zu ihr, „vor allen Dingen werde etwas ruhiger. Ich muß jetzt mal in einem
weisen Tantenton mit dir reden. Sieh, liebe Ilse, das Leben bringt
ohnedies Schweres genug, warum da noch unnütz Grillen fangen und es sich
durch Nichtigkeiten verbittern? Nellie hat mir auf deinen Wunsch alles
erzählt, und ich sage dir aufrichtig, ich bedaure dich und deinen
Bräutigam, daß es soweit zwischen euch gekommen ist. Ich weiß ja nicht,
was vorgefallen ist, aber etwas Schlimmes kann es nicht sein, denn in
deinen Augen habe ich gelesen, daß du ihn noch liebst, daß du mit allen
Fasern deines Herzens noch an ihm hängst, mit allen deinen Gedanken noch
bei ihm bist. Nicht wahr, du bist böse auf ihn, weil er fortgereist ist
und nicht als echter Ritter Toggenburg hintrauert? Das würdest du lieber
sehen, das würde dir besser gefallen, gestehe es, Ilse! Aber sei gerecht,
nicht kleinlich, und denke mal ruhig nach. Die Sehnsucht nach dir, der
Schmerz, daß du ihn verlassen hast, sie machen, daß er es nicht mehr
daheim aushält, eine unbezwingliche Unruhe treibt ihn fort, weit fort; er
muß andre Menschen, andre Dinge sehen und je größer der Strudel der
Vergnügungen, die ihn sein Leid vergessen machen sollen, desto besser.
Kannst du nicht mit ihm empfinden, siehst du nicht darin nur einen Beweis,
wie tief und innig er dich liebt? Handelt nicht so ein rechter Mann voll
Kraft und Stolz, welcher der Welt nicht zeigen mag, wie es in ihm
aussieht? Glaubst du, daß er wirklich genießt, was er sieht und hört, daß
ihn nicht überall sein Kummer, der Gedanke an dich begleitet? Ilse, du
bist mit Blindheit geschlagen, glaube es mir. Sei nicht böse, daß ich
offen spreche, aber ich meine es wahrhaftig nur gut mit dir.“
Ilse hatte bebend zugehört. Orlas Worte machten einen tiefen Eindruck auf
sie. War es nicht richtig, was sie sagte, verstand sie Leo nicht besser,
als seine eigene Braut es tat? Ja, Orla hatte recht! Und nun kam sie sich
auf einmal so kleinlich, so ungerecht vor, es ging ihr plötzlich wie ein
Licht auf. Ja, Leo war nur fortgereist, um seinen Schmerz durch neue
Eindrücke zu betäuben. Kannte sie ihn so wenig, vermochte sie so wenig in
seiner Seele zu lesen? Keine Silbe von dem, was ihr Orla gesagt hatte,
hätte sie bestreiten mögen. So eindringlich und schonungslos hatte Nellie
noch nie mit ihr gesprochen; die viel zu gutmütige junge Frau konnte nicht
sehen, wenn Ilse so traurig war, und hatte dann gleich tausend zärtliche
Trostesworte für sie, aber um keinen Preis hätte sie ihr das Herz durch
Vorwürfe noch schwerer gemacht. Orla sagte ihr erbarmungslos die Wahrheit,
so war es recht! Es tat ihr wohl zu wissen, wie das kluge Mädchen über sie
urteilte, und sie war ihr dankbar, daß sie so offen mit ihr gesprochen
hatte.
„Gute Nacht, liebe Orla!“ rief Ilse innig.
Keine Antwort.
Schlief sie schon wieder, oder stellte sie sich schlafend?
