die _Züge_ der Wojwode und die Saibidjo, d. h. es wird gewöhnlich im
Winter, wenn alles die Winterquartiere bezogen hat, eine Versammlung
abgehalten.
[Illustration: Zigeunerfamilie #Winter# in Allmendingen.]
Da wird nun über alle den Stamm interessierenden Angelegenheiten
beschlossen und beraten, über die Wanderungen im nächsten Sommer, die
Züge, und jedem sein Gebiet zugeteilt. Bei den deutschen Zigeunern ist
das anders; hier kann nur beiläufig in der Versammlung beschlossen
werden, welche Reiseroute die einzelnen Familien bezw. kleineren
Gesellschaften einzuschlagen haben, weil ja in Deutschland größere
Trupps nicht mehr miteinander reisen dürfen. Jede derartige kleinere
Gesellschaft ist für sich und der älteste der Männer ist der Führer, das
Haupt der Truppe, er bestimmt und regelt alles. Unbedingt werden seine
Anordnungen genau befolgt. Auch bezogen bisher die deutschen Zigeuner
mit geringen Ausnahmen selten Winterquartiere. Nur über Weihnachten,
Neujahr, blieben sie in einem Ort usw., sonst reisen sie das ganze Jahr.
Jetzt ist es auch in dieser Beziehung anders geworden. Wegen den
schulpflichtigen Kindern und der Beschaffung der Reisepapiere müssen sie
nun auch ein wenig wohnen und zwar kommen sie dann beim Eintritt des
Winters zu größeren Trupps in gewissen Gegenden zusammen, wo sie sich
einmieten und um jeden Argwohn zu unterdrücken, die Miete für Monate, ja
¼ Jahr vorausbezahlen. Einige haben schon sogar Häuser gekauft, z. B. in
Bayern. Solche Winterquartiere befinden sich bei uns in einem Dorf bei
Karlsruhe, bei Stuttgart und hauptsächlich im Elsaß. Ist dann der
Winter, der gefürchtetste Gast der Zigeuner, mit seiner Not und seinem
Elend vorüber, d. h. schaut nur die liebe Sonne aus den Wolken heraus im
beginnenden Frühjahr, so ist kein Halten und Bleiben mehr. In
scheinbarer Unordnung gehen die einen da, die andern dort hinaus, und
doch ist alles so annähernd geregelt und schlägt jede Abteilung seine
ihm vorläufig bestimmte Reiseroute ein. Von der Ordnung wird aber bald
nichts mehr zu sehen sein, denn verschiedenes trägt dazu bei, sie
aufzulösen, Kollusion mit der Behörde u. dgl. Da treten dann die
Wanderzeichen in Aktion, durch die sie sich verständigen, raten und
warnen, Mitteilungen machen, Zusammenkünfte und irgend ein Vorhaben
signalisieren. Diese Wanderzeichen, Signale usw. finden sich weit mehr
bei den ausländischen Zigeunern als bei den deutschen. Nur sozusagen im
inneren Leben bedienen sich die deutschen Zigeuner einiger weniger
Zeichen, so z. B. beim Aufstellen von Posten, Gebärdenzeichen,
Warnungszeichen beim Erscheinen von verdächtigen Personen oder
Amtspersonen, Gendarmen usw., wenn man sonst nicht mehr anders warnen
kann. Früher waren auch weitere Zeichen im Gebrauch. Beim Fahren, um den
Nachkommenden den Weg, die eingeschlagene Richtung zu zeigen, werden
aber auch heute noch manche angewendet. Bemerkenswert ist noch der
eigenartige _nur_ von ihnen gebrauchte und bekannte Zigeunerpfiff, nach
Art des heimatlichen Bubenpfiffs, aber durchaus nicht mit diesem zu
vergleichen. Ertönt der Pfiff, wo es auch sei und zu jeder Zeit, so weiß
jeder, daß einer der ihren in der Nähe ist, ohne ihn zu sehen oder sonst
ein Zeichen zu erhalten.
