[Illustration: Cover]
[Illustration]
[Illustration: Titelseite]
TROTZKOPF’s
BRAUTZEIT
VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
ZWEITER BAND zum „TROTZKOPF“
VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK
Achtundfünfzigste Auflage
oder
Dreissigste Auflage der Wohlfeilen Ausgabe
STUTTGART
GUSTAV WEISE VERLAG
Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
[Illustration]
Ilse und Leo saßen lustig plaudernd auf der Veranda vor dem Macketschen
Hause. Der warme Mittagssonnenschein eines heiteren Oktobertages stahl
sich durch das dichte Blättergewirr des herbstlich gefärbten Weinlaubes zu
ihnen herein.
Leo Gontrau erzählte soeben von seinem Leben in der kleinen Stadt, in
welcher er als Assessor angestellt war, und nach der er Ilse im kommenden
Frühjahr als seine Frau heimführen wollte. Sie unterhielt sich köstlich
über seine ebenso drastischen wie komischen Erzählungen und sah im Geiste
die geschilderten Personen leibhaftig vor sich. Natürlich war sie schon
jetzt der Gegenstand des lebhaftesten Interesses in dem kleinen Ort und
Leo konnte nicht genug berichten, wie neugierig man sich nach ihr
erkundigte.
„Und mit all den langweiligen Tanten soll ich verkehren?“ rief sie
endlich, „mit ihnen Kaffee trinken, klatschen, womöglich grauwollene
Strümpfe dabei stricken?“ Sie warf sich in den Stuhl zurück und brach in
ein unbändiges Gelächter aus.
„Na – es wird so schlimm nicht werden, Kind, und mir zuliebe mußt du es
eben auch mal über das Herz bringen, mit alten Tanten Kaffee zu trinken.“
Das heitere Lächeln verschwand von ihrem Gesicht, und sie sah ihn erstaunt
an.
„Du meinst doch nicht im Ernst, Leo, daß ich mit allen diesen Damen
verkehren muß?“
„Ja, Schatz,“ gab er ihr zur Antwort, „das müssen wir, ich bin Beamter und
habe Rücksichten zu nehmen, das ist nun einmal nicht anders und da wird
sich denn meine kleine Frau auch fügen müssen.“
„Fügen,“ rief sie sich aufrichtend, „nein, Leo, fügen werde ich mich
nicht, besonders nicht, diese Besuche zu machen.“
„Wie kannst du dich nur so ereifern, Ilse,“ sagte er lächelnd und
schüttelte den Kopf.
„Übrigens findest du in B.... auch einige sehr nette junge Frauen, welche
dir gewiß gefallen werden.“
Sie unterbrach ihn spöttisch. „Du bist ja sehr entzückt von unsrem
künftigen Bekanntenkreis; ich muß gestehen, mich verlangt es nicht nach
Bekanntschaften, wenn wir erst verheiratet sind. Nur dir will ich leben,
weiter niemand; du aber zählst mir jetzt schon vor, mit wem ich verkehren
soll – dir liegt also nichts, gar nichts daran, mit mir allein zu sein.“
Sie sah hübsch aus in ihrer Erregung; Leo mochte sie gern so sehen, mit
funkelnden Augen und geröteten Wangen.
Zärtlich zog er sie zu sich heran und strich liebkosend über ihr Haar.
„Kleiner Brausekopf,“ sagte er, „kannst du denn nicht ruhig denken, nicht
ruhig mit mir über unsre Zukunft sprechen?“
Sein etwas überlegenes Lächeln bei diesen Worten brachte sie noch mehr aus
der Fassung.
„Ja, du natürlich fügst dich willig in alles, aber das kann und tue ich
nicht! Denke nicht, daß ich eine unterwürfige Frau werde, so eine ‚Magd‘,
wie sie Chamisso besingt.“
Trotzig warf sie die Lippen auf und zerzupfte mit solchem Eifer eine
schöne dunkle Rose, als wäre die unschuldige Blume die Urheberin ihres
Ärgers.
„Nein, nein,“ lachte er, „ich weiß, ich bekomme ein widerspenstiges
Käthchen, kein sanftes Gretchen zur Frau. Aber du weißt doch auch, Lieb,
wie Petruchio sein Käthchen bezwang, daß sie zuletzt ganz gefügig ward
und, wenn er es wünschte, die Sonne für den Mond ansah?“
Sie hörte nicht auf seine scherzenden Worte, ihre lebhafte Phantasie war
mit ihr weit fort geeilt. Sie sah sich im Geiste als junge Frau, brav und
ehrbar wie die andern Frauen, von denen ihr Leo erzählt hatte; da durfte
sie gewiß nicht scherzen, lachen und sagen, was sie wollte, mußte gute
Lehren anhören, wurde gefragt und ausgeforscht. Das würde sie aber nicht
ertragen, das ging nicht, und sie wollte sich von Leo das feste
Versprechen geben lassen, daß er sie nicht zwingen würde, diese
schrecklichen Besuche mit ihm zu machen.
Schweigend hatte der junge Mann seine Braut beobachtet und an ihrem
wechselnden Mienenspiel bemerkt, wie aufgeregt sie in ihrem Innern war.
Jetzt trat sie zu ihm heran und legte ihre Hand an seine Schulter.
„Leo, lieber Leo,“ sagte sie fast flehend, „versprich mir eins, wenn du
mich wahrhaft liebst! Laß uns, wenn wir erst verheiratet sind, ganz für
uns leben; niemand soll unser Heim sehen, niemand wollen wir besuchen, das
denke ich mir reizend; nicht wahr, Schatz, du versprichst mir das? Gib mir
die rechte Hand darauf.“
Unwillig wandte er sich ab.
„Nun kommst du wieder auf das alte Thema zurück; ich muß gestehen, du
stellst ein unvernünftiges Verlangen an mich, und ich kann dir deine Bitte
nicht erfüllen. Du mußt doch einsehen, daß es zu meiner Stellung nicht
paßt, wenn ich alle gesellschaftlichen Pflichten unbeachtet lasse! Ich
hoffe auch noch immer, du machst nur Scherz.“
„Scherz?“ brauste sie auf. „Du mußt nicht glauben, daß ich noch ein dummes
Kind bin, Leo. Ich weiß genau, was ich will, und ich sage dir vorher, ich
mache deine langweiligen Besuche nicht mit.“
Ihr alter leidenschaftlicher Trotz sprach bei diesen Worten aus ihren
Blicken, und gerade ihn, den sie so innig liebte, mußte sie damit kränken.
„Wenn du erst meine Frau bist, liebe Ilse, so wirst du dich auch nach
meinen Wünschen zu richten haben,“ gab er ihr bestimmt zur Antwort, und
sein ernster Blick richtete sich fest auf sie. Aber schon gereute ihn
seine Entschiedenheit wieder, denn er liebte seine Braut über alles, und
gerade ihr oft sprödes Wesen hatte ihn stets entzückt. Sie war ja noch ein
halbes Kind, bald wurde sie seine Frau und dann würde alles anders sein;
er kannte ja den lieben Trotzkopf.
Sie stand an die Brüstung der Veranda gelehnt und hielt die entblätterte
Rose noch immer in ihren Händen. Die braunen Locken waren ihr wirr in die
heiße Stirn gefallen, und die langen Wimpern lagen auf den tief geröteten
Wangen. Leo konnte den Blick nicht von ihr wenden, er sah nur das
liebreizende Bild vor sich, und aller Unmut war verraucht. Er sprang auf
und eilte zu ihr, seinen Arm zärtlich um ihren Nacken schlingend.
