Ilse hatte schon einige Male versucht, ihn zu unterbrechen und sich

durchzudrängen, – vergebens! Ekel und Abscheu erfaßte sie.

„Lassen Sie mich fort,“ sagte sie bebend vor Zorn.

„Wenn Sie mich angehört haben und den Kummer meines Herzens kennen, dann

sollen Sie den Weg frei haben, aber erst müssen Sie mich hören und

vielleicht gönnen mir Ihre Lippen ein Wort des Trostes.“

„Ich will Sie nicht hören,“ stieß Ilse in höchster Aufregung hervor;

„lassen Sie mich gehen, oder ich rufe laut um Hilfe.“

„Sie werden doch keine Szene machen, den andern kein Schauspiel gönnen,“

sagte er höhnisch lachend.

„O mein Gott!“ stammelte Ilse und fiel in den Stuhl zurück, indem sie ihre

Augen mit beiden Händen bedeckte.

„So, nun bleiben Sie ruhig sitzen, bis ich Ihnen zu Ende erzählt habe. Wie

gesagt, meine Verlobte ist närrisch in mich verliebt, mir ist sie aber

gleichgültig. Ich ertrug diese Fessel mit Geduld und Fassung, bis ich Sie

sah, Ihre süße Stimme hörte, in Ihre himmlischen Augen schaute, die mir

verrieten, daß auch Sie ein Band umschlingt, das Sie zerreißen möchten.

Sah ich es nicht oft und deutlich aus Ihrem Erröten, aus ihrem gesenkten

Blick bei der Nennung desjenigen, dem Sie ohne Liebe ihre Hand reichen

wollen? Wie fühlte ich mich schon in dem Gedanken gehoben, in Ihnen eine

gleichgestimmte Seele gefunden zu haben. Ilse, sagen Sie mir ein Wort des

Trostes, der Hoffnung!“

Er näherte sich ihr. Sie hatte sich ganz in die Ecke gedrückt, unfähig,

ein Wort hervorzubringen. Ihre Augen hatten einen starren Blick, ihr Atem

stockte und ihr Puls flog wie im Fieber. Nun ergriff er ihre Hand, die

sie, wie von einer Viper gestochen, zurückschleuderte.

„Sie kleine Spröde!“ sagte er mit äußerster Ruhe und beugte sich zu ihr

herab, daß sein Atem sie streifte. In qualvoller Angst sprang sie auf und

stieß ihn mit kräftiger Hand zurück, daß er taumelte. Dann schob sie die

Efeuwand zur Seite. In dem Augenblick aber, als sie an ihm vorüber wollte,

versuchte er seinen Arm um ihre Taille zu legen.

„Unverschämter!“ keuchte Ilse mit blitzenden Augen. In ihrer Todesangst

wußte Ilse nicht, was sie tun sollte, sah nur sein Gesicht, das ihr wie

das eines Teufels erschien, sie fühlte seine Berührung. Schon wollte sie

um Hilfe schreien, da fiel ihr Blick auf das Fenster. Sie riß es auf, und

ehe er es hindern konnte, war sie auf den Stuhl gesprungen, von da auf das

Fensterbrett, und im nächsten Moment war sie draußen. Bis über die Knie

versank sie in dem weichen Schnee. Sie raffte sich aber auf und lief, als

folge er ihr auf den Fersen, so schnell als möglich weiter. Fort, nur fort

aus seiner Nähe! Furcht und Scham trieben sie unaufhaltsam vorwärts. Sie

kletterte über die niedrige Gartenhecke und rannte noch eine Strecke auf

der Straße weiter, die ins Dorf führte. Endlich blieb sie erschöpft

stehen, die Hand auf das pochende Herz gedrückt.

„O mein Gott,“ rief sie laut, „es ist zu schrecklich! O Leo,“ schluchzte

sie in den stillen Winterabend hinein, „warum bist du so fern? Ach, wärst

du doch jetzt hier, könnte ich bei dir sein!“

Und sie dachte, wie er doch so gut und edel sei. So hätte er nie

gehandelt, wie der Erbärmliche, nie, niemals! Und würde er sie jetzt noch

lieben, nachdem sie ihm so tiefes Leid zugefügt hatte, würde er vergessen

können, was sie ihm getan? Und wenn er sich von ihr wandte, wenn sie für

immer seine Liebe verloren hatte, mit der sie ein frevles Spiel getrieben,

wie sie sich jetzt selbst in qualvoller Pein gestand! Sie bedeckte ihr

brennendes Antlitz mit den kalten Händen. So trostlos mußte es einer

Verstoßenen und Verlassenen zu Mute sein, wie ihr in diesem Augenblick.

