DIE GOTTESQUAL

»Gott hat mich mein ganzes Leben

lang gequält.« Dostojewski

»Gibt es einen Gott oder nicht?« fährt Iwan Karamasoff in jenem

furchtbaren Zwiegespräch seinen Doppelgänger, den Teufel, an. Der

Versucher lächelt. Er hat keine Eile zu antworten, die schwerste Frage

einem gemarterten Menschen abzunehmen. »Mit grimmiger Hartnäckigkeit«

dringt Iwan nun in seiner Gottesraserei auf den Satan ein: er soll, er

muß ihm Antwort stehen in dieser wichtigsten Frage der Existenz. Aber

der Teufel schürt nur den Rost der Ungeduld. »Ich weiß es nicht«,

antwortet er dem Verzweifelten. Nur um den Menschen zu quälen, läßt er

ihm die Frage nach Gott unbeantwortet, läßt er ihm die Gottesqual.

Alle Menschen Dostojewskis und nicht als Letzter er selbst haben diesen

Satan in sich, der die Gottesfrage stellt und nicht beantwortet. Allen

ist jenes »höhere Herz« gegeben, das fähig ist, sich mit diesen

qualvollen Fragen zu quälen. »Glauben Sie an Gott«, herrscht Stawrogin,

ein anderer, Mensch gewordener Teufel, plötzlich den demütigen Schatow

an. Wie einen Brandstahl stößt er ihm die Frage mörderisch ins Herz.

Schatow taumelt zurück. Er zittert, er wird bleich, denn gerade die

Aufrichtigsten bei Dostojewski zittern vor diesem letzten Bekenntnis

(und er, wie hat er selbst davor gebebt in heiligen Ängsten). Und erst

wie ihn Stawrogin mehr und mehr bedrängt, stammelt er aus blassen

Lippen die Ausflucht: »Ich glaube an Rußland.« Und nur um Rußlands

willen bekennt er sich zu Gott.

Dieser verborgene Gott ist das Problem aller Werke Dostojewskis, der

Gott in uns, der Gott außer uns und seine Erweckung. Als echtem Russen,

dem größten und wesenhaftesten, den dies Millionenvolk gebildet, ist

ihm nach seiner eigenen Definition diese Frage um Gott und die

Unsterblichkeit die »wichtigste des Lebens«. Keiner seiner Menschen

kann der Frage entweichen: sie ist ihm angewachsen als Schatten seiner

Tat, bald ihnen vorauslaufend, bald ihnen als Reue im Rücken. Sie

können ihr nicht entfliehen, und der einzige, der versucht, sie zu

verneinen, dieser ungeheuere Märtyrer des Gedankens, Kirillow, in den

»Dämonen«, muß sich selbst töten, um Gott zu töten -- und beweist

damit, leidenschaftlicher als die anderen, seine Existenz und

Unentrinnbarkeit. Man blicke doch auf seine Gespräche, wie die Menschen

vermeiden wollen, von Ihm zu sprechen, wie sie Ihm ausweichen und

ausbiegen: sie möchten immer gern unten bleiben im niedern Gespräch, im

»small talk« des englischen Romans, sie reden von der Leibeigenschaft,

von Frauen, von der Sixtinischen Madonna, von Europa, aber die

unendliche Schwerkraft der Gottesfrage hängt sich an jedes Thema und

zieht es schließlich magisch in seine Unergründlichkeit. Jede

Diskussion bei Dostojewski endet beim russischen Gedanken oder beim

Gottesgedanken -- und wir sehen, daß diese beiden Ideen für ihn eine

Identität sind. Russische Menschen, seine Menschen, können so wie in

ihren Gefühlen auch in ihren Gedanken nicht haltmachen, sie müssen

unvermeidlich vom Praktischen und Tatsächlichen in das Abstrakte, vom

Endlichen ins Unendliche, immer ans Ende. Und aller Fragen Ende ist die

Gottesfrage. Sie ist der innere Wirbel, der ihre Ideen rettungslos in

sich reißt, der schwärende Splitter in ihrem Fleische, der ihre Seelen

mit Fieber erfüllt.