„Komm her, Lieb, setze dich wieder zu mir. Wollen wir uns um solche
Nichtigkeiten streiten, während uns eine selige, rosige Zukunft winkt?
Wenn du erst mein kleines Weib bist, dann sprechen wir wieder über diese
Sache und dann – ich weiß es – dann denkst du ganz anders darüber.“
Aus seinen schönen Augen sprach die innigste Liebe, aber Ilse war in
diesem Augenblick mit Blindheit geschlagen, sie empfand nur das Eine, – er
gab diesmal nicht nach.
Unwillig machte sie sich aus seinem Arm los und trat zurück.
„Das also ist deine Liebe,“ fuhr sie auf, „nicht den kleinsten Wunsch
erfüllst du mir. Aber ich wiederhole noch einmal, ich will mich nicht
fügen, jetzt nicht und wenn ich deine Frau bin, erst recht nicht. Nein –
ich will dich auch nicht heiraten, denn ich sehe ein, du liebst mich nicht
mehr.“ Hier brach sie in Tränen aus, in kindische, zornige Tränen. Wollte
sie ihn dadurch zwingen, ihr nachzugeben? Dieser Gedanke stieg plötzlich
in Leo auf; aber das durfte nicht, das sollte nicht sein. Mit der
wärmsten, zärtlichsten Liebe hatte er sie zu beruhigen gesucht, und immer
wieder war er auf Trotz und Widerstand gestoßen. Er war ärgerlich, sehr
ärgerlich, und sein Stolz bäumte sich in ihm auf.
„Schäme dich, Ilse,“ stieß er hervor, „du beträgst dich wie ein
ungezogenes Kind.“
In der Erregung klang seine Stimme vielleicht härter, als er
beabsichtigte, denn Ilse fuhr fast entsetzt zurück bei seinen Worten.
„Schämen!“ wiederholte sie und sah ihn ganz erstarrt an.
„Leo – Leo,“ rief sie mit zitternder Stimme, „nimm zurück, was du eben
sagtest.“
„Ich kann meine Worte nicht zurücknehmen, Ilse,“ gab er ruhig zur Antwort,
„denn du beträgst dich wirklich wie ein recht ungezogenes kleines
Mädchen.“
Das war zu viel! Ihr Atem flog, und sie war nicht fähig, ein Wort zu
erwidern. Ohne Leo noch eines Blickes zu würdigen, lief sie in das Haus
und stieß in der Türe fast mit ihrem Vater zusammen, der eben auf die
Veranda kommen wollte.
„Was hast du denn, Kind?“ fragte er, als sie so hastig an ihm
vorbeistürmte und er ihre verweinten Augen sah. Doch sie gab ihm keine
Antwort; wie ein gescheuchtes Reh lief sie die Treppen hinauf in ihr
Zimmer und riegelte die Türe fest hinter sich zu. Sie warf sich in einen
Stuhl und brach in leidenschaftliches Schluchzen aus, als wäre ihr das
größte Unglück geschehen.
„Schämen“ hatte er gesagt, und sie ein „ungezogenes Kind“ genannt. Wie
demütigend klangen diese Worte; glaubte er denn ein Schulkind vor sich zu
haben, das er nach Belieben ausschelten konnte? – Sie richtete sich auf
und preßte die Lippen fest aufeinander. Sie war kein Kind mehr, das wollte
sie ihm zeigen! Wie konnte er nur so zu ihr sprechen – fühlte er nicht,
wie furchtbar er sie kränkte? Ein neuer Tränenstrom brach aus ihren Augen,
sie legte die Hände vor das Gesicht und schluchzte bitterlich. Immerfort
tönten in ihrem Ohr die Worte: „Schäme dich, du beträgst dich wie ein
ungezogenes Kind,“ und „nein, nein, er liebt mich nicht mehr,“ antworteten
ihre Gedanken. Daß sie ihn durch fortwährenden Widerspruch erst zu dieser
Äußerung gereizt hatte, das kam ihr nicht in den Sinn, das gestand sie
sich nicht ein. Er hatte ihr großes Unrecht zugefügt, nur das empfand sie
in ihrer aufs höchste gesteigerten Aufregung. – Was sollte sie tun, was
beginnen? Wenn sie der Mama ihr Herz ausschüttete? Sie fühlte wohl, daß
diese ihr nicht recht geben würde. Wenn sie zum Papa ginge? Ja, der würde
seinen verzogenen Schützling gewiß in Schutz nehmen, aber lachend und
scherzend wie immer – und das ging nicht, dazu war die Sache zu ernst. –
Nein, es war auch am besten, wenn kein Mensch von dieser Kränkung erfuhr.
Niemand wollte sie ihr Leid klagen. Ja, wäre Nellie hier – ihr würde sie
alles anvertrauen, die würde sie verstehen. Aber die geliebte Freundin war
in weiter Ferne; ach, wie schmerzlich sehnte sie sich in diesem Augenblick
nach ihr. Sie stützte den brennenden Kopf in ihre Hand und blickte lange
sinnend vor sich hin. Nellies Bild stand lebhaft im Geiste vor ihr, sie
sah die treuen lieben Augen und hörte ihr kindlich frohes Lachen.
Könnte sie sich doch an ihre Brust lehnen, ihr alles erzählen, was sie so
schwer bedrückte! Sie kam sich verlassen und einsam vor. Niemand verstand
sie, und sie wollte auch niemand sehen mit dieser Schmach im Herzen. Leos
Bild, das vor ihr auf dem Schreibtisch stand, schien sie spöttisch
anzulächeln; sie stellte es fort, denn sie konnte diesen Blick nicht
ertragen. Die Luft in dem kleinen Zimmer kam ihr erdrückend vor, sie
konnte kaum Atem holen, und erst als sie beide Fensterflügel geöffnet
hatte und die frische Herbstluft hereindrang, wurde ihr leichter.
Die Sonne war hinter Wolken verschwunden, welche immer dunkler und
schneller herangezogen kamen und auch das letzte helle Blau am Himmel
bedeckten. Ein starker Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den
alten Bäumen, vor Ilses Augen tanzten wirbelnd welke Blätter durch die
Luft. Wie öde und unfreundlich kam ihr mit einem Male die Natur vor, und
doch hatte sie heute im sonnenhellen Lichte noch so freundlich gelächelt.
So trübselig wie draußen sah es jetzt auch in ihrem Innern aus, sie
glaubte nie wieder froh werden zu können.
Ob Leo nicht zu ihr kommen würde? Er mußte doch einsehen, welch schwere
Beleidigung er ihr zugefügt hatte. Aber wenn er jetzt käme, wenn er jetzt
an ihre Türe klopfte – nein – sie würde ihm nicht öffnen. Noch konnte sie
ihn nicht sehen und hören – noch stürmte es zu heftig in ihrer Brust, und
so leicht wollte sie ihm nicht verzeihen, er hatte es nicht verdient.
