verlassen dalag. Endlich glaubte sie in der Ferne Schritte zu hören.
Ungestüm riß sie das Fenster auf und bog sich weit hinaus. Die kühle
Nachtluft wehte ihr erfrischend um das Gesicht, der Regen hatte
nachgelassen, aus den zerrissenen dunklen Wolken, die eilend vorüberzogen,
sah der Mond hervor und beleuchtete mit bleichem Glanze Nellies Antlitz.
Sie horchte gespannt in die stille Nacht hinaus. Die fernen Schritte waren
verhallt, also war es ihr Mann doch nicht gewesen. Gerade heute blieb er
länger aus, als sonst. Ob sie Rieke weckte und mit dieser ihm entgegen
ging? Denn wie Feuer brannte es ihr auf der Seele, bis sie ihm alles
erzählt haben würde. Schon wollte sie das Fenster schließen, um ihren
Entschluß auszuführen, da hörte sie von neuem Schritte auf der Straße und
diesmal waren es die ihres Mannes. Eilig schloß sie das Fenster und ging
ins Zimmer zurück. Sie hörte, wie der Schlüssel in der Haustür umgedreht
wurde und schnelle Tritte die Treppe herauf kamen. Jetzt schloß er den
Vorplatz auf. Sie ging ihm bis an die Tür entgegen und nahm sich
krampfhaft zusammen, um ruhig zu erscheinen.
„Nanu, noch auf, wie kommt das?“ fragte er bei ihrem Anblick erstaunt. „Du
weißt doch, Kind, daß es mich unruhig macht, wenn ich denken muß, du
wartest auf mich und wirst müde und abgespannt.“ Sie legte ihm
schmeichelnd die Hand auf den Mund.
„Erst hören, lieber Fred, dann schelten. Glaubst du, ich sei wegen mein
Mann aufgeblieben? O nein, ich läge schon längst in das tiefste Schlummer,
hätte ich nicht eine große Erlebnis gehabt.“ Sie blickte ihn ernst dabei
an, und er bemerkte, daß sie blaß und erregt aussah.
„Was denn für ein Erlebnis?“ fragte er ängstlich. „Was ist denn passiert,
erzähle doch! ich ängstige mich, du siehst so bleich und aufgeregt aus,
hat dir Rieke Ärger bereitet?“
„O nein,“ fiel sie ihm lachend ins Wort, „Rieke war eine fromme Lamm wie
immer. Laß nur, du errätst es nicht, Schatz; komm, setze dich nieder,
damit du nicht in Ohnmacht fällst, wenn du’s hörst, was ich dir jetzt
sagen werde. Also höre: Ilse ist da!“
„Ilse!“ lachte Dr. Althoff, „das ist himmlisch! Ja, ich glaube wohl, du
möchtest sie wäre hier und vertriebe dir die Zeit, wenn dich dein böser
Mann allein läßt. Warte nur, Bösewicht,“ sagte er scherzend und hob ihr
Kinn in die Höhe, um ihr in die Augen sehen zu können. „Du willst mir wohl
etwas vorflunkern, weil ich ein bißchen später nach Hause komme, als es
meine gestrenge Gattin sonst von ihrem soliden Manne gewohnt ist? Ach ja,
es ist schrecklich, wenn man so unter dem Pantoffel steht,“ sagte er
seufzend.
Sie blieb aber ernst bei seinem Scherz.
„Nein, nein, ich mache keine Spaß, Fred; es ist wahr, da drüben,“ sie wies
mit der Hand nach der Tür, „liegt Ilse und schläft.“
Und als er sie noch immer ungläubig ansah, da holte sie Ilses Hut und
Mantel herbei.
„Sieh hier, gehört mich dies Hut, dieses Mantel, glaubst du mir nun?“
Ja, jetzt glaubte er ihr, das bewiesen seine erstaunten Augen, mit welchen
er die Sachen ansah. Fragend blickte er seine Frau an.
