Die weiten Schneeflächen kamen ihr endlos vor, und sie hätte sich Flügel

wünschen mögen, um schneller in seine Arme zu eilen. Während sie bis jetzt

ihren Träumen nachgehangen hatte, wurde sie auf einmal lebhaft und

gesprächig, scherzte und neckte sich mit ihrem Vater, daß oft sein

herzliches Lachen durch die winterliche Ruhe schallte, und seine blauen

Augen unter den buschigen Brauen vor Freude und Lust strahlten.

So verflog ihr die Zeit rascher, und sie konnte die innere Unruhe besser

bemeistern. Endlich sah sie ganz in der Ferne, noch undeutlich und kaum zu

erkennen, die Kirchturmspitze von L. Wie ein freudiger Schreck durchfuhr

es ihre Glieder.

„Papa, sieh nur dort, gleich sind wir da!“ rief sie, indem sie ihn am Arm

faßte und mit dem Finger auf den fernen Kirchturm zeigte.

Er kniff die Augen zusammen und blickte nach der angegebenen Richtung,

dann legte er die Hand über die Augen und beugte den Kopf nach vorn.

„Ich sehe noch nichts,“ sagte er schließlich.

„Aber Papa, dort, siehst du denn nicht?“ Sie war aufgestanden und starrte

entzückt in die Ferne, als hätte sich ein Wunder vor ihren Blicken

aufgetan.

Er schüttelte den Kopf.

„Ich sehe nichts, Ilse, du hast eben wahre Falkenaugen. Krischan,“ wandte

er sich an den hinter ihnen sitzenden Kutscher, „siehst du den Turm von L.

schon?“

„Nee, Herr, ich sehe nischt, das Freilein sieht wohl mit die Ogen der

Liebe.“

Über diesen Witz grinste er mit dem ganzen breiten Gesicht, während die

beiden im Schlitten in ein helles Gelächter ausbrachen.

Weiter und weiter sauste der Schlitten, und die eben noch in der Ferne

verschwommenen Gegenstände tauchten immer klarer auf. Jetzt war auch der

Kirchturm deutlich sichtbar, und die beschneiten Dächer zeichneten sich

scharf vom blauen Himmel ab. Bald darauf fuhren sie in das Dorf ein, aber

bei einem der ersten Häuser machten sie Halt. Eine dicke goldene Traube,

an einem weit vorragenden eisernen Arm befestigt, bezeichnete dasselbe als

Gasthaus. Ilse hatte den Schleier dicht über das Gesicht gezogen, und Herr

Macket mußte den breiten Pelzkragen hinaufschlagen, damit sie von den

neugierigen Blicken, welche dem Schlitten folgten, nicht erkannt würden.

Hier sollte ausgespannt werden, so war es mit den Schwiegereltern

verabredet worden. Ilse hatte ihnen geschrieben, sie möchten Leo im Hause

festhalten.

Die Aufforderung ihres Vaters, sich erst etwas zu erwärmen und eine

Kleinigkeit zu genießen, lehnte Ilse entschieden ab, denn so nahe dem

ersehnten Ziel erschien es ihr unmöglich, noch irgendwelche Verzögerung zu

ertragen. So machten sich denn die beiden auf den Weg nach dem Gute,

welches abseits vom Dorfe lag und dicht an einen Tannenwald grenzte.

„Wie ein Paar Diebe kommen wir angeschlichen,“ sagte Herr Macket. „Darf

ich denn den verflixten Kragen noch immer nicht herunterschlagen? Mir wird

nämlich verteufelt heiß in diesem Futteral.“

„Ach bitte, bitte, noch nicht,“ bat Ilse, die unter ihrem Schleier

fortwährend ängstliche Blicke nach rechts und links warf, „siehst du,

Herzensväterchen, es könnte uns doch jemand begegnen, und wir sind ja

gleich da.“

Herr Macket als ein gehorsamer Vater fügte sich und stöhnte nur einige

Male verstohlen. Sie bogen jetzt in einen kleinen Seitenweg ein, der

zwischen zwei Hecken durchführte und nicht gebahnt war, so daß sie bis

über die Knöchel in den weichen Schnee einsanken.

„Hier können wir nicht weiter, Ilse, das geht nicht. Du bekommst ja ganz

nasse Füße und wirst dich auf den Tod erkälten. Komm, wir wollen

umkehren.“ Damit blieb er stehen.