Unten im Garten knirschte der Kies unter festen Tritten, und laute Stimmen
wurden hörbar. Hatte der Papa Besuch bekommen? Sie bog sich hinaus und sah
ihn mit Leo daherschreiten, welcher lebhaft zu ihm sprach. Seine Stimme
klang ruhig ohne die mindeste Erregung, als wäre nichts vorgefallen. Jetzt
schien er sogar einen guten Witz zu erzählen, denn Herr Macket brach in
ein schallendes Gelächter aus, in welches Leo lustig mit einstimmte. Wie
ein Mißklang tönte dieses Lachen an ihr Ohr. Empört schlug sie das Fenster
zu, daß die beiden im Garten verwundert herauf sahen, – aber sie war
schnell zurückgetreten, und von neuem wurde sie von leidenschaftlichem
Zorn erfaßt. Das war zu viel! Also gleichgültig war ihm alles, er dachte
wohl gar nicht mehr daran, wie er sie gekränkt hatte. Er war zum Lachen
und Scherzen aufgelegt, während sie so schwer litt. Sie konnte das nicht
ertragen, sie wollte ihm beweisen, daß er kein Kind mehr vor sich hatte –
sie mußte ihm zeigen, daß sie sich eine solche Demütigung nicht gefallen
ließ. Ja – das wollte sie ihm zeigen! – Aber wie? Was konnte sie beginnen?
– Wie ein Blitz durchfuhr sie plötzlich ein Gedanke, an dem sie sich
zitternden Herzens festklammerte. Sie wollte fort, fliehen, dann würde er
ja wohl einsehen, daß er ihr bitteres Unrecht getan hatte. Sie sah in
ihrem törichten Sinn nicht weiter, sie dachte nicht an die Sorge, den
Kummer, den sie ihren Eltern und Leo durch einen solchen Schritt bereiten
würde. Der plötzlichen Eingebung folgte sie, ja sie kam sich in diesem
Augenblicke wie eine Heldin vor, ihr sonst so kindliches Gesicht nahm
einen entschlossenen Ausdruck an, und die Lippen waren trotzig aufeinander
gepreßt.
„Ich will fort und gleich – gleich jetzt!“ Sie sagte diese Worte laut vor
sich hin, als wollte sie sich dadurch selbst in dem Entschluß befestigen,
ihr abenteuerliches Vorhaben auszuführen. Hastig durchschritt sie das
Zimmer. Die kleine Uhr, welche auf dem Ofensims stand, fing eben an zu
schlagen; „drei – vier“ zählte Ilse. Um fünf Uhr ging ein Zug nach F., wo
Nellies Mann seit seiner Verheiratung Oberlehrer am Gymnasium war. Eine
Reise zu ihr war schon längst geplant, und Ilse hatte von den Eltern die
Erlaubnis erhalten, nach Weihnachten einige Wochen in F. zuzubringen. Der
stets sorgsame Papa hatte das Kursbuch schon genau studiert und für sie
den Zug nachmittags fünf Uhr als den besten bestimmt. Den Bahnhof
erreichte sie von Moosdorf bequem in einer halben Stunde – danach war es
aber die höchste Zeit zum Aufbruch. Die verweinten Augen wusch sie mit
frischem Wasser und ordnete ihr wirres Haar; sie setzte ihren Hut auf,
holte ihren Mantel und hing ihn über den Arm. So, nun war sie fertig; sie
dachte nicht daran, noch etwas andres mitzunehmen; sie tat alles mit einer
fliegenden Hast, als könnte es sie doch am Ende noch gereuen, den tollen
Streich beschlossen zu haben. Zum Glück fiel ihr im letzten Moment, als
sie schon die Türklinke in der Hand hielt, ein, daß sie auch Geld haben
müßte. Sie ging zurück und schloß ihren Schreibtisch wieder auf. Aus einem
Kästchen nahm sie 30 Mark, die ihr der Papa erst gestern schenkte, weil
sie irgend eine Dummheit begangen hatte, welche ihn entzückte und die er
unbedingt belohnen mußte. Sie steckte das Portemonnaie in die Tasche und
ging nun schnell zur Türe hinaus und die Treppe hinab. An der Haustür
blieb sie zögernd und tiefaufatmend stehen. Lucies Bild trat ihr plötzlich
deutlich vor Augen, mahnend schien es ihr zuzurufen: „Kehre um, kehre um!“
Fast war es, als würde sie schwankend in ihrem Entschlusse, denn auf ihrem
Antlitz spiegelten sich bange Zweifel, aber Leos Bild drängte sich
dazwischen, sie sah sein heiteres Antlitz, hörte sein ausgelassenes Lachen
– und „fort! fort!“ rief es nun in ihrem Innern. Lucie hatte keine Gewalt
mehr über sie, ihr ungestümer Sinn trieb sie zu einer Torheit, welche ihr
die bittersten Stunden ihres Lebens bereiten sollte. Hätte sie ihren
Bräutigam betrübt und niedergeschlagen gesehen, vielleicht würde sie
diesen folgenschweren Schritt nie gewagt haben; aber er lachte ja und war
vergnügt, – nichts hätte sie mehr darin bestärken können, ihr Vorhaben
auszuführen, als sein harmloses Lachen.
Sie horchte, – nichts regte sich im Hause, die Mama war bei dem Brüderchen
im Kinderzimmer; vor einer Begegnung mit ihr war sie also sicher. Durch
ein Fenster spähte sie in den Garten – er war leer, die beiden Herren
schienen weiter gegangen zu sein. Über den Hof konnte sie unbehindert
gehen; die Mägde und Knechte waren draußen beschäftigt, die übrige
Dienerschaft war in den Wirtschaftsräumen, welche auf der andern Seite des
Hauses lagen.
Sie wollte niemand begegnen; es war ihr, als könnte man es auf ihrer Stirn
lesen, was sie vorhatte. Deshalb lief sie schnell über den Hof durch das
Tor auf die Dorfstraße und schlug den Weg zum Bahnhof ein. Wie ein
gehetztes Wild floh sie dahin und wagte nicht, nach dem Hause
zurückzublicken; nur von Zeit zu Zeit sah sie ängstlich zur Seite, ob auch
keiner sie bemerkte. Es begegneten ihr einige Bauernfrauen, welche sie gut
kannte, und die sie schon von weitem grüßten, denn sie war im Dorfe bei
alt und jung beliebt. Heute dankte sie nur flüchtig für die freundlichen
Grüße und eilte scheu an den Leuten vorbei; sie fühlte, daß ihr eine
brennende Röte in die Wangen stieg, und sie kam sich wie eine ertappte
Sünderin vor. Der Gedanke an das erlittene Unrecht beflügelte ihre
Schritte, sie lief auf Koppelwegen durch die Felder, den aufgeweichten
Boden nicht achtend, der sich schwer an ihre Sohlen hing. Aus den Stoppeln
flog bei ihrem Nahen mit lautem Gekreisch eine Schar Krähen in die Höhe,
und ängstlich erschrocken zuckte sie zusammen. Endlich sah sie von weitem
das rote Bahnhofgebäude schimmern, und in kurzer Zeit hatte sie es atemlos
erreicht.
