Rosi war innerlich empört über die Zurechtweisung, wie sie Orlas Bitte

nannte. Mit einer kaum merklichen Neigung ihres Kopfes erwiderte sie die

Verbeugung des jungen Arztes und stellte dann ihren Mann vor, dessen Augen

unablässig auf Orlas Gestalt geruht hatten. Rosi hat mir ja niemals

erzählt, wie schön diese Freundin von ihr ist, dachte er, und es wäre doch

wahrhaftig der Mühe wert gewesen.

Lautes Sprechen und Lachen draußen kündigte jetzt die Ankunft der

Zurückgebliebenen an. Orla lief ans Fenster und die andern folgten ihr

dahin nach. Sie klopfte an die Scheiben und nickte den Freunden grüßend

zu. Leicht, wie ein Vogel vom Zweig, war Ilse aus dem Schlitten gehüpft,

und Flora, welche das mit neidischen Blicken beobachtet hatte, nahm jetzt

einen Anlauf, ebenso graziös, wie Ilse, herunterzuspringen. Aber,

verwickelte sie sich in ihre vielen Hüllen und Tücher, oder war ihre

Ungelenkigkeit daran schuld, kurz und gut, sie stolperte und fiel, so lang

sie war, in den Schnee. Man lachte über diesen kleinen Unfall und kam ihr

unter Scherzen diensteifrig zu Hilfe. Flora machte denn auch gute Miene

zum bösen Spiel.

„Ich begreife nicht, wie man über solches Mißgeschick auch noch lachen

kann,“ sagte Rosi kopfschüttelnd und ging Althoffs und Gerbers entgegen,

welche soeben eintraten. Ilse eilte auf Orla zu.

„Himmlisch, kannst du aber fahren,“ rief sie voller Begeisterung, „so gut

wie du kann ich es allerdings nicht.“

„Auch ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein Orla,“ sagte Althoff

hinzutretend.

„Jetzt laßt eure schönen Komplimente bis nachher,“ unterbrach ihn Nellie,

„und kommt zum Kaffeetrinken.“

„Du bist wohl eifersüchtig, Nellie, daß dein Mann zu tief in Orlas schöne

Augen sieht?“ neckte sie Flora.

„O nein,“ lachte Nellie, leicht errötend, aber sie fühlte sich doch etwas

getroffen, denn sie besaß wirklich eine kleine Anlage zur Eifersucht.

Lebhaft plaudernd setzte man sich an den Kaffeetisch, und Nellie übernahm

die Rolle der Wirtin. Die mächtige weiße Kaffeekanne, welche mitten auf

dem Tische prangte, erregte allgemeine Heiterkeit. Althoff meinte, sie

sähe nicht vertrauenerweckend aus, und als ihr der erste Strahl so

durchsichtig und hell entströmte, sank er mit einem komisch geseufzten

„Ach, du lieber Gott“ in seinen Stuhl zurück.

„O, du leckres Mann,“ verwies ihn Nellie, die sich innerlich selbst über

diesen Trank entsetzte, „du darfst nicht unbescheiden sein, der Kaffee ist

ganz schön.“

„Ich glaube auch, daß der Kaffee gut ist,“ ergriff der Pastor ernsthaft

das Wort, „wir trinken ihn nie stärker. Meine Frau meint, starker Kaffee

wäre ungesund, nicht wahr Rosi?“

Sie schien seine Frage zu überhören.

