„Suchen Sie jemand, gnädiges Fräulein?“ fragte Andres, „soll ich Ihre

Freundin rufen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, bitte bleiben Sie,“ bat sie fast flehend.

Ihm war die Lage, in der er sich befand, gleichfalls höchst unangenehm,

und er hätte derselben gern ein Ende gemacht. Aber durfte er fortgehen, da

sie ihn so flehentlich bat, zu bleiben? Daß sein Freund Gontrau wirklich

der Bräutigam der jungen Dame war, daran konnte er nach Ilses Erschrecken

nicht zweifeln. Hätte sie auch sonst dem Referendar nicht widersprochen,

oder, wenn ein Irrtum vorlag, denselben aufgeklärt? Warum hatte sie ihm

verschwiegen, daß sie die Braut Gontraus war, was sollte das bedeuten? Die

ihm eigene wahre Herzensbildung sagte ihm aber, daß er sie nicht fragen

dürfe, ohne sie peinlich, ja vielleicht schmerzlich zu berühren.

So standen denn die beiden wieder eine Weile schweigend nebeneinander.

Ilse spielte mit dem Blatt einer Fächerpalme und Andres betrachtete eine

Photographie, welche auf dem Tische stand.

Im Nebenzimmer sang das junge Mädchen in den schmelzendsten Tönen und mit

einer fast ans Weinen grenzenden Rührung die Klage Margarethas: „O Lieb’,

wie bist du bitter, o Lieb’, wie bist du süß!“

So wenig Ilse sonst zu sentimentalen Anwandlungen geneigt war, heute

fanden diese Worte ein Echo in ihrem Herzen. Ja, süß war auch ihr die

Liebe erschienen, aber mußte sie nicht jetzt die Bitterkeit kosten? Wenn

sie die Menschen für eine glückliche Braut hielten, war es nicht eine

Lüge, daß sie es mit lächelndem Gesichte zu bestätigen schien? Mußte sie

nicht sagen: „Ihr täuscht euch, ich bin nicht glücklich, ich bin

unglücklich, tief unglücklich?“ War denn wirklich der Grund ihres

Zerwürfnisses mit Leo wichtig genug, um solche Folgen zu haben, daß sie

nun Komödie spielen mußte, was sie in die ärgsten Verlegenheiten brachte,

ihr die größte Pein bereitete? „Ach, wäre es doch nicht so weit gekommen,

hätte ich mich nicht zu der unglückseligen Flucht hinreißen lassen!“ So

dachte sie jetzt in ihrem Innern und seufzte schmerzlich auf.

Die schweigsame Nachbarin wurde dem Doktor auf die Dauer ungemütlich, und

als er ihren Seufzer vernahm, ergriff er die Gelegenheit und fragte, ob er

sie vielleicht zu den andern Damen führen solle.

Sie nickte zustimmend und legte ihre Hand in seinen Arm, doch nach dem

ersten Schritt blieb sie schon wieder stehen. Was sollte er von ihr

denken, wenn sie ihm nach ihrem vorausgegangenen Betragen kein erklärendes

Wort sagte? Er würde sie mindestens für recht albern halten. Sie fühlte,

daß seine Blicke fragend auf ihr ruhten. Ja, sie mußte ihr rätselhaftes

Benehmen entschuldigen.

Sie sah zu ihm empor und blickte in seine Augen, die ernst und

teilnahmvoll auf sie gerichtet waren und eine edle Seele, ein feines

Zartgefühl verrieten. Sie hätte sehr bedauert, von dem ihr so

sympathischen jungen Manne falsch beurteilt zu werden, was sie nach diesem

Zwischenfall ja gar nicht anders erwarten konnte. Und darum wollte sie

sprechen, so schwer es ihr auch fiel. „Bitte, Herr Doktor,“ sagte sie

leise, „wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, ich muß Ihnen etwas

