Seit dem Abend ihrer Ankunft war sie nur einige Male in der Dämmerung mit

Althoffs spazieren gegangen, heute sah sie die kleine Stadt zum ersten

Male im hellen Tageslicht. Mancher neugierige Blick folgte den beiden.

Frau Doktor Althoff hatte Besuch, und davon wußte man nichts? Das war doch

unerhört! Wer mochte denn die junge Dame sein? Frau Doktor Althoff hatte

ja gar nicht erwähnt, daß sie Besuch bekäme, warum hatte sie das

verschwiegen? So zerbrachen sich Nellies Bekannte, die ihnen begegneten,

den Kopf. In der breiten Hauptstraße vor einem hübschen Hause machte

Nellie Halt.

„Hier wohnt die Dichterin Frau Doktor Flora Gerber, in dies Haus, eine

Treppe hoch,“ sagte sie und öffnete die Haustüre.

Als sie oben angekommen waren, flüsterte sie Ilse zu: „Ilschen, wenn dir

das neugierige Flora nach alles fragt, nach dein Hiersein, dein Verlobten,

laß mir nur machen, ich geb’ ihr Antwort.“

Wie ein Stein fiel es Ilse bei diesen Worten vom Herzen, denn heimlich

hatte sie schon überlegt, ob sie Floras Fragen ausweichen oder sie

beantworten sollte. Sie drückte Nellie mit einem dankbaren Blicke die

Hand.

Auf Nellies zweimaliges Schellen wurde die Türe von einem wenig sauberen

Mädchen geöffnet.

„Sind die Herrschaften zu sprechen?“ fragte Nellie.

„Der Herr Doktor sind nicht zu Hause,“ stotterte das Mädchen verlegen,

„aber ich will mal nachsehen –“

Ohne den Satz zu beenden, verschwand sie eiligst hinter der Türe. Nach

einem Weilchen erschien sie wieder, riß die gegenüberliegende Stubentüre

weit auf und meldete lakonisch:

„Da sollen Se rein gehen.“

Flora war nicht im Zimmer, und Ilse hatte Muße, sich gründlich darin

umzusehen. Sie bedurfte übrigens nur weniger Blicke, um einen deutlichen

Eindruck zu gewinnen. Wie viel vermißte hier ihr stark ausgeprägter

Schönheitssinn! Traulich, harmonisch, geschmackvoll war es bei Nellie,

ungemütlich, geschmacklos, ein wirres Durcheinander bei Flora! Die Möbel,

gut und neu, entbehrten jeder Pflege, das sah man ihnen nur zu deutlich

an, denn eine graue Staubdecke lag darauf. Die Bilder an den Wänden hingen

schief, die Pflanzen am Fenster und im Blumentisch ließen durstig die

Köpfe hängen, und die gelben vertrockneten Blätter an den Stengeln gaben

ihnen ein traurig verkommenes Aussehen. Ilse, die eine große

Blumenfreundin war, betrachtete sich die Ärmsten mitleidig und sah sich

unwillkürlich nach einer Gießkanne um, ohne jedoch eine solche entdecken

zu können. Auf dem Tisch vor dem Sofa, über den eine blaue Samtdecke

gebreitet war, welche schief herabhing, lagen eine Menge Bücher, zum Teil

aufgeschlagen, mit Flecken und umgebogenen Ecken, dazwischen

Visitenkarten, Briefe, lose Blätter in einem wahren Chaos zusammen.

„Nellie, sieh nur,“ rief Ilse halblaut und zeigte mit der Hand auf diesen

Wirrwar, „das nennt Flora gewiß ‚malerisch‘.“

„O, störe mir nicht in mein heiliges Andacht,“ gab Nellie zur Antwort, und

als sich Ilse bei diesen mit Pathos gesprochenen Worten umwandte, sah sie

Nellie mit gefalteten Händen vor einem Schreibtisch stehen, der seinen

Platz am Fenster hatte.

„Hier schafft unser große Dichterin, Ilschen. An was für ein herrliches

Mordgeschicht’ mag sie wieder dichten,“ fuhr sie in demselben feierlichen

Tone fort.

Ilse hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzulachen, denn

Nellie war zu komisch.

„Eben hat Florchen dieses Platz verlassen, wir haben ihr gewiß aus ihre

schönste Gedanken gescheucht,“ fing Nellie wieder an.

