„O, das ist fein,“ rief sie und reichte Rosi den Zettel. „Unsre Männer

sind im Rathauskeller und Alfred schreibt, wir möchten sie dort abholen.“

„Was,“ brauste Rosi auf und knitterte den Zettel zusammen, „Adolf sitzt im

Wirtshaus, heute am Sonntagmorgen!“

Weiter sagte sie nichts, wurde aber blutrot und ging mit schnellen

Schritten vorwärts. Nellie und Ilse wechselten einige verständnisvolle

Blicke, und aus Nellies Schelmenaugen leuchtete etwas wie heimliche

Schadenfreude über die angeführte Rosi.

„Hast du noch etwas zu besorgen, Rosi?“ fragte sie die aufgeregte

Pastorin, „sonst können wir gleich nach das Rathaus gehen.“

„Ich begreife dich nicht, Nellie,“ gab Rosi unwillig zur Antwort. „Wir

sind doch keine Studenten, daß wir in die Kneipe gehen können. Willst du

deinen Mann abholen, dann tue es; bitte, entschuldige aber, wenn ich nach

Hause gehe.“

„O, wir lassen dir nicht allein gehen, Rosi, natürlich gehen wir mit,“

entgegnete Nellie.

Eine rechte Unterhaltung kam zwischen den dreien nicht wieder zustande.

Nellie und Ilse machten einige schwache Versuche, mit Rosi ein Gespräch

anzufangen, aber sie antwortete kurz und einsilbig.

„Ich kenne unsre ‚artige Rosi‘ ja gar nicht wieder,“ flüsterte Ilse der

Freundin zu.

„O, ich erstaune mich auch über ihr,“ gab diese ebenso leise zur Antwort,

„was hat sie, daß sie ihr Mann nicht in der Kneip läßt? Sie ist eine

Tyrann!“

Auf dem Nachhauseweg verbarg Rosi ihre Verstimmtheit hinter einer

ungemütlichen Schweigsamkeit, aber man sah ihr an, wie es in ihr kochte

und wie sie sich nur mühsam bezwang, ruhig zu erscheinen.

Desto gemütlicher war die Stimmung in dem Ratskeller, wo die beiden Herren

in dichte Rauchwolken gehüllt in einer behaglichen Ecke saßen. Dem Pastor

mundete das Bier nach langer Entbehrung herrlich, er war in eine redselige

Laune gekommen und plauderte von alten Zeiten, als er noch ein fröhlicher

Studiosus war.

„_Tempi passati!_“ sagte er mit einem leisen Seufzer. „Aber hier ist es

auch gemütlich,“ fuhr er dann fort, indem er sich noch fester in seine

Sofaecke zurücklehnte und in Erinnerungen versunken dem blauen Dampf

seiner Zigarre zusah, wie dieser in die Höhe stieg und langsam zerrann.

„Nicht wahr, das Bier schmeckt Ihnen?“ fragte Althoff.

„O, das ist famos! Seit meiner Studienzeit habe ich es nicht so gut

getrunken.“

Und er liebäugelte mit dem frisch gefüllten Glase, das vor ihm stand, und

aus dem er dann einen tiefen Trunk tat. –

Der Doktor hatte öfter nach der Türe gesehen, da er noch immer hoffte,

Nellie würde die Pastorin überredet haben, sie abzuholen.

„Ich dachte, Ihre Frau würde sich noch haben bewegen lassen,

hierherzukommen,“ sagte er zum Pastor und fügte erklärend hinzu, als er

dessen erstaunt fragende Augen auf sich gerichtet sah: „Ich hatte meiner

Frau nämlich geschrieben, daß wir die Damen hier erwarteten.“

„So, so, das hatten Sie geschrieben? Werter Herr Doktor, meine Frau geht

in kein Wirtshaus, sie sagte es ja noch heute morgen.“

„Das war doch nur Scherz,“ fiel Althoff ein.

„Nein, ach nein, in solchen Dingen scherzt meine Frau nicht.“

Ein bedauernder Zug glitt bei diesen Worten über die Züge des Pastors, von

denen jetzt die ruhige Behaglichkeit verschwunden war. Der Gedanke an

seine Frau machte ihn unruhig, er sah nach der Uhr und meinte, es wäre die

höchste Zeit, daß sie gingen; energisch trieb er jetzt zum Aufbruch, an

den er noch eben zuvor nicht gedacht hatte.