„Ich hätte euch so gern gebeten, in unserem bescheidenen Hause fürlieb zu

nehmen,“ wandte sie sich an Nellie, „aber die Räume sind so eng, wir

wohnen so beschränkt, da dachte ich, das würde nicht gemütlich für euch

sein.“

Den wahren Grund, weshalb sie keine Gäste haben wollte, verriet sie

natürlich nicht. Als die Nachricht von Nellie eintraf, daß sie kommen

würden, hatte Adolf ihr gesagt, daß sie Althoffs und die andern doch

eigentlich einladen müßten, da sie von ihnen schon so oft und so

freundlich aufgenommen worden waren. Er dachte dabei an den vergnügten

Sonntag bei Althoffs, den er nicht vergessen konnte, denn er war wie ein

Lichtstrahl in sein einförmiges Leben gefallen. Mit diesem Vorschlag war

er aber bei Rosi schlecht angekommen. Sie hatte soeben eine gründliche

Hausreinigung glücklich vollendet, tagelang gescheuert; und nun sollten

ihr die Fußböden wieder schmutzig getreten, alles wieder in Unordnung

gebracht werden! Nein, auf keinen Fall! Der Pastor wurde durch ihre

Entschiedenheit so eingeschüchtert, daß er keine weiteren Einwendungen

wagte, trotzdem er die Freunde sehr gern bei sich gesehen hätte. Um ihr

möglichstes zu tun, hatte sie einen großen Kuchen gebacken. Derselbe

prangte jetzt, in dicke Streifen geschnitten, die quer übereinandergelegt

und hoch aufgeschichtet waren, auf dem Kaffeetisch.

„O, dieses furchtbare Bauernkuchen,“ flüsterte Nellie Ilse heimlich ins

Ohr und nahm aus einem Körbchen feines Gebäck heraus, das sie mitgebracht

hatte.

„Er sieht so trocken aus,“ erwiderte Ilse, „wir müssen aber davon essen,

sonst wird Röschen böse.“

Nach der langen Fahrt in der Kälte schmeckte es allen herrlich, selbst

Rosis Kuchenberg verschwand, und die große Kaffeekanne wanderte schon zum

zweiten Male hinaus, um frisch gefüllt zu werden. Sogar Althoff ließ sich

zu einer zweiten Tasse herab, begleitete aber jeden Schluck mit einer

drolligen Grimasse.

Als die Wirtin die Tassen forttrug und den Tisch abräumte, verschwand

Flora mit geheimnisvoller Miene. Die Herren blieben sitzen und zündeten

sich eine Zigarre an, die Freundinnen aber gingen plaudernd Arm in Arm im

Zimmer auf und ab. Das Gasthaus war schon einige Jahrhunderte alt, das

Gebäude gehörte früher zu einem Kloster, und erst die Großeltern der alten

Wirtsleute hatten eine Wirtschaft darin errichtet. Baulich war wenig

verändert, und gerade das Altertümliche gab dem Ganzen etwas ungemein

Gemütliches. Der Saal, in welchem die Gesellschaft sich befand, mochte

einst das Refektorium gewesen sein; es war ein großer Raum, ringsum mit

Eichenholz getäfelt, das die Zeit fast schwarzbraun gefärbt hatte. Ebenso

dunkel waren auch die massigen, dicken Balken in der Decke; ein alter

Kronleuchter in Gestalt eines Reifes, welchen heute brennende Kerzen

schmückten, hing am mittelsten Balken. Die dicken Mauern bildeten an den

Fenstern tiefe Nischen, mit molligen Plätzchen, zu welchen man eine Stufe

hinaufsteigen mußte. Die niedrigen Fenster gingen nach dem Garten hinaus

und lagen nicht hoch über der Erde, so daß man draußen bequem mit der Hand

hineinreichen konnte. In einem der Erker war zu beiden Seiten Efeu in

niedrige, lange Kasten gepflanzt. Die grünen Ranken hatten sich fest an

die alten Mauern angeklammert und waren so üppig gewachsen, daß sie die

ganzen Wände bedeckten und eine reizende Laube bildeten. Hohe

korbgeflochtene Wände zu beiden Seiten, ebenfalls mit Efeu bewachsen,

ließen nur einen schmalen Eingang frei. Dahinter saß man auf dem alten

geschnitzten Eichenholzstuhl mit verblichenem Lederbezug vollständig

verborgen. Man konnte sich kein lauschigeres Versteck denken.

Die jungen Damen blieben bewundernd davor stehen und waren entzückt über

diese grünende Laube mitten im Winter. Sie malten sich aus, wie schön es

sein müßte, hier so abgeschlossen und ungestört über einem Buche zu

sitzen.

Da wurden sie plötzlich durch erstaunte ‚Ah’s‘ und ‚Oh’s‘ der Herren

aufgeschreckt. Sie sahen sich um und erblickten Flora im weißen Kleide,

das überall mit gläsernen Eiszapfen behängt war; einen weißen Schleier,

mit kleinen Watteflöckchen besetzt, hatte sie um den Kopf geschlungen, und

das alles war mit glitzerndem Silberstaub bestreut. Man konnte keinen

Augenblick im Zweifel sein, daß sie ein Sinnbild des Winters vorstellen

wollte.

