Mit niedergeschlagenen Augen gab sie ihm ihre Rechte, aber kein Wort kam

über ihre Lippen, und vor Verlegenheit wagte sie nicht aufzublicken.

Nellie war auch hier der rettende Engel. Sie führte Ilse an den gedeckten

Kaffeetisch und schob ihr einen Stuhl hin; dann schenkte sie Kaffee ein

und reichte ihrem Mann und Ilse die Tassen. Ihr tat die Freundin leid,

welche wortlos dasaß und krampfhaft auf das Muster der Kaffeeserviette

sah, als hätte sie sich tief in das Studium der Schnörkel und Arabesken in

derselben versenkt. Die Röte der Beschämung brannte noch auf ihren Wangen,

und vergeblich hatte Nellie sie verschiedenemale angeredet. Jetzt warf

diese ihrem Manne verständnisvolle Blicke zu, die ihm bedeuteten, er solle

dieser ungemütlichen Stimmung ein Ende machen. Aber Männer sind nicht so

leicht jeder Lage gewachsen, wie eine kluge Frau, und das dachte auch

Nellie, als ihr Mann sie gar nicht verstand. Ja, er hatte sie sogar mit

den Fragen: „Was soll ich, Kind?“ und als sie ihn mit dem Fuße anstieß:

„warum stößest du mich denn?“ recht in Verlegenheit gesetzt. Sie versuchte

deshalb von neuem das Schweigen zu brechen, was ihr bisher nicht gelungen

war. Zum zweitenmale füllte sie jetzt Ilses Tasse und reichte ihr Zucker

und Sahne. Sie wollte dabei ein Gespräch anfangen, aber ihre Scherze

blieben unbeachtet und auf ihre freundlichen Fragen bekam sie einsilbige

Antworten. Ilse vermochte die Furcht vor Doktor Althoffs ironischen Augen,

die sie wie zwei Brennpunkte auf sich gerichtet wähnte, nicht zu

überwinden. Sie konnte ja nicht wissen, daß sie sich täuschte, daß seine

gefürchteten Blicke diesmal nicht spöttischer Art waren. Ernst und voller

Mitleid sah er auf seine ehemalige Schülerin, – kannte er sie doch so

genau, alle ihre Vorzüge, alle ihre Schwächen. Viel, viel muß die Kleine

noch lernen, so dachte er in diesem Augenblick, und bittere Stunden wird

sie das noch kosten. Nicht jeder wurde schon so frühzeitig durch eine

harte Schule geläutert, wie seine Nellie sie hatte durchmachen müssen.

Diese hatte ja das Leben schon als Kind unter fremde Menschen gebracht;

dadurch war ihre Erfahrung gereift worden, und sie hatte gelernt,

Rücksichten zu nehmen. Zärtlich blickte er zu ihr hinüber und beobachtete

mit strahlenden Augen, mit welcher Anmut sie sich bewegte und wie sie

verstand, einen Hauch der Behaglichkeit überall zu verbreiten. So saßen

die drei wieder eine Weile schweigend am Kaffeetisch, jeder lebhaft mit

seinen Gedanken beschäftigt.

„Ilschen,“ fing Nellie endlich an, „weißt du auch wohl, daß du hier eine

alte Bekannte triffst, die seit weniges Monate mit ihrem Mann hierher

versetzt ist? Ich hatte ganz vergessen, in meinem letzten Brief davon zu

sprechen. Rate einmal, _darling_!“

Die Frage wirkte erlösend auf Ilses Schweigsamkeit, sie hob den Kopf und

sah Nellie fragend an.

„Rate, Ilschen,“ wiederholte diese.

„Wer denn, Nellie? Etwa Rosi Müller? Die artige Pastorin ist ja aber schon

seit dem Sommer hier in der Nähe verheiratet, die kannst du doch wohl

nicht meinen.“

Nellie schüttelte lachend den Kopf; sie war froh, ein Thema berührt zu

haben, das Ilse interessierte.