Mit unsicherer Stimme forderte sie am Schalter eine Fahrkarte nach F. und
setzte sich in das kleine, halbdunkle Damenwartezimmer an das Fenster. Der
Zug mußte in wenigen Minuten eintreffen; sie wollte aber den Perron nicht
eher betreten, bis er da war, aus Furcht, sie könnte noch Bekannte
treffen. Richtig, da kam auch schon jemand, den sie kannte. Es war der
dicke Oberförster, ein alter Freund ihres Vaters, der mit einem Herrn auf
und ab ging; wahrscheinlich hatte er denselben zur Bahn gebracht. Sie
drückte sich ganz in die Ecke, als die beiden am Fenster vorbeigingen.
Wenn sie nun nachher nicht unbemerkt an ihm vorübergehen konnte, dachte
sie ängstlich, und wenn er sie fragte, wohin sie reisen wolle, was sollte
sie ihm antworten? Dieser peinvollen Ratlosigkeit machte der langgezogene
Pfiff des erwarteten Zuges ein Ende; wenige Augenblicke darauf stand er
vor dem Bahnhofgebäude still. Zitternd erhob sich Ilse und ging hinaus.
Der dicke Oberförster unterhielt sich jetzt eingehend mit dem
Bahnhofinspektor und wandte ihr glücklicherweise den Rücken zu. Sie trat
schnell an den nächsten Schaffner heran und ließ sich von ihm ein
Damencoupé anweisen. Ihr Herz schlug rasch, und es wurde ihr beklommen zu
Mute, als sie einstieg; sie war froh, daß das Coupé leer war, denn sie
hätte jetzt keinem Menschen frei ins Gesicht sehen können. Die Türen
wurden zugeschlagen, noch ein Hin- und Herlaufen, dann läutete die Glocke
zur Abfahrt, ein schriller Pfiff ertönte und die Wagen setzten sich
langsam in Bewegung. Sie wagte es nicht, aus dem Fenster zu sehen, denn
die Stimme des Oberförsters war immer noch deutlich vernehmbar. Erst als
der Zug im schnellen gleichmäßigen Tempo dahinfuhr, stand sie auf und trat
an das offene Fenster; die frische Luft wehte ihr erquickend um die
Schläfen und kühlte ihr den fieberheißen Kopf. Mehr und mehr entschwand
die heimatliche Gegend ihren Blicken, sie kannte schon keins der Dörfer
mehr, an denen sie vorbeiflog. Wie es wohl jetzt daheim aussah, ob sie
ihre Flucht schon bemerkt hatten? Im Geiste sah sie die bestürzten
Gesichter ihrer Eltern – der Papa würde außer sich sein. In ihrer
Aufregung hatte sie daran noch nicht gedacht, aber mit einem Male stieg
dieser Gedanke qualvoll in ihr auf. War es nicht unrecht, die Eltern so zu
ängstigen? Sie nahm sich vor, sofort nach ihrer Ankunft bei Nellie einen
langen Brief an sie zu schreiben, sie um Verzeihung zu bitten und ihnen zu
sagen, daß sie nicht anders habe handeln können. Was würde aber Leo zu
ihrer Flucht sagen? Sie dachte mit einer gewissen Genugtuung daran, wie er
nun doch einsehen müßte, daß sie einen festen Willen besaß, und ausführte,
was sie wollte. Nun würde er wohl eine andre Meinung von ihr bekommen.
[Illustration]
Wie konnte er sie nur so tief kränken, wenn er sie wirklich liebte – sie
vermochte es nicht zu fassen. Er war doch sonst nie so hart gegen sie
gewesen, und sie hatten sich schon so oft gestritten. Bis jetzt fügte er
sich stets ihrem Willen, so oft sie ihn auch schon im tollen Übermut
herausgefordert hatte; warum erfüllte er ihr heute nicht den kleinen
Wunsch? Warum betonte er immer wieder, daß er als Beamter Rücksicht zu
nehmen habe? Das klang so unterwürfig, so demütig; sie wollte ihn stolz
haben, über alles Kleinliche erhaben.
Wie fing der dumme Streit denn nur eigentlich an? Sie waren ja so lustig
gewesen und hatten von der Zukunft geplaudert; in einem halben Jahre, im
Frühling sollte ja die Hochzeit sein. Leo war in dem nahen B. als Assessor
angestellt und arbeitete schon seit einigen Wochen am dortigen
Landgericht. Meistens besuchte er Sonntags seine Braut und scherzend
erzählte er ihr dann von seinen Erlebnissen, von den Bekanntschaften,
welche er gemacht hatte. Komisch und naturwahr schilderte er die Fehler
und Schwächen von allen, was Ilse den größten Scherz bereitete. Da war die
Frau Amtsrichter, welche alle jungen Ehepaare unter ihre Fittiche nahm und
die Ansicht hatte, daß sich die jungen Frauen entschieden dem Rate der
älteren „fügen“ müßten. Dann die Frau eines Arztes, die Neugierige, welche
nicht ruhte noch rastete, bis sie die täglichen Neuigkeiten glücklich
eingesammelt hatte. – Leo erzählte, wie er ihren Angriffen auf ihn stets
geschickt ausgewichen wäre und daß es ihr nicht gelungen sei, auf ihre
vielen Fragen über seine Braut, seine künftige Einrichtung und dergleichen
eine Antwort zu erhalten. Er ahmte dabei das vor nervöser Ungeduld
unruhige und bewegliche Mienenspiel der Dame so treffend nach, daß Ilse
gar nicht aus dem Lachen kam. Heute hatte er zum erstenmal erwähnt, daß
sie sich bald selbst von der Wahrheit seiner Schilderungen überzeugen
könnte, denn alle diese Familien würden sie besuchen, teilweise auch mit
ihnen verkehren.
Damit hatte der Streit angefangen. Er habe Rücksichten zu nehmen, hatte er
gesagt, und das wollte sie nicht gelten lassen, ihr künftiger Mann sollte
und brauchte das nicht. Die kleine Ilse hatte noch keine Ahnung von der
Welt, wie oft und wie viel der Mensch, welcher etwas erreichen will,
Rücksichten nehmen muß. Ihre Wege waren bisher stets geebnet gewesen, und
deshalb wollte es ihr durchaus nicht in den Sinn, warum sie und Leo
künftig nicht ganz nach ihrem Gefallen leben könnten.
Ob sich wohl Nellie in allem ihrem Manne fügte? Gewiß nicht, und Dr.
Althoff war kein Tyrann, das wußte sie. Die liebe einzige Nellie! – Ilse
konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie als junge Frau sein würde. Wie
herzlich hatte sie sich auf ein Wiedersehen mit ihr gefreut, und
schrecklich war es, daß sie nun als eine Fliehende mit tief betrübtem
Herzen zu ihr kam. Sie war so glücklich gewesen – und jetzt? Wieder
füllten sich ihre Augen mit Tränen, welche langsam über ihre Wangen
rollten. Sie kam sich so bedauernswürdig vor, als wäre sie hinausgestoßen
in die weite Welt, und nicht als hätte sie nur ihre eigene unglückselige
Laune zu diesem Schritte getrieben.