In der Mitte des Saales blieb sie stehen und deklamierte mit vielem Pathos

ein langes Gedicht, das natürlich ihrer Feder entstammte. Es war darin

viel vom kalten Winter, von Schnee und Eis die Rede. Als sie geendet

hatte, blickte sie siegesgewiß umher und sah in lauter vergnügt lachende

Gesichter. Sie glaubte natürlich, die Freude über ihr schönes Gedicht wäre

es, welche die Zuhörer so heiter gestimmt hätte, und als man sogar in die

Hände klatschte und ihr ‚bravo‘ zurief, strahlte sie, und ein

triumphierender Blick flog zu ihrem früheren Lehrer hinüber; er sollte ihn

daran erinnern, wie er damals in der Pension ihre Dichtung zu der

Vorsteherin Geburtstag so schnöde abgewiesen hatte. Jetzt mußte er doch

einsehen, wie er ihr großes Talent verkannt und wie tiefes Unrecht er ihr

zugefügt hatte.

Auf eine Person aber hatte ihr Gedicht einen wirklichen Eindruck ausgeübt,

und das war die alte Wirtin. Sie hatte Tränen der aufrichtigsten Rührung

in den Augen, über die sie öfter verstohlen mit dem Schürzenzipfel fuhr.

Flora weinte beinahe mit, als sie die Frau sah, und versprach, ihr das

Gedicht zu schicken.

„Es wohnt doch oft in einfachen Leuten der wahre Sinn für Poesie; der

Geist, noch ungekünstelt und natürlich, begreift leichter das Edle,

Schöne.“

„Unbescheiden bist du gar nicht, Flora,“ lachte Orla, „das muß ich

gestehen.“

„Orla,“ versetzte Flora ernst, fast feierlich, „du, der die enge Welt des

Weibes zu klein wurde, wie mir, du welche die Schranken durchbrachst, wie

ich es tat, du, welche eine Jüngerin auf dem Gebiete der Wissenschaft

werden willst, du solltest nicht spotten, wo es sich um so wichtige Dinge

handelt.“

„Was meint denn Flora mit der Jüngerin der Wissenschaft?“ fragte Rosi

neugierig.

„Nun, ganz einfach,“ versetzte Orla kurz, „ich will Medizin studieren.“

„Du willst“ – Rosi prallte förmlich zurück. „Du willst unter die Studenten

gehen?“

„Wie, Sie wollen studieren?“ fragte jetzt auch der Pastor. „Das ist ja

famos!“

Ein verweisender Blick seiner Frau traf ihn als Strafe für seinen

begeisterten Ausruf; er bemerkte ihn aber nicht, da er Orla anstaunte.

Wahrscheinlich beneidete er im stillen die Studenten, die nächstens neben

so viel Schönheit und Geist sitzen durften. So etwas war ihm während

seiner Studienzeit leider niemals vorgekommen. Rosi konnte sich von ihrem

Entsetzen über Orlas Entschluß noch nicht erholen, sie fragte Nellie, ob

Orla nicht Spaß gemacht hätte, und wollte es nicht glauben, als diese ihr

fest versicherte, daß Orla wirklich im Ernst gesprochen habe.

„Unbegreiflich,“ murmelte Rosi vor sich hin, und laut sagte sie zu Orla:

„Nun, Orla, dann wünsche ich dir viel Glück bei den Studenten. Da mußt du

natürlich auch das Kneipen und Raufen lernen, was doch wohl die Hauptsache

im Studentenleben ist. Ich an deiner Stelle würde am liebsten gleich

Männerkleidung anlegen, denn als Frau unter den Studenten wirst du dir

gewiß manches gefallen lassen, manches aushalten müssen.“

Man hätte der sanftblickenden Rosi eine so spöttische Bemerkung kaum

zugetraut. Orla hatte ihre beleidigenden Worte ruhig mit angehört und

wollte ihr eben darauf antworten, als ihr Andres zuvorkam.

„Frau Pastorin,“ sagte er sehr bestimmt, „Sie trauen Ihrer Freundin“ – er

betonte das Wort – „ja ungeheuer wenig Taktgefühl zu und scheinen das

Studieren so aufzufassen, als ob es nur aus Kneipen und Raufen bestände.