sagen.“

Er erfüllte ihre Bitte und sah sie voller Erwartung an. Eine kleine Pause

entstand, denn Ilse konnte sich nicht entschließen, Leos Namen über die

Lippen zu bringen, den sie in der letzten Zeit gar nicht mehr

ausgesprochen hatte, den sie wie ein Geheimnis tief verborgen im Herzen

trug. „Sie halten mich gewiß für recht kindisch,“ begann sie endlich, „und

wissen nicht, was Sie von mir denken sollen. Ja, es ist wahr, Assessor

Gontrau ist mein Bräutigam. Es war nur ein Scherz von mir, wenn ich Ihnen

das nicht gleich sagte. Ich wollte gern Ihre Überraschung sehen, wenn Sie

es dann von mir erfuhren, und da – da ärgerte ich mich so, daß Herr Lüders

mir den Spaß verdarb.“

Der Augenblick hatte Ilse diese Ausrede eingegeben, und sie wunderte sich

jetzt selbst, wo sie den Mut hergenommen hatte, dieselbe auszusprechen.

Hinterher schämte sie sich ihrer Lüge und blickte verlegen vor sich

nieder. Sie hatte gegen ihre Natur gehandelt, denn Offenheit war eine

große Tugend von ihr. Daher kam sie sich verächtlich vor und schwankte, ob

sie dem Doktor nicht die Wahrheit eingestehen solle, denn er hatte sie

doch sicher ohnedies schon durchschaut. Aber als sie in sein Gesicht

blickte, in dem sie keinerlei Zweifel über ihre Worte entdeckte, als sie

in seine unbefangenen Augen sah, die jetzt mit einem freudigen Ausdruck

auf sie gerichtet waren, da schwieg sie doch. Herzlich streckte er ihr die

Hand entgegen und rief vergnügt:

„Wie freue ich mich, die Braut meines lieben Gontrau kennen gelernt zu

haben! Von Herzen wünsche ich Ihnen zu solchem Manne alles Glück. Aber

bitte, Fräulein, nun erzählen Sie mir von ihm. Wie geht es ihm, was tut

und treibt er? Sobald ich Zeit habe, werde ich ihm schreiben.“

Andres glaubte wirklich an Ilses Erzählung, und daß ihre Aufregung nur aus

dem Ärger über den verdorbenen Scherz entstanden war. Deshalb plauderte er

mit aller Unbefangenheit weiter und merkte nicht wie peinlich die junge

Braut die Fragen nach ihrem Verlobten berührten. Sie saß wie auf Kohlen

und antwortete, so geschickt sie konnte. Aber auf die Dauer wurde es ihr

äußerst schwer, die Diplomatin zu spielen, zu der sie nicht geboren war.

Sie wurde immer verwirrter, gab zerstreute Antworten, und als der Doktor

sie fragte, ob sie und Leo sich täglich schrieben, und bat, sie möchte ihn

in ihrem nächsten Briefe von ihm grüßen, da brachte sie es nicht mehr über

das Herz, sich noch weiter zu verstellen.

„Ich – ich,“ stammelte sie, „schreibe meinem Bräutigam nicht und kann ihn

deshalb auch nicht von Ihnen grüßen.“

Er glaubte, sie scherze und fragte lachend, ob sie ihm denn überhaupt

niemals schriebe.

Nun war es mit ihrer Fassung ganz zu Ende.

„Nein,“ wiederholte sie erregt, „überhaupt nicht! Ach, ich bitte,

schweigen Sie, ich kann Ihnen jetzt nicht erklären, jetzt nicht sagen –“

Sie brach ab, denn zum ersten Male schämte sie sich ihres Zerwürfnisses

mit Leo aus tiefstem Herzensgrunde; es kam ihr unwürdig vor, und in dieser

Stimmung wußte sie nichts andres zu tun, als ihr Taschentuch

herauszunehmen und wie ein Kind zu weinen.

Erschrocken und erstaunt über dieses neue Rätsel, das ihm seine Nachbarin

aufgab, war Andres aufgesprungen, und er empfand es wie eine

Erleichterung, als in diesem Augenblick Nellie hereintrat, welche die

Freundin holen wollte, da ein allgemeiner Aufbruch stattfand. Sie war

nicht wenig überrascht, Ilse in dieser Verfassung vorzufinden. Fragend

blickte sie auf den jungen Arzt, der ihr mit einem Achselzucken

antwortete, als wollte er sagen: „ich weiß auch nicht, was dieses bedeuten

soll.“ Er entfernte sich hierauf rasch und die beiden Freundinnen waren

allein.

