sich auch Orla ein, wenn er kam. Ilse mußte noch immer auf dem Sofa
liegen, obgleich sie behauptete, sich wieder ganz wohl zu fühlen. Aber da
es der Doktor so anordnete, wagte sie nicht, sich zu widersetzen, und ließ
es sich schließlich ganz gern gefallen, daß sie auf das liebevollste
gepflegt und verhätschelt wurde. Einige Male hatte sie Orla dabei ertappt,
daß sie zu der Zeit, wenn Andres zu kommen pflegte, erwartungsvoll durchs
Fenster blickte. Sie teilte ihre Beobachtungen Nellie mit und auch diese
hatte schon bemerkt, daß der junge Mann Orla nicht gleichgültig geblieben
war, und daß auch seine Augen strahlten, wenn er mit der Russin sprach.
Und als Ilse wieder gesund war und seine ärztlichen Besuche aufhörten, da
war er ein Freund des Hauses geworden, ein häufiger, gern gesehener Gast
bei Althoffs.
* * *
Leider ging es Floras Mann nicht so gut, wie Ilse, sein Zustand hatte sich
von Tag zu Tag verschlimmert, er war schwer an einer Lungenentzündung
erkrankt. Andres hatte noch einen zweiten Arzt hinzugezogen und beide
blickten mit großer Besorgnis in die nächste Zukunft. Die Freundinnen
standen Flora in dieser schweren Zeit treu zur Seite, täglich kam eine, um
zu helfen und zu raten; denn Flora war in der Krankenpflege ganz
unerfahren und ungeschickt. Sie hatte im Anfang die Krankheit ihres Mannes
mit großer Sorglosigkeit angesehen; als aber das hohe Fieber nicht weichen
wollte, die Kräfte ersichtlich abnahmen und sie die besorgten Gesichter
der beiden Ärzte sah, da fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen,
und eines Tages war sie Nellie weinend um den Hals gefallen und hatte
ihrem geängstigten Herzen Luft gemacht. Nellie hatte sie auf das
liebevollste getröstet und ihr Mut eingesprochen. Als sie dann aber den
einst so kräftigen Mann abgemagert und teilnahmlos in den Kissen liegen
sah, da vermochte sie selbst die Tränen nicht zurückzuhalten, und auch
nachher konnte ihr Gatte sie kaum beruhigen, als sie nach Hause kam und
ihm erzählte, wie Gerber verändert und kaum wieder zu erkennen sei.
Wieder vergingen Tage, ohne die so heiß ersehnte Besserung zu bringen, und
Flora, welche jeden Halt verloren hatte, weinte nur und klagte, selbst im
Krankenzimmer konnte sie sich nicht beherrschen. Nellie hatte sich
erboten, Käthchen mitzunehmen, da sie es nicht mehr mit anzusehen
vermochte, wie das Kind am Bett seines Vaters kauerte, die großen Augen
angstvoll auf sein eingefallenes Gesicht gerichtet, und leise seine Hände
streichelte.
„Laß das Kind mit mich gehen,“ hatte Nellie gebeten, „es ist hier keine
Ort für ihr.“ Und auch Andres, der zugegen war, meinte, es wäre besser für
die Kleine, wenn sie in andre Umgebung käme, der fortwährende Aufenthalt
in der Krankenstube könne ihr nur schaden.
Flora nahm Nellies Anerbieten gern an, und die junge Frau war sofort daran
gegangen, Käthchens Sachen zusammenzupacken und alles Nötige zu besorgen.