Gewiß, der Student führt ein lustiges Leben, wenn er nicht ein geborener

Philister ist, er kneipt und rauft mitunter. Ihr Herr Gemahl, der gewiß

auch eine fröhliche Studienzeit verlebt hat, wird Ihnen davon am besten

erzählen können.“

Hier räusperte sich der Pastor vernehmlich. Mein Gott, woher wußte denn

dieser Mensch etwas von seiner Studentenzeit? Sollte Althoff geplaudert

haben? Er würde sich wohl hüten, seiner Rosi etwas davon zu erzählen.

„Ich versichere Sie, Frau Pastorin,“ fuhr der junge Mann fort, „es sind

nicht die schlechtesten Menschen, welche Sie als Raufbolde verachten, und

ebensowenig sind diejenigen die besten, welche tun, als könnten sie kein

Wässerchen trüben. Die Jugend muß austoben und kann auch mal über den

Strang schlagen. Wer inneren Gehalt und Charakter besitzt, dem wird die

ernste Pflicht zu arbeiten schon zur rechten Zeit einfallen, der wird

trotzdem ein brauchbares Mitglied der Menschheit werden. Doch, was ich vor

allen Dingen sagen wollte, Frau Pastorin: der Student mag raufen, oder auf

den Bänken der Hörsäle sitzen, niemals wird er die Ritterlichkeit gegen

eine Dame vergessen. Und deshalb braucht Ihre Freundin keine

Männerkleidung anzulegen, sie braucht die Weiblichkeit nicht abzustreifen,

wenn sie auch das hergebrachte Gebiet der Frau verläßt. In dieser

Beziehung wird Fräulein Sassuwitsch nichts zu befürchten haben, denn

keiner ihrer künftigen Studiengenossen wird ihr jemals zu nahe treten.

Wehe dem, der das wagte!“

Bei den letzten Worten hatten seine Augen fast drohend gefunkelt und alle

waren erstaunt über diese warme Verteidigung. Flora aber eilte stürmisch

auf ihn zu und drückte ihm unter überschwenglichen Dankesworten die Hand,

weil er so lebhaft für das Weib eingetreten sei, welches sich aus den

alltäglichen Verhältnissen befreit habe, um einem höheren Triebe zu

folgen.

Sie geriet förmlich in Verzückung und klagte ihm immer wieder vor, wie

bitter und schwer sie oft darunter zu leiden hätte, daß sie sich noch mit

andern Dingen beschäftige, als mit Kochen und Strümpfestopfen. Es hätte

ihr so wohl getan, ein solches Urteil aus seinem Munde zu hören. Sie

sprach und geberdete sich dabei so lebhaft, daß die Eiszapfen an ihrem

Kleid beständig aneinander klirrten. Er hörte aber nur halb auf die

schwatzende unruhige Gestalt vor ihm und nickte nur mechanisch einige Male

mit dem Kopfe, indem er sich willenlos von ihr die Hand drücken ließ.

Seine Augen suchten Orla, welche an den Efeu-Erker getreten war und die

Blätter und Ranken spielend durch die Finger gleiten ließ. Warum ertappte

sie sich gerade diesem Mann gegenüber auf einer Befangenheit, die ihr

sonst fremd war, warum scheute sie sich aufzusehen und seinem Blicke zu

begegnen? Es war ihr unbehaglich, dieses Gefühl, und doch, wie ein Echo

tönten seine Worte in ihrem Herzen fort.

„Orla, du bist ja so in Gedanken versunken,“ sagte da Ilse neben ihr.

„Komm, ich glaube Rosi ist ärgerlich auf den Doktor, sieh nur, was sie für

ein böses Gesicht macht!“

Sie hing sich an Orlas Arm und führte sie mit sich fort. Sie selbst war

voller Begeisterung über Andres, weil er die Freundin so warm verteidigt

hatte, und wunderte sich nur, daß diese so wenig darauf einging, ja nicht

einmal damit einverstanden zu sein schien, daß der junge Mann so lebhaft

ihre Partei ergriffen hatte. Ilse verglich ihn im stillen mit Leo; ganz so

würde auch er gesprochen und gleich offenmütig eine gute Sache verteidigt

haben. Sie gönnte Rosi die Abfertigung, denn sie hatte sich über deren

schroffes Urteil sehr geärgert.