Aber sein geliebter Wildfang schlug ihm ein Schnippchen und hüpfte leicht

und flink wie ein Reh davon. Sie sah ja am Ausgang des Heckenweges ein

großes, herrschaftliches Haus, das Gontrau’sche, und sollte nun wieder

umkehren? Das war zu viel verlangt. Wohl oder übel mußte Herr Macket ihr

folgen, und wenn er auch etwas unwillig in den Bart brummte, so brachte er

es doch nicht über sich, auf seinen Liebling zu schelten. Mit seinen

großen Stiefeln trat er in Ilses zierliche Fußstapfen; diese war ihm

längst vorausgeeilt und wartete schon auf ihn an der eisernen Tür, welche

den parkartigen Garten hinter dem Hause abschloß.

„Bist mir doch nicht böse, Papachen?“ fragte sie ihn mit schelmischer

Zärtlichkeit, und da konnte er natürlich nicht widerstehen.

Der fürsorgliche Schwiegervater hatte Bahn fegen lassen, und auf besserem

Wege als vorher schritten sie nun den Garten entlang und schlichen zu

einer Hintertüre in das Haus hinein. Ilse hatte Herrn Macket untergefaßt

und eiligst mit fortgezogen. Dabei hatte sie solch fieberhafte Angst

ausgestanden, sie könnte von Leo gesehen werden, daß sie jetzt, nachdem

diese Gefahr vorüber war, erst einen Augenblick stehen bleiben mußte, um

Atem zu schöpfen.

Auf dem Hausflur kam ihnen das Gontrau’sche Ehepaar mit offenen Armen

entgegen. Ilse war tief beschämt über all die Liebe und Herzlichkeit, mit

welcher die Schwiegereltern sie empfingen; dieselben waren vollständig

unbefangen und schienen nicht im geringsten zu ahnen, welcher Zwiespalt

zwischen dem Brautpaar herrschte. Sie führten ihren Besuch in ein

behaglich erwärmtes Zimmer, und während Herr Gontrau Ilses Vater Pelz und

Hut abnahm, half seine Frau dem Schwiegertöchterchen beim Ablegen und

blickte mit Stolz in das junge frische Gesicht mit den lebhaften braunen

Augen. Zärtlich strich sie ihr die wirren Haare aus der Stirn und

streichelte ihr die Wangen. Auch Herr Gontrau betrachtete sich die Braut

seines Sohnes mit großem Wohlgefallen.

„Ilse, ich glaube, du bist noch gewachsen,“ sagte er, indem er sie an sich

zog, „und wie wohl du aussiehst, du blühst ja wie eine Rose. Na, der Leo

wird sich freuen, er hat keine Ahnung von der Überraschung, die ihm

bevorsteht.“

„Ach ja,“ meinte Frau Gontrau, „ich freue mich auch, der arme Junge hat in

der letzten Zeit so viel zu tun gehabt, daß er ganz ernst und blaß

geworden ist.“

Ilse errötete und wandte sich ab.

„Wo ist Leo?“ fragte sie leise. „Ich möchte ihn doch gern gleich sehen.“

„Er ist oben auf seinem Zimmer, liebes Kind,“ sagte Frau Gontrau. „Nun, du

weißt ja Bescheid; ich war eben noch bei ihm, um zu verhüten, daß er sich

entfernte.“

„Ich gehe zu ihm,“ sagte Ilse und verließ das Zimmer.

Als sie die Treppe hinaufgeeilt war und nun vor seiner Türe stand, hielt

sie inne und legte die Hand beschwichtigend auf ihr Herz, das ihr zum

Zerspringen klopfte. Nun war der Augenblick gekommen, ihm die Hand zur

Versöhnung zu reichen. Ein Gefühl der Demütigung wollte noch einmal in ihr

aufwallen, aber sie unterdrückte es, denn sie hatte sich vorgenommen, oft

und fest vorgenommen, ihm mit keinem andern Gedanken, als dem der

aufrichtigsten Reue entgegenzutreten.

Und als sie immer noch zögerte, erschien ihr Lucies Bild vor den Augen und

blickte sie flehend an. Sie legte die Hand auf die Klinke, drückte sie

sanft nieder und befand sich nun in einem kleinen Vorraum, welcher nur

durch eine Portiere von Leos Zimmer getrennt war. Auf den Fußspitzen

schlich Ilse näher, schob den Vorhang auseinander und konnte nun das ganze

Zimmer übersehen.