Plötzlich hörte sie Schritte in ihrer Nähe, und in ihrer Angst, es könnte

ihr der Schreckliche gefolgt sein, wagte sie kaum aufzublicken. Gott sei

Dank, er war es nicht, es war Doktor Gerber, der von seinem Krankenbesuch

zurückkam. Sie schlüpfte hinter den nächsten Baum, denn sie wollte in

dieser Verfassung nicht entdeckt werden. Der Stamm des Obstbaumes konnte

sie aber nicht ganz verdecken, auch hatte Gerber bemerkt, daß bei seinem

Nahen eine Gestalt sich scheu zu verbergen gesucht hatte, er blieb stehen

und sah forschend hinüber.

Ilse rührte sich nicht.

„Wer ist da?“ fragte er.

Keine Antwort.

Da stapfte er durch den hohen Schnee, als er aber dicht vor ihr stand und

sie erkannte, prallte er förmlich zurück.

„Fräulein Ilse, wie kommen Sie hierher, was wollen Sie hier?“ fragte er

erstaunt.

Und als er ihr bleiches, entstelltes Gesicht sah, fragte er nochmals.

„Was ist Ihnen denn, ist Ihnen etwas begegnet? Und ohne Mantel, ohne Hut!

Sie werden sich erkälten.“

Sie blickte ihn flehend an, als wollte sie sagen: o, dringen sie nicht

weiter in mich. Er verstand ihre stumme Bitte.

„Kommen Sie,“ sagte er und ergriff ihre zitternde Hand.

Schweigend gingen sie die mondhelle Dorfstraße hinunter. Kaum konnte Ilse

ihre Aufregung bemeistern, so tobte und kämpfte es in ihrem Innern; ihre

Gedanken konnten sich von dem schrecklichen Erlebnis nicht losreißen.

Einige Male versuchte sie mit ihrem Begleiter ein gleichgültiges Gespräch

anzufangen, aber die Worte wollten nicht über ihre Lippen. Sie beherrschte

sich krampfhaft, denn bevor sie das Gasthaus erreichten, wollte sie ganz

ruhig sein, damit die andern nichts merken sollen. Sie durften um Gottes

willen nicht erfahren, was sie Beschämendes erlebt hatte. Zu welchen

Auseinandersetzungen würde es sonst zwischen Doktor Althoff und dem

Verhaßten kommen? Nein, nur das nicht, schon der Gedanke allein regte sie

auf.

Ilses kühner Sprung aus dem Fenster hatte dem Referendar keinen geringen

Schrecken eingejagt.

„Donnerwetter, das tolle Ding!“ hatte er bestürzt und ärgerlich zwischen

den Zähnen gemurmelt. Aber seine Geistesgegenwart verließ ihn darum nicht.

Schaden konnte Ilse nicht genommen haben, beruhigte er sich, das Fenster

war ja nur wenige Fuß über der Erde, und außerdem lag tiefer Schnee. Er

beugte sich hinaus und sah sie in großen Sprüngen über die weiße Fläche

hineilen. Leise schloß er hierauf das Fenster wieder.

„Temperament hat die Kleine,“ sagte er halblaut vor sich hin mit einem

unangenehmen Lächeln. Unbedingt mußte er jetzt in die Gesellschaft

zurückkehren, wenn sein Ausbleiben nicht auffallen sollte. Trotz der Ruhe,

die er nach diesem amüsanten Abenteuer, wie er es innerlich nannte,

empfand, konnte er doch ein gewisses unbehagliches Gefühl nicht

unterdrücken, denn sicher würde Ilse plaudern, – wie fatal! Da galt es

vorher überlegen, wie er ihre Anschuldigungen geschickt parieren sollte.

Nun, an jesuitischer Spitzfindigkeit fehlte es ihm nicht, er wollte sich

schon aus der Angelegenheit ziehen.

