Fall fort, ohne Hut, ohne Überzieher, du würdest dich auf den Tod
erkälten.“ Sie flog ins Haus und holte ihm beides. Auch sie selbst hatte
sich ihren Mantel umgehängt und ein Tuch um den Kopf geschlungen.
„Laß mich mit dir gehen,“ bat sie ihren Mann.
„Nein, Kind,“ sagte er und schob sie sanft zurück, „du bleibst hier.
Kommt, Leute,“ befahl er dann und ging mit großen Schritten voran. An
seiner Seite schritt Leo. Die Enden seines weiten Mantels flatterten im
Winde. Den großkrämpigen Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen und sein
Blick haftete fest auf dem Boden.
Frau Anne sah ihnen nach, bis der letzte den Hof verlassen hatte, dann
erst ging sie ins Haus zurück. Vom Fenster aus verfolgte sie den Zug der
Fackeln, mit denen der Sturm sein lustiges Spiel trieb. Wie unheimlich das
aussah! – O, mein Gott, wenn nur nichts passiert ist! Krampfhaft zog sich
bei diesem Gedanken ihr Herz zusammen, und angstvoll preßte sie die Hände
auf dasselbe. Ein nervöses Frösteln überlief sie, fester hüllte sie sich
in ihr Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte, und sah vor sich
hin. Was mochte nur zwischen dem Brautpaare vorgefallen sein? Etwas
Ernstes gewiß, denn Leo hatte so bekümmert dagesessen, und schon den
ganzen Nachmittag war er ungewöhnlich ernst gewesen. Sie grübelte hin und
her, wo Ilse noch sein könnte, wie ihr Fortbleiben zu erklären wäre. Kein
Rat, kein Ausweg mehr! Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit eine
unglückselige Tat begangen haben? Frau Anne wies diesen entsetzlichen
Gedanken so schnell zurück, wie er ihr gekommen war, – nein, das war Ilse
nicht zuzutrauen, denn trotz aller Leidenschaftlichkeit war sie nicht im
geringsten krankhaft überspannt, sondern hatte eine kerngesunde Natur.
Langsam schlich die Zeit dahin. Tiefe Nacht herrschte jetzt überall im
Dorfe, alles war dunkel. Der Sturm hatte nachgelassen, und nur der Regen
klatschte noch an die Fenster. Unaufhörlich rieselten die kleinen Bäche in
schnellem Lauf über die glatten Scheiben, Tropfen auf Tropfen jagten
einander. Frau Anne sah mechanisch dem Spiele zu, dessen einförmiges
Geräusch die einzige Unterbrechung der nächtlichen Stille war. Und deshalb
zuckte sie auch jäh zusammen, als der Glockenschlag der zwölften Stunde
jetzt laut und langsam feierlich durch die Nacht hallte. Traulich und
heimisch berührten sie sonst diese Töne, aber schauerlich bang klangen sie
heute in ihrem Innern wieder. Nun waren sie schon über eine Stunde fort,
ihr Mann und Leo! Noch deutete nichts darauf hin, daß sie zurückkämen, und
vergeblich spähte sie in die Dunkelheit hinaus, ob nicht ferner
Lichtschein ihre Heimkehr verkündete.
Da, – es war ihr, als hörte sie plötzlich Schritte, gespannt horchte sie
hinaus, und richtig, sie hatte sich nicht getäuscht. Die einsamen Schritte
näherten sich dem Hause, und Frau Anne hörte, daß die Gartenpforte
aufgemacht wurde. Eilig riß sie das Fenster auf und sah, wie eine Gestalt
über den Hof auf das Haus zukam. Gleich darauf wurde heftig an der Glocke
gezogen.
„Wer ist da,“ rief sie von oben hinunter.
„Eine Depesche,“ antwortete eine Stimme von unten.
Frau Anne schlug das Fenster zu und flog die Treppe hinab. Wie ihr das
Herz klopfte! – Die Mägde, welche sich auf dem Hausflur befanden, hatten
die Türe noch nicht aufgemacht; sie standen dicht zusammengedrängt, mit so
angstvollen Gesichtern, als wenn der leibhaftige Satanas vor der Türe wäre
und Einlaß begehrte.
