Nun trat Andres zu dem Kind und wollte es fortbringen; in demselben

Augenblick sah Flora wie aus einem Traum erwachend um sich, und als sie

das kleine, hilflose Geschöpf jammernd und klagend am Bette seines Vaters

erblickte, da sprang sie auf und fiel mit einem lauten Schrei vor ihm

nieder, drückte es heftig an sich, und ein heißer Tränenstrom erleichterte

die Qualen ihres Herzens. Mit einem Male schien die Liebe für die kleine

Waise in ihr erwacht zu sein und sie bedeckte ihr Gesicht mit

leidenschaftlichen Küssen. Aber für Käthchen waren Zärtlichkeiten ihrer

Mutter etwas ganz Fremdes und sie entwand sich deshalb schnell ihrer

Umarmung.

„Laß mich, ich will zu meinem Papa!“ rief sie und blickte Flora feindselig

an. „Ich mag dich nicht, ich habe nur meinen Papa lieb,“ setzte sie noch

hinzu, ohne das geringste Mitleid für die schluchzende Gestalt, die auf

dem Boden kniete und die Hände rang. Erbarmungslos sprach der Kindermund

sein Urteil aus.

Die traurige Szene erschütterte alle aufs tiefste, und um derselben ein

Ende zu machen, nahm Andres jetzt das Kind auf den Arm und trug es aus dem

Zimmer. Vertrauensvoll umschlang Käthchen seinen Hals und legte das

Köpfchen an seine Schulter, denn diesen Onkel hatte sie gern, er gab ihr

stets so freundlich die Hand, wenn er ihr auf der Straße begegnete, und

hatte ihr oft Spielsachen mitgebracht, wenn er zum Papa gekommen war.

Nellie war zu Flora getreten, die laut weinte.

„Komm, liebe Flora, wir wollen in das andre Zimmer gehen.“

Willenlos ließ sie sich fortführen, Orla und Ilse, deren weiches Gemüt

unter diesen Vorgängen entsetzlich litt, folgten ihnen.

Nellie hatte Hut und Mantel wieder abgelegt, trotz Orlas inständiger

Bitte, nach Hause zu gehen. Sie konnte sich nicht entschließen, Flora in

ihrem Schmerz zu verlassen, besonders da diese sie flehentlich bat, bei

ihr zu bleiben. Mitleidsvoll umstanden die Freundinnen die Ärmste, die

sich nicht fassen konnte und verzweifelt schluchzte. Sie hätten ihr so

gern ein Wort des Trostes gesagt, aber keine vermochte es über die Lippen

zu bringen. Gab es denn auch Trost für sie?

„Liebe Flora, du darfst dir nicht aufregen,“ brachte Nellie endlich

hervor, „denke an deine süße Baby, das nur dich noch hat auf die große

Welt.“

„Nellie,“ schrie die Unglückliche auf, „ach es ist nicht zum ertragen! Das

Kind wendet sich jäh von mir, und hat es nicht recht? Bin ich ihm eine

treue Mutter gewesen, dem Vater eine pflichttreue Frau? Jetzt erst fühle

ich, daß ich ihn geliebt habe, daß ich mich nur im Trotz von ihm wandte,

weil ich glaubte, er wolle mich nicht verstehen. Ich bin schuld an seinem

Tode, hätte ich ihn nie zu dieser unglückseligen Schlittenpartie

gezwungen! Dort, dort hat er sich den Tod geholt. Liebe, einzige Nellie,

nie kann ich wieder froh werden, mit dieser Qual, dieser Reue im Herzen,

immer sehe ich sein brechendes Auge vorwurfsvoll auf mich gerichtet! Wenn

er noch lebte, wollte ich anders werden, aber nun ist alles vorbei, er ist

von mir gegangen, ohne mir verziehen zu haben!“

„O nein, so darfst du nicht sprechen, so nicht,“ sagte Nellie mit

tränenerstickter Stimme und versuchte die Weinende mit liebevollem Worten

zu beruhigen.