„Nellie, was ist das, wie kommt Ilse plötzlich her?“
„O, mit der Eisenbahn; gleich als du fort warst, kam sie und rief mich.
Wie bin ich erschrocken gewesen, ich glaubte ein Gespenst zu sehen, als
plötzlich Ilse so bleich vor mir stand. Wie zitterig war armes _darling_,
o, und wie hat sie geweint!“
„Geweint, warum hat sie denn geweint?“ fragte er, „sage doch nur, was ist
denn vorgefallen?“
Mit fliegenden Worten erzählte sie ihm nun alles.
„Und was sollen wir tun, Fred?“ fragte sie schließlich. „Ilse ist ein
unvernünftiges Kind; wir müssen für sie handeln.“
Er hatte bei ihrer Erzählung mehrmals unwillig den Kopf geschüttelt.
„Ja, was sollen wir tun?“ wiederholte er. „Ich hatte geglaubt, Ilses Trotz
wäre gebrochen, sie wäre ein vernünftiges Mädchen geworden, und jetzt
macht sie solche Streiche! Das beste ist, wir packen das ungezogene Kind
auf und schicken es morgen mit einem Entschuldigungszettel wieder nach
Hause.“
„O, so darfst du nicht sprechen,“ rief Nellie unwillig. „Jeder hat nicht
ein solch fügsames Natur, wie deine Frau. Ilse hat nun einmal ein
trotziges Sinn, aber sie ist gut, und ich habe ihr so herzhaft lieb. Du
darfst ihr auch nicht zeigen, daß du von ihre Flüchtigkeit weißt; sie hat
mich gebeten, dir nichts davon zu sagen. – In welche Angst werden ihre
Eltern und Leo um sie sein! Sollen wir sie nicht telegraphieren?“
„Ja natürlich, Schatz, das müssen wir tun und zwar gleich, sofort. Ich
will die Depesche selbst besorgen.“
„O ja, das ist gut von dir, aber nun mußt du armer Mann noch einmal in die
dunkle Nacht hinaus.“
„Ich brauche ja nicht weit zu gehen,“ meinte er und zog sich seinen
Überzieher an.
„Wo ist mein Hut? So, du hast ihn, – danke, Kind; gleich bin ich wieder
hier. Gehe nur inzwischen zu Bett, du mußt schlafen, du hast dich sehr
aufgeregt.“
„Ja, ich bin sehr schläfrig, ich fürchte aber, ich kann nicht schlafen,
denn alles tanzt wirr in mein Kopf. Ich will nochmal nach unsre Trotzkopf
sehen, ob sie schläft. Adieu so lange, Liebster.“
Leise ging sie in Ilses Zimmer und trat an ihr Bett. Diese schlief fest.
Noch sah man die Spuren vergossener Tränen auf ihren Wangen, aber sie
lächelte im Traume.
„O, sie hat eine gute Traum, denn sie lacht,“ sagte Nellie später zu ihrem
Mann. Nun erlosch auch das letzte Licht in der Wohnung Doktor Althoffs,
und das Haus lag in tiefem Dunkel da.
* * *
In Moosdorf hatte Ilses Flucht großen Schrecken hervorgerufen. Als sie zur
gewohnten Kaffeestunde um 5 Uhr, zu welcher die Familie sich zu versammeln
pflegte, nicht erschien, suchte man sie im Garten und auf ihrem Zimmer,
doch war sie nirgends aufzufinden. „Sie wird zu Pastors gegangen sein,“
meinte Frau Anne; „wenn es dich beruhigt, lieber Richard, schicke ich
sogleich dorthin.“
„Tue das, liebes Kind,“ gab er zur Antwort, „es wird jetzt so früh dunkel,
der Weg ist so einsam, und Ilse könnte sich fürchten. – Wo steckt das Kind
nur?“ wandte er sich, nachdem seine Frau das Zimmer verlassen hatte, an
seinen Schwiegersohn, der am Fenster saß und anscheinend sehr vertieft in
die Lektüre eines Buches war. „Weißt du nicht, wo sie sein könnte, Leo?