Ilse erhob sich leise und ging an Orlas Bett. Die gleichmäßigen Züge
verrieten, daß sie fest schlief. Ilse betrachtete mit Entzücken das schöne
Gesicht der Freundin, welches von den hereindringenden Mondesstrahlen matt
beleuchtet wurde. Die dunklen Augenwimpern warfen ihren Schatten auf die
blassen, im Mondeslicht fast marmorweißen Wangen. Ilse drückte einen
leisen Kuß auf die Stirn der Schläferin und schlich sich dann auf den
Zehen zurück nach ihrem Lager.
* * *
[Illustration]
Nach den herbstlich rauhen Tagen stellte sich jetzt der Winter ein, der
mit Schnee und Eis sein Recht behauptete. Seit einigen Tagen schneite es
unaufhörlich, leise und sacht fielen die weißen Flocken zur Erde nieder.
Baum und Strauch mußten sich unter der Schneelast beugen. Flora, deren
Poesie mit den Jahreszeiten Schritt hielt, besang jetzt den „gestrengen
Winter“, und das tanzende, wirbelnde Schneegestöber wurde für sie ein
unerschöpfliches Thema mit den verschiedensten Abwechslungen. Sie ward
nicht müde, an ihrem Schreibtisch zu sitzen und in das flimmernde
Flockengewirr zu sehen. Eines Tages aber lachte ihr der klare blaue Himmel
entgegen und die freundliche Wintersonne schien ins Fenster herein.
Gegen Mittag kam der Referendar, um zu fragen, ob man nicht das herrliche
Winterwetter benutzen und mit mehreren Bekannten eine Schlittenpartie
unternehmen wolle, es wäre die schönste Bahn. Voller Begeisterung begrüßte
Flora diesen Gedanken, sie fand ihn himmlisch und war sofort bereit, nach
Althoffs zu gehen, um sie zu diesem Partie aufzufordern.
„Ihrer reizenden kleinen Freundin, Fräulein Ilse wird gewiß eine
Schlittenfahrt auch Spaß machen. Ich werde mir erlauben, das Fräulein
selbst zu fahren.“
Ärger und Enttäuschung kamen bei diesen Worten in Floras Gesicht zum
Ausdruck.
„Finden Sie Ilse wirklich reizend? Ich begreife das nicht? Sie hat ein
frisches, glattes Gesicht, aber Sie müssen doch gestehen, daß demselben
jede Vergeistigung fehlt, die ein Antlitz doch erst anziehend und
interessant macht. Ohne diesen Ausdruck kann ich kein Gesicht schön finden
und deshalb läßt mich auch das von Ilse kalt, es ist mir langweilig.“
Wie hart und schroff sie urteilte, wenn sie sich in ihrer Eitelkeit
verletzt fühlte! In Gedanken hatte sie an sich gedacht, als sie Lüders
auseinandersetzte, wodurch ein Gesicht erst seine wahre Schönheit bekäme,
und sie erwartete, daß auch er so denken und ihr das jetzt sagen werde.
Aber er blieb stumm und ein ironisches Lächeln zuckte um seinen Mund.
Erregt stand Flora auf.
„Gehen Sie mit?“ fragte sie. „Ich will zu Althoffs. Übrigens – Sie wissen
doch, Ilse ist Braut! Kühlt das Ihre Begeisterung nicht etwas ab?“
Auch er hatte sich erhoben und gab auf Floras spöttische Frage keine
Antwort; er dachte nur daran, um jeden Preis mit dem jungen Mädchen
zusammenzukommen. Er verabschiedete sich von Flora, indem er ihr sagte,
daß er gegen Abend wiederkommen würde, um das nähere über die Partie zu
erfahren.
„Adieu,“ sagte Flora schnippisch und drehte ihm den Rücken, ohne seine
ausgestreckte Rechte zu berühren.
„Nun, bekomme ich keine Patschhand?“ fragte er.
„Nein, Sie sind zu unartig gewesen,“ sagte sie und sah ihn über die
Schulter mit kokett schmollender Miene an.