[Illustration]

Dort saß er an seinem Schreibtisch, tief über seine Arbeit gebeugt und

eifrig schreibend. Sie blieb unbeweglich stehen, wie um sich zu sammeln,

und sah unverwandt auf die geliebte Gestalt vor ihr. Wenn er wüßte, wer so

dicht hinter ihm stand! Sie meinte, er müßte ihre Nähe fühlen, aber

ahnungslos schrieb er weiter. Als er jetzt den Kopf zur Seite wandte, um

in einem Buche nachzuschlagen, konnte sie sein Gesicht sehen, und –

täuschte sie sich, oder war es wirklich so? – er schien ihr um Jahre

gealtert. Seine Wangen waren blaß, die Augen hatten tiefe Schatten, und um

seinen Mund lagerte ein müder, schmerzlicher Zug.

So sah sie nun ihren Leo wieder, den sie nur kraftvoll und frisch gekannt

hatte. Die Tränen schossen ihr in die Augen, und sie mußte an sich halten,

um nicht laut aufzuschluchzen. Jetzt lehnte er sich im Stuhl zurück, und

sie konnte ihr Bild bemerken, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand; ein

grüner Tannenzweig schmückte dasselbe. Leise, wie magnetisch angezogen,

schlich sie näher. Jetzt nahm er das Bild in die Hand und betrachtete es

mit liebevollen Blicken. Den kleinen Zweig, der ihr Gesicht etwas

verdeckte, schob er zurück, damit er ungehindert in das geliebte Antlitz

schauen konnte. Er dachte ihrer also noch mit tiefer, unwandelbarer Liebe.

Ohne daß sie es wollte, tönte sein Name halblaut von ihren Lippen. Das

Bild entfiel seiner Hand, mit einem jähen Ruck stieß er den Stuhl zurück

und drehte sich um. Als sähe er einen Geist vor sich, so starrten die

dunklen Augen in dem blassen Gesicht auf Ilse. Sie trat näher und rief

noch einmal: „Leo.“

Da löste sich der Bann, der ihn befangen hatte.

„Ilse, du – du, bist du es wirklich?“ stieß er hervor, und als sie die

Arme nach ihm ausbreitete, zog er sie fest an sich und drückte ihren Kopf

mit beiden Händen an sein Herz.

„Vergib mir, Leo!“ flüsterte sie unter Tränen.

Statt aller Antwort schloß er ihr den Mund mit leidenschaftlichen Küssen,

gab ihr die zärtlichsten Schmeichelnamen. Und diesem Manne hatte sie

Mißtrauen entgegengebracht, an seiner Liebe hatte sie gezweifelt! In

törichtem Trotz hatte sie das beste, edelste Herz verkannt. Der Gedanke,

daß er sich hätte von ihr wenden können, erfüllte sie jetzt noch mit

Schrecken.

Fester schmiegte sie sich an den Geliebten. Sie waren beide nicht fähig,

zu sprechen, stumm hielten sie sich umschlungen und besiegelten innerlich

von neuem den geschlossenen Bund. Sie hatten das Gefühl, daß sie jetzt für

immer zusammengehörten, daß nichts sie je wieder trennen könnte. Es war

Ilse, als träumte sie, und sie dürfte sich nicht rühren, um den schönen

Traum nicht zu verscheuchen.

Und als sie dann endlich Worte fanden und Hand in Hand zusammensaßen, da

konnten sie kein Ende finden, bis schließlich Frau Gontrau kam und

schüchtern fragte, ob das liebe Brautpaar noch nicht bald erscheinen

wolle.

* * *

Der im hellsten Lichte strahlende Tannenbaum beschien am heiligen Abend im

Macketschen Hause lauter frohe, vergnügte Gesichter. Es ging ein Knistern

durch die Zweige und die Wachskerzen flackerten so lustig, wie wenn der

Baum selbst damit auch seiner Freude Ausdruck geben wollte.