Der _Gebräuche im Wohnwagen_ sind viele, von denen nur einige hier
angeführt werden können. Eine Geburt im Wohnwagen darf nicht erfolgen,
d. h. in keinem von ihren Wagen darf geboren werden. Ausgenommen eine
Fehlgeburt, welche nicht als Geburt, sondern nur als eine Krankheit
angesehen wird. Findet dennoch einmal eine Geburt im Wagen statt, so muß
derselbe verkauft werden. Er darf von keinem Zigeuner mehr benützt
werden. Ebenso dürfen alle darin befindlichen Gegenstände (ausgenommen
die Kleidungsstücke) wie z. B. Koch- und Eßgeschirr, auch Löffel, Gabeln
usw., Trink-, Eß- und sonstige Lebensmittel nicht mehr benützt werden.
Das Bett, worin die Geburt vor sich ging, muß verkauft oder vernichtet
werden. Wer irgend eine der angeführten Sachen dennoch wieder gebraucht,
wird #baledschido# und zwar zählt solches zu den _leichteren_ Vergehen.
Dennoch wird diese Sitte streng durchgeführt. Gewöhnlich erfolgt eine
Geburt unter dem Wagen, in einem Schuppen, Scheune oder dergl. Oder auch
ganz im Freien, im Wald, hinter einem Gebüsch usw., auf einem primitiven
Lager. Großer Vorbereitungen bedarf es hierzu nicht. Alte Kleider, ein
Teppich genügen zum Lager, selten wird ein Bett benützt. Im Winter z. B.
wird auch hie und da ein Zimmer gemietet auf ein paar Tage. Treten aber
Umstände ein, wo doch im Wagen geboren wurde, so werden dann alle
Gebrauchsgegenstände usw., um wenigstens diese zu retten, aus dem Wagen
entfernt und wenn es eilt, nur noch hinausgeworfen. Alles was heraus ist
aus dem Wagen, darf nachher wieder gebraucht werden. Nach der Geburt
darf der Wagen dann gleich benützt werden, d. h. Mutter und Kind werden
jetzt in denselben aufgenommen. Nach 2 Tagen, höchstens 3 hat sich eine
Zigeunerin erholt und geht wieder ihren gewöhnlichen Beschäftigungen
nach! Von der Geburt bis zur Taufe darf von den männlichen Zigeunern,
auch der Vater nicht, im Wagen wo die Kindbetterin ist, etwas gegessen
oder getrunken werden. Nur was außerhalb des Wagens gekocht wird! Auch
darf man das Kind nicht berühren, z. B. auf den Arm nehmen oder küssen.
Für weibliche Zigeuner ist vorstehendes aber alles gestattet. Getauft
wird so schnell wie möglich und soll es schon öfters vorgekommen sein,
um recht viele Patengeschenke zu erhalten (gewöhnlich werden zu dieser
»Ehrenstelle« reiche Dorfbewohner angehalten, welche die Bitte selten,
schon wegen dem Pfarrer nicht, abschlagen), daß ein und dasselbe Kind
zweimal getauft wurde.
Im Wohnwagen darf weibliche Wäsche, Hemden, Unterkleider nicht
aufgehängt werden, z. B. auch nicht zum Trocknen. Würde ein männlicher
Zigeuner an solch einen Gegenstand stoßen, ihn mit dem Kopf berühren, so
wäre er unbedingt infam, d. h. #baledschido# (unehrlich). Auch dürfen
keinerlei Eßwaren, welche mit solch einem weiblichen Bekleidungsstück in
Berührung gekommen sind, vielleicht durch Einwickeln oder Darauflegen,
gegessen werden. Ausgenommen solche, welche nicht direkt in eine solche
Berührung gekommen sind, entweder in einem Gefäß oder wenn es gut
eingewickelt war, z. B. Getränke in einer Flasche oder Glas. Bei
Wäschestücken von männlichen Zigeunern ist solches aber nicht der Fall.