„Ich möchte doch meine Frau nicht warten lassen,“ sagte er, indem er sich

seinen Überzieher anzog. Unterwegs schwärmte er noch immer von dem schönen

Frühschoppen und erklärte scherzend, daß er bald mal wieder kommen würde,

allein schon des guten Bieres wegen.

Als sie am Althoffschen Hause angelangt waren, überlegte er im stillen,

wie er Rosi am besten beschwichtigen könnte und was er zu ihren Vorwürfen

sagen wollte. Er stieg zögernd die Treppe hinauf und dachte: „Wie wird sie

mich wohl empfangen?“ Aber Rosi empfing ihn besser, als er erwartete.

Nellie und Ilse hatten es fertig gebracht, sie zu besänftigen, ihnen

verdankte es der Pastor, daß er von seiner Frau zwar förmlich und

gemessen, aber wenigstens ohne die erwartete Gardinenpredigt begrüßt

wurde. Mit keinem Worte erwähnte sie, wo er gewesen war, und als Nellies

Mann lebhaft bedauerte, daß die Damen nicht nachgekommen wären, schwieg

sie auch. Der Pastor atmete erleichtert auf und setzte sich in bester

Stimmung mit den übrigen zu Tische. Es schien, als erwarteten ihn heute

lauter Genüsse. Doktor Althoff hatte einen feinen alten Wein aus dem

Keller geholt und forderte lebhaft zum Trinken auf.

„Frau Pastor,“ sagte er zu Rosi, „Sie müssen aber besser trinken. Sie sind

ja wahrhaftig noch beim ersten Glase. Nehmen Sie sich ein Beispiel an

Ihrem Gatten, dessen Trunkfestigkeit ich heute morgen bewundert habe. Und

zu spaßhaft ist es, daß er noch obendrein behauptet, er könne jetzt nichts

mehr vertragen, als Student hätte er – nun, ich gebrauche die Worte Ihres

Gatten – einen ganz anderen Stiefel vertragen können.“

Der Pastor rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her und sah seine

Frau, die nicht von ihrem Teller aufblickte und kein Wort erwiderte, scheu

von der Seite an. Warum schwieg sie heute nur so beharrlich? Es wurde ihm

nachgerade unheimlich, da es doch sonst ihre Art nicht war. Wenn nur der

Doktor auf ein andres Thema kommen wollte, aber immer wieder fing er an,

alle möglichen Studentenfahrten zu erzählen, die der Pastor ihm diesen

Morgen in fröhlicher Kneiplaune zum besten gegeben hatte. Die

bedeutungsvollen Blicke, die er ihm zuwarf, schien er nicht zu verstehen,

ja als er ihn mit dem Fuße anstieß, zog er den seinigen schnell fort, als

wäre er aus Versehen dagegen gestoßen. Nellie und Ilse unterhielten sich

köstlich und hörten aufmerksam zu, aber seine Frau verzog keine Miene.

„Wenn sie nur einmal ein Wort sagte,“ dachte er, ihre Ruhe kam ihm zu

unnatürlich vor. Bis jetzt wußte sie noch nichts von allen seinen lustigen

Streichen. Er hatte sie ihr wohlweislich verschwiegen, denn ihr

pedantischer Sinn würde dieselben doch nicht begriffen haben. Und doch,

wie schön war seine lustige Studentenzeit gewesen, wie übermütig hatte er

damals sein können. Aber das war schon lange, lange her!

Zum zweitenmal heute wurden diese Erinnerungen lebhaft in ihm wachgerufen.

Von seinen Jugendlieben hatte er dem Doktor leichtsinnigerweise auch

erzählt; wenn er wenigstens davon schwieg, aber in demselben Augenblick

schlug auch schon das Wort „Flammen“ an sein Ohr, und mit ahnungsloser

Breite erzählte Althoff, wieviel reizenden Mädchen jener nachgelaufen

wäre. Der Pastor senkte bei diesen Erzählungen die Augen wie ein junges

Mädchen, denn er fühlte, daß jetzt Rosis Blick strafend auf ihm ruhte.