Sie schien mit ihrer Vermutung recht zu haben, denn die Feder glänzte noch

feucht von Tinte, der Stuhl stand jäh zur Seite geschoben, und einige

Blätter, die an der Erde lagen, waren wohl beim eiligen Aufstehen auf den

Boden geflogen. Mit beschriebenen und unbeschriebenen Blättern war der

ganze Schreibtisch bedeckt, kaum daß die Stelle freigeblieben war, wo ein

über und über bespritztes Tintenfaß thronte, das nicht aussah wie für

einen Damenschreibtisch bestimmt.

„Sieh hier, _darling_,“ sagte Nellie leise und zog die noch immer sich

verwundert umsehende Freundin mit sich fort, „das ist Florchens Mann.“

Sie zeigte auf ein Bild, das über dem Schreibtisch hing. Ilse trat näher

heran und sah sich den nicht gerade hübschen aber interessanten Männerkopf

mit dem kurz geschorenen Haar und Bart voll Interesse an. Sie war noch in

der Betrachtung des Bildes versunken, als sich die Türe ungestüm öffnete

und Flora auf der Schwelle erschien. Dieselbe fuhr erstaunt zurück, als

sie Ilse gewahrte, deren Besuch sie gar nicht vermutet hatte.

[Illustration]

„Mein Gott, Ilse, bist du es wirklich, oder ist es dein Geist?“ rief sie

theatralisch mit weit vorgestreckten Händen.

„Beruhige dich, Flora,“ antwortete Nellie, „komme zu dich, es ist nicht

ihre Geist, es ist die liebe Ilse in wahre Leibhaftigkeit. Sie kam uns auf

recht lange Zeit zu besuchen.“

„Das Mädchen sagte mir, es wäre noch eine Dame dabei, aber ich hatte

natürlich keine Ahnung, daß diese Dame Ilse war. Ich dachte, es wäre

vielleicht Rosi.“

„Wir wollten dir überraschen, Flora,“ erklärte Nellie.

„Aber nun willkommen, herzlich willkommen im eigenen Heim!“ rief Flora und

ging mit geöffneten Armen Ilse entgegen, die kaum das Lachen verbergen

konnte, weil Nellie sie bei dem ‚eigenen Heim‘ mit dem Ellbogen angestoßen

hatte.

„Und nun setzt euch, Kinder,“ sagte Flora, als die Begrüßung vorüber war

und sie sich von dem Erstaunen über Ilses plötzliches Erscheinen etwas

erholt hatte. Sie führte die beiden zum Sofa und ließ sich ihnen gegenüber

in einen der blauen Plüschsessel fallen, die um den Tisch standen. „Seid

nur nicht böse, daß ich noch im tiefsten Negligee erscheine,“

entschuldigte sie sich und wies auf ihren allerdings recht primitiven

Morgenrock. Mit einem schwärmerischen Ausblick fuhr sie fort:

„Doch, wenn ich einmal im Schaffensdrang bin, verläßt mich der Gedanke an

die Wirklichkeit vollständig. Was liegt auch an dem elenden Putz und Tand!

Am liebsten hülle ich mich in eine einfache Kutte, nur um die Zeit zu

sparen und mich noch mehr meinen Arbeiten widmen zu können.“

Sie seufzte leise bei diesen Worten. Ilse und Nellie erwiesen ihr nicht

den Gefallen, auf ihre Phrase vom Schaffensdrang näher einzugehen. Nellie

schnitt das Thema kurz ab mit der Frage: „Wo ist dein Mann, Flora? Und die

kleine Baby?“

„Ernst macht Krankenbesuche und kommt erst zu Mittag nach Hause,“ gab

Flora gedehnt zur Antwort, die letzte Frage scheinbar überhörend.

„Ach Kinder,“ fuhr sie fort, „ihr glaubt nicht, wie entsetzlich schwer es

ist, die Frau eines Arztes zu sein. An was muß man sich da nicht alles

gewöhnen! Der Beruf ist furchtbar prosaisch, entbehrt jeder Poesie. Schon

allein die Karbol- und Jodoformgerüche, in welche sich der Arzt hüllen

muß, – puh, unausstehlich!“

Sie schnitt bei dem Gedanken an diese verpönten Gerüche ein wegwerfendes

Gesicht und hielt sich unwillkürlich ihr stark parfümiertes Taschentuch

unter die Nase.