Zwei Liebende dürfen vor ihrer Verbindung nicht öffentlich, d. h. daß es
die Eltern oder Verwandten wissen, im Wagen beieinander sein. Sie müssen
beide miteinander vorher #»naschen«#, ehe sie als verbunden miteinander
betrachtet werden. #Naschen# = fortgehen, fliehen, bedeutet in diesem
Fall, daß beide mindestens einen Tag und Nacht von der eigenen Sippe
fortgehen (auf eigene Faust) müssen, wenn auch nur in das nächste Dorf
oder auch nur eine Stunde weit entfernt. Gewöhnlich bleiben beide aber
länger fort und hauptsächlich diejenigen, denen die Eltern die
Einwilligung zur Heirat verweigern. Kommen sie dann zurück, so müssen
die Eltern wohl oder übel die Verbindung zulassen, so verlangt es die
Sitte. Außerdem ist es strenge Sitte, daß das zurückkommende Paar
sogleich zu den Eltern, -- d. h. in erster Linie vor den Vater, wenn
Vater nicht anwesend z. B. tot oder wegen irgend etwas _lange_ Zeit
(Gefängnis vielleicht) abwesend, zur Mutter; falls diese auch nicht da,
dann zu den Geschwistern, wenn vorhanden, wenn solche auch nicht, dann
kommen erst die nächsten Verwandten -- treten muß, und zwar der Mann vor
die des Mädchens und umgekehrt, mit den Worten: »(Name des Vaters) #du
honte da verzeiheres# (#verzeiheres# ist eines der vielen
Zigeuner-Faulwörter! Richtig zigeunerisch muß es heißen: ... #du honte
da -- prosserrehes -- mange wel# usw.) #mange wel da lejam tiri Tschai!«#)
(»Verzeihe mir, weil ich Deine Tochter genommen habe!«) Dann erhalten
sie zum Schluß einen Backenstreich, je nach Lage der Sache stark oder
leicht und die Verbindung ist fertig, die Ehe geschlossen und wird
ebenso heilig gehalten, als wenn irgend ein Priester seinen Segen dazu
gegeben hätte.
Bei einem Todesfall, d. h. stirbt eine erwachsene Person im Wohnwagen,
(nur bei Erwachsenen, bei kleineren Kindern nicht) so müssen nicht nur
alle die Gegenstände wie bei einer Geburt entäußert oder vernichtet
werden, sondern hier in diesem Fall auch noch alle Wäsche- und
Kleidungsstücke, mit Ausnahme derjenigen, die man gerade an hatte und
der Musikinstrumente, Geld und eventuell vorhandene Bilder
(Photographien). Was man aber noch vor Eintritt des Todes aus dem Wagen
entfernen kann, darf weiter benützt werden. Alles übrige darf nicht mehr
gebraucht werden, auch wenn es noch nagelneu wäre und die betreffenden
Leute in große Not dadurch kommen. Ja, wohlhabendere Zigeuner verkaufen
solche Sachen überhaupt nicht, sondern verbrennen einfach alles, Wagen
usw. Ärmere verkaufen es und zwar gewöhnlich an anderes »herumziehendes«
Volk, aber ja an keine Zigeuner, und wenn es auch ganz unbekannte wären.
Wer diese streng eingehaltene Sitte nicht befolgt, wird #baledschido#.
(_Schweres_ Vergehen!) Und zwar wird diese Sitte so genau und streng
befolgt wegen der abergläubischen Furcht der Zigeuner vor ihren Toten.
Sie glauben eben, daß die Geister der Verstorbenen, in dem von ihnen zur
Zeit ihres Lebens bewohnten Wagen, umgehen müssen und so lange keine
Ruhe finden, bis er vernichtet oder vom Stamm entfernt ist. Deshalb
würden sie, wenn solch ein Wagen von den Angehörigen weiter benützt
werden würde, allnächtlich kommen und diese quälen und Unglück über sie
bringen. Hier liegt auch der Grund, warum die Zigeuner keines ihrer
Geheimnisse z. B. Wahrsagen, Wanderzeichen oder anderes verraten, da sie
meinen, diese von den Verstorbenen gelernt zu haben. Selbst solche
Zigeuner, die #baledschido#, von aller Gemeinschaft ausgeschlossen sind,
verraten dergleichen an Nichtzigeuner niemals.