Aber so leicht, wie sie dachte, ließ sich das Kind nicht mitnehmen; es
sträubte sich und wollte durchaus bei seinem lieben Papa bleiben. Nach
unendlicher Mühe und vielen Liebkosungen Nellies gelang es ihr
schließlich, Käthchen gegen das Versprechen, daß sie ihren Papa bald
wiedersehen würde, und auf die Versicherung hin, daß dieser selbst
wünschte, sie möge ein artiges Kind sein, zum Mitgehen zu bewegen. Alles
war zum Empfang der Kleinen auf das reizendste vorgerichtet. Nellie hatte
hübsche Spielsachen eingekauft, und die beiden jungen Mädchen versuchten,
mit ihr zu spielen und zu scherzen. Es glückte ihnen aber nicht, ein
Lächeln auf dem ernsten Kindergesicht hervorzurufen. Die Spielsachen
blieben unberührt, und Käthchen fragte nur immer, ob ihr lieber Papa bald
wieder gesund würde. Die weichherzige Ilse mußte sich abwenden, um ihre
Rührung zu verbergen, sie konnte den traurig fragenden Blick in Käthchens
Augen nicht ertragen. Als Nellie sie am Abend in das Bettchen brachte, das
sie dicht neben das ihrige gestellt hatte, und die Kleine mit gefalteten
Händen ihr Abendgebet hersagte, das mit der rührenden Bitte schloß:
„Lieber Gott, mache meinen Papa recht bald wieder gesund,“ da ahnte das
unschuldige Kindergemüt nicht, daß bereits der Todesengel unheilschwer
über dem Haupte des Vaters schwebte.
[Illustration]
„Nicht wahr, liebe Tante, der liebe Gott hat mich gehört?“ fragte sie
Nellie, und als diese unter Tränen lächelnd nickte, legte sie das Köpfchen
voll Vertrauen in die Kissen. Nellie blieb so lange am Bettchen sitzen,
bis Käthchen fest eingeschlafen war. Die blassen Bäckchen hatten sich zart
gerötet, und der kleine Mund lächelte im Schlafe. Fast andächtig blickte
die junge Frau auf das schlummernde Kind, – konnte es etwas Süßeres, etwas
Lieblicheres geben? Sie streichelte die kleinen Hände und lauschte den
ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Wie eine Mutter strich sie mit der Hand
über die Kissen, daß auch kein Fältchen den Schlummer des kleinen
Geschöpfchens stören sollte. Dann erhob sie sich, drückte einen leisen Kuß
auf die reine Kinderstirn und schlich sich aus dem Zimmer.
„O, es liegt wie eine Engel, das kleine Mädchen,“ sagte sie zu Orla und
Ilse.
Spät am Abend kam Doktor Andres, bleich, mit verstörter Miene. Es hatte
ihn gedrängt, den Freunden noch mitzuteilen, daß man sich auf das
Schlimmste gefaßt machen müßte. Das Fieber blieb trotz aller angewandten
Mittel auf gleicher Höhe und die Kräfte verfielen zusehends. Alle waren
über diese Botschaft tötlich erschrocken, und Nellie zeigte sich sofort
bereit, zu Flora zu eilen.
„O nein, ich darf ihr nicht verlassen!“ rief sie, als man sie zurückhalten
wollte. „O, Fred, laß mich! Ich rege mir viel mehr auf, wenn ich hier
bleibe, während meine Gedanken doch bei ihr sind.“
„Dann gehe ich mit dir,“ entschied Althoff, der es schließlich auch ganz
natürlich fand, daß seine Frau Flora in den schweren Stunden, vielleicht
den schwersten ihres Lebens, nicht verlassen wollte. Der junge Arzt
verabschiedete sich, er mußte wieder zu dem Kranken eilen. Orlas Hand
behielt er länger als gewöhnlich in der seinen, und sein tiefer, ernster
Blick ruhte mit Innigkeit auf ihrem Antlitz.
„Auf Wiedersehen!“ sagte er leise und ging fort.
Ilse hatte Nellies Sachen hereingeholt und half der Freundin mit
zitternden Händen beim Anziehen. Wie ein Alp lastete es auf allen, und nur
das Nötigste wurde gesprochen.
Das junge Ehepaar war fortgegangen, und es herrschte jetzt eine fast
unheimliche Stille in dem Zimmer, in welchem sonst heiteres Lachen und
Plaudern ertönte. Orla saß am Tisch, tief über ein Buch gebeugt. Ilse
lehnte in der Sofaecke, die gefalteten Hände lagen in ihrem Schoß. Sie
fürchtete sich grenzenlos, aber sie wagte nicht, Orla dies einzugestehen.
