Sie eilte ins Haus. Wie ein Träumender stand er vor der beschneiten Pforte

und blickte ihr noch nach, obwohl sie schon längst verschwunden war.

Endlich ging er fort, aber er schlug nicht den Weg nach seiner Wohnung

ein. Er würde es jetzt nicht in den engen vier Wänden aushalten, eine

innere Unruhe trieb ihn immer weiter. Das Stürmen und Wogen in seiner

Brust beflügelte seine Schritte, so daß er die Straßen in Sturmeseile

durchlief und die Leute ihn verwundert ansahen. Seine Bekannten, die ihm

begegneten und die er zerstreut grüßte, blieben stehen und schauten

kopfschüttelnd hinter ihm her.

Orla war unbemerkt in ihr Zimmer gelangt. Sie konnte jetzt niemand sehen

und sprechen, den Freundinnen hätte ja ihre Erregung auffallen müssen,

auch wollte sie erst allein die Ruhe zu gewinnen suchen, mit welcher sie

dieselben jetzt noch täuschen mußte.

Sie hatte Hut und Jacke abgelegt und wusch ihr heißes Gesicht mit frischem

Wasser. Was die Freunde wohl sagten, ob sie geahnt hatten, daß es so

kommen würde? Sie lächelte vor sich hin und malte sich im Geiste die

Überraschung auf den verschiedenen Gesichtern aus. Erregt schritt sie auf

und ab und öffnete schließlich das Fenster, weil ihr die Luft in dem

kleinen Stübchen schwül und drückend erschien. Vorwitzig kamen die

Schneeflocken hereingeflogen, sie wirbelten ihr ins Antlitz und setzten

sich in ihren dunklen Haaren fest. In Gedanken verloren blickte sie hinaus

in das Gestöber draußen. Sie kam sich so anders, so fremd vor; dieses

heftig klopfende Herz war es das ihre, diese unbeschreiblich schönen

Empfindungen, welche es durchströmten, – war das alles Wirklichkeit, was

sie empfand und dachte, oder träumte sie nur?

Sie zuckte zusammen, als sich jetzt die Türe öffnete und Ilse hereintrat.

„Herrgott, Orla, bei diesem Wetter am offenen Fenster?“ rief sie erstaunt.

„Es war hier so heiß, Kind,“ gab Orla ausweichend zur Antwort und schloß

das Fenster.

„Heiß?“ wiederholte Ilse, „aber das Feuer im Ofen ist ja schon lange aus.“

Orla überhörte diese Einrede.

„Bist du schon mit Packen fertig?“ fragte sie und zeigte auf die Koffer.

„Also morgen willst du wirklich reisen? Du wolltest mich wohl zum

Abendessen holen?“

Ilse sah sie verwundert an. Warum fragte Orla so zerstreut und vermied so

auffällig sie anzusehen, während sie sonst jedem, mit dem sie sprach,

scharf in die Augen sah?

„Wir dachten, du wärst schon lange zu Hause, Orla, da du gesagt hattest,

du wollest arbeiten.“

„Ja, ja, das wollte ich auch, aber – es war so himmlisch draußen, und da

bin ich auf eigene Faust noch etwas spazieren gegangen. Komm Kind.“

Sie ging zur Türe und Ilse folgte ihr.

„Himmlisch draußen!“ wiederholte sie lachend. „Aber Orla, es ist ja ein

schreckliches Wetter, der eisige Wind und dazu das Schneegestöber, – hast

du denn das nicht bemerkt?“

„O ja,“ antwortete die Russin, „aber ich liebe das gerade und nenne

solches Wetter schön.“

Sie hatte jetzt ihre Fassung wieder gewonnen und konnte mit unbefangenem

Gesicht bei dem jungen Ehepaar eintreten. Bei Tische sprach sie lebhaft

und viel; sie war lange nicht so redselig gewesen wie heute, und ihre

Augen leuchteten in einem wunderbaren Glanze. Ilse saß ihr gegenüber und

betrachtete sie mit heimlicher Bewunderung; sie glaubte, die Freundin nie

so schön gesehen zu haben. Die leicht geröteten Wangen standen ihr zum

Entzücken. Sie erzählte lebendig und spannend von ihrer Heimat und wußte

dadurch die Gedanken von der bevorstehenden Trennung, welche namentlich

Nellie und Ilse naheging, abzulenken. Dann und wann flogen ihre Blicke

verstohlen nach der Uhr, und so oft jemand ins Zimmer hereinkam, wandte

sie schnell den Kopf nach der Türe. Als Nellie erwähnte, daß Andres

während ihrer Abwesenheit dagewesen sei, lächelte sie geheimnisvoll, so

daß Ilse sie fragte, was denn ihre Heiterkeit erregt habe.