Frau Anne hatte den Kleinen auf dem Arm, welcher jauchzend seine beiden

Händchen nach dem Lichterbaum ausstreckte. Herr Macket stand daneben und

neckte seinen Jungen, denn er war ganz übermütig heute. Das Kind mußte

alle seine Kunststückchen zeigen, so daß Gontraus ganz entzückt waren von

dem reizenden kleinen Kerl.

„Jetzt muß aber mein Schatz zu Bett gehen,“ entschied endlich Frau Anne,

welche bemerkte, daß die Lebhaftigkeit des Kindes durch den Beifall der

Umstehenden sich immer mehr steigerte. Der mütterliche Befehl schien aber

dem kleinen Mann durchaus nicht angenehm zu sein, denn er zog ein

Schüppchen und in seinen Mundwinkeln zuckte es verdächtig. Aber die Mama

machte kurzen Prozeß mit ihm.

„Nun gib dein Händchen und sage gute Nacht,“ gebot sie energisch.

Er gehorchte und reichte allen die Hand.

„So nun mußt du noch Ilse und Onkel Leo gute Nacht sagen.“ –

Die beiden hatten sich in eine der grünen Pflanzen-Nischen zurückgezogen;

aus ihren Augen glänzte Glück und Seligkeit. Ilse hatte so viel zu

erzählen, wie sie zuerst seiner nur im Groll gedacht, wie sie aber nach

und nach einsehen gelernt hatte, daß wahre, echte Liebe sich auch zu fügen

weiß. Und wie reizend Frau Nellie sei, ein wie furchtbares Schicksal die

arme Flora betroffen habe, wie klug und interessant Orla wäre, der

gegenüber sie sich immer klein und erbärmlich vorgekommen sei, – das

alles, und noch vieles andre, berichtete sie ihm auf das ausführlichste.

„Schatz, es ist, als hätten wir uns erst heute verlobt, als hätten sich

erst jetzt unsre Herzen für immer gefunden,“ sagte er.

„Für immer!“ wiederholte sie mit Betonung, und ihre Augen sahen mit dem

Ausdruck der innigsten Liebe zu ihm empor. „Nicht wahr, Leo, du hast nun

alles vergessen und liebst mich noch wie früher?“

„Mehr als je,“ gab er ihr zärtlich zur Antwort.

Sie lehnte an seiner Brust, und beide schauten in den flimmernden,

duftenden Tannenbaum. Freundliche Bilder der Zukunft stiegen vor ihnen

auf, sie träumten sich in ihr eigen Heim, und wie sie am nächsten

Weihnachtsabend sich ihren eigenen Baum anzünden würden!

* * *

Mit duftenden Rosen war der Weg zur Kirche bestreut, den Ilse jetzt im

bräutlichen Gewande am Arm ihres Leo dahinschritt. Wolkenlos wölbte sich

der Junihimmel über ihnen, und goldner Sonnenglanz lag über der

strahlenden Natur ausgebreitet. Das ganze Dorf war zusammengelaufen, um

sein geliebtes Gutskind im Brautschmuck zu sehen; sie standen zu beiden

Seiten des Weges, und als das Brautpaar in der Kirchentüre verschwunden

war, da strömten sie hinterher, und die kleine Kirche war im Umsehen

gefüllt.

Ilses Traum war zur Wirklichkeit geworden, nun sollte sie binnen wenigen

Minuten am Altar des Herrn dem geliebten Mann für ewig Liebe und Treue

schwören.

Durch die offenen Fenster lugte neugierig der helle Sonnenschein, das

leise Rauschen der Bäume und der fröhliche Vogelgesang drangen herein,

gerade so, wie sie es Weihnachten im Schlitten geträumt hatte. Und jetzt

erscholl die Orgel, und die Kinderstimmen setzten ein.

Ilse schmiegte sich dichter an Leo, und mit gesenkten Augen schritt sie

neben ihm dem Altar zu, der mit Pflanzen und Blumen festlich geschmückt

war. Da standen die Eltern, die Freunde und Verwandten. Orlas schönes

Antlitz lachte ihr entgegen, Andres neigte grüßend das Haupt, und Nellie,

die liebe, einzige, blickte wie verklärt zu ihr herüber. Der Papa streckte

ihr gerührt seine Hand entgegen, und Frau Anne lächelte ihr unter Tränen

zu. So viel Liebe, so viel Freundschaft sah sie in allen Augen leuchten,

daß sie in überwallender Seligkeit zu dem Manne aufsah, welchem sie nun

angehörte für alle Zeit.