„Warum macht ihr denn nicht auf?“ fragte Frau Macket und wollte den
Schlüssel im Schloß umdrehen, als die alte Köchin sie am Arm zurückhielt
und flehentlich mit weinerlicher Stimme bat, doch ja nicht zu öffnen, denn
man könne ja nicht wissen, wer draußen stände.
„Ach, liebe, gnädige Frau, machen Sie doch nicht auf,“ jammerte sie, als
Frau Anne den Schlüssel nun doch entschlossen umdrehte und der Drücker von
draußen niederging. Laut kreischend flogen die Mägde auseinander, und mit
bebender Hand nahm Frau Anne dem Boten die Depesche ab und öffnete sie.
Sie wurde ganz blaß, als sie den Inhalt las, und wollte ihren Augen nicht
trauen.
[Illustration]
„Es ist nicht möglich,“ sagte sie laut; dann nahm sie das Blatt, hielt es
dicht unter die Flurlampe und las es noch einmal. Nein, sie hatte sich
nicht geirrt, da stand es deutlich und klar:
„Ilse ist hier wohlbehalten und gesund eingetroffen, Brief folgt.
Doktor Althoff.“
Sie faltete das Blatt zusammen und ging zurück ins Zimmer. Um Gottes
willen, was hatte Ilse getan! Geflohen war das tolle Kind, – dachte sie
denn gar nicht daran, wieviel Angst sie durch diesen wahnsinnigen Streich
ihren Angehörigen bereitete? Frau Annes Empörung war groß, und doch
drängte sich der Gedanke: „es ist ihr nichts passiert“ beruhigend und
versöhnend hervor. Wenn die Männer nur erst heimkehrten; sie konnte die
Zeit nicht abwarten, bis sie ihrem armen, auf das höchste geängstigten
Mann die Nachricht mitzuteilen vermöchte. Ihre Ungeduld, ihre Unruhe
ließen sie nicht lange mehr im Zimmer verweilen; sie beschloß Herrn Macket
entgegenzugehen. Als sie über den Flur ging, standen dort noch immer die
Mägde, flüsternd mit weit aufgerissenen Augen und Mäulern. Die eine
erzählte gerade eine schaurige Geschichte und die andern hörten ihr mit
grausigem Wohlbehagen zu. Auch sie waren über das Fortbleiben von Fräulein
Ilschen in nicht geringe Aufregung versetzt worden und malten sich nach
Art ungebildeter Leute in der schrecklichsten Weise aus, wie und auf
welche Weise das arme, liebe Fräulein wohl umgekommen sein könnte. Während
Frau Macket eilig an ihnen vorbei der Türe zu schritt, flogen sie mit den
Köpfen auseinander und stießen sich gegenseitig an. Immer unheimlicher
wurde die Lage, nun ging auch noch die Frau fort, allein in die finstere
Nacht hinaus. Was hatte das zu bedeuten? Fragend sahen sie sich an; da
konnte sich die alte Köchin nicht länger beherrschen.
„Ach, du mein Gott, ach, du mein Gott,“ wimmerte sie, „was ist das für ein
Unglück!“ und sie nahm ihre Schürze vor das Gesicht, hinter welcher sie
jämmerlich schluchzte. Im Chore stimmten die übrigen mit ein.
„Wie gut ist das Fräulein immer gewesen,“ sagte die eine.
„So freundlich gegen jedermann,“ rief das Hausmädchen, und nun ergingen
sie sich derart in Lobeserhebungen über Ilse, als wenn sie über eine
bereits Abgeschiedene sprächen.
„Das Unglück, das Unglück,“ krächzte die Köchin von Zeit zu Zeit wie ein
Unheil verkündender Unglücksrabe dazwischen.
„Wer hätte das gedacht! Ja, ich sage ja – ich habe es immer gesagt, ich
habe es kommen sehen. Ach,“ – sie unterbrach ihre tiefsinnigen
Betrachtungen mit einem erneuten Schluchzen. Die andern nickten
zustimmend.
„So jung und so reich,“ rief das Stubenmädchen schwärmerisch aus, „ach, es
ist schrecklich!“
Das kleine Kindermädchen, als die mutigste von allen, hatte sich bis zum
Flurfenster gewagt und schrie plötzlich:
„Jetzt kommen sie, jetzt bringen sie das Fräulein!“
Im Nu waren die andern am Fenster, – richtig, da kamen sie. Die Fackeln
tanzten im Winde und kamen immer näher. Voran gingen Herr und Frau Macket
und der Herr Assessor, hinterher folgten die Männer mit den Laternen und
Fackeln. Jetzt bogen sie in das Hoftor ein.
