wirklich großartige Rede unter dem Lindenbaum hielt, und wie ich ihr
damals schon prophezeite, daß einst etwas Großes aus ihr würde? Ich habe
mich nicht getäuscht, ich ahnte, daß sie sich über das Niveau des
alltäglichen Lebens erheben würde. Ihre groß angelegte Natur strebt nach
Höherem, mit kräftiger Hand zerreißt sie die engen Fesseln der
Weiblichkeit und stellt sich den Männern an die Seite. Ich begreife sie,
ich verstehe sie voll und ganz, denn wer so wie ich den Drang nach etwas
andrem, besserem in sich fühlt, der leidet beständig unter dem Druck der
grauen Alltäglichkeit, welche eine nüchterne, kalte Oede im innersten
Gemüt hinterläßt.“
Ihre wasserblauen Augen waren bei dieser schönen Rede schwärmerisch gen
Himmel gerichtet, und sie bemerkte deshalb nicht, daß Nellie unwillig den
Kopf schüttelte.
„O Flora,“ sagte diese ernst, „du versündigst dir. Wie darfst du von einer
kalte, graue Oede in dein Inneres sprechen und hast ein so guten Mann, ein
herziges Baby –, o, wie süß ist das Kind! Wär es mein, wie wollte ich ihr
hegen und pflegen. Warum hast du es so wenig um dir? Du mußt mit die
Kleine spielen, ihr schöne Geschichtens erzählen, wie wir es mit unsere
kleine Lilli taten.“
„Verschone mich mit deinen weisen Reden,“ unterbrach sie Flora beleidigt,
aber doch etwas verlegen. „Eine so alberne Mutter, wie du sie eben
schilderst, bin ich Gott sei Dank nicht. Das Kind ist gut versorgt. Habe
keine Angst, liebe Nellie, ich bin mir der heiligen Mutterpflichten wohl
bewußt.“
Das war wieder echt, wie Flora gesprochen, theatralisch und überspannt. Es
war ihr offenbar unangenehm, daß Nellie hiervon angefangen hatte, und sie
gab deshalb dem Gespräch möglichst schnell eine andre Wendung. In ihrem
Innern dachte Nellie, daß sie es mit den ‚heiligen Mutterpflichten‘ doch
wohl nicht so genau nähme; das kleine verschüchterte, nachlässig
gekleidete Stiefkind war der sprechendste Beweis dafür. Es war nicht
fröhlich und vergnügt wie andere Kinder, ein wehmütiger Ernst lag in
seinen großen Augen, und der kleine Mund war trotzig fest geschlossen. Nur
wenn Käthchen bei ihrem Vater war, dann strahlte sie und ein glückliches
Lächeln machte das Kindergesicht unendlich liebreizend. Um die Mittagszeit
stand sie schon lange, bevor er kam, am Fenster und wartete auf ihn. Sah
sie ihn kommen, so lief sie ihm entgegen und hing an seinem Halse. Über
sein ernstes Gesicht flog es dann wie Sonnenschein, er küßte und liebkoste
die Kleine.
„Du verwöhnst Käthe einfach grenzenlos,“ warf ihm Flora einmal vor, „sie
ist bereits furchtbar verzogen, ein schrecklich unartiges Kind, man hat
seine liebe Not damit.“
„Flora, du vergißt, wie lange das Kind mutterlos gewesen ist,“ sagte er,
und man sah ihm an, wie weh ihm ihr hartes Urteil über seinen Liebling
tat, „ich konnte mich neben meiner Praxis wenig um dasselbe bekümmern, es
war fremden Händen überlassen. Ist es da wunderbar, daß seine Erziehung
vernachlässigt ist? Habe doch Geduld mit ihm.“
Er wollte noch hinzusetzen: und bekümmere dich mehr darum, aber er sagte
nichts, denn er kannte Floras Empfindlichkeit. Im Anfang ihrer Ehe, als er
seine Frau immer am Schreibtische sitzend vorfand, wenn er nach Hause kam,
hatte er sie sanft aber inständig gebeten, sich mehr um den Haushalt zu
bekümmern, denn nie war das Essen zur rechten Zeit fertig, und wenn es auf
den Tisch kam, war es nur zu oft ungenießbar. Da kam er aber schön an, sie
warf ihm vor, er sei doch gar zu materiell und das Essen spiele bei ihm
die Hauptrolle.