„Aber wenn ich verspreche, jetzt wieder artig zu sein, Frau Flora, auch
dann nicht?“
„Eigentlich haben Sie keine verdient, aber ich will gnädig sein. Hier!“
Sie reichte ihm ihre Hand. Er führte sie mit einem scheinbar demütig um
Verzeihung flehenden Gesicht an seine Lippen und ging dann fort.
Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihren Mund; voller Selbstbewußtsein
sah sie ihm nach. Sie hielt alles bei ihm für bare Münze, die arme, blinde
Flora, und keine noch so leise Ahnung sagte ihr, daß er in seinem Innern
ganz anders über sie dachte, als er äußerlich zeigte. –
Pünktlich um zwei Uhr sollten sich die Teilnehmer an der verabredeten
Schlittenpartie vor dem Althoff’schen Hause am andern Tage versammeln.
Außer Flora mit ihrem Manne, Referendar Lüders und Althoffs mit den beiden
jungen Mädchen, hatte man noch den Assistenzarzt von Doktor Gerber zu der
Partie aufgefordert. Es wurde beschlossen, nach dem Dorfe zu fahren, in
welchem Rosis Mann Pastor war, weil dorthin die beste Bahn sei und man
erwarten konnte, daselbst, was Essen und Trinken betraf, gut aufgehoben zu
sein. Der Pastor und seine Frau waren natürlich benachrichtigt und gebeten
worden, zur angegebenen Zeit pünktlich in dem Gasthaus zu sein und dort
für ein warmes Zimmer und guten Kaffee zu sorgen.
„Orla, du wirst dir staunen, unsre artige Rosi wiederzusehen, nicht wahr,
Ilschen?“ sagte Nellie lustig, während sie zur Schlittenpartie gerüstet
vor dem Spiegel stand und noch einen langen weißen Schleier um ihre
Pelzmütze legte, den sie unter dem Kinn zu einer großen Schleife
zusammenband, welche ihrem rosigen Gesicht reizend stand.
Ilse lachte.
„Ja wahrhaftig, Orla, du wirst dich wundern, wie die ihren Mann unter dem
Pantoffel hat. Ich sage es ja immer, die Sanften haben es faustdick hinter
den Ohren. Sieht Rosi nicht aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben?
Sie hat ein Gesicht wie eine Madonna mit dem Heiligenschein und dabei ist
sie mindestens ebenso widerspenstig, wie meine Wenigkeit.“
„Selbstbekenntnis einer edlen Seele,“ deklamierte Orla feierlich, worauf
alle drei in ein Gelächter ausbrachen.
„Still, Kinder,“ mahnte Nellie und lief ans Fenster, „die Schlittens
kommen, ich höre ihnen klingeln.“
Durch die Türe rief sie:
„Fred, bist du fertig?“
„Ja, Kind,“ antwortete er und kam herein.
„Hier bin ich.“
Vergnügt eilten die jungen Menschen die Treppe hinunter. Vor der Türe
hielten vier mäßig elegante, aber mit guten Pferden bespannte Schlitten.
In dem ersten saßen Gerbers, in dem zweiten der Referendar und Andres.
Flora, die mit verdrossener Miene neben ihrem Manne saß, hatte verweinte
Augen und begrüßte in kläglichem Tone die Freundinnen. Erst als Nellie sie
fragte, ob ihr etwas fehle, erwiderte sie mit weinerlicher Stimme:
„Denkt nur, beinahe wäre mir das ganze Vergnügen verdorben worden. Mein
Mann wollte nicht mit, er behauptete, sich nicht wohl zu fühlen, er hätte
Kopfschmerzen, Fieber und wer weiß was alles noch. Aber man muß nur die
Männer kennen. Wenn ihnen der kleine Finger weh tut, stellen sie sich
gleich furchtbar an. Nein, die Schlittenpartie, auf die ich mich so riesig
gefreut habe, wollte ich mir deshalb nicht vereiteln lassen. Wahrhaftig,
Männchen, ich wäre ohne dich mitgefahren.“
Sie sah ihren Mann mit trotziger Herausforderung an und zog die Oberlippe
in die Höhe, wie ein ungezogenes Kind.