Verlegen griff er immer wieder zu seinem Weinglas und stürzte einige

Gläser voller Hast hinunter. Er suchte nach einem Ausweg, dem Gespräch

eine andre Wendung zu geben. Ängstlich sann er darüber nach, stand dann

plötzlich auf und schlug mit dem Messer an sein Glas. Als Rosi ihres

Mannes gerötete Wangen und glänzende Augen sah, sprang sie auf und ging zu

ihm.

„Bitte, lieber Adolf, setze dich wieder,“ sagte sie anscheinend sanft und

legte die Hand auf seine Schulter. Da drehte er sich herum und wollte den

Arm um sie schlingen, aber unwillig wich sie zurück.

„Ich wollte mich nur bei unsern liebenswürdigen Wirten für die freundliche

Aufnahme bedanken, Röschen,“ sagte er lächelnd. „Für die wirklich reizende

Aufnahme, die wir hier gefunden haben.“ Ohne sich von Rosis strengem

Gesicht beirren zu lassen, fuhr er zu dem jungen Ehepaar gewendet fort:

„Sie müssen uns auch recht bald besuchen, und dann kommen wir auch wieder

zu Ihnen, denn es ist zu schön hier. Der Wein ist köstlich, das Essen

schmeckt so gut und Sie, lieber werter Herr Doktor, sind ein so prächtiger

Mann,“ hier erhob er seine Stimme, „und die Frau Doktor ist eine kleine

famose Frau. Ach, so etwas haben wir nicht auf unsrem einsamen Lande. –

Röschen, laß mich doch,“ wehrte er seine Frau ab, die sich ihm wieder

genähert hatte und ihn zum Schweigen bringen wollte, „ich muß doch den

guten braven Leuten danken! Komm Schatz, gib mir einen Kuß.“

Er breitete die Arme aus und wollte sie küssen, aber nun riß Rosis Geduld,

sie stieß ihn unsanft zurück und lief zum Zimmer hinaus.

Der Pastor bemerkte kaum den Unwillen seiner Frau.

„Herr Doktor, die lustige Studienzeit soll leben!“ rief er, indem er

Althoff sein Glas entgegenhielt, und in seliger Stimmung begann er das

alte Burschenlied zu singen:

„_Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus._“

„O, wie dumm von sie,“ sagte Nellie halblaut, stand auf und ging Rosi

nach. Sie fand sie im andern Zimmer, aufgelöst in Tränen.

„Was hast du?“ fragte Nellie, „warum weinst du?“

„Du fragst auch noch,“ schluchzte die Pastorin, „und weißt recht gut,

warum ich weinen muß? Meinst du, es ist mir angenehm, daß sich mein Mann

so beträgt?“

„O,“ gab ihr Nellie entschieden zur Antwort, „dein Mann hat ein gut

Betragen. Was macht es, er hat ein klein Schwips und ist lustig, das

schadet doch nix?“

„Wenn seine Amtsbrüder das sähen, er müßte sich ja zu Tode schämen!“

„Laß doch die dumme Amtsbrüder, sie wissen ja nichts davon. Komm Rosi, geh

wieder hinein und tue, als wäre nichts geschehen. Es ist gewiß das

klügste, was du tun kannst.“

Sie faßte die Weinende unter den Arm und wollte sie fortziehen, aber Rosi

entwand sich ihr schnell und sagte beleidigt:

„Du denkst über solche Sachen eben anders, als ich, liebe Nellie; ich kann

mich aber nicht so leicht darüber hinwegsetzen. Ich gehe nicht mit! Bitte,

schicke das Mädchen nach unsrem Wagen, daß er sofort kommt; ich will nach

Hause fahren.“

„O nein, du mußt noch bleiben,“ rief Nellie.

„Nein, auf keinen Fall,“ entschied Rosi kategorisch und achselzuckend

schwieg Nellie. Sie ärgerte sich über Rosis Halsstarrigkeit und merkte,

daß ihre Bitten nichts ausrichten würden. Im stillen glaubte sie auch, daß

nach diesem Auftritt keine rechte Stimmung wieder aufkommen würde, und

deshalb gab sie dem Mädchen den Auftrag, den Wagen zu bestellen, ohne Rosi

noch weiter zum Bleiben zu nötigen.

„Es tut mir leid, daß du fort willst,“ sagte sie zu ihr, die mit dem

Taschentuche ihre geröteten Augen trocknete.