Die Frau Pastorin saß neben ihrem Mann und machte in der Tat ein sehr

böses Gesicht. Leise und aufgeregt sprach sie auf ihn ein, und versuchte

in ihrer Empörung, daß ihr so etwas gesagt worden war, ihn zum Fortgehen

mit ihr zu bereden.

„Aber Kind, es war doch nicht so böse gemeint,“ suchte er sie zu

beruhigen, „was sollen sie denken, wenn wir jetzt fortgehen!“

„Du hättest für mich eintreten müssen,“ sagte sie erregt, „aber natürlich,

deine Frau kann beleidigen wer will, dir ist es gleichgültig.“

„Aber Rosi,“ verteidigte er sich, „wie kannst du nur so etwas sagen! Ich

fand, der Doktor hatte ganz recht.“

„Natürlich, nun gibst du ihm auch noch recht, da hört doch alles auf.“

Wütend drehte sie ihm den Rücken zu.

Eine rechte Stimmung wollte nach diesem Zwischenfall in der Gesellschaft

nicht wieder aufkommen. Nun wurde auch noch Floras Mann, dessen

Anwesenheit im Dorfe bekannt geworden war, zu einem schwer Kranken geholt.

Er zögerte selbstverständlich keinen Augenblick und sah sich suchend nach

Flora um, die abermals verschwunden war, diesmal mit dem Referendar. Er

bat daher Nellie, sie möchte Flora mitteilen, daß er in kurzer Zeit wieder

zurück sein würde. Kaum war er fortgegangen, als sich die Türe öffnete,

und aus einem Nebengemach die Klänge eines Strauß’schen Walzers ertönten.

Flora erschien auf der Schwelle, während man Lüders vor einem alten

Klavier sitzen sah.

„O, das ist schön!“ rief Nellie vergnügt über diesen Einfall. „Florchen,

du bist eine Engel mit deine Überraschungen heute. O, das herrliche

Walzer!“

Sie wippte mit dem Fuße den Takt und summte halblaut die Melodie dazu.

[Illustration]

Mit den Klängen der ‚schönen blauen Donau‘ war wieder Leben in den kleinen

Kreis gekommen. Die Herren sprangen auf und holten sich die Damen zum

Tanze. Eben wirbelten Althoff und Ilse an Nellie vorbei, ihnen folgten

Andres mit Orla, und als sich die beiden Mädchen endlich mit heißen Wangen

niederließen, tanzte Nellie mit ihrem Mann und der junge Arzt forderte

Rosi zum Tanze auf. Sie nahm bei seiner Bitte eine unnahbare und

beleidigte Miene an und lehnte dankend ab, aber er bat so liebenswürdig,

daß sie sich schließlich von dem Zauber seiner Persönlichkeit hinreißen

ließ und einwilligte, mit ihm zu tanzen. Ganz versöhnt und sogar heiter

lächelnd kehrte sie auf ihren Platz zurück. Welche Frau bliebe auch

unempfindlich gegen die kleinste, ihr dargebrachte Huldigung eines schönen

Mannes!

Der Pastor hatte sich schleunigst Ilse zum Tanze geholt, als ihm seine

Frau entführt wurde, er tanzte aber so ungeschickt, daß Ilse seinen kühnen

Sprüngen kaum folgen konnte und verschiedene Male mit ihm stolperte. Als

er sich ganz bestürzt entschuldigte, sagte sie freundlich, er tanze ja

sehr gut, denn sie wollte ihm das Vergnügen nicht verderben. Dem flotten

Walzer folgte eine Polka, dann ein Galopp und so weiter; man wurde nicht

müde, alles plauderte, scherzte und lachte, die lustigste Laune war wieder

eingekehrt. Nellie löste jetzt den Referendar ab, der sofort zu Ilse

eilte, um sie zum nächsten Tanz aufzufordern. Sie schützte aber Müdigkeit

vor, und wieder mußte er mit einem Korbe abziehen. Eine zornige Röte stieg

ihm ins Gesicht und er biß sich wütend auf seine schmalen Lippen.