Die kleine niedrige Lampe mit dem breiten Schirm beleuchtete hell den
runden Tisch. Aber die übrigen Gegenstände im Zimmer außerhalb dieses
Lichtkreises verschwanden in einem matten Halbdunkel. Nichts störte die
nächtliche Ruhe, als das gleichmäßige Ticken der Uhr. Orla saß
unbeweglich, scheinbar in ihre Lektüre vertieft, kaum daß sie mit der
Wimper zuckte. Aber ihre Gedanken weilten heute nicht bei dem Inhalt des
Buches, den sie mechanisch ablas. Sie hafteten an einer hohen, schönen
Gestalt, von der sie sich nicht losreißen konnte, deren Bild sie im Wachen
nicht verließ und bis in ihre Träume verfolgte. Mit doppeltem Eifer, als
wollte sie es gewaltsam zurückdrängen, hatte sie gelesen und studiert. Sie
war fast unzugänglich und sehr schweigsam gewesen, hatte immer hinter
ihren Büchern gesessen, so daß ihr Lehrer, so sehr er sich über ihre
Fortschritte freute, sie doch ernstlich ermahnte, ihre Kräfte zu schonen.
Nur wenn Andres kam, dann sprudelte sie über von Geist und Witz. Er
erkundigte sich nach ihren Studien, sie fragte nach den Erlebnissen in
seiner Praxis. Beide schienen dann nur für einander da zu sein, sie
vergaßen völlig ihre Umgebung, und die sonst so kluge, überlegene Orla
dachte nicht daran, daß die Freunde merken mußten, was sie als tiefstes
Geheimnis in ihrem Herzen verschlossen zu halten glaubte.
Kleine harmlose Neckereien ließ sie sich lächelnd gefallen, aber jede
ernste Anspielung wies sie entschieden zurück. Sie meinte, wenn zwei
Menschen zusammen übereinstimmten und gemeinsame Interessen hatten, müßten
sie nach der Ansicht der anderen natürlich gleich ineinander verliebt
sein. Sie wäre überhaupt keine Natur zum Lieben geschaffen.
Nellie und Ilse als Erfahrenere in dieser Beziehung lächelten sich bei
diesen Worten überlegen an und schwiegen.
Orla glaubte sich wirklich gefeit gegen die Liebe. Die kleinen Tändeleien
und Liebschaften, welche andern so viel Freude und auch wohl kindliche
Schmerzen bereiten, waren ihr fremd geblieben. Außer Doktor Althoff, für
den in der Pension alle Mädchen schwärmten, hatte sie nie eine sogenannte
„Flamme“, wie es die andern nannten, gehabt. „Kalt wie eine
Hundeschnauze“, diesen sehr drastischen Vergleich hatte Annemie einmal
gebraucht, worüber die ästhetische Flora ganz entsetzt gewesen war.
An die Ärmste dachte Orla jetzt voller Mitleid! Die Lust zum Dichten würde
ihr wohl jetzt, da ihr das Leben zum ersten Male seine ernsten Seiten
zeigte, vergehen. Wie es wohl um diese Zeit bei Gerbers aussah? Orla sah
Andres im Geist neben dem Bette des Kranken sitzen, ruhig und sicher seine
Anordnungen treffend. Diese Ruhe und Sicherheit, sein rücksichtsvolles
Wesen, wo es galt, Rücksicht zu nehmen, – stempelten ihn diese
Eigenschaften nicht zum echten, menschlich fühlenden und denkenden Arzte,
zu welchem die Kranken mit unbedingtem Vertrauen aufblicken konnten?
Vielleicht waren jetzt gerade Floras um Hoffnung flehende Augen auf ihn
gerichtet, und, – o Gott, wie schwer mußte das sein, – vielleicht konnte
er ihr keine mehr geben, vielleicht war schon alles vorbei!
Wenn sie nur wüßte, wie es ging, die Stunden schlichen so langsam dahin,
eben schlug es draußen von den Türmen in langsamen Schlägen zwölf Uhr. Die
Geisterstunde, wie Ilse schaudernd dachte. Ihre lebhafte Phantasie war von
den schaurigen Bildern erfüllt. Bald starrte ihr aus einer Ecke das
totenblasse, verzerrte Gesicht des Doktor Gerber entgegen, oder Leo
erschien ihr, und seine Augen schauten sie traurig und vorwurfsvoll an.
Aus allen Winkeln grinsten sie Fratzen und Gestalten an; die weißen
Gardinen erschienen ihr wie wallende Gewänder von Gespenstern, wo sie
hinblickte, sah sie etwas Gräßliches. Nein, so hielt sie es nicht länger
aus! sie erhob sich aus ihrer dunklen Ecke und trat an den Tisch.
