in ihren Gedanken mit ihm beschäftigte, konnte sich gleichfalls nicht
entschließen, von ihm zu sprechen. Aber dennoch war es ihr schrecklich,
daß sein Name nicht genannt wurde, und sie hatte schon einigemal einen
Ansatz genommen, die Eltern um Verzeihung zu bitten und ihnen ihr
Schuldgefühl einzugehen. Das war aber doch schwerer, als sie es sich
gedacht hatte; es wollte sich auch keine rechte Gelegenheit finden, davon
anzufangen, immer wieder kamen sie auf andere Dinge zu sprechen, immer
wieder wurde ihr Entschluß zurückgedrängt. So vergingen die Stunden, und
als sie sich am Abend von den Eltern trennte, da war ihr Geständnis noch
nicht vom Herzen herunter. Darüber niedergeschlagen und verstimmt, suchte
sie ihr Zimmer auf.
Auch hier war alles unverändert. Eine behagliche Wärme strömte ihr
entgegen, auf dem Schreibtisch stand ihre Lampe mit dem Schirm darüber,
der ein Geschenk von Nellie war. Die gepreßten Blumen und Blätter
leuchteten hinter dem durchsichtigen Papier in fein gestimmten Farben und
reizenden Formen. Einen Augenblick betrachtete Ilse sinnend das kleine
Kunstwerk, dann schweifte ein Blick zu einem Bilde hin, das von dem hellen
Licht scharf beleuchtet wurde. Fast betroffen fuhr sie zurück, als stände
nicht Leos Bild, sondern er selbst dort. Sie nahm es in beide Hände, und
die Tränen schossen ihr in die Augen. Keck und übermütig schaute das
schöne männliche Gesicht sie an, dessen kräftig vorspringende Nase und das
feste Kinn auf einen ernsten, edlen Charakter wiesen.
Lange stand Ilse in den Anblick des Bildes versunken; es war ihr, als
fühle sie nun erst die Tiefe ihrer Liebe zu Leo, heiße Sehnsucht ergriff
sie, ihm zu sagen, wie sie jetzt dachte und fühlte. Die Trennung von ihm,
die sie so lange ertragen hatte, wurde ihr mit einem Male unerträglich. Ob
er wohl zu ihr eilen würde, wenn er ahnte, daß sie zurückgekehrt sei! Sie
nahm sich fest vor, am andern Morgen mit den Eltern zu sprechen und ihm
dann zu schreiben und ihn um Verzeihung zu bitten. Bebend dachte sie, ob
er dann wohl zu ihr kommen würde?
Ihre Aufregung ließ sie nicht zur Ruhe kommen, und sie dachte deshalb auch
nicht daran zu Bett zu gehen. Gedankenvoll ließ sie ihre Blicke durch das
Zimmer schweifen. Wie viel Freude hatte ihr die reizende Einrichtung
bereitet, mit der die lieben Eltern sie überraschten, als sie aus der
Pension zurückkehrte. Wie glücklich hatte sie das traute Heiligtum
gemacht, welches sie stets bestrebt war, immer noch mehr auszuschmücken.
Den Blumentisch am Fenster, ein wahres Kunstwerk aus Schmiedeisen, hatte
ihr Leo geschenkt. Mit herrlichen Blumen und Pflanzen gefüllt, stand er
eines Morgens in ihrem Zimmer.
Auch der Bücherschrank war ein Geschenk von ihm. Die goldglänzenden
Bücherrücken erinnerten sie lebhaft an vergangene Zeiten. Wie manches Werk
ihrer Lieblingsdichter hatten sie zusammen gelesen, im Sommer unter der
schattigen Linde, im Winter in Frau Annes molligem Boudoir. Sie hörte im
Geiste den Wohlklang seines Organs, sie sah sein lebhaftes Mienenspiel
beim Vorlesen. Und wenn sie ihn mit einer Frage unterbrach, wie klar und
scharf war seine Antwort.
Die schönen Zeiten, sie sind vorbei und tauchen nun in Ilses Erinnerung
auf, als gehörten sie einer fernen, fernen Vergangenheit an. Hier auf
diesem Platze, an dem zierlichen Schreibtisch, welcher nach Mädchenart mit
allen möglichen Nippsachen überfüllt war, die zum Teil noch den kindlichen
Geschmack des Backfischalters verrieten, hatte sie manchen Brief an Leo
geschrieben, und in der Schublade rechts – den Schlüssel dazu trug sie
stets bei sich – lagen seine Briefe.