„Ja, mir auch, Nellie, aber glaube mir, es ist das beste, wenn wir fahren;

habe vielen Dank für deinen freundlichen Empfang. Und nun komm, ich will

meinem Mann sagen, daß der Wagen gleich da sein wird.“

Den Pastor schien das Verschwinden seiner Frau nicht tief berührt zu

haben. Er unterhielt sich lebhaft mit Althoff und hatte mit Ilse

wiederholt auf das Wohl ihres Bräutigams angestoßen, was ihr jedesmal eine

tiefe Röte in die Wangen trieb.

Rosi beherrschte sich und zeigte ein anscheinend ruhiges Gesicht, als sie

ins Zimmer trat. Sie trug ihren Hut in der Hand und ihren Mantel über dem

Arm und legte beides auf einen Stuhl.

„Lieber Adolf,“ sagte sie, zu ihrem Manne tretend, „willst du dich zurecht

machen, ich habe den Wagen bestellt und er wird sogleich vorfahren.“

„Was, Röschen, geliebtes Weibchen, du willst schon fort?“ fragte er.

„Ich bitte dich, Adolf, komm, es ist die höchste Zeit, daß wir uns auf den

Weg machen.“

Krampfhaft nahm sie sich zusammen, und unheimlich sanft klang ihre Stimme.

Aber Adolf hatte noch keine Lust zum Gehen. So heiter und fidel war er

seit Jahren nicht gewesen. Lustig sang er:

„Nach Hause gehn wir nicht,

Nach Hause gehn wir nicht,

Nach Hause gehn wir lange nicht – –“

„Aber Adolf, Adolf, ich begreife dich nicht,“ unterbrach ihn Rosi, „so

komm doch nur, ich will fort!“

„Bleiben Sie doch noch, Frau Pastorin,“ bat Althoff jetzt, aber ein

verständnisvoller Blick seiner Frau bedeutete ihn, daß er seine Bitte

nicht wiederholen solle. Rosi antwortete auch gar nicht darauf; voller

Verzweiflung zupfte sie ihren Mann verstohlen am Ärmel und trieb

fortwährend zum Aufbruch.

Aber alle Versuche, ihn zum Aufstehen zu bewegen, prallten an ihm ab.

„Nein, ich bleibe hier, du kannst allein fahren,“ erklärte er mit einer

geradezu hartnäckigen Entschiedenheit und blieb sitzen. Rosi war außer

sich und kämpfte von neuem mit den Tränen.

Der gutherzigen Nellie tat sie nun doch leid, sie schlang ihren Arm um sie

und führte sie fort.

„Zieh dich deine Sachen an, dein Mann kommt dann schon,“ sagte sie und gab

ihr den Mantel.

„Das kommt von dem Wirtshausgehen,“ fuhr die empörte Pastorin heraus, mit

einer Miene, als hätte sie in dieser Beziehung schon die trübsten

Erfahrungen in ihrer jungen Ehe gemacht.

Nellie lächelte, aber sagte nichts. Rosi war zu aufgeregt, in ihren

Ansichten zu erhaben und halsstarrig, als daß sie ihr eine andre Meinung

hätte beibringen können.

Ilse meldete jetzt, daß der Wagen vorgefahren sei. Von neuem ging Rosi zu

ihrem Manne.

„So, ich bin fertig, willst du nun kommen?“

Er rührte sich nicht vom Platze.

„Aber Adolf,“ drängte sie wieder mit weinerlicher Stimme.

Lachend sah er sie an. Als er aber ihre heißen roten Wangen und ihre

zornig funkelnden Augen bemerkte, erhob er sich endlich.

„Ich bliebe so gern noch bei den guten Leuten, es ist so reizend hier;

warum müssen wir denn schon fort, Röschen? Was hast du denn für Eile?“

Unter solchen Beteuerungen und Fragen, die er fortwährend wiederholte,

machte er sich zum Aufbruch bereit. Rosi verfolgte seine Bewegungen mit

angstvollem Gesicht, es kam ihr vor, als ginge er unsicher die Treppe

hinunter, als wäre sein Gang schwankend! Es war zu schrecklich, wie konnte

er sich so weit vergessen! Sie war froh, daß es schon fast dunkel draußen

war, da sah ihn wenigstens niemand.