„Nun ist’s genug,“ entschied Althoff, als eben ein neuer Tanz beginnen

sollte. „Wir müssen an das Abendessen denken. Herr Pastor, wollen wir

zusammen den Punsch brauen? Und du, Nellie, hast ja noch allerhand

Delikatessen mitgebracht und solltest dich mit der Wirtin verständigen!“

„_O yes, darling_, ich werd schon machen. Die Herren brauen den Punsch,

wir Damens decken den Tisch, – o, es wird fein. Kommt Kinder!“

Die Wirtin war schon dabei, im Nebenzimmer den Tisch zu decken, als Nellie

sie aufsuchte. Die jungen Damen halfen der alten Frau unter Lachen und

Scherzen, so daß diese meinte, eine so lustige Gesellschaft sei lange

nicht bei ihnen eingekehrt.

Nur Rosi bewahrte ihre steife Würde, ihr pedantischer Sinn verstand keine

harmlose Heiterkeit.

Floras Mann hatte durch einen Boten bestellen lassen, daß man mit dem

Abendessen nicht auf ihn warten solle, da er noch längere Zeit fortbleiben

müsse.

„Habe ich nun nicht recht?“ seufzte Flora. „Wird mir nicht jedes Vergnügen

vergällt? Wahrhaftig, wer die Frau eines Arztes wird, übernimmt damit die

Rolle einer Entsagenden.“

Heute abend jedoch fiel Florchen gänzlich aus dieser Rolle, sie vergaß die

Abwesenheit ihres Gatten sehr bald und stimmte in die Ausgelassenheit der

andern mit ein. Mitten auf dem Tisch prangte die dampfende Terrine, und

Doktor Althoff forderte Flora scherzend auf, in ihrem weißen Gewande heut

abend die Hebe zu spielen. Sie ließ sich das nicht zweimal sagen, stellte

sich aber bei diesem Amt so ungeschickt an, daß sie jedesmal vorbeigoß und

der Punsch am Glase herunterlief, bis schließlich Nellie sagte: „Laß mir

nur machen, Flora,“ wobei sie ihr den Löffel aus der Hand nahm.

Vergnügt lächelnd saß der Pastor hinter seinem Glase. Rosi hat ihn zu

Anfang beiseite gezogen und sich fest von ihm versprechen lassen, daß er

nicht, wie damals bei Althoffs, zu viel trinken würde. Sie selbst nippte

kaum am Glase, indem sie behauptete, keinen Wein vertragen zu können, da

er ihr zu Kopf stiege.

Ilse war merkwürdig still geworden. Sie wußte selbst nicht, wie es kam,

daß ihre Gedanken diesen Abend immer in die Ferne schweiften und an einem

Wesen haften blieben, welches Leos Züge trug. Erinnerten sie die

leuchtenden Augen des jungen Arztes, der neben Orla saß und in eifriger

Unterhaltung keinen Blick von dieser wandte, an die Augen ihres Leo, die

mit so viel Glück und Innigkeit auf ihr zu ruhen pflegten? Oder war es das

silberne Mondeslicht, das Erinnerungen in ihr wachrief? Liebten sie doch

beide im Mondenschein zu schwärmen. Oft war sie mit ihm Hand in Hand weit

hinaus über die Felder und Wiesen gegangen und sie hatte sich ganz dem

Zauber eines Mondscheinabends hingegeben. Oder sie lehnten zusammen am

Fenster und sahen zu, wie die Strahlen des Mondes durch das Blätterwerk im

Garten brachen. Ob er jetzt wohl auch an sie dachte, ob er, wie sie,

solche Bilder an seinem Geiste vorüberziehen ließ?

Das Lachen und Stimmengewirr rief sie in die Wirklichkeit zurück, und doch

hätte sie gern so noch weiter geträumt. Sie blickte durch die offene Tür

in den Saal, wo die Kerzen erloschen waren und statt dessen das Mondlicht

voll hereinflutete. Wie magnetisch davon angezogen, stand sie auf und ging

hinein. Sie hatte den dringendsten Wunsch, jetzt allein zu sein, um sich

ungestört in die Vergangenheit senken zu können. In dem efeubewachsenen

Erker auf dem alten Stuhl ließ sie sich nieder und schmiegte den Kopf an

die hohe Lehne. Hier übergoß der Mond alles mit einem bläulichen Lichte,

welches auf den dunklen Blättern glänzte. Nun war es fast wie daheim, wenn

sie und Leo auf der von wildem Wein umlaubten Veranda saßen und er ihr

unter dem grünen Blättergewirr tausend süße Liebesworte zuflüsterte. Es

kam ihr vor, als wäre sie plötzlich alt und diese Zeit läge weit, weit

hinter ihr. Würde sie denn noch einmal wiederkehren, oder war Liebe und

Glück für immer vorbei? Dann allein durch ihre Schuld, raunte ihr eine

innere Stimme zu. Sie mußte sich die Hand auf das unruhig klopfende Herz

pressen.

