Leo hatte seit jener Nacht nicht wieder mit seiner Schwiegermutter über

Ilse gesprochen, und auch sie erwähnte sie nicht. Frau Anne teilte Nellie

mit, daß Leo nach Paris gereist wäre. „Was wird Ilse dazu sagen?“ schrieb

sie. „Ich fürchte, sie wird mit dieser Reise wenig einverstanden sein. Ich

aber halte eine Zerstreuung, eine Ausspannung für Leo notwendig, denn er

ist blaß und ernst geworden, und ich lese in seinem Herzen, wie schwer der

Kummer auf ihm lastet. Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen? Ich hege

die besten Hoffnungen für Ilses Bekehrung, aber manchmal zage ich doch,

und dann denke ich voll Angst und Zweifel, wenn sie nun ihren Trotz nicht

bricht, was wird dann? Leo gibt diesmal nicht nach, das weiß ich, denn an

einem einmal gefaßten Entschluß hält er mit eiserner Beharrlichkeit fest.

Sollen die beiden jungen Menschen eines unglückseligen Mißverständnisses

wegen für ihr ganzes Leben unglücklich werden? Es wäre schrecklich, und

diese Strafe zu hart für Ilsens Unbeugsamkeit. Auf Sie, liebe Frau Doktor,

baue ich am meisten und ich glaube, daß es Ihnen am besten gelingen wird,

unser Kind auf den richtigen Weg zurückzuführen. Sie haben einen großen

Einfluß auf Ilse, welche Sie schwärmerisch liebt, und darum hoffe ich

innig, daß Sie es vermögen, ihren Trotz zu brechen. Ich leide sehr unter

den jetzigen Verhältnissen und mag das meinem Manne nicht zeigen, dem die

Trennung von Ilse ohnedies so schmerzlich ist. Darum komme ich zu ihnen,

kleine Frau, und schütte mein Herz aus und hole mir Trost bei Ihnen! Der

Himmel gebe, daß sich noch alles zum Besten wende!

Ihre mütterliche Freundin

Anne Macket.“

Und Nellie verstand es, Trost zu spenden. Sie schrieb Frau Anne umgehend

wieder, und in ihrer drolligen gemütvollen Weise schilderte sie ihr die

Beobachtungen, welche sie bei Ilse anstellte.

„Es geht schon besser mit sie,“ hieß es in dem Briefe, „sie versinkt in

eine tiefe Nachdenken und tut Fragen an mir, bei denen ich in ihr Inneres

schaue. O, zagen Sie nicht, Ilschen liebt ihren Bräutigam noch, und wenn

man sie in Ruhe läßt, wird sie eines Tages eine Einsicht haben und seine

Verzeihung erbitten. Von der Reise nach Paris sage ich ihr nix, denn ich

glaube auch nicht, daß sie dieser Reise gern sieht!“ – –

* * *

Bei Flora war große Gesellschaft! Die Gäste waren schon zum Teil

versammelt, als Althoffs mit Ilse eintraten. Sie wurden von Flora

stürmisch begrüßt, und dann stellte sie Ilse vor, deren neue Erscheinung

mit Neugierde gemustert wurde. Eine Dame in mittleren Jahren in steifem

hartblauem Seidenkleid und grellrosa Rosen im Haar und vor der Brust, die

ihre nicht mehr jugendliche Gesichtsfarbe unvorteilhaft hervorhoben,

näherte sich Ilse sofort und überhäufte sie mit einer Menge Fragen, so daß

das junge Mädchen kaum zu Atem kommen konnte und nicht imstande war, sie

alle zu beantworten. Sie hatte auch gar keine Lust dazu, denn die

Neugierde dieser Dame war ihr zu unangenehm, und sie wunderte sich, daß

Nellie, welche daneben stand, oft statt ihrer in der liebenswürdigsten

Weise die gewünschte Auskunft gab, und als sie von der Dame für einen der

nächsten Nachmittage zum Kaffee eingeladen wurde, bereitwilligst zusagte.