Mechanisch griff sie jetzt nach dem Schlüssel, zögernd steckte sie ihn ins
Schloß und zog den Kasten auf. Da lagen die Briefe, wohlgeordnet, wie sie
dieselben erhalten hatte. Sie nahm den obersten heraus, eine trockene Rose
fiel ihr entgegen, – es war sein letzter Brief gewesen. Sie entfaltete
ihn, und der Anblick der geliebten, so lange entbehrten Handschrift
stimmte sie unendlich weich. Sie begann zu lesen, Seite für Seite, und als
sie damit fertig war, nahm sie einen zweiten Brief heraus, dann wieder
einen, immer mehr, immer tiefer versenkte sie sich in die teuren
Schriftzüge.
Einmal mußte sie laut lachen über eine witzige Schilderung, und dann
wieder erglänzte ein seliger Ausdruck in ihren Augen. Die zärtlichen
Liebesworte, welche sie jetzt las, war sie derselben auch wert? Hatte sie
nicht um einer Nichtigkeit willen an der Liebe eines edlen, treuen Mannes
gezweifelt und das Vertrauen zu ihm verloren? O, es war entsetzlich, sich
nun mit solchen Vorwürfen quälen zu müssen, die ihr keine Ruhe ließen.
Warum hatte sie ihr Unrecht nicht gleich empfunden, warum ihm erst noch
solchen Schmerz bereiten müssen? Geschah ihr nicht recht, wenn er sie
jetzt nicht mehr liebte, wenn er ihr nicht verzieh?
Erregt sprang Ilse auf. Die nächtliche Stille wurde ihr auf einmal
unheimlich, so allein, so verlassen zu sein mit dem mahnenden Gewissen,
das ihr ihre Schuld immer wieder unbarmherzig vorhielt, war unerträglich.
Wenn sie Leo jetzt schriebe? Sie ergriff diese Idee wie eine Rettung und
gab sich sofort daran. Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, und
die Feder zitterte in ihrer Hand. Schließlich zerriß sie den angefangenen
Brief.
Wenn nur erst die Nacht vorbei wäre! Was sollte sie nur beginnen bis zum
Morgen? Jetzt war es erst wenig über zwölf Uhr, sie mußte also noch lange
warten, bis der heiß ersehnte Tag erschien. Sie nahm ein Buch und fing an
zu lesen, aber die Buchstaben flimmerten ihr vor den Augen, und sie hatte
im nächsten Augenblick das Gelesene schon wieder vergessen. Gab es denn
kein Mittel, ihren unruhigen Geist zu beschwichtigen, ihren Gedankenlauf
zu hemmen? Nochmals nahm sie zur Feder ihre Zuflucht und schrieb an
Nellie, der sie alles erzählte, was sie in diesen stillen Stunden dachte
und empfand. Das erleichterte ihr stürmisch pochendes Herz, und als sie
mit Schreiben aufhörte, war sie ruhig geworden, eine wohltuende Müdigkeit
Überkam sie endlich. Sie begab sich zur Ruhe und bald umgaukelten sie
rosige Träume.
Erquickt wachte sie am andern Morgen auf, und die Ungeduld ließ sie keine
Minute länger im Bett. Draußen lag noch graue Dämmerung, als Ilse, nachdem
sie sich angekleidet hatte, die Gardinen zurückzog und in den beschneiten
Garten hinunterschaute, der sich bis zu dem unmittelbar daran stoßenden
Walde hinzog und nur durch eine eiserne Pforte von diesem getrennt war. So
still und friedlich lag die Natur in ihrem Winterschlaf da, so verzaubert
und schweigsam, nichts erinnerte mehr an die Zeit, als sie üppiges Leben
war, die grünen Wipfel geheimnisvoll rauschten, Blumen und Blüten ihre
Düfte aushauchten und melodische Vogelstimmen diese Herrlichkeit jubelnd
besangen. Da war es schön im Walde gewesen, und ein junges, glückliches
Menschenpaar war oft mit Büchern und Hängematte nach dem verborgensten,
lauschigsten Fleckchen hinausgewandert, wo sich unter ihren Füßen ein
samtweicher Moosteppich ausbreitete und die leise schaukelnden Zweige der
alten Buchen ihnen Kühlung zufächelten. Dort befestigte der junge Mann die
Hängematte, und wenn seine Begleiterin es sich darin bequem gemacht hatte,
dann legte er sich in das schwellende Moos, und den beiden verflogen unter
Plaudern und Lesen die Stunden wie Minuten. Niemand störte sie in der
Einsamkeit, die breiten Äste über ihnen spendeten herrlichen Schatten, und
das Auge erlabte sich an dem köstlichen Grün.