„Um Gottes willen, Ilschen,“ flüsterte Nellie, „fasse dich, die Leute

dürfen dir so nicht sehen. Was hast du, was ist geschehen?“

„Ach Nellie, ich habe mich furchtbar blamiert,“ schluchzte Ilse, „laß mich

jetzt, ich erzähle dir alles, wenn wir zu Hause sind.“

„Tu der dumme Tuch ins Tasch; die andern kommen, was sollen sie von dich

denken? Sieh nur, wie der Referendar dir prüft.“

„Der unverschämte Mensch,“ fuhr Ilse auf, „was fällt ihm ein? Er fixiert

mich fortwährend, schon bei Tische hat er kein Auge von mir verwandt, der

freche Bursche!“

„Still, Ilschen, nicht so laut,“ mahnte Nellie die Aufgeregte, „er hört

ja, was du sagst.“

„Und wenn er es hört,“ sagte Ilse absichtlich laut, mit einem drohenden

Blick auf Lüders, „er soll es hören, ich würde es ihm auch ins Gesicht

sagen.“

Nellie hielt ihr den Mund zu. Sie war über Ilses Heftigkeit nicht sehr

verwundert, kannte sie dieselbe doch hinlänglich und wußte, daß sie ebenso

entschieden in ihren Abneigungen, wie in ihren Zuneigungen war.

Die übrige Gesellschaft umstand im Kreis die Wirte und nahm mit vielen

Komplimenten Abschied.

„Nimm dir zusammen, wir müssen gehen,“ sagte Nellie leise zu Ilse.

„Na, was habt ihr beide denn wieder zu tuscheln?“ fragte Althoff, der

jetzt zu ihnen trat. „Kommt, Kinder, alle machen einen schönen Knix, jetzt

ist die Reihe an uns. Ilse, Sie sehen ja so elegisch aus, was ist Ihnen

denn? Hat Florchen Ihnen etwa ihre Gedichte zu lesen gegeben und sind Sie

davon so gerührt geworden?“

Ilse lachte gezwungen zu diesem Scherz, denn ihr war nichts weniger als

lächerlich zu Mute, fühlte sie sich doch beschämt und unzufrieden, daß sie

sich soweit hatte hinreißen lassen, kurz und gut, sie wurde von den

selbstquälerischsten Gedanken heimgesucht und dadurch in höchst

unbehagliche Laune versetzt.

Auf dem Heimweg, den man gemeinschaftlich antrat, hätte sie zu gern den

jungen Arzt noch gesprochen, denn ihr Benehmen ihm gegenüber lag ihr

bleischwer auf der Seele.

Einer nach dem andern trennte sich von der Gesellschaft. Zuletzt hatten

Althoffs nur noch Andres und den Ilse so verhaßten Referendar, welche

beide in ihrer Nähe wohnten, zu Begleitern.

„Wenn dieser Mensch doch nicht mitginge,“ dachte Ilse; er machte es ihr

unmöglich, mit Andres noch ein Wort zu sprechen, denn er wich nicht von

dessen Seite.

Als sie vorm Hause angelangt waren, kam ihr noch eine günstige Gelegenheit

zu Hilfe, ihr Herz zu erleichtern.

Althoff richtete eine eingehende juristische Frage an Lüders, und Nellie,

am Arm ihres Mannes, hörte dem Gespräche zu. Diesen Augenblick benutzte

Ilse, sich dem jungen Arzt zu nähern und ihm hastig zuzuflüstern:

„Verzeihen Sie mir mein dummes Betragen von heute abend. Nicht wahr, Sie

halten mich für recht kindisch?“

„Aber mein Fräulein!“ rief er etwas verlegen über dieses offene

Bekenntnis. „Warum sollte ich Ihnen böse sein? Ich –“

„Still!“ unterbrach sie ihn, und ihre Augen blickten scheu zur Seite, denn

die Unterhaltung zwischen den beiden Herren war beendet.

„Gute Nacht!“ sagte Ilse und reichte Andres freundlich die Hand, während

sie Lüders eine förmliche Verbeugung machte, ohne seine ihr

entgegengestreckte Hand zu beachten; sie hätte sich nicht entschließen

können, sie zu berühren, einen solchen Widerwillen flößte ihr dieser

Mensch ein.