„Röschen,“ sagte der Pastor unten zu ihr, „sage dem Kutscher, daß der

Wagen aufgemacht wird, ich möchte beim Fahren in die Sterne sehen.“

Sie gab keine Antwort und riß die Wagentüre auf.

„Sage dem Kutscher, daß er den Wagen aufmacht, Kind,“ wiederholte er.

„Ich glaube, Herr Pastor,“ warf Althoff ein, „zum Fahren im offenen Wagen

ist es heute abend zu kühl, Sie könnten sich erkälten.“

„Ich begreife überhaupt nicht, wie du auf diese Idee kommst, lieber

Adolf,“ sagte Rosi unliebenswürdig, „wir sind doch nie im offenen Wagen

gefahren. Aber bitte, nun beeile dich und steige ein, damit ich dir die

Sachen zureichen kann.“ Sie drängte ihn zur Wagentüre. Er stieg aber nicht

ein, sondern erklärte mit Bestimmtheit: „Der Wagen soll offen sein, sonst

fahre ich nicht mit!“

„Herr Pastor, Ihre Frau hat recht,“ legte sich nun Nellie ins Mittel, die

bei seinem Widerstand in Rosis Gesicht ein Ungewitter aufziehen sah, „es

ist keine schöne Luft diese Abend, ein ander Mal können Sie der Sterne

besehen.“

Sie sprach das erlösende Wort, denn der Pastor bestand nicht länger auf

seinem Willen. Er ging auf Nellie zu und drückte ihr die Hand.

„Frau Doktor, vielen Dank, es war zu schön, zu schön,“ versicherte er voll

Begeisterung. Und dann umarmte er Althoff, als nähme er Abschied,

mindestens um nach Amerika zu gehen; dann übermannte ihn die Rührung, er

konnte nicht mehr sprechen und stieg in den Wagen. Rosi sprang hinter ihm

her, machte schnell die Türe zu, als hätte sie Angst, daß er wieder

entschlüpfen könnte, und trieb den Kutscher zur Eile an. Sie sah noch

flüchtig aus dem Fenster und nickte den draußen Stehenden zu, dann zog sie

die verblichenen Gardinen dicht zusammen. Die schwerfälligen Gäule, durch

einige Peitschenhiebe angetrieben, zogen langsam an, und die große Kutsche

rumpelte von dannen.

Als die drei wieder im Zimmer waren, warfen sich Nellie und Ilse ungestüm

ins Sofa und brachen in ein unbändiges Gelächter aus.

„Ihr seid doch noch recht alberne Kinder,“ sagte Althoff kopfschüttelnd.

Aber Nellie sprang auf, hing sich an seinen Hals und drehte ihn im Kreise

herum.

„Kein strenge Wort, Fred,“ rief sie lustig, „ich muß mir erst auslachen

über den Pastoren-Ehepaar.“

„Ich finde, daß es hier nichts zu lachen gibt, Nellie,“ sagte er ernst.

„Diese Szene zwischen den beiden war sehr peinlich, und ich habe mich über

Rosi geärgert. Ich kenne sie nicht wieder; aus dem fügsamen sanften

Mädchen ist eine herrische, anspruchsvolle Frau geworden, die mit ihren

pedantischen, verkehrten Ansichten ihrem Manne das Leben schwer zu machen

scheint.“

„Ich bin auch erstaunt, wie sehr sich Rosi verändert hat,“ sagte Ilse.

„Sie hat ihren Mann vollständig unter dem Pantoffel.“

„O, wie wird es das arme Mann jetzt in die Gardinenkutsch’ schlecht

ergehen,“ rief Nellie. „Ich möcht nicht in seine Fell sitzen, wie viel

artige Redens wird ihn Rosi halten. O, und er war so lustig, er tut mich

leid!“

„Rosi hat nicht nur töricht, sondern auch unrecht gehandelt; sie hätte mit

Scherz über die Sache weggehen sollen, statt durch ihr Fortlaufen solche

Ungemütlichkeit hervorzurufen. Nur durch ihr albernes Benehmen ist es so

weit gekommen. Sie hat sich lächerlich gemacht. Es ist durchaus unwürdig

von einer Frau, wenn sie stets ihren Willen durchsetzen will.“

Ilse war bei diesen Worten ihres früheren Lehrers nachdenklich geworden.