„Legt euch zu Bett nun,“ hörten die Mädchen Herrn Mackets Stimme den
Knechten befehlen, und dann schritt er dem Hause zu. Sie zogen sich
schnell in eine dunkle Ecke zurück, als gleich darauf die Haustüre ging,
und von dort folgten ihre Blicke neugierig der Herrschaft und dem jungen
Herrn, die wortlos an ihnen vorüberschritten, Herr Macket sehr bleich mit
finster zusammengezogenen Brauen.
Das kleine Kindermädchen, das ebenso schlau war, als es sich vorhin mutig
gezeigt hatte, schlich sich durch die Hintertür zu den heimgekehrten
Knechten und ließ sich von allem haarklein berichten. In der Küche
erzählte es dann später alles, was es erfahren hatte, und kam sich
ungeheuer wichtig vor, als die andern es im Kreise umstanden und seinen
Worten andächtig lauschten.
Herr Macket war mit Frau und Schwiegersohn in das Eßzimmer gegangen, wo er
sich auf das Sofa warf. Er sprach kein Wort, aber seine breite Brust hob
und senkte sich in schnellen Atemzügen. Leo lehnte am Tisch und drehte die
zierlichen Enden seines Schnurrbärtchens mit nervösem Eifer zwischen den
Fingern. Ein schmerzlicher Zug lagerte um seinen Mund, aber die Falte auf
seiner Stirn, die sich zwischen den starken Brauen vertiefte, und die
zitternden Nasenflügel gaben zugleich Zeugnis von einer inneren Empörung
und Erbitterung. Unverwandt starrte er vor sich nieder.
Frau Anne blickte besorgt von einem zum andern, und sah selbst tief
bekümmert aus. Nun setzte sie sich neben ihren Gatten und legte ihre Hand
auf seine Schulter.
„Richard,“ bat sie sanft, als sie sah, daß er die zerknitterte Depesche
mit der Hand glatt strich und wieder las, „laß uns über diese Sache nicht
so streng richten, Ilse ist noch ein Kind.“
Er warf das Papier fort und sprang auf.
„Ja, ein Kind, ein törichtes, ungezogenes Kind,“ rief er, und seine Augen
blitzten zornig auf. „Was fällt ihr ein, was soll es bedeuten, daß sie
fortläuft? Wie kann sie so etwas wagen! Aber sie soll zurück, sofort, –
ich will es!“
Seine Stimme klang so laut und hart, daß Frau Anne wieder erschreckt an
seine Seite eilte. Sie kannte ihn heute abend nicht wieder, so erzürnt auf
seinen Liebling hatte sie ihn noch nie gesehen.
„Ja, und warum, warum hat sie uns das getan, was ist denn geschehen?“ rief
er wieder, und diesmal klang ein schmerzlicher Ton aus seinen Worten.
Er hatte dabei Leo von der Seite angesehen, denn eine Ahnung dämmerte in
ihm auf, daß dieser den Grund zu Ilses Flucht wohl wissen mochte; daß ihre
Aufregung, in der er sie diesen Mittag getroffen hatte, damit im
Zusammenhang stehen mußte. Leo verstand seinen fragenden Blick, und er
fühlte, daß er jetzt nicht mehr schweigen durfte.
„Papa,“ sagte er plötzlich und trat auf ihn zu, „ich bin dir und Mama eine
Erklärung schuldig. Ilse und ich hatten diesen Mittag einen Streit
zusammen, der damit endete, daß Ilse mich in höchster Erregung verließ.
Ich habe sie danach nicht wieder gesehen und“ – er stockte – „bin nun auf
das tiefste betrübt, daß sie sich zu einer solchen Tat hat hinreißen
lassen.“
Er sagte nichts weiter als diese wenigen Worte, die er mühsam Atem holend
hervorbrachte. Herr Macket hatte ihn schweigend, mit den Händen auf dem
Rücken, angehört und setzte nun seine Wanderung im Zimmer auf und ab
wieder fort. Frau Anne sah voll Mitleid auf den jungen Mann, der durch
Ilses Leichtsinn tief getroffen war.