Sie hat es dir doch sicher gesagt, wenn sie zu Pastors gehen wollte.“
Leo sah auf und schüttelte den Kopf.
„Nein, Papa, ich habe keine Ahnung, wo Ilse ist. Nach Tisch waren wir
zusammen auf der Veranda, seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen.“
Herrn Macket fiel es bei diesen Worten plötzlich ein, daß sie ihm heute
mittag von dort mit sehr erregtem Gesicht entgegengekommen war. Die beiden
haben sich gewiß mal wieder gestritten, dachte er; denn Leo saß so
gleichgültig da und las so ruhig weiter, als handle es sich nicht um seine
Braut, die man suchte.
Bald kam Frau Anne mit dem Bescheid zurück, daß Ilse bei Pastors nicht
wäre und auch nicht dort gewesen sei. Jetzt wurde der besorgte Papa aber
unruhig.
„Ja, aber irgendwo muß sie doch sein,“ stieß er hervor und stand auf.
Seine Frau trat zu ihm. „Sie wird ins Dorf gegangen sein,“ versuchte sie
ihn zu beruhigen. „Wenn es dir recht ist, gehen wir ihr entgegen. Ich will
mich sofort anziehen und bin gleich wieder hier.“
Herr Macket war mit diesem Vorschlag einverstanden und verließ zugleich
mit seiner Frau das Zimmer, um bald darauf zum Ausgehen gerüstet, den
Stock und Hut in der Hand, wieder einzutreten. Leo saß noch immer lesend
am Fenster und sah kaum auf, als sein Schwiegervater zurückkehrte. Herrn
Macket ärgerte diese scheinbare Ruhe, er räusperte sich einigemale
vernehmlich und ging mit heftigen Schritten auf und ab. Es verdroß ihn,
daß sich Leo durch nichts in seiner Lektüre stören ließ.
„Mein Gott, Leo, hat dir denn Ilse kein Wort gesagt, daß sie überhaupt
fortgehen wollte?“ brach er endlich unwillig los.
Wieder antwortete Leo ruhig und gelassen:
„Nein, Papa, Ilse hat mir mit keinem Wort verraten, wohin sie gehen
wollte. Ich glaube auch, wie die Mama, es ist das beste, wir gehen ins
Dorf, dort wird sie sicher bei einem ihrer vielen Schützlinge zu treffen
sein.“ Er stand auf, klappte das Buch zu und legte es auf die Fensterbank.
„So, ich bin fertig,“ rief Frau Anne ins Zimmer herein, „wir können
gehen.“
Draußen nahm sie den Arm ihres Mannes, und nun schritten die drei die
einsame Dorfstraße hinunter, blieben bald hier, bald dort an den Türen
stehen, oder traten auch in die kleinen dumpfen Bauernstuben ein, aber
überall bekamen sie den Bescheid, daß Ilse von niemand gesehen sei.
„Unbegreiflich, unbegreiflich,“ murmelte Herr Macket vor sich hin. „Wo mag
das Mädchen nur stecken?“
Frau Anne mußte unwillkürlich über ihren Mann lächeln, denn in seinem
Eifer und seiner allzugroßen Besorgnis hatte er ihren Arm losgelassen und
eilte in beschleunigtem Tempo voraus.
„Wie ängstlich der Papa doch gleich ist,“ wandte sie sich an Leo, „was
soll denn Ilse zugestoßen sein, sie kennt hier jeden Weg und Steg.
Irgendwo wird sie sich festgeplaudert haben, meinst du nicht auch, Leo?“
Er nickte und ging schweigend neben seiner Schwiegermutter weiter.
Das kleine Dorf war bald durchschritten, niemand vermochte Auskunft über
Ilse zu geben, keiner hatte sie gesehen.