Ilse hatte bei Floras Selbstanklage ihr Herz in hämmernden Schlägen

gefühlt, ihr Inneres bebte bei jedem ihrer Worte. Wie furchtbar war es

doch, wenn die Reue zu spät kam und Tag und Nacht keine Ruhe ließ! Mußte

es nicht zum Verzweifeln sein? Mit einem Schlage war Flora zum Bewußtsein

gekommen, jetzt jammerte und klagte sie, da es nichts mehr half, da der

Mund ihres Mannes für immer geschlossen war und ihr kein verzeihendes Wort

mehr sagen konnte. Ein Angstgefühl schnürte Ilses Brust zusammen, daß ihr

der Atem stockte. Dort in dem Zimmer, am Bette des Toten war es ihr wie

Schuppen von den Augen gefallen, mit einem Male konnte sie klar sehen, und

nun kam sie sich erbärmlich und klein vor und zitterte bei dem Gedanken,

daß das Schicksal auch sie mit unbarmherziger Hand berühren könnte, wie es

hier getan. War es denn so schwer, vergab sie sich etwas, wenn sie dem

Manne, den sie liebte, den sie durch ihren Widerstand doch erst zum

Äußersten gebracht hatte, zuerst die Hand zur Versöhnung reichte? Ja, war

es nicht ihre Pflicht und Schuldigkeit, ihn um Verzeihung zu bitten, nach

dem, was geschehen war? Mußte er nicht an ihrer Liebe zweifeln, als sie

ihm durch ihre Flucht solche Kränkung zufügte? Orla hatte recht, sie war

mit Blindheit geschlagen gewesen, von der sie nun endlich sich befreit

fühlte.

Die Erfahrungen, welche sie durch den Einblick in das eheliche Leben ihrer

Freundinnen gesammelt, hatte sie aufgeklärt, sie war eine andre geworden.

Erschien ihr nicht Nellie als das Muster einer Gattin, war sie etwa

widerspenstig, quälte sie ihren Mann mit kleinlichen Launen? Nein, sie war

fügsam und nachgiebig. Gerade diese Eigenschaften waren es aber, die ihr

den Reiz der echten Weiblichkeit verliehen.

Wie erschien ihr dagegen das Benehmen Rosis? Stieß nicht ihre Herrschsucht

auf das unangenehmste ab? Sah Rosi denn nicht ein, daß sie ihren Gatten in

den Augen andrer lächerlich machte, wenn sie den ihr gegenüber viel zu

gutmütigen Mann dazu zwang, sich ihrem Willen zu fügen? Ilse verabscheute

solches Wesen bei einer Frau, aber – so mußte sie sich eingestehen – war

sie nicht auf dem besten Wege gewesen, wie jene zu werden?

Und wie unwürdig erst war ihr Floras Ehe vorgekommen! Sie hatte stets

Mitleid für den armen Mann und das kleine Mädchen empfunden und war über

Flora empört gewesen, die über ihre verschrobenen Ideen das Wichtigste

vergaß. Ja, Ilse vermochte gut zu unterscheiden, ob eine Frau ihren Mann

glücklich machte, sie hätte auch Rosi und Flora sagen können: so und so

dürft ihr nicht handeln, wenn ihr eure Männer zufrieden sehen wollt. Warum

gab sie diese guten Lehren nicht sich selbst, warum hatte sie sich nicht

längst eingestanden, daß auch sie ihren Bräutigam durch ihren Eigensinn

und Trotz betrüben mußte? Und verdiente er nicht volles ungestörtes Glück,

da er ihr doch die beste, reinste Liebe gab? Und mußte er nicht in ihrer

Achtung dadurch steigen, daß er sich einer kindlichen Laune von ihr nicht

beugen wollte?

Diese Gedanken, welche auf Ilse nach dem traurigen Ereignis einstürmten,

verfolgten sie wie böse Geister mit den bittersten Vorwürfen, den

selbstquälerischsten Anklagen, sie fand keine Ruhe mehr und ging wie im

Traume umher.