Die Orgel und der Gesang verstummten. „Die Liebe höret nimmer auf,“ so

begann der alte würdige Pastor seine Rede. Er hatte Ilse getauft und

konfirmiert, nun stand sie als junge Frau vor ihm, und er sollte ihr

seinen Segen geben. Das lebhafteste Interesse, die herrlichste

Freundschaft, gaben ihm warme, tief empfundene Worte ein, seine Rede war

poetisch durchflochten mit den anmutigsten Wendungen.

Herr Macket mußte sich einige Male verstohlen über die Augen fahren; Frau

Anne hatte ihre Hand in die seine gelegt, auch sie war tief bewegt. Die

Sturm- und Drangperiode des jungen Paares zog noch einmal an ihrem Geiste

vorüber, und erleichtert holte sie Atem, daß sie glücklich überwunden war

und die beiden zusammen dort am Altar standen. Eben fiel ein breiter

Sonnenstrahl schräg durch das Fenster über die einfach weiß getünchte

Wand, gerade auf das frische Myrtengrün in Ilses lockigem Haar und

beleuchtete den weißen Schleier, der lang bis auf die kostbare

Atlasschleppe herabfiel, daß er wie aus Duft gewoben erschien. Wie

liebreizend sah die junge Braut aus! Voll Stolz und Glück blickte Frau

Anne auf das schöne Paar, und der Gedanke, daß heute die geliebte Tochter

für immer aus dem Elternhaus schied, war der einzige Wermutstropfen in dem

Kelch der Freude. –

In lustigster Stimmung, scherzend und lachend saßen die Hochzeitsgäste

noch an der geschmückten Tafel, als Ilse sich bereits fortgeschlichen

hatte, um das Brautgewand mit dem Reisekleid zu vertauschen. Sie stand in

ihrem Mädchenstübchen am offenen Fenster, und ihre Blicke schweiften über

den blühenden Garten, die grünen Felder und den noch frühlingsfrischen

Wald, bis zu den fernen Hügeln, welche die scheidende Sonne vergoldete.

Die abendliche Stille in der Natur nach den vielen Aufregungen des Tages

tat ihr so wohl! Sie lehnte sich weit hinaus und sog in vollen Zügen die

erquickende Luft ein.

Das unbeschreibliche Gefühl der Seligkeit, des höchsten Glückes, welches

ihr den heutigen Tag zu dem schönsten ihres Lebens machte, mußte jetzt vor

dem Gedanken an den Abschied zurückweichen. Sie wußte ja, wie schwer dem

Papa die Trennung falle, wie sich Frau Anne nach ihr sehnen würde.

Mehrmals mußte sie das Tuch an die Augen führen, um die hervorquellenden

Tränen zu trocknen. Aber Leo sollte sie so nicht sehen, sie war ja

glücklich und folgte ihm gern. Das ernste, heilige Gefühl, daß sie nun

sein Weib sei, und, wie der gute alte Pastor gesagt hatte, „nur der Tod

sie schiede“, durchschauerte sie, die edelsten, besten Vorsätze und

Empfindungen gab ihr diese stille Stunde ein.

Zwei Arme umschlangen sie plötzlich, und sich umwendend sah sie in das

Antlitz ihres Mannes. Er hob ihr Kinn in die Höhe, und als er Tränen in

ihren Augen schimmern sah, zog er sie fester an sich und strich ihr

liebkosend über Haar und Wangen. Er war selbst so bewegt, daß er nicht

sprechen konnte, aber die innige Umarmung, in der er sein junges Weib

festhielt, sagte ihr mehr als Worte es vermocht hätten.

„Wir müssen fort mein Lieb,“ brach Leo endlich das Schweigen, denn der

Wagen war vorgefahren und die Braunen stampften ungeduldig die Erde. Jetzt

drang auch Gläserklingen und Stimmengewirr zu ihnen herauf, und die Musik

fiel mit einem lauten Tusch ein. Gewiß feierte man nochmals das junge Paar

und trank auf sein Wohl.

Frau Anne kam leise herein und brachte Ilses Hut und Staubmantel.