Orla blickte auf.
„Es ist spät geworden, wollen wir zu Bett gehen, Ilse?“
„Ach Orla, ich kann doch nicht schlafen, ich bin zu aufgeregt.“
„Ich bleibe gern mit dir auf,“ erwiderte Orla und erhob sich. „Komm, wir
wollen nach der Kleinen sehen, ob sie ruhig schläft.“
Ilse schmiegte sich dicht an die Freundin, als sie über den Vorplatz
gingen, und sah sich fortwährend furchtsam um. Als Orla beim Vorbeigehen
den Schirmständer streifte, schreckte Ilse bei dem Geräusch jäh zusammen
und umklammerte die Russin mit beiden Händen.
„Kind, ich glaube wahrhaftig, du fürchtest dich,“ sagte Orla erstaunt, da
ihr Furcht etwas ganz unbekanntes war.
„Ach nein, nur heute abend,“ stotterte Ilse verlegen, die sich gerade von
Orla nicht gern dabei ertappen ließ, daß sie ein Hasenfuß war.
Das Zimmer, in welchem Käthchen schlief, war nur schwach durch eine
Nachtlampe erleuchtet, deren matter Schein auf dem weißen Bettchen lag.
Die jungen Mädchen beugten sich darüber und betrachteten das sanft
schlummernde Kind.
„Wie entzückend!“ flüsterte Ilse.
„Armes, kleines Ding!“ sagte Orla und küßte es auf das weiche Bäckchen.
„Wie es nur bei Gerbers aussehen mag,“ meinte Ilse und ließ sich auf einen
Schemel zu Füßen Orlas, die sich neben das Bettchen gesetzt hatte, nieder.
Die Freundin konnte nur mit einem Achselzucken antworten; auch sie
beschäftigte sich innerlich fortwährend mit dieser Frage.
„Ich kann mir gar nicht denken, daß er nicht wieder gesund wird,“ fuhr
Ilse fort. „Es wäre doch schrecklich, so jung sterben zu müssen.“
„Danach fragt der Tod nicht,“ sprach Orla leise wie in Gedanken versunken
vor sich hin. „Meine Eltern waren auch noch jung, als sie starben und mich
als Waise zurückließen.“
Ilse blickte zu der Freundin empor und sah es feucht in deren Augen
schimmern, die heute einen seltsam weichen Ausdruck hatten. Schmeichelnd
legte sie ihren Kopf in Orlas Schoß.
„Liebe, liebe Orla,“ flüsterte sie leidenschaftlich und hätte sich ihr in
der Stimmung, in welcher sie sich befand, am liebsten um den Hals
geworfen, um sich dort auszuweinen. Aber sie wußte, daß Orla eine Feindin
solcher Szenen war, und deshalb begnügte sie sich damit, ihr die Hände zu
streicheln und ihre Wange darauf zu legen. So saß sie ganz still mit
geschlossenen Augen und als Orla ihr liebkosend über das braune, lockige
Haar fuhr, da war es ihr, als ruhte sie an Leos Brust und dieser ließe
ihre Locken durch seine Finger gleiten, was er so gerne tat. Die
zärtlichen, rosigen Stunden ihrer Brautzeit drängten sich in ihre
Erinnerung, und sie empfand im Geiste wieder das wohlige Gefühl, von den
Armen eines geliebten Mannes umschlossen zu sein. Hatte ihr Herz in
solchen Momenten nicht höher geschlagen vor Freude und Seligkeit? Und
warum war es denn anders geworden, warum sollten diese glücklichen Zeiten
vorbei sein? Wie ein Nebel zerfloß vor ihren Augen die kleinliche Ursache
ihres Streites, und sie wollte es sich gar nicht mehr eingestehen, daß sie
deshalb ihr Glück auf das Spiel gesetzt hatte. Wie viele Stunden und Tage
hatte sie sich und ihm verbittert, welch lange Trennung herbeigeführt!
Wann wird diese ein Ende nehmen?
