- liebt sie ihn wieder! So kompliziert
ist bei Dostojewski ein Liebesverhältnis. Wie es vergleichen mit den
Büchern, die schon bei der letzten Seite sind, wenn die beiden einander
lieben und durch alle Fährnisse des Lebens sich gefunden haben? Wo die
anderen enden, beginnen erst die Tragödien Dostojewskis, denn er will
nicht Liebe, nicht laue Aussöhnung der Geschlechter als Sinn und Triumph
der Welt. Er knüpft wieder an die große Tradition der Antike an, wo
nicht ein Weib zu erringen, sondern die Welt und alle Götter zu
bestehen, Sinn und Größe eines Schicksals war. Bei ihm hebt sich der
Mensch wieder auf, nicht mit dem Blick zu den Frauen, sondern mit der
offenen Stirne zu seinem Gott. Seine Tragödie ist größer als die von
Geschlecht zu Geschlecht und vom Mann zum Weib.
Hat man nun Dostojewski in dieser Tiefe der Erkenntnis, in dieser
restlosen Auflösung der Empfindung erkannt, so weiß man: es gibt von
ihm keinen Weg wieder zurück ins Vergangene. Will eine Kunst wahrhaft
sein, so darf sie von nun an nicht die kleinen Heiligenbilder des
Gefühls aufstellen, die er zerschlagen, nie mehr den Roman in die
kleinen Kreise der Gesellschaft und Gefühle sperren, nie mehr das
geheimnisvolle Zwischenreich der Seele verschatten wollen, das er
durchleuchtet. Als erster hat er uns die Ahnung des Menschen gegeben,
die Wir als erste selbst sind, im Gegensatz zu der Vergangenheit,
differenzierter im Gefühl, weil beladener mit mehr Erkenntnis als alle
früheren. Niemand kann ermessen, um wie viel wir in den fünfzig Jahren
seit seinen Büchern den Dostojewskischen Menschen schon ähnlicher
geworden sind, wie viele Prophezeiungen sich schon in unserem Blute, in
unserem Geiste von seiner Ahnung erfüllen. Das Neuland, das er als
erster beschritten, ist vielleicht schon unser Land, die Grenzen, die
er überwunden, unsere sichere Heimat.
Unendliches aus unserer letzten Wahrheit, die wir jetzt erleben, hat er
uns prophetisch aufgetan. Er hat der Tiefe des Menschen ein neues Maß
gegeben: nie hat ein Sterblicher vor ihm so viel vom unsterblichen
Geheimnis der Seele gewußt. Aber wunderbar: so sehr er unser Wissen um
uns selbst erweitert, so viel wir an ihm gelernt, nie verlernen wir an
seiner Erkenntnis das hohe Gefühl, demütig zu sein und das Leben als
etwas Dämonisches zu empfinden. Daß wir bewußter wurden durch ihn, hat
uns nicht freier gemacht, sondern nur gebundener. Denn so wenig die
modernen Menschen den Blitz, seit sie ihn als elektrisches Phänomen,
als Spannung und Entladung der Atmosphäre erkennen und benennen, als
minder gewaltig empfinden wie die vorherigen Geschlechter, so wenig
kann unsere erhöhte Erkenntnis des seelischen Mechanismus im Menschen
die Ehrfurcht vor der Menschheit vermindern. Gerade Dostojewski, der
alle Einzelheiten der Seele uns wissend zeigte, dieser große Zerleger,
dieser Anatom des Gefühles, gibt gleichzeitig tieferes, universaleres
Weltgefühl als alle Dichter unserer Zeit. Und der so tief den Menschen
gekannt wie keiner vor ihm, hat wie keiner Ehrfürchtigkeit vor dem
Unbegreiflichen, das ihn gestaltet: vor dem Göttlichen, vor Gott.