„Da gehe ich aber nicht mit,“ dachte Ilse. Zu Nellie sagte sie später

leise: „Wer ist denn eigentlich diese schreckliche Frau, die alles wissen

muß? Ich hätte ihr an deiner Stelle keine ihrer neugierigen Fragen

beantwortet.“

„O, wär ich ein dummes Ding,“ entgegnete Nellie mit schlauem Lächeln,

„denn diese Dame ist die Frau vom Direktor, hat viel Einfluß auf ihr Mann,

und wenn ich unfreundlich bin gegen ihr, muß arme Fred büßen. Ich mag ihr

auch nicht, aber ich bin klug.“

„In ihren Kaffee brauchen wir aber doch nicht zu gehen, nicht wahr?“

„Natürlich, _darling_, da müssen mir hin und uns fein brav benehmen,“

neckte Nellie die Freundin.

Ein junger Mann trat in diesem Augenblick zu den beiden und reichte Ilse

den Arm, um sie zu Tisch zu führen. Es war der Assistent von Floras Mann,

Doktor Andres, dessen liebenswürdiges Benehmen und kluges, vornehmes

Gesicht Ilse schon vorhin bei der Vorstellung aufgefallen war.

Im altdeutschen Eßzimmer stand die lange gedeckte Tafel, die Ilse

schnellen Blickes überflog. Zwei Lampen, deren schwaches Licht durch rosa

Lampenschirme noch mehr gedämpft wurde, standen zu beiden Enden des

Tisches. In der Mitte prangte ein phantastisch aufgeputzter Tafelaufsatz,

mit Blumen und Früchten in wirrem Durcheinander gefüllt, der sein Haupt

bedenklich nach der einen Seite neigte. Das war Florchens Werk, man sah es

auf den ersten Blick. Jeder fand auf seinem Platz einen von Flora

verfaßten Vers, in einem Blumensträußchen versteckt. Mit strahlenden Augen

erntete sie jedes Lob ein, das ihr über ihre dichterische Begabung

gespendet wurde; freilich die spöttischen Mienen dabei bemerkte sie nicht.

Ilses Verschen besang in überschwenglicher Weise die junge Braut. Sie las

den Zettel und legte ihn dann errötend neben sich hin. Ihr gegenüber saß

Flora mit dem jungen Referendar, den sie damals getroffen hatte, als sie

ihren ersten Besuch bei Flora machte. Er hatte eben das zusammengefaltete

Papier aus seinem Blumenversteck hervorgezogen und las mit lächelnder

Miene den für ihn bestimmten Vers. Erwartungsvoll sah ihn Flora an und

ließ sich dann mit vielem Behagen seine süßlichen Schmeicheleien gefallen.

Das war ein Scherzen und Lachen, Flora schien während der ganzen Zeit bei

Tische nur Auge und Ohr für ihren Nachbar zu haben. Wie unvorteilhaft sah

die junge Frau heute wieder aus! Überladen mit Spitzen und Blumen war ihr

Anzug. Unwillkürlich mußte Ilse an Floras griechische Haarfrisur denken,

damals als sie in der Pension die erste Tanzstunde mit Herren hatten. Es

war doch zu komisch gewesen, wie sie da alle vor der Tür standen und die

mutwillige Grete dem klassisch frisierten Haupt einen Stoß gab, daß es

gegen die Türe flog. Ein vergnügtes Lächeln huschte bei dieser Erinnerung

über Ilsens Gesicht.

„Sie scheinen an etwas sehr Angenehmes zu denken,“ unterbrach die Stimme

des jungen Arztes ihre Gedanken, während er die jugendlich frische

Mädchengestalt im einfachen weißen Kleide mit Wohlgefallen betrachtete.

„Natürlich, Herr Doktor,“ rief Flora über den Tisch herüber, „Fräulein

Ilse denkt an etwas sehr Schönes, an ihren Bräutigam nämlich.“ Und der

Referendar hob sein Glas in die Höhe und hielt es ihr entgegen.

„Der Glückliche soll leben,“ sagte er. Eine heiße Röte stieg in Ilses

Wangen, zögernd nahm sie ihr Glas und stieß mit ihm an. Der helle Ton der

beiden Gläser tönte wie ein schriller Mißklang in ihrem Ohre, und der

Blick, den ihr der junge Mann dabei zugeworfen hatte, war so

durchdringend, als suchte er in ihrer Seele zu lesen, was sie in diesem

Augenblick bewegte. Verlegen schlug sie die Augen nieder, aber selbst

durch die gesenkten Lider fühlte sie seine brennenden Blicke auf sich

gerichtet.