Versunken in diese Erinnerung starrte Ilse hinaus, bis der Anblick des
hohen Schnees, der jetzt auf den Zweigen lastete, sie in die Wirklichkeit
zurückführte. Es kam ihr vor, als wäre es eine andre gewesen, welche dort
mit Leo so glücklich war, als hätte sie selbst dies nie erlebt. Ob solche
Erinnerungen wohl auch an seinem Geist vorüberzogen, oder ob er die
Vergangenheit aus seinem Gedächtnis verbannt hatte? Jeder Platz, jeder
Baum hier mahnte sie an die frohen Stunden, die sie mit ihm verlebt hatte.
Bei dem Gedanken, daß eine solche Zeit vielleicht niemals wiederkäme, daß
sie fortan nur von diesen Erinnerungen zehren müßte, fühlte sie ihr Blut
in den Adern erstarren.
Sie trat vom Fenster zurück und ging rastlos im Zimmer auf und ab. Diese
Angst, diese Zweifel konnte sie nicht länger ertragen und sie beschloß
deshalb, heute morgen sofort mit den Eltern zu sprechen. War das nicht
ihre Pflicht und würden sie, welche ihr nur Liebe und Güte
entgegenbrachten, ihr nicht ratend und helfend zur Seite stehen?
Klopfenden Herzens verließ sie ihr Zimmer. Als sie an der Kinderstube
vorbeikam, hörte sie das Brüderchen laut jauchzen. Der Kleine lag noch im
Bettchen, als sie hereinkam, und strampelte mit den dicken Beinchen in der
Luft. Sie küßte und liebkoste das Kind; wie lange hatte sie mit dem lieben
Schelm nicht mehr gespielt! Jetzt verstand er es schon, wenn sie mit ihm
scherzte, und sein herzliches Lachen versetzte sie in Entzücken. Als Frau
Anne hereintrat, war sie nicht wenig erstaunt, Ilse schon vollständig
angekleidet zu finden.
„Du bist schon auf, Ilse?“ fragte sie verwundert, mit einem herzlichen
Kuß. „Eben schlich ich auf den Fußspitzen nach deinem Schlafzimmer, um zu
horchen, und da alles mäuschenstill war, dachte ich, du lägst noch im
tiefsten Schlummer und wollte dich nicht stören.“
Ilse umarmte sie stürmisch.
„Wie reizend und drollig ist das Kind geworden,“ rief sie begeistert und
einer plötzlichen Eingebung folgend fügte sie hinzu: „Ach, liebste Mama,
wie glücklich macht es mich, daß ich wieder bei euch bin!“
[Illustration]
Frau Anne strich ihr zärtlich über das Haar, und in ihren Augen funkelte
es froh und siegesgewiß. Sie zog Ilses Arm durch den ihrigen.
„Nun komm! Papa wird sich freuen, daß du schon auf bist, er wartet mit
großer Ungeduld auf dich.“
Bald saßen die drei am gemütlichen Kaffeetisch. Herr Macket verwandte kein
Auge von seinem Liebling, der nun wieder leibhaftig vor ihm saß, den er so
sehr entbehrt und oft herbeigesehnt hatte. Ihn erfüllte ganz der eine
Gedanke: sie ist wieder da! Deshalb machte er sich auch keine Sorgen, was
nun weiter werden und wie das Verhältnis zu Leo sich gestalten würde. In
seiner unbefangenen Freude merkte er denn auch nicht, daß sich in Ilses
ganzem Wesen eine gewisse Aufgeregtheit zeigte, und daß ihre Augen einen
ängstlich fragenden Ausdruck hatten.