Er war mit Scherz über diese unangenehme Bemerkung hinweggegangen und
hatte freundlich zu ihr gesagt: „In den Mußestunden, liebes Kind, kannst
du so viel schreiben als du willst, aber nie darfst du darüber die
Pflichten der Hausfrau und Mutter versäumen.“
Das nahm Flora sehr übel und tagelang sprach sie kein Wort mit ihm. Aber
ihre Lebensweise änderte sie in keiner Beziehung, ja seine Vorwürfe regte
sie nur zu neuen Taten an, in langen Gedichten klagte sie ihr Leid, daß
sie eine mißverstandene Frau sei. Sie dachte nur an sich; was lag auch
daran, daß ihr Mann, wenn er hungrig und müde nach Hause kam, keine
Behaglichkeit vorfand, und sich dann in sein Zimmer zurückzog? Wie konnte
man überhaupt so prosaisch sein und sich durch solche Dinge die Laune
verderben lassen! Sein liebevolles Zureden, seine eindringlichen Vorwürfe,
nichts half, um Flora zu ändern. Da riß dem sonst so gutmütigen Manne die
Geduld, er bat nicht mehr, er verlangte, und es kam zu heftigen Szenen
zwischen den beiden Eheleuten. Flora spielte dann die schwer Beleidigte.
Doktor Gerber hatte nicht geahnt, als er noch verlobt war und Flora ihn
mit überschwenglichen Gedichten überschüttete, die er nur flüchtig las,
daß er einst unter dieser poetischen Ader zu leiden haben würde. Er sah es
für eine Spielerei an, die ein Ende nehmen würde, wenn erst ernste
Pflichten an die junge Frau heranträten. Wie bitter wurde er enttäuscht!
Aus der sanften, hingebenden Braut, die ihn schwärmerisch anzubeten
schien, in der er eine treue Lebensgefährtin, eine sorgende Mutter für
sein Kind zu finden hoffte, wurde eine unfügsame, selbstsüchtige Frau,
welche Mann und Kind vernachlässigte und sich obenein noch gekränkt
fühlte, daß er ihrer dichterischen Beanlagung so wenig Interesse schenkte
und so geringes Verständnis entgegenbrachte. „Sie mit ihrer idealen Natur
passe nun einmal nicht in diese profane Welt,“ so tröstete sie sich
schließlich. Ihr Mann ertrug jetzt alles mit ruhiger Ergebung, nachdem
seine Liebe und Güte, dann seine Strenge, ja selbst sein Zorn nichts
gefruchtet hatten. Er ging seinem anstrengenden Berufe nach und sagte
nichts mehr; Flora war froh, daß sie keine Vorwürfe mehr hören mußte und
Ruhe hatte. Einen Verehrer ihrer Muse hatte sie in dem Referendar
gefunden, dem sie unter vielen Seufzern ihr Schicksal klagte und wie hart
es sei, von dem eigenen Manne verkannt zu werden.
„Ich habe mir meine besondere Welt geschaffen, in der ich lebe,“ sagte sie
zu Lüders, „denn wer versteht mich? Außer Ihnen niemand,“ fügte sie mit
einem gefühlvollen Augenaufschlag hinzu. Auf Nellie blickte sie mit einer
gewissen Geringschätzung herab, sie ging ja, nach ihrer Meinung
wenigstens, vollständig in ihrem Mann und den Haushaltungssorgen auf.
Als sie ihr das einmal sagte, hatte Nellie erwidert: „Tut nix, von schöne
Gedichte und Romans kann mein Mann nicht satt werden, ich bin nun mal ein
prosaisches Frau, liebe Dichterin.“
„Orla wird mit ihren geistigen Interessen wenig Anklang bei Nellie
finden,“ dachte Flora im stillen und meinte, es wäre eigentlich besser,
Orla wohne bei ihr. Sie beneidete Althoffs grenzenlos um ihren
interessanten Besuch und nahm sich vor, mit Orla sehr viel zu verkehren.