„Gnädiges Fräulein, darf auch ich mir erlauben, auf das Wohl Ihres Herrn

Bräutigams anzustoßen?“

Wie liebenswürdig klang diese Bitte ihres Nachbars! Ohne Scheu sah Ilse

auf und blickte in ein Paar ruhige ernste Augen, denen sie nicht

auszuweichen brauchte.

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie leise und griff nach ihrem Glase.

Doktor Andres glaubte ihr nichts lieberes erweisen zu können, als wenn er

in dem Gesprächsthema fortfuhr; denn wovon konnte man eine Braut besser

unterhalten, als von ihrem Bräutigam? Er fragte, wie lange Ilse schon

verlobt wäre, wann sie heiraten würde und was ihr Verlobter wäre. Sie

hätte ihm vielleicht unbefangener geantwortet, wenn sie die Augen ihres

Gegenüber nicht unablässig auf sich ruhen gefühlt, wenn sie nicht

empfunden hätte, mit welcher Aufmerksamkeit jedes ihrer Worte drüben

belauscht wurde.

„Ich habe unter meinen Studiengenossen einen sehr lieben Freund,“ sagte

der Arzt zu Ilse, „der auch Jurist war und jetzt schon längere Zeit

wohlbestallter Assessor ist. Vor ungefähr zwei Jahren bekam ich seine

Verlobungsanzeige, und er kündigte mir dabei mit wenigen Zeilen einen

ausführlichen Brief an, der bald eintreffen sollte, aber bis heute noch

nicht erschienen ist. Die alten Beziehungen scheinen zu erkalten, wenn man

verliebt und verlobt ist, wahrscheinlich nehmen die Liebesbriefe zu viel

Zeit in Anspruch. Sie müssen das ja aus Erfahrung wissen, gnädiges

Fräulein. Ich bin von Heidelberg, wo wir einige Semester zusammen

studierten, nach Berlin gegangen und seit einem halben Jahre bin ich hier

am Hospital Assistent des Doktor Gerber. – Mein Freund wird sich wundern,

wenn ich nächstens von hier aus einen Angriff auf ihn ausüben werde, denn

ich möchte gern mal wieder etwas von ihm hören. Vielleicht ist er schon in

den Hafen der Ehe eingelaufen und ein biederer, solider Ehemann geworden.

Ich kann ihn mir als solchen nicht vorstellen, er war ein urfideles Haus,

ein famoser Korpsbruder, der gute Gontrau.“

Es war ein Glück, daß er sich eben jetzt zur Seite wandte, weil ihm seine

Nachbarin eine Schüssel reichte, und daß er deshalb nicht bemerken konnte,

wie Ilse bei der Nennung dieses Namens zusammenfuhr und blaß wurde. Und

wieder begegnete sie den forschenden Blicken des Referendars, der wie auf

der Lauer zu sitzen schien und dem, trotz der lebhaften Unterhaltung mit

Flora, nichts von dem Gespräch des ihm gegenübersitzenden Paares entging.

Ilses Zusammenschrecken bei dem bewußten Namen interessierte ihn

augenscheinlich aufs höchste. Was für eine Bewandtnis mochte es damit

haben? Plötzlich überflog ein triumphierendes Lächeln seine Züge, er

beugte sich zu Flora hinüber und fragte sie, wie der Bräutigam von

Fräulein Macket hieße. Trotzdem er leise gesprochen hatte, hörte Ilse doch

seine Frage, und voller Angst, daß ihr Nachbar Floras Antwort vernehmen

könnte, richtete sie schnell einige gleichgültige Worte an ihn.

Erleichtert atmete sie auf, als gleich darauf die Tafel aufgehoben wurde

und der junge Doktor sie in das andre Zimmer führte. Sie hätte so gerne

Nellie gesprochen, aber die Freundin hatte ihr mit einem innigen

Händedruck freundlichst zugenickt und saß jetzt neben einer alten Dame,

mit der sie sich eifrig unterhielt. So mußte sie sich denn bis später

gedulden und kam der Aufforderung eines jungen Mädchens, neben ihr Platz

zu nehmen, gerne nach. Die Herren hatten sich zum Teil in das Rauchzimmer

zurückgezogen, und Flora hüpfte von einem zum andern. Sie wollte durchaus

die liebenswürdige Wirtin spielen, was ihr aber schlecht gelang, denn

durch ihr fahriges Wesen versetzte sie ihre Gäste mit in Unruhe.