Auf einmal empfand sie, wie bitter unrecht das alles war, da doch das
Leben nur kurze Dauer hat und die schweren Zeiten ohnedies nicht
ausbleiben. Konnte sie nicht ein gleiches Schicksal treffen wie Flora,
welche auch achtlos in den Tag hinein lebte und nun vielleicht zu spät
erkannte, welche Pflichten sie hätte erfüllen müssen? Wenn jetzt deren
Mann stürbe, würde dann nicht die Reue sie ewig peinigen und ihr
mitleidlos zurufen: du hast deinen Mann vernachlässigt, du hast sein
Dasein nicht erhellt. Mit diesem schrecklichen Vorwurf im Herzen leben zu
müssen, dachte Ilse, nein, das könnte sie nicht, da würde sie eher
vergehen.
Aber hatte sie nicht auch Liebe und Glück besessen und beides mit
leichtsinniger Hand beiseite geworfen? Würde sie wohl wieder aufrichten
können, was sie zerstört hatte, oder war es schon zu spät dazu? Nein, das
durfte, das konnte nicht sein! Es packte sie mit wahnsinniger Angst, und
der Gedanke, daß Leo jetzt sterben könnte, stand drohend vor ihrer Seele
und verfolgte sie wie eine fixe Idee. Um Gottes willen, nur das nicht, nur
das nicht, dachte sie bebend, und sie gelobte sich in diesem Augenblick
feierlich, anders werden, ihm nie wieder solches Leid zufügen zu wollen.
Und nun dachte sie auch daran, wie sie ihre Eltern gekränkt hatte, wie die
darunter leiden und mit welcher Sorge sie wohl in ihre Zukunft blicken
mochten. Dennoch aber hatte sie nie ein Tadel oder Vorwurf getroffen, ihre
Briefe waren stets liebevoll und zärtlich gewesen, aus zarter Rücksicht
hatten sie niemals ihr Zerwürfnis mit Leo berührt. Und wie vergalt sie
solche Liebe und Güte, war sie dankbar dafür?
Beschämt hielt sie Einkehr in ihrem Innern, sie fühlte, wie unrecht sie
gehandelt hatte und noch handelte; immer klarer wurde es in ihr, ihre
bessere Natur gewann wieder die Oberhand in ihrem Herzen, von welchem sich
Trotz und Eigensinn wie rauhe Schalen von einem guten Kern lösten.
Vor ihren Augen zogen Bilder aus der Vergangenheit vorüber, die Rückkehr
aus der Pension in das Elternhaus, ihre Verlobung. Sie sah die Eltern, das
kleine Brüderchen, sie hörte dieses jauchzen, war mit Leo zusammen und
fühlte sich glückselig und froh, wie sie es lange nicht gewesen. Die
lieblichsten Erinnerungen wiegten sie endlich sanft in Schlummer und
begleiteten sie in ihren Träumen, aus denen sie erst erwachte, als sie
plötzlich ihren Namen rufen hörte.
Schlaftrunken fuhr sie empor und sah Doktor Althoff, der eifrig mit Orla
sprach. Sie wurde sich bewußt, daß sie sehr lange geschlafen haben mußte,
denn die Morgendämmerung stahl sich schon durch die Fenster herein und
überzog alles mit einem grauen, fahlen Schein.
„Komm Ilse, steh auf,“ sagte Orla und half ihr sich erheben. Mit einem
traurigen Blick auf das schlafende Kind neigte sie sich dicht zu ihrem Ohr
und sagte mit leiser Stimme: „Der arme Doktor Gerber ist tot.“
„O, mein Gott!“ rief Ilse so laut, daß Orla sie aus dem Zimmer zog, weil
das Kind nicht aufwachen sollte.
„Ist es denn wahr?“ fragte sie Althoff mit tränenerstickter Stimme; „das
ist ja fürchterlich.“ Er nickte und ließ sich in einen Stuhl fallen, indem
er den Kopf müde in die Hand stützte.
„Die arme, arme Flora, das süße kleine Käthchen,“ jammerte Ilse, während
sie aufgeregt hin und her ging.
Orla war inzwischen hinausgegangen und hatte dafür gesorgt, daß Althoff
Kaffee bekäme. Sie brachte ihm jetzt selbst eine Tasse herein und setzte
sie vor ihn hin.
„Bitte, trinken Sie, Herr Doktor, ich habe den Kaffee recht stark gemacht,
er wird Sie erfrischen.“
Er dankte ihr herzlich und trank. Dann zog er seine Uhr heraus.
„Schon bald acht Uhr, da ist es Zeit, daß ich gehe.“ Er erhob sich.