Mit Fieber. Denn Gott -- Dostojewskis Gott -- ist das Prinzip aller

Unruhe, weil er, Urvater der Kontraste, zugleich das Ja und das Nein

ist. Nicht wie auf den Bildern der alten Meister, in den Schriften der

Mystiker ist er die sanfte Schwebe über den Wolken, selig-beschauliches

Erhobensein -- Dostojewskis Gott ist der springende Funke zwischen den

elektrischen Polen der Urkontraste, er ist kein Wesen, sondern ein

Zustand, ein Spannungszustand, ein Verbrennungsprozeß des Gefühls, er

ist Feuer, ist die Flamme, die alle Menschen erhitzt und überkochen

macht in Ekstase. Er ist die Geißel, die sie aus sich, aus ihrem warmen

ruhigen Leib, in die Unendlichkeit treibt, der sie verlockt in alle

Exzesse des Wortes und der Tat, sie hinstürzt in den brennenden

Dornbusch ihrer Laster. Er ist, wie seine Menschen, wie der Mensch, der

ihn schuf, ein ungenügsamer Gott, den keine Anstrengung bewältigt,

kein Gedanke erschöpft, keine Hingabe befriedigt. Er ist der ewig

Unerreichbare, ist aller Qualen Qual, und mitten aus Dostojewskis Brust

bricht darum Kirillows Schrei: »Gott hat mich mein ganzes Leben lang

gequält.«

Das ist Dostojewskis Geheimnis: er braucht Gott und findet ihn doch

nicht. Manchmal meint er ihm schon zu gehören, und schon umfaßt ihn

seine Ekstase, da klirrt sein Verneinungsbedürfnis ihn wieder zur Erde.

Keiner hat das Gottesbedürfnis stärker erkannt. »Gott ist mir deshalb

notwendig,« sagt er einmal, »weil er das einzige Wesen ist, das man

immer lieben kann«, und ein anderes Mal: »Es gibt keine unaufhörlichere

und quälendere Angst für den Menschen, als etwas zu finden, vor dem er

sich beugen kann.« Sechzig Jahre leidet er an dieser Gottesqual und

liebt Gott wie jedes seiner Leiden, liebt ihn mehr als alles, weil er

das ewigste aller Leiden ist und Leidensliebe den tiefsten Gedanken

seines Sein bedeutet. Sechzig Jahre kämpft er sich zu ihm und lechzt

»wie trockenes Gras« nach dem Glauben. Das ewig Zersprengte will eine

Einheit, der ewig Gejagte eine Rast, der ewig Getriebene durch alle

Stromschnellen der Leidenschaft, der sich Zerströmende den Ausgang, die

Ruhe, das Meer. So träumt er ihn als Beruhigung und findet ihn doch nur

als Feuer. Er möchte selbst ganz klein werden, ganz wie die Dumpfen

im Geiste, um in ihn eingehen zu können, möchte glauben können im

Köhlerglauben, wie die »zehn Pud dicke Kaufmannsfrau«, möchte es

aufgeben, der Wissendste, der Bewußte zu sein, um der Gläubige zu

werden, wie Verlaine fleht er: »Donnez-moi de la simplicité.« Das

Gehirn verbrennen im Gefühl, hinströmen in die Gottesruhe, tierhaft

dumpf, das ist sein Traum. O, wie streckt er sich ihm entgegen, er tobt

brünstig, er schreit, er wirft die Harpunen der Logik aus, ihn zu

fassen, legt ihm die verwegensten Fuchsfallen der Beweise; wie ein

Pfeil schießt seine Leidenschaft auf, ihn zu treffen, ein Lechzen nach

Gott ist seine Liebe, eine »fast unanständige Leidenschaft«, ein

Paroxysmus, ein Überschwang.

Ist er aber darum schon gläubig, weil er so fanatisch glauben will?