„Sie müssen uns etwas vorsingen,“ wandte sie sich jetzt an das junge

Mädchen neben Ilse, die jedoch gegen diese Zumutung eifrig Einsprache

erhob, da sie ganz heiser wäre und so lange nicht gesungen hätte. Mit

diesen üblichen Ausreden suchte sie sich frei zu machen, aber Flora ließ

nicht locker.

„Sie müssen, Liebste,“ entschied sie schließlich kurzweg und ging in ein

kleines Nebengemach, wo ein Klavier stand, das sie öffnete. Nachdem sie

noch die Lichter angezündet und aus einem Schrank einen Stoß Noten

hervorgeholt hatte, den sie auf das Instrument warf, kam sie zurück und

zog die junge Dame, die ihr wie ein Opferlamm folgte, mit sich fort. Eine

geraume Zeit stöberten die beiden in den ungeordneten Noten herum, und als

sie endlich etwas Passendes gefunden hatten, ertönte ein lauter Akkord,

der energisch um Ruhe zu bitten schien. Die Unterhaltung im Damenzimmer

verstummte denn auch sofort, und die Herren in Doktor Gerbers Zimmer

dämpften ihre Stimmen. Einen Genuß konnte man die nun folgende

musikalische Aufführung nicht nennen, denn die gänzlich ungeschulte Stimme

war nur dünn und klein, und der ebenso mangelhafte Vortrag konnte dafür

nicht entschädigen. Man brauchte ja nur das junge Mädchen mit der

schlechten Haltung und der eingefallenen Brust anzusehen, aus der

unmöglich ein freier Ton hervorquellen konnte. Die Damen hatten ihre

Plätze verlassen und sich in dem Musikzimmer im Halbkreis dicht hinter der

Sängerin gruppiert, was dieselbe vollends befangen machte und aus der

Fassung brachte. Sie kam denn auch mehrere Male aus dem Takt, und es

erklangen infolgedessen solche Disharmonien, daß einige der Zuhörerinnen

das Taschentuch vor den Mund nahmen, um ihre Heiterkeit zu verbergen. Ilse

fand den Gesang abscheulich, und da sie sich dabei langweilte, schlich sie

sich leise von der offenen Türe, in welcher sie gestanden hatte, fort und

trat an ein kleines Tischchen, das neben dem Blumentisch stand und mit

Büchern und Bildern bedeckt war. Dorthin setzte sie sich und blätterte

mechanisch in den Büchern.

Es war ihr sehr erwünscht, jetzt nicht sprechen zu müssen, denn der

Gedanke, daß der junge Mediziner ein Freund Leos war, beschäftigte sie

unaufhörlich. Sie entsann sich jetzt auch, von Leo den Namen Andres öfter

gehört zu haben. Gerne hätte sie sich bei Tisch noch von ihm erzählen

lassen, ihn nach manchem gefragt, aber der scharfe Beobachter gegenüber

lähmte ihre Zunge. Der Gesang hatte jetzt auch teilweise die Herren

herangelockt, nur Floras Mann ließ sich in seinem lebhaften Gespräch mit

einem Kollegen nicht stören, und er mußte es sich daher gefallen lassen,

daß seine Frau ihn zur Ruhe verwies.

„Dieses ewige Fachsimpeln von dir ist schrecklich,“ sagte sie halblaut und

scheinbar im Scherz. „Du solltest doch auch für höhere Genüsse zugänglich

sein, lieber Ernst.“

„Du weißt, Kind,“ antwortete er freundlich, „ich bin nun einmal ein

Musikbarbar. Weil ich absolut nichts davon verstehe, habe ich auch kein

Interesse dafür.“

„Ja, leider,“ sagte Flora, ihm verdrießlich den Rücken wendend, und ging

wieder in das andre Zimmer.

„Es ist traurig,“ sagte sie mit einem vielsagenden Blick zu Herrn Lüders,

„wenn alle Poesie, alles Höhere in dem Materiellen und Nüchternen

untergeht. Mein Mann hat für nichts weiter Sinn als für seine Kranken.“

Der Referendar gab ihr eine zerstreute Antwort, er hatte jetzt Wichtigeres

zu sehen und zu hören, als Flora mit ihrem Klagelied. Scheinbar ganz in

die Musik vertieft, saß er auf einem Sessel und hatte den Kopf in die Hand

gestützt, als wollte er sich von nichts ablenken lassen, was ihm den

köstlichen Genuß stören könnte. Durch seine Finger aber sah er unverwandt

nach dem kleinen Tisch hinüber, wo Ilse sich eingehend mit Doktor Andres

unterhielt, der sich eben zu ihr gesetzt hatte. Ilse war heimlich darüber

erfreut gewesen, denn nun bot sich vielleicht die Gelegenheit, ihn

nochmals nach Leo zu fragen, und sie sann darüber nach, wie sie das

Gespräch auf ihn bringen könnte, ohne daß er es auffällig fände.