„Ilse hat unverzeihlich gehandelt, so weit durfte sie in ihrer
Leidenschaft nicht gehen,“ sagte sie ärgerlich.
Ihre besänftigenden Worte von vorhin hatten bei ihrem Manne die
entgegengesetzte Wirkung hervorgerufen, jetzt aber, wo ihre gerechte
Empörung deutlich aus ihren Worten sprach und auch Leo Ilse nicht in
Schutz nahm, löste sich die Erbitterung von seinem Herzen und verwandelte
sich in zärtliche Sorge für den fernen Liebling. Er malte sich in Gedanken
Ilses Reise aus und die mancherlei Unannehmlichkeiten, welche sie gewiß
betroffen hatten.
„Was mag das arme Kind für eine Angst ausgestanden haben auf der Reise!“
Mit diesen Worten machte er schließlich seinen Gefühlen Luft. „Und in der
fremden Stadt, wo sie niemand kennt. In der Dunkelheit ist sie dort
angekommen, – sie hat sich gewiß sehr gefürchtet.“
Frau Anne dachte, diese Furcht und Angst wäre am Ende nur die gerechte
Strafe für ihre Tollkühnheit gewesen.
„Wenn sie nur keine nassen Füße bekommen und sich erkältet hat,“ fuhr Herr
Macket fort. „Nellie wird doch wohl dafür gesorgt haben, daß sie gleich
ins Bett kam.“
Seine Stimme klang mit jedem Worte sanfter und weicher. Der erste Unmut
über Ilses Flucht war erloschen und hatte einer zärtlichen Besorgnis Platz
gemacht. Gedankenvoll blieb er eine Weile stehen.
„Leo,“ redete er diesen plötzlich an, „morgen früh um 8½ Uhr geht der
erste Zug nach F.; mit diesem reisen wir, nicht wahr?“
Verblüfft sah ihn Leo an und fragte dann: „Willst du Ilse holen, Papa?
Dann werde ich dich morgen früh sehr gerne zum Bahnhof begleiten.“
Jetzt drückten Herrn Mackets Züge eine förmliche Erstarrung aus. „Ja, du
reisest doch mit?“ fragte er erstaunt.
„Nein, Papa,“ erwiderte Leo freundlich aber bestimmt, „ich reise nicht
mit. Erlaß es mir auch, dir die näheren Einzelheiten unsres Streites zu
erzählen, und sei überzeugt, daß es mir sehr, sehr schwer geworden ist,
diesen überhaupt berühren zu müssen, doch das ging nun einmal nicht
anders. Ich muß nur noch das eine hervorheben, so schmerzlich es mir ist:
ich kann und darf nicht mit zu Ilse reisen, so gern ich ihr, wie schon so
oft, ja ich darf wohl sagen, nur zu oft geschehen, wieder zuerst die Hand
zur Versöhnung bieten würde.“
Sein Atem ging schnell und heftig bei diesen Worten, so ruhig er sie auch
aussprach.
Herr Macket hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen, auch jetzt sagte er
nichts. Aber seine gerunzelten Augenbrauen, die festen Schritte, mit
welchen er zur Türe schritt und sie hart ins Schloß fallen ließ,
verrieten, daß er Leos Entschluß durchaus nicht billigte.
Frau Anne sah ihren Schwiegersohn fragend an.
„Es tut mir leid, daß Papa ärgerlich auf mich ist, aber ich kann nicht
anders handeln,“ sagte er.
Frau Anne zuckte die Achseln, als begreife sie ihren Mann nicht, denn sie
selbst teilte Leos Ansicht und billigte es vollkommen, wie er in dieser
ernsten, für seine und Ilses Zukunft entscheidenden Sache zu handeln
gedachte. Ilse jetzt nachzureisen, wäre geradezu Torheit gewesen und würde
sicher nicht dazu beigetragen haben, das leidenschaftliche Kind zu ändern.