„Ich machte dir ja selbst diesen Vorschlag, Flora,“ entgegnete ihr Mann
ruhig, „aber du sagtest, dann müßte eine Person allein fahren, weil nur
zweisitzige Schlitten bestellt wären. Das sah ich ein, und um dir das
Vergnügen nicht zu verderben, fahre ich mit. Nun ist die Sache wohl
abgetan, ich bitte darum.“
Es war ihm offenbar unangenehm, daß Flora erzählte, was zwischen ihnen
vorgefallen war, aber er bezwang seinen Unmut und nur die tiefe Falte
zwischen seinen starken Brauen und der bestimmte Ton, mit welchem er
sprach, verrieten, daß er sich ärgerte.
Flora bemerkte und empfand es nicht, sie hatte nur den einen Gedanken und
der war – die Schlittenpartie! Sie stürzte auf Orla zu und umarmte sie auf
offener Straße, denn sie wollte immer zeigen, wie ‚intim‘ sie mit ihr war.
„Die geistige Verwandtschaft zwischen meiner Freundin und mir,“ hatte sie
zu Lüders gesagt, „schlingt ein festes unauflösliches Band um uns.“
Orla, welche überhaupt keine Zärtlichkeiten liebte, wehrte unwillig ab und
sagte mit Entschiedenheit: „Ich bitte dich, Flora, laß doch diese
Liebesbeweise auf offener Straße, du bereitest vielen Zuschauern nur ein
Schauspiel. Sieh doch die Köpfe an den Fenstern.“
In diesem Augenblick trat Althoff mit dem jungen Arzt heran.
„Fräulein Orla, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Doktor Andres vorzustellen.
Und hier, Doktor: Fräulein Orla Sassuwitsch, eine liebenswürdige Kollegin
_in spe_.“ Über Orlas Gesicht flog bei diesen Worten eine leichte Röte,
und ihre Augen senkten sich zu Boden. Sie ahnte nicht, wie schön sie
gerade in diesem Augenblick war, und daß die Blicke des jungen Mannes
bewundernd auf ihr ruhten. Eigenartig und vornehm sah die Russin aus. Sie
trug ein dunkelgrünes, eng anliegendes Tuchkleid, dessen Saum mit
Otterpelz besetzt war. Von gleichem Pelz waren auch der kostbare
Schulterkragen, der Muff und das Mützchen, das tief in die Stirn gedrückt
war.
„Um Gottes willen. Orla, willst du denn in diesem luftigen Aufzuge
fahren?“ fragte Flora, „du hast ja nicht einmal eine Jacke an, du
erfrierst ja. Hu!“
Zusammenschauernd wandte sie sich ab.
„O nein, Flora, ängstige dich nicht, ich bin abgehärtet und zog mich in
Rußland bei viel strengerer Kälte niemals wärmer an.“
„Na,“ erwiderte Flora, „da bin ich doch zarter besaitet, als du, ich muß
mich ordentlich einhüllen, sonst friert mich.“
Ordentlich eingehüllt, ganz vermummt vielmehr sah die junge Frau
allerdings aus in ihren Mänteln, Tüchern und Schleiern.
„Ich meine, wir fahren nun los. _Messieurs, engagez les dames_,“ rief
Althoff scherzend.
Ilse, welche sah, daß der Referendar auf sie zukam, trat schnell auf
Nellies Mann zu.
„Bitte, bitte, Herr Doktor,“ flüsterte sie hastig, „darf ich mit Ihnen
fahren?“
„Das wird mir nicht nur eine hohe Ehre, sondern auch ein großes Vergnügen
sein,“ antwortete er mit einer drollig feierlichen Verbeugung.