„O, ich finde sie ein sehr schönes Parfüm, nix rieche ich lieber als

Jodoform und Karbol,“ sagte Nellie ganz ernsthaft.

Entsetzt sah Flora sie an.

„Pfui, Nellie! das kann dein Ernst nicht sein,“ rief sie. „Aber freilich,

du warst von jeher eine trockene, nüchterne Natur, du hättest eigentlich

gut zu Ernst gepaßt.“

„O ja,“ erwiderte Nellie lächelnd, und aus ihren Grübchen sah der Schelm

hervor, „und ich glaube, du gut zu mein Alfred, weil er hat ein so fein

Verständnis für deine Poesien.“

Ilse freute sich im geheimen über Nellies Schlagfertigkeit, aber über

Floras Gesicht ergoß sich eine brennende Röte. Sie fühlte den Stich aus

Nellies Worten deutlich heraus, denn noch heute konnte sie Doktor Althoffs

Kritik über ihre Werke nicht verschmerzen. Zugleich hatte Nellie unbewußt

auf eine kleine Schwäche angespielt, die sie noch immer für ihren früheren

Lehrer besaß. Sie antwortete nicht, sondern verbarg ihren Unmut und wandte

sich an Ilse.

„Wie geht es deinem Bräutigam, du glückliches Menschenkind?“

Jetzt war an Ilse die Reihe zum Erröten, und die Verlegenheit trieb ihr

das Blut heiß in die Wangen. Zum Glück deutete Flora ihr Erröten ganz

anders; sie fand es entzückend, reizend, es sollte ihr den Stoff zu einem

Gedicht geben, dessen Titel unbedingt heißen mußte: „Das schämige

Bräutchen.“ Sie fand diese Idee wundervoll, einzig in ihrer Art, und war

so begeistert davon, daß sie laut ausrief:

„Nun sieh mir nur einer das schämige Bräutchen an.“ Und träumerisch vor

sich hinblickend, fuhr sie fort: „Ja, Ilse, die Brautzeit ist die

poesievollste des ganzen Lebens. In süßem Tändeln verfließen die Tage, die

angeborene Rauheit des Mannes liegt da noch gebändigt in den Rosenfesseln

der Liebe, in duftigen Zauber gehüllt vergeht die Zeit, nur der Körper

berührt noch mit flüchtigem Fuß die profane Erde. Der Geist, das Herz, sie

entflohen in himmlische Gefilde und träumen dort den ewigen Traum der

Liebe, fern vom lauten Getümmel der Welt, der Prosa des Lebens!“

Nellie und Ilse hatten sich bei diesem poetischen Erguß schon einige Male

verständnisinnig angeblickt; aber als Nellie die letzten Worte Floras mit

einem urkomischen Gesicht begleitete, die Augen schwärmerisch

aufgeschlagen und gen Himmel gerichtet, konnte Ilse ihre Heiterkeit nicht

mehr verbergen und fing zu lachen an. Natürlich stimmte Nellie mit ein.

Flora war empört über den verkehrten Eindruck ihrer Worte und wütend sah

sie die beiden an.

„Ihr scheint noch ebenso albern und verständnislos zu sein wie in der

Pension,“ sagte sie erregt. „Ich glaubte wirklich, Nellie, du wärst als

Frau vernünftiger geworden und du, liebe Ilse, scheinst mir ja eine recht

prosaische Braut zu sein. Mein Gedankenflug war eben zu hoch für euch, wie

ich merke.“ Die letzten Worte betonte sie besonders und sah dabei die

beiden herablassend an.

Ilse ärgerte sich über Flora, sie war ganz ernst geworden und hatte eine

Erwiderung auf den Lippen. Aber Nellie kam ihr zuvor.

„Da haben wir unsere Teil,“ sagte sie mit der liebenswürdigsten Miene,

ohne durch Floras Abfertigung im mindesten aus der Fassung gebracht zu

sein. „Florchen, ich werde mich bessern, damit ich mit dich fliegen kann

in deine hohe schöne Land.“

Diese spöttischen Worte erregten Floras Zorn noch mehr.

„Nimm mir nicht übel, Nellie,“ rief sie, „aber in dir lebt auch nicht ein

Funke von Poesie, du ziehst alles in den Staub und Schmutz herab.“

Ilse war außer sich über diese Schmähung ihrer geliebten Freundin.