„Ich will doch mit dem Papa sprechen, daß er nichts in Übereilung tut,“
sagte sie zu Leo. „Wenn er erst ruhiger geworden ist, wird er dich auch
begreifen; du kennst ja seine blinde Liebe zu Ilse.“
Als Leo allein war, sank er auf einen Stuhl und vergrub seine Hände in
sein dichtes Haar. Wie wehe, wie grenzenlos wehe hatte ihm Ilse getan! Er
konnte nicht begreifen, wie sie ihm diesen Schmerz und zugleich diesen
Schimpf zufügen konnte; er hatte geglaubt, sein Lieb so genau zu kennen,
das aber, das hätte er ihr nie zugetraut. – Sie war keine sanfte, keine
hingebende Braut, seine Ilse, und er mußte immer von neuem um sie ringen
und kämpfen, was sie ihm aber doppelt anziehend machte. Hatte er seither
wohl den richtigen Weg eingeschlagen, sich seine kleine Widerspenstige zu
zähmen? Ihr Widerspruch reizte ihn, sie gefiel ihm in ihrem Trotz; war sie
erst seine Frau, dann sollte alles anders werden. So hatte er bis jetzt
gedacht, nun fiel es ihm mit einem Male wie Schuppen vor den Augen, daß er
ihren Charakter falsch beurteilte, daß es verkehrt war, ihr stets
nachzugeben, denn das stachelte sie immer von neuem zum Trotz und
Widerspruch auf. Diese Erkenntnis war bitter für ihn. –
In seinen Gedanken versunken hatte er nicht bemerkt, daß die Türe geöffnet
worden und Frau Anne wieder eingetreten war; erst als sie ihre Hand auf
seine Schulter legte, blickte er auf.
„Ach, du bist es, Mama,“ sagte er und erhob sich. Sie drückte ihn sanft
auf seinen Platz zurück und setzte sich ihm gegenüber.
„Ich habe mit dem Papa gesprochen, Leo, er ist jetzt entschlossen, mit
seiner Reise nach F. zu warten, bis ein erklärender Brief von Ilse
eingetroffen ist.“
„So – das ist mir lieb,“ gab er zur Antwort und sah dann wieder schweigend
in die Finsternis hinaus.
Auch Frau Macket schaute nachdenklich vor sich hin, als kämpfte sie mit
einem Entschluß. Mehrmals öffnete sie die Lippen zum Sprechen, ohne jedoch
etwas zu sagen. Nach einer Weile fing sie endlich an:
„Leo, ich will mich nicht in deine und Ilses Angelegenheiten drängen; darf
ich dich nur das eine fragen, glaubst du dich wirklich völlig schuldlos an
Ilses Flucht?“
Fast schüchtern klang diese Frage und zögernd brachte sie dieselbe hervor.
„Es ist das erstemal, daß ich ihr nicht nachgab!“ stieß er erregt heraus.
„Darf sie deshalb einen so abenteuerlichen Streich ausführen, alle
Rücksichten beiseite werfen und fliehen?“
„Nein, das durfte sie gewiß nicht,“ stimmte ihm Frau Anne bei, „und doch,“
fuhr sie fort, „ich habe es kommen sehen, daß sie eines Tages etwas tun
würde, das uns allen großen Kummer zu bereiten imstande wäre. Ich liebe
meine kleine Tochter innig, und auch sie ist mir von Herzen zugetan. Aber
blind bin ich deshalb gegen ihre Schwächen und Fehler nicht, wie der Papa
und – verzeihe mir – begreiflicherweise auch du. Ilse ist schon einmal
gezähmt worden durch die Pension und das reizende Leben daselbst; ihre
prächtigen Freundinnen hatten sie ganz und gar umgewandelt. Halb Kind
noch, wurde sie Braut, sie liebt dich gewiß aufrichtig, aber die tiefe
ernste Liebe des Weibes ist ihrem Kinderherzen noch fremd. Hast du wohl
den richtigen Weg eingeschlagen, dir ihre Nachgiebigkeit, ihre Fügsamkeit