* * *

Doktor Gerber war in die Erde gesenkt worden, und der jungen Witwe wurde

die lebhafteste Teilnahme entgegengebracht. Der Tod des allgemein

geachteten und beliebten Mannes hatte überall großen Anteil erweckt, man

beklagte Flora, bedauerte das vaterlose Kind. So jung und schon Witwe, das

war ein harter Schlag für die arme Frau! Flora machte auch in den

schwarzen Trauerkleidern, die das farblose Gesicht noch blasser erscheinen

ließen, einen bedauernswerten Eindruck; müde und matt war ihre Haltung,

die umränderten Augen blickten trübe und glanzlos. Sofort nach Empfang der

Unglücksbotschaft waren ihre Eltern eingetroffen, und nun sollte sie mit

dem Kinde wieder ins Elternhaus zurückkehren. Sie ließ alles über sich

ergehen, fügte sich allem, was bestimmt wurde, und war vollständig haltlos

geworden. Käthchen verlangte immer noch weinend nach ihrem Papa und

fragte, ob er nicht bald wiederkäme, ob sie nicht zu ihm dürfe. Als man

ihr sagte, daß der Papa im Himmel bei den lieben Engeln sei und sie ihn

nicht sehen könne, beruhigte sich das gläubige Kindergemüt dabei. Aber die

traurigen Gesichter um sie her machten sie niedergeschlagen, ihre großen

Augen blickten sehnsüchtig und trübe, und um den kleinen Mund lagerte ein

fast strenger Ernst. Flora wich sie noch immer ängstlich aus, nur der

Großmutter war es gelungen, sie zutraulicher zu machen.

Unter heißen Tränen hatte die junge Frau von den Freundinnen Abschied

genommen, ihr Schmerz brach dabei in seiner ganzen Heftigkeit wieder

hervor. Die Unglückliche war nicht wiederzuerkennen; es schien, als hätte

sie der furchtbare Schlag ganz umgewandelt. Ilse konnte das schmerzvolle

Antlitz der Freundin nicht aus ihrem Gedächtnis verscheuchen, es stand ihr

wie eine drohende Mahnung vor Augen und schien ihr zuzurufen: „Kehre um,

ehe es zu spät ist!“

Den Freunden fiel ihr seltsam nachdenkliches Wesen wohl auf, und Nellie

erriet, was in ihr vorging, aber sie fragte nicht, sie wollte, daß Ilse

von selbst sagen sollte, was ihr Herz bewegte. –

Es war nur noch kurze Zeit bis zum Weihnachtsfest, als Ilse eines Abends

in ihrem Stübchen saß und in ihrer Schreibmappe blätterte. Sie suchte den

Brief, den sie in jener Nacht nach der Schlittenpartie an Leo geschrieben

hatte. Er war nicht abgeschickt worden. Sie hatte ihn oft in den Händen

gehabt und ihn immer wieder beiseite gelegt, ohne zu einem Entschluß zu

kommen. Heute las sie ihn nochmals durch und zerriß ihn dann in kleine

Stückchen, die sie im Ofen verbrannte. Nein, was sie dem Geliebten sagen

wollte, sagen mußte, das konnte sie dem Papier nicht anvertrauen. Steif

und gezwungen kamen ihr die Worte vor, die sie damals geschrieben hatte,

ganz anders standen sie heute in ihrem Herzen geschrieben, das ihr Tag und

Nacht keine Ruhe ließ vor heißer Sehnsucht nach Leo.

Er hatte sich – das wußte sie – bis Weihnachten Urlaub genommen, und

Nellie erwähnte heute wie zufällig, daß er bereits zurückgekehrt sei. Da

hatten ihre Augen aufgeleuchtet, und sie hatte geheimnisvoll gelächelt,

als würde sie von etwas Freudigem bewegt. Und so war es auch! Als sie

hörte, er sei wieder daheim, stand es in ihr fest, daß sie Weihnachten

nicht ohne ihn verleben wollte. Sie konnte es kaum erwarten, bis sie sich

zurückziehen durfte, denn heute abend wollte sie ihren Entschluß den

Eltern mitteilen. Ein frohes Lächeln überflog ihre Züge bei dem Gedanken,

daß sie die Lieben nun bald wiedersehen sollte, und sie schrieb einen

langen, ausführlichen Brief an die Eltern.

„In wenigen Tagen bin ich wieder bei euch,“ hieß es zum Schluß, „aber

verratet niemand meine Rückkehr, am wenigsten Leo.“ Die letzten Worte

unterstrich sie zweimal.

Am andern Morgen teilte sie Nellie mit, daß sie den Eltern geschrieben und

ihre Heimkunft zum Weihnachtsfest angemeldet habe. Es kam zögernd und

zaghaft heraus, denn sie konnte ihre große Verlegenheit nicht bemeistern.

Aber Nellies Gesicht strahlte förmlich bei dieser Botschaft und innig

schloß sie die Freundin in ihre Arme.