„Ein wenig muß ich dir noch foltern,“ neckte sie lustig, „aber du rätst ja

leicht, denn nur wenige von unsre Freundinnen sind verheiratet.“

„Ach, nun weiß ich,“ rief Ilse, „natürlich Flora ist es! Ich dachte im

Augenblick wirklich nicht an sie. Richtig, die ist ja auch schon eine

ehrbare Ehefrau!“

„O, nix da, Ilse – ein ehrbares Frau ist unsre Dichterin nicht geworden.“

„Wie kommt sie denn eigentlich hierher?“ unterbrach Ilse, „ihr Mann lebte

doch auch in B., wo Floras Eltern wohnen.“

„Laß dich erzählen, _darling_. Du weißt, daß Floras Mann ein Arzt ist, er

ist nun als Direktor an das Spital hier berufen – eine sehr gute Stelle,

mit gute Einnahmen. Er soll ein tüchtiger Mann sein, wir mögen ihn gern,

er ist so nett. Nicht wahr, Fred? Und, oh, er hat ein so herzig Baby von 4

Jahr – denn Flora ist seine zweite Frau.“

„Ja,“ warf Althoff ein, „Doktor Gerber ist ein liebenswürdiger, gescheiter

Mann, sein einziger Fehler ist seine Frau. Für diese poetische Seele ist

er viel zu prosaisch, zu materiell! Die arme Flora ist noch ebenso

überspannt wie früher, sie dichtet leider immer noch.“

Ilse wagte bei diesen Worten Nellies Mann zum ersten Male mit einem

scheuen Seitenblick zu streifen, bis dahin hatte sie es noch immer

vermieden, ihn anzusehen. Nun fand sie, daß der Gefürchtete garnicht so

aussah, wie ihr böses Gewissen sich ihn ausmalte. Seine Augen hatten nicht

den von ihr vermuteten spottlustigen Ausdruck, und das freundliche

Lächeln, mit welchem er sie anblickte, als wenn nichts vorgefallen wäre,

verscheuchte bald jede Befangenheit, so daß sie nun in die Scherze des

jungen Ehepaares mit einstimmte, und mit Nellie immer neue Erinnerungen

über Flora auskramte.

Lächelnd hörte ihnen Doktor Althoff zu und warf nur dann und wann eine

treffende Bemerkung dazwischen. Die beiden waren unerschöpflich in ihren

Witzen über Flora, und die eine wußte immer noch mehr als die andre.

„O, und die viele zerbrochene Herzen, die in ihre Romane stets vorkamen,

_darling_, weißt du noch?“ fragte Nellie. „Und wie wir sie immer mit ihre

Gedichte ärgerten?“

„Ach ja, das war himmlisch!“ beteuerte Ilse unter Lachen, „und wie böse

sie dann wurde und schalt, daß wir für ihre Poesien kein Verständnis

hätten.“

„Ihr seid ein böses Volk,“ sagte Doktor Althoff, „wie könnt ihr euch nur

so über eure Freundin lustig machen?“

„O, du scheinheiliges Mann,“ drohte ihm Nellie mit dem Finger, „hast doch

die größte Spaß an unsre Scherze. Weißt du, Ilschen, bald gehen wir zu der

Dichterin, das gibt ein famose Jux! Sie muß uns aus ihre neuesten Werke

vorlesen.“

„Das wird sie gern tun,“ sagte er, „denn ihrem Mann darf sie gewiß mit

solchem Unsinn nicht kommen. Er ist viel zu vernünftig, und ich hoffe ja

immer noch, daß er Flora ändern wird.“

„Das große Gegenteil von unsre Dichterin ist Rosi, das würdige

Pastorenfrau,“ sagte Nellie mit feierlicher Stimme. „O, Ilse, einmal haben

wir ihr besucht, o, sie ist so brav und züchtig, noch ganz die ‚Artige‘

aus die Pension. Und der Mann ist so still und sanft, er trägt eine lange

Rock, bis über den Knie, und eine hohe Kragen, dazu eine große Brille und

hat eine glatte Scheitel von blondes Haar, ganz zu die brave Rosi passend,

– sie sind ein würdige Ehepaar.“

Ilse brach über die Beschreibung in lautes Lachen aus, und Nellie stimmte

mit ein. Auch Doktor Althoff freute sich über seine drollige Frau.

„Du bist eine kleine Boshafte,“ sagte er zu ihr. „Überhaupt, Kinder, ihr

seid mir zu mokant, das kann ich nicht vertragen, deshalb gehe ich fort.

Adieu!“

Er legte die Serviette neben die Tasse und erhob sich mit scheinbar

ernster Miene, sodaß Ilse ganz erschrocken zu ihm aufblickte. Waren sie

wirklich zu weit gegangen?