Nach dem Abendessen begab sich die kleine Gesellschaft wie gewöhnlich in

Nellies gemütliches Zimmer, wo es heute besonders behaglich aussah. Ein

helles Feuer knisterte in dem kaminartigen Ofen, und die Lampe mit dem

Schirm von rosa Seide beleuchtete alles mit einem magischen Schimmer. Ein

zarter Maiblumenduft, den die junge Frau besonders liebte, durchwehte den

traulichen Raum.

Orla stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Jetzt konnte er jeden

Augenblick kommen, denn es war die Zeit, welche sie verabredet hatten. Sie

spähte die Straße entlang, das Gestöber hatte aufgehört, blendend weiß

leuchtete ihr aus der Dunkelheit der Schnee entgegen. Mit fieberhafter

Ungeduld sehnte sie den Augenblick herbei, der ihr den Geliebten bringen

sollte, und es dünkte ihr eine Ewigkeit, die er sie warten ließ. Endlich

sah sie eine hohe Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen, die es sehr eilig

zu haben schien, denn mit großen Schritten näherte sie sich dem Hause. Das

war er! Die Gartenpforte klirrte, gleich darauf fiel die Haustüre ins

Schloß und nun wurde kräftig an der Klingel gezogen. Das Mädchen kam

herein und meldete Doktor Andres, der ihr auch gleich auf dem Fuße folgte.

Orla beugte sich tief über die Maiblumen im Fenster, um ihr Antlitz zu

verbergen.

„Sie strahlen ja förmlich, Doktor, was ist denn mit Ihnen geschehen, haben

sie etwa das große Los gewonnen?“ rief ihm Althoff scherzend entgegen.

„Ja,“ gab er lachend zur Antwort, und dabei überflog es seine Züge wie ein

verklärender Schimmer. Er schritt auf Orla zu und legte ihre kleine kalte

Hand in die seinige. So trat er mit ihr zu den andern in den Lichtkreis

der Lampe, deren Schein ihr jetzt bleiches Gesicht rosig überhauchte.

„Ja,“ wiederholte er noch einmal, und seine Stimme zitterte leise. „Sie

haben recht, Herr Doktor, ich habe das große Los gewonnen, – hier, hier

ist meine Braut.“

Stürmisch zog er Orla an seine Brust.

Die Freunde hatten einen Augenblick wie sprachlos gestanden, dann aber

brach ein wahrer Jubel los.

Die junge Braut wurde von Nellie und Ilse mit Fragen überschüttet, während

sich die beiden Männer herzlich die Hände schüttelten. Orla lächelte

selig, und in ihren Augen schimmerte es feucht. Dies versetzte die

weichherzige Nellie in eine solche Rührung, daß ihr nun auch die Tränen

über die Wangen rollten und sie Orla in langer Umarmung festhielt. Ilse,

welche ihr unter vielen zärtlichen Küssen die innigsten Wünsche

zugeflüstert hatte, bemerkte kaum die Tränen in den Augen der beiden

festumschlungenen Freundinnen, als auch sie sich der Rührung nicht

erwehren konnte und ihren Zähren freien Lauf ließ.

Jetzt wurde es aber den beiden Männern zu viel. „Das ist mir eine schöne

Geschichte,“ rief Althoff, „da weint ihr alle drei statt zu jauchzen und

fröhlich zu sein! Lieber Freund,“ wandte er sich zu Andres, „an Ihrer

Stelle ließe ich es mir nicht gefallen, daß eine solche Freudenbotschaft

mit Tränen begossen wird. Laßt uns dieselbe mit etwas andrem begießen, und

auf das Wohl des jungen Paares anstoßen. Halt! Ich habe eine Idee! Nellie,

Weib, wo sind die Weinkellerschlüssel? Daran werden Sie sich auch noch

gewöhnen müssen, lieber Doktor, daß die Frauen alles unter Verschluß

halten, sogar den Weinkellerschlüssel, am sichersten aber den –

Hausschlüssel!“

Dabei warf er einen neckisch herausfordernden Seitenblick auf seine Frau.