„Es ist alles fertig,“ sagte sie, „ihr müßt fort Kinder. Ich will es dem

Papa sagen, nicht wahr?“

Sie sprach anscheinend ruhig, aber ein leises Zittern in ihrer Stimme

verriet doch ihre innere Erregung. Sie wollte hinausgehen, doch Ilse,

hielt sie zurück und umschlang ihren Hals.

„Liebe, einzige Mama, habe für alles, alles Dank, und wenn ich dich oft

kränkte, verzeihe mir.“

„Aber liebes Kind,“ fiel Frau Anne ein, „alles ist vergessen, wir haben

dich ja so lieb, du bist unsre gute Tochter. Nun darfst du dich aber nicht

aufregen, du mußt verständig sein, denn der Papa darf dich nicht so sehen,

nicht wahr, liebes Herz?“

„Komm Schatz, komm,“ drängte Leo, den ein verständnisvoller Blick von Frau

Anne dazu trieb, den Abschied möglichst zu verkürzen. Sie ließ die beiden

allein und ging in den Saal zurück, wo sie ihrem Mann verstohlen

zuflüsterte, daß der Wagen vor der Türe stehe. Das heitere Lächeln

verschwand von seinem Gesicht und er stand sofort auf.

Das Köpfchen seiner Ilse mit dem grauen Reisehut nickte ihm schon aus dem

Wagenfenster zu, als er aus der Haustüre trat. Er stieg zu ihr ein und

hielt sein Kind lange in den Armen. Dabei preßte er ihren Kopf fest an

sein Herz, denn sie sollte die Tränen nicht sehen, die ihm über die Wangen

rollten. Krischan, der in seiner neuen Livree steif und gerade auf dem

Bock saß, sah mit ungeduldigen Blicken bald auf die Uhr, bald von seinem

hohen Sitz herab auf den Wagenschlag, und schließlich wandte er sich an

Frau Macket mit den Worten:

„Nu is es aber die höchste Zeit, sonst verfehlt das Freilein und der junge

Herr am Ende den Zug.“

Er konnte sich noch nicht entschließen, von der „Frau Assessor“ zu

sprechen, für ihn war Ilse noch das „Freilein“.

Frau Macket zupfte ihren Mann am Ärmel. „Sie müssen fort, lieber Richard,“

sagte sie leise.

Er stieg aus, die Türe flog zu, die Pferde zogen an, und der Wagen rollte

auf der Dorfstraße dahin, eine Staubwolke aufwirbelnd. Herr und Frau

Macket waren aus der Pforte getreten und sahen ihm nach. Jetzt flatterte

Ilses Taschentuch als Abschiedsgruß noch einmal aus dem Fenster, dann bog

der Wagen um die Ecke und war den Blicken entschwunden.

„Komm, lieber Mann, wir wollen wieder hineingehen,“ sagte Frau Anne.

„Nun ist sie fort,“ sprach er halblaut, wie im Traume.

„Sie ist glücklich,“ gab Frau Anne zur Antwort.

„Ja, sie ist glücklich,“ wiederholte er leise und ein heller Freudenschein

überflog sein von der Trennung schmerzlich bewegtes Antlitz. Arm in Arm

gingen die beiden in das Haus zu ihren Gästen zurück.

[Illustration]

Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen

haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses Bandes unter dem

Titel „Aus Trotzkopfs Ehe“ in gleichen Verlag erschienen ist.

BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr

einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)

gekennzeichnet.

Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:

Seite 35: „gegegeben“ geändert in „gegeben“

Seite 63: Punkt ergänzt hinter „treuherzig“

Seite 76: „elekrisiert“ geändert in „elektrisiert“

Seite 81: Anführungszeichen ergänzt vor „Noch“

Seite 82: „den e“ geändert in „denke“

Seite 90: Anführungszeichen ergänzt vor „Übrigens“

Seite 139: „Sassuwisch“ geändert in „Sassuwitsch“

Seite 149: „wiederspenstig“ geändert in „widerspenstig“

Seite 171: Komma ergänzt hinter „Ilse“

Seite 174: Punkt in Komma geändert hinter „Orla“

Seite 182: „klingte“ geändert in „klinkte“

Seite 196: Punkt ergänzt hinter „kam“

Seite 217: Anführungszeichen ergänzt vor „O“; „unverholen“ geändert

in „unverhohlen“

Seite 227: überflüssiger Trennstrich entfernt hinter „gleich“

Trotzkopf's Brautzeit · 第 18 / 18 段