Als sie aber seine lustig zwinkernden Augen sah und Nellie mit fröhlichem

Lachen ihn umschlang, da wußte sie, daß er nur Spaß machte.

Als er fortgegangen war und die beiden allein gelassen hatte, da war Ilses

erste hastige Frage:

„Nellie, ist denn nichts für mich angekommen, kein Brief, keine Depesche?“

„Ja, Ilschen, hier ist eine Depesche von deine Eltern, sie ist eben

angekommen.“

Ilse riß sie ihr aus der Hand und öffnete sie, dann las sie laut:

„Ilse soll Brief abwarten. Papa.“

Das waren nur wenige Worte, die ihre Ungeduld nicht stillen konnten. Ja,

sie brachten sie nur noch mehr in Aufregung, denn alles mögliche las sie

aus der kurzen Zeile heraus. Wie ernste strenge Richter standen die

einzelnen Buchstaben vor ihren Augen. Hart klang der Befehl, den sie

enthielten; daraus schloß sie, wie böse ihre Eltern auf sie sein mußten.

„Nellie,“ seufzte sie ängstlich, „was werden die Eltern von mir denken?

Sie sind gewiß furchtbar böse.“

„Du mußt ihnen gleich schreiben,“ sagte Nellie.

„Erst will ich ihren Brief abwarten; ach, wenn er doch erst da wäre!“

Nellie nickte beistimmend und meinte, so wäre es auch wohl am besten.

„Komm, wir wollen in meine Stube gehen, _darling_,“ sagte sie und öffnete

die Türe, die in ihr Allerheiligstes führte, das zwischen dem Eßzimmer und

ihres Mannes Zimmer an der Eckwand des Hauses lag. Ein kleiner nach außen

vorspringender Erker verlieh dem Raum eine anheimelnde Gemütlichkeit.

Nellie hatte ihn dicht mit Blattpflanzen besetzt, davor zwei kleine Sessel

aus Bambusrohr nebst einem ebensolchen winzigen runden Tischchen gestellt

und dadurch ein lauschiges, reizendes Plaudereckchen hergerichtet. Hierhin

nötigte sie jetzt Ilse, die sich rings im Zimmer umsah.

„Es ist entzückend bei dir,“ versicherte sie wieder, und trotzdem Nellie

bescheiden abwehrte, freute sie sich doch über das ihr gespendete Lob.

„Fred macht es so viel Freude, wenn die Wohnung hübsch ist, da macht es

mich auch Spaß,“ und dabei fuhr sie liebkosend über die spiegelblanke

Platte ihres zierlichen Schreibtisches und rückte an den Figürchen und

Nippes, die darauf standen.

„Die vielen reizenden Sachen, die du hast, Nellie!“

„Die schenkt mich alle mein Fred. Er ist so gut zu mir, unbeschreiblich

lieb; o Ilschen, was bin ich für ein glückliches Frau. Ich denke nur immer

daran, ob er mit mir auch so glücklich ist.“

Eine so dankbare uneigennützige Liebe leuchtete aus ihren Augen, daß Ilse

beschämt die ihrigen zu Boden senkte; so wie die Freundin eben sprach,

hatte sie noch nie gefühlt, solche Gedanken waren noch nicht in ihr

aufgestiegen. Dies machte sie doch stutzig. Hatte sie eigentlich jemals

eine Regung des Dankes für alle Liebe und Zärtlichkeit Leos gehabt? Nein,

das war ihr nie eingefallen! Und hatte sie sich jemals geprüft, ob auch

sie alles tue, ihn glücklich zu machen? Nein! gestand sie sich wieder.

Jetzt tauchten zum ersten Male diese Fragen in ihr auf und regten sie zu

ernstlichem Nachdenken an. „Aber Nellie ist eine schwärmerische,

hingebende Natur, und das bin ich nicht und will ich auch nicht sein,“

sagte sie sich schließlich, und bei diesem Gedanken beruhigte sie sich.

Und doch konnte sie die Augen der Freundin nicht vergessen und beneidete

sie fast im stillen.

„Nellie,“ fragte sie plötzlich, „wann kommt denn der nächste Zug von

Moosdorf hier an?“

„Warum, Ilschen? Glaubst du, deine Eltern kommen dich zu holen? Oder

erwartest du deinen Bräutigam?“

„Nein, nein, das denke ich nicht, – ich fragte überhaupt nur so,“ sagte

Ilse errötend.