„O du verleumderisches Mann,“ rief diese und nahm den Schlüssel aus einem

zierlichen Körbchen. Er hob ihr Kinn in die Höhe und sah ihr in die Augen.

„Bist du mir böse, Schatz?“ fragte er zärtlich.

„Natürlich, du schreckliches Mann,“ antwortete sie und gab ihm scherzend

einen Schlag.

„Au,“ rief er, „so wird man nun von seiner eigenen Frau behandelt! Erst

sagt sie ‚schreckliches Mann‘ und dann haut sie einen sogar. Doktor,

heiraten Sie lieber nicht, ich rate es Ihnen!“

Er lachte mit dem ganzen Gesicht in ausgelassener Laune, denn es machte

ihm großen Spaß, seine Frau zu necken. Mit geheimnisvoller Miene

verschwand er jetzt mit Nellie. Ilse folgte ihnen, weil sie sich höchst

überflüssig bei dem Brautpaar fühlte.

Im Eßzimmer hörte man bald darauf ein geschäftiges Hinundherlaufen. Türen

klappten, Gläser klangen, dazwischen tönte fröhliches Lachen und Sprechen.

Nach einer Weile wurden die Flügeltüren geöffnet und das Brautpaar

feierlich hereingeführt. Trotz der Kürze der Zeit hatten es die Freunde

verstanden, alles festlich herzurichten. Die große bronzene Hängelampe

strahlte in hellem Glanze. In den Wandleuchtern brannten Kerzen, deren

Licht sich in den Gläsern und Krügen spiegelte, die ringsherum auf dem

Wandgesims aufgestellt waren. Über den einladend besetzten Tisch war eine

altdeutsche Spruchdecke gebreitet, und in der Mitte hatte Nellie ihre

Blumen und Blattpflanzen malerisch aufgebaut. Daneben standen alte Meißner

Schalen, mit Kuchen und Früchten gefüllt, während aus einem

Champagner-Kühler einige Silberhälse hervorschauten. In dem Spitzglas, das

auf Orlas Platze stand, duftete ihr ein Sträußchen aus Myrten und

Maiblumen entgegen. Die sinnige Nellie hatte es aus den Blüten gebunden,

in deren Anblick Orla sich so eifrig versenkt hatte, als Andres eintrat.

„Nellie, Ilse, Herr Doktor, wie kann ich euch danken für soviel Liebe und

Freundschaft!“ rief Orla bewegt und auch Andres war voller Dankbarkeit für

diese Überraschung. In heiterster Stimmung nahm die kleine Gesellschaft

Platz. Helle Freude glänzte auf allen Gesichtern. Die Champagnerpfropfen

knallten, und als die Gläser gefüllt waren, ergriff Doktor Althoff das

seinige und ließ mit herzlichen Worten das neuverlobte Paar leben. Unter

Scherzen, Lachen und Necken flogen die Stunden dahin. Nur eine stimmte

nicht aus vollem Herzen mit in den Jubel der übrigen ein, das war unsre

Ilse. Dem glücklichen verlobten Paare gegenüber kam sie sich wie eine

verlassene Braut vor. Eine unerklärliche Bangigkeit rief immer neue

Zweifel bei ihr hervor und machte sie beklommen. Fortwährend beängstigten

sie quälende Fragen. Liebte er sie noch? Würde er ihr verzeihen? Ihr

bangte vor den kommenden Tagen. O, könnte sie doch die Zeit verwischen,

die ihm und ihr so viel Trübsal bereitet hatte, den Mißton fortzaubern,

der die Eintracht ihrer Seelen störte. Ja, was half nun alle Reue? Die

verflossenen Wochen und Monate kamen nicht wieder, sie waren ihnen beiden

für immer verloren. Um wieviel frohe, glückliche Stunden hatte sie sich

betrogen! –

Spät in der Nacht erst trennte man sich. Die Lichter erloschen, und die

junge Braut, mit den verwelkten Maiblumen an der Brust, ging mit Ilse in

das gemeinsame Schlafzimmer. Sie nahm die kleinen Glöckchen, die traurig

die Köpfe hängen ließen, und legte sie zwischen die Blätter eines Buches.