„O _darling_,“ sagte sie gerührt, „ich wußte es ja, du würdest wieder zu

dich kommen; o, nun ist alles wieder gut!“

„Nellie,“ fragte Ilse darauf leise, indem sie das erglühende Antlitz an

der Freundin Schulter barg, „glaubst du daß er mir verzeihen wird?“

„O wie kannst du nur fragen? Er hat sein kleines Braut so lieb, wie

glücklich wird er sein, wenn er dich wieder hat!“

Die beiden Freundinnen saßen noch lange Hand in Hand beisammen. Ilse hatte

so viele Fragen auf dem Herzen, und die junge Frau mußte noch manchen

Zweifel verscheuchen, noch manchen innern Streit schlichten, bis ihr

schließlich helles, ungetrübtes Glück aus Ilses Augen entgegenlachte und

diese ihre Freude auf das Wiedersehen mit Leo ganz unverhohlen zeigte.

Die Eltern schrieben umgehend wieder, und Ilse standen die hellen Tränen

in den Augen, als sie las, wie groß die Freude zu Hause über ihre baldige

Heimkehr war.

Es erfaßte sie nun eine Unruhe, eine Ungeduld, daß sie, so schwer ihr auch

der Abschied von den Freunden wurde, doch kaum den Tag ihrer Abreise

erwarten konnte.

So war der letzte Nachmittag, den sie bei den Freunden verbrachte,

herangekommen. Sie war mit Nellie und Orla in die Stadt gegangen, um noch

einige Einkäufe zu besorgen und Abschiedsbesuche zu machen. Als die

ersteren erledigt waren, trennte sich Orla von ihnen, da sie nach Hause

gehen wollte, um für den folgenden Tag noch zu arbeiten.

Sie wählte aber diesmal nicht den Weg durch die Stadt, sondern zog es vor,

über den alten Festungswall zurückzukehren, der um diese Zeit meist

menschenleer war. Die hohen, alten Linden, welche sich im Sommer zu einem

grünen, schattigen Dach wölbten, trugen jetzt schwere Schneemassen, und in

ihren Wipfeln saßen Scharen von Krähen. Durch den tiefen Schnee, der sich

dicht an die mächtigen Stämme schmiegte, war nun ein schmaler Pfad

gebahnt, auf dem Orla einherschritt. Links sah man in verschneite, zu

Villen gehörige Gärten, rechts konnte das Auge weiter schweifen über die

weißen Dächer der Stadt, über Felder und Wiesen bis zu den Umrissen einer

fernen Hügelkette. Heute war nicht viel davon zu sehen, da die Ferne in

einem grauen Nebel verschwand; auch das wirbelnde Schneegestöber ließ

schwer etwas erkennen. Orla stand einen Augenblick still und sah in den

lustigen Flockentanz vor ihren Augen. Sie bemerkte deshalb nicht, daß eine

Gestalt ihr entgegenkam. Erst als diese neben ihr stehen blieb, erkannte

sie Andres in derselben.

„Das ist ein glücklicher Zufall, daß ich Sie hier treffe,“ sagte er, indem

er sie begrüßte. „Eben war ich bei Althoffs, fand aber das Nest leer.“

„Ja,“ erwiderte Orla, „meine Freundinnen und ich gingen in die Stadt, und

ich habe mich von ihnen getrennt, da sie vorhaben, Abschiedsbesuche zu

machen, während ich nach Hause gehen will, um noch zu arbeiten.“

„Darf ich sie begleiten?“ fragte er, da sie langsam weiter ging.

„Gerne, Herr Doktor,“ versetzte sie freundlich, und sie schritten auf dem

engen Wege nebeneinander weiter.

„Es tat mir leid,“ fing er wieder an, „daß ich gerade heute niemand bei

Althoffs traf; ich wollte erzählen, welches Glück mich betroffen hat.“

„So?“ fragte sie und sah ihn neugierig dabei an, „bitte, erzählen Sie mir

doch, was Ihnen so Schönes begegnet ist?“

„Denken Sie nur, mir ist heute die Stelle des verstorbenen Doktor Gerber

angeboten worden. Was sagen Sie dazu, bin ich nicht ein Glückspilz? Vom

einfachen Assistenzarzt rücke ich so schnell vor und bin nun, sozusagen,

ein gemachter Mann.“

Die helle Freude über das frohe Ereignis lachte aus seinen Augen, die

erwartungsvoll auf Orla ruhten.