Lüders wurde von Ilse ziemlich ungnädig und von oben herab abgewiesen und
zog mit langem Gesicht ab. Was blieb ihm nun anders übrig, als mit Flora
zu fahren, denn Nellie saß mit Gerber im Schlitten und Orla mit Doktor
Andres. Floras Augen waren ihm gefolgt, als er zu Ilse trat. Sie war
voller Freude darüber, daß ihm diese einen Korb gab, und mit
siegesgewisser Miene sah sie ihn jetzt auf sich zukommen. Seine
Verdrossenheit über Ilses Abweisung malte sich deutlich in seinen Zügen,
aber Flora schien das nicht zu bemerken. Mit ihrem liebenswürdigsten
Lächeln nickte sie ihm zu und kletterte dann ungeschickt und steif in den
Schlitten, wo sie fast ganz in ihren Umhüllungen verschwand, so daß nur
die von der Kälte bläulich angehauchte Nase hervorschimmerte.
„_All right?_“ rief Althoff jetzt.
„Ja, ja, _yes_, _oui_,“ antworteten die lachenden Stimmen durcheinander,
die Pferde zogen an, und mit lustigem Schellengeläut flogen die Schlitten
über die glatte Bahn dahin. Bald hatte man die letzten Häuser der Stadt im
Rücken, und große Schneeflächen, von der Sonne beschienen und wie mit
Diamanten übersät, breiteten sich zu beiden Seiten des Weges aus.
„Ein weißes, großes Leichentuch ist über die tote Natur ausgebreitet,“
trug Flora mit tragischem Augenaufschlag vor. Aber sie machte heute keinen
Eindruck auf ihren Nachbar, der einsilbig neben ihr saß und ihr nur
zerstreute Antworten gab.
„Lüders, Sie sind heute langweilig,“ sagte sie schließlich, „nun, ich
brauche glücklicherweise die Unterhaltung andrer nicht, um mich zu
amüsieren. Meine Gedanken sind mir die liebsten Gesellschafter,“ fügte sie
spitz hinzu und wandte sich von ihm ab zur Seite. In demselben Augenblick
traf ein Schneeball empfindlich ihre Nase und Nellies helles Lachen über
den gut gelungenen Wurf verriet die Anstifterin. Flora verstand keinen
Scherz, sie drehte sich deshalb entrüstet um und schoß Nellie einen
bitterbösen Blick zu, indem sie ärgerlich den Schnee von ihrem Mantel
abschüttelte.
„Ich glaube, Ihre Frau zürnt mich über die kleine Spaß,“ sagte Nellie zu
Doktor Gerber.
Er schüttelte mit mattem Lächeln den Kopf, denn er wollte der jungen Frau
nicht recht geben, trotzdem er überzeugt war, daß Flora den harmlosen
Scherz ernstlich übel genommen hatte. Seine müden Bewegungen fielen Nellie
auf, er hatte sonst etwas Energisches und Kraftvolles in seinem Wesen.
„Fühlen Sie sich sehr unwohl?“ fragte sie ihn teilnahmsvoll.
„Ja,“ erwiderte er, „es geht mir heute nicht gut, ich weiß, daß ich Fieber
habe, und fühle heftige Stiche in der Brust beim Atemholen. Aber wir
wollen nicht mehr davon sprechen, es wird schon wieder besser werden. Ein
Arzt darf ja überhaupt nicht krank sein, er überläßt das lieber seinen
Patienten, selbst hat er keine Zeit dazu.“
Er sprach scherzend, aber die feinfühlende Nellie empfand, daß er sich
heute zu einem heiteren Ton zwingen und sich sehr elend fühlen mußte.
„O wenn Ihnen nur der kalte Zugluft nicht schadet,“ sagte sie besorgt,
„hier, bitte nehmen Sie dieser Tuch um Ihren Hals, bitte erlauben Sie
mich.“
Er wollte ihr abwehren, aber sie hatte schon ein seidenes Tuch aus ihrer
Tasche hervorgeholt und band es ihm eigenhändig um.