Noch lange saß sie in ihrem Stübchen und dachte nicht daran, sich

auszuziehen. Die Vorgänge des Abends erregten sie noch zu sehr, als daß

sie hätte schlafen können, wenn sie sich auch zur Ruhe gelegt haben würde.

Von Nellie hatte sie sich schnell getrennt, ohne ihr eine weitere

Aufklärung zu geben. Heute konnte und wollte sie nicht mehr von der

Geschichte sprechen. Desto mehr beschäftigte dieselbe ihre Gedanken. Sie

konnte sich nicht beruhigen, daß sie sich so dumm benommen hatte.

Wenn der Doktor nur nicht von den Liebesgeschichten angefangen hätte, die

ihr doch unmöglich gleichgültig sein konnten. Sie hatte niemals darüber

nachgedacht, ob Leo wohl schon eine andere Neigung gehabt haben mochte,

bevor er sich in sie verliebte. Und nun erfuhr sie zufällig, daß er ein

flotter Kurmacher gewesen war und daß ihn die jungen Mädchen sehr

umschwärmt hatten. Zum zweiten Male ertappte sie sich heute abend auf

einem eifersüchtigen Gefühle, das ihr bis dahin völlig unbekannt gewesen;

auf der andern Seite aber berührte sie es doch nicht unangenehm, daß Leo

so begehrenswert erschien. Nur die schöne Amerikanerin wollte ihr nicht

aus dem Sinn. Wieder stieg die Frage in ihr auf: warum hat er dir nie

etwas davon erzählt? Warum hat er diese Bekanntschaft verschwiegen? Gewiß

ist ihm die Erinnerung an das schöne Mädchen schmerzlich, die wohl so viel

schöner und klüger war, als du.

Unwillkürlich trat Ilse vor den Spiegel und betrachtete sich eingehend. Es

war ihr nie eingefallen, daran zu denken, ob sie wohl für Leo hübsch genug

wäre; nie hatte sie Wert darauf gelegt, sich für ihn besonders zu

schmücken, wie das andre Bräute für den Bräutigam tun. Aber heute prüfte

sie ihr Gesicht Zug für Zug, und verglich sich im geheimen mit der

reizenden Amerikanerin, deren Bild ihre Phantasie ihr so lebhaft

vorführte, als hätte sie dieselbe schon in Wirklichkeit gesehen. Sie fand

sich grundhäßlich gegen ihre Phantasiegebilde, welches sie mit einem

überlegenen Lächeln anzublicken schien. Sicher hatte Leo eine Photographie

seiner Angebeteten, die er immer bei sich trug, womöglich auf dem Herzen.

Die Augen, so hatte Doktor Andres gesagt, wären geradezu ‚phänomenal‘

gewesen. Wieder verglich sie im Spiegel die ihrigen damit, und wieder fiel

der Vergleich zur größten Unzufriedenheit aus.

Ein leises Klopfen an der Tür hatte Ilse in der eifrigen Betrachtung ihres

Spiegelbildes ganz überhört. Nellies Stimme ließ sie zusammenfahren.

[Illustration]

„Warum siehst du dich denn so in den Spiegel, _darling_, mit so böse

Augen, daß ich mir fürchten muß?“

Ilse war betroffen zurückgetreten in größter Verlegenheit, die aber von

Nellie nicht bemerkt wurde, weil sie an ganz etwas anderes dachte.

„Es ist gut, daß du nicht schon schläfst und ich dein süßes Schlummer

stören muß,“ sagte sie, „denn Ilschen, ich habe eine große Neuigkeit, die

ich nicht bis morgen früh bei mich behalten konnte, ohne daß du ihr weißt.

Lies hier dieses Brief!“

Ilse zitterte. „Eine große Neuigkeit,“ so sagte Nellie und brachte einen

Brief. Von wem war er, was für eine Neuigkeit mochte er enthalten? Dann

schalt sie sich töricht, daß sie bei der geringsten Gelegenheit an Leo

dachte, als ob jede Neuigkeit von ihm handeln, jeder Brief von ihm kommen

müßte. Er dachte gewiß nicht daran, ihr zu schreiben, ja vielleicht hatte

er sie schon vergessen. Bei diesem tragischen Gedanken fühlte sich Ilse so

weich werden, daß sie sich abwandte, damit Nellie ihr Gesicht nicht sähe.