Ebenso leise, wie er den Saal betreten, schlich er sich jetzt wieder

hinaus und erschien dann vergnügt lächelnd in der Türe, durch welche er

vorhin die Gesellschaft verlassen hatte. Er setzte sich zu den andern und

nahm dankend das dampfende Glas Punsch entgegen, welches ihm Flora mit

verführerischem Lächeln reichte. Er berichtete, daß er alles gut besorgt

habe, und daß die Kutscher, die er sehr gemütlich bei Bier und Grog

angetroffen habe, jetzt dabei wären anzuspannen.

„Nun müssen wir auch Ilse in ihrer Einsamkeit stören,“ sagte Nellie und

war im Begriff, in den Saal zu gehen, als sich die Türe, die nach dem Flur

führte, öffnete und Ilse leichenblaß eintrat, gefolgt von Floras Mann, der

sich ebenfalls blaß und erschöpft niederließ.

Erschrocken eilte Nellie ihr entgegen.

„Was hast du, _darling_, ist dich nicht wohl?“ fragte sie leise und

blickte verwundert in das starre Gesicht des jungen Mädchens.

„Mir fehlt gar nichts, Nellie, ich bin ganz wohl,“ erwiderte Ilse ruhig

und setzte sich neben Orla.

Aus Lüders’ Antlitz war bei Ilses Eintreten doch die Farbe gewichen. Er

lächelte krampfhaft und stand wie ein Fuchs auf der Lauer, indem er

gespannt auf jedes ihrer Worte horchte. Gott sei Dank, dachte er nach

einer Weile erleichtert, sie scheint vernünftig zu sein und schweigt.

Nellie fühlte sich durch die Antwort der Freundin nichts weniger als

beruhigt, sondern sah dieselbe besorgt an. Jetzt fiel ihr Blick auf Ilses

durchnäßte Kleider, und als sie nach ihrer Hand faßte, bemerkte sie, wie

kalt diese war.

„Ilse, du bist ja ganz feucht und kalt, wo bist du gewesen?“ fragte sie

ängstlich.

„Gewiß hast du draußen im Mondenschein vom Herzallerliebsten geschwärmt,“

sagte Flora neckend, „gestehe es nur, Ilse.“

„Du hast ganz recht, Flora,“ gab sie zur Antwort, „ich sehnte mich nach

frischer Luft und bin eine Strecke in das Dorf gegangen, wo ich deinen

Mann traf.“

Sie wunderte sich selbst über die Ruhe, mit welcher sie diese Worte

sprechen und auch die Fragen und Neckereien der andern ertragen konnte.

Als aber der Referendar versuchte, mit ihr zu scherzen, traf ihn ein so

verächtlicher, drohender Blick aus ihren Augen, daß er verlegen fortsah

und schwieg.

Abgespannt und teilnahmlos saß Doktor Gerber da; auf die Frage, ob ihm

etwas fehle, gab er zur Antwort, daß er sich ganz wohl fühle und nur etwas

müde wäre. Sogar seiner Frau, welche sich umgezogen hatte und jetzt

zurückkam, fiel seine Blässe und Mattigkeit auf; sie fragte ihn besorgt,

ob es mit seinem Befinden schlimmer geworden sei. Seine verneinende

Antwort beruhigte sie indessen schon wieder, und sie meinte, sein

schlechtes Aussehen rühre gewiß nur von dem Aufenthalt in der dumpfen

Krankenstube her. Man war allgemein froh, als die Schlitten angespannt vor

der Tür standen, denn wie ein Alp lag es auf der vorher so lustigen

Gesellschaft, seitdem Ilse und Gerber so bleich und still unter ihnen

saßen und sichtbar ungeduldig auf den Aufbruch warteten. Ilse war die

erste, welche aufsprang, als gemeldet wurde, daß alles zu der Abfahrt

bereit sei.

Während die andern sich von Pastors verabschiedeten und die wärmenden

Hüllen umlegten, war Ilse zu Nellie getreten und fragte sie leise, ob sie

mit ihr zusammen fahren dürfe.