„Die arme Nellie, sie ist so erregt, es ergreift sie tief,“ sagte er.
„Sie muß entschieden jetzt Ruhe haben,“ versetzte Orla, „ich werde zu
Flora gehen und sie ablösen.“
„Ich gehe mit,“ rief Ilse und hing sich an Orlas Arm.
Die beiden gingen mit Althoff zusammen fort. Dieser war froh, daß Nellie
nun nach Hause gehen konnte, denn er fürchtete, daß die entbehrte
Nachtruhe und die Aufregung ihr schaden könnten.
Als die Freundinnen das Trauerhaus betraten, zögerte Ilses Fuß auf der
Schwelle; sie mußte die Hand auf das klopfende Herz legen. Schon hier
beschlich sie das unheimliche Gefühl, welches der Ort, an dem ein Toter
liegt, hervorruft, und sie wäre am liebsten wieder umgekehrt, wenn nicht
Orla, welche die Treppe schon hinaufgegangen war, sie leise gerufen hätte.
Oben an der Tür kam ihnen Nellie mit verweinten Augen entgegen und die
drei jungen Wesen umarmten sich stumm, keine vermochte zu sprechen. Sie
traten in Floras Zimmer ein. Heute lagen keine bunt verstreuten Blätter
auf dem Schreibtisch herum, wie bei Ilses erstem Besuche, auch glich die
schweigsame Nellie am Fenster nicht im geringsten der Nellie von damals,
deren übermütiger Spott so belustigend gewesen war. Der düstere
Wintermorgen paßte so recht zu der Stimmung in dem stillen Gemach.
Fröstelnd, kalt und unbehaglich war es heute, der einförmig graue Himmel
sah nicht aus, als ob er auch im klarsten Blau strahlen und heiter
lächelnde Sonnenblicke schicken könnte.
„Wo liegt er?“ fragte Orla endlich nach langem Schweigen.
Nellie bezeichnete ihr das Zimmer.
„Ist Flora dort?“
„Sie ruht sich ein wenig,“ gab Nellie zur Antwort.
Orla ging hinaus. Sachte klinkte sie die Türe zum Sterbegemach auf und
trat ein. Durch die weit geöffneten Fensterflügel strömte ihr die kalte
Luft erfrischend entgegen, und sie atmete tief auf, denn die dumpfe Luft
in Floras Zimmer war beängstigend gewesen und hatte sie beklommen gemacht.
Noch erinnerte in dem Raum nichts daran, daß hier ein Toter lag, noch
hatte keine ordnende Hand den Eindruck des Krankenzimmers verwischt. Auf
dem Tischchen vor dem Bett stand noch das halbgeleerte Glas, aus welchem
er zuletzt getrunken, daneben lag das Thermometer, das mit grausamer
Genauigkeit die hohe Temperatur des Kranken gezeigt hatte. Alles war noch
unberührt geblieben, und man konnte glauben, daß der stille Mann dort im
Bett ein Schlafender wäre.
Orla war näher getreten und sah mit wehmütigen Blicken auf ihn nieder.
Ruhig und friedlich war der Ausdruck seines Gesichtes, das wachsbleiche
Profil hob sich scharf von dem dunklen Grund der Wand ab, die Hände lagen
über der Brust zusammengefaltet. Sie ließ sich auf einem Stuhle nieder,
der dicht am Bett stand, und betrachtete lange das Antlitz des
Verblichenen. So im besten Mannesalter zu sterben, das mußte schrecklich
sein, – und doch, konnte man ihn beklagen, der das Leben verließ, dem
Unglück und Leid nun nichts mehr anzuhaben vermochten? Nein, zu beklagen
waren die, die ihn beweinten, die trauernde Witwe, das verwaiste Kind.
Ihnen hatte der erbarmungslose Tod den Gatten, den Vater geraubt.
[Illustration]
Ein leiser Schritt hinter Orla ließ sie aufblicken; es war Andres, der ihr
ernst die Hand entgegenstreckte und dessen Blässe verriet, daß er am
Totenbette seines Freundes und Vorgesetzten viel gelitten hatte.
Schweigend sah er auf den Toten, indem er Orlas Hand in der seinen
behielt. Dann wandte er sich ihr zu, und seine Augen versenkten sich in
die ihrigen.
