„Du wirst,“ fiel ihr Nellie entschieden ins Wort. „Fred hat oft viel Ärger

mit die Jungens in der Schule und wenn er nach Hause kommt, darf ihn sein

kleine Frau nicht auch ärgern. Heute hat er so große Verdruß gehabt, das

arme Mann. Du bist noch so jung, Kindchen, du verstehst noch nix von die

Ehe, von das Benehmen der Frau gegen ihre Mann.“

Ilse lachte! „Das ist himmlisch! Du bist gerade zwei Jahre älter als ich

und tust immer, als wenn du meine Großmutter wärst.“

„O, ich habe Erfahrung,“ rief Nellie, „und kenne die Welt mit die Menschen

besser als du, Baby.“

„Ja, du bist meine einzige kluge Nellie,“ sagte Ilse, sie umschlingend.

„Aber wenn dein Mann mal wieder böse gegen dich ist, bekommt er es mit mir

zu tun.“

Nellie hatte sie durch ihre Worte zwar nicht bekehrt, und sie gab ihr

nicht recht, denn sie wollte nicht die Sklavin ihres Mannes werden, aber

im Grunde ihres Herzens bewunderte sie doch die Freundin und ihre

Selbstbeherrschung.

* * *

Seit dem Besuche bei Flora war wieder eine Woche verstrichen. Das

Doktorpaar hatte schon nach einigen Tagen einen Gegenbesuch gemacht, und

Floras Mann hatte Ilse außerordentlich gut gefallen. Er war klug und

liebenswürdig und hatte ein ruhiges, sicheres Benehmen. Bei Floras

überschwenglichem Unsinn schwieg er meistens, und es erschien dann in

seinem Gesicht ein Ausdruck, als ergebe er sich in das Unvermeidliche, das

zu ändern er aufgegeben hatte.

„Wie kam nur der nette Mann dazu, sich in Flora zu verlieben, Nellie?“

fragte Ilse. „Ich begreife das nicht.“

„O,“ meinte diese, „Florchen wird sein Herz mit ihre schöne Liebesgedichte

gefangen haben. Wir müssen ihr gelegentlich über ihre Verlobung

ausforschen. Mich tut der arme Mann leid und die kleine Baby; Flora macht

ihnen kein Glück, weil sie nichts wie dummes Zeug im Kopf hat.“ –

An einem Sonntagmorgen saß das junge Althoffsche Ehepaar mit Ilse

gemütlich am Kaffeetisch, als das Mädchen einen Brief für Nellie

hereinbrachte.

„Eine große Neuigkeit!“ rief sie, als sie ihn gelesen hatte. „Ratet, ich

sage nix,“ und geheimnisvoll sah sie zu Ilse hinüber, deren Blicke

ängstlich fragend auf ihr ruhten. Was mochte der Brief für eine Nachricht

enthalten, von wem mochte er sein? Ihr Herz pochte in heftigen Schlägen,

und wieder tauchte die Hoffnung in ihr auf: es ist vielleicht eine

Nachricht von ihm, und er meldet sein Kommen an. Die erwartungsvolle

Aufregung, in der sie die erste Zeit hier verbracht hatte, war nach und

nach einer bitteren Ruhe gewichen. Sie zerfloß nicht mehr in

leidenschaftlichen Tränen, wenn Briefe von den Eltern eintrafen, die

nichts von Leo enthielten, und sie schreckte auch nicht mehr bei jedem

Klingeln zusammen. Nur abends, wenn sie im Bette lag, scheuchten noch

häufig angstvolle Gedanken den Schlaf von ihren müden Lidern, und sie

wälzte sich dann manchmal ruhelos auf ihrem Lager umher. Schwarz wie die

Nacht erschien ihr dann die Zukunft, sie kam sich einsam und verlassen vor

und schlief unter Tränen ein. –

Ilse wagte nicht, Nellie, welche sich mit ihrem Manne herumneckte, nach

dem Inhalt der Karte zu fragen.

Doktor Althoff, der nach langem Hin- und Herraten, das ihm jedesmal ein

lakonisches „Falsch“ von seiner Frau eingetragen hatte, ungeduldig

geworden war, nahm schließlich Nellie den Brief aus der Hand.

„O, was seid ihr Männer neugierig,“ sagte sie lachend. Er las den Brief

und warf ihn dann auf den Tisch.