Herrn Mackets Unruhe steigerte sich immer mehr, man sah es ihm deutlich
an.
„Wir wollen jetzt noch bei der Kathrine vorgehen,“ – sagte er zu seiner
Frau, „vielleicht ist sie dort.“
Kathrine war das ehemalige Kindermädchen Ilses, an welchem sie noch mit
großer Liebe hing und welches sie öfter besuchte. Sie war unter den
Bauernfrauen gewesen, welche am Nachmittag vom Felde heimkehrend von Ilse
so scheu gegrüßt worden waren, und hatte ihr deshalb verwundert
nachgesehen. Sie hätte also dem unruhvollen Papa Auskunft geben können
über seinen Liebling. Doch ging es auch hier, wie so oft in ähnlichen
Fällen, daß noch im letzten Augenblick ein tückischer Zufall hindernd
dazwischen tritt, wenn man unbewußt schon dicht vor dem Ziele steht.
Frau Anne sehnte sich nach dem behaglichen Zimmer, denn ein heftiger Wind
hatte sich erhoben und trieb ihnen den Regen in großen Tropfen entgegen.
Sie zog den Mantel noch fester um ihre Schultern und den Schleier tiefer
über das Gesicht. Bei diesem Unwetter sollten sie noch so weit gehen! Denn
Kathrine wohnte außerhalb des Dorfes in einem kleinen Häuschen. Auch
glaubte Frau Macket, daß dieser Weg ohnedies ganz unnütz sein würde, denn
Kathrine war diesen Morgen erst bei ihr gewesen und hatte Ilse gesehen und
gesprochen. Sie sagte das ihrem Mann, und er kam schließlich zu der
Überzeugung, daß sie Ilse gewiß vergeblich dort suchten. Auch war der Weg
dahin einfach grundlos, es war völlige Dunkelheit unterdessen
hereingebrochen, so daß er seiner Frau recht gab, und umzukehren beschloß.
„Wir finden Ilse gewiß vor, wenn wir nach Hause kommen,“ sagte Frau Anne,
„es muß ja bald sieben Uhr sein; zum Abendessen ist sie sicher wieder da.“
Herrn Macket schienen die Worte seiner Frau zu beruhigen, auch er gab sich
der festen Hoffnung hin, daß Ilse wohl schon daheim sein würde. Im stillen
nahm er sich vor, ihr gehörig den Text darüber zu lesen, daß sie so mir
nichts dir nichts fortgeblieben war. Wieviel Lauferei und Schickerei
hatten sie dadurch schon gehabt! Sogar den Abendschoppen im Löwen hatte er
ihretwegen versäumt, und er fühlte jetzt plötzlich, als Folge der
Abweichung von dieser täglichen Gewohnheit, einen brennenden Durst. Teils
um diesen stillen zu können, teils um sich früher Gewißheit zu
verschaffen, ob Ilse daheim wäre, verdoppelte er seine Schritte, so daß
seine Frau Mühe hatte mitzukommen und einigemale bitten mußte, doch etwas
langsamer zu gehen. Leo schritt wortlos hinter ihnen her. Er schwankte in
seinem Innern, ob er nicht doch lieber umkehren und bei Kathrine
nachfragen sollte. Zögernd blieb er stehen und überlegte unschlüssig, was
zu tun sei. Aber der Streit mit Ilse hallte noch zu heftig in ihm nach;
wenn er sie jetzt bei der Frau antraf, hatte er wieder einmal verlorenes
Spiel. In den Augen seines trotzigen Schatzes würde ihr Triumph zu lesen
sein, daß er ihr doch wieder nachgelaufen sei; sie würde ihm gnädig
verzeihen, wenn er ihr, wie er bis jetzt stets getan, ein gutes Wort gab.