Ihrem Freunde, dem Referendar Lüders und ihren Bekannten erzählte sie mit
großer Wichtigkeit und Ausführlichkeit von der bevorstehenden Ankunft der
jungen Russin, die eine intime Freundin von ihr sei, da sie beide
sozusagen ‚geistesverwandt‘ wären, daß sie zusammen in der Pension gewesen
seien, und wie sich Orla schon damals durch ihre hervorragende Begabung
ausgezeichnet hätte. Sie umgab deren Persönlichkeit mit einem Nimbus, der
darauf berechnet war, seinen glänzenden Schein vorteilhaft auf sie selbst
zurückzuwerfen. Da war es denn bald stadtkundig geworden, welchen Besuch
Althoffs erwarteten, und man sah demselben mit Spannung und Neugierde
entgegen, ja sogar die Männer waren begierig, die junge Dame kennen zu
lernen!
* * *
Nun war Orla schon einige Tage bei den Freunden, und da sie sich müde und
abgespannt von der Reise fühlte, ging sie nicht aus dem Hause, ahnungslos,
wie sehnsüchtig man im Städtchen auf ihr Erscheinen wartete und wie sehr
sie die Geduld der Neugierigen auf die Folter spannte. Flora kam fast
jeden Tag; sie war natürlich auch auf dem Bahnhof gewesen, als Orla ankam,
hatte diese überschwenglich umarmt und ihr den Strauß mit dem bewußten
Gedicht in die Hand gedrückt. Orla nahm diese Begrüßung etwas kühl und
verwundert auf, war sie doch gerade mit Flora nie vertraut gewesen, deren
Natur ihr vollkommen unverständlich und unsympathisch war. Dagegen freute
sie sich aufrichtig, Ilse wiederzusehen.
„Nellie,“ hatte Ilse vor Orlas Ankunft gesagt, „bitte, erzähle Orla nur
gleich alles –, du weißt schon, die Geschichte mit der Flucht. Wenn sie
mich nach Leo fragte, das wäre mir schrecklich, denn gerade ihr gegenüber
schäme ich mich doppelt, sie kann gewiß nicht begreifen, daß ich eines
lumpigen Streites wegen fortlaufen konnte, sie denkt so erhaben über alles
Kleinliche.“
Nellie hörte mit heimlicher Genugtuung und Freude die Freundin an und
sagte zu ihrem Manne: „Du Fred, Ilschen ist auf die Besserung, sie nennt
den Streit mit ihre Schatz schon ‚lumpig‘ und meint eine solche
‚Kleinigkeit‘ könne Orla nicht begreifen.“
Die drei Freundinnen hatten sich viel zu erzählen, und manche Stunde wurde
mit alten Erinnerungen verplaudert. Waren diese im Grunde doch noch so
frisch und neu; nur zwei Jahre lagen dazwischen und die hatten keine davon
verwischen können. Die kurze Spanne Zeit hatte aber manche Veränderungen
hervorgebracht, namentlich wollten Orla die drei würdigen Hausfrauen unter
den Pensionsschwestern nicht recht in den Sinn.
„Ich komme mir gegen euch ehrbare Frauen – Ilse rechne ich mit – wie ein
Wickelkind vor,“ sagte sie scherzend.
„Na Orla,“ neckte Ilse, „wie lange wird es dauern, und du bist auch
verlobt und verheiratet, du bist so hübsch und klug –“
„Um Gottes willen, Ilse,“ fiel ihr Orla in die Rede, „du willst mir doch
nicht etwa Schmeicheleien sagen, Kind! Du weißt doch, daß ich sie hasse.“
Aber Ilse lag es fern, der Freundin schmeicheln zu wollen. Aus ihren
Worten sprach die aufrichtigste Bewunderung und sie war viel zu offen,
jemand etwas Angenehmes zu sagen, wenn es nicht ihre wirkliche Meinung
war. Die ganzen Tage her hatte sie Orla verstohlen angeblickt, denn sie
fand sie jetzt noch viel hübscher, als in der Pension. Sie war größer und
voller geworden, dabei schlank und biegsam wie eine Tanne. Besonders gut
gefiel Ilse Orlas ‚interessante Blässe‘, und in der Tat bot der matte,
aber warme Teint im Verein mit den dunklen geistvollen Augen, dem kurzen,
leichtgelockten Haar ein unendlich anziehendes und reizvolles Bild. Ihr
Profil war scharf geschnitten, ein keckes Stumpfnäschen verlieh ihrem
Gesicht etwas Pikantes, und den kleinen vollen Mund mit den stolz
geschwungenen Lippen hatte Flora schon in der Pension als ‚vollendet
klassisch‘ besungen. Trotz einer gewissen Schroffheit in Orlas Wesen
konnte sie hinreißend liebenswürdig sein und jedermann bezaubern.