War Dostojewski, der beredteste Anwalt der Rechtgläubigkeit, der

Pravoslavie selbst ein Bekenner, ein poeta christianissimus? Sicherlich

in Sekunden: da zuckt sein Spasma ins Unendliche hinein, da krampft er

sich ein in Gott, da hält er die Harmonie, die irdisch versagte, in

Händen, da ist er, der Gekreuzigte seines Zwiespaltes, auferstanden in

den alleinigen Himmeln. Aber doch: irgend etwas bleibt auch dann noch

wach in ihm und schmilzt nicht hin im Seelenbrand. Während er schon

ganz aufgelöst scheint, ganz überirdische Trunkenheit, bleibt jener

grausame Geist der Analyse mißtrauisch auf der Lauer und mißt das Meer

aus, in das er versinken will. Der unerbittliche Doppelgänger wehrt

sich gegen die Aufgabe der Persönlichkeit. Auch im Gottesproblem klafft

der unheilbare Zwiespalt, der in jedem von uns eingeboren ist, aber den

kein Irdischer bisher zu solcher Spannweite des Abgrunds aufgerissen

wie Dostojewski. Er ist der Gläubigste aller und der äußerste Atheist

in einer Seele, er hat in seinen Menschen die polarsten Möglichkeiten

beider Formen gleich überzeugend dargestellt (ohne sich selbst zu

überzeugen, ohne sich selbst zu entscheiden), die Demut, sich

hinzugeben, sich, ein Staubkorn, aufzulösen in Gott, und andererseits

das grandioseste Extrem, selber Gott zu werden: »Erkennen, daß ein Gott

ist, und gleichzeitig erkennen, daß man nicht zum Gott geworden ist,

wäre ein Unsinn, durch den man zum Selbstmord getrieben wird.« Und sein

Herz ist bei beiden, beim Gottesknecht und beim Gottesleugner, bei

Aljoscha und bei Iwan Karamasoff. Er entscheidet sich nicht in dem

unablässigen Konzil seiner Werke, bleibt bei den Bekennern und den

Häretikern. Seine Gläubigkeit ist feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja

und Nein, den beiden Polen der Welt. Auch vor Gott bleibt Dostojewski

der große Ausgestoßene der Einheit.

So bleibt er Sisyphus, der ewige Wälzer des Steins zur Höhe der

Erkenntnis, der er immer wieder entrollt. Der ewig Bemühte zu Gott,

den er nie erreicht. Aber irre ich denn nicht: ist Dostojewski nicht

den Menschen der große Prediger des Glaubens? Geht nicht durch seine

Werke der große orgelnde Hymnus an Gott? Bezeugen nicht alle seine

politischen, seine literarischen Schriften einhellig diktatorisch,

unzweifelhaft seine Notwendigkeit, seine Existenz, dekretieren sie denn

nicht die Rechtgläubigkeit, verwerfen sie nicht den Atheismus als das

äußerste Verbrechen? Aber man verwechsle hier nicht Wille mit Wahrheit,

nicht den Glauben mit dem Postulat des Glaubens. Dostojewski, der

Dichter der ewigen Umkehrung, dieser fleischgewordene Kontrast, predigt

den Glauben als Notwendigkeit, predigt ihn um so inbrünstiger den

anderen als -- er selbst nicht glaubt (im Sinne eines ständigen,

sicheren, ruhenden, vertrauenden Glaubens, der »geklärte Begeisterung«

als höchste Pflicht formuliert). Von Sibirien schreibt er an eine Frau:

»Ich will Ihnen von mir sagen, daß ich ein Kind dieser Zeit bin, ein

Kind des Unglaubens und des Zweifels, und es ist wahrscheinlich, ja,

ich weiß es bestimmt, daß ich es bis an mein Lebensende bleiben werde.

Wie entsetzlich quälte mich und quält mich auch jetzt die Sehnsucht

nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr ich Gegenbeweise

habe.« Nie hat er es klarer gesagt: er hat Sehnsucht nach dem Glauben

aus Glaubenslosigkeit. Und hier ist eine jener erhabenen Umwertungen

Dostojewskis: eben weil er =nicht= glaubt und die Qual dieses

Unglaubens kennt, weil, nach seinem eigenen Worte, er die Qual immer

nur für sich liebt und Mitleid hat mit den andern -- darum predigt er

den andern den Glauben an einen Gott, den er selbst nicht glaubt.