„Wenn es weiter nichts ist,“ sagte er mit enttäuschter Miene, „ich dachte

Wunder, was der Brief enthielte! Also Pastors wollen uns heute besuchen,

das ist die ganze interessante Neuigkeit. Na, das wird einen heiteren

Sonntag geben,“ setzte er mit sauersüßer Miene hinzu.

Ilse hatte gespannt auf jedes seiner Worte gelauscht, sie war von neuem

enttäuscht, und doch löste es sich wie ein Alp von ihrer Brust.

„Ilschen,“ wandte sich Nellie jetzt zu ihr, „die artige Rosi mit ihre

Pfarrersmann wird uns heute besuchen. Freust du dich nicht?“ Sie nahm den

Brief wieder an sich und las ihn nochmals. „Durch Flora hat Rosi von dein

Hiersein gehört und freut sich riesig dich wiederzusehen,“ teilte sie Ilse

mit. „Sie fahren mit der Kutsche, schreibt mich Rosi, um acht Uhr von den

Dorf weg; wann sind sie also hier, Fred?“

Sie mußte ihre Frage wiederholen, denn er las in der Zeitung und hatte

nicht zugehört.

„Um acht Uhr fahren sie fort,“ berechnete er, – „vielmehr sind sie

fortgefahren, da werden sie gegen elf Uhr hier sein.“

„O, dann haben wir noch viele Zeit,“ meinte Nellie, „dann können wir in

Ruhe Vorbereitungen zu Ehrwürdens Empfang machen. Hilfst du mir, Ilschen?“

„Natürlich, Nellie! Ich bin riesig gespannt, Rosi wiederzusehen. Sie ist

gewiß eine unterwürfige Frau, eine demütige Magd, wie sie im Buche steht,

geworden.“

Die Kaffeestunde wurde heute abgekürzt, denn Nellie mußte für das

Frühstück und Mittagsmahl sorgen. Geschäftig eilte sie mit dem

Schlüsselkörbchen klappernd hin und her, bald war sie in der Küche, bald

im Zimmer. Jetzt kam sie mit einem Pack Tischzeug herein, legte dasselbe

auf den Eßtisch und fing an zu decken. Ilse stand mit verschränkten Armen

daneben und sah ihr zu.

„Nellie, weißt du noch, wie ungeschickt ich mich in der Pension benahm,

als ich zum ersten Male den Tisch decken sollte? Jetzt mache ich solche

‚Dienstbotenarbeiten‘ ganz gern; so geschickt wie du bin ich natürlich

noch nicht und werde es auch nie sein.“

„O, _darling_,“ erwiderte Nellie, „wenn du erst ein kleines Hausfrau bist,

wirst du alles schön machen, viel schöner als ich es –“

Ilse ließ sie den Satz nicht beenden. Das Wort Hausfrau hatte sie peinlich

berührt und machte sie verlegen. „Nein,“ rief sie schnell, „nie, nie! Ich

bin ein ungeschicktes, plumpes Bauernmädchen gegen dich.“

„O, o,“ sagte Nellie, indem sie bei diesen übertriebenen Worten erstaunt

aufblickte, „wie kannst du dich unterstehen, eine liebe Freundin von mir

so schlecht zu machen, das verbitte ich mich. Komm, hier hast du eine

Obstschale und hier den Obst von dem Büffet. Da sind auch einige

Weinblätter noch, du mußt ihr malerisch zwischen die Früchte gruppieren.“

„Ich will versuchen, ob ich die Blätter malerisch gruppieren kann,“ lachte

Ilse.

„O du kannst,“ entschied Nellie, „du hast ein groß malerisch Sinn.“

Der Frühstückstisch war fertig, und die Obstschale prangte in der Mitte.

Nellie überschaute alles noch einmal mit prüfendem Blicke.

„Wir haben unser Sach gut gemacht,“ sagte sie befriedigt zu Ilse, „wir

dürfen uns dieser Lob spenden. Vor artig brave Rosi dürfen wir uns aber

auch keine Bloßheit geben.“

„Das ist klassisch: Bloßheit geben. Blöße meinst du wohl, Nellie?“

verbesserte Ilse heiter. „Du hast oft Ausdrücke zum Totlachen, aber sie

klingen in deinem Munde furchtbar niedlich und süß!“

„O, du furchtbar niedliches Ilsekind,“ neckte Nellie, „du mußt nicht über

mich lachen, wenn ich falsch spreche, du mußt mir ausbessern.“

Es war eine kleine Koketterie von der jungen Frau, daß sie sich oft nicht

die Mühe gab, die richtigen Worte zu finden, weil sie genau wußte, wie

drollig und komisch es klang, wenn sie so gebrochen deutsch sprach.