„Zur Erinnerung an diesen Tag,“ sagte sie zu Ilse, welche auf ihrem Koffer

saß und der Freundin mit schwermütigen Augen zusah.

„Wie ich dich beneide, Orla,“ sagte sie leise, „du wirst deinem Rudolf

niemals Gram bereiten, du wirst ihn glücklich machen, denn du bist keine

kleinliche Natur, wie ich es bin.“

„Aber Kind, was fällt dir ein, wie kannst du so mutlos sprechen? Du bist

ein kleiner Tollkopf, dessen Trotz in der Pension gebändigt wurde und nun

durch die zu große Nachgiebigkeit deiner Eltern, deines Verlobten wieder

zum Vorschein kam. Aber jetzt wirst du, wie ich bestimmt glaube, für immer

geheilt sein. Nur nicht zaghaft, Ilse! Ich kann mir gar nicht denken, daß

es so schwer fällt, dem liebsten Menschen auf der Welt ein gutes Wort zu

geben, wenn man ihn gekränkt hat.“

„Wirklich, Orla?“ fragte Ilse, der eine solche Ansicht aus diesem Munde

maßgebend war, „würdest du deinen Bräutigam in einem ähnlichen Fall um

Verzeihung bitten können? Und das würde dir nicht schwer werden?“

„Gewiß nicht,“ antwortete die Freundin, „für den Mann, den ich liebe,

würde ich alles tun.“

Ilse schwieg. Sie hatte geglaubt, die stolze Orla könnte sich nie soweit

demütigen. Aber nun diese erklärte, daß sie ohne Scheu ihren Bräutigam um

Verzeihung bitten würde, wenn sie ihn gekränkt hätte, schien es ihr, als

ob sie durch dieses Geständnis von ihrem Stolz nichts einbüßte und deshalb

noch lange keine unterwürfige Natur zeigte. Orla war herangetreten und

legte die Hand auf Ilses lockiges Haar.

„Geh nur zu ihm, Kind, du vergibst dir dadurch nichts, sondern machst nur

die Fehler wieder gut, zu denen dich dein leidenschaftlicher Sinn

hingerissen hat.“

„Glaubst du das wirklich, Orla? Ach, ich kann dir nicht sagen, wie ich den

Tag herbeisehne, der uns unser Glück zurückgibt. Ich war töricht, ich weiß

es, ich habe unrecht gehandelt und bereue –“

„Halt,“ unterbrach sie Orla, „ich darf deine Beichte nicht anhören, nur

deinem Leo darfst und mußt du dies alles sagen. – Aber nun wollen wir

schlafen, sonst sind wir morgen früh nicht zur rechten Zeit wach, und du

versäumst den Zug.“

„Orla, ich habe noch eine Bitte an dich.“

„Nun?“

„Erzähle deinem Bräutigam, was zwischen Leo und mir vorgefallen ist. Ich

habe mich ihm gegenüber einmal recht kindisch benommen und ihm keine

Aufklärung gegeben. Ich wollte es immer tun und konnte mich doch nicht

entschließen, die Sache nochmals zu berühren. Jetzt aber, da du mit ihm

verlobt bist und er mir dadurch viel näher gerückt ist, soll er alles

wissen.“

Orla drohte lachend mit dem Finger.

„Das sind ja nette Geschichten, die ich da zu hören bekomme. Ihr beide

habt Geheimnisse miteinander, da bin ich doch begierig, das nähere zu

erfahren. Doch nun ernstlich, gute Nacht, ich bin so müde, daß mir die

Augen zufallen.“

Ilse merkte wohl, daß Orla nur Müdigkeit vorschützte, um nicht mehr

sprechen zu müssen, sondern ungestört träumen und denken zu können.

Schweigend begaben sie sich zur Ruhe und lagen mit geschlossenen Augen da,

aber noch lange wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Beide kämpften

mit dem stürmisch bewegten Herzen. Orlas Seele erbebte noch von dem

Nachhall des seligen Glücks, das ihr der heutige Tag gebracht hatte, und

Ilse ließ die Sehnsucht nach dem Geliebten spät erst Ruhe finden.