Der Gottgequälte will eine gottselige Menschheit, der schmerzlich

Glaubenslose die glücklich Gläubigen. An das Kreuz seines Unglaubens

genagelt, predigt er dem Volke die Orthodoxie, er vergewaltigt seine

Erkenntnis, weil er weiß, daß sie zerreißt und verbrennt, und predigt

die Lüge, die Glück gibt, den strikten, textlichen Bauernglauben. Er,

der »kein Senfkorn Glauben hat«, der gegen Gott revoltierte und, wie er

selbst stolz sagte, »den Atheismus mit ähnlicher Kraft ausgedrückt hat,

wie niemand in Europa«, er verlangt die Unterwürfigkeit unter das

Popentum. Um die Menschen vor der Gottesqual zu behüten, die er wie

keiner im eigenen Fleische erlebt, verkündet er die Gottesliebe. Denn

er weiß: »Das Schwanken, die Unruhe des Glaubens -- das ist für einen

gewissenhaften Menschen eine solche Qual, daß es besser ist, sich zu

erhängen.« Er selbst ist ihr nicht ausgewichen, als Märtyrer hat er

den Zweifel auf sich genommen. Aber der Menschheit, der unendlich

geliebten, will er ihn ersparen, wie sein Großinquisitor will er der

Menschheit die Qual der Gewissensfreiheit sparen und sie einwiegen in

den toten Rhythmus der Autorität. So schafft er, statt hochmütig die

Wahrheit seines Wissens zu verkünden, die demütige Lüge eines Glaubens.

Er verschiebt das religiöse Problem ins Nationale, dem er den Fanatismus

des göttlichen gibt. Und wie sein getreuester Knecht antwortet er auf

die Frage: »Glauben Sie an Gott?« in der aufrichtigsten Konfession

seines Lebens: »Ich glaube an Rußland.«

Denn das ist seine Flucht, seine Ausflucht, seine Rettung: Rußland.

Hier ist sein Wort nicht mehr Zwiespalt, hier wird es Dogma. Gott hat

ihm geschwiegen: so schafft er sich als Mittler zwischen sich und

dem Gewissen selbst einen Christus, den neuen Verkünder einer neuen

Menschheit, den russischen Christus. Aus der Wirklichkeit, aus der

Zeit stürzt er sein ungeheueres Glaubensbedürfnis einem Unbestimmten

entgegen -- denn nur einem Unbestimmten, einem Grenzenlosen kann dieser

Maßlose sich ganz hingeben -- in die ungeheuere Idee Rußland, in

dieses Wort, das er anfüllt mit allem Unmaß seiner Gläubigkeit. Ein

anderer Johannes, verkündigt er diesen neuen Christus, ohne ihn

geschaut zu haben. Aber er spricht in seinem Namen, in Rußlands Namen

für die Welt.

Diese seine messianischen Schriften -- es sind die politischen Aufsätze

und manche Ausbrüche der Karamasoff -- sind dunkel. Verworren

enttaucht ihnen dieses neue Christusantlitz, der neue Erlösungs- und

Allversöhnungsgedanke, ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen,

strengen Falten. Wie von den alten rauchgeschwärzten Ikonen starren

fremde stechende Augen uns an, Inbrunst, unendliche Inbrunst in sich,

aber auch Haß und Härte. Und furchtbar ist Dostojewski selbst, wenn

er diese russische Erlösungsbotschaft uns Europäern wie verlorenen

Heiden kündet. Ein böser, fanatischer, mittelalterlicher Mönch, das

byzantinische Kreuz wie eine Geißel in der Hand, so steht der Politiker,

der religiöse Fanatiker uns gegenüber. Wie ein Delirant, ein Heimgesuchter

in mystischen Krämpfen, nicht in sanfter Predigt kündet er seine Lehre,

in dämonischen Zornausbrüchen entlädt sich seine maßlose Leidenschaft.

Mit Keulen schlägt er jeden Einwand nieder, ein Fiebernder, gegürtet mit

Hochmut, funkelnd von Haß, stürmt er die Tribüne der Zeit. Schaum steht

vor seinem Munde, und mit zitternden Händen schleudert er den Exorzismus

über unsere Welt.