Am Tage nach ihrer Ankunft hatte sie den Freunden alles erzählt, was sie
Trauriges betroffen hatte, und mit ihnen ihre Zukunftspläne beraten.
Doktor Althoff machte sie schonungslos auf alle Schwierigkeiten ihres
Entschlusses aufmerksam, und Orla war ihm für seine Aufrichtigkeit sehr
dankbar, aber – so sagte sie ihm nach einer langen Auseinandersetzung
unter vier Augen, so wenig Lichtseiten er ihr auch an ihrem zukünftigen
Beruf gezeigt hätte, sie wäre trotzdem fest entschlossen, nicht wankend zu
werden.
„Ich bin, wenn auch keine Pessimistin, doch weit entfernt davon, eine
Optimistin zu sein,“ sprach sie, „ich weiß ganz genau und habe mir das
auch reiflich überlegt, daß ich einen langen, beschwerlichen Weg vor mir
habe, bis ich mein Ziel erreiche, und dennoch schrecke ich nicht zurück.“
Nun, an Energie und Begabung fehlte es ihr nicht, das wußte er, denn schon
in der Schule hatte er seine Freude an ihr gehabt und war oft überrascht
gewesen, wie sie bei einem schnellen Fassungsvermögen für eine Frau
auffallend klar und logisch dachte. Nie betrieb sie das Lernen
oberflächlich, sie nahm alles sehr genau und erforschte die Dinge bis auf
den Grund. Daß es ihr aber heiliger Ernst mit dem Studium war, daß kein
Gedanke der Eitelkeit, noch die Sucht nach Außergewöhnlichem sie dazu
bestimmt hatten, das konnte man alsbald merken, denn sie entwarf mit
Althoff sofort einen genauen Stundenplan und er hatte sich in der Folge
über seine eifrige und fleißige Schülerin nicht zu beklagen. Mit dem
Unterricht wurde gleich am übernächsten Tage ihres Eintreffens begonnen.
„Willst du dir nicht erst ein wenig ruhen?“ hatte Nellie gefragt, „du bist
von die vielen Aufregungen in der letzte Zeit doch gewiß sehr angespannt?“
„Nein, nein, Nellie,“ gab sie zur Antwort, „ich darf keine Minute Zeit
verlieren, außerdem ist gegen elegische Gedanken, wie sie jetzt manchmal
in mir auftauchen wollen, Arbeit das beste Mittel.“
Sie hatte sich entschieden gesträubt, bei Althoffs zu wohnen, indem sie
behauptete, das ginge nicht, es wäre ihr peinlich. Sie würde sich daher in
den nächsten Tagen selbst nach einer passenden Wohnung umsehen; sie schalt
Nellie, daß sie es nicht vorher schon getan hätte. Vorläufig bewohnte sie
mit Ilse das Fremdenstübchen, und wenn diese abends schon längst im Bette
lag, saß Orla noch auf und arbeitete bis tief in die Nacht hinein.
„Aber Orla,“ sagte Ilse oft, „du darfst nicht so lange aufbleiben, du
wirst sonst krank; komm und lege dich schlafen.“
„Laß mich nur Kind,“ antwortete Orla, „schlafe ruhig weiter und habe keine
Angst, ich werde nicht krank.“
„Kind, sagt sie immer zu mir,“ dachte Ilse, „gerade als wenn sie viel
älter wäre als ich, und sie ist doch erst neunzehn Jahre alt.“ Aber daß
Orla, trotz des geringen Altersunterschiedes viel reifer und verständiger
war als sie, das empfand sie nur zu oft und sie kam sich dann ihr
gegenüber noch recht kindisch und albern vor.