Und doch hatte Nellie ihre Gedanken richtig erraten, denn sie erwartete,

ja hoffte mit banger Sehnsucht, daß Leo den Tag nicht vergehen lassen

würde, ohne zu ihr zu eilen. Gewiß hatte er jetzt eingesehen, wie unrecht

er ihr tat. Aber wenn er kam, dann wollte sie ihm verzeihen, sie wollte

nicht länger widerspenstig, sondern nachgiebiger sein als sonst. Das alles

malte sie sich im Geiste aus und konnte doch eine Sorge, eine unbestimmte

Ahnung, daß es vielleicht nicht so kommen würde, wie sie sehnlich

wünschte, nicht unterdrücken.

Die folgenden Stunden waren nicht die behaglichsten für Ilse. Sie war in

steter Erwartung, bei jedem Klingeln schreckte sie zusammen. Der

Mittagszug war längst da. Sie hatte während dieser Zeit wie zufällig am

Fenster gesessen und auf die Straße gesehen. So oft eine Gestalt in der

Ferne auftauchte, schlug ihr das Herz, und immer von neuem wurde sie

enttäuscht. Dann ballten sich ihre Hände fest zusammen, und sie mußte sich

beherrschen, um nicht in lautes Weinen auszubrechen. Nellie und ihr Mann

überließen sie sich selbst und ihrer Stimmung. Die beiden, feinfühlenden

Menschen ahnten, was in ihr vorging und sie bewegte.

Ilse wurde von den selbstquälerischsten Gedanken geplagt; sie war heute so

viel milder gestimmt als gestern, sie dachte an den geliebten Vater,

welche Angst er wohl um sie ausgestanden, an die Mama, wie sie sich um ihr

Ausbleiben beunruhigt haben mochte; an aller Sorge der lieben Eltern war

sie schuld. Dies innere Geständnis machte sie sehr weich, wie die Tränen

verrieten, die in hellen Tropfen auf ihre verschlungenen Hände fielen.

Der Herbsttag neigte sich bereits seinem Ende zu, die Dämmerung war

hereingebrochen – und wieder saß Ilse am Fenster. Ihre Hoffnung, daß Leo

noch kommen würde, war gesunken, und nur mechanisch sah sie noch auf die

Straße hinunter. Die Gestalten, die jetzt schattenhaft vorüber huschten,

verfolgte sie nicht mehr mit ungeduldig klopfendem Herzen, sie war mutlos

geworden! Vor ihrer geängstigten Seele stand Lucies Bild, und wie es sie

gestern zur Umkehr bewegen wollte, blickte es sie jetzt mit schmerzlichen

Augen an und schien ihr zu sagen: „Er kommt nicht! Du wirst umsonst auf

ihn warten.“ Ihre aufgeregten Nerven ließen ihr diese Worte fortwährend in

den Ohren klingen. Auf einmal empfand sie die Schwere des unglückseligen

Schrittes, den sie gewagt hatte, und die Angst legte sich gleich einem Alp

auf ihr Herz. Wie eine Erlösung wirkte es daher jetzt auf sie, als zwei

Arme sie zärtlich umschlangen und Nellies Köpfchen sich an ihre heiße

Wange legte. Es war ihr, als würde sie aus einem häßlichen Traum

aufgeweckt, und erleichtert holte sie Atem.

„_Darling_,“ sagte Nellie, „ich habe eine Nachricht von deine liebe Mama.“

Ilse fuhr in die Höhe.

„Wo hast du den Brief, bitte, gib ihn mir,“ flehte sie förmlich und sah

suchend nach Nellies Händen.

„Warte nur, Kindchen, ich gebe ihn dir schon; aber erst muß ich mit dir

sprechen; deine gute Mama schreibt so reizend. Sehr aufgeregt waren deine

Eltern über deine Flucht, aber sie haben dir verziehen, und du darfst nun

für einige Zeit bei mich bleiben; o, wie freue ich mir!“

Ilse horchte gespannt.