Fast gerührt blickte er sie an.
„Sie sind eine fürsorgliche kleine Frau, tausend Dank!“
Er ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Nellie wurde rot und
entzog ihm schnell ihre Hand.
„O,“ sagte sie, „Sie müssen mir nicht für eine Kleinigkeit ein so großer
Dank geben. Ich bin es von mein Mann so gewohnt, ich muß für ihn an alles
denken und sorgen. O, er ist so leichtsinnig, er sieht nie nach die
Thermometer, ob es kalt oder warm draußen ist.“
Doktor Gerber dachte unwillkürlich an den Unterschied zwischen seiner Frau
und Nellie. Er schätzte letztere hoch, ihr echt weiblicher Sinn, ihre
häuslichen Gaben hatten ihn oft entzückt. Im stillen hatte er gehofft,
Flora würde von ihr lernen, aber bald mußte er einsehen, daß auch das
beste Beispiel sie nicht ändern konnte. Sein Beruf ließ ihm zum Glück
nicht viel Zeit zum Grübeln übrig, aber in den wenigen Erholungsstunden
litt er schwer unter dem Druck der Ungemütlichkeit in seinem Heim, und nur
wenn er in die unschuldigen Augen seines Kindes sah, fiel es wie ein
Lichtstrahl in die öde Leere seiner Brust. Nellie betrachtete voller
Mitleid ihren stummen Nachbar, dessen Gedanken sich deutlich in seinen
Zügen verrieten. Sie hatte schon oft traurig empfunden, daß dieser Ehe die
Weihe des wahren, echten Glückes fehle, und fragte sich dann: liebt ihn
Flora nicht und ist sie blind dagegen, daß er leidet? Nein, die wahre
Liebe kannte sie nicht, – würde sie sonst stets nur an sich denken und
über ihre elende Stümperei Mann und Kind vergessen? Wußte sie nicht, wie
schön es ist, den Beruf des liebenden Weibes mit heiliger Pflichttreue zu
erfüllen? Nellie war sich desselben tief bewußt, für sie gab es keinen
andern Wunsch, als ihren Mann zu beglücken, seine Liebe war ihr das
Höchste, Herrlichste auf dieser Welt! Der einzige Fred! In dem liebe- und
glückerfüllten Gedanken an ihn wandte sie sich nach ihm um, sie mußte ihn
in diesem Augenblick sehen, einen Blick von ihm erhaschen.
„Fred!“ rief sie und nickte ihm innig zu. Er war im lebhaften Gespräch mit
Ilse, die ihrer heiteren Laune die Zügel schießen ließ, weil sie froh war,
dem Schicksal entronnen zu sein, mit dem ihr so verhaßten Referendar
fahren zu müssen. Sie erzählte sich mit ihrem früheren Lehrer lauter Witze
und Scherze, und immer von neuem ertönte ihr fröhliches Lachen.
Plötzlich jagte der letzte Schlitten, in welchem Orla mit ihrem Begleiter
saß, in sturmesähnlicher Geschwindigkeit an ihnen und den andern vorüber.
Orla hatte die Zügel in der Hand, sie saß kerzengerade aufgerichtet. Die
scharfe Luft hatte ihre Wangen gerötet, Feuer und Lebenslust blitzten aus
ihren Augen. Als ihr Schlitten an Flora vorbeisauste, fuhr diese mit einem
Aufschrei zusammen und schloß wie ohnmächtig die Augen. Lüders aber schien
die Schwäche seiner Nachbarin nicht zu bemerken, er war nicht im mindesten
besorgt um sie, im Gegenteil, mit einem kalten höhnischen Lächeln blickte
er sie von der Seite an. Als Flora die Augen wieder aufschlug, sah sie,
wie sich Orla umdrehte und ihr mit dem heitersten Gesicht zurief, ob sie
sich von ihrem Schrecken erholt habe. Sie hatte die Zügel straff angezogen
und ließ die Pferde in langsamem Tempo gehen.