Aber diesmal wollte er standhaft bleiben; das Gefühl, daß er ihr schon zu
viel und zu oft nachgegeben habe, wollte sich heute nicht aus seiner Seele
verdrängen lassen, und deshalb, – nein, er wollte nicht umkehren! Wie
seine Schwiegereltern, tröstete auch er sich mit der Hoffnung, daß Ilse
jetzt wohl daheim sein würde, und schnell folgte er dem vorangegangenen
Ehepaare.
Als sie ins Haus traten, war Herrn Mackets erste Frage nach Ilse. Aber er
bekam die Antwort, daß sie nicht gekommen war und auch keine Nachricht
geschickt hatte.
Mit nervöser Unruhe zog er die Uhr aus der Tasche.
„Es ist sieben Uhr,“ sagte er zu seiner Frau.
„Da muß Ilse ja jeden Augenblick kommen,“ fiel sie ihm ins Wort, „zum
Abendessen ist sie, ohne Bescheid gegeben zu haben, noch nie
ausgeblieben.“
„Ist das Abendessen bereit?“ fragte sie das Hausmädchen, das ihr
diensteifrig den nassen Mantel abgenommen hatte.
„Ja, gnädige Frau, es ist alles fertig.“
Sie bat ihren Mann und Leo, im Eßzimmer auf sie zu warten, da sie nur noch
nach dem Kinde sehen wolle.
Eine behagliche Wärme strömte den beiden Männern entgegen, als sie das
Zimmer betraten. Das laut knisternde Holzfeuer in dem altertümlichen
Kachelofen, das helle Licht, welches die große Hängelampe ausstrahlte, und
der einladend gedeckte Tisch, die ganze stimmungsvolle Behaglichkeit,
welche in dem Raume herrschte, vermochte indessen heute nicht den
gewohnten Eindruck auf die beiden hervorzubringen. Herr Macket durchmaß
das große Zimmer fortwährend von einem Ende zum andern mit großen
Schritten, und sein Blick schweifte jedesmal, so oft er vorbeiging, zu der
alten Standuhr hinüber, die schon von seinen Urgroßeltern herstammte und
ein wertvolles Familienstück war. Gleichmäßig rückte der Zeiger vorwärts,
einförmig tickte der große Pendel. „Schon ½8 Uhr,“ murmelte der besorgte
Vater, als das Schlagwerk jetzt zu einem lauten Ton aushob, der melodisch
verhallte.
Leo hatte sich an das Fenster gesetzt und sah stumm hinaus. „Wo bleibt nur
Ilse,“ dachte auch er jetzt; es kam ihm seltsam vor, daß sie noch immer
nicht da war. Sie hatte ihn so aufgeregt verlassen diesen Mittag, so
zornig, wie er sie nie gesehen. Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit
fortgelaufen sein, des Wegs vielleicht nicht geachtet und sich deshalb
verirrt haben? Er kannte ihre Furchtsamkeit, wie würde sie sich ängstigen,
wenn sie wirklich den richtigen Weg verfehlt hatte! Dieser Gedanke
verscheuchte allen Groll in seinem Herzen, er dachte nur noch daran, daß
seine Braut jetzt vielleicht seines Schutzes, seiner Hilfe bedurfte,
konnte er sie da verlassen? Er sprang auf.
„Papa,“ wandte er sich an seinen Schwiegervater, „ich will noch einmal
fortgehen. Vielleicht hat sich Ilse verirrt, ich kenne ja ihre
Lieblingswege, sicher ist sie zu weit gegangen und kann nicht wieder
zurückfinden.“
Nichts war Herrn Macket erwünschter, und mit Freuden gab er seine
Zustimmung zu diesem Entschluß.