„Was steht sonst noch im Briefe?“ fragte sie hastig. „Was hat Papa

gesagt?“

„Dein Papa wird dir schreiben, wenn ein Brief von dich angekommen ist. O,

dein Vater ist ein so lieber Herr, er zürnt nicht mehr mit dir,“

versicherte Nellie treuherzig. „Hier lies ihn selbst, das Brief, was sonst

noch darin steht,“ sagte sie und reichte ihn Ilse hin, die ihn mit

zitternden Händen aus dem Kuvert nahm. Hastig faltete sie die

engbeschriebenen Blätter auseinander, suchend überflogen ihre Augen Zeile

auf Zeile, und eine schmerzliche Enttäuschung malte sich in ihren Zügen,

als sie fertig gelesen hatte. Schweigend legte sie den Brief wieder

zusammen und gab ihn Nellie zurück.

„Nun, Kindchen,“ sagte die junge Frau, „freust du dich nicht über den

lieben Brief von deine Mama? Wie müssen dir deine Eltern lieb haben! Wie

schön, daß du bei uns bist! Bleibst du auch gern hier?“

Ilse nickte. „Sehr gern, Nellie, und ich weiß auch,“ fuhr sie mit erregter

Stimme fort, „daß mich meine Eltern lieben, sehr lieben, mehr wie irgend

jemand auf der Welt. Ich will deshalb auch immer bei ihnen bleiben und sie

nie verlassen!“

„O, Kind –,“ sagte Nellie vorwurfsvoll; aber Ilse unterbrach sie. „Ja das

will ich, das will ich bestimmt, denn er ist ja doch nur froh, wenn er

mich los ist!“ rief sie laut und warf mit bitterem Lachen den Kopf zurück.

Nellie sah die Freundin erschrocken an, und zurechtweisende Worte drängten

sich auf ihre Lippen. Aber sie sagte nichts, ihr mitleidiges Herz hielt

sie zurück, als sie sah, wie aufgeregt Ilse war, und daß sie nur mit Mühe

einen leidenschaftlichen Ausbruch zurückhielt.

„O, _darling_, ich kenne dich nicht wieder,“ sagte sie leise und sah ihr

traurig in die Augen. Da löste sich die Spannung von Ilses Gemüt, sie

legte beide Hände vor das Gesicht und brach in heftiges Weinen aus.

„Was hast du, Herz? Sprich doch,“ bat Nellie, „vertraue mich, ich bin doch

deine geliebte Freundin und verrate dich nicht. Sprich dir aus, Ilschen,

mach dein kleine Herz leichter! Oder darf ich dir sagen, warum du so

weinst? Ist es, weil dein Bräutigam nicht schrieb oder nicht kam, seine

Schatz wieder zu holen? Ist es nicht dies Kummer, was deine Seele drückt?

Gestehe es mich doch.“

Zärtlich und einschmeichelnd klang ihre Bitte, und Ilse wurde dadurch

bezwungen. Sie nickte und lehnte sich an Nellies Schulter, indem sie leise

fortweinte.

„Siehst du, ich dachte es mich wohl, _darling_, aber nun höre mich an. Ich

bin dein vernünftige alte Freundin und muß dir ein paar ernste Worte

einreden. Du kennst noch nicht die Männer, du lernst sie erst verstehen,

wenn du deines Leo kleine Frau bist. Er ist viel zu nachgebend gegen dich;

aber wenn ihr verheiratet seid, wird er nicht immer tun, was lieb Ilschen

will. Das wird im Anfang viel Streitigkeit geben, denn die Männer wollen

haben, daß wir uns in sie fügen, weil sie die Herren der Schöpfung sind. O

du, du wirst lernen, wie schön das ist; denn haben wir uns einiges Mal

gefügt, so können wir das liebe Mann um den kleinen Finger wickeln, und er

merkt es nicht! Darum lieb’ Schatz, sei nicht hartnäckig. Du mußt dein Leo

schreiben und ihn bitten, daß er dich verzeiht.“

Bis dahin hatte Ilse ruhig zugehört; nun brauste sie auf, und ihre Augen

funkelten, als sie hochaufgerichtet vor Nellie stand.

„Um Verzeihung bitten?“ rief sie spöttisch. „Nellie, du kennst mich

schlecht! Ihn um Verzeihung bitten, nein, dazu bin ich zu stolz. Nellie,

so weit erniedrige ich mich nicht, nie und nimmer!“ Sie betonte die

letzten Worte nachdrücklich und fuhr leidenschaftlich mit dem Taschentuch

über ihre Augen, die noch von den eben vergossenen Tränen feucht glänzten,

als wolle sie damit ausdrücken: „er ist es nicht wert, daß ich seinetwegen

Tränen vergieße.“

Nellie sah sie angstvoll an, sie begriff die Freundin nicht.