Die Dämmerung brach jetzt mit aller Macht herein und breitete ihre dunklen
Schatten immer tiefer über die herbstliche Natur. Nur nebelhaft noch waren
die Gegenstände zu erkennen, die vor Ilsens Augen auftauchten, um schnell
wieder zu verschwinden. Einzelne Regentropfen schlugen trübselig gegen das
Fenster, und das einförmige Geräusch der Räder wirkte fast betäubend auf
sie. Ein unbehagliches Frösteln stellte sich ein, furchtsam blickten ihre
Augen in dem halbdunklen Coupé umher; das unheimliche Gefühl des
Alleinseins überfiel sie mit einem Male, und ihr Heldenmut sank immer
tiefer. Unbeweglich saß sie in ihre Ecke gedrückt, ihre Aufregung
steigerte sich von Minute zu Minute. Wie spät mochte es denn sein? Sie zog
ihre Uhr hervor und konnte nur mühsam entziffern, welche Zeit es war. –
Gott sei Dank, die Hälfte der Fahrt hatte sie hinter sich, schon zwei
Stunden war sie unterwegs. Sie waren ihr schnell vergangen, aber nun mußte
sie noch eine ebenso lange Zeit ausharren, bis sie in F. eintraf. Gegen
neun Uhr sollte der Zug dort sein – es wurde gewiß sehr spät, bis sie bei
Nellie war. Ob Althoffs wohl weit vom Bahnhof entfernt wohnten? – Wenn sie
dieselben nur zu Hause traf! Oder – ihr Herz pochte stürmisch bei diesem
Gedanken – wenn sie vielleicht noch verreist wären? Die Herbstferien waren
erst in diesen Tagen zu Ende. Nellie schuldete ihr seit einiger Zeit einen
Brief, und sie wußte deshalb nichts Näheres von ihr. O Gott, was sollte
sie dann beginnen, allein in der fremden Stadt? Sie konnte doch in kein
Gasthaus gehen und ein Zimmer fordern? Das ging nicht, das würde sie nie
tun! Aber wo sollte sie in der Nacht bleiben? Dieser Gedanke bereitete ihr
entsetzliche Qualen, und zum ersten Male gelangte sie zu dem vollen
Bewußtsein, wie abenteuerlich ihr Unternehmen war. Sie fing in ihrer
Herzensangst an zu weinen. Fast empfand sie Reue; wie behaglich und
sorgenlos könnte sie jetzt zu Hause sein, und mußte nun statt dessen in
die dunkle Nacht hinein fahren mit einem Herzen voll Angst und Bangen.
Auf der nächsten Station fragte sie den Schaffner, welcher Licht in dem
Coupé anzündete, wie lange sie noch bis F. zu fahren hätte. „Noch vier
Haltestellen,“ brummte er unfreundlich, und Ilse wagte keine weiteren
Fragen. Die Helle im Coupé machte wenigstens ihrer Furcht ein Ende, sie
konnte nun deutlich erkennen, daß auf den Polstern neben ihr und gegenüber
niemand weiter saß, wie sie vorhin in ihrer Furchtsamkeit geglaubt hatte.
Sie freute sich, wenn wieder eine Station vorüber war, und alle
Augenblicke sah sie nach der Uhr, ob der Zeiger noch nicht weiter
vorgerückt war. – Jetzt hatte der Zug zum letztenmal gehalten, noch eine
kurze Zeit und sie war da. Ungeduldig ging sie auf und ab, krampfhaft den
Schirm in der Hand haltend, mit dem Mantel über dem Arm. Unaufhörlich
schlug jetzt der Regen gegen das Fenster, stockdunkel war es draußen, und
nur hier und da blitzten in der Ferne Lichter auf. Fast wünschte Ilse, es
wäre auf der letzten Strecke jemand eingestiegen, der ihr möglicherweise
Auskunft über die Althoffsche Wohnung hätte geben können. Und doch wieder
war sie ganz froh, allein geblieben zu sein, weil sie fühlte, daß sie ihre
Aufregung nicht verbergen könnte.
Endlich ertönte der lang anhaltende Pfiff der Lokomotive, und mit
zitternder Ungeduld sah sie ihrer Erlösung entgegen; der Zug war in die
Bahnhofhalle eingefahren und hielt jetzt still. Neugierig spähte Ilse
durch das Fenster auf den erleuchteten Perron, wo eine Menge Menschen
standen. Die Türe wurde geöffnet, und sie stieg aus. Ängstlich sah sie
sich um, die vielen lauten Stimmen, das Gedränge und Hinundherstoßen
machten sie ganz beklommen. Bunte Studentenmützen konnte man überall aus
dem Gewühl hervorleuchten sehen. Scheu wich sie denselben aus, denn sie
dachte noch mit Schrecken an ihre Studenten-Begegnung bei ihrer Abreise
aus der Pension.
Als sie einen Bahnbeamten nach einem Gepäckträger fragte, wies sie der
vielbeschäftigte Mann nach dem Ausgang der Halle, und sie drängte sich
glücklich bis dahin durch. Sie sah sich suchend um und war froh, als sie
ganz in der Nähe noch einen Mann mit blauem Kittel und einer
Gepäckträgermütze entdeckte. Sie trat auf ihn zu und fragte, ob er die
Wohnung von Dr. Althoff wüßte. Er rührte sich nicht aus seiner Stellung;
faul, beide Hände in den Hosentaschen, stand er an die Mauer gelehnt und
glotzte sie mit verglasten Augen an; ein widerwärtiger Branntwein-Geruch
stieg ihr unter die Nase. Sie mußte ihre Frage wiederholen, und diesmal
schien er sie wirklich verstanden zu haben, denn er setzte sich statt
aller Antwort langsam in Bewegung; ein Wink mit der Hand machte ihr klar,
daß sie ihm folgen solle.
Bedenklich schwankend ging ihr Führer voran, Ilse angstvoll hinterher. Der
Mann war ja total betrunken, er taumelte hin und her und konnte nur mühsam
das Gleichgewicht halten. Wenn er sie nur nicht den verkehrten Weg führte!
Sie wollte ihn aber nicht noch einmal nach der Wohnung fragen, denn sie
war sicher, doch keine verständliche Antwort zu bekommen. So waren sie
schon eine ganze Strecke zusammen gegangen durch enge, winklige, schlecht
erleuchtete und gepflasterte Straßen, in denen der strömende Regen große
Pfützen gebildet hatte. Den besten Weg schien der Betrunkene auch nicht
gewählt zu haben; unbekümmert um den gräßlichen Schmutz und die großen
Wasserlachen, in welche er mitten hinein patschte, so daß Ilse vor den
nach allen Seiten spritzenden Tropfen ausweichen mußte, trottete er
weiter. Ihre Unruhe wuchs immer mehr. Wohin führte er sie eigentlich? In
einer dieser schmalen, übelriechenden Gassen würden Althoffs doch
schwerlich wohnen. Sie faßte sich schließlich ein Herz und fragte ihren
stummen Begleiter, ob sie nicht bald da wären. Sein aufgedunsenes Gesicht
drehte sich zu ihr herum, und seine Augen sahen sie keineswegs
liebenswürdig an.
„Können Se nich die Zeit abwarten, dann loofen Se doch allene,“ – bellte
er mit unsicherer Stimme.
Erschreckt wich Ilse zurück; wenn das der Papa wüßte, daß dieser
betrunkene Mann jetzt ihr einziger Schutz war, er würde außer sich sein.
Wie sorgsam wurde sie stets behütet, und hier war sie ganz allein in einer
fremden Stadt.