„Nun ist es aber genug, Flora!“ rief sie heftig, doch weiter kam sie auch

diesmal nicht, denn die Türe wurde geöffnet, die intelligente Dienstmagd

erschien und meldete, Herr Referendar Lüders wünsche Frau Doktor zu

sprechen.

Flora schnellte wie elektrisiert empor.

„Wie furchtbar fatal, – Herr Lüders und ich noch in Morgentoilette. Aber,

er ist ja unser Hausfreund. Ich könnte mich schon so vor ihm zeigen.“

Sie trat vor den Spiegel und besah sich musternd, aber nicht ohne

Wohlgefallen.

„Was meint ihr?“ fragte sie, „kann ich ihn so empfangen?“

„Ich meine nicht,“ antwortete Ilse in ihrer gewöhnlichen Offenheit. „Es

ist doch schon Mittag jetzt, und dann, denke ich, darf man im Morgenrock

überhaupt keine Herren empfangen.“

„So denkt man wohl bei euch auf dem Lande,“ entgegnete Flora gereizt,

indem sie Ilse über ihre Schultern hinweg einen mitleidigen Blick zuwarf.

„Ich muß gestehen, das nenne ich enge Ansichten. Hätte ich nur meine

hochelegante Matinee an, dann natürlich würde ich Herrn Lüders sofort

empfangen. Sage Herrn Referendar, ich ließe ihn bitten einzutreten, ich

würde sofort erscheinen,“ wandte sie sich zu dem Mädchen, das stumpfsinnig

und bewegungslos an der Türe stand, der Dinge harrend, die da kommen

sollten.

„Adieu, Flora, wir müssen gehen,“ sagte Nellie und erhob sich.

[Illustration]

„Nein, auf keinen Fall! Bitte, bleibt nur noch so lange, bis ich

zurückkomme, bitte,“ bat Flora dringend und verschwand eiligst, weil die

Türe weit aufging und Herr Lüders erschien. Nellie wollte mit einem

höflichen Gruße an ihm vorbei gehen, er kam aber schnell auf sie zu und

machte ihr eine tiefe Verbeugung.

„Gnädige Frau,“ sagte er, „ich bin beglückt, Sie hier zu treffen; darf ich

mich nach Ihrem Befinden erkundigen.“

Nellie antwortete kühl.

„O, ich danke, ich befinde mich sehr wohl. Ilse,“ wandte sie sich zu

dieser, „darf ich dir Herrn Referendar Lüders vorstellen, – Fräulein

Macket.“

„Eine große Ehre,“ sagte er verbindlich mit einer neuen eleganten

Bewegung.

„Wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, bis Flora kommt,“ sagte

Nellie.

Ilse bemerkte, daß sie gegen diesen Herrn merkwürdig zurückhaltend war,

ganz gegen ihre gewöhnliche liebenswürdige Art. Er gefiel auch ihr nicht;

sie konnte ihn jetzt, während er sich mit Nellie unterhielt, prüfend

betrachten. Das glatte Gesicht war nicht unschön, aber ausdruckslos, die

hellen blauen Augen erschienen ihr geradezu unangenehm. Er hatte blonde

Haare, blonde Augenbrauen, blonde Wimpern und vom hellsten Blond war auch

das kleine Schnurrbärtchen, das in zwei steif abstehende und kunstvoll

gedrehte Spitzen auslief. Die Gesichtsfarbe war mädchenhaft zart und

rosig. Ohne daß sie es wollte, drängte sich Ilse der Vergleich auf

zwischen ihm und ihrem Bräutigam. Wie kraftvoll und energisch war dessen

Gestalt gegen die des zierlichen Herrchens, das keine Spur von

Männlichkeit und Ernst zeigte. Jetzt wandte er sich zu ihr und rückte an

seinem Kneifer, der auf der kleinen, etwas aufgestülpten Nase keinen

rechten Platz finden konnte.

„Wie lange weilen gnädiges Fräulein schon in unsern Mauern?“ fragte er und

sah ihr dabei keck ins Gesicht, daß sie unwillkürlich den Kopf zurückwarf

und ihn von oben herab unnahbar anblickte. Sie fand ihn in diesem

Augenblick unausstehlich, so daß sie sich Mühe geben mußte, seine Fragen

artig zu beantworten, und froh war, als Floras Eintreten der Unterhaltung

ein Ende machte.

„Mein lieber Herr Lüders, verzeihen Sie nur, bitte, bitte, daß ich Sie

warten ließ,“ rief sie ihm entgegen mit kindlich gefalteten Händen und

demütigem Augenaufschlag.