„O Ilse,“ sagte sie, „wie kannst du so sprechen? Es ist große Unrecht von

dich. Wie hast du mich selbst so oft geschrieben, wie treu und gut dein

Leo ist, wie lieb –“

„Ich bitte dich,“ fiel ihr Ilse ins Wort und erhob flehend ihre Hände;

„laß uns über diese Geschichte schweigen. Ich sehe ja, du bist auch auf

seiner Seite. Ich natürlich, nur ich habe schuld! Ich soll mir alles

gefallen lassen von ihm, so denkst auch du, Nellie; aber deshalb demütige

ich mich doch nicht vor ihm!“

Nellie schwieg. Sie merkte, daß jetzt keines ihrer gutgemeinten Worte

etwas fruchten, ja, daß ihr Zureden Ilses Trotz nur verschlimmern könnte.

Aber sie wünschte in diesem Augenblick sehnsüchtig, daß bald die Zeit

kommen möchte, die Ilse bekehren und ändern würde.

Das schrieb sie auch an Frau Anne und versprach ihr, allen Einfluß

aufzubieten, der ihr zu Gebote stände; vorläufig aber müsse man den

geliebten Trotzkopf ganz in Ruhe lassen.

Am andern Morgen saß Ilse eifrig schreibend in ihrem Stübchen, als Nellie

hereintrat.

„Ich schreibe an die Eltern,“ sagte sie errötend und kam mit diesen Worten

einer Frage Nellies zuvor. Dann sprang sie auf und ergriff Nellies Hände.

„Wollt ihr mich denn auch wirklich für einige Zeit behalten, bin ich euch

nicht zur Last, und ist es auch deinem Manne recht und hast du mich auch

noch ebenso lieb wie früher, Nellie?“

So ließ sie in ihrer lebhaften Weise die Fragen durcheinanderschwirren.

Die junge Frau zog sie an sich.

„O, _darling_, wie kannst du so fragen? Wenn es dich verwöhnte Schoßkind

nur bei uns einfache Leute gefällt, so werden wir froh sein. Wie freue ich

mir auf dein Aufenthalt! Wir wollen eine vergnügte Zeit durchleben,“ rief

sie jubelnd. In diesen Jubel stimmte Ilse nicht mit ein, sondern blickte

gedankenvoll vor sich hin. Sie wollte Leo zeigen, daß sie fest bleiben

könne; dieser Entschluß vollzog sich jetzt in ihrem Innern und verlieh

ihren Zügen einen trotzigen Ernst.

Der Brief an die Eltern war abgeschickt, und Ilse war sicher, daß er sie

wieder ganz versöhnen würde. Sie hatte dieselben herzlich um Verzeihung

gebeten, aber zugleich die inständige Bitte ausgesprochen, nicht nach dem

Grunde ihrer Flucht zu forschen.

In den nächsten Tagen traf ein großer Koffer mit Sachen für sie ein, worin

ein langer zärtlicher Brief von ihrem Papa lag. Kein Tadel, kein Vorwurf

enthielt derselbe; die sorgende Liebe, die aus jeder Zeile sprach,

beschämte sie tief. Hatte sie dieselbe wohl verdient?

Am Schlusse des Briefes schrieb der Papa:

„Amüsiere dich nur recht gut bei deiner Nellie, liebes Kind, sei heiter

und vergnügt, aber bleibe nicht zu lange fort und vergiß nicht deinen

alten Vater!“

Diese Worte rührten sie sehr.

Nein, gewiß! Vergessen würde sie ihren einzigen guten Herzenspapa nicht.