Sie reichte ihm aufrichtig die Hand.

„Ich gratuliere Ihnen von Herzen, das ist wirklich eine gute Botschaft,

die Sie uns bringen wollten, Herr Doktor.“

Er hatte ihre Hand festgehalten, die sie ihm jetzt entzog.

„Wie werden sich Althoffs freuen,“ fuhr sie fort, „wenn ich ihnen die

interessante Neuigkeit überbringe.“

„Sie sind die erste, welche sie erfahren hat, gnädiges Fräulein; ich kann

nicht beschreiben, wie froh ich darüber bin, wie dieses Glück erst jetzt

den rechten Wert für mich bekommt, da Sie es wissen und ich in Ihren Augen

lese, daß Sie sich mit mir darüber freuen. Fräulein Orla, soll ich Ihnen

sagen, warum mich dieses Anerbieten jetzt noch viel mehr beglückt, als es

das zu andern Zeiten getan hätte? Darf ich sprechen, wie mir um das Herz

ist?“

Er hatte eindringlich mit steigender Wärme geredet. Orla beschleunigte bei

seinen Worten ihre Schritte, sie wagte nicht ihn anzublicken. Ihre

angeborene Ruhe, ihre Sicherheit in allen Lebenslagen verließen sie, und

sie sann vergebens nach, welche Antwort sie ihm geben solle. Er hatte in

einer andern Sprache zu ihr gesprochen, die sie noch nicht kannte, seine

Stimme ging ihr in einer Weise zu Herzen, wie es ihr bis jetzt noch

niemals vorgekommen war.

Andres bemerkte ihre Erregung und drang nicht weiter in sie. Aber seine

Augen blickten feurig und leidenschaftlich in ihr blasses Antlitz. Ihre

feinen Nasenflügel bebten, zwischen den kühngeschwungenen, tiefschwarzen

Augenbrauen lag eine Falte, und die schnellen Atemzüge verrieten ihre

innere Unruhe. Schweigend gingen sie vorwärts, in beiden wogten die

Gedanken und keines vermochte zu sprechen.

„Habe ich Sie beleidigt?“ fragte er endlich, da Orla den Blick noch immer

geradeaus richtete und ihm der Ausdruck ihrer Züge jetzt fast streng

erschien.

„Nein, nein,“ gab sie schnell zur Antwort, „womit sollten Sie mich

beleidigt haben? Ich war nur so schweigsam eben, – weil ich an etwas

Wichtiges dachte –.“ Sie wollte eine Entschuldigung vorbringen, wurde aber

bei dieser Ausrede verlegen und beendete den Satz deshalb nicht.

„Wissen Sie schon,“ fuhr sie fort, indem sie schnell das Thema abbrach,

„daß Ilse morgen abreist? Sie wollte erst nächste Woche fort, aber ihr

Vater wünscht dringend, daß sie jetzt kommt. Sie wird uns sehr fehlen.“

Er fühlte sich von dieser Wendung des Gesprächs nicht angenehm berührt.

Sie schien zu ahnen, was er ihr hatte sagen wollen, und suchte nun leicht

darüber hinwegzugehen; begriff sie denn nicht, daß dies die

schmerzlichsten Zweifel in ihm wachrufen mußte? Und doch mußte er sich

wieder sagen, daß die Scheu vor seiner Frage echt mädchenhaft und nur zu

begreiflich war, und daß sie vielleicht deshalb so handelte, um Zeit zu

gewinnen und sich zu sammeln. Er wußte ja genau, daß sie keine Kokette

war, die nur mit ihm spielen wollte, und daß ihr auch in diesem Augenblick

nichts ferner lag, als ihm die Aussprache dessen, was er ihr sagen wollte,

zu erschweren. Scheinbar ruhig und unbefangen ging er auf ihr Gespräch

ein.

„Werden Sie denn Weihnachten zu Hause verleben?“ fragte Orla wieder.

„Ja, ich reise zu meiner Mutter und werde bei ihr die Ferien zubringen.“

„Wollen Sie die ganze Ferienzeit fort bleiben?“ entgegnete sie wider

Willen betroffen.

„Die ganze Ferienzeit!“ wiederholte er mit einem freudigen Aufblitzen in

seinen Augen.