zu erringen? Ich habe mich bemüht, in ihrem jungen Herzen zu lesen, und
bin überzeugt, es wäre ihr lieber gewesen, wenn du ihr öfter entschieden
entgegengetreten wärst, statt ihre Einfälle, ihre Launen reizend zu
finden; denn sie ist eine stolze und doch zugleich hingebende Natur, die
nur nicht zeigen will, daß sie sich auch unterzuordnen vermag, aber
ebensowenig vertragen kann, daß man ihr in allem den Willen läßt. Nun, da
du ihr zum erstenmal nicht nachgibst, empfindet sie das doppelt schroff
und wird es als eine große Demütigung ansehen. Aber jetzt, da sie weiß,
daß ihr Wille nicht immer durchgeht, wird ihre Liebe zu dir, ohne daß sie
es eingesteht, gewiß erstarken. Ich hoffe, sie wird nach und nach zur
Besinnung kommen, daß sie unrecht hatte, und wenn sie diese Krisis
überstanden hat, für immer geheilt sein.“
Frau Anne hatte mit warmem herzlichen Eifer gesprochen und reichte nun
ihrem Schwiegersohne die Hand, welcher diese innig umschloß. „Ich weiß,“
fuhr sie fort, „du wirst das, was ich dir eben sagte, nicht falsch
verstehen. Ich hätte dir meine Ansicht nicht unaufgefordert mitgeteilt,
wäre nicht alles so gekommen. Wie lieb ich euch beide habe und wie
vertrauensvoll ich trotz dieses Vorfalls in eure Zukunft blicke, das
brauche ich dir nicht erst zu sagen, nicht wahr? – Gute Nacht, Leo,“
schloß sie und erhob sich von ihrem Sitz. „Schlafe wohl, morgen wirst du
die Sache schon in einem andern Lichte ansehen.“
„Gute Nacht, Mama, ich danke dir.“
Die Nachtruhe war für alle dahin, zu sehr hatte die Bestürzung die Gemüter
aufgeregt. – Leo blieb noch auf demselben Fleck sitzen, es wäre ihm
unmöglich gewesen, jetzt schon zu schlafen. Noch pochte sein Herz zu
unruhig, noch stürmten die Gedanken zu lebhaft auf ihn ein. Frau Annes
Worte hallten in ihm nach, sie hatten einen Anklang in seinem Innern
gefunden, denn sie hatte wahr gesprochen. Warum mußte es so weit kommen?
Hätte er die Tragweite seiner Worte geahnt, er würde sie vielleicht nicht
ausgesprochen haben. Nochmals ließ er die Szene vom Mittag an seinem Geist
vorüberziehen. Er war zuletzt auch heftig geworden – gewiß –, aber er
hatte sich in dem Augenblick wirklich über Ilse geärgert, zum erstenmal
hatte ihn ihr unfügsames Wesen unangenehm berührt.
Was sollte nun werden? Der Gedanke an die Zukunft legte sich ihm drückend
und beängstigend wie ein Bann aufs Herz, daß ihm fast der Atem stockte.
Erst als er das Fenster geöffnet hatte und die kühle Nachtluft
hereindrang, wurde ihm wohler. Lange blickte er in die zerrissenen Wolken,
die eilend vorüberjagten. Ob sie jetzt auch an ihn dachte? Er sah im
Geiste ihr liebes holdes Antlitz. Er hörte ihr fröhliches Lachen und ihre
dunklen Augen blitzten ihn neckisch an, – da schwanden die bangen
Gedanken. Heiße Liebe und Sehnsucht erfüllten ihn, und er zweifelte keinen
Augenblick mehr, daß sie zu ihm zurückkehren würde. Aber unerschütterlich
befestigte sich in diesem Augenblick die Überzeugung in ihm, daß er ihr
diesmal nicht zuerst die Hand zur Versöhnung reichen dürfe.
Die große Lampe in dem stillen Zimmer, die schon seit einiger Zeit am
Ausgehen war und deren Licht immer schwächer und kleiner wurde, erlosch
jetzt nach einem letzten Aufflackern. Leo erhob sich und ging in sein
Zimmer.