Ein Bilderstürmer, ein rasender Ikonoklast, fällt er her über die

Heiligtümer der europäischen Kultur. Alles stampft er nieder, der große

Tobsüchtige, von unseren Idealen, um seinem neuen, dem russischen

Christus, den Weg zu bereiten. Bis zum Irrwitz schäumt seine

moskowitische Unduldsamkeit. Europa, was ist es? Ein Kirchhof, mit

teuern Gräbern vielleicht, aber jetzt stinkend von Fäulnis, nicht

einmal Dünger mehr für die neue Saat. Die blüht einzig aus russischer

Erde. Die Franzosen -- eitle Laffen, die Deutschen -- ein niedriges

Wurstmachervolk, die Engländer -- Krämer der Vernünftelei, die Juden --

stinkender Hochmut. Der Katholizismus -- eine Teufelslehre, eine

Verhöhnung Christi, der Protestantismus -- ein vernünftlerischer

Staatsglaube, alles Hohnbilder des einzig wahren Gottesglaubens: der

russischen Kirche. Der Papst -- der Satan in der Tiara, unsere Städte

-- Babylon, die große Hure der Apokalypse, unsere Wissenschaft -- ein

eitles Blendwerk, Demokratie -- die dünne Brühe weicher Gehirne,

Revolution -- ein loses Bubenstück von Narren und Genarrten, Pazifismus

-- ein Altweibergeschwätz. Alle Ideen Europas ein verblühter,

verwelkter Blumenstrauß, gut genug, in die Jauche geschmissen zu

werden. Nur die russische Idee ist die einzig wahre, einzig große,

einzig richtige. Im Amoklauf stürmt der rasende Übertreiber weiter,

jeden Einwand mit dem Dolche niederstoßend: »Wir verstehen euch, aber

ihr versteht nicht uns« -- schon bricht jede Diskussion blutend

zusammen. »Wir Russen sind die Allverstehenden, ihr seid die Begrenzten«,

dekretiert er. Rußland allein ist richtig und alles in Rußland, der Zar

und die Knute, der Pope und der Bauer, die Troika und die Ikone, und um so

richtiger, je mehr es antieuropäisch, asiatisch, mongolisch, tatarisch,

um so richtiger, als es konservativ, rückständig, unfortschrittlich,

ungeistig, byzantinisch ist. O, wie tobt er sich hier aus, der große

Übertreiber! »Seien wir Asiaten, seien wir Sarmaten«, jauchzt er auf.

»Weg von Petersburg, dem europäischen, zurück zu Moskau, hinüber

nach Sibirien, das neue Rußland ist das Dritte Reich.« Diskussion

darüber duldet dieser gotttrunkene mittelalterliche Mönch nicht. Nieder

die Vernunft! Rußland ist das Dogma, das widerspruchslos zu bekennen

ist. »Man versteht Rußland nicht mit der Vernunft, sondern mit dem

Glauben.« Wer ihm nicht in die Knie stürzt, ist der Feind, der

Antichrist: Kreuzzug wider ihn! Hell schmettert er in die Fanfare des

Krieges. Zerstampft muß Österreich werden, der Halbmond von der Hagia

Sofia Konstantinopels gerissen, Deutschland gedemütigt, England besiegt

-- ein wahnwitziger Imperialismus hüllt seinen Hochmut in mönchische

Kutte und ruft: 'Dieu le veut.' Um des Gottesreiches willen die ganze

Welt für Rußland.

Rußland also ist Christus, der neue Erlöser, und wir sind die Heiden.

Nichts errettet uns Verworfene aus dem Fegefeuer unserer Schuld: wir

haben die Erbsünde begangen, keine Russen zu sein. Unserer Welt ist

kein Raum in diesem neuen Dritten Reich: erst muß unsere europäische

Welt untergehen im russischen Weltreiche, im neuen Gottesreiche, dann

erst kann sie erlöst werden. Wörtlich sagt er: »Jeder Mensch muß

vorerst Russe werden.« Dann erst beginnt die neue Welt. Rußland ist das

Gottträgervolk: erst muß es noch mit dem Schwerte die Erde erobern,

dann erst wird es sein »letztes Wort« der Menschheit sagen. Und dieses

letzte Wort heißt für Dostojewski: Versöhnung. Für ihn besteht das

russische Genie in der Fähigkeit, alles zu verstehen, alle Gegensätze

zu lösen. Der Russe ist der Allversteher und darum der Nachgiebige im

höchsten Sinn. Und sein Staat, der Zukunftsstaat, wird die Kirche sein,

die Form der brüderlichen Gemeinschaft, der Durchdringung statt der

Unterordnung. Und es klingt wie ein Prolog zu den Ereignissen dieses

Krieges (der in seinem Anbeginn so genährt war von seinen Ideen, wie in

seinem Ende von jenen Tolstois), wenn er sagt: »Wir werden die ersten

sein, die der Welt verkünden, daß wir nicht durch Unterdrückung der

Persönlichkeit und fremder Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen

wollen, sondern im Gegenteil letzteres nur in der freiesten und

selbständigsten Entwicklung aller Nationen und in der brüderlichen

Vereinigung suchen.« Lenin und Trotzky sind in dieser Verheißung,

gleichzeitig aber auch der Krieg, den er, der ewige Anwalt des Anspannens

aller Gegensätze, so leidenschaftlich gepriesen. Allversöhnung als

Ziel, aber Rußland als der einzige Weg -- »von Osten her wird die Erde

erschaffen«. Über die Berge des Ural wird das ewige Licht aufsteigen und

das schlichte Volk, nicht der wissende Geist, nicht die europäische

Kultur, mit seinen dunklen Geheimnissen der Erde verbundenen Kräften

unsere Welt erlösen. Statt der Macht wird die werktätige Liebe sein,

statt des Widerstreits der Persönlichkeiten das allmenschliche Gefühl,

der neue, der russische Christus wird die Allversöhnung bringen, die

Auflösung der Gegensätze. Und der Tiger wird neben dem Lamme weiden und

der Rehbock neben dem Löwen -- wie zittert Dostojewskis Stimme, wenn er

vom Dritten Reich spricht, vom Allrußland der Erde, wie bebt er selbst

in der Ekstase der Gläubigkeit, wie wunderbar ist er, der Wissendste

aller Wirklichkeiten, in seinem messianischen Traum.

Denn in das Wort Rußland, in die Idee Rußland hinein träumt Dostojewski

diesen Christustraum, die Idee der Versöhnung der Gegensätze, die er

in seinem Leben, in der Kunst und selbst in Gott durch sechzig Jahre

vergeblich gesucht. Aber dieses Rußland, welches ist es, das reale oder

das mystische, das politische oder das prophetische? Wie immer bei

Dostojewski: beides zugleich. Vergeblich, von einem Leidenschaftlichen

Logik zu verlangen und von einem Dogma seine Begründung. In den

messianischen Schriften Dostojewskis, den politischen, den literarischen

Werken, taumeln die Begriffe wie rasend durcheinander. Bald ist Rußland

Christus, bald Gott, bald das Reich Peters des Großen, bald das neue

Rom, die Vereinigung des Geistes und der Macht, Tiara und Kaiserkrone,

seine Hauptstadt bald Moskau, bald Konstantinopel, bald das neue

Jerusalem. Die demütigsten allmenschlichsten Ideale wechseln brüsk mit

machtgierigen slawophilen Eroberungsgelüsten, politische Horoskope von

verblüffender Treffsicherheit mit phantastischen apokalyptischen

Verheißungen. Bald jagt er den Begriff Rußland in die Enge der

politischen Stunde, bald schnellt er ihn in das Grenzenlose empor --

auch hier wie im Kunstwerk die gleiche zischende Mischung von Wasser und

Feuer, von Realismus und Phantastik offenbarend. Der Dämonische in ihm,

der rasende Übertreiber, in ein Maß gezwungen sonst in seinen Romanen,

hier lebt er sich aus in pythischen Krämpfen: mit der ganzen Inbrunst

seiner glühenden Leidenschaft predigt er Rußland als das Heil der Welt,

die alleinmachende Seligkeit. Nie ward eine Nationalidee hochmütiger,

genialer, werbender, verführender, berauschender, ekstatischer Europa

als Weltidee verkündet, wie die russische in den Büchern Dostojewskis.

Ein unorganischer Auswuchs der großen Gestalt scheint dieser Fanatiker

seiner Rasse zuerst, dieser mitleidlose ekstatische russische Mönch,

dieser hochmütige Pamphletist, dieser unwahrhaftige Bekenner. Aber

gerade er ist notwendig für die Einheit von Dostojewskis Persönlichkeit.

Wo immer wir bei Dostojewski ein Phänomen nicht verstehen, müssen wir

seine Notwendigkeit im Kontrast suchen. Vergessen wir nicht: Dostojewski

ist immer ein Ja und Nein, die Selbstvernichtung und Selbstüberhebung,

der zur Spitze getriebene Kontrast. Und dieser übertriebene Hochmut

ist nur das Widerspiel einer übertriebenen Demut, sein gesteigertes

Volksbewußtsein nur das polare Empfinden seines überreizten persönlichen

Nichtigkeitsempfindens. Er spaltet sich gleichsam selbst in zwei

Hälften: in Stolz und in Demut. Seine Persönlichkeit erniedrigt er: man

durchsuche die zwanzig Bände seines Werks nach einem einzigen Worte der

Eitelkeit, des Stolzes, der Überhebung! Nur Selbstverkleinerung findet

man darin, Ekel, Anklage, Erniedrigung. Und alles, was er an Stolz

besitzt, gießt er aus in die Rasse, in die Idee seines Volkes. Alles was

seiner isolierten Persönlichkeit gilt, vernichtet er, alles was dem

Unpersönlichen in ihm, dem Russen, dem Allmenschen gilt, erhebt er zur

Vergötterung. Aus dem Unglauben an Gott wird er Gottesprediger, aus dem

Unglauben an sich der Verkünder seiner Nation und der Menschheit. Auch

im Ideellen ist er der Märtyrer, der sich selbst an das Kreuz schlägt,

um die Idee zu erlösen.