„Ich muß dich sprechen,“ flüsterte sie hastig, „dringend muß ich dich

sprechen.“

„_Darling_, wie kommst du mich vor diesen Abend, so zerstört, was hast

du?“

„Nachher erzähle ich dir alles, jetzt frage mich nicht,“ gab Ilse zur

Antwort.

Mit Entsetzen vernahm Nellie unterwegs, was der Freundin begegnet war.

Glücklicherweise war der Kutscher, der die beiden fuhr, etwas schwerhörig

und hatte sich obenein den Pelzkragen ganz über die Ohren gezogen, so daß

er nicht verstehen konnte, was die Damen sprachen. Er hätte sonst eine

spannende Geschichte zu hören bekommen, denn Ilse sprach in ihrer

Aufregung so laut, daß Nellie sie öfter ermahnte, vorsichtiger zu sein.

Das Blut stockte ihr fast in den Adern bei Ilses Erzählung, und sie

unterbrach diese oft mit dem ihr eigenen Ausruf ‚o, o‘!

„Du armes, armes Kind,“ sagte sie, als Ilse zu Ende war, „was hast du

durchgemacht, schrecklich! Das infame Mann, – was wird Fred sagen, wenn

ich ihm das erzähle? Es bleibt ihm weiter nichts übrig, als ihm ein

Ohrfeig zu geben auf der Straße, wenn alle Leute es sehen.“

„Um Gottes willen,“ fuhr Ilse auf, „so etwas darf dein Mann nicht tun, es

würde einen öffentlichen Skandal geben, die Stadt würde davon sprechen, –

bitte, bitte nicht Nellie! Aber Flora werde ich sagen, daß ich ihr Haus

nicht wieder betrete, wenn ich diesen Menschen noch einmal bei ihr treffe.

Oder – nein, es ist besser, auch sie erfährt nichts von dieser Geschichte.

Sie setzt sich sonst womöglich hin, dichtet eine Schauer-Ballade und liest

sie dem Menschen noch obenein vor. Aber warnen will ich sie, warnen vor

diesem Teufel!“

Die dunklen Augen in dem bleichen Gesicht funkelten und spiegelten einen

leidenschaftlichen Haß wieder, der dem jungen Antlitz etwas Düsteres

verlieh. Schweigend blickte sie in die sternenklare Winternacht, ohne zu

bemerken, daß Nellie sich noch warmer einhüllte und ihre Füße fester in

die Decke wickelte.

Die beiden sprachen wenig während der übrigen Fahrt, und auch aus den

andern Schlitten tönte kein fröhliches Lachen, wie bei der Hinfahrt.

Lüders, der wieder neben Flora saß, meinte, es wäre zu kalt zum Sprechen

und zog seinen Rockkragen in die Höhe, so daß sein Gesicht fast ganz

verschwand. Flora vergaß seine Schweigsamkeit, denn der Mondesglanz, die

Sterne, die klare Winternacht gaben ihr unzählige poetische Gedanken ein,

die sie am andern Tage auf das Papier bringen wollte.

Althoff bekam von seinem Nachbar, Doktor Gerber, auch nur kurze Antworten,

man merkte, daß ihm das Sprechen schwer wurde. Nur in dem Schlitten, in

welchem Andres und Orla saßen, schien die schönste Harmonie zu walten.

Orla hielt wieder die Zügel in ihren Händen, denn der Kutscher hatte zu

tief in das Glas gesehen und war in eine Art Halbschlummer verfallen, aus

welchem ihn Andres von Zeit zu Zeit aufschreckte, damit der müde hin und

her Taumelnde nicht unversehens vom Sitze fiele und ihnen verloren ginge.

Scherzend hatte er zu dem jungen Mädchen gesagt, daß es eigentlich nicht

in der Ordnung wäre, sich von einer Dame nach Hause fahren zu lassen,

worauf sie lachend erwiderte, daß sie nach der Meinung ihrer Freundin Rosi

gar nicht mehr unter die Frauen gehöre und er sich deshalb getrost ihre

Leitung gefallen lassen möge. Den beiden verging unter lebhaftem Geplauder

die Zeit so schnell, daß sie ganz erstaunt waren, schon in die

heimatlichen Straßen einzufahren und bald darauf vor der Althoffschen

Wohnung zu halten. –

Als sich die beiden jungen Mädchen zur Ruhe begaben, fielen Ilse die

seltsam glänzenden Augen der Freundin auf und ein heimliches Lächeln um

ihren Mund, das ihr Antlitz wunderbar verklärte. Sie gab auch einige Male

zerstreute Antworten auf Ilses Fragen, ganz gegen ihre sonstige Art.