„Das ist recht, tue das,“ sagte er mehrmals hinter einander, „sie hat sich
gewiß verirrt, sie müßte ja sonst längst da sein. Soll ich mitgehen?“
„Nein, nein, Papa,“ fiel ihm Leo ins Wort, „bleibe nur hier.“
„Ja aber, Leo, – kennst du auch den nächsten Weg nach der Wassermühle? Es
fällt mir eben ein, daß Ilse gestern davon sprach, daß sie dorthin gehen
wolle, weil sie gehört habe, daß die kleine Liese krank sei; es kann also
sein, daß sie dort ist. Wenn du über die Friedenseiche gehst und dann der
Chaussee folgst –“
„Ja, lieber Papa,“ unterbrach ihn Leo lächelnd, „ich kenne den Weg ganz
genau.“
Herr Macket begleitete ihn in seinem Eifer bis an die Gartenpforte und gab
ihm noch gute Ratschläge, wie er diesen und jenen Weg am besten abkürzen
könne.
Als er ins Eßzimmer zurückkehrte, fand er dort seine Frau, die am Büffet
stand und den Tee bereitete. Er erzählte ihr sehr befriedigt, daß Leo
fortgegangen wäre, um Ilse zu suchen.
„Wir wollen aber trotzdem mit dem Essen anfangen,“ sagte Frau Anne, die
ihren Mann gern auf andre Gedanken bringen wollte und nötigte ihn zum
Sitzen. Dann stellte sie eine dampfende Tasse Tee vor ihn hin und reichte
ihm die Speisen. Er aß nur wenig, und sie las in seinem Mienen, daß er
gespannt auf jedes Geräusch horchte. Jedesmal, wenn die Haustüre ging,
stand er auf, sah hinaus und kehrte mit enttäuschtem Gesichte zurück.
„Iß doch nur, lieber Richard,“ bat Frau Anne dringend, „alles wird kalt,
und es gibt gerade dein Lieblingsessen heute abend.“
Er nickte und füllte sich den Teller in der Zerstreutheit bis an den Rand
voll, dann aß er einige Bissen, aber mit Hast und Überstürzung, nicht mit
der Behaglichkeit, die er sonst gerade beim Essen so sehr liebte. Die
beiden Ehegatten waren auffallend still diesen Abend; eine Zeitlang hörte
man nur das Klappern der Messer und Gabeln und das gleichmäßige Ticken der
Uhr, nach welcher Frau Anne öfter verstohlen hinblickte, denn Ilses
Ausbleiben wurde auch ihr jetzt auffallend. Sie sah, daß die Aufregung
ihres Mannes wuchs und daß er sich nur ihr gegenüber beherrschte. Er hatte
sich in den Stuhl zurückgelehnt und spielte in nervöser Unruhe mit dem
Messerbänkchen.
Frau Anne legte den Teelöffel, mit welchem sie eine ganze Weile mechanisch
in der Tasse herumgerührt hatte, auf das Unterschälchen.
„Richard,“ sagte sie und ein leiser Vorwurf klang aus ihren Worten, „heute
abend hast du zum erstenmal vergessen, unsrem Liebling gute Nacht zu
sagen. Er war so herzig, so drollig, der kleine Kerl, als ich ihn zu Bette
brachte.“
„Ja, wahrhaftig, das habe ich vergessen,“ rief er und sprang auf, „aber
ich gehe jetzt noch zu ihm; schläft er denn schon?“
„O, schon lange! Wecke mir das Kind nur nicht auf!“ rief sie ihm noch
nach, als er aus der Türe ging.
Frau Anne war es unerklärlich, warum Ilse nicht kam, warum sie gerade
heute, wo Leo da war, ausblieb. Und auch dieser kam nicht wieder! Jetzt
konnte er doch längst zurück sein. Gewiß hatte er Ilse nicht gefunden. Sie
war froh, als sie bald darauf die Haustüre gehen und gleich danach Leos
energischen Schritt die Treppe herauf kommen hörte. Rasch ging sie ihm
entgegen. Er stand gerade auf dem Vorplatz und hing seinen regentriefenden
Überzieher auf.
Auch Herr Macket hatte ihn kommen hören und war herbeigeeilt. „Hast du
Ilse nicht gefunden?“ fragte er bestürzt.