Leo wurde von ihm mit keiner Silbe erwähnt, und auch als ihr der andre Tag

einen Brief von Frau Anne brachte, war sie enttäuscht, denn derselbe

bewahrte ebenfalls tiefes Stillschweigen über ihn. Von allem erzählten die

Eltern ausführlich, aber über Leo schwiegen sie beharrlich. Sie wußten

gewiß, was zwischen ihnen vorgefallen war, und glaubten wohl, es würde ihr

peinlich sein, wenn sie diesen Punkt berührten. Viel lieber wäre es ihr

gewesen, von ihnen darüber zu hören, denn sie hätte gern gewußt, wie Leo

die Entdeckung ihrer Flucht aufgenommen hatte; aber dennoch wollte sie um

keinen Preis die Eltern danach fragen. Sie nahm sich fest vor, nicht mehr

daran zu denken, ob ihr Leo schreiben würde oder selbst käme, um sie zu

holen. In ihrem Herzen freilich lebte die sehnsüchtige Hoffnung nach einem

Lebenszeichen von ihm fort und ließ sich durch alle ihre Vorsätze nicht

zurückdrängen. Ohne daß sie es sich gestand, wuchs ihre Ungeduld von Tag

zu Tag, und sie war schließlich in einer fieberhaften Aufregung. So oft

der Briefträger kam, zitterte sie vor banger Erwartung, jedes Klingeln an

der Türe ließ sie zusammenschrecken. Den Eltern schrieb sie eifrig, fast

täglich, und erhielt ebenso regelmäßige Antworten. Wenn ein Brief von

daheim ankam, ging sie schnell auf ihr Zimmer, riegelte die Tür zu und

erbrach ihn mit zitternden Fingern. Sie durchflog die Seiten und wurde

immer von neuem enttäuscht. Dann stürzten ihr oft heiße Tränen aus den

Augen, und sie knitterte zornig das unschuldige Papier zusammen.

So schwanden ihr die Tage unter Zweifel und Ungewißheit dahin, und sie

litt schwer darunter. Nellie war ihr eine treue Freundin voll zarter

Aufmerksamkeit. Aber auch sie berührte nicht mehr das peinliche Thema. „Es

ist besser, du schweigst,“ hatte ihr Mann gesagt, als sie wieder einmal

versuchen wollte, ob sie Ilse bewegen könne, an ihren Bräutigam zu

schreiben. Sie wußte von Ilses Mutter, daß Leo, empört und zugleich

betrübt über die Tat seiner Braut, ihr auf keinen Fall schreiben oder gar

selbst kommen würde. Aber sie brachte es nicht übers Herz, Ilse das zu

sagen. Sie fürchtete einen neuen leidenschaftlichen Ausbruch und glaubte

Ilses Widerstand dadurch nur noch größer zu machen. „Armes _darling_, wie

tust du mich leid,“ sagte sie oft leise, wenn sie in dem blassen Gesichte

der Freundin deren heimliche Kämpfe las, und sie fühlte mit ihr, wie sie

litt.

Zwei Wochen waren für Ilse in Hangen und Bangen verstrichen. Sie hatte

sich bei ihren liebenswürdigen Freunden vollständig eingelebt, und Nellie

hatte es verstanden, sie bisweilen etwas aufzuheitern. Aber dann konnte

sie auch wieder lange schweigend vor sich hinstarren, und die trotzig

aufgeworfene Oberlippe ließ erraten, woran sie dachte.

„Ich muß ihr etwas zerstreuen,“ sagte Nellie zu ihrem Mann. „Sie ist so

blaß und hat schwarze Ringels unter den Augen; sie darf nicht mehr so viel

an der Sache denken. Sie ist eine kleine Widerspenstige, und ihr künftiger

Mann muß ihr sehr heilen, bis sie eine so sanfte Weibchen wird, wie ich es

bin,“ fügte sie mit einem schalkhaften Blick hinzu.

„Ja,“ lachte Althoff, „wenn man einen so guten Mann hat, wie ich es bin,

der zu allem ‚Ja‘ und ‚Amen‘ sagt, dann ist es leicht, sanft zu sein.“

„O, du,“ drohte Nellie scherzend mit dem Finger, aber er schloß ihr den

Mund mit einem Kusse.

„Heute müssen wir einige Visiten machen,“ sagte Nellie eines Tages zu

Ilse. „Die Leute betrachten dir schon wie eine verwunschene Prinzessin,

weil ich dich nirgends zeige. Und Florchen, wie wird sie grimmig sein,

wenn sie hört, daß du bist schon lange bei mich und hast ihr noch nicht

ins ‚eigene Heim‘ besucht. Das ist nämlich ihr Lieblingsausdruck.“

Ilse zeigte wenig Lust für diese Besuche, ließ sich endlich aber doch dazu

bewegen.

Trotzkopf's Brautzeit · 第 4 / 18 段