Frau Anne aber beobachtete desto schärfer, ihr entging von alledem nichts,
und sie bemerkte auch, daß ihr Töchterchen jetzt einen harten Kampf in
seinem Innern zu bestehen hatte. Sie war deshalb so zuvorkommend und
liebevoll wie nur möglich, um ihr den so schweren Anfang zu erleichtern.
Ilse aß und trank mit großer Hast zur lebhaften Freude des arglosen
Vaters, dem ihr anscheinend so gesunder Appetit sehr gefiel. Eigenhändig
belegte er die Brötchen, und lächelnd sah ihm Frau Anne zu, – sie wußte
genau, warum das Kind so eifrig dem Essen zusprach.
Schon einige Male hatte Ilse die Lippen zum Reden geöffnet, und doch
konnte sie sich immer noch nicht dazu entschließen. Krampfhaft drehte sie
kleine Brotkügelchen zwischen ihren Fingern, – mein Gott, war es denn so
schwer, das auszusprechen, was ihr doch wie Feuer auf der Seele brannte?
Herr Macket war inzwischen aufgestanden und hatte sich in aller
Gemütlichkeit eine Zigarre angesteckt, nun trat er zu ihr und legte
zärtlich den Arm um ihren Nacken.
„Kind,“ sagte er so recht aus tiefstem Herzensgrunde froh, „es ist gut,
daß du wieder da bist.“ Und als sie aufblickend in die teuren Vateraugen
sah, da sprang sie empor und fiel ihm um den Hals.
„Liebe, einzige Eltern,“ dabei reichte sie Frau Anne die Hand, „verzeiht
mir, seid nicht mehr böse, ich will ja alles wieder gut machen. Ich habe
kindisch gehandelt, als ich davonlief, ich weiß es wohl, er hatte ja
recht, ich bin im Unrecht, ach wüßte ich doch, ob er mich noch liebt, ob
er mir verzeiht!“
Sie hatte in fliegender Hast gesprochen, nun hielt sie mit einem riefen
Atemzug inne, und es war, als wäre eine Zentnerlast von ihrem Herzen
genommen. Herr Macket war bei den Selbstanklagen seines Lieblings ganz
ängstlich geworden; er hatte sie einigemale unterbrechen wollen mit dem
Ausruf: „Aber Kind, liebes Kind, wir sind dir doch nicht böse, sage doch
so etwas nicht.“ Fast erschrocken blickte er sie an. Frau Anne aber zog
sie gerührt an ihre Brust und streichelte ihre heißen Wangen. Tränenfeucht
glänzten ihre Augen, und mit einem triumphierenden Ausdruck sah sie ihren
Mann an, denn dieser hatte es immer bestritten, wenn sie behauptete, daß
Ilse eines Tages zum Bewußtsein kommen und zu ihrem Bräutigam zurückkehren
würde.
„Nein, das wird sie nicht tun, ich kenne das Mädchen,“ hatte er dann
geantwortet, „sie ist viel zu stolz dazu.“
Frau Anne schwieg dann lächelnd, sie wußte ja viel besser, daß die Liebe
über den Stolz siegen würde. Und sie hatte recht gehabt, sie hatte die
Seele der jungen, trotzigen Braut besser durchschaut, als der in blinder
Liebe befangene Vater. Jetzt, als sie Ilse fest in ihren Armen hielt und
das heftig pochende Herz fühlte, war sie sicher, daß sie diesmal für immer
geheilt und bekehrt zurückgekommen war, daß der Kampf, den Ilse in den
letzten Monaten überstanden, in ihr die ernste Liebe des Weibes gereift
hatte.
Nun war das Eis gebrochen, mit einem Male wurde es Ilse so leicht, von
Leo, von ihrer Flucht zu reden, traf sie doch nicht der geringste Tadel
von seiten der Eltern; im Gegenteil, wenn sie sich ausschalt und Vorwürfe
machte, dann beruhigte die Mama, tröstete mit den zärtlichsten Worten der
Papa. Alles, alles beichtete sie, nur den Streit mit Leo ließ sie
unberührt und beteuerte nur immer wieder, daß sie im Unrecht sei, und daß
sie ganz wie ein unvernünftiges Kind gehandelt habe.