„Nein,“ gab Leo kurz zur Antwort, und seine Stimme klang unsicher und
erregt.
„Laßt uns ins Zimmer gehen,“ drängte Frau Anne, denn sie bemerkte, daß
oben auf der Treppe die Dienstboten neugierig die Köpfe zusammensteckten.
Sie gingen hinein, und Herr Macket überschüttete Leo, der sich erschöpft
in einen Stuhl fallen ließ, mit ungeduldigen Fragen.
„Überall bin ich gewesen, Papa, überall habe ich nach Ilse gefragt,
niemand hat sie gesehen.“
„Wo bist du gewesen?“ forschte der geängstigte Vater weiter.
„Beim Pastor, in der Mühle –“
„Warst du nicht bei Kathrine?“
„Nein, aber ihr kleiner Junge, den ich sah, sagte mir, daß Ilse nicht bei
seiner Mutter wäre.“
„Dann ist dem Kinde etwas zugestoßen,“ stieß Herr Macket hervor und sein
Gesicht wurde leichenblaß.
Frau Anne eilte zu ihm hin. „Aber ich bitte dich, Richard,“ suchte sie ihn
zu begütigen, „nimm doch nicht gleich das Schlimmste an, was soll ihr denn
zugestoßen sein?“
Ihre Worte übten jedoch keinen beruhigenden Einfluß mehr auf ihn aus, und
sie gestand sich selbst, daß sie wider ihre eigene Überzeugung sprach, in
der Absicht, ihm die Sorge, die sich jetzt auch ihrer bemächtigte, nicht
zu zeigen. Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Es war jetzt halb zehn
Uhr; so lange war Ilse noch nie ausgeblieben, ohne vorher etwas gesagt
oder Bescheid geschickt zu haben. Und wo sollte sie denn überhaupt sein?
Sie hatten ja überall schon nachgefragt.
Leo war ans Fenster getreten und preßte sein Gesicht an die Scheiben,
gegen welche der Regen prasselnd aufschlug. Nun wurde es ihm klar: Ilse
hatte in ihrer Aufregung irgend einen Schritt getan, der sie alle in Angst
und Aufregung versetzte. Aber was, was für ein Schritt konnte dies sein?
Ein unheimlicher Verdacht stieg in ihm empor, aber er drängte ihn
schaudernd zurück. Um Gottes willen, nein, soweit würde sie sich nicht
hinreißen lassen, das war ja nicht möglich, das konnte nicht sein!
„Rufe die Knechte zusammen, Anne,“ unterbrach die Stimme seines
Schwiegervaters das beängstigende Schweigen, und als seine Frau ihn
fragend ansah, fügte er hinzu: „Sie sollen die Laternen und Fackeln
zurecht machen, wir wollen Ilse suchen.“
Er stieß die Worte kurz und abgerissen hervor, seine Stimme bebte in
verhaltener Aufregung, und vor innerer Angst fast gelähmt ließ er sich in
einen Stuhl sinken und vergrub sein Gesicht in beiden Händen.
Frau Anne tat es im Herzensgrunde leid, wie sie ihn so gebrochen dasitzen
sah, und sie schlang zärtlich ihren Arm um seinen Hals.
„Richard,“ bat sie innig, „ich bitte dich, gib dich doch nicht gleich den
schlimmsten Vermutungen hin; ich frage nochmals, was soll dem Kinde
zugestoßen sein, das jeden Weg auf das genaueste kennt? Soll ich die
Knechte wirklich zusammenrufen?“ Der Gedanke, daß die Leute mit Laternen
fortgehen sollten, um Ilse zu suchen, war ihr zu schrecklich.
„Laß nur, Anne,“ wehrte er jetzt ab, „ich will den Knechten selbst
Bescheid sagen.“ Mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zimmer.
„Leo,“ sagte Frau Anne, indem sie zu ihm trat, „ich ängstige mich sehr und
will nur dem Papa meine Angst nicht zeigen. Was kann Ilse zugestoßen sein?