Auch sonst ist das Leben im Wohnwagen, z. B. die Beziehungen der beiden
Geschlechter zueinander, durch Sitte und Gesetz streng geregelt. Auch in
Bezug der Reinlichkeit stechen die deutschen Zigeuner von denen der
anderen Länder[5] vorteilhaft ab. Es ist absolut falsch, wenn man
glaubt, es gehe da in sittlicher Beziehung sehr frei zu. Im Gegenteil:
die deutschen Zigeuner sind sehr schamhaft, obwohl gegen sinnliche Reize
gerade nicht ganz unempfindlich. Aber unsittlich geht es im Wohnwagen
niemals zu. Selbst bei den größten Stammesfesten nicht, obwohl es da
sehr lustig und heiter zugeht, wenn die Geigen jubeln und die
Zigeunermusik über Wald und Flur dahinrauscht.
[Fußnote 5: Kennt _Wittich_ diese? D. H.]
[Illustration: Bildnis der Stieftochter des Verfassers.]
Böse und gute Menschen gibt es überall, bei jedem Volk, aber man malt
die Zigeuner wirklich zu schwarz, wenn man sie ohne weiteres als Räuber
und Diebe, jeder moralischen Gesinnung bar, auf eine Stufe mit den
verkommensten, untersten Schichten unserer übrigen Bevölkerung stellt.
Betteln, Landstreichen, wenn man ihre unbezwingbare, angeborene
Wanderlust so nennen mag, gelegentlicher Diebstahl und kleinere
Betrügereien mag man ihnen schließlich mit Recht nachsagen. Aber es ist
ein großes Unrecht, wenn man, wie es bis jetzt immer geschieht, die
Zigeuner einfach für gemeinfährliche, schlimme Menschen zu halten und zu
verdammen beliebt! Bei genauer Beschäftigung mit ihnen würde man bald
das den Zigeunern in dieser Beziehung zugefügte Unrecht einsehen. Wenn
man bedenkt, daß sie von jeher schon als vogelfrei betrachtet wurden,
wie grausam und unmenschlich sie behandelt und verfolgt wurden, wie sie
heute noch gehetzt und gequält werden, so sollte man sich eigentlich nur
darüber wundern, daß sie nicht noch schlechter sind, als sie in
Wirklichkeit sind. Ist es ein Wunder bei einer so üblen Behandlung, wenn
sie in jedem Weißen nur einen Feind und Unterdrücker ihres Volkes
vermuten und sich deswegen gegen jedermann zurückhaltend und
verschlossen benehmen! Die Zigeuner, dieses echt romantische,
weltverlassene Volk, sind viel, viel besser als ihr Ruf und nur
gutmütige, liebe, versöhnliche Menschen, gewandt und gescheit, sodaß man
sie bei näherem Kennenlernen bald lieben lernt und ihnen zugetan wird.
Merkwürdig ist es, daß die deutschen Zigeuner, so sehr sie auch
verächtlich und demütigend von allem Volk behandelt werden, doch auf die
Landbevölkerung gleichsam herunter sehen und den Beleidigungen und
Beschimpfungen keinen Wert beilegen; d. h. von dem ungebildeten Volk
können sie nicht beleidigt werden und reagieren auch nicht darauf. Sie
haben vor den »Gadsche« (Bauern) überhaupt keine Achtung oder Respekt.
Dagegen aber imponiert ihnen die gebildete Klasse. (#Raien#, #Raile
Gadsche#). Hauptsächlich die Behörden! Lesen, schreiben oder Ausübung
einer Kunst imponiert ihnen gewaltig! Anders liegt die Sache bei
ungerechter Behandlung oder Mißhandlung, oder Beleidigungen unter ihnen
selbst! Aber ich muß nochmals erwähnen, daß bei keiner strafbaren
Handlung, mag sie heißen wie sie will, ein Zigeuner den andern dem
Gericht verrät oder anzeigt. Ausnahmen sind äußerst selten. Selbst
Todfeinde denunzieren oder zeigen nichts an, weil sie eben ihr eigenes
Gesetz und Strafen haben, das überall und immer streng ausgeübt wird
untereinander. Strafen, welche Zigeuner verbüßen oder verbüßt haben,
z. B. wegen Bettel, Betrug, Diebstahl usw., gelten nicht als entehrend,
sondern solche Strafen werden als eine Art Ehrenstrafen betrachtet. Am
angesehensten und geachtetsten bei den Zigeunern sind solche Zigeuner,
welche gut betteln, stehlen, wahrsagen usw. können. Solche werden den
andern Zigeunern immer als »gute« Beispiele angeführt. Solchen werden
Ehrennamen (#brawi Dschuwel#, #brawo Sinto#) beigelegt.