Flora hatte dem Verschwinden Ilses mit den hochtrabendsten Worten eine

Erklärung gegeben. „Die Sehnsucht nach dem Ferngeliebten,“ sprach sie

theatralisch, „zaubert ihr sein Bild hierher. Sie ist nun mit ihm vereint,

und wir dürfen das glückliche Paar nicht stören.“

Sie erhob die Arme und streckte sie aus, wie wenn sie als Schutzengel über

die beiden zu wachen hätte.

„Hu, hu, du siehst ja wie ein Geist aus, ich fürchte mir,“ rief Nellie und

brachte damit Flora, die wie geistesabwesend vor sich hinstarrte, in die

Wirklichkeit zurück.

Der Referendar, welcher sich Ilse beim Abendessen nicht mehr genähert

hatte, nachdem er heute wiederholt von ihr abgewiesen worden, war ihr mit

seinen stechenden Augen in den Saal gefolgt, und so sah er auch, wie sie

in dem Erker verschwand. Sofort nahm er sich vor, ihr dahin nachzugehen,

und als nach einer Weile Althoff nach der Uhr sah und zum Aufbruch mahnte,

ergriff er schnell die Gelegenheit und erbot sich, das Anspannen besorgen

zu lassen. Beim Hinausgehen lehnte er wie zufällig die offene Türe, die

zum Saal führte, an. Als er dann zurückkehrte, klinkte er leise die andre

Tür auf, die vom Hausflur in den Saal führte, und schlich sich auf den

Zehen nach dem Platze, wo Ilse saß.

Sie hatte ihn nicht kommen hören und erschrak nun um so mehr, als sie

plötzlich seine Stimme vernahm und ihn zwischen den Efeuwänden stehen sah.

Sie sprang auf und wollte forteilen, aber er ließ sie nicht vorbei und

drückte sie mit sanfter Gewalt auf ihren Platz zurück.

„Was wollen Sie hier?“ fragte sie in einem nicht mißzuverstehenden Tone,

der deutlich bewies, wie fatal ihr seine Gegenwart war.

„Wie Sie, mein teures Fräulein, möchte ich den herrlichen Mondenschein

genießen und dabei in Ihre schönen Augen sehen.“

„Was fällt Ihnen ein!“ rief sie empört und schnellte wieder empor.

„So bleiben Sie doch, ich tue Ihnen ja nichts,“ sagte er mit

einschmeichelnder Stimme, indem er ihr den Ausgang versperrte. „Gestatten

Sie mir nur eine Frage: Sind Sie glücklich?“

Sie gab keine Antwort, weil ihr eine namenlose Angst die Kehle zuschnürte,

und sie nur den einen Gedanken hatte, wie sie ihm entfliehen könnte. Er

aber deutete ihr Schweigen anders. War es nicht auch eine Antwort auf

seine Frage?

„Ich wußte es ja,“ hub er wieder an, „ich las es in Ihren Augen, daß Sie

nicht glücklich sind. Sie finden in mir eine mitfühlende Seele, welche Sie

leider nur zu gut begreift. Auch ich bin an ein Wesen gekettet, das mich

zu dem Unglücklichsten der Unglücklichen macht. Meine Braut, – o Himmel,

daß ich ihr diesen süßen Namen geben muß –, nun, sie ist reich und sie

wissen ja, ‚nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.‘ Auch meine

Existenz hängt von dem leidigen Mammon ab, denn ich bin ehrgeizig und

strebe nach hohen Zielen, aber ich bin arm und habe mich deshalb mit dem

reichen Mädchen verlobt. Das arme Ding, sie ist so in mich verschossen!“

Trotzkopf's Brautzeit · 第 12 / 18 段