Der Zigeuner Winter (Zigeunername: »Hose«), der mit seinem B

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Hefte für Zigeunerkunde 2.

Blicke in das Leben

der Zigeuner

Von einem Zigeuner

(E. Wittich).

[Illustration]

Striegau

Huß-Verlag

1911

Seiner lieben Frau

Friederieke

und seinen lieben Kindern

Hilda und Arthur

gewidmet

vom Verfasser.

[Illustration: Selbstbildnis des Verfassers

als junger Mann

(nach dem Spiegel gezeichnet.)]

Vorwort.

Nur selten ist es bisher gelungen, einen richtigen Einblick in das Leben

und Treiben, Denken und Empfinden des Zigeunervolkes zu gewinnen. Die

mangelnde Kenntnis der #Romani#-(Zigeuner-)Sprache, die aus manchen

Ursachen erklärliche Abneigung des #Sinto# (Zigeuner), die #Gadsche#

(Nichtzigeuner) in sein inneres Leben blicken zu lassen, und die schwere

Erreichbarkeit der Zigeuner überhaupt, hüllen das Zigeunertum bis heute

in ein fast völliges Dunkel. Es ist daher ein erfreuliches Ereignis, daß

ein Zigeuner selbst sich entschlossen hat, das Dunkel zu lichten und ein

wahrheitsgetreues Bild seines Volkes zu geben. Seine braunen

Volksgenossen sind darüber mißvergnügt; aber mit Unrecht. Der Verfasser

täuscht sich gewiß nicht, wenn er hofft, daß durch seine Darstellung die

Zigeuner in einem ganz anderen Lichte erscheinen, als wie man sie bisher

anzusehen gewohnt war. Man kann geradezu sagen, daß uns die schlechten

oder wenigstens unangenehmen Eigenschaften der Zigeuner nur deshalb am

meisten auffallen, weil sie die Außenseite bilden. Beim näheren

Kennenlernen bieten die #Sinte# aber soviel Anziehendes,

Liebenswürdiges, geheimnisvoll Interessantes, daß der Forscher oder der

Zigeunerfreund (#Romano Rai#) sogar Gefahr läuft, die schwarzen Seiten

des Zigeunerlebens ganz zu übersehen.

Jedenfalls ist zu hoffen, daß das vorliegende Büchlein dazu beitragen

wird, manche falsche Vorstellung zu beseitigen, und die Abneigung gegen

die Zigeuner in Interesse, Sympathie und liebevolle Hilfe umzuwandeln.

R. Urban.

Die Zigeuner sind aus vielen Schilderungen bekannt. Über ihr Leben,

ihre Sitten und Gebräuche wurde schon viel geschrieben, Wahres und

Unwahres, oft geradezu Haarsträubendes. Merkwürdigerweise, so reich die

Literatur über die Zigeuner ist, behandelt diese doch zumeist nur die

Ausländer, hauptsächlich die ungarischen und österreichischen Zigeuner.

Dagegen ist die Kenntnis über die deutschen Zigeuner noch sehr gering.

Dem Forscher steht daher hier noch ein großes Feld der Betätigung offen.

Ich will darum im Folgenden versuchen, etwas über die deutschen Zigeuner

mitzuteilen, um das Wahre vom Unwahren zu trennen. Ich werde nur

Tatsachen berichten und kann mit bestem Gewissen für die Wahrheit meiner

Darstellungen eintreten.

Bemerken möchte ich noch, daß dies selbst ein Zigeuner schreibt, der von

Geburt an bis vor kurzer Zeit im Wohnwagen reiste und daher auf das

Genaueste über Leben, Sitten und Gebräuche der Zigeuner unterrichtet

ist. Ich schreibe aus eigener Anschauung, -- nicht vom Hörensagen,

unparteiisch, und werde die Zigeuner weder schwärzer noch weißer malen,

als sie sind. Ich berichte nur selbst Erlebtes und was ich selbst

beobachtet habe und bin daher genötigt, manches Märchen über die

Zigeuner zu zerstören. Vieles hätte ich gern etwas ausführlicher

behandelt, aber der Raum erlaubt es mir leider nicht. So sind es nur

kleinere Bilder aus dem Leben eines Zigeuners und einige

Richtigstellungen, was ich in Nachstehendem biete.