„Sie lieben wohl die Musik nicht, gnädiges Fräulein?“ richtete der junge

Mann das Wort an sie. „Ich vermute dies wenigstens, weil diese Bücher Sie

viel mehr zu interessieren scheinen, als der Gesang.“

„O doch,“ erwiderte Ilse schnell, „aber offen gestanden, diese Stimme und

der Vortrag sind doch zu schlecht, finden Sie nicht auch?“

Er nickte lachend.

„Übrigens ist mein Urteil gänzlich unzulänglich,“ meinte er dann, „denn

ich habe es nur bis zu den Kneipliedern gebracht und selbst diese sang ich

falsch; ich habe deswegen auch von meinen Heidelberger Freunden manchen

Spott ertragen müssen.“

[Illustration]

Ilse bebte vor innerer Erregung; jetzt konnte sie ihn wohl nach Leo

fragen, ohne daß er Argwohn schöpfen würde.

„In Heidelberg ist es wohl sehr schön?“ fragte sie unbefangen.

„O,“ rief er entzückt, „wenn es ein paradiesisches Stück Erde gibt, so ist

es Heidelberg. Sie müssen es sehen und kennen lernen und werden mir recht

geben. Wenn ich mich mal verheiraten sollte, dann würde ich meine

Hochzeitsreise entschieden nach Heidelberg machen.“

„Diesen guten Rat können Sie ja ihrem Freunde geben,“ unterbrach ihn jetzt

Ilse, „von welchem Sie mir vorhin erzählt haben, der verlobt ist und dem

Sie nächstens schreiben wollen. Wie hieß er doch, Gontring? Verzeihen Sie,

ich habe den Namen wieder vergessen.“

„Gontrau,“ verbesserte er.

„Richtig, Gontrau,“ wiederholte sie leise und schlug die Augen nieder,

damit diese ihm nicht verrieten, welche Heuchlerin sie in diesem

Augenblick war.

„Gontrau und ich,“ fuhr der Doktor fort, dem man die Freude an diesem

Gespräch auf dem Gesichte las, „haben eine herrliche Studienzeit in

Heidelberg verlebt. Er war ein ausgelassener lustiger Mensch; wie viel

tolle Streiche haben wir zusammen ausgeführt! Gontrau ist ein hübscher

Kerl, und die Heidelberger Schönen waren nicht blind dagegen, sondern

machten ihm förmlich den Hof.“

„Ach?“ fragte Ilse etwas zögernd. Diese Eröffnungen waren ihr ja höchst

interessant! Bisher war sie nie auf den Gedanken gekommen, daß auch andre

Mädchen sich in Leo verliebt haben könnten und umgekehrt.

„Hat Ihr Freund den jungen Damen auch die Kur geschnitten?“ forschte sie

weiter.

„Nun natürlich,“ antwortete er mit Lachen, „ein flotter schneidiger

Student wird doch für die Huldigungen der Damenwelt nicht unempfindlich

bleiben, noch dazu in Heidelberg, wo es so reizende Mädchen gab, als wir

dort studierten. Gontrau stellte uns immer in den Schatten, bei Bällen,

Partien, Schlittenfahrten, überall war er die Hauptperson. Den einen

Winter hatte er sich sterblich in eine junge Amerikanerin verliebt, welche

die Freundin einer Professorentochter und bei dieser zum Besuch war.“

Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit hörte Ilse zu, und als er schwieg,

fragte sie schnell:

„Sagen Sie mir, bitte, wirklich richtig verliebt war Ihr Freund in das

junge Mädchen?“

So eindringlich war diese Frage, und in ihrer Stimme klang ein leises

Beben, daß der junge Mann sie verwundert anblickte.

Sie merkte es und bezwang sich, wieder ruhig zu erscheinen.