Wenn ihr nur kein Unglück begegnet ist! Ich kann es nicht begreifen, daß
sie noch nicht da ist.“
Schweigend hörte Leo sie an, auch ihn hatte die Angst erfaßt, und in
seinem Innern bestand er jetzt einen harten Kampf; er fühlte wohl, daß es
seine Pflicht war, den Streit, welchen er mit Ilse gehabt, zu erwähnen,
und doch konnte er sich nicht dazu entschließen. Er hatte seine Braut
wiederholt gebeten, wenn sie in ihrer Offenheit und Heftigkeit die kleinen
Mißverständnisse, ohne die es zwischen ihnen nicht immer abging, den
Eltern ausgeplaudert hatte, dies künftig zu unterlassen, – und nun sollte
er selbst erzählen, daß sie sich gezankt hatten? Nein, das widerstrebte
ihm, das wollte er nicht!
Frau Anne beobachtete ihn stillschweigend, ihr scharfes Auge hatte in
seinen bewegten Mienen gelesen, und es war klar in ihr, daß zwischen den
Brautleuten etwas vorgefallen sein mußte. Aber sie fragte nicht und sagte
nichts, ihr feinfühlender Sinn verstand die peinliche Lage, in der sich
Leo jetzt befand.
Leise summte der kupferne Teekessel, der auf dem Büffet stand, sein
eintöniges Lied, als Frau Anne jetzt herantrat und ihn von der
Spiritusflamme herunter nahm.
„Willst du nicht etwas essen, Leo?“ fragte sie.
„Danke, Mama!“
„So trinke wenigstens eine Tasse Tee,“ bat sie und goß das kochende Wasser
in die Teekanne.
„Danke, Mama,“ erwiderte er ebenso kurz und schnell wie vorhin. Dann
starrte er wieder unbeweglich in die Dunkelheit hinaus, die so
undurchdringlich war wie das Dunkel, welches Ilses Verschwinden umgab.
Heulend tobte der Sturm um das Haus, man hörte das Ächzen der schwankenden
Bäume und den strömenden Regen, der klatschend niederschlug. Das Unwetter
trug dazu bei, Leos beklommenes Herz noch schwerer zu machen. Diese
Ungewißheit über das Ausbleiben seiner Braut ertrug er nicht länger, es
wurde ihm zu heiß, zu eng hier, und er sprang so heftig empor, daß der
Stuhl, auf dem er gesessen, mit lautem Gepolter zurückflog.
„Es ist erdrückend schwül hier, findest du nicht auch, Mama?“ und ungestüm
riß er das Fenster auf, daß ihm der Regen kalt in das erhitzte Gesicht
schlug.
Unten im Hofe hörte man jetzt Stimmen durcheinander tönen, und Lichter
flackerten hin und her. Leo beugte sich hinaus und sah die Gestalt seines
Schwiegervaters, welcher hastig auf und ab schritt, ohne Hut und Mantel,
des Regens und Sturmes nicht achtend.
„Das geht nicht,“ meinte er, indem er sich nach Frau Anne umdrehte. „Papa
soll in diesem Wetter nicht mit. Ich will ihm doch sagen, daß er zu Hause
bleibt, ich werde mit den Leuten gehen.“
Frau Anne stimmte ihm bei und folgte ihm in den Hof, um auch ihren Einfluß
geltend zu machen und ihren Mann zu bewegen, daß er daheim bleiben möge.
Aber er ließ sich weder von ihr noch von Leo bereden, um keinen Preis
würde er zurück bleiben, entschied er kurz. Sein joviales, immer heiteres
Gesicht war heute durch die Angst und Aufregung förmlich verzerrt, und er
schien um Jahre gealtert zu sein.
„Adieu, Anne,“ sagte er, seiner Frau die Hand reichend, und indem er sein
Gesicht fortwandte, fügte er hinzu: „Wir wollen nun unsre arme Ilse
suchen.“