Frau Anne hörte ihr voller Befriedigung zu, und in ihrem Innern dankte sie
Nellie inbrünstig, indem sie deren gutem Einfluß den größten Teil dieser
Umwandlung zuschrieb. Noch an demselben Tage gab sie diesen Gefühlen in
einem langen Dankesbriefe an die junge Frau Ausdruck.
Herr Mackets Groll gegen Leo, den er bis jetzt nicht hatte überwinden
können, schwand immer mehr, und er mußte nun doch einsehen, daß nur die
Widerspenstigkeit seines Töchterchens an diesem Zerwürfnis schuld war.
„Und nun will ich gleich an Leo schreiben,“ sagte Ilse, sich erhebend,
„und ihn bitten, daß er morgen kommt, daß wir ein vergnügtes
Weihnachtsfest zusammen feiern können.“
Aber schon nach kurzer Zeit kehrte sie unverrichteter Sache zurück.
„Ich kann nicht schreiben, Mama,“ klagte sie, „es ist mir nicht möglich.
Was ich ihm zu sagen habe, das muß mündlich geschehen. Was soll ich denn
nur tun, ich weiß es ja nicht; ach Gott, so rate mir doch, liebste Mama.“
Frau Anne schwieg und tat, als überhörte sie die Frage; das Kind sollte
von selbst den richtigen Weg einschlagen.
Sinnend und etwas ungeduldig blickte Ilse vor sich hin.
„Mama,“ begann sie wieder, „wissen denn Leos Eltern, was zwischen uns
vorgefallen ist?“ Sie seufzte bei dieser Frage, denn der Gedanke, daß sie
auch ihnen eine Aufklärung geben müßte, war ihr höchst peinlich.
„Beruhige dich, Ilse,“ tröstete sie Frau Anne, „Gontraus wissen nichts.
Leo hat ihnen keinesfalls etwas verraten, und ich habe – oft allerdings
durch recht diplomatische Künste – mich bemüht, alles zu verheimlichen. Da
sie ganz ahnungslos sind, so werden sie auch nichts bemerkt haben. Wegen
deiner angeblichen Schreibfaulheit mußt du dich aber gründlich bei ihnen
entschuldigen, denn sie klagten öfters darüber, daß sie noch gar keinen
Brief von dir hätten. Ich habe dein Schweigen, so gut es ging,
beschönigt.“
„Du liebe, einzig gute Mama!“ unterbrach sie hier Ilse, der bei diesen
Worten ein Stein vom Herzen fiel, indem sie Frau Anne mit beiden Armen
umschlang, „ich verdiene deine Güte ja gar nicht. Warum muß denn auch
gerade ich einen so unglückseligen Charakter besitzen? Wie schwer habe ich
schon darunter leiden müssen, wie viele bittere Stunden habe ich andern
dadurch bereitet! Siehst du ich bin wütend auf mich, ich weiß genau, was
für ein stöckisches Wesen ich bin, und darum wird mich Leo auch nicht mehr
lieb haben, ganz gewiß nicht.“
Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch stürzten ihr die hellen Tränen aus
den Augen.
„Ilse,“ sagte Frau Anne sanft aber bestimmt, „ich dachte, du wärest ein
vernünftiges Kind geworden, und nun kommt doch wieder das tolle Köpfchen
zum Vorschein.“
„Ach, Mama, kein Mensch weiß, welche Vorwürfe mich gequält haben, und wie
ich bereue, was ich getan. Leo glaubt das gewiß nicht, und wenn ich es ihm
auch sage, wird er sich nicht überzeugen lassen.“
„Ilse, Ilse,“ erwiderte Frau Anne kopfschüttelnd, „so darfst du nicht
sprechen. Ich weiß, wie tief Leo unter den jetzigen Verhältnissen leidet.
Wenn er dich nicht wahrhaft liebte, würde er gleichgültiger sein.“
„Hat er mit dir über mich gesprochen, hat er dir alles erzählt?“ fragte
Ilse dringlich. „Hat er sich über mich beklagt?“
„Er hat mir nicht mehr gesagt, als unumgänglich notwendig war, und nicht
das kleinste Wort des Tadels oder der Klage ist über seine Lippen
gekommen. Ilse, kennst du ihn denn so wenig, daß du so etwas von ihm zu
glauben vermagst?“
Das junge Mädchen senkte beschämt das Haupt. Nein, sie hatte eine bessere
Meinung von ihm und wußte selbst nicht, warum sie so sprach.