Das ist sein großes Geheimnis: durch Gegensatz fruchtbar zu werden. Ihn

ausspannen ins Unendliche, damit er die ganze Welt umfasse, und dann die

ihm entspringende Kraft zur Zukunft wenden. Die andern Dichter schaffen

ihr Ideal gewöhnlich aus der Steigerung ihrer Persönlichkeit, indem sie

sich selbst nachbilden, gereinigt, verklärt, verbessert, erhoben, indem

sie den zukünftigen Menschen gewissermaßen als den geläuterten Typus

ihrer selbst betrachten. Dostojewski, der Gegensatzmensch, der

schöpferische Dualist, bildet sein Ideal, seinen Gott, durch die

Antithese zu sich selbst: er erniedrigt sich, den Lebendigen, zum

Negativ. Er will nur der Ton, der Lehm sein, aus dem die neue Form

gegossen wird, seinem Links entspricht ein Rechts im zukünftigen Bilde,

seiner Tiefe eine Erhebung, seinem Zweifel eine Gläubigkeit, seinem

Zwiespalt eine Einheit. »Möge ich selbst untergehen, wenn nur die andern

glücklich sind« -- das Wort seines Staretz verwandelt er in Geist. Er

vernichtet sich, um in dem zukünftigen Menschen aufzuerstehen.

Das Ideal Dostojewskis ist darum: Zu sein, wie er nicht ist. Zu fühlen,

wie er nicht fühlt. Zu denken, wie er nicht denkt. Zu leben, wie er

nicht lebt. Bis in das Kleinste, Zug um Zug, ist der neue Mensch seiner

individuellen Form entgegengesetzt, aus jedem Schatten seines eigenen

Wesens ein Licht gebildet, aus jedem Dunkel ein Glanz. Aus dem Nein

zu sich selbst schafft er das Ja, das leidenschaftliche zur neuen

Menschheit. Bis ins Körperliche hinein setzt sich diese beispiellose

moralische Verurteilung seines Selbst zugunsten des zukünftigen Wesens

fort, die Vernichtung des Ichmenschen um des Allmenschen willen. Man

nehme sein Bild, seine Photographie, seine Totenmaske und lege sie

neben die Bilder jener Menschen, in denen er sein Ideal geformt: neben

Aljoscha Karamasoff, neben den Staretz Sossima, den Fürsten Myschkin,

diese drei Skizzen zum russischen Christus, zum Heiland, die er

entworfen. Und bis ins Kleinste wird hier jede Linie Gegensatz sagen

und Kontrast zu ihm selbst. Dostojewskis Gesicht ist düster, erfüllt

von Geheimnissen und Dunkelheit, jener Antlitz ist heiter und von

friedlicher Offenheit, seine Stimme heiser und abrupt, die jener

Menschen sanft und leise. Sein Haar ist wirr und dunkel, seine Augen

tief und unruhig -- jener Antlitz ist hell und umrahmt von sanften

Strähnen, ihr Auge glänzt ohne Unruhe und Angst. Ausdrücklich sagt er

von ihnen, daß sie geradeaus schauen und ihr Blick das süße Lächeln

von Kindern hat. Seine Lippen sind schmal umkräuselt von den raschen

Falten des Hohnes und der Leidenschaft, sie verstehen nicht zu lachen

-- Aljoscha, Sossima haben das freie Lächeln des selbstsichern Menschen

über den weißen Zähnen blinken. Zug um Zug setzt er so sein eigenes Bild

als Negativ gegen die neue Form. Sein Antlitz ist das eines gebundenen

Menschen, des Knechtes aller Leidenschaften, bebürdet von Gedanken --

das ihre drückt die innere Freiheit aus, die Hemmungslosigkeit, die

Schwebe. Er ist Zerrissenheit, Dualismus, sie die Harmonie, die Einheit.