„Gegen Orla bin ich doch furchtbar dumm,“ sagte sie einmal zu Nellie.
„O Ilschen,“ lachte die junge Frau, „du nicht allein, ich auch. Aber wir
wollen ja doch keine Studentens werden und für die tägliche Gebrauch sind
wir klug genug.“
„Weißt du, Nellie, wenn Orla mich mit ihren großen Augen so prüfend und
scharf ansieht, dann denke ich immer, daß sie mich in ihrem Innern gewiß
recht verspottet und verhöhnt, weil ich davongelaufen bin. Was sagte sie
denn eigentlich dazu?“
Nellie konnte sie darüber beruhigen, daß Orla sie weder verhöhnte noch
verspottete. Sie hätte Ilse stets gerne gehabt, weil sie ‚Temperament‘
besäße, und es täte ihr nur leid, daß sich der kleine Brausekopf selbst
bittere Stunden bereitete.
„Selbst bittere Stunden bereitete,“ wiederholte Ilse Orlas Wort, „als ob
ich daran schuld wäre.“
Noch glaubte sie nicht an ihr Unrecht, noch war sie im Gegenteil
überzeugt, daß sie in der Sache selbst im vollsten Recht sei. Allerdings
hatte, wenn sie sich die Szene an jenem verhängnisvollen Mittag ins
Gedächtnis zurückrief, wohl schon manchmal eine Stimme in ihrem Innern
geflüstert: du hättest nachgeben müssen, du warst zu widerspenstig; aber
dann hörte sie im Geiste wieder deutlich Leos beschämende Worte, und ihre
besseren Regungen hielten davor nicht stand. –
Als Orla zum ersten Male mit den Freundinnen ausging, flog ihr mancher
bewundernde Blick zu, einige Vorübergehende blieben sogar stehen und sahen
der neuen Erscheinung musternd nach. Auch Doktor Andres begegnete ihnen,
der durch Flora von der ‚interessanten russischen Freundin‘ schon viel
gehört hatte und diese nun mit kritischen Blicken betrachtete. Er hatte
sich ein anderes Bild von ihr gemacht, denn von Floras überschwenglichen
Beschreibungen glaubte er immer nur die Hälfte, weil er sie längst
durchschaut hatte. Er hatte sich unter der künftigen Berufsgenossin eine
starkknochige, keineswegs anziehende Erscheinung vorgestellt und war nun
angenehm überrascht, eine schöne junge Dame, deren Weiblichkeit schon aus
ihrer anmutigen Erscheinung sprach, zu erblicken. Mit unverhohlenem
Wohlgefallen sah er Orla an.
„Wer war der große stattliche Mann, der uns eben grüßte?“ fragte sie,
nachdem er vorüber war.
Nellie nannte seinen Namen.
„Eine sympathische Erscheinung,“ bemerkte Orla noch. „Übrigens, Nellie,
werden alle Leute, die neu hierherkommen, so angestarrt wie ich? Sie
staunen mich ja an wie ein Wundertier. Sieh nur da drüben die Dame, wie
sie dir zuwinkt und durch Zeichen zu verstehen gibt, daß du stehen bleiben
sollst; wahrhaftig, sie scheut den Schmutz nicht und kommt über die Straße
zu uns.“
[Illustration]
Es war die Frau Direktor, die ihre Neugierde nicht bemeistern konnte und
unbedingt den fremden Gast von Althoffs kennen lernen wollte.
„Liebe Frau Doktor,“ redete sie Nellie an, „ich habe Sie ja so lange nicht
gesehen, es geht Ihnen doch gut, kleine Frau? Und Sie, liebes Bräutchen,“
wandte sie sich an Ilse, „ist die Sehnsucht nach dem Schätzchen nicht zu
groß, halten Sie es so lange ohne ihn aus? Wie gefällt es ihm denn in
Paris? Gontrau ist doch sein Name, nicht wahr? Ja? Dann habe ich mich
nicht geirrt, als ich neulich zufällig durch einen Bekannten meines
Sohnes, einen Referendar, erfuhr, daß Assessor Gontrau sich einen längeren
Urlaub zu einer Reise nach Paris genommen habe. Da wird er Ihnen jetzt
gewiß viel Interessantes erzählen.“
Nellie hat Ilse bei diesen Worten erbleichen sehen und unterbrach die
redsame Dame deshalb schnell.