„Bitte, sagen Sie,“ wiederholte sie möglichst unbefangen, aber mit schwer

unterdrückter Neugierde, denn es brannte ihr auf der Seele, das weitere zu

wissen.

„Ja, wirklich richtig verliebt war er.“ Doktor Andres gebrauchte Ilses

eigene Worte und sprach sie mit Betonung aus, innerlich belustigt über

ihre kindliche Frage. „Er hat ihr die schönsten Blumen geschickt, und wir

hatten ihn sogar in Verdacht, daß er ihr Gedichte gemacht hat.“

Gewiß sind das dieselben, die er mir nachher geschickt hat, dachte Ilse,

und ein Gefühl eifersüchtiger Abneigung gegen diese Nebenbuhlerin stieg in

ihr auf. – Leo hatte dieselbe nie erwähnt, – warum nicht? Ob sie wohl

hübsch war?

„Wie sah denn das junge Mädchen aus?“ fragte sie laut. „War sie schön,

blond oder dunkel, groß oder klein? Bitte, bitte, beschreiben Sie mir

dieselbe!“

Wieder mußte der junge Arzt lächeln, denn Ilses Neugierde kam ihm so echt

weiblich vor; er konnte ja nicht wissen, daß hinter dieser ‚weiblichen

Neugierde‘ ein berechtigtes tiefes Interesse versteckt war.

„Sie fragen aber gründlich,“ sagte er lachend. „Man merkt, daß Sie eine

Juristenbraut sind. Hier haben Sie die Personalbeschreibung der jungen

Dame, also: sie war mittelgroß, zierlich und graziös. Sie hatte dunkle

Haare und wundervolle schwarze, wahrhaft phänomenale Augen –“

„Also wirklich schön,“ unterbrach ihn Ilse.

„Ja, auffallend liebreizend, dabei klug, aber etwas kokett. Sie war sich

zu genau bewußt, wie verführerisch sie war.“

„Ihr Freund lag ihr natürlich zu Füßen?“

„Wenn Sie das wörtlich meinen, gnädiges Fräulein, so habe ich Gontrau in

dieser Situation allerdings niemals gesehen; aber es ist wohl möglich,

denn er war ein feuriger Anbeter.“

Hätte der junge Mann nur eine Ahnung gehabt, welchen Sturm seine Worte in

dem Herzen seiner Nachbarin hervorriefen, er hätte gewiß geschwiegen. Aber

es plauderte sich zu angenehm über alte Erinnerungen, besonders da Ilse

eine so eifrige Zuhörerin war. –

„Liebte denn das junge Mädchen Ihren Freund auch?“ fragte sie weiter.

„O, natürlich! Der begeisterte Verehrer gefiel ihr sehr gut, das haben ihm

ihre schwarzen Augen oft genug verraten. Es würde mich nicht gewundert

haben, wenn sie sich verlobt hätten, aber die Amerikanerin reiste dann

wieder fort, und ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘. Er hat sie jetzt gewiß

längst vergessen, diese seine Studentenliebe. Daß seine Zuneigung keine

ernstliche war, beweist ja schon seine Verlobung mit einer andern.“

Ilse war aufgestanden, denn sie konnte ihre immer wachsende Aufregung

nicht mehr verbergen.

„Mir ist es auch unbegreiflich, daß sich Ihr Freund nicht mit jener Dame

verlobt hat,“ sagte sie mit blitzenden Augen. „Wie konnte er es wagen,

sich mit einer andern zu verloben? Das ist doch merkwürdig, das ist

unrecht! Er hätte seiner ersten Liebe treu bleiben müssen; warum hat er es

auch nicht getan? Gewiß ist er doch jetzt recht, recht unglücklich

geworden?“

Ihre Stimme erstickte unter hervorbrechenden Tränen, und sie stützte

zitternd die Hand auf den Tisch.

Doktor Andres sprang nun ebenfalls in höchster Bestürzung auf.

„Aber, mein Fräulein,“ rief er ganz ratlos und erschrocken, „was ist denn

geschehen? Ich verstehe Sie nicht, erklären Sie mir doch Ihre Aufregung!

Habe ich Sie beleidigt? Ich bitte Sie, so sprechen Sie doch,“ drängte er,

als Ilse ihm keine Antwort gab und noch immer mit den Tränen kämpfte. Sie

antwortete nicht.