Er der Ichmensch, der in sich Eingekerkerte, sie der Allmensch, der von

allen Enden seines Wesens in Gott überströmt.

Diese Schaffung eines moralischen Ideals aus Selbstvernichtung -- nie

war sie vollkommener in allen Sphären des Geistigen und des Sittlichen.

Aus Selbstverurteilung, gleichsam, indem er sich die Adern seines

Wesens aufschneidet, mit dem eigenen Blute malt er das Bild des

zukünftigen Menschen. Er war noch der Leidenschaftliche, der Krampfige,

der Mensch der kurzen tigerhaften Ansprünge, seine Begeisterung eine

aus der Explosion der Sinne oder der Nerven aufschießende Stichflamme

-- jene sind die sanft, aber stetig bewegte, keusche Glut. Sie haben

die stille Beharrlichkeit, die weiter reicht als die wilden Sprünge

der Ekstase, sie haben die echte Demut, die nicht die Lächerlichkeit

fürchtet, sie sind nicht wie er die ewig Erniedrigten und Beleidigten,

die Gehemmten und Verkrümmten. Mit jedem können sie sprechen, und jeder

fühlt Beruhigung an ihrer Gegenwart -- sie haben nicht die ewige

Hysterie der Angst, zu kränken oder gekränkt zu werden, sie blicken

nicht bei jedem Schritt fragend um sich. Gott quält sie nicht mehr, er

befriedet sie. Sie wissen um alles, aber eben weil sie alles wissen,

verstehen sie auch alles, sie richten nicht und sie verurteilen nicht,

sie grübeln nicht nach den Dingen, sondern glauben sie dankbar.

Seltsam: er, der ewig Beunruhigte, sieht in dem gelassenen, geklärten

Menschen die höchste Form des Lebens, der Zwiespältige postuliert als

letztes Ideal die Einheit, der Empörer die Unterwerfung. Seine

Gottesqual ist in ihnen Gotteslust geworden, seine Zweifel Gewißheit,

seine Hysterie Gesundung, sein Leid ein allumfassendes Glück. Das

Letzte und Schönste der Existenz ist für ihn, was er selbst, der

Bewußte und Überbewußte, nie gekannt und was er darum für den Menschen

als das Erhabenste ersehnt: Naivität, Kindlichkeit des Herzens, die

sanfte, die selbstverständliche Heiterkeit.

Sehet seine liebsten Menschen, wie sie schreiten: ein sanftes Lächeln

ist auf ihren Lippen, um alles wissen sie und haben doch keinen Stolz,

sie leben im Geheimnis des Lebens nicht wie in einer feurigen Schlucht,

sondern schlagen es blau wie einen Himmel um sich. Sie haben die

Urfeinde der Existenz, sie haben »Schmerz und Angst besiegt« und sind

darum gottselig geworden in der unendlichen Brüderschaft der Dinge. Sie

sind erlöst von ihrem Ich. Höchstes Glück der Erdenkinder ist die

Unpersönlichkeit -- so verwandelt der höchste Individualist die

Weisheit Goethes in einen neuen Glauben.

Kein Beispiel kennt die Geschichte des Geistes einer ähnlichen

moralischen Selbstvernichtung innerhalb eines Menschen, ähnlich

fruchtbarer Erschaffung des Ideals aus dem Kontrast. Märtyrer seiner

selbst, hat Dostojewski sich ans Kreuz geschlagen: sein Wissen, daß

es den Glauben bezeuge, seinen Körper, daß er durch Kunst den neuen

Menschen zeuge, seine Eigenheit um der Allheit willen. Er will seinen

eigenen Untergang als Typus, damit eine glücklichere bessere Menschheit

entstehe: alles Leiden nimmt er auf sich um das Glück der andern willen.

Und der sich sechzig Jahre gespannt zur schmerzhaftesten Weite seines

Gegensatzes, zerwühlt zu allen Tiefen seines Wesens, damit er Gott und

damit den Sinn des Lebens finde -- er wirft die gehäufte Erkenntnis weg

für eine neue Menschheit, der er sein tiefstes Geheimnis sagt, die

letzte Formel, seine unvergeßlichste: »Das Leben mehr lieben als den

Sinn des Lebens.«

Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski · 第 15 / 22 题