Der dämmerige Wintermorgen war schon längst angebrochen, als ein kräftiges

Klopfen an der Türe die beiden Schläferinnen aus ihren Träumen erweckte.

Die Fräulein müßten schnell aufstehen, rief das Mädchen, denn es sei schon

sehr spät. –

Und nun war der Augenblick des Abschiednehmens gekommen, zur Abfahrt

bereit stand Ilse auf dem Bahnhof. Die Freunde hatten sie natürlich

begleitet. Während Althoff das Billet besorgte, schritt das Brautpaar

selig plaudernd auf dem Perron hin und her. Ilse und Nellie aber standen

Hand in Hand zusammen. Die Trennung wurde beiden sehr schwer, das sah man

an ihren verweinten Augen; auf Ilses Wangen perlten noch immer die Tränen

in hellen Tropfen.

„Ach, Nellie, wäre doch erst alles wieder gut, ich kann dir nicht

beschreiben, wie es mir ums Herz ist.“

„O, du mußt nicht so bänglich sein, liebe Ilse, du hast so gute Eltern,

eine so liebe Schatz, sie werden dich mit geöffneten Armen aufnehmen. Du

brauchst wirklich keine Angst zu haben, du mußt nur standhaft sein, willst

du mir das versprechen?“

Ilse nickte, aber ihre dunklen Kinderaugen hatten noch einen sorgenvollen

Blick, und der tiefe Seufzer, der sich ihrer Brust entrang, bewies, daß

die tröstenden Worte der Freundin sie nicht vollständig zu beruhigen

vermochten.

Andres und Orla traten jetzt heran, und Ilse verbarg ihr Gesicht in den

duftenden Blumen, welche ihr die Freunde zum Abschied geschenkt hatten,

damit Orlas forschende Augen nicht entdecken sollten, daß sie abermals von

Zweifeln gequält wurde, – vor ihr wollte sie sich stark zeigen.

Jetzt kam auch Nellies Mann mit Fahrkarte und Gepäckschein, und nach

wenigen Minuten brauste der Schnellzug herein, der Ilse in die Heimat

entführen sollte. Noch ein letztes Mal hielten sie Nellies Arme innig

umschlossen, unter Schluchzen dankte Ilse der treuen Freundin für alle

Liebe und Freundschaft, die sie ihr erwiesen hatte. Dann küßte sie Orla

und verabschiedete sich von den Herren. Nun stand sie am offenen

Coupéfenster, und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.

„Grüße mich deine lieben Eltern recht schön und das süße Baby!“ rief

Nellie.

„Und schreibe bald,“ mahnte Orla.

„O ja, _darling_, du mußt uns dein glückliches Ankunft sofort auf eine

Postkarte mitteilen, vergiß nicht.“

„Nein, nein, ich schreibe euch sofort,“ beteuerte Ilse.

Bis zum Ende des Perrons hatten die Freunde den Zug begleitet, dann

blieben sie stehen und sahen der scheidenden Ilse grüßend und winkend

nach, bis der letzte Zipfel von ihrem Schleier verschwunden war.

Auch sie schloß das Fenster erst, als nichts mehr von den Zurückbleibenden

zu erblicken war. Dann nahm sie ihren Platz ein und schaute wehmütig durch

die Scheiben.

[Illustration]

Bald war auch das letzte Haus der kleinen Stadt, die ihr während ihres

Aufenthaltes lieb und vertraut geworden war, ihren Blicken entschwunden.

Über weite, öde Schneeflächen schweifte ihr Auge, dann bemerkte sie eine

Gruppe von kahlen Bäumen, auf denen sich Scharen von Krähen niedergelassen

hatten, die bei dem Geräusch des herannahenden Zuges mit lautem Gekreisch

von den dürren Zweigen aufflatterten und davonflogen.

Ilse lehnte sich zurück und schloß in Gedanken verloren die Augen. Als sie

die Heimat verließ, war es Herbst gewesen, welke Blätter wirbelten durch

die Luft, Sturm und Regen waren ihre Reisebegleiter. So stürmisch wie

draußen sah es damals in ihrer Seele aus, leidenschaftliche Gefühle wogten

in ihrer Brust, und ihre Gedanken wirbelten gleichfalls durcheinander, wie

die dürren Blätter. Heute begriff sie nicht und konnte nicht fassen, wie

sie zu der abenteuerlichen Reise gekommen war. Sie verwünschte ihr

unbändiges Wesen, das ihr schon so viele Stunden getrübt, so manchen

heißen Kampf gekostet.