Endlich erreichten sie eine besser beleuchtete breite Straße, und Ilse
fiel es wie ein Stein vom Herzen, als sie diese menschenleeren,
unheimlichen Gegenden verließen. Die Straße führte auf einen großen Platz,
den sie überschritten, worauf sie wieder in eine schmalere Straße
einbogen. Hier schienen sie in dem Villenviertel zu sein, denn die Häuser
zu beiden Seiten hatten Vorgärten, wie Ilse trotz der Dunkelheit erkennen
konnte. Neugierig sah sie in die hellen Fenster, an denen sie vorbeikamen,
denn in dieser Straße wohnte gewiß Nellie. Sie dachte sich das bestimmt,
wagte aber nicht danach zu fragen. Ihre Sehnsucht nach Nellie und ihre
Ungeduld wuchsen immer mehr, seufzend ging sie weiter, es kam ihr vor, als
nähme dieser Weg kein Ende. Endlich blieb der Mann vor einer eisernen
Gittertür stehen und wies auf ein Haus im Hintergrund – „da“, sagte er
lakonisch und streckte ihr zugleich die Hand verlangend entgegen. Ilse
griff in die Tasche und nahm ihr Portemonnaie hervor, das er mit
geldgierigen Blicken betrachtete. Sie gab ihm in ihrer Angst ein
blitzendes Fünfmarkstück, nur um ihn los zu werden. Der über Erwarten
reichliche Lohn stimmte ihn doch etwas freundlicher. Er öffnete ihr mit
großer Ungeschicklichkeit die Tür, und Ilse ging schnell hinein. Sie
bemerkte nicht mehr, welche verzweifelte Anstrengung er machte, sich von
ihr zu verabschieden, indem er seine Mütze abnehmen wollte. Einigemale
griff er vergebens danach, und als er sie glücklich gepackt hatte, entfiel
sie seiner Hand. – Fluchend bückte er sich nach ihr und ließ die Türe mit
lautem Krach ins Schloß fallen, daß Ilse heftig zusammenschrak.
Zögernden Fußes hatte sie den kleinen Vorgarten durchschritten, und blieb
vor der Haustür stehen – zitternd und zagend! Die Fenster in der
Parterrewohnung, welche Althoffs bewohnten, waren bis auf zwei
unbeleuchtet. Vergebens spähte Ilse durch die Vorhänge, ob sie nicht eine
Gestalt erblicken oder Stimmen hören könne. Aber nichts regte sich, alles
blieb still.
Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Ach, wäre sie nur erst bei Nellie,
und wäre doch der Augenblick des Wiedersehens erst überstanden! Sie konnte
sich nicht entschließen, die Glocke zu ziehen, sondern blieb wartend, ob
nicht jemand käme, an der Türe stehen. Einförmig tönte das
Regengeplätscher fort; sie fühlte sich bis auf die Haut durchnäßt, denn in
ihrer Aufregung hatte sie nicht daran gedacht, sich den Mantel anzuziehen,
der nun schwer vom Regen über ihrem Arm hing. – Ihre Füße waren eiskalt,
dazu kam ein Gefühl der Nüchternheit, denn sie hatte seit Mittag nichts
genossen.
Länger konnte sie es so nicht mehr aushalten. Ach Gott, kam denn kein
Mensch, sie aus ihrer Pein zu erlösen? Erschöpft lehnte sie sich an die
Mauer. Endlich hörte sie im Hause Stimmen. Vorsichtig beugte sie sich vor
und sah durch das Fenster in der Haustüre, wie Nellie mit ihrem Mann aus
einem der Zimmer heraustrat. Sie holte erleichtert Atem, als sie das
treue, liebe Gesicht der Freundin wiedersah, und wäre am liebsten sofort
zu ihr geeilt, aber Dr. Althoffs Anwesenheit hielt sie zurück. Er schien
fortgehen zu wollen, wie sie zu ihrer größten Beruhigung bemerkte, denn er
hatte Hut und Schirm in der Hand. Arm in Arm ging das junge Ehepaar bis
zur Treppe, dann beugte sich Dr. Althoff zu Nellie herab und küßte sie.
Glückstrahlend sah sie zu ihm auf, und er streichelte zärtlich ihr
liebliches Gesicht.
„Adieu, Liebste,“ hörte ihn Ilse deutlich sagen, „ich gehe jetzt. Spät
werde ich nicht zurückkehren.“
Nellie nickte ihm herzlich zu.
„Ich schlafe gewiß schon, wenn du heimkommst,“ sagte sie, „ich bin sehr
schläfrig diesen Abend.“
Sie blieb an der Treppe stehen, bis er aus der Türe verschwunden war. –
Ilse war bei seinem Kommen schnell zurückgefahren und hatte sich hinter
ein dichtes Gebüsch geflüchtet. Jetzt ging er durch die Gartenpforte;
zugleich öffnete sich eines der erleuchteten Fenster und eine Gestalt ward
in demselben sichtbar. Es war Nellie, welche ihrem Manne noch zunickte und
ihm nachsah, bis er verschwunden war.
Ilse horchte atemlos, bis seine Schritte in der Ferne verhallt waren. Sie
war seelenfroh, Nellie allein zu treffen, denn Dr. Althoff ihre Flucht
einzugestehen –, es wurde ihr jetzt erst klar, wie beschämend das für sie
gewesen wäre. Nellie konnte sie nun in Ruhe alles erzählen, und diese
sollte ihr fest versprechen, ihrem Manne nichts davon zu sagen. Und nun
faßte sie sich ein Herz und zögerte nicht länger mehr, sich Nellie
bemerkbar zu machen. Aus ihrem Versteck hervortretend, rief sie schüchtern
deren Namen. Erschrocken zuckte die junge Frau zusammen und, als sie Ilse
erkannte, welche in dem matten Lichtschein, den das helle Fenster in den
Garten warf, leibhaftig vor ihr stand, schrie sie laut auf. Sie war
leichenblaß geworden, und ihre Augen blickten so starr, als sähe sie einen
Geist vor sich.
„Nellie,“ rief Ilse noch einmal leise, und nun kam jene, so schnell sie
ihre zitternden Füße trugen, zum Hause heraus gelaufen, vor welchem ihr
Ilse in die Arme stürzte.
„Um Gottes willen, Ilse, wo kommst du her?“ brachte sie atemlos hervor.
„Meine einzige Nellie,“ das war alles, was Ilse sagen konnte, während die
Aufregung und die körperliche Anstrengung der letzten Stunden sich in
einem krampfhaften Schluchzen auflösten.
Nellie führte sie in das Zimmer, selbst nicht fähig ein Wort zu sprechen.
Sie nahm der heftig Weinenden Hut und Mantel ab und führte sie zum Sofa.
Auf keine ihrer eindringlichen Fragen bekam sie eine Antwort, ratlos stand
sie neben der Freundin und betrachtete sie voll Entsetzen. Was war denn
nur geschehen, wie sah Ilse aus? Ihr nasses Kleid war über und über
beschmutzt und die vor Feuchtigkeit tropfenden Haare hingen ihr aufgelöst
in die Stirn. Nellie nahm ihr Taschentuch und trocknete damit das wirre
Haar, dann setzte sie sich still neben die Freundin und lehnte ihren Kopf
an deren Schulter.
So saßen sie eine Weile wortlos nebeneinander.