„Gute Nacht, Ilse,“ sagte sie schon im Bette liegend und bemerkte erst

jetzt, daß diese noch nicht angefangen hatte sich auszuziehen.

„Willst du noch nicht zu Bette gehen?“ fragte sie.

„Nein, Orla, ich bleibe noch etwas auf, ich bin noch nicht müde.“

[Illustration]

Sie wartete noch eine Weile bis Orla fest eingeschlafen war, und holte

dann ihre Schreibmappe hervor. Hierauf stellte sie die Lampe auf den Tisch

am Fenster, an welchem Orla oft bis tief in die Nacht arbeitete, nahm

einen Briefbogen, tauchte die Feder langsam in das Tintenfaß und schrieb

nach langem Besinnen die Worte: ‚Lieber Leo!‘ auf das Papier, dann stützte

sie wieder den Kopf in die Hand und starrte gedankenvoll auf das weiße

Blatt vor ihr. Wie schwer wurde ihr der Anfang, und doch war das Herz ihr

zum Zerspringen voll. Es lastete wie ein Verbrechen auf ihr, sie kam sich

erniedrigt und nach dem heutigen Erlebnis wie treulos gegen ihren

Bräutigam vor, weil sie das schändliche Bekenntnis des ihr fremden Mannes

mit angehört hatte. Welche Worte hat er zu ihr gesprochen, – noch tönten

sie in ihren Ohren fort –, wie konnte er das wagen, wie durfte er ihr so

etwas bieten und sie unglücklich nennen! –

Und doch, konnte sie das alles so wunderbar finden, hatte sie den Leuten

nicht genügend Veranlassung gegeben, sie für eine unglückliche Braut zu

halten? Ihr ‚gesenkter Blick‘, ihr ‚Erröten‘, wie der Abscheuliche gesagt,

und dann die Szene mit Andres, die er, – jetzt wußte sie es, – belauscht

hatte, alles dieses waren für ihn Beweise gewesen, daß sie nicht glücklich

sei. Und hatte er denn unrecht? Hatte sie sich nicht selbst für

unglücklich gehalten, für tief unglücklich? Warum empörte sich denn ihr

Inneres darüber, daß ein anderer ihre geheimsten Gedanken erraten hatte,

war sie denn vielleicht nicht mehr unglücklich?

Nein, tausendmal nein, rief es in ihr! Seit sie draußen in der kalten

Winternacht die brennendste Sehnsucht nach ihm, nach seinem Schutz

empfunden, fühlte sie, daß sie allein an diesem Unglück die Schuld trug,

daß es in ihrer Hand lag, ihn und sich wieder glücklich zu machen. Und sie

hatte sich vorgenommen, ihn noch heute abend zu bitten: vergiß, was ich

dir getan, – und ihm alles erzählen, was sie hatte erleben müssen, dann

würde ihr leichter, sie würde dann ruhiger werden. Unterwegs hatte sie

sich den Inhalt des Briefes im Geiste überlegt und immer wiederholt, aber

jetzt, da sie ihre Gedanken in Worte kleiden und diese niederschreiben

sollte, konnte sie nicht damit fertig werden.

Endlich nach langem Zaudern überwand sie den schwierigen Anfang und

schrieb fließend weiter, ohne nur einmal innezuhalten. Sie hörte nicht

auf, bis sie einen heftigen Schüttelfrost bekam und nun erst daran dachte,

daß sie die feuchten Kleider und Schuhe noch nicht ausgezogen hatte. Sie

verschloß nun die Mappe mit dem Briefe in ihrem Koffer und begab sich zur

Ruhe. Aber auch im warmen Bett noch überlief sie ein Frösteln, Hände und

Füße waren eiskalt, und nur ihr Kopf brannte wie Feuer; sie legte ihre

Hand auf Stirn und Wangen, was ihr wohl tat. Den brennenden Durst, der sie

quälte, konnte sie kaum löschen, immer von neuem schenkte sie sich Wasser

ein und trank das Glas auf einen Zug leer. Endlich, nachdem sie lange

wachend gelegen, nahm sie der erlösende Schlaf in seine Arme, und sie

wachte erst auf, als Orla bereits fertig angezogen vor ihrem Bette stand.

