nicht unempfänglich sind, wenn man sie am rechten Platz packt, d. h. in
ihrer Sprache die Heilsbotschaft verkündet und im übrigen etwas
Rücksicht nimmt auf ihre zigeunerischen Eigenarten. Kein Baum fällt auf
den ersten Hieb. Die Erfahrungen würden diese Worte bestätigen. Nicht
der angeblichen Unverbesserlichkeit der Zigeuner gebe man die Schuld,
sondern der geringen Arbeit der Christenheit, die in dieser Beziehung so
viel versäumt hat. Aber mit der Seelenrettung muß Hand in Hand gehen --
die Besserung der äußeren Umstände der Zigeuner. Der Erfolg würde ein
überraschender sein. Daher weg mit der oberflächlichen Redensart: die
Zigeuner sind nicht für Religion zu haben! Könnt ihr, die ihr dies so
leichtherzig sagt, es ernstlich beweisen? Nein; nun so ist es jetzt
höchste Zeit, deutsche Christen, dies Versäumnis endlich nachzuholen,
damit eure Verantwortung nicht noch größer werde, als sie schon ist!
#Tschatschopaha.#
* * * * *
Vor nun schon langen Jahren überwinterte eine Familie dieser »fahrenden«
Leute in einem Schwarzwalddorf. Die Kinder mußten in die Schule gehen
diesen Winter. Der älteste Knabe sollte im Frühjahr »aus der Schule
kommen«, (_In die er doch so wenig »hineinkam«_.) Der Ort war
evangelisch, der Schüler aber doch katholisch getauft. Dies war der
Anlaß, daß, als er ¼ Jahr die evangelische Dorfschule besucht hatte, der
katholische Pfarrer aus dem nahen Oberamtsstädtchen ihm das Billet für
¼ Jahr bezahlte zum katholischen Schulbesuch und zwar so lange, bis er
»aus der Schule war« im Frühjahr. So war der Knabe auf doppelte Art ein
»Fahrender«. Vom »fahrenden Volk« war er jetzt auch noch ein »fahrender
Schüler«, indem er morgens in die katholische Schule in der
Oberamtsstadt mit der Bahn fuhr und abends wieder zurück nachhause. Hier
lernte er wirklich gute Menschen kennen und die Anteilnahme und Liebe
für den verachteten Zigeuner tat ihm so wohl, daß er wünschte, immer so
glücklich sein zu können. Die Eindrücke, die er hier durch den Umgang
mit diesen braven Leuten empfing, blieben ihm in steter Erinnerung. Dies
Glück war leider nicht von langer Dauer. Der Tag der Schulentlassung
kam. Die Eltern des Knaben wollten schon lange -- kaum daß der Schnee
schmolz und die liebe Sonne zu lächeln begann -- »weiterziehen«, um die
durch den Winter unterbrochene Wanderung fortzusetzen. Ungeduldig wurde
von ihnen der Schulentlassungstag erwartet -- der einzige Grund, der sie
von der Reise zurückhielt. Der Knabe dagegen wünschte ihn noch weit,
weit zurück. Vergebens -- nur zu schnell war er da! Wie der Knabe von
edlen Wohltätern die Leibesnahrung in dieser Zeit erhielt, (da die
Eltern, weil zu arm, ihm nichts mitgeben konnten), so erhielt er auch
von ihnen alles, was zur Feier dieses Tages gehörte, Kleidung, Schuhe
usw. Das Herz des Knaben war übervoll vor Glück, nicht allein wegen dem,
daß er vielleicht zum erstenmal in seinem Leben so schmuck und proper
dastand, sondern hauptsächlich der liebevollen Worte wegen, die von
allen Seiten an ihn gerichtet wurden. So selten wie ein neuer »ganzer«
Anzug, so selten war eine solche Anteilnahme von Menschen, die ihn sonst
nur mit Verachtung behandelten, im Leben dieses Knaben! Seine große
Freude konnte man ihm vom Gesicht ablesen, vollends als er mit den
anderen »Konfirmanden« zu einem gemeinschaftlichen Mahl in das
Pfarrhaus, mit dem Herrn Pfarrer und dessen Angehörigen, eingeladen
wurde. Doch wollte ihn ein Gefühl der Traurigkeit beschleichen, als er
die anderen Knaben betrachtete und hörte, wie sie sich gegenseitig mit
Stolz und Freude erzählten, was sie werden wollten oder durften. Jeder
hob die Vorzüge seines erwählten Berufes hervor und jeder glaubte, den
besten erwählt zu haben. Hier saß der »fahrende« Knabe still! Hier
konnte er nicht mitreden. Was er wohl wird? Niemand dachte daran, ihn
auch einen Beruf wählen, lernen zu lassen! Hätte sich doch hier der
Engel gefunden, den jeder Mensch haben muß, um etwas zu werden, etwas zu
erreichen! Hätte sich hier eine rettende Hand gezeigt, und es wäre aus
dem Knaben damals etwas ganz anderes geworden, als er jetzt ist!