Hatte sie denn nicht alle Ursache, froh und zufrieden zu sein, war sie

nicht ein verzogenes Kind des Glücks, vor tausenden bevorzugt? War man

nicht immer bemüht, sie zu erfreuen, und wie hatte sie bisher alle diese

Liebe vergolten? Um viele Erfahrungen reicher und durch Prüfungen

gereifter, kehrte sie jetzt heim. Das Leben hatte ihr in buntem Wechsel

gezeigt, daß Freud und Leid dicht zusammen wohnen, und daß der ein Tor

ist, der die schönen Stunden, welche es bietet, nicht dankbar genießt,

sondern in kindischem Übermut zerstört. Vernünftig und fügsam war sie wohl

in der Pension geworden, aber auf wie lange? Durch die stete

Nachgiebigkeit ihres Vaters und die blinde Liebe Leos war ihr alter Trotz

bald wieder hervorgebrochen. Aber jetzt kehrte sie für immer geheilt

zurück, hatte sie doch das bestimmte Gefühl, daß sie nicht wieder in ihren

alten Fehler zurückfallen würde.

Orlas strahlendes Gesicht tauchte in diesem Augenblick vor ihr auf, und

sie beneidete die Freundin fast um ihr Glück, welches sie sich gewiß nie

durch kleinliche Zweifel trüben würde. Der Mann, dem Orla ihr Herz

geschenkt hatte, durfte sicher sein, daß sie ihm kein unverdientes Leid

zufügen werde. Aber konnte sie denn nicht dem guten Beispiel Orlas folgen

und ebenso werden, wie diese? Lag das nicht einzig und allein in ihrer

Hand?

Die Stunden vergingen in schnellem Fluge, so lebhaft beschäftigten sie

ihre Gedanken, und je näher sie der Heimat kam, desto ruhiger schlug ihr

Herz, desto leichter wurde ihr Sinn. Die Freude, ihre Eltern und das

Brüderchen nach so langer Trennung wiederzusehen, drängte alle andern

Gefühle, welche ihr die Heimkehr erschwerten, zurück. Sie wurde jetzt

ungeduldig, zählte die Stationen und hauchte an die Scheiben, welche mit

glitzernden Eisblumen bedeckt waren, um einen Blick in die Gegend werfen

zu können, die nun immer bekannter und heimatlicher wurde.

Lebhaft drängte sich ihr die Erinnerung auf an ihre Ankunft im Vaterhause,

als sie aus der Pension zurückkehrte. Wessen Bild trug sie damals im

Herzen, rein und klar mit den schüchternen Empfindungen der ersten,

erwachenden Liebe? Und heute – welcher Unterschied! – dasselbe Bild stand

auch jetzt deutlich vor ihrer Seele, aber nicht mit den schönen

strahlenden Augen, welche sich bei jenem ersten Abschied so tief in die

ihren gesenkt hatten, sondern mit schmerzlichem und vorwurfsvollem Blick.

Noch war es indessen nicht zu spät. Sie bereute aufrichtig und war fest

entschlossen, alles wieder gut zu machen, was sie verschuldet hatte.

Lucies Bild, welches ihr oft mit drohendem und beängstigendem Ausdruck

erschienen war, sah sie jetzt mit einem versöhnenden Blick an, und schien

ihr sagen zu wollen: nur Mut und Vertrauen! Du kannst doch noch glücklich

werden, auch mir ist ja nach langer Prüfungszeit noch Verzeihung und

höchstes Erdenglück zu teil geworden.