„Wie könnte ich Ihnen böse sein,“ sagte er mit Nachdruck und führte ihre

Hand an seine Lippen.

Flora hatte in großer Eile Toilette gemacht, das sah man, und ebenso

geschmacklos wie vorher, auch das fiel sofort auf. Die Haare trug sie

jetzt hoch aufgetürmt, was ihren ohnedies großen Kopf noch größer

erscheinen ließ.

Das schwarze Kleid, das sie trug, war überreich mit Perlen besetzt, von

denen schon viele die Flucht ergriffen und kahle Stellen zurückgelassen

hatten. Aber für solche Kleinigkeiten hatte die geniale Flora keinen Blick

und jetzt besonders nicht, denn ihre Aufmerksamkeit nahm der Referendar in

Anspruch. Er hatte aus seiner Tasche ein Heft gezogen und überreichte ihr

dasselbe.

„Ich habe mich an den Kindern Ihrer Muse wahrhaft ergötzt,“ sagte er,

„seit lange habe ich nichts von so tiefem Inhalt, so poetischem Wert

gelesen. Ich bewundre Ihre Phantasie, Ihren Geist, gnädige Frau.“

Flora schwamm in einem Meer von Seligkeit, ihr Gesicht strahlte, und

triumphierend sahen ihre Augen zu den Freundinnen hinüber.

„Seht, es gibt doch noch Menschen, die mich und meine Werke verstehen,“

schienen sie zu sagen.

„Wie freue ich mich, daß Ihnen die kleinen Blümchen, die ich in dem

Gärtchen meiner Poesie pflückte, gefallen,“ sagte sie bescheiden. „Macht

es Ihnen Spaß, so gebe ich Ihnen ein größeres Opus zum Lesen mit, ich bin

gerade damit fertig geworden.“

Sie stand auf, es zu holen, und diese Gelegenheit benützte Nellie und Ilse

sich auch zu erheben, um sich zu verabschieden. Flora hielt sie jetzt auch

nicht länger mehr zurück; es war ihr offenbar ganz erwünscht, daß sie

gingen. Sie küßte beide mit überwallender Zärtlichkeit, trug Nellie

tausend Grüße für den strengen Gebieter und Ilse ebensoviel an ihren

Bräutigam. Als sie von der Türe zurück ins Zimmer trat, fing sie noch

gerade den bewundernden Blick auf, den Herr Lüders Ilse nachsandte. Das

stimmte ihre gehobene Laune etwas herab.

Als Ilse und Nellie schon auf der Treppe waren, fiel es ersterer ein, daß

sie ja einen Schirm mitgebracht hatte. Sie gingen deshalb zurück, fanden

ihn aber nicht mehr auf dem Platz, wo sie ihn hingestellt hatten.

„O, wahrscheinlich hat ihn das saubere Dienstbot weggestellt, ich werde

ihr fragen,“ sagte Nellie und ging in die Küche, die am Ende des Korridors

lag. Gleich darauf rief sie:

„Komm, Ilschen, sieh dir mal die kleine Stiefkind von Flora an, – o, ist

es nicht eine süße Baby?“

Sie hatte das kleine Wesen schon auf dem Arme, als Ilse hereintrat, welche

als Kinderfreundin, die sie war, das Kind nun ebenfalls liebkoste und

streichelte. Es war ein reizendes kleines Mädchen von vier Jahren, mit

dunklen Augen und dunklem lockigen Haar. Ängstlich und schüchtern sah es

die beiden an und bog sich bei ihren Liebkosungen abwehrend zurück, indem

sie die Händchen fest gegen Nellies Brust stemmte.

„Bitte, Nellie, gib mir die Kleine nur ein einziges Mal,“ quälte Ilse,

„ich mag Kinder so schrecklich gern. Meinen kleinen Bruder schleppe ich so

viel herum, daß Mama oft schilt, denn sie will nicht, daß er so viel

getragen wird. Der süße kleine Kerl, ob er sich wohl nach mir sehnt, oder

mich schon vergessen hat?“

Sie seufzte bei diesen Worten, und in dem sehnsüchtigen Gedanken an das

Brüderchen nahm sie Nellie das Kind so heftig aus dem Arm und preßte es so

stürmisch an sich, daß es jämmerlich zu schreien anfing und mit Händen und

Füßen die größten Anstrengungen machte, von Ilses Arm zu kommen.