Nellie verschwand jetzt eiligst, um ihren hellblauen Morgenrock mit einem

Hauskleide zu vertauschen.

„Du mußt mir rufen, wenn du den Wagen kommen hörst,“ rief sie Ilse noch

zu, die sich ans Fenster gesetzt hatte und nun nachdenklich auf die Straße

hinabschaute.

Mit gemischten Empfindungen sah sie Rosis Ankunft entgegen. Sie freute

sich, die Pensionsfreundin wiederzusehen, aber der Gedanke, daß sie wieder

peinliche Fragen nach ihrem Verlobten über sich ergehen lassen müsse, wie

bei Flora, beunruhigte sie schon im voraus. Sie kam sich wie eine

Schuldige vor, die ihre Schuld vor der Welt verbergen mußte, und dieses

Gefühl war ihr schrecklich. Gegen elf Uhr hörte sie fernes Wagenrollen und

schnell rief sie nun die Freundin herbei.

[Illustration]

„Das Landpastorkutsch erregt große Aufsicht,“ sagte Nellie und wies auf

die Fenster der Nachbarhäuser, die mit Neugierigen besetzt waren, welche

das herannahende Wagengebäude in Augenschein nehmen wollten. Langsam

bewegte sich dasselbe vorwärts und unterbrach jäh die sonntägliche Stille

durch das Gerassel, welches es auf dem holperigen Straßenpflaster

verursachte. Zwei schwerfällige dicke Gäule wurden von dem Kutscher durch

Zureden und Peitschenhiebe angetrieben, ohne daß es ihm gelungen wäre, sie

aus ihrem Phlegma aufzurütteln. In unregelmäßigen Schwankungen bewegte

sich der große, über und über mit Schmutz bedeckte Wagen, dessen

ehrwürdiges Alter nicht zu verkennen war, vorwärts; die einstmals

wahrscheinlich blauen, jetzt bis zur Unkenntlichkeit verschossenen

Gardinen waren zugezogen, und umsonst reckten sich die Hälse der

Neugierigen krampfhaft aus, in dem Bemühen die Insassen zu sehen.

Diejenigen, welche dem Althoffschen Hause gegenüber und dicht daneben

wohnten, harten es bequemer; denn als der Wagen hielt, konnten sie ohne

Genickverrenkung erkennen, wer ihm entstieg.

Also Althoffs bekommen Besuch, das war ja höchst interessant! Leider

konnte man seine Neugierde nicht genügend befriedigen, denn die zwei

Personen, welche den Wagen verließen, wurden nicht, wie man erwartet

hatte, draußen an der Pforte in Empfang genommen, sondern verschwanden

sogleich hinter der Haustüre. Man hätte sich die beiden so gern erst

genauer betrachtet, gerne gewußt, welches Kleid die Dame unter ihrem

Mantel trug, und den Schnitt desselben geprüft. Auch konnte man unter dem

dichten Schleier, den sie vor das Gesicht gezogen hatte, nicht erkennen,

ob sie jung oder alt, hübsch oder häßlich war. Kurz und gut, man war

enttäuscht, wie die verwitwete Frau Sekretär, welche Althoffs gegenüber

wohnte, durch das ärgerliche Zuschlagen ihres Fensters deutlich bewies.

„Komische Moden führt die junge Frau da drüben ein,“ sagte sie zu ihrer

verblühten Tochter. „Bisher war es Sitte, daß man seinen Gästen

entgegenging; wie unpassend, ihnen nicht mal beim Aussteigen behilflich zu

sein! Na, wie ich das finde!“ Sie begleitete ihre Worte mit einem

mißbilligenden Kopfschütteln und setzte sich wieder an ihren Nähtisch.