Diese hatte inzwischen den Brief aus dem Kuvert genommen und entfaltet.

„Du ratst nicht, von wem er kommt, _darling_. Denke dich nur, er ist von

unsre Orla!“

„Von Orla?“ fragte Ilse erstaunt.

„Ja, von ihr. Aber hier lies.“

Sie reichte ihr mit diesen Worten die eng beschriebenen Blätter mit den

energischen, fast männlichen Schriftzügen.

„Lies laut vor,“ bat Nellie, „ich habe ihn so in der Flucht gelesen, weil

neugieriges Fred ihn haben wollte.“

Ilse las wie folgt:

Liebste Nellie!

Ich sehe im Geiste dein erstauntes Gesicht beim Empfang dieser Epistel,

denn leider ist unser brieflicher Verkehr seit deiner Verheiratung

gänzlich eingeschlafen. Mein langer Brief, welcher dir meine Glückwünsche

dazu brachte, blieb unbeantwortet. Aber du kennst mich wohl hinreichend,

um zu wissen, daß ich ganz und gar kein Talent zur Empfindlichkeit besitze

und trotz deiner Schweigsamkeit nicht einen Augenblick an deiner

Freundschaft gezweifelt habe, von der ich heute den ausgiebigsten Gebrauch

machen möchte. Doch davon später! Vor allen Dingen, liebe Nellie, wie geht

es dir und deinem Gatten? Ich hoffe, daß euch diese Zeilen im besten

Wohlsein antreffen. Ich denke viel an euch beide glücklichen Menschen und

gönne euch von Herzen alles Gute dieser Erde, mit dem Wunsche, das

Schicksal möchte euch immer so gnädig gesinnt bleiben.

Du wunderst dich, wie ich in diese bei mir so ungewöhnliche Stimmung

geraten bin? Du sollst eine Erklärung haben. Warum fiel ich auch nicht

sofort mit der Türe ins Haus und hielt mich erst bei großen Umschreibungen

auf! Doch der Mensch ist nun einmal so wunderlich und hält sich das

unangenehme gern so lange wie möglich fern. Mit wenigen Worten will ich

dir erzählen, wie übel mir das Geschick mitgespielt hat. Du weißt ja,

liebe Nellie, mein Großvater war reich, im Wohlstand bin ich aufgewachsen

und erzogen. Mein Großvater glaubte dem einzigen Kinde seiner Tochter, das

nur zu früh elternlos geworden, nichts versagen zu dürfen, er hat mich in

jeder Beziehung verwöhnt. Ich dachte, obwohl sonst, wie du ja weißt, eine

skeptische Natur, das müßte so sein und könne niemals anders werden. Aber,

daß aus einer reichen Erbin mit einem Schlage ein armes Mädchen werden

kann, muß ich an mir selbst nun bitter genug erfahren.

Ich will dir brieflich nicht auseinandersetzen, auf welche Weise wir unser

ganzes Vermögen verloren haben. Mein armer Großvater ist vollständig

fassungslos, und das mit anzusehen, ist mein größter Kummer. Der Mann, der

noch so lebensfrisch war, ist gebrochen; er bildet sich ein, mein ganzes

Glück zerstört zu haben und quält sich mit den größten Vorwürfen, trotzdem

ich ihm immer wiederhole, daß ich, jung und kräftig wie ich bin, es wage,

mit dem Leben aufzunehmen.

Das sage ich übrigens auch nicht nur ihm zum Trost, es ist meine wahre

Meinung, die ich damit ausspreche. Ich zage nicht, und Sorge macht mir nur

die Zukunft meines alten Großvaters, dem es ein schwerer Gedanke ist, nun

von seinem Sohne abhängig zu sein, obgleich mein Onkel und dessen Frau ihn

in der liebevollsten Weise aufnehmen werden.

Mein Onkel hat glänzende Einnahmen; er hat aber vier Kinder und führt ein

großes Haus, denn mit der Aussicht auf die erhebliche Erbschaft seines

Vaters brauchte er ja nicht ans Sparen zu denken.