„Frau Direktor,“ sagte sie, „darf ich Ihnen unsere Freundin Fräulein Orla
Sassuwitsch vorstellen?“
Und nun ergoß sich über diese ein gleicher Redestrom; Orla verstand es
jedoch geschickt, mit kühler, aber ausgesuchter Höflichkeit ihren Fragen
auszuweichen, so daß die aufgeregte Fragerin wenig mehr erfuhr, als sie
schon wußte. Die vornehme Zurückhaltung der jungen Dame imponierte ihr
gewaltig, und sie bat sie dringend um ihren baldigen Besuch.
„Bitte, kommen Sie aber gleich des Nachmittags mit einer Handarbeit zu
einer Tasse Kaffee,“ sagte sie, Orla die Hand schüttelnd, und
verabschiedete sich.
„Ich kann diese Frau Direktor nicht ausstehen,“ meinte Ilse offenherzig,
„wie unverschämt sie jeden ausfragt! Ich könnte ihr kein Wort erwidern, so
furchtbar ärgere ich mich über sie.“
„Aber, beste Ilse,“ lachte sie Orla aus, „wenn man sich über solche
Lappalien im Leben schon ‚furchtbar ärgern‘ will, dann könnte man ja nie
froh sein. Die gute Dame hat mich erheitert, das Fragen und Ausforschen
scheint ihr Lebensbedürfnis zu sein. Du lieber Gott, ‚jedes Tierchen hat
sein Pläsierchen‘, also: lassen wir ihr das Vergnügen.“
„Nein,“ sagte Ilse erregt, „ich könnte mit dieser Frau nicht verkehren,
und warum soll man denn auch jemand besuchen, den man nicht ausstehen
kann? Nellie mag sie auch nicht leiden und ist doch so freundlich zu ihr.“
„Du bist doch ein recht weltunkundiges kleines Mädchen, Ilse, und hast
noch sehr naive Ansichten, nimm mir das nicht übel! Von der
‚konventionellen Lüge‘ hast du wohl noch nie etwas gehört? Weißt nicht,
daß man den Personen, die man nicht leiden mag, nicht ins Gesicht sagen
kann: geh mir aus dem Wege, denn du bist mir unangenehm. Man könnte leider
beinahe sagen: je besser man lügen kann, desto weiter kommt man in der
Welt. Man nennt das ‚weltklug‘ sein.“
„Siehst du, Ilschen,“ warf Nellie ein, „Orla spricht so, wie ich dich
schon sagte. Ich mag ihr auch nicht, das neugierige Direktorsfrau, aber
sie darf mich das nicht anmerken.“
Ilse erwiderte nichts, nachdenklich ging sie neben den Freundinnen her.
Am Abend, als die beiden jungen Mädchen sich zur Ruhe begaben, fragte Ilse
plötzlich:
„Orla, würdest du mit deinem Manne alle Besuche machen, die er wünscht?“
„Närrchen, warum nicht? Natürlich! Man braucht ja deshalb noch nicht mit
denen, die einem mißfallen, zu verkehren. Wie kommst du überhaupt zu
dieser Frage?“
„Ach, ich dachte eben nur so zufällig daran,“ antwortete Ilse ausweichend
und schwieg dann.
Orla schlief schon längst, als Ilse noch wachend in ihrem Bette lag. Leo
in Paris, daran mußte sie immer denken. Was wollte er dort, warum reiste
er dahin? Um sich zu amüsieren, natürlich nur deshalb. Sie hatte Nellie
gefragt, ob es wahr sei, was die Frau Direktor ihr mitgeteilt hatte, und
ob sie auch wüßte, daß Leo in Paris sei. Nellie bestätigte es; sie wußte
es ja schon länger, hatte ihr aber diese Nachricht bisher absichtlich
verschwiegen. Ilse fragte nichts weiter, sondern hatte das Gespräch
schnell abgebrochen und von etwas andrem gesprochen, denn Nellie sollte
nicht etwa denken, daß sie sich ärgerte oder grämte. Aber ihre Gedanken
beschäftigten sich fortwährend mit dieser Reise und raubten ihr selbst den
Schlaf. Sie warf sich unruhig von einer Seite zur andern. War es denn
nicht der beste Beweis, daß er sie nicht mehr liebte, daß er keinen Kummer
empfand, wenn er Lust hatte, zu seinem Vergnügen nach Paris zu reisen?