„Ja, das kommt mir auch merkwürdig vor,“ pflichtete das älteste Mädchen

bei. „Übrigens kann es uns ja ganz egal sein, was die da drüben machen und

tun.“

Und doch war es ihr nicht gleichgültig, was „die da drüben“ taten, denn

sie war eine scharfe Beobachterin ihres Gegenüber. Das glückliche junge

Ehepaar weckte so oft ein geheimes Sehnen in ihrem Herzen, mancher Seufzer

entstieg dann ihrer Brust und voll Bitterkeit dachte sie, daß ihr, der

alten Jungfer, niemals ein solches Glück erblühen würde. –

Drüben war die Begrüßung vorüber, und Althoffs saßen mit ihren Gästen

bereits am Frühstückstisch. Die beiden Ehepaare waren im lebhaften

Gespräch, und Ilse hatte daher Muße, sich ihre Schulfreundin und deren

Mann gründlich zu betrachten. „Genau, wie sie Nellie geschildert hat,“

dachte sie in ihrem Innern. Rosi hatte sich wenig verändert, nur strenger

waren ihre Züge geworden, und die Haare glänzten vielleicht noch heller

als früher in ihrer Glätte. Tadellos wie immer war ihre Haltung und von

fast klösterlicher Einfachheit ihr Anzug. Das schwarze Kleid sah doch

recht trist und altmodisch aus, und wie steif war der weiße Strich am

Kragen, den die goldene Brosche zusammenhielt, welche schon in der Pension

aller Entsetzen gewesen war. Auch der Herr Pastor im langen, schwarzen,

tabakduftenden Rock wurde von Ilse einer eingehenden Prüfung unterworfen,

ihrem scharfen Blick entging nichts. In dem gutmütigen Gesicht berührte

ein liebenswürdiger Zug äußerst angenehm, aber über den schüchternen

Ausdruck in seinen blauen Augen mußte Ilse unwillkürlich lächeln. Und wie

unbeholfen waren seine Bewegungen, als er sich jetzt mit der Hand über

seine dünnen blonden Haare strich und dann die goldene Brille zurecht

rückte.

Rosi riß Ilse endlich aus ihren Betrachtungen.

„Liebe Ilse,“ sagte sie freundlich, „ich freue mich, dir nun mündlich noch

zu deiner Verlobung gratulieren zu können. Ich nehme den wärmsten Anteil

an deinem Glück. Wann heiratet ihr denn?“

„O, noch lange nicht,“ stieß Ilse hervor und wurde blutrot, denn sie

bemerkte, daß der Pastor bei diesem Gespräch zu ihr herüber blickte,

wahrscheinlich wollte auch er seinen Glückwunsch hinzufügen. O, diese

Wünsche für ihr Glück erschienen ihr wie der bitterste Hohn, und die

Heuchelei, die Verstellung, mit der sie dieselben hinnehmen mußte,

widerstanden ihrer ehrlichen Natur.

„Ach, ich dachte, ihr würdet schon bald heiraten! Nellie, sagtest du mir

nicht, die Hochzeit sollte im Frühjahr oder Sommer sein?“ fing Rosi das

peinliche Verhör wieder an.

Ilse saß wie auf Kohlen, verstohlen blickte sie zu Nellie hinüber, welche

diesen flehenden Wink auch verstand und ihr zu Hilfe kam. Rosis Frage

scheinbar überhörend, nahm sie eifrig einen Teller mit Aufschnitt vom

Tisch und reichte ihr denselben hin.

„Bitte, iß noch, Rosi,“ nötigte sie lebhaft, „denn wenn wir nachher in der

Stadt umherlaufen und Besorgungen machen wollen, mußt du dir erst tüchtig

satt essen.“

„Ja, liebe Frau,“ wandte sich der Pastor jetzt an sie, „was meinst du, ich

denke, du machst deine Besorgungen mit Frau Doktor und Fräulein Ilse, und

wir treffen uns nachher im Ratskeller, wo wir beiden Herren einen

Frühschoppen trinken wollen.“

Rosi sah ihren Mann mit so erstaunten Augen an, daß er ganz verlegen

wurde, sich einige Male räusperte, wobei er die Fingerspitzen auf den Mund

legte und schließlich nach einer kleinen Pause die Worte hervorstotterte:

„Doktor Althoff machte mir nämlich den Vorschlag.“

„Frau Pastorin,“ fiel dieser ihm in die Rede, „Sie haben wirklich einen

ganz durchtriebenen Gatten. Jetzt schiebt er alle Schuld auf mich, während

er es war, der mich zum Frühschoppen verleiten wollte.“

Rosi verzog bei diesem Scherz keine Miene.