Vor noch nicht gar so langer Zeit stellte man sich unter Zigeunern

nomadisierende, träge und schmutzige Menschen vor, welche die ganze Welt

durchziehen und weder Gesetze, noch Vaterland, Familienbande, Religion

besitzen und alle nur erdenklichen, schimpflichen, und lichtscheuen

Gewerbe betreiben. Ruhelos wie Ahasverus, von Ort zu Ort wandernd,

wurden sie überall verachtet, verfolgt und von jedermann oft in recht

unmenschlicher Weise behandelt und für gänzlich vogelfrei angesehen. Als

Räuber, Mörder, Diebe, ja sogar als Kinderräuber und sonst noch alles

mögliche waren sie verschrien. Ihre Töchter ließen sie von dem entehren,

der ihnen am meisten bot. Ihre Dolche und Gifte, ihre Mittel, welche den

Tod brachten, verkauften sie gern an jeden Rachedürstenden. Kurz und

gut, alles Wunderbare, Unmögliche und Abscheuliche wurde den Zigeunern

in die Schuhe geschoben.

Heute ist es in dieser Beziehung etwas besser geworden, und wenn die

Zigeuner, hauptsächlich von dem gebildeten Publikum, mit etwas

freundlicheren Augen angesehen werden, so ist das hauptsächlich der

aufklärenden Literatur zuzuschreiben. Aber trotzdem werden sie noch

immer sehr schlecht behandelt, sie werden immer wieder von neuem

verfolgt, bedrängt und gehetzt. Fast von jedermann unverstanden, bringt

man ihnen wenig Sympathie entgegen.

Ob nun die Zigeuner diese Behandlung verdienen und solche Bösewichte

sind, denen man alles Scheußliche zutrauen darf, und ob sie wirklich

moralisch so tief unter den anderen Völkerschaften stehen, wie man immer

annimmt, mögen die folgenden Blätter zeigen. Man beachte, daß fast nur

von den deutschen Zigeunern die Rede ist.

Heutzutage hat der Zigeuner, gegen früher, im _Erwerb_ einen schweren

Stand. In Deutschland wird ihm das, wodurch er noch sein bestes

Fortkommen hatte und was seinen Befähigungen am besten entsprach, der

Wander-Gewerbeschein, in den meisten Fällen versagt. Eine geordnete

Arbeit bei dem herrschenden Vorurteil gegen ihn und der Arbeitslosigkeit

unserer Tage, wo hunderte geübte, gelernte Menschen arbeitslos sind, für

den Zigeuner zu bekommen, ist fast unmöglich, obwohl ja auch die Liebe

zum Müßiggang, zur Bummelei, ein wenig mitspielt. Aber die deutschen

Zigeuner sind keineswegs ein so müßiges, faules Volk, wie gewöhnlich

kurzerhand angenommen wird; man darf sie in dieser Beziehung nicht mit

den Zigeunern anderer Länder vergleichen. Man beachte einmal das Leben

und Treiben am Halteplatz des Wohnwagens und man wird sofort sehen, daß

der deutsche Zigeuner nicht der Faulpelz ist, als den man ihn sich

gemeinhin vorstellt.

Dann ist vor allem die Musik seine sozusagen angeborene

Lieblingsbeschäftigung und -Geschäft. Ohne Geige kann man sich überhaupt

keinen Zigeuner vorstellen. Daß sie in der Musik Vorzügliches leisten

und daß sie hervorragende künstlerische geistige Anlagen haben, ist ja

bekannt. Da ist z. B. der Zigeuner »Votter«, ein anerkannter Virtuose,

(Zigeunername Köhler), welcher Geige, Harfe und Klavier ohne jede

Notenkenntnis meisterhaft spielt und einen Landesruf genießt. Er mußte

seine Kunst vor hohen und höchsten Herrschaften zeigen. Dann der

Zigeuner J. _Reinhardt_, Zigeunername »Mala«, -- »Meineli« Zigeunername

seiner Mutter Preziosa, Vater Jakob Reinhardt, -- der blind geboren und

ein so vorzüglicher Geigenspieler ist, daß er unter den Zigeunern selbst

die größte Bewunderung erregt und als einer der besten lebenden Spieler

angesehen wird. Man muß z. B. ihn als »Kunstgeiger« oder den

»Kanarienvogel« oder ein Fantasiestück spielen gehört und gesehen haben!