Welcher _Religion_ gehören die Zigeuner an? Eine schwierige Frage! Vor
lauter Sprachforschung, scheint es mir, hat man die Religionsforschung
(wenn ich mich so ausdrücken darf) vergessen![6] Haben sie eine eigene
Religion? Dies zu beantworten, wird, fürchte ich, noch schwieriger sein,
als ihre Herkunft zu ermitteln. Es heißt, kein Gebrauch, kein Symbol,
kein Kultus weise darauf hin, daß die Zigeuner eine Religion haben bezw.
einmal eine besessen hätten. Man weiß nicht mehr, als daß die Zigeuner
in christlichen Ländern römisch- oder griechisch-katholische Christen
wären usw. Hat Jemand dies zu ergründen schon jemals ernstlich den
Versuch gemacht? Und wenn sie wirklich keine Religion haben, müßte man
ihnen da nicht solche bringen? Wer den Heiland nicht kennt, von der
christlichen Lehre nichts weiß, der ist ein Heide, also sind die
Zigeuner Heiden! Übrigens auch in einigen Gegenden so geheißen. Es gibt
ja noch viele Heiden in den großen, fremden Ländern und Erdteilen, und
doch die Christenheit sendet hier Diener Gottes hin, getreu dem Gebot
des Heilandes folgend; aber um die armen Zigeuner kümmert sich niemand,
obwohl sie der ganzen christlichen Welt sozusagen unter den Augen
herumlaufen! »Die Zigeuner sind für Religion nicht zu haben«. Das ist
eine häufige Behauptung und damit soll alles abgetan sein? Fühlt man
weiter keine Verantwortung, weder in christlichen noch in kirchlichen
Kreisen?
[Fußnote 6: d. h. die Sprachforscher interessieren sich für die
Zigeuner viel mehr, als im allgemeinen die Diener Christi. D. H.]
Weist wirklich nichts auf eine Religion der Zigeuner hin? -- Warum sagt
der Zigeuner niemals »der« Gott, sondern immer »mein« Gott? (#Miro baro
Dewel# -- mein großer Gott!) Will er damit nicht andeuten, daß er auch
einen Gott habe, den er als seinen Gott von dem der anderen Menschen
unterscheidet, oder ist es nur eine zufällige Sprachgewohnheit? Beweist
es nicht wenigstens, daß die Zigeuner auch an ein höchstes Wesen
glauben! Und ebenso glaubt er an ein Fortleben der Verstorbenen nach dem
Tode.
Je nachdem bringen sie ihm Glück oder Unglück. Um letzteres zu
vermeiden, hält er die Gebräuche in Bezug auf seine Toten streng ein.
Die Verehrung der Toten ist so groß, daß nur die dringendsten Fälle ihn
bewegen könnten, auch nur den Namen der Verstorbenen auszusprechen. Ein
Schwur auf oder bei den Toten wird ebenso unverbrüchlich und heilig
gehalten, als wie der bei der Hand seines Vaters (#dadeskero vast#). Ein
#praßen# (fluchen) auf seine Toten (Beschimpfung der Abgeschiedenen)
kann nur durch Blut gesühnt werden. Das Grab eines teuern Verstorbenen
wird, wenn es nur irgend möglich ist, nach einem Jahre wieder besucht.