„Guten Morgen, du Langschläferin!“ rief sie ihr entgegen. „Endlich

ausgeschlafen? Aber Kind, was hast du in dieser Nacht für einen Spektakel

gemacht, du hast fortwährend geredet, bald fuhrst du in die Höhe, und

warfst dich dann wieder hin, nicht fünf Minuten lang hast du ruhig

gelegen. Ich war einige Male an deinem Bett und wollte dich wecken, aber

du schliefst so fest. Übrigens hattest du entschieden Fieber, dein Puls

ging schnell und die Haut war heiß und trocken. Gib mir mal deine Hand,

wie sie sich heute morgen anfühlt? – Immer noch fiebrig, dein Puls schlägt

nicht normal.“

„Die künftige Doktorin,“ neckte Ilse.

„Na, um das zu erkennen, braucht man kein Arzt zu sein. Ich an deiner

Stelle bliebe im Bett liegen, du siehst so elend und angegriffen aus, –

hast du auch Schmerzen?“

„Ich habe Kopfweh, Orla. Aber bitte, gehe du nur zum Kaffeetrinken und

entschuldige mich, wenn ich heute erst spät erscheine.“

Daß sie auch heftige Schmerzen im Hals hatte, verschwieg sie.

„Also du willst wirklich aufstehen?“ fragte Orla.

„Natürlich, so schlimm ist es ja gar nicht.“

Aber sie war doch matter, als sie dachte, das empfand sie erst, als sie

das Bett verlassen wollte. Erschöpft sank sie einige Male wieder zurück,

sie fühlte Schwindel, der Kopf war ihr schwer und die Schmerzen im Halse

quälten sie. Sie zog sich nur ihren Morgenrock über und ging dann in das

Eßzimmer. Doktor Althoff war schon fortgegangen, Nellie und Orla saßen

noch am Kaffeetisch. Die junge Frau erschrak über Ilses Aussehen.

„O _darling_, wie schaust du aus, so weiß wie diese Tischtuch und ganz

blau unter der Auge, du mußt dir sehr krank fühlen.“

Lächelnd versuchte Ilse die Besorgnis der Freundin abzuwehren, aber sie

konnte dieselbe nicht täuschen. Nellie wollte durchaus, daß sie sich

wieder zu Bette legen solle, wozu sie sich indessen nicht bewegen ließ.

Als aber Nellie den bequemen Diwan aus ihres Mannes Zimmer in das ihrige

bringen ließ, da bedurfte es keines langen Nötigens, daß sich Ilse darauf

legte, da sie sich immer schlechter fühlte. Sie ließ es auch geschehen,

daß Nellie eine wollene Decke über ihre Füße breitete, und fügte sich bald

ganz ihren Anordnungen, trank kühle Limonade und legte ihren Kopf auf das

weiche Kissen, das ihr Orla brachte. Es war ihr jetzt ganz recht, daß sie

still liegen konnte, denn sie hatte nur das eine Bedürfnis nach

unbedingter Ruhe. Ja, sie sträubte sich sogar nicht dagegen, als Nellie

ihr Mädchen nach Doktor Gerber schickte, weil sie selbst fürchtete,

ernstlich krank zu werden.

Müde schloß sie die Augen, und der gestrige Tag zog noch einmal

beängstigend an ihrem Geist vorüber. Was hatte sie gelitten, welche Qualen

ausgestanden, als sie die leidenschaftlichen Augen des Referendars dicht

vor den ihrigen sah, seinen heißen Atem fühlte und festgebannt wie eine

Gefangene ihm nicht entrinnen konnte. Sie dachte sich in der Braut des

Verhaßten ein stilles, sanftes Mädchen, das mit zuversichtlicher Liebe und

in vollem Vertrauen zu ihm aufblickte. Wenn sie wüßte, wie sie

hintergangen, auf die erbärmlichste, niedrigste Weise getäuscht wurde! Sie

hätte nicht gedacht, daß ein Mensch so schlecht sein könnte, denn das

Leben hatte ihr bis jetzt nur seine lichten Seiten gezeigt; die dunklen

hatte sie noch nicht kennen gelernt, sie wußte noch so viel wie nichts von

Schlechtigkeit und gemeiner Gesinnung. Treu sorgende Eltern hatten von ihr

alles fernzuhalten gewußt, was ihr kindlich reines Gemüt hätte trüben

können.