Erschrocken ließ diese es auf den Boden gleiten, Nellie aber kniete neben

ihm nieder und fragte es:

„Wie heißt du denn, _darling_?“

Die Kleine antwortete nicht, weder auf diese noch auf ihre weiteren

Fragen. Sie zog sich in eine Ecke zwischen dem Tisch und Küchenschrank

zurück, und sah sich die beiden mit trotzig verschlossenen Blicken an. Dem

armen kleinen Wesen fehlte die liebende, sorgende Hand der Mutter. Das

fleckige Kleidchen aus dunklem schwerem Stoff, die schmutzige Schürze aus

grellbuntem Kattun bewiesen, daß ihr Anzug ohne Lust und Liebe gewählt

war.

„Arme Baby,“ sagte Nellie leise und sah mitleidig auf das Kind.

„Findest du nicht,“ fragte Ilse, „daß sie Ähnlichkeit mit unserer süßen

Lilli hat? Ihre Augen haben denselben schwermütigen Ausdruck. Ist Flora

denn nicht sehr glücklich über dieses reizende Kind?“

„O, ich glaube nicht,“ meinte Nellie, „es ist nie die Rede von die kleine

Käthe, sie besorgt sich wenig um ihr. – Nun aber, Ilschen, es ist die

höchste Zeit, daß wir fortgehen, sonst kommt Fred nach Hause und findet

mich abwesend.“

Nellie beugte sich zu dem Kinde nieder und griff nach ihren Händchen,

Käthe entzog sie ihr aber schnell und versteckte sie auf dem Rücken.

Als sie über den Vorplatz gingen, hörten sie Floras laute, etwas

weinerliche Stimme; sie schien in lebhafter Unterhaltung mit Herrn Lüders

begriffen zu sein. Auf der Straße hing sich Nellie an Ilses Arm und lachte

mit dem ganzen Gesicht.

„Ein schöner Besuch, nicht wahr, Ilschen?“ fragte sie heiter. „Wie gefällt

dich Flora als Frau und Mutter? Ist sie nicht noch eine ebenso

verschraubte Person wie früher?“

„Noch schlimmer ist sie geworden,“ stimmte Ilse bei. „Ich finde sie zu

lächerlich! Hast du wohl bemerkt, wie holdselig sie den Referendar

anlächelte, als er ihre Werke lobte? Und hast du sein spöttisches Gesicht

gesehen?“

„O, ich habe alles gesehen, _darling_, ich habe auch eine scharfe Blick.

Dieser Lüders, ich mag ihn gar nicht, er ist keine Gentleman, er ist nicht

richtig.“

„Er ist nicht richtig?“ fragte Ilse erschrocken, „hat er denn schon mal im

Irrenhaus gesessen?“

„O nein,“ lachte Nellie, „du verstehst mich nicht.“

„Ja, aber du sagst doch, er wäre nicht richtig, und das heißt so viel als:

er hat seinen vollen Verstand nicht.“

„_Darling_, ich meine ja ganz anders, ich denke, er ist nicht richtig,

weil er nicht die Wahrheit sagt.“

„Ach so,“ rief Ilse, „nun geht mir ein Licht auf; du meinst, er ist nicht

aufrichtig?“

„Ja, ja,“ bestätigte die junge Frau, „so heißt das Wort, der ich nicht

finden konnte.“

Dieses Mißverständnis belustigte beide aufs höchste, sie kamen immer

wieder darauf zurück und mußten immer von neuem darüber lachen. In

heiterster Laune langten sie zu Hause an.

„Herr Doktor ist schon lange da,“ empfing sie das Mädchen.

„O weh,“ flüsterte Nellie, „da haben wir die Zeit verfehlt. Wie viel ist

denn die Uhr, ich habe kein Begriff.“

„Gleich zwei Uhr,“ berichtete das Mädchen. „Der Herr Doktor hat schon oft

nach den Damen gefragt.“

Auf dem Vorplatz kam ihnen Nellies Mann entgegen, und man sah es ihm an,

daß ihn die Ungeduld unwillig gemacht hatte.