Endlich fragte Nellie leise: „Ilse, süßer _darling_, was ist mit dich
passiert, wie kommst du hierher?“
Die hellen Tränen schimmerten bei diesen Worten in ihren Augen, ihr
weiches Herz wurde von dem Jammer der Freundin so gerührt, daß ihre Stimme
bebte. Sie streichelte Ilses Hände und nannte sie mit den zärtlichsten
Schmeichelnamen. Alle Versuche sie zu beruhigen, zum Sprechen zu bringen,
halfen nichts. Sie wußte nicht mehr, was sie anfangen sollte, die kleine
Frau, und hilflos sah sie sich um. Ihr praktischer Sinn gab ihr
schließlich das Richtige ein; sie stand auf und schenkte am Büffet ein
Glas Wein ein, welches sie Ilse brachte.
„Trink, Kindchen,“ sagte sie, das Glas an Ilses Lippen setzend, „das wird
dich gut tun. O, nur ein kleiner Schluck, mehr will ich dich auch nicht
quälen,“ bat sie schmeichelnd, als Ilse das Glas zurückschob und ablehnend
mit dem Kopf schüttelte.
„Du mußt, _darling_,“ entschied sie endlich kurz, und jetzt widersetzte
sich Ilse auch nicht länger, nahm das dargebotene Glas und trank es in
hastigen Zügen leer. Nellie trug es auf das Büffet zurück.
„Fühlst du dich wohler?“ fragte sie teilnehmend und setzte sich wieder
neben Ilse, welche sich in die Sofaecke zurückgelehnt hatte und mit dem
Taschentuch ihr Gesicht bedeckt hielt. Auf Nellies Frage nickte sie mit
dem Kopf. Die junge Frau seufzte leise. Wenn sie doch endlich einmal ein
Wort spräche, dachte sie, denn Ilses Schweigen wurde nachgerade
unheimlich. Unruhig rückte Nellie hin und her; was mochte denn nur
vorgefallen sein, daß sich die Freundin gar nicht fassen konnte?
„Lieb Ilschen,“ sagte sie endlich und griff nach ihrer Hand, „sieh mich
doch einmal an, weißt ja noch garnicht, wie ich mir als würdiges Hausfrau
ausnehme.“ Sanft zog sie dabei Ilse die Hand vom Gesicht fort. „O sieh
doch her,“ bat sie und beugte sich vor, um ihr in die Augen zu sehen, „du
wirst in dies brave, ehrbare Gestalt deine Nellie nicht wieder erkennen.
Alles Dumme ist aus mein Sinn heraus, ich bin ein vernünftiges, kleines
Hausfrau geworden.“
Sie sagte das so drollig, und Ilse sah, als sie aufblickte, in so
schelmische Augen, daß sie nicht widerstehen konnte und durch Tränen
lachend die Arme um Nellies Hals schlang. Erleichtert atmete diese auf,
denn das wortlose Schluchzen war ihr zu schrecklich gewesen. Sie küßte die
Freundin innig und streichelte liebkosend ihre heißen Wangen.
„Armes _darling_, wie erhitzt hast du dir und wie elend siehst du aus. Ich
werde dir ein wenig Essen holen, sonst habe ich eine kranke Ilse. Bleib
hier nur sitzen, gleich bin ich wieder zurück,“ sagte sie und stand auf.
[Illustration]
„Bitte, bitte, Nellie, geh nicht fort,“ bat Ilse und hielt sie am Arm
fest, „ich bin ja garnicht hungrig, ich kann nicht essen, wirklich nicht.“
„Du wirst dich zwingen, nur einige Bissen mußt du essen.“ Mit diesen
Worten machte sie sich von Ilse los und ging hinaus, um sehr bald mit
einem Präsentierbrett zurückzukommen, auf welchem ein Teller mit
appetitlich belegten Brötchen stand. Sie rückte ein kleines Tischchen an
Ilses Seite, das sie flink und zierlich deckte.
„Wirklich, ich kann nichts essen,“ beteuerte Ilse wieder, als Nellie sie
zum Zugreifen einlud. Aber ihr Sträuben half ihr nichts, wohl oder übel
mußte sie essen; bald schmeckte es ihr auch vortrefflich, und sie speiste
mit großem Appetit. Befriedigt sah ihr Nellie zu und nötigte sie immer von
neuem.
„Du, nun kann ich aber nicht mehr,“ sagte Ilse endlich und schob den
Teller zurück, „ich bin furchtbar satt.“
Nellie stellte das Tischchen zur Seite und ließ sich auf einem kleinen
Schemel nieder, den sie dicht neben das Sofa schob. Ihre beiden Hände
legte sie in Ilses Schoß und sah fragend zu ihr empor. Ilse verstand die
stumme Frage in ihren Augen, es wurde ihr aber doch schwerer, als sie
gedacht hatte, Nellie eine Aufklärung über ihre Flucht zu geben. Seufzend
lehnte sie sich zurück und sah vor sich hin.
„Lieb Ilschen,“ sagte Nellie leise und fuhr bittend und zögernd fort:
„Willst du mir nicht erzählen, warum du in die dunkle Nacht zu uns kommst?
_Darling_, schütte dein armes Herz in mich aus.“
Da richtete sich Ilse heftig auf.
„Nellie, ach, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin!“ rief sie
leidenschaftlich. „Leo liebt mich nicht mehr, er hat mich nie geliebt!
Seine Sklavin soll ich werden, keinen freien Willen haben, mich immer
fügen, und das kann ich nicht, das tue ich nicht, ich lasse mich von ihm
nicht wie ein Kind behandeln, ich bin erwachsen und – und –“ hier stockte
ihre Stimme unter hervorbrechenden Tränen, die Erinnerung an das erlittene
Unrecht brachte sie von neuem in Aufregung.
„O, bitte Kind, beruhige dir,“ bat Nellie, „kannst du mir jetzt deine
Geschichte noch nicht erzählen, so warte ich bis morgen. Weine nicht mehr,
armes _darling_.“
Doch unaufhaltsam flossen Ilses Tränen. Nellie war aufgestanden und nahm
einen Leuchter vom Tisch, den sie anzündete. Sie wußte jetzt genug und
drang deshalb nicht weiter in Ilse. Also ein Streit mit Leo war die
Ursache ihrer Flucht! Aber wie konnte sich Ilse zu solchem Streite
hinreißen lassen! Sie war aufs höchste erschrocken, bezwang sich aber,
möglichst ruhig zu erscheinen, so sehr sie auch über die kühne Tat ihrer
Freundin innerlich erregt war.
„Komm, Ilse,“ sagte sie, „ich führe dich in dein Zimmer und du legst dir
schlafen. Rieke macht dein Bett schon in Ordnung; ich habe ihr gesagt, du
hättest mich mit deiner Ankunft überrascht. Aber sie darf dich so mit
deinen Tränen nicht sehen, sonst glaubt sie mich meine Lüge nicht.“ Damit
zog sie Ilses Arm durch den ihrigen und führte sie in ein erleuchtetes
Zimmer, wo ein helles Feuer im Ofen knisterte.
„Ach, wie gemütlich ist es hier, Nellie,“ rief Ilse unwillkürlich aus und
sah sich neugierig in dem Raume um. Wie freundlich und einladend war hier
alles! Zu der hellgeblümten Tapete paßten die Gardinen, und der zierliche
Toilettentisch war so duftig und graziös aufgesteckt, daß Ilse sofort
erriet, nur Nellie könne dieses Werk geschaffen haben.