Auch mir haben meine Verwandten in liebenswürdigster Weise ihr Haus

geöffnet und mir ein Heim darin angeboten. Doch ich habe ihnen erklärt,

daß ich mich auf meine eigenen Füße stellen wollte, und mein Onkel hat mir

eine ansehnliche Summe zu meiner Ausbildung zur Verfügung gestellt. Mit

meinen sogenannten ‚noblen Passionen‘ ist es nun natürlich vorbei; ich

ritt und fuhr mit großer Leidenschaft, war überhaupt dem Sport sehr

ergeben. Tempi passati! Mein Reitpferd, ein Goldfuchs, ist bereits für

einen hohen Preis verkauft, und auch für mein Pony-Dreigespann habe ich

schon einen Käufer gefunden. Die schönen Tiere kommen zum Glück in gute

Hände, das macht mir die Trennung von ihnen leichter! Aber wohin gerate

ich? Ich glaube wahrhaftig, ich fange an zu klagen und doch liegt mir

nichts ferner als das!

Gute Freunde haben mir geraten, eine Gouvernantenstelle anzunehmen, oder

Gesellschafterin zu werden; dagegen sträubte ich mich mit aller Energie!

Wenn ich mich auch vor den Verhältnissen beugen muß, so möchte ich mich

doch nicht von den Stimmungen launenhafter Damen und den Unarten

verzogener Kinder abhängig machen. Und dann, du weißt ja, bin ich zu offen

und sage, wenn man mich danach fragt, jedem die Wahrheit ins Gesicht.

Diese Tugend oder Untugend, wie man will, paßt aber nicht für eine

Gouvernante oder Gesellschafterin. Nein, um keinen Preis ein solches Los!

Meine guten Ratgeber haben sich auch schließlich überzeugen lassen, daß

ich für solche Stellen nicht passe, und billigen jetzt einen andern Plan,

den du gleich erfahren sollst. Erschrick aber nicht zu sehr, wenn ich ihn

dir mitteile.

Ich will mich nämlich immatrikulieren lassen und zwar für die medizinische

Wissenschaft, die mich von jeher sehr interessiert hat; vielleicht, weil

mein Vater ein bedeutender Arzt war, erbte ich diese Neigung. Ich weiß,

daß eine lange Zeit vergehen wird, bis meine Studien beendet sein können,

aber ich schrecke davor nicht zurück. Meine Verwandten sind mit meinem

Vorhaben einverstanden, und ich beabsichtige in Zürich mein erstes

Semester anzutreten.

Jetzt kann ich endlich meine Bitte anbringen, nach dieser langen

Einleitung, die nun einmal unumgänglich notwendig war. Die große

Verehrung, die ich für deinen Mann, meinen früheren Lehrer, empfinde, hat

den lebhaften Wunsch in mir wachgerufen, wieder seine Schülerin zu werden

und die Zeit bis Ostern, wo ich nach Zürich gehe, damit auszufüllen, daß

ich unter seiner Leitung die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen

suche.

Seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich nicht untätig gewesen: aus

Liebhaberei nahm ich noch regelmäßig Stunden in allen möglichen Fächern

der Wissenschaft und hoffe deshalb, daß ich deinem Manne nicht zu große

Mühe machen werde. Ersuche ihn in meinem Namen, reiflich zu überlegen, ob

er gesonnen ist, meine Bitte zu erfüllen, was mich sehr glücklich machen

würde, denn ich habe die größte Hochachtung vor dem Wissen und

pädagogischen Talente deines Gatten. Und ist er dann entschlossen, liebe

Nellie, meinem Wunsche nachzukommen, dann verliere keine Zeit und

benachrichtige mich sofort. Ich mache mich bereit, jeden Tag von hier

abreisen zu können, und werde mich nach einer zusagenden Antwort von euch

gleich auf die Eisenbahn setzen. Du bist wohl so gut und erkundigst dich

nach einer passenden Pension für mich, bei netten Leuten. Du bist ja so

praktisch, daß ich dir alles weitere überlasse. Meine Verwandten grüßen

dich und deinen Mann unbekannterweise herzlich. Ich freue mich sehr,

_notabene_, wenn etwas daraus wird, euch wiederzusehen und bleibe mit den

freundschaftlichen Grüßen für euch beide, stets

St. Petersburg 17/29. 10. 18 ..

deine treue

Orla Sassuwitsch.