„Ich denke, wir bleiben besser zusammen,“ sagte sie entschieden zu ihrem

Mann, „und dann, du weißt doch, in Wirtshäuser gehe ich grundsätzlich

nicht.“

Ilse sah verwundert zu ihr hin. War das denn die sanfte, fügsame Rosi von

früher?

„O,“ rief Nellie, „du armes Rosi, wie bedaure ich dir, denn in der Kneip

ist es zu schön. Oft gehe ich mit Fred und einige gute Freunde ins

Wirtshaus, und dann trinken wir Bier zusammen. O, das ist fein! Und das

Comment hat mir Fred auch gelehrt, ich kann es gut – paß auf!“

Sie sah Rosi mit schelmischer Herausforderung an, erhob ihr Glas und hielt

es dem Pastor entgegen.

„Herr Pastor, trinken Sie auf mein Wohl, dann werde ich mir _a tempo_

löffeln,“ rief sie lustig.

Er wurde über und über rot wie ein junges Mädchen, aber dem lieblichen

Gesicht der jungen Frau konnte er nicht widerstehen. Er nahm sein Glas und

stieß mit ihr an. Er wollte auch etwas sagen, aber das Wort blieb ihm in

der Kehle stecken, als er einen verstohlenen Blick auf seine Frau warf.

Sie stimmte nicht mit ein in das fröhliche Lachen Althoffs und Ilses,

sondern richtete sich noch steifer auf, und ihre Züge blieben unbeweglich.

In ihrem Innern dachte sie mit Unwillen: „Nellie ist doch recht

burschikos.“

„Ich denke, wir brechen jetzt auf, lieber Adolf,“ sagte sie sanft aber

bestimmt und stand auf. „Wir haben eine Menge Besorgungen; es möchte sonst

zu spät werden.“

Die andern erhoben sich pflichtschuldigst.

„Kommen Sie mit in mein Zimmer, Herr Pastor,“ sagte Althoff. „Bis die

Damen fertig sind, wollen wir eine Zigarre rauchen.“ Der Pastor begrüßte

diese Aufforderung mit großer Freude, denn er fürchtete jetzt ein

Alleinsein mit seiner Frau.

Nellie war in die Küche gegangen, um für das Mittagessen noch einige

Anordnungen zu treffen. Ilse hatte Rosis Sachen vom Vorplatz hereingeholt

und belustigte sich nun über die Umständlichkeit, mit der die Frau

Pastorin ihren Hut vor dem Spiegel aufsetzte.

Sie war doch noch ganz die pedantische Rosi aus der Pension! Die Bänder

des Kapothutes wurden zu einer streng symmetrischen Schleife zusammen

gebunden, dann feuchtete sie die Fingerspitzen mit der Zunge an und strich

mit denselben über den Scheitel, damit jedes sich vorwitzig

hervordrängende Härchen in seine Schranken zurückgewiesen wurde. Eine

innere Unruhe ergriff Ilse bei diesen Anstalten. Wie konnte man nur beim

Anziehen so langweilig sein. Wenn sie sich ihren Hut aufsetzte, blickte

sie nur flüchtig in den Spiegel, um zu wissen, ob er schief oder gerade

saß, und damit Punktum! Endlich war Rosi fertig, und die Reise konnte nun

losgehen.

Als alle zum Ausgehen gerüstet auf dem Vorplatz standen, nahm Rosi eine

Tasche vom Kleiderständer herunter und hing sie sich über den Arm.

„O, dieses entsetzliche Tasch nimmt sie mit,“ flüsterte Nellie Ilse zu und

betrachtete das Ding mit mißtrauischen Augen.

Schön war die Tasche nicht, das konnte man nicht behaupten, aber desto

größer, von grober grauer Leinwand, worauf mit lila Wolle in Kettenstich

die Worte gestickt waren: „_Bon voyage_“.

„Willst du den Sack mitnehmen, Rosi!“ machte Nellie ihren Gefühlen Luft.

„Du brauchst nicht,“ fügte sie freundlich hinzu, „die Kaufleute schicken

gern alle Ware ins Haus.“

„Einen Sack brauchst du diese Tasche nun nicht gerade zu nennen, Nellie,

wenn du sie auch nicht schön findest,“ erwiderte Rosi gereizt und zog die

Geschmähte noch fester über ihren Arm.

„O, sei nicht böse, ich kenne in der deutsche Sprach noch oft nicht die

richtige Worte“, entschuldigte sich die junge Frau, und der Schalk lachte

aus ihren Augen.