„Ich habe den guten Gontraus auf ihren letzten Brief noch nicht
geantwortet,“ fuhr Frau Macket fort, „sie fragten darin an, ob du zu
Weihnachten bestimmt zurückkämst, dann würden wir doch das Fest natürlich
zusammen feiern. Ich war etwas in Verlegenheit, was ich darauf erwidern
sollte, und habe deshalb bis jetzt geschwiegen, heute muß ich ihnen aber
schreiben, Ilse, – was soll ich ihnen für eine Antwort geben?“
„Mama,“ sagte Ilse plötzlich, nachdem sie eine Weile gedankenvoll vor sich
hingeblickt hatte, „ich habe eine Idee; ja, so geht es – so muß es gehen.
Ich schreibe an Leos Eltern, daß ich morgen früh mit euch käme, aber sie
sollten ihm davon nichts sagen, weil ich ihn überraschen wollte.“
Gott sei Dank, nun war ein Ausweg gefunden! Ihre Augen leuchteten vor
Freude über den glücklichen Einfall, und sie war Feuer und Flamme.
„Herzensmama, so wird es gemacht, nicht wahr?“ schmeichelte sie, „und dann
fahren wir morgen gleich nach Tisch alle hierher zurück, und es wird hier
beschert. Ich will sofort schreiben.“
Dem Papa brauchte sie ihren Plan gar nicht erst mitzuteilen, er war doch
mit allem einverstanden, was sein Liebling tat. Der Brief wurde denn auch
sofort geschrieben und unverzüglich nach dem Bahnhof gebracht, damit er
noch heute an seine Adresse gelangte.
Ilse war wie umgewandelt, die Ungeduld jagte sie rastlos von einem Ort zum
andern. Es gab ja auch noch so viel zu tun für den folgenden Tag, und mit
einem wahren Feuereifer stürzte sie sich in die Arbeit.
Im großen Gartensaale stand die mächtige Tanne, welche sie schmücken
sollte. Die breiten Äste waren schon dicht mit Watte belegt, auch Gold-
und Silberfäden waren darüber gezogen. Herr Macket, der keinen Augenblick
von Ilses Seite wich, war dabei, die Wachslichter zu befestigen. Wie
heller Freudenschein lag es über seinem Gesicht, als er sie so froh und
geschäftig sah, und verstohlen blickte er sie immer an. Das war wieder
seine alte Ilse, sein lieber, ausgelassener Wildfang, welchem Übermut und
Frohsinn aus den Augen blitzten.
Ilse hatte nicht genug an dem duftenden Grün des Tannenbaumes, den ganzen
Saal wollte sie mit Tannenzweigen und Blattpflanzen geschmückt haben; die
letzteren mußte ihr der Gärtner aus dem Gewächshaus bringen. Die Ecken
sollten Lauben bilden, während an den Wänden Guirlanden aus Tannenzweigen
befestigt wurden.
Als sie endlich fertig war, betrachtete sie ihr Werk mit prüfenden Augen
und ordnete noch hier und da etwas an; es war ihr immer noch nicht schön
genug, schmückte sie doch den Raum so festlich für ihn! Das beseligte sie,
und ihr Herz klopfte stürmisch bei dem Gedanken, daß sie morgen mit ihm an
dieser Stelle stehen würde, und daß dann alle Zweifel und Qualen ein Ende
haben sollten. Wie sehnte sie sich nach voller, reiner Harmonie, wie
lange, lange hatte sie diese entbehren müssen!
Der weihnachtliche Schmuck des Saales war vollendet und das ganze Haus
erfüllt von dem feinen, harzigen Geruch der Tannennadeln, hatte doch Herr
Macket in seiner Herzensfreude noch mehrere Bäume bringen und in dem
Treppenhaus aufstellen lassen. „Es soll recht weihnachtlich sein,“ sagte
er, und war dabei so heiterer Laune, wie ihn seine Frau lange nicht
gesehen hatte.