„Reizend ist es bei dir, Nellie, alles so blendend sauber und fein,“ sagte
sie wieder bewundernd und betrachtete die Fläschchen und Büchsen von
glänzendem Kristall, welche die Toilette zierten.
„Ich sagte dich ja schon, daß ich ein braves Hausfrau geworden bin,
sittsam und ordentlich wie unsre artige Rosi; du wirst große Wunder an mir
erleben,“ erwiderte Nellie, und der Schelm lachte aus dem Grübchen in
ihrer rosigen Wange.
„Du einzige Nellie, du bist doch noch ganz wie früher, wie furchtbar lieb
habe ich dich, am allerliebsten auf der ganzen Welt.“
„O nein, so darfst du nicht sprechen, Ilse; deinen Bräutigam mußt du am
liebsten auf die ganze Welt haben, dann deine lieben Eltern, und zuletzt
kommt erst Frau Elinor nebst Gemahl.“ Um Ilses Mund zuckte es spöttisch,
und eine bittre Antwort drängte sich auf ihre Lippen, aber sie bezwang
sich und schwieg. Nellie sollte nur wissen, wie sie ihr Bräutigam
behandelt hatte! Konnte er da noch ihr Liebstes auf der Welt sein?
Nellie hatte die Gardinen am Fenster zugezogen und trat nun wieder zu
Ilse.
„So, jetzt ist alles fix und fertig, nun schnell in deine Bett. Komm, ich
helfe dich.“
Als sich Ilse niedergelegt hatte und es ihr ersichtlich behaglicher zu
Mute wurde, ergriff sie Nellies Hand.
„Jetzt will ich dir auch beichten,“ sagte sie, und als Nellie meinte, sie
solle das am andern Tage tun, denn sie würde sich wieder zu sehr aufregen,
bat sie flehentlich, sie doch anzuhören.
„Ich kann nicht schlafen, Nellie, wenn du nicht alles weißt!“ rief sie und
erzählte ausführlich alle Einzelheiten des Streites mit Leo und ihrer
Flucht. Ihre Wangen glühten beim Sprechen vor Eifer und Zorn, und sie
wunderte sich nur, daß Nellie nicht fortwährend in lautes Bedauern über
ihr trauriges Schicksal ausbrach. Die Freundin sah schweigend vor sich
hin, denn sie war entsetzt über Ilses abenteuerlichen Streich und
durchschaute klar, daß dieselbe im Unrecht war. Wie hatte sie nur so
unüberlegt handeln können! Sie zitterte bei dem Gedanken an die vielen
unglücklichen Stunden, welche diese Tat der Freundin noch bereiten würde.
„Nicht wahr, Nellie, so durfte mich Leo nicht beleidigen, wenn er mich
wahrhaft lieb hat, – was sagst du dazu?“ fragte Ilse schließlich, als
Nellie sinnend dasaß, und sah ihr dabei forschend ins Gesicht.
„Ich sage garnichts diesen Abend, Kind,“ erwiderte sie ausweichend, denn
sie wußte, daß eine ehrliche Antwort Ilse in ihrer jetzigen Stimmung nur
kränken würde; gegen ihre Überzeugung aber wollte sie auch nicht sprechen.
Als sie in Ilses Zügen eine Enttäuschung bemerkte, streichelte sie
zärtlich ihre Stirn. „Du mußt jetzt schlafen, klein Ilschen, deine Augen
haben eine so müde Aussicht. Morgen früh sprechen wir über deine Sache,
nicht wahr? – Gute Nacht, _darling_.“ Mit diesen Worten erhob sie sich, um
jedes weitere Gespräch abzuschneiden.
„Ruhe dir schön aus, mache die Augen zu und nicht eher auf, bis morgen
früh; du brauchst dich nicht zu fürchten, in das andre Zimmer daneben
schlafen Fred und ich und hören, wenn du rufst. Ich muß jetzt gehen, denn
kommt der liebe Mann nach Hause und findet mich noch wachsam, so macht er
ein böses Gesicht.“
„Nellie!“
„Ja, Ilse, was soll ich?“
„Bitte, bitte, Nellie, versprich mir eins.“
„Was soll ich dir versprechen, _darling_?“
„Sage deinem Manne nicht, daß ich geflohen bin, ich müßte mich ja zu Tode
vor ihm schämen.“
„Nein, Ilschen, beruhige dich, er wird nichts wissen. Ich sage ihm, wie
ich Rieke erzählte, daß du mich eine kleine Überraschung bereitet hast.“
Im stillen lächelte sie über die naive Ilse, welche noch ohne Ahnung war,
daß Mann und Frau keine Geheimnisse vor einander haben. Natürlich würde
sie Fred alles erzählen, noch heute Nacht, und mit ihm beraten, was hier
zu tun ist. Sie nahm das Licht, nickte Ilse herzlich zu und ging hinaus.
In der großen Aufregung, in der sie sich befand, war sie nicht imstande,
sich zur Ruhe zu begeben. Vor ihrem Nähtisch, der im Eßzimmer am Fenster
stand, setzte sie sich nieder und sah in Gedanken vor sich hin. Das Bild
ihres Mannes stand im einfachen Stehrahmen vor ihr und sie betrachtete es
lange Zeit sinnend. Ein seliges Gefühl des Glückes durchzog sie bei diesem
Anblick, und in überwallender Zärtlichkeit küßte sie das Bild.
„Mein Fred,“ flüsterte sie leise mit strahlenden Augen. Sie nahm seine
Liebe mit der Dankbarkeit eines demütigen Weibes entgegen, denn er hatte
sie aus ihrem liebearmen Leben an seine Brust gezogen, an der sie nun für
immer warm und sicher ruhte. Jetzt hatte sie eine Heimat, ein treues
Menschenherz, das sie ihr eigen nennen durfte, dem sie sich ganz zu eigen
gab. Ihre Gedanken gingen in dem Geliebten auf, sie hatte nur Auge und
Sinn für seine Wünsche, sie lebte nur für ihn, und ihr Glück trübte kein
dunkler Schatten.
Dann aber schweiften ihre Gedanken wieder zu der, welche in ihrem
Fremdenstübchen in den weißen Kissen ruhte. Wäre diese doch auch erst, was
sie war, eine glückliche Frau! Aber – sie sah mit großer Betrübnis voraus,
daß die arme Ilse noch heiße Kämpfe bestehen müßte, bis sie ihren starren
Sinn gebeugt, bis sie die wahre, echte Liebe kennen gelernt haben würde.
Wenn Ilse Leo so liebte, wie sie ihren Mann, hätte sie dann so
unverantwortlich handeln können? Mit Schrecken dachte Nellie daran, was
Ilses Bräutigam wohl zu diesem Schritte sagen würde? O, mein Gott, wenn er
ihr den Ring zurückgab, wie Lucies Bräutigam es getan hatte! Nellie bebte
bei diesem Gedanken, und ihr treues Herz empfand bange Sorge um die
Zukunft ihrer Freundin.
Die Uhr über dem Sofa schlug jetzt 11, nun mußte Fred jeden Augenblick
kommen; mit Geduld und Sehnsucht erwartete sie ihn. Sie war ganz ratlos,
und es mußte doch etwas geschehen. Ilses Eltern, die gewiß in Todesängsten
waren, mußten auf alle Fälle Nachricht haben. Wie und auf welche Weise,
das mußte sie doch erst mit Fred besprechen.