„Arme Orla,“ sagte Nellie bedauernd, als Ilse zu Ende gelesen hatte, „ich

hatte ihr stets so gern.“

„O, ich auch!“ rief Ilse. „Aber weißt du, Nellie, ich hatte immer ein

bißchen Angst vor ihr; sie ist so klug und sieht einen so durchdringend

und scharf an, als könnte sie die geheimsten Gedanken erraten. Zur

Studentin paßt sie famos! Ob sie wohl noch raucht? Was sagt denn dein Mann

dazu, daß sie studieren will, ist er damit einverstanden?“

„O, Fred will ihr gern das Unterricht geben, er meint nur, es wäre ein

großer Schritt von einer Frau, zu studieren, und will ihr das auch

vorstellen. Doch ich sage ihm, Orla hat eine feste Kopf; was sie will, das

tut sie, du kannst ihr nicht abbringen. Morgen schreibe ich ihr gleich,

sie soll kommen; wir nehmen ihr herzlich gern auf. Und nun, gute Nacht,

_darling_, ich bin müde von die langweilige Flora-Gesellschaft und auch du

hast schlafrige Augen.“

Die Freundin war schon längst fort, und Ilse hatte sich gleichfalls zur

Ruhe begeben, lag aber noch wachend im Bette; die Erinnerung an den

ereignisreichen Abend raubte ihr den Schlaf. Orlas Schicksal beschäftigte

sie lebhaft. Orla, eine Studentin, das war doch zu interessant! Was wird

Flora dazu sagen und die artige Rosi, welche die freidenkende und

energische Russin niemals verstanden hatte, sie wird über diese

Emanzipation gewiß außer sich sein.

Als Gott Morpheus unsre kleine Ilse endlich in seine Arme schloß, träumte

sie lauter wunderliches Zeug. Orla stand in Männerkleidern vor ihr und

hatte das Cereviskäppchen flott auf das eine Ohr gesetzt. Mit einem kurzen

Spazierstöckchen schlug sie an ihre hohen Stulpenstiefeln und blies aus

einer Zigarette zierliche blaue Ringeln in die Luft. Dann wieder erschien

Leo in Ilses Träumen. Er lag zu den Füßen der schönen Amerikanerin, die

ihn mit ihren schwarzen Augen verführerisch anblickte. Ilse wurde bei

diesem Anblick von einer wilden Eifersucht ergriffen, sie wollte

dazwischen fahren, war aber wie festgebannt und konnte sich nicht vom

Flecke rühren. –

Den Brief an Orla hatte Nellie am andern Tage in aller Frühe geschrieben;

die Antwort war sofort in einem kurzen Telegramm erfolgt, das die Worte

enthielt: „Ich werde Montag abend 8½ Uhr dort eintreffen.

Orla.“

Nach einer Wohnung für dieselbe hatte sich Nellie nicht umgesehen, denn

selbstverständlich würde sie die Freundin nicht ausquartieren; sie sollte

vielmehr das Fremdenstübchen mit Ilse teilen. Die bevorstehende Ankunft

Orlas war jetzt ein lebhafter Gesprächsgegenstand. Flora fand die Idee,

daß Orla studieren wollte, ‚einfach genial‘ und war so begeistert darüber,

daß sie behauptete: wenn sie nicht ‚Hymens Fesseln‘ bänden, wie sie sich,

stets poetisch, ausdrückte, würde sie ebenfalls studieren, wenn sie auch

nicht gerade die medizinische Wissenschaft zu ihrem Studium wählen möchte,

die nach ihrer Meinung nun einmal alles Ideale in der menschlichen Brust

ersticke.

„Orla und ich verstanden uns von jeher gut, wir sind sozusagen ‚geistig

verwandt‘,“ sagte sie zu Nellie und Ilse, „ich freue mich deshalb

schrecklich, sie wiederzusehen.“

Im stillen dichtete sie an einem Sonett, welches sie in einem Blumenstrauß

versteckt zum Empfange überreichen wollte und in dem sie in

überschwenglichster Weise eine Heldin der Zukunft besang.

Trotzkopf's Brautzeit · 第 9 / 18 段