„Das scheint so,“ meinte Rosi kühl und ging voran.

Verschiedene Einkäufe waren schon besorgt und die Pakete in die verpönte

Tasche gewandert, die sich behaglich in die Weite und Breite dehnte.

„Hier möchte ich noch eine Arbeit für meinen Mann zu Weihnachten kaufen,“

sagte Rosi leise zu den beiden Freundinnen und blieb vor einem

Stickereiladen stehen.

„Lieber Adolf,“ wandte sie sich zu ihrem Manne, „du bleibst wohl hier so

lange vor dem Laden stehen; ich möchte etwas kaufen, was du nicht sehen

sollst. Sei auch so gut und halte die Tasche so lange.“

Sie wollte ihm damit die lila ‚_bon voyage_‘ in die Hände geben, aber Ilse

riß sie ihm fast fort. Sie fand Rosis Zumutung ihrem Manne gegenüber

empörend.

„Bitte, Herr Pastor, lassen Sie mir die Tasche,“ bat sie, als er sie ihr

fortnehmen wollte, „es würde doch zu lächerlich aussehen, wenn Sie das

Ding hielten.“

„Sie sind zu gütig,“ stammelte der Pastor, „aber Rosi möchte doch gern,

daß ich die Tasche hielte; bitte, geben Sie.“

Ilse war jedoch schon hinter der Ladentüre verschwunden und gesellte sich

zu Nellie und Rosi, welche bereits eifrig mit dem Ladenfräulein

verhandelten.

Hilflos sah ihr der Pastor nach.

„Ob es Rosi wohl recht ist, daß ich die Tasche hergab?“ sagte er halblaut,

und sein ängstlich fragendes Gesicht war so komisch, daß sich Doktor

Althoff abwenden mußte, um nicht laut aufzulachen.

„Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen,“ sagte Althoff, als sie eine

Weile gewartet hatten, „die Damen scheinen lange zu wählen; ich kenne das

schon von meiner Frau her.“

„Wenn Sie meinen, Herr Doktor,“ entgegnete der Pastor zaghaft. „Nun ja,

wie Sie wollen. Ich hoffe jedoch, die Damen werden bald fertig sein.“

Er trat an die Ladentüre heran und sah durch das Fenster. Die drei Damen

schienen noch nicht ans Fortgehen zu denken. Auf dem Ladentische vor ihnen

lag eine unendliche Menge Sachen ausgebreitet, unter denen die Wahl recht

schwierig sein mochte, denn sie wanderten von Hand zu Hand und wurden

eingehend besichtigt, worauf die drei Köpfe zu einer eifrigen Beratung

dicht zusammenrückten. Der Pastor überzeugte sich, daß die Damen wohl noch

lange nicht fertig sein würden, und ging deshalb auf Althoffs Vorschlag

ein. Langsam spazierten die beiden Herren auf und ab und jedesmal, wenn

sie an dem Laden vorbei kamen, warf der Pastor forschende Blicke in das

Innere desselben.

„Es dauert recht lange, bis die Damen fertig sind,“ meinte er.

„Ja,“ lachte Althoff, „das kenne ich schon, wenn Frauen einkaufen, muß man

Geduld haben. Übrigens da fällt mir ein, ich möchte Ihnen gern das Rathaus

zeigen, dessen Renovierung jetzt sehr fortgeschritten ist. Es wird

wirklich hübsch, kommen Sie.“

Er faßte den Pastor unter den Arm und zog den halb Widerstrebenden mit

sich fort.

„Ja, ich sähe es gern, aber Verehrtester, wenn wir dann unsre Frauen nur

nicht verfehlen.“

„Aber ich bitte Sie, in diesem kleinen Nest kann man sich ja gar nicht

verfehlen.“

Nach einigem Zögern willigte der Pastor ein.

Das alte Rathaus im neuen Schmuck gefiel ihm und mit Interesse betrachtete

er alle Giebel und Türmchen des gotischen Baues.