Hatte sie bis jetzt auch stets ihren Willen durchsetzen wollen und dachte

sie nicht, daß es in der Zukunft auch so sein müßte? Ja, Doktor Althoff

hatte recht, es machte einen lächerlichen, unwürdigen Eindruck, wenn die

Frau herrschte und der Mann sich fügte. Heute hatte sie sich davon

überzeugen können. Ein Pantoffelheld, wie gräßlich, nein, den möchte sie

nicht zum Manne haben. Und doch, wenn sich Leo jetzt und künftig immer

ihrem Willen fügen sollte, würde er etwas anderes sein? Hätte sie nicht so

gedacht, wäre es so weit gekommen? Wäre es nicht besser gewesen, sie hätte

nachgegeben? Vergab sie sich dadurch etwas? Fiel es ihr unangenehm auf,

wenn sich Nellie den Wünschen ihres Mannes in bereitwilligster Weise fügte

und war sie deshalb eine untergeordnete Natur ohne selbständigen Willen?

Nein, durchaus nicht, Nellie war nur klug, sie verstand es, fügsam zu

sein, und erreichte durch ihr Nachgeben mehr, als durch eigensinnigen

Widerstand; das hatte Ilse schon oft bemerkt. – Ein Gefühl der Reue wallte

plötzlich heiß in ihr auf, und sie gestand sich, daß alles anders wäre,

wenn sie nur das eine Mal nachgegeben hätte.

„Du bist ja so still geworden,“ sagte Nellie, „an was denkst du?“

„Ach, an gar nichts,“ gab sie ausweichend zur Antwort.

„Nellie,“ fragte sie dann nach einer Weile plötzlich, „nicht wahr, du

magst es doch auch nicht leiden, wenn der Mann unter dem Pantoffel steht?“

„O, eine Pantoffelmann ist mich zum Totlachen, ich verachte ihn,“ rief die

junge Frau. –

Ilse ertappte ihre Gedanken an diesem Abend noch oft bei Leo, und die

ganze Nacht träumte sie von ihm. Sie war mit ihm zusammen, er sah aber

ganz anders aus, als sonst, seine hohe Gestalt hatte etwas von der

Unterwürfigkeit des Pastors, und zu allem, was sie sprach, sagte er: „Ja,

ganz wie du wünschest, mein Kind.“ Das fand sie schrecklich und wurde

schließlich ärgerlich, bis er ihr sagte: „Du willst ja, daß ich mich dir

in allem fügen soll. Nur weil ich es nicht tat, hast du mich doch

verlassen.“ Sein blasses, demütiges Gesicht brachte sie zur Verzweiflung,

und sie flehte ihn auf den Knien an, daß er doch wieder anders werden

möchte, so wie er früher war; sie wollte sich auch ändern und sie könnten

dann wieder so glücklich sein wie früher. Als sie hierauf sehnsüchtig die

Arme nach ihm ausstreckte, um ihn an ihr Herz zu drücken, griff sie in die

leere Luft, – das Traumbild war verschwunden. Da quälte sie die Reue und

entlockte ihr heiße Tränen, und als sie endlich aufwachte, fühlte sie, daß

sie wirklich geweint hatte, und der Traum zog noch einmal beängstigend an

ihrem Geist vorüber. Sie fragte sich, ob sie, wenn er jetzt käme, ihn wohl

mit offenen Armen empfangen würde? Ja, ach wie gern, antwortete ihr Herz.

– „Aber er kommt ja nicht,“ dachte sie traurig, „denn er liebt mich nicht

mehr. Und doch wollte ich anders werden, käme er mich zu holen, aber mich

so weit erniedrigen und ihn um Verzeihung bitten, nein, das kann ich

nicht, das darf er nicht von mir verlangen.“ –

* * *

Leo litt unsagbar unter der Trennung von seiner Braut.