„Hoffentlich habe ich nicht auch Sie erschreckt,“ wandte sie sich an ihren
Nachbar, „ich vermute es fast, weil Sie mir die Zügel entreißen wollten.
Sie dachten gewiß, die Pferde gingen durch?“
„Natürlich glaubte ich es, und ist mir das zu verdenken, da ich doch keine
Ahnung haben konnte, welche kühne Rosselenkerin Sie sind? Wie harmlos
sagten Sie zu mir: bitte lassen Sie mich doch einmal die Zügel nehmen, ich
möchte auch mal versuchen zu fahren. Offen gesagt, das war recht
hinterlistig von Ihnen.“
„Nein,“ lachte sie, „es war nicht hinterlistig von mir, denn ich wußte in
der Tat nicht, ob ich das Fahren nicht verlernt hatte; ich habe so lange
keinen Zügel in der Hand gehabt. In dem Augenblick aber, als Sie mir
dieselben gaben, da kam das Bewußtsein der Sicherheit wieder über mich,
die alte Leidenschaft erwachte in mir, ich war wieder daheim in
Petersburg, ich saß in unserm Schlitten, es waren unsre Ponys, die ihn
zogen, kurz und gut, es war meine lebhafte Einbildungskraft, die mich
fortriß und Ihnen diesen Streich spielte. Verzeihen Sie?“
„O, von Verzeihen kann hier keine Rede sein, Sie haben mir ja einen
riesigen Spaß bereitet, gnädiges Fräulein. Ich bleibe jetzt bequem in
meiner Ecke sitzen und lasse mich von schönen Händen spazieren fahren,
denn Sie verstehen es ja weit besser als ich. Sie reiten wohl auch?“
„Und wie gern,“ versetzte sie mit blitzenden Augen.
„An Unerschrockenheit fehlt es Ihnen nicht, dafür habe ich Beweise. Für
ihren künftigen Beruf ist das übrigens viel wert, denn es gibt da vieles
zu überwinden, selbst für einen Mann.“
„Ja, ja, ich weiß,“ gab sie kurz und halb verlegen zur Antwort.
Wie merkwürdig, es war ihr peinlich, wenn er davon anfing. Es kam ihr vor,
als läge ein gewisser Spott in seinen Worten, als umspiele ein mitleidiges
Lächeln seine Lippen, wie wenn er dächte, du eine schwache Frau willst
dich an eine solche Aufgabe wagen? Schon verschiedene Male hatte er sie
heute über ihre Zukunftspläne befragt, die natürlich ihn interessierten,
da er selbst Arzt war, sie hatte ihm aber immer ausweichend geantwortet.
Mit Althoff und Gerber besprach sie doch eingehend denselben Gegenstand
und holte ausführlich ihren Rat ein; warum hatte sie eigentümliche Scheu,
mit Andres darüber zu sprechen? Sie wußte sich das selbst nicht zu
erklären.
Das für mitleidig gehaltene Lächeln um seinen Mund deutete sie aber
falsch. Er lächelte, weil er sich über das junge schöne Menschenkind
freute, sowie über ihre klugen durchdachten Antworten, die sie ihm gab,
und die so ganz anders lauteten, wie bei den hiesigen Damen seiner
Bekanntschaft. Er war überzeugt, daß sie keine oberflächliche Jüngerin der
Wissenschaft werden, daß sie leicht und gründlich erfassen und lernen
würde. Und dennoch, – er bedauerte sie, denn der jungfräuliche Hauch, der
sie trotz ihres männlichen Geistes umgab, würde abgestreift werden. Voll
Bewunderung folgte er ihren kraftvollen anmutigen Bewegungen und verglich
sie auch hierin wieder im stillen mit den zimperlichen Kleinstädterinnen,
welche vor der Zeit schlaff und alt wurden, weil sie ohne Mark und Kraft
waren, was ihre schlechte Haltung und der schleppende, aller Spannkraft
entbehrende Gang auf den ersten Schritt bewiesen. In Orla vereinten sich
jugendliche Kraft mit Anmut, und wie sie so dasaß, wurde er nicht müde sie
anzuschauen.