„Wo bleibst du denn so lange?“ fragte er verstimmt, „ich warte nun schon

seit ein Uhr auf dich. Du weißt doch, liebes Kind, daß ich die

Pünktlichkeit liebe und es vor allen Dingen nicht in der Ordnung finde,

wenn die Frau ihren Mann warten läßt.“

Er hatte Ilse nicht bemerkt, die sich bei seinen Worten ängstlich hinter

einem Kleiderschrank versteckt hielt, und glaubte wohl, daß sie schon in

ihr Zimmer gegangen wäre. Sie blieb in ihrem Versteck, bis das Ehepaar

fortgegangen war, und huschte dann in ihr Stübchen.

„Das war aber stark,“ sagte sie vor sich hin, „das hätte mir mein Mann

nicht bieten dürfen; ich hätte mir das nicht so ruhig gefallen lassen. Es

war doch recht dumm von Nellie, daß sie ihm keine Antwort gab.“

Das Mädchen unterbrach sie in ihrem Selbstgespräch und rief sie zum

Mittagessen.

„Das wird ein heiterer Mittag werden,“ dachte Ilse, „Doktor Althoff ist

schlechter Laune und Nellie doch sicherlich auch nach diesem Empfang.“

Zögernd trat sie ins Eßzimmer. Doktor Althoff stand am Fenster und

trommelte gegen die Scheiben. Er drehte sich bei ihrem Gruße nur flüchtig

um und nickte ihr zu. Nellie stand schon am Tisch und füllte die Suppe

auf.

„Kommt, Ilschen und Fred, wir wollen essen,“ rief sie freundlich und

setzte ihnen die dampfenden Teller hin. Doktor Althoff war, wie Ilse

richtig vermutet hatte, in übler Laune. Er aß schweigend, und für Nellies

Fragen hatte er nur einsilbige Antworten. Erstaunt sah Ilse, daß Nellie

sich durch sein Benehmen nicht stören ließ und gleichmäßig freundlich

blieb. Sie verstand die Freundin nicht. Sie würde im gleichen Falle

einfach vom Tisch aufgesprungen und hinausgegangen sein. Aber auch noch

ein freundliches Gesicht machen, wie Nellie es tat, das würde sie auf

keinen Fall vermocht haben.

Das Mittagsmahl verlief wenig gemütlich für die drei.

Ilse, durch Althoffs Schweigsamkeit eingeschüchtert, wagte kaum ein Wort

zu sagen, nur Nellie war wie sonst, man sah ihr auch nicht den leisesten

Unmut an.

Als der Tisch abgeräumt war, sollte wie gewöhnlich der Kaffee in Doktor

Althoffs behaglichem Arbeitszimmer getrunken werden.

„Lieber Fred, der Kaffee ist fertig,“ sagte Nellie, „wollen wir nicht

trinken?“

Er zog seine Uhr heraus.

„Nein, es ist schon viel zu spät,“ entgegnete er kurz. „Ich kann keinen

Kaffee mehr trinken; es ist höchste Zeit, daß ich gehe. Adieu.“

Ohne Ilse die Hand zu reichen und Nellie den üblichen Abschiedskuß zu

geben, ging er fort. Ilse sah, wie der jungen Frau eine heiße Blutwelle

ins Gesicht stieg und ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie näherte sich

ihr voller Mitleid und umschlang sie. Aber Nellie schob sie sanft zurück

und eilte ihrem Gatten nach. Sie macht sich rein zu seiner Sklavin, dachte

Ilse erbittert. Nun bittet sie ihn wohl gar noch um Verzeihung; ich

begreife sie einfach nicht.

Nach kurzer Zeit kam Nellie zurück, und in ihrem vergnügten Gesicht sah

man keine Spur von Erregtheit mehr. Sie nahm Ilse gegenüber Platz, welche

am Fenster saß.

„Arme Ilse,“ sagte sie schelmisch, „du hast dir heute mittag gewiß recht

gemopst mit uns langweilige Menschen; sei nicht böse.“

„Wie sollte ich böse sein, Nellie? Ich fasse nur nicht –“ hier stockte sie

und sprach nicht weiter.

„Was fassest du nicht?“ fragte Nellie.

„Nun, ich fasse nicht,“ sagte Ilse, „wie du dir so viel gefallen lassen

kannst von deinem Manne. Das ist mir rein unbegreiflich.“

„Du bist noch eine kleine unverständliche Person,“ gab Nellie zur Antwort.

„Du wirst auch noch lernen zu schweigen, wenn dein Mann mal bös ist.“

„Das werde ich nie, niemals!“ beteuerte Ilse lebhaft.

Trotzkopf's Brautzeit · 第 5 / 18 段