„Ihr künftiger Beruf wird Sie an manches Totenbett führen und oft werden
Sie bitter empfinden, wie schwach die Hilfe des Arztes ist, wenn er
verzweifelt nach Mitteln sucht, und wie armselig ihm seine Wissenschaft
vorkommt, wenn er in brechende Augen sieht, ohne Rettung bringen zu
können. Werden Sie das ertragen, Orla, wird das nicht zu viel sein für ein
zartes Weib?“
Es war zum ersten Male, daß er sie beim Vornamen nannte. Flüsternd und
schnell hatte er gesprochen und fast flehend hatte seine letzte Frage
geklungen. Sie antwortete ihm nicht darauf, – hatte er nicht recht und war
es nicht gewagt für ein Weib, von Natur die Schwächere, von ihrem Körper
abhängig, daß sie glaubte, sich an die Seite ernster Männer zu stellen,
wie sie ringen und kämpfen zu können, um der leidenden Menschheit zu
helfen? Zum ersten Male am Bett dieses Toten war ihr der Gedanke gekommen,
daß es schwer sein müßte und daß das Gemüt einer Frau sich wohl nie daran
gewöhnen würde, dem unerbittlichen Tod so oft ins starre Antlitz zu
blicken. Es waren also ihre eigenen Gedanken gewesen, welchen der junge
Arzt Worte verliehen hatte. Wie deutlich verstand er in ihrer Seele zu
lesen!
Die Türe wurde jetzt geräuschlos geöffnet, und ein Luftzug drang durch das
Fenster, der die Gardinen bewegt, und das junge Paar streifte. Flora mit
Ilse und Nellie traten ein, letztere im Hut und Mantel, da sie im Begriff
war fortzugehen. Die junge Witwe schien um Jahre gealtert, ihre Augen
waren tief eingesunken und ihr Gesicht aschgrau. Unheimlich starren
Blickes sah sie auf ihren Mann, wie gebrochen sank sie auf dem Stuhl am
Bette nieder und legte den Kopf auf ihre Arme, welche krampfhaft die
Stuhllehne umklammerten. Ilse unterdrückte mit Mühe ein lautes Schluchzen,
sie hatte noch nie eine Leiche gesehen und mußte ihre zitternde Gestalt
fest auf Nellies Arm stützen, als sie nun ängstlich in das regungslose
Antlitz schaute, das vor ihr in den weißen Kissen lag. In heiliger Scheu
und Andacht umstanden sie alle das Lager des Geschiedenen, nichts
unterbrach die feierliche Stille des Sterbezimmers. Plötzlich ertönte
draußen eine weinende Kinderstimme, man hörte trippelnde Füßchen über den
Vorplatz eilen; im nächsten Moment schnellte die Türklinke auf, und die
kleine Käthe kam ins Zimmer gelaufen. Einen Augenblick staunte sie die
tiefernsten Gesichter an und sah verwundert von einem zum andern, dann
erblickte sie ihren Papa in seinem Bett, und durch die hellen Tränen
schimmerte in ihren Augen ein glückseliges Lächeln.
„Lieber, lieber Papa, nun bin ich wieder bei dir und gehe nicht mehr
fort,“ sagte sie zärtlich.
Orla trat zu der Kleinen und wollte sie fortführen, sie klammerte sich
aber an das Bett und fing jämmerlich an zu weinen.
„Nein, ich will hier bleiben,“ rief sie und fragte dann:
„Schläfst du denn noch, lieber Papa? Bitte, bitte, wache doch auf, ich
will dir ja guten Morgen sagen. Aber Papa, so höre mich doch!“ drängte sie
endlich ungeduldig, und als sie keine Antwort erhielt, stellte sie sich
auf die Fußspitzen und sah ihm ins Gesicht. Und wieder rief sie ihn
schmeichelnd, und ihre kleinen Finger strichen liebkosend über seine
erstarrten Hände. Aber schaudernd fuhr sie zurück, und wie eine unbewußte
Ahnung überflog es ihre kindlichen Züge.
„Papa, Papa!“ schrie sie laut, „warum bist du denn so kalt, lieber Papa,
warum wachst du nicht auf?“ Furchtsam wich sie von ihm zurück, ihre großen
angstvollen Augen fortwährend auf das bleiche Antlitz gerichtet.