Sie fuhren jetzt dicht am Walde hin, manchmal streiften sie mit dem Kopf
einen unter der Schneelast tief gebeugten Zweig, und der kalte, prickelnde
Schnee stäubte ihnen ins Gesicht. Die Dämmerung brach schon frühzeitig
herein, während der Himmel noch von der untergehenden Sonne in ein
zartrosa Violet getaucht war, und matt glänzend stand der Mond am Himmel.
Der zauberhafte Anblick der entzückenden Winterlandschaft, das tiefe
Schweigen ringsum, nur unterbrochen durch das Schellengeklingel, das aus
der Ferne von den andern weit zurückgebliebenen Schlitten wie ein Echo
herübertönte, hielt die beiden jungen Menschen wie in einem magischen Bann
umfangen. Sie saßen schweigend nebeneinander, als fürchteten sie den
Zauber durch Worte zu zerstören. Erst als sie von weitem rote Ziegeldächer
schimmern sahen und fernes Hundegebell schon die Ankömmlinge begrüßte,
erwachten beide wie aus einem Traum, und Orla wandte sich zu ihrem Nachbar
mit den Worten:
„Ich glaube, wir sind am Ziel. Wissen Sie Bescheid, wo sich das bewußte
Gasthaus befindet, das uns aufnehmen soll?“
Er bejahte, und schon nach wenigen Minuten hatten sie dasselbe erreicht.
Mit einem festen Ruck zog Orla die Zügel an, schnaubend und dampfend
standen die Pferde still. Der Wirt eilte dienstfertig herbei, und auch
seine wohlbeleibte Ehehälfte begrüßte die jungen Leute unter vielen
unterwürfigen Knixen.
„Herr und Frau Pastor würden Herrn und Frau Doktor im Zimmer empfangen,“
sagte sie zu den beiden, die eben ins Haus treten wollten.
„Nein, das ist zu komisch,“ rief Orla laut lachend, war aber rot geworden
und konnte eine gewisse Verlegenheit nicht verbergen.
„Wir sind nicht Herr und Frau Doktor, liebe Frau,“ erklärte Andres
ebenfalls lachend der Wirtin. „Sie verwechseln uns mit den Herrschaften,
die auch gleich kommen werden.“
Die Frau entschuldigte sich vielmals und sagte dann mit einem vielsagenden
Blick auf das junge Mädchen:
„Na, was nicht ist, kann noch werden,“ denn sie war nun einmal der
Meinung, daß das schöne Paar zusammengehören müßte. Orla wurden die Reden
der geschwätzigen Alten ungemütlich, sie wollte deshalb ins Haus gehen, um
ihre Freundin zu begrüßen.
Andres ging mit ihr hinein.
Rosi und ihr Mann kamen ihnen schon auf dem Flur entgegen. Rosi umarmte
Orla mit steifer Würde und gab ihr einen Kuß auf die Wange.
„Ich war ganz überrascht, wie ich von Nellie erfuhr, daß du hier bist,“
sagte sie, als sie im Zimmer waren, „aber ich freue mich sehr, dich
wiederzusehen. Kamst du nur nach Deutschland, um Althoffs zu besuchen,
liebe Orla oder führt dich noch ein andrer Zweck hierher?“
„Du erlaubst wohl,“ unterbrach sie Orla, „daß ich dir Herrn Doktor Andres
vorstelle und dich bitte, mich mit deinem Manne bekannt zu machen.“