Wie umstrahlt von hellem Licht erschien ihr jetzt Leo, zum ersten Male

kamen ihr seine guten und edlen Eigenschaften so recht zum Bewußtsein. Ob

er wohl je so von ihr sprechen würde, wie dieser Lüders über seine Braut

sprach? Nein, nie, das wußte sie. Kein bitteres Wort über sie würde aus

seinem Munde kommen, trotzdem sie im Zorn und Groll von ihm geschieden

war. Wann sehe ich ihn wohl wieder? dachte sie, und die bange Sorge um ihn

erweckte ihr die Vorstellung, daß er krank sein könnte, ja vielleicht

sterben müßte, ohne daß sie ihn jemals wiedergesehen und erfahren hätte,

ob er ihr noch gezürnt habe. Ihre krankhafte Phantasie malte dieses

Ereignis in den grellsten Farben aus, es entlockte ihr heiße Tränen,

Tropfen auf Tropfen stahl sich durch ihre geschlossenen Augenlider und

fiel auf ihre Wangen herab. –

Im Nebenzimmer wurden jetzt Schritte hörbar und sie hörte Nellie sagen:

„Bitte, Herr Doktor, treten Sie hier herein.“

Schnell fuhr Ilse in die Höhe und wischte sich mit dem Tuch über ihre

Augen. Orla, die am Fenster saß, sah von ihrem Buche auf, als sich jetzt

die Tür öffnete. Als aber statt des erwarteten Doktor Gerber sein junger

Assistenzarzt erschien, entglitt das Buch ihren Händen und sie bückte sich

schnell, um es aufzuheben. Wieder konnte sie eine Verlegenheit nicht

verbergen, als er jetzt vor ihr stand und ihr die Hand reichte. Sie war

ärgerlich auf sich selbst, und als er sie freundlich fragte, wie ihr die

Schlittenpartie bekommen sei, gab sie ihm nur eine kurze Antwort und

lenkte dann schnell die Aufmerksamkeit von sich auf Ilse ab.

„Hier sehen Sie nur, Herr Doktor, unsre arme Ilse, welche Folgen die

Schlittenpartie für sie gehabt hat; da liegt sie nun, ein Bild des Jammers

und der Leiden. Übrigens,“ sie hatte jetzt ihre volle Fassung

wiedergewonnen, „wie kommt es, daß Sie uns besuchen, da doch nach Doktor

Gerber geschickt worden war?“

„O ja, Orla, höre nur,“ fiel Nellie ein, „lauter Patienten! Das arme Mann

liegt krank im Bette und hat der ganze Nacht phantasiert. Als unsre

Botschaft kam, war gerade Herr Doktor Andres bei ihm und kam gleich

hierher, arm Ilschen zu kurieren.“

„Er ist doch nicht gefährlich erkrankt?“ fragte Orla, als sie bemerkte,

daß sein Gesicht bei Nellies Bericht merkwürdig ernst geworden war.

„Ich fürchte fast; noch läßt sich keine bestimmte Diagnose stellen, aber

alle Anzeichen sind vorhanden, daß eine Lungenentzündung im Anzuge ist.“

Er hatte Ilses Handgelenk umfaßt, zog die Uhr heraus und zählte die

Pulsschläge. Dann untersuchte er ihren Hals und erklärte, daß eine leichte

Halsentzündung vorhanden wäre. Sie sollte sich einige Tage schonen und

würde dann bald wieder gesund sein. Er traf noch einige Anordnungen,

verschrieb ihr was zum Gurgeln und sagte scherzend zu Orla, daß sie jetzt

sein Assistent sein und ihm morgen genauen Bericht über seine Patientin

erstatten möge.

Trotzkopf's Brautzeit · 第 13 / 18 段