„Wie schade,“ gestand sie offen, „dann sehe ich Sie also erst im neuen

Jahre wieder. Das Fest wird gewiß für uns ein recht stilles sein, da Ilse

fort ist und Sie auch fehlen. Ich werde die Ferienzeit benutzen, um

fleißig mit Doktor Althoff zu arbeiten.“

Sie seufzte leise, wohl unbewußt.

„Werden Sie zaghaft, wenn Sie an ihren künftigen Beruf denken, Fräulein

Orla?“

„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich habe mir meinen Beruf ja selbst gewählt,

wie könnte ich da zaghaft sein? Halten Sie mich für so wankelmütig, Herr

Doktor?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich weiß, Sie sind anders wie die meisten

ihres Geschlechts, und ich komme nur zu dieser Frage, weil Sie seufzten

und ich annahm, dieser Seufzer gelte Ihrer Zukunft.“

„Ja, meiner Zukunft galt er allerdings, da haben Sie recht. Wenn ich auch

nicht zittere und zage, so bin ich mir doch klar bewußt, daß ich keiner

leichten Zeit entgegengehe. Was muß noch alles in meinen armen Kopf

hinein! Und dann die Examina, – wenn ich daran denke, wird mir doch etwas

bänglich zu Mute. Nicht wahr, die sind sehr schwer? Wenn meine

Examinatoren nur nicht zu streng sind und etwas gnädig mit mir verfahren.“

„Ich wüßte einen Ort,“ warf er fast schüchtern ein, „wo Sie ein leichtes

Examen bestehen könnten. Ich kenne den einen Examinator, wie mich selbst,

und weiß, daß er Ihnen keine Frage stellen würde, die Sie nicht

beantworten könnten.“

„Wie heißt dieser Ort?“ fragte sie ahnungslos und sah ihn voller Erwartung

an.

Das geheimnisvolle, schelmische Lächeln in seinem Gesicht, als er jetzt

weiter sprach, ohne ihre Frage zu beantworten, bemerkte sie nicht.

„Ja, ich weiß sogar, daß der bewußte Examinator, wenn Sie ihm seine erste

– allerdings schwerwiegende – Frage richtig und zur vollsten Zufriedenheit

beantwortet haben, überhaupt keine weiteren Fragen an Sie richten wird.“

Sie sah ihn mit ihren großen Augen erstaunt an.

„Sie sprechen in Rätseln, Herr Doktor, oder wollen Sie sich über mich

lustig machen? Nicht wahr, Sie finden es so unerhört, wenn eine Frau sich

auf männliches Gebiet wagt, daß Sie mich verhöhnen wollen? Aber warten Sie

nur, wenn ich erst Doktorin bin, und Ihnen mein Diplom schicke, dann

müssen Sie klein beigeben. Übrigens – Ihre Zweifel sind ganz heilsam für

mich, sie feuern mich an, Ihnen zu beweisen, daß auch das weibliche

Geschlecht etwas zu leisten vermag.“

Sie hatte ohne die geringste Empfindlichkeit gesprochen, aber mit großem

Eifer, so daß ihre Wangen zart gerötet waren, und sie unbeschreiblich

liebreizend in diesem Augenblick aussah.

„Ich kann Ihnen auch behilflich sein, Doktorin zu werden,“ sagte er wieder

mit derselben geheimnisvollen Miene, „oder vielmehr der Examinator, von

welchem ich eben sprach, kann Sie zur Doktorin machen, wenn Sie nur

wollen.“

Seine Stimme klang erregt, er atmete tief und schnell, und sein seltsames

Wesen fiel Orla jetzt auf. Sie erwiderte nichts und hielt die Augen auf

ihren kleinen Muff gesenkt, von welchem sie mechanisch die immer

wiederkehrenden Schneeflocken fortstrich.

„Orla,“ sagte er bittend, indem er stillstand und ihre Hand ergriff,

„verstehen Sie mich nicht, oder wollen Sie mich nicht verstehen? Meine

Worte sind ernst gemeint, ich scherze nicht. Der Examinator, von welchem

wir sprachen, – darf ich es sein? Wollen Sie mir die einzige Frage

beantworten? Nur mit einem kleinen Wort, das genügen würde, mich zum

glücklichsten Menschen zu machen.“

Ihr Herz klopfte in raschen Schlägen, und sie holte tief Atem. Aber sie

konnte nicht sprechen, sie fühlte wie seine Hand zitterte, wie qualvoll

diese Ungewißheit für ihn sein mußte, und doch vermochte sie es nicht, ihm

eine Antwort zu geben.