Die letzte Station war vorüber, Ilses Herz bebte, denn noch wenige Minuten

und sie war daheim. Sie suchte ihr Reisegepäck zusammen, legte die Blumen

darauf, strich sich das Haar zurecht und stand dann erwartungsvoll am

Fenster. Der schrille Pfiff der Lokomotive erschien ihr jetzt wie eine

Erlösung aus ihrer Ungeduld und Sehnsucht. Sie beugte sich weit zum

Fenster hinaus, als der Zug in den Bahnhof einfuhr. Da standen die

geliebten Eltern, und jetzt wurde auch sie von ihnen bemerkt. Die Freude,

welche bei ihrem Anblick auf deren Gesicht zu lesen war, rührte sie fast

zu Tränen, und als sie dann in ihren Armen lag, stieg ein heißes Gefühl

der Dankbarkeit für solche Liebe, solches Glück in ihr auf, so daß sie

Vater und Mutter immer wieder und wieder küssen mußte.

Die Eltern waren mit dem Schlitten gekommen; Herr Macket fuhr selbst, und

mit Windeseile trugen sie die geliebten Braunen dem heimatlichen Dorfe zu.

Jeder Weg und Steg, jeder Baum und Strauch kam ihr wie ein lieber

Bekannter vor. Als sie durch die Dorfstraße fuhren und das Schellengeläute

viele Neugierige ans Fenster lockte, lauter bekannte Gesichter, konnte sie

sich der beschämenden Erinnerung nicht erwehren, wie sie an jenem

unglückseligen Tage dieselbe Straße in wilder Hast hinuntergeeilt und wie

eine Sünderin den ihr begegnenden Dorfleuten ausgewichen war. Zum Glück

hatten die Eltern so viel zu fragen, daß diese peinlichen Gedanken bald

wieder verdrängt wurden.

Endlich hielt der Schlitten vor dem Tore. Wie eine Feder schnellte Ilse

empor und sprang hinaus. Erst begrüßte sie die Dienstboten freundlich und

streichelte die Hunde, welche vor Freude laut bellend an ihr emporsprangen

und ihr die Hände leckten. Dann aber lief sie eilend ins Haus, denn es

drängte sie unwiderstehlich, das Brüderchen zu umarmen, welches am Fenster

stand und mit seinen beiden dicken Fäusten an die Scheiben trommelte. Wie

groß war es geworden, zu Ilses lebhaftem Erstaunen! Aber augenscheinlich

wollte es nichts mehr von ihr wissen, denn es versteckte sich hinter die

Wärterin, als sie es aufnehmen und herzen wollte.

„Ich bin ihm ganz fremd geworden,“ klagte sie nachher den Eltern; aber die

Mama tröstete sie mit der Versicherung, daß der Kleine sich bald wieder an

sie gewöhnen würde.

„Nun komm, Kind,“ sagte Herr Macket zärtlich zu Ilse und nahm ihr Hut und

Pelzjäckchen ab, „nun komm, du sollst vor allem Essen und trinken, denn

gewiß bist du ganz ausgehungert.“

Den Arm um ihre Schulter legend, führte er sie fort; man las in seinen

Augen die Seligkeit, daß er seinen Liebling wieder hatte. In dem

erleuchteten Eßzimmer, das Ilse jetzt mit den Eltern betrat, brannte ein

lustiges Feuer in dem großen Kachelofen, dessen hellen Schein der blanke

Fußboden wiederspiegelte.

Sie blickte sich um! Es war hier noch alles so, wie sie es verlassen

hatte. Dort vor dem Diwan lag das große Bärenfell, das ein Freund ihres

Vaters diesem einst geschenkt hatte. Daneben stand der Schaukelstuhl,

genau auf derselben Stelle wie sonst, nichts fehlte an dem gemütlichen

Plätzchen, und doch kam es ihr anders, verödet und verlassen vor. Sie

mußte an die Zeit denken, da sie so oft mit Leo hier gesessen hatte. Der

Schaukelstuhl war sein Lieblingssitz. Sie sah im Geiste, wie er sich leise

hin und her wiegte, was er mit Vorliebe zu tun pflegte. So deutlich stand

eben jetzt dieses Bild vor ihren Augen, daß sie seine Stimme zu hören und

die blauen Dampfringel von seiner Zigarette zu sehen glaubte.

Gewaltsam mußte sie ihre Gedanken von diesem Platze losreißen, als sie

sich jetzt mit den Eltern zu Tische setzte, aber immer wieder kehrten

unwillkürlich ihre Blicke verstohlen nach dem leeren Schaukelstuhl und dem

Diwan mit dem Bärenfell davor zurück.

Trotzkopf's Brautzeit · 第 16 / 18 段