„Habe ich Sie denn beleidigt?“ fragte er nochmals mit verzweifelter Miene,

ohne jede Ahnung, was er angestiftet hatte.

Sie schüttelte schweigend den Kopf.

„Kennen Sie denn das junge Mädchen, oder vielleicht meinen Freund

Gontrau?“ fragte er endlich, denn er hatte sich überlegt, daß zwischen ihr

und einer dieser Personen doch irgend eine Beziehung sein müßte.

Von seinem Platze aus hatte der Referendar das Gespräch der beiden

belauscht, nichts war ihm davon entgangen, und er benutzte diesen

Augenblick, um näher zu treten.

„Dachte ich es mir doch, als ich Sie mit dem gnädigen Fräulein so eifrig

im Gespräche sah, daß von Assessor Gontrau, dem glücklichen Bräutigam des

Fräuleins, die Rede sein würde,“ sagte er scheinbar harmlos und

unbefangen, aber ein häßliches Lächeln umspielte seinen Mund.

Ilse war bei seinen Worten jäh erblaßt, und eine namenlose Verlegenheit

bemächtigte sich ihrer. Mit unverhohlener Verachtung sah sie Lüders an;

als sie aber seinen triumphierenden Blicken begegnete, wandte sie sich

erschrocken ab. Was wollte er von ihr? Sie kannte ihn ja kaum und er sie

auch nicht. Warum sah er sie so sonderbar an? O Gott, wenn er ihre

Unterhaltung mit dem Doktor gehört hatte! Und was sollte sie jetzt zu

diesem sagen, wie sich entschuldigen? In ihrer peinlichen Verlegenheit

wagte sie nicht aufzublicken, denn sie fühlte, daß ihr die Schamröte heiß

in die Wangen gestiegen war. Sie betrachtete es als ein Glück, daß Flora

jetzt dazu kam und sie aus ihrer Pein erlöste.

Die junge Frau suchte den Referendar. Die Sängerin schien jetzt kein Ende

finden zu können, nachdem sie nach so langem Sträuben einmal den Anfang

gemacht hatte. Für jedes Lied erntete sie viel Beifall und dieser

begeisterte sie zu immer neuen Vorträgen. Nun wollte sie gern die

Trompeterlieder von Riedel singen, welche sie sich aber nicht selbst

begleiten konnte. Herr Lüders sollte deshalb die Begleitung übernehmen. Er

war damit durchaus nicht einverstanden, denn es war ihm viel interessanter

zu erfahren, wie Ilse sich aus der Affäre ziehen, was sie zur Aufklärung

sagen würde. Daß zwischen ihr und ihrem Bräutigam etwas vorgefallen war,

unterlag für ihn keinem Zweifel mehr, und zu gern hätte er des Rätsels

Lösung, die ihm jetzt sehr nahe zu sein schien, vernommen.

Mit Ausreden und Ausflüchten suchte er daher Floras Aufforderung zu

entkommen. Er könne nicht begleiten, gab er vor, er spiele zu stümperhaft

und sei besonders heute nicht zum Spielen aufgelegt. Aber Flora ließ sich

nicht zurückweisen.

„Sie Heuchler!“ rief sie und schlug ihm kokett auf die Schulter, „nur

Schmeicheleien wollen Sie hören, warten Sie nur! Zur Strafe müssen Sie uns

nachher noch etwas deklamieren, wissen Sie, das kleine Gedicht von mir,

das so unverdiente Gnade vor Ihren Augen gefunden hat. Kommen Sie,

Bösewicht!“

Sie legte ihren Arm in den seinigen, und widerstrebend ging er mit, im

Innern wütend auf Floras Dazwischenkommen.

Die beiden jungen Leute hatten wenig auf Floras Geschwätz geachtet. Ilse

stand noch immer stumm und wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Sie

überlegte fortwährend, was sie Andres sagen solle; mußte er sich denn

nicht mit vollem Recht über ihr Schweigen wundern? Sollte sie ihm die

Wahrheit gestehen? Nein, das ging nicht, sie müßte sich unsagbar vor ihm

schämen. Sie wußte keinen Rat und hatte nur den einen Wunsch, aus dieser

so peinvollen Lage befreit zu werden. Wenn nur Nellie käme! Saß sie denn

noch immer nebenan im Musikzimmer?

Suchend schweiften ihre Blicke umher.

Trotzkopf's Brautzeit · 第 8 / 18 段