An dem Grabe eines Stammesgenossen geht kein Zigeuner vorüber ohne
einige Tropfen Wein, Bier oder Branntwein daraufzugießen. In der
Neujahrsnacht wird nach den Lebenden, den Toten »ein gutes Neujahr«
gewünscht; in der Sylvesterstunde werden bei feierlicher Stille einige
Tropfen Wein, Bier usw. auf den Boden geschüttet mit den Worten: »Für
die Toten!«
Aber sind die Zigeuner für Religion zu haben? Allerdings mit Hilfe von
brennenden Scheiterhaufen und Galgen, wie man es früher beliebte, oder
durch Wegnehmen der Kinder, kann man sie zu keiner Religion und Moral
zwingen. Das Resultat wird immer ein negatives sein. Und wenn die
Behandlung nicht besser wird, wenn dies arme, unglückliche Volk weiter
so ungerecht verfolgt und verachtet wird von der übrigen Menschheit, so
wird es sehr, sehr schwer sein, in ihnen Liebe und Achtung vor der
Religion zu erwecken, die eben diese Menschen ihnen bringen wollen,
welche ihre Worte so wenig durch ihre Taten bestätigen. Aber eins ist
gewiß: diese Ärmsten unter den Armen würden ihre Ohren und Herzen öffnen
-- der Religion der Liebe! Das ist in der Tat schon bewiesen. Es gibt
bei uns Zigeuner, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, doch zu
Gott beten, von Zeit zu Zeit auf offenem, freiem Felde eben diesem Gott
ihre Sünden laut bekennen, beichten, bereuen und nichts Sündhaftes mehr
zu tun geloben, feierlich diesen Tag dann heiligen durch die größte
Enthaltsamkeit und fromm werden wollen, wenn man es so sagen kann.
Ich könnte einige solcher Zigeuner namentlich anführen. Einer dieser
Zigeuner ist mir noch ganz besonders im Gedächtnis, dieser gelobte als
junger Bursche, alle Jahre vom Karfreitag ab, 6 Wochen lang kein Fleisch
zu essen. Das will bei einem Zigeuner was heißen! Er ist seinem Gelöbnis
treu geblieben bis zu seinem Tode vor nun 2 Jahren, trotz aller Art
Versuchungen. In dieser Zeit sind die Igel (bekanntlich die Lieblings-
und Nationalspeise der Zigeuner) am »fettesten«, daher am besten, nach
dem Zigeunergeschmack. Da wurde er von Genossen damit geneckt, indem sie
ihm einstmals mit einem fetten, delikaten und appetitlichen Hinterfuß
(Hinterschinken) von einem Igel (die größte Delikatesse für einen
Zigeuner) reizten und neckten und ihn absolut zum brechen seines
Gelübdes verführen wollten. Aber trotz dieser für einen Zigeuner fast
»übermenschlichen« Versuchung, widerstand er derselben standhaft!
Solches und noch vieles mußte er durchmachen und brach aber doch nie,
bis ins hohe Alter hinein, sein Gelübde.
Fromm war in ihrer Art auch meine Schwiegermutter. Obwohl sie gar keine
Schule besucht hatte, von einem Kirchenbesuch vollends gar keine Rede
war, keine Ahnung von Lesen und Schreiben hatte, betete sie doch jeden
Abend und Morgen mit ihren Kindern ein altes Gebet in unserer Sprache.
Es lautet:
#Me baschau mange tele# (oder: #Me staua pre# oder: #Meh
dschaua nikli) ani Dewlester Soraloben, ani Dewlester Baroben,
ani Dewlester Songlienger Rat, da hi latscho, hako Mulenter da
kerela mange kenk mitschiko Dscheno tschomoni. O Dewlesker Dad,
o Dewlesker Tschawo, o Dewlesker Mulo, priserele man!#
Ich lege mich nieder (oder: ich stehe auf oder: ich gehe fort)
in Gotteskraft, in Gottesmacht, in sein (rosenfarbiges)
rosenrotes Blut, für alle bösen Geister und Gespenster gut,
daß mir kein böser Mensch nichts tut. Gott Vater, Gott Sohn,
Gott hl. Geist, segne mich!
Sie hatte 9 lebende Kinder, war eine #»brawi Dschuwel«#, aber als sie
die ersten Kinder bekam, vollzog sich eine innerliche Wandlung in ihr --
sie übte ihre zigeunerischen Gewerbe nicht mehr aus, sodaß sie und ihre
Familie, die früher im Überfluß lebten, oftmals in die bitterste Not
kamen. Auch ihre Kinder lehrte sie nichts mehr, d. h. von der Mutter aus
hätten sie nichts gelernt, z. B. Wahrsagen. Warum wohl? Weil sie
jedenfalls oft hörte von dem Schimpflichen solcher Gewerbe und es auf
ihre Art in ihrem frommen Herzen zuletzt selbst glaubte! Fromm war sie!