Paris – er hatte ihr schon so oft davon vorgeschwärmt und dabei gesagt,
wenn wir erst verheiratet sind, dann reisen wir nach Paris. Und nun reiste
er ohne sie, dachte wahrscheinlich garnicht mehr an sein damaliges
Versprechen und unterhielt sich gewiß herrlich. Ihr Interesse für diese
Stadt wurde plötzlich wach, sie hätte gar zu gern etwas näheres über Paris
gewußt. Ob Orla wohl schon dort gewesen war? Sie hatte mit ihrem Großvater
weite Reisen gemacht und schon so viel von der Welt gesehen; gewiß war sie
auch in dieser Weltstadt gewesen und konnte ihr davon erzählen. Die
Neugierde ließ ihr keine Ruhe, und halb in Gedanken rief sie Orlas Namen.
„Ja, was denn, was ist denn, hast du mich gerufen, Ilse?“ fragte diese
noch halb im Schlafe.
Ilse war es nun doch peinlich, Orla zu fragen, denn was würde diese dazu
sagen, wenn sie jetzt mitten in der Nacht eine Beschreibung von Paris
haben wollte.
„Was willst du denn?“ fragte Orla und richtete sich im Bett auf, da sie
keine Antwort erhalten hatte. „Warum hast du mich denn geweckt?“
Endlich faßte sich Ilse ein Herz und erkundigte sich zaghaft, ob Orla wohl
schon in Paris gewesen sei und wie es dort wäre, sie möchte ihr doch davon
erzählen. Sie war froh, daß es Nacht war und Orla sie nicht sehen konnte,
denn sie fühlte, wie rot sie bei dieser Frage wurde.
„Mein Gott, Ilse, du phantasierst doch nicht, oder hast du etwa geträumt?“
rief Orla erstaunt.
„Ach nein, ich habe überhaupt noch nicht geschlafen,“ gab Ilse kleinlaut
zur Antwort, „und da dachte ich so zufällig an Paris.“
„Ach ja,“ sagte Orla, „nun begreife ich, du beschäftigst dich natürlich
deshalb in Gedanken lebhaft mit Paris, weil dein Bräutigam dort ist?“
Ilse erschrak; sie hatte geglaubt, Orla habe es nicht gehört, als die Frau
Direktor ihr die Neuigkeit von Leos Reise mitteilte, da sie gerade in dem
Schaufenster eines Kunstladens, vor welchem sie standen, die Bilder
einiger Professoren betrachtete. Sie hatte dabei nicht gedacht, daß die
neugierige Dame eine sehr helle und durchdringende Stimme besaß, so daß
Orla recht wohl hören konnte, was sie sagte. Übrigens war dieser erst
jetzt bei Ilses Frage die Angelegenheit wieder eingefallen, der sie zuerst
keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
Ilse wußte nicht, was sie auf Orlas Frage antworten sollte, und schwieg
deshalb still. Es wäre ihr jetzt sogar lieb gewesen, wenn Orla das
Gespräch abgebrochen hätte, aber diese fuhr nach einer kleinen Pause fort:
„Paris ist sehr schön, Ilse, und ich bin überzeugt, daß es deinem
Bräutigam dort vorzüglich gefallen wird.“
„Ja, das glaube ich auch,“ fiel ihr Ilse mit spöttischem Auflachen ins
Wort, „er wird gewiß furchtbar vergnügt und ausgelassen sein, natürlich,
warum sollte er denn auch nicht?“
„Aber Ilse,“ sagte Orla, die jetzt erst merkte, wie ihre Freundin über
diese Reise dachte und empfand, „ich bitte dich, warum soll sich denn dein
Verlobter nicht amüsieren?“
Die Gefragte schwieg, aber ein mühsam unterdrücktes Schluchzen klang zu
Orla herüber.