„Und innen müssen Sie es auch besichtigen,“ sagte der Doktor, „die

Vorhalle ist sehenswert. Jetzt sind die Fresken an den Wänden auch bis auf

einen kleinen Teil fertig.“

Sie stiegen die Steintreppe empor, betraten den mit Fliesen ausgelegten

Fußboden der großen Vorhalle, unterwarfen die neuen Gemälde einer

eingehenden Kritik und schritten dann weiter. Die ausgebauten Erker mit

den Butzenscheiben und den Holzbänken ringsherum waren nicht verändert und

die bis zur Hälfte der Höhe mit Eichenholz getäfelten Wände hatte der

Pastor auch schon früher bewundert. Nur auf den Gesimsen, die mit alten

Krügen und Gläsern besetzt waren, entdeckte er manches noch nicht gesehene

Stück und blieb davor stehen. Althoff kam es vor, als betrachte er die

schweren Humpen nicht einzig und allein mit dem Interesse des

Kunstkenners, und da er sich dabei auf seinen eigenen durstigen Gedanken

ertappte, fragte er scherzend:

„Was meinen Sie, Herr Pastor, wollen wir nicht einen solchen Humpen auf

das Wohl unserer Frauen leeren?“

Erschrocken sah sich der Angeredete um.

[Illustration]

„Wir haben es hier nämlich sehr bequem,“ fuhr Doktor Althoff fort, „wir

brauchen nur diese kleine Treppe hinunterzugehen und können uns unten an

einem herrlichen Frühschoppen laben.“

Der Pastor stand noch immer unschlüssig da.

„Ja, aber meine Frau,“ warf er ein, „sie weiß dann nicht, wo ich geblieben

bin, und darum möchte ich es lieber nicht tun.“

„Ich schicke einen Kellner mit einem Zettel nach dem Laden, wo die Damen

sicher noch sind,“ beschwichtigte ihn Althoff, „kommen Sie nur. Es gibt

hier ein famoses Spatenbräu.“

„So?“ sagte der Pastor und zeigte sich bei dieser verlockenden Aussicht

schon geneigter, mitzugehen; „ach ja, gutes Bier habe ich lange nicht

getrunken. Wir trinken abends stets Tee.“

Dabei fiel ihm seine Frau wieder ein, und er war wieder voll Zweifel, ob

er mitgehen sollte.

„Wenn es meiner Frau nur recht ist,“ sagte er unentschlossen.

„Ihre Frau Gemahlin wird sich freuen, daß ich Sie zu einem Glas Bier

überredet habe.“

„Nun ja denn, vielleicht freut sie sich,“ sagte er schließlich, obgleich

er innerlich vom Gegenteil überzeugt war. Aber der Wunsch, mal wieder eine

gemütliche Kneipstunde zu verleben, kam seiner Phantasie zu Hilfe, und er

sagte nochmals, um seine Zweifel zu verscheuchen: „Vielleicht freut sie

sich.“ Und doch folgte er dem Doktor die schmale Treppe mit dem Gefühl

hinunter, als ob er auf verbotenen Wegen wandle. –

Rosi hatte nach langem Wählen ihren Einkauf beendet und war sehr vergnügt

darüber, denn sie hatte gefunden, was sie suchte, nämlich ein Paar

angefangene Morgenschuhe und einen geschnitzten Pfeifenständer, der noch

mit einer gestickten Borte verziert werden sollte. Sie fand die

Morgenschuhe besonders schön und konnte nicht begreifen, daß Nellie und

Ilse ihr rieten, doch ein andres Muster zu wählen. Ihr gefielen diese

roten Rosen, welche sie mit schwarzer Wolle ausfüllen wollte, ganz

besonders gut. Als sie aus dem Laden auf die Straße traten, sah sich Rosi

suchend um.

„Wo sind denn die Herren geblieben? Ich sehe sie ja garnicht.“

„Vielleicht ist dein Mann auch in eine Laden und kauft schöne

Weihnachtsdinge für dir,“ meinte Nellie, „wir wollen die Straße

hinuntergehen und in die Ladens schauen.“

Sie gingen weiter; aber die beiden Herren waren nirgends zu entdecken.

„Ich begreife das nicht,“ sagte Rosi kopfschüttelnd, „Adolf wollte doch

bestimmt auf mich warten.“

„Dein Mann wird sich ja auch schon finden,“ meinte Ilse, welche sich über

Rosi ärgerte, da diese ihre gute Laune durch den kleinen Zwischenfall

schon wieder ganz eingebüßt hatte.

Rosi überhörte diese Worte, denn ihre Aufmerksamkeit wurde durch etwas

andres in Anspruch genommen. Sie sah erwartungsvoll auf Nellie, der soeben

von einem Jungen ein Zettel übergeben worden war, welchen sie eifrig las.

Trotzkopf's Brautzeit · 第 6 / 18 段