Ilse schlief diese Nacht wenig, sie war zu aufgeregt dazu. Pünktlich um
acht Uhr stand am andern Morgen der Schlitten vor der Türe, und ungeduldig
stampften die Braunen den Boden. Frau Anne erklärte, zu Hause bleiben zu
wollen, da es, wie sie sagte, noch viel zu tun und anzuordnen gab. Ilse
hätte freilich sehr gern gehabt, wenn sie mitgefahren wäre, denn an dem
ruhigen, sicheren Wesen der Mama würde ihr erregtes Herz einen festen
Rückhalt gehabt haben. Wer sollte ihr Mut machen, wenn sie wieder zaghaft
würde! Aber – war denn das nötig, mußte sie zu dem Schritt erst ermutigt
werden, den sie doch mit freudigem Herzen tat? Nein, nein!
Energisch drängte sie jeden solchen Gedanken zurück, und mit klaren,
strahlenden Augen nickte sie Frau Anne zu, welche in der Pforte stehen
geblieben war, um dem Schlitten nachzusehen. Wie lieb und gut hatte sie
Ilse zum Abschied in die Arme geschlossen! Die zärtlichen Worte: „Nun sei
mein verständiges Mädchen und zage nicht,“ welche sie ihr dabei
zuflüsterte, klangen ihr noch immer in den Ohren nach. Frisch und rosig
saß sie an der Seite ihres Vaters, der alle Augenblicke fragte, ob sie es
auch nicht fröre, und immer wieder die Decke, welche er über sie gebreitet
hatte, fester und höher hinaufzog.
Sie wehrte ihm lachend. „Aber Papachen, mir ist ja so warm, mich friert
gar nicht; bald kann ich mich nicht mehr rühren, so fest hast du mich
eingewickelt.“
Unter Herrn Mackets sicherer Leitung flog das leichte Gefährt mit
Windeseile über die glatte Bahn, daß der Schnee links und rechts zur Seite
stob. Dazu klang das lustige Schellengeläute so hell und silberrein, daß
es sich wie liebliche Musik anhörte.
Ilse lehnte sich weit zurück und schloß die Augen. Klingling, klingling,
schallte es immerfort in ihren Ohren, und nun schien der helle
Glockenklang auf einmal eine dunklere Färbung anzunehmen, langsam und
gemessen in gleichmäßigen Schwingungen zu ertönen. Was war denn das? Klang
nicht so die Glocke von dem heimatlichen Kirchturm? Sie sah ihn im Geiste
vor sich, das winterliche Kleid war abgestreift und statt dessen umwob ihn
lichtes Frühlingsgrün. In den Wipfeln der alten Linden, welche vor der
Kirche standen, sangen die Vögel, und Blumenduft strömte durch die
geöffneten Fenster hinein. Drinnen tönte die Orgel und begleitete die
hellen Stimmen der Dorfkinder. Alles war so feierlich, und da sah sie sich
selbst im langen weißen Gewande an der Seite ihres Leo zur Türe
hereinkommen. Um den festlich geschmückten Altar standen die Eltern,
Verwandten und Freunde, und der alte Pfarrer harrte ihrer. –
Erschreckt fuhr sie auf. Welche Bilder malte ihre Phantasie da vor ihren
Augen aus? Und doch kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem
rosigen Zukunftsbilde.
„Bist wohl müde, Kind,“ fragte Herr Macket, weil sie so lang stumm und mit
geschlossenen Augen neben ihm gesessen hatte. „Ja, die Fahrt ist lang und
angreifend, sie wird dir doch nicht zu viel werden, Mädel?“
Sorgsam prüfend schaute er ihr ins Gesicht.
„O nein, Papachen, nicht im geringsten, ich bin gar nicht müde, sondern
überlegte mir nur etwas und schloß deshalb die Augen.“ Sie mochte ihm
nicht eingestehen, daß sie wachend geträumt hatte.
Nachdem sie in einem Dorfe ausgespannt und eine Weile gerastet hatten,
ging die Fahrt weiter.
„In einer guten Stunde sind wir da, die Pferde sind flott gelaufen,“ sagte
Herr Macket und blickte mit Stolz auf seine beiden Braunen.
Ilse klopfte das Herz hörbar, und ihre von der kalten Winterluft geröteten
Wangen färbten sich noch tiefer. Und mochte ihr auch vor dem Augenblick
des Wiedersehens bangen, so erfaßte sie dennoch eine unsagbare Ungeduld
bei dem Gedanken, daß sie nur noch eine kurze Spanne Zeit, nur noch
Minuten von ihm trennten.