Doch die beginnende Traurigkeit verschwand, als ein Spaziergang in den
nahen Wald gemacht wurde, welcher die Feier und den schönen Tag
beschloß. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Auf den grünen Wiesen
blühten die Blumen. Auf den Bäumen keimten schon die Blüten, aus ihnen
und von überall ertönte der Vögelschall. Alles war Freude, Lust und
Leben! Nur zu schnell vergingen die fröhlichen Stunden dieses -- letzten
Tages, den der Knabe unter diesen guten Menschen zubrachte. In seinem
höchsten Glück -- wurde er jäh wieder von der rauhen Faust des
unerbittlichen Schicksals zurückgerissen in sein -- altes Leben. Die
Scheidestunde schlug. Man begleitete den Knaben an die Bahn. Die muntere
Schar merkte in ihrer Fröhlichkeit nicht, wie traurig und leer es in
seinem Herzen aussah. Ein letzter Händedruck, noch einige liebevolle,
tröstende Abschiedsworte des guten, wahrhaft edlen Pfarrers, ein
Tücherschwenken, ein Pfiff -- davon brauste der Zug. Der Abschied war
schwer, der Knabe meinte, er ließe alles zurück, Liebe, Freude und
Glück. Das Herz wollte ihm brechen vor Heimweh und Schmerz. Dunkel, grau
lag die Zukunft vor ihm, -- ohne einem Strahl von Glück! Und er wäre doch
so gerne glücklich gewesen! Bei seinen Leuten angekommen, war der Wagen
schon längst gepackt. Eine letzte Nacht noch in einer Stube. Leer und
öde grinste ihm die Zukunft aus allen Ecken des kahlen Zimmers entgegen.
Leer und öde sah es in seinem jungen Herzen aus. Am Morgen, früh, nach
einer durchweinten Nacht, ging es fort. Wohin?
Aber niemals konnte der Knabe diese glücklichste Zeit seines ganzen
Lebens vergessen. Sein nachheriges bewegtes Leben konnte nie die
Erinnerung daran auslöschen! Ebensowenig das Andenken an den wahrhaft
guten und edlen Pfarrer, dessen Lehren, Worte und ehrwürdige Gestalt ihm
immer und jetzt noch nach langen, langen Jahren, vor Augen steht.
Besonders unvergeßlich bleibt ihm der Tag seiner Schulentlassung. Er war
und ist der schönste und glücklichste seines Lebens. Oft und gern denkt
er heute noch -- oder vielleicht gerade jetzt -- an diese frohe und
glückliche Kindheits- und Jugendzeit zurück. Dieser Tag wird für die
ganze Lebenszeit ein Lichtblick sein und bleiben für _Engelbert
Wittich_!
#Tschatschopaha!#
»Hefte für Zigeunerkunde.«
Heft 1. =Urban, R.=, Die Sprache der Zigeuner in Deutschland. 30 Pfg.