Wie Ilse hoffte, daß er ihr schreiben oder zu ihr kommen würde, so

begrüßte auch er jeden neuen Tag in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von

ihr zu erhalten und jeden Abend ging er enttäuscht zur Ruhe. Eine rastlose

Unruhe ergriff ihn schließlich, er versuchte sich durch eine angestrengte

Tätigkeit zu betäuben, aber es fehlte ihm die Lust am Arbeiten. Er suchte

Zerstreuungen, aber er hatte kein Vergnügen daran. Nichts half ihm, sein

jetziges Leben erträglicher zu machen, die peinvollen Zweifel zu

verscheuchen, die in ihm auftauchten. Sollte er sich in Ilse geirrt haben?

Diese Frage quälte ihn unzählige Male, und doch, – nein, nein, das war ja

nicht möglich, so zuversichtlich kann man nicht auf einen Menschen bauen,

um dann getäuscht zu werden. Aber warum schwieg sie? Glaubte sie wirklich,

daß er nach diesem Fall eine Versöhnung zwischen ihnen herbeiführen

könnte? Er hatte fest darauf gerechnet, daß sie einsehen würde, wie

unrecht sie ihm getan habe, und daß sie umkehren würde auf dem

gefährlichen Wege, den sie beschritten hatte. Sie unterwarf seine Liebe

einer harten Prüfung. War sie derselben so sicher, oder war sie ihr

gleichgültig?

Sein verschlossenes, verändertes Wesen fiel seinen Eltern auf, doch ohne

Arg, den wahren Grund nicht ahnend, schoben sie es auf sein angestrengtes

Arbeiten, das er auf ihre besorgten Fragen vorschützte. Sie wären tief

betrübt gewesen, hätten sie gewußt, was zwischen dem Brautpaar vorgefallen

war. Leo hatte ihnen gelegentlich kurz erzählt, daß Ilse einige Zeit bei

ihrer Freundin zubrachte und bei seinen seltenen Besuchen im Elternhause

wußte er das Gespräch immer von seiner Braut abzulenken. Eines Tages

erklärte er seinen Eltern, daß er sich einige Zeit Urlaub genommen habe,

da er fühle, wie er der Erholung, der Auffrischung bedürfe. Deshalb habe

er vor, für einige Wochen mit einem Freunde nach Paris zu gehen, der dort

seine Studien fortsetzen wolle.

Herr und Frau Gontrau waren über den plötzlichen Entschluß wohl etwas

verwundert, aber Herr Gontrau billigte ihn vollständig und fand es sehr

lobenswert, daß er Ilsens Abwesenheit zu dieser Reise benützte. Frau Annes

kluge und diplomatisch abgefaßte Briefe an Gontraus ließen keinen Argwohn

in ihnen aufkommen. Sie bestellte ihnen Grüße von Ilse, entschuldigte ihr

Schweigen auf die beste, glaubhafteste Art und vertröstete sie immer von

neuem auf einen baldigen Brief, dessen Ausbleiben sie dann wieder durch

alle möglichen Ausflüchte erklären mußte; Ilse hatte nämlich auf ihre

Anfrage, ob sie Leos Eltern, die so viel und oft nach ihr fragten, nicht

einmal schreiben wolle, geantwortet, daß ihr dies unmöglich sei. Und Frau

Anne dachte, es wäre am Ende auch besser, wenn sie nicht schriebe, denn

das Gezwungene, was ein Brief unter diesen Verhältnissen haben würde,

mußte die Eltern Leos, denen sie stets eine kindliche Liebe entgegen

gebracht hatte, und die mit so großer Zärtlichkeit an der Schwiegertochter

hingen, doch befremden.

Leo reiste fort, nachdem er sich zuvor noch von seinen Schwiegereltern

verabschiedet hatte. Seit jenem Abend war er nur selten bei ihnen gewesen.

Zwischen seinem Schwiegervater und ihm war eine Spannung entstanden, denn

Herr Macket konnte es ihm nicht verzeihen, daß er seinem Liebling nicht

nachgereist war und ihn wiedergeholt hatte. Frau Anne war es zwar

gelungen, ihren Mann davon zu überzeugen, daß Leo über Ilsens kühnen

Streich nicht mit Leichtigkeit hinweg gehen könnte, aber die Sehnsucht

nach seinem Kinde packte ihn oft zu heftig und dann konnte er einen

heimlichen Groll gegen Leo nicht ganz unterdrücken, wenn er schließlich

auch einsah, daß derselbe ungerecht war.

Trotzkopf's Brautzeit · 第 7 / 18 段