Man stelle sich diese Frau vor, die bis zu ihrem Tode so geblieben war,
mit ihren 9 Kindern? Welche Sorgen, Nöte, Lasten und Mühe lag auf ihren
Schultern? Verspottet oft von den Stammesangehörigen, die es ihr ins
Gesicht hineinsagten, es sei kein Schade, daß es ihr so ärmlich gehe --
warum übe sie nicht mehr aus, wegen dessen sie ja den Ehrennamen (brawi
Dschuwel) hatte und ähnliches! Von den Vorwürfen des Gatten zu
schweigen. Dies kann nur der begreifen, der die Sitten der Zigeuner in
dieser Beziehung kennt. Trotzdem blieb sie standhaft. Mochten sie die
Sorgen fast zu Boden drücken, sie blieb fest und betete gewissenhaft
jeden Abend und Morgen ihren Kindern das obenangeführte Gebet vor und
lehrte sie dasselbe selbst zu beten. Merkwürdig aber ist und war doch --
sie ging niemals in eine Kirche, wollte von keinem Geistlichen was
wissen. In ihren Reden kamen diese gerade nicht respektvoll weg, sie
nannte sie nur die »schwarze Polizei!« Wie mag diese Frau dazu gekommen
sein, solches zu sagen? Was mag sie erlebt haben? Der, welcher die
Geschichte der Zigeuner und ihre Verfolgungen und Mißhandlungen kennt,
von eben diesen Bekennern und Predigern der Religion Christi, wird diese
Fragen leicht beantworten können! Ebenso feierte sie jeden Feiertag
(Ostern, Weihnachten, Karfreitag) und befleißigte sich, was ihre Person
betraf, der größten Enthaltsamkeit.
Aber auch sonst sind sie ihrer Art gottesfürchtig (!) so machen sie gern
Wallfahrten nach berühmten Wallfahrtsorten und wenn auch das letzte Geld
daraufgeht, aber immer zu einem gewissen Zweck, z. B. wenn sie größeres
Vorhaben (ein zigeunerisches »Geschäft«) ausführen wollen. Dann beten
sie da, geloben auch ein Gelübde, im Falle eines guten Gelingens des
beabsichtigten Geschäftes. So wurde schon manches »Geschäft« ausgeführt,
mit der größten Zuversicht, daß sie nicht erwischt und eingesperrt
werden, haben sie doch zu Gott oder zur Muttergottes gebetet, ein
Gelübde getan, damit sie ihnen zu ihrem »Geschäft« beistehen und das
Geschäft auf ihre Art nicht unglücklich ausgehe. Was wissen sie davon
(wer hätte es ihnen schon gesagt?), daß eben dieser Gott in seinen
Geboten als Sünde verboten hat, -- was sie tun wollen und um dessen gutes
Gelingen sie zu ihm beten! Merkwürdig ist aber auch, daß die Zigeuner
sich mehr zur katholischen als zur evangelischen Religion hingezogen
fühlen. Jedenfalls nur darum, weil die Zermonien der katholischen Kirche
mehr auf seine Sinne und Phantasien einwirken, mehr seiner Natur
entsprechen, als die Einfachheit der evangelischen Kirche. Früher ließ
der Zigeuner seine Kinder gern und auch öfters als nur einmal taufen, --
aber nur wegen den regelmäßigen, üblichen Patengeschenken. In welcher
Konfession ist ihm egal -- ob katholisch oder evangelisch. So bin ich
katholisch getauft, eine Schwester und mein Bruder evangelisch.
Kirchlich und weltlich wurde früher eine Zigeunerehe nur selten
geschlossen. Heutzutage läßt er die Kinder aber taufen, damit sie in
seine Legitimation eingeführt werden, ebenso verhält es sich, wenn er
sich heute ausnahmslos kirchlich trauen läßt und die Ehe standesamtlich
eingeht.