" 2. =Wittich, E.=, Blicke in das Leben der Zigeuner. 40 Pfg.
" 3. =Bourgeois, Dr. H.=, Kurze Grammatik der mitteleuropäischen
Zigeunersprache. 30 Pfg.
Über die Zigeuner ist schon viel geschrieben worden; aber diese
Literatur hat bis jetzt nur kleine Kreise von Liebhabern und
Fachinteressenten erreicht; dazu leidet sie unter dem Mißgeschick, daß
sie schwer zu finden ist, meist nur durch Vermittelung von
Antiquariatsangeboten. Ein großer Fortschritt ist zwar das seit 1907
neue Erscheinen des #Journal# der #Gypsy Lore Society#, in dem alles
Wissenswerte über die Zigeuner sorgfältig gesammelt wird; aber dieses
Unternehmen scheint sich in Deutschland nicht einzubürgern, und es
herrscht bei uns nach wie vor eine bedauerliche Unkenntnis alles dessen,
was die Zigeuner betrifft. Diese Unkenntnis ist mit schuld daran, daß
unsere Gesetze und Behörden, die heute schon alle möglichen Volks- und
Berufsklassen, ja selbst Tier- und Pflanzenwelt mit Recht und Schutz
versehen, den Zigeunern gegenüber nur als rücksichtslose Feinde und
Unterdrücker auftreten, -- daß die Kirchen und Vereine, die heute schon
auf den entlegensten Gebieten alle denkbaren Liebeswerke ausüben, an den
Zigeunern kühl vorübergehen, -- daß das Volk und auch die christlichen
Kreise, die die Zigeuner mit einer Mischung aus Neugierde, Furcht und
Teilnahme betrachten, doch noch nicht zum rechten christlichen Benehmen
gegenüber den Zigeunern gekommen sind.
Die »Hefte für Zigeunerkunde« sollen diesen bedauerlichen Zuständen
abhelfen. Sie wenden sich an alle offiziellen und privaten Kreise des
deutschen Volkes in der festen Überzeugung, daß es nur ein wenig der
Beschäftigung mit dem Zigeunertum bedarf, um diesem armen, heimatlosen
Volk eine gerechtere Beurteilung und ernstliches Wohlwollen bei allen
edel denkenden Deutschen zu erwirken. Die Folgen dieses Umschwunges
würden den Zigeunern gewiß zum Segen und unserer in diesem Punkte bisher
so hartherzigen Christenheit nicht zur Schande gereichen.
Ph. Tschoerner, Striegau
[Anmerkungen zur Transkription: Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden
vereinheitlichend durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die nachfolgende Tabelle
enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
Korrekturen.
S. 10: [Komma eingefügt] Löffeln), Haarschmuck
S. 11: als halblinder -> als halbblinder
S. 13: Feuerwerker prozudieren, wählen zur -> produzieren, wählen zu
S. 22: [Vereinheitlicht] von ihm aus das »Todtenhemd« anhatte -> Totenhemd
S. 22: [Komma eingefügt] heraus, #»praßte«# und schoß
S. 24: [Komma eingefügt] »Gesundheittrinken«, »Prosit«
S. 36: [Komma eingefügt] , daß eben dieser Gott
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#
Fettschrift: =fett gedruckter Text= ]
[Transcriber's Note: The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä,
Ö, Ü. The table below lists all corrections applied to the original
text.
p. 10: [added comma] Löffeln), Haarschmuck
p. 11: als halblinder -> als halbblinder
p. 13: Feuerwerker prozudieren, wählen zur -> produzieren, wählen zu
p. 22: [normalized] von ihm aus das »Todtenhemd« anhatte -> Totenhemd
p. 22: [added comma] heraus, #»praßte«# und schoß
p. 24: [added comma] »Gesundheittrinken«, »Prosit«
p. 36: [added comma] , daß eben dieser Gott
The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:
Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua: #text in Antiqua font#
Bold face: =bold face text= ]