* * *
Ilse wachte am andern Morgen erst auf, als die Sonne das kleine Zimmer
schon längst erhellte. Sie fühlte sich durch den guten Schlaf erquickt und
erfrischt und war im ersten Augenblick des Erwachens noch so
traumbefangen, daß sie sich erst besinnen mußte, wo sie sich eigentlich
befand. Nach und nach kam ihr das Geschehene wieder deutlich zum
Bewußtsein, klarer als am Tage zuvor. Ihre gestrige Aufregung war einer
unangenehmen Empfindung gewichen. Reue und Beschämung beschlichen sie, und
der Gedanke, was ihre Eltern zu der Flucht gesagt haben mochten,
beunruhigte sie aufs höchste. Auch an Leo dachte sie, aber nicht etwa, ob
er wohl betrübt sein würde, sondern voll heimlichen Triumphgefühls. Sie
erschien sich ihm gegenüber als siegreiche Heldin, denn sie hatte eine Tat
ausgeführt, die er ihr gewiß nicht zugetraut hatte. Womöglich langte schon
heute ein um Verzeihung flehender Brief von ihm an, und gewiß würde er
selbst mit dem Papa kommen, um sie zurückzuholen. So blind gefangen war
unsre Ilse, so fest glaubte sie Leo durch ihre Heldentat einen gewaltigen
Respekt eingeflößt zu haben! Die Erwartung auf eine Nachricht von Hause
trieb sie aus dem Bette. Sie zog die hellgeblümten Gardinen zurück und
öffnete das Fenster. Man merkte heute nichts mehr von dem gestrigen
Unwetter, kein Wölkchen trübte den Himmel, der Ilse tiefblau
entgegenlachte. Goldener Sonnenschein breitete sich über die kahlen Gärten
und lag blendend auf den hellen Häuserwänden. Überall hatten die Leute
Türen und Fenster geöffnet, daß die frische Herbstluft in vollen Strömen
hereindringen konnte. So hatte Ilse gestern früh daheim auch am Fenster
gestanden und sich über den klaren Herbstmorgen gefreut. Wenn sie da
geahnt hätte, welches Ungemach ihr der Tag noch bringen würde! Was hatte
sie durchmachen müssen! Es war zu schrecklich.
[Illustration]
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, die wieder feucht wurden, aber
die hervorquellenden Tränen wurden tapfer zurückgedrängt. Nellie und ihr
Mann sollten nicht sehen, daß sie geweint hatte, sie würden sonst wohl
denken, daß sie Reue fühlte, was ja so viel bedeutete, als ihr Unrecht
eingestehen. Vor Doktor Althoffs prüfenden und ironischen Blicken hatte
sie Furcht, sie kannte diese noch zu gut von der Schule her. Er konnte so
freundlich lächeln mit spottlustigen Augen; kein Tadel, nicht die
schärfste Rüge traf so sicher, als ein solcher Blick von ihm.
Durch ein Pochen an der Tür wurde sie in ihren Betrachtungen gestört,
gleich darauf wurde dieselbe leise geöffnet, und Nellies Gesicht kam zum
Vorschein.
„Schon wach, lieb Ilschen?“ rief sie freundlich und begrüßte die Freundin
mit einem herzlichen Morgenkuß. „Wie hast du geschlafen, _darling_? Ich
hoffe, du hast eine gute Nacht gehabt.“
„Herrlich habe ich geschlafen, liebste Nellie; was ich aber geträumt habe,
weiß ich wirklich nicht mehr.“
„Kann ich dich bei dein Ankleiden helfen, Kindchen?“ fragte Nellie, als
sie sah, daß Ilse sich jetzt beeilte, in ihre Kleider zu kommen. Die
Toilette war bald beendet, und von den beiden hatte keine das Thema
berührt, das doch am nächsten lag und sie so lebhaft beschäftigte. Erst
als Ilse Arm in Arm mit Nellie vor dem Eßzimmer stand, fragte sie zögernd:
„Nellie, ist dein Mann da?“
„Gewiß, Ilschen, und er freut sich riesig, sein früheres furchtbar
niedliches Schülerin wieder zu sehen.“
„Hast du ihm meine Flucht eingestanden, Nellie?“ fragte Ilse ängstlich.
Die junge Frau zögerte mit der Antwort. Sie hatte gestern abend allerdings
versprochen, Fred nichts davon zu sagen, aber nur um Ilse nicht weiter
aufzuregen; doch jetzt wollte sie die Wahrheit nicht verschweigen – so
leid es ihr tat!
„Lieb Ilschen,“ sagte sie innig, „ich konnte nicht anders, ich wollte mein
Fred nichts vorlügen. Bist du mir böse?“
„Nein, nein,“ versicherte Ilse, „aber ach, Nellie, was wird dein Mann von
mir denken?“
„O, Ilschen, er denkt nur Gutes von dich – aber nun komm –“
Und um Ilse über die peinliche Lage hinwegzuhelfen, öffnete sie schnell
die Türe und schob die sich Sträubende hinein. Doktor Althoff kam ihr
entgegen.
„Guten Morgen, Fräulein Ilse, wie freue ich mich, Sie zu sehen,“ rief er
freundlich und reichte ihr die Hand zum Gruße.