„Orla!“

Er beugte sich ganz nahe zu ihr hin, und sagte in zärtlichem Ton: „Wollen

Sie meine Doktorin werden?“

Jetzt blickte sie zu ihm auf, und in ihren Augen las er ein stummes Ja.

Im überschwänglichen Glücksgefühl umfaßte er ihre schlanke Gestalt und

drückte einen Kuß auf ihre Lippen.

„Geliebte,“ flüsterte er innig, „bist du ebenso glücklich wie ich? Sage es

mir.“

„Ich kann nicht glücklicher sein,“ gab sie leise zur Antwort, und ihr

schönes Antlitz strahlte in bräutlicher Seligkeit.

Er hatte ihren Arm in den seinigen gelegt und hielt ihre Hand fest

umschlossen. So gingen sie weiter auf dem schmalen Wege zwischen den

beiden Schneewänden. Wer könnte die ersten Stunden beschreiben, die auf

das beseligende Geständnis der Liebe folgen? die scheue Zurückhaltung der

Braut schildern, die noch so schüchterne Leidenschaft des Bräutigams, die

ernsten und doch so heiteren Gedanken, welche die Brust der Glücklichen

wie Frühlingswehen durchziehen und sie still und schweigsam machen? Ein

inniger Händedruck, ein Blick in die geliebten Augen, sie sind beredter

als tausend Worte. –

Und so schritt auch unser Paar in stummer Glückseligkeit dahin. Über ihnen

heulte der Wind in den Bäumen, die alten ehrwürdigen Wipfel mußten es sich

gefallen lassen, daß er mit ihnen sein Spiel trieb, laut ächzend beugten

sie sich seiner Macht und schüttelten unwillig den Schnee von ihren

Häuptern, den beiden gerade ins Gesicht. Aber sie achteten der

winterlichen Schauer nicht, in ihren Herzen war es licht und sonnig, und

das Blut wallte ungestüm durch die Adern, so daß Orla oft tief aufatmen

mußte und schließlich ihr Jäckchen öffnete, weil es so erdrückend heiß

wäre, wie sie sagte. –

Die Dunkelheit war hereingebrochen, als sie in die erleuchteten Straßen

einbogen. Orla drängte es nach Hause zu kommen. Sie ging durch eine kleine

Seitengasse, welche den Weg bedeutend abkürzte. Andres hätte gern noch den

weitesten Umweg durch die Stadt gemacht, aber sie meinte, Nellie und Ilse,

die gewiß längst zu Hause wären, würden sich sehr wundern, daß sie noch

nicht daheim sei. Er brachte sie bis vor Althoffs Haus. An der

Gartenpforte blieb Orla stehen und streckte ihm die Hand entgegen.

„Soll ich nicht mit hinaufgehen?“ fragte er erstaunt, „wollen wir den

Freunden nicht unser Glück mitteilen?“

„Jetzt nicht, noch nicht, Liebster, ich muß erst mit mir allein sein, und

mich zu fassen suchen. Morgen, dann wollen wir es den Freunden sagen.“

Wie ein Schatten flog es über seine Züge. Er sollte sich jetzt von ihr

trennen, sie heute nicht mehr wiedersehen? Wie konnte er bis morgen Ruhe

finden, Ungeduld und Sehnsucht würden ihn verzehren. Das war zu viel

verlangt!

„Du bist grausam,“ sagte er leise.

Sie lächelte und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ja, es kam ihr jetzt

selbst grausam vor, daß sie sich bis morgen nicht wiedersehen sollten.

„Willst du heute abend nach dem Essen kommen? Du findest uns dann alle

zusammen, und wir überraschen die Freunde mit der Nachricht, daß wir

Brautleute sind. Ist es dir recht so?“ Statt jeder Antwort preßte er seine

Lippen auf ihre Hand und schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie entwand

sich ihm aber schnell.

„Wenn man uns sähe,“ sagte sie und blickte sich ängstlich um. „Ich will

lieber gehen. Leb wohl, auf Wiedersehen bis nachher, komm nicht zu spät.“

Trotzkopf's Brautzeit · 第 15 / 18 段