Die besten Musikkenner bewunderten schon die Technik, das warme, feurige

Gefühl, die hinreißende Gewalt der Töne, die der blinde Künstler,

begeistert vom eigenen Spiel, seinem Instrument entlockt. So könnte ich

noch viele anführen, welche einfach großartiges in der Musik leisten.

Natürlich bringen es nicht alle zu einer solchen Meisterschaft. Blas-

und Blechinstrumente lieben die Zigeuner nicht, doch gibt es hierin auch

einige Ausnahmen und einige Stämme (Familien), machen neben Streichmusik

auch noch gute Blechmusik. Gleichguten Ruf besitzen unter anderen die

Familien dreier meiner Schwäger, als Streich- und Blechmusiker. Auch

sind dieselben nebenbei gesagt, eine der besten »fahrenden«

Sängergesellschaften! Ebenso die Familien »Karl-Antoner«, Eckstein,

Winter, Pfisterer usw. Und wie sehen die Instrumente oft aus? Kaum

verdienen sie noch den Namen Instrumente. Der geübteste Musiker könnte

nichts mehr mit ihnen anfangen. Anders der Zigeuner! Mit zwei, drei

Saiten auf der Guitarre oder Violine spielt er ebenso gewandt, wie jener

mit dem teuersten, feinsten Instrument. Statt eines Bogens genügt ihm

auch eintretenden Falles ein Ästchen von irgend einem Baum, eine

Weidenrute usw., statt der Haare Nähfaden. In diesem Fall muß der

schulgerechteste Musiker zurückstehen, an solchen primitiven

Gegenständen scheitert seine Kunst. Man muß es gesehen haben, wenn man

den kleinen Kindern eine Geige in die Hand gibt, wie der Zigeuner nur

durch Vorsingen oder Vorspielen die schwierigsten Musikstücke lernt, die

Melodie wird einfach vorgesungen oder gepfiffen, er probiert es einmal,

zweimal, beim drittenmal spielt er das Stück schon mit ganzer

Sicherheit.

Solche Gelehrigkeit und Fertigkeit ist geradezu erstaunlich. Man sieht

und fühlt deutlich, daß der Zigeuner ein geborener Musiker ist. Durch

ihre Musik verdienen sie ein schönes Stück Geld. Gewöhnlich

Werktagsabends und dann Sonntags, in Vereinen usw., bei Festlichkeiten,

machen sie auf dem Lande Musik und Konzert. Dann auch in den Badeorten,

Luftkurorten vor den anwesenden Herrschaften. In jedem Schloß, bei

Grafen und Baronen sprechen sie vor, zeigen ihre glänzenden Zeugnisse,

worauf sie dann fast immer die Erlaubnis zum musizieren erhalten.

Gewöhnlich müssen sie dann Tafelmusik machen, und gut bewirtet und

bezahlt werden sie entlassen. Vorher vergißt es aber der Anführer nicht,

sich ein neues »Attest« in sein »Zeugnisbuch« eintragen zu lassen, um es

gegebenenfalles benützen und vorzeigen zu können. Die Geige ist dem

Zigeuner sein alles. Sein Instrument ist ihm so ans Herz gewachsen, daß

er lieber hungert und dürstet, geduldig die größten Entbehrungen

erträgt, ehe er sich von seiner Geige trennt. Sie ist seine Ernährerin,

seine Trösterin. Alt oder jung, die Geige gibt ihm Leben, muß ihm

Speise, Trank und -- Liebe bringen. In seinen Liedern klagt er ihr sein

Leid, die mit ihm treu Freude und Schmerz, Glück und Unglück teilt. Und

so singt der kleine, arme Zigeunerknabe, einsam und verlassen gar oft:

#»Me hom i tikno, tschorelo Sindenger Tschawo.

Mer Dai muies da mer Dad hi stildo.

Gamlo, baro Dewel! me hom kiake tschorelo

Ta mer Dades ano Stilapen, les hi bokhelo.

Man hi tschi har mer Baschamaskeri.

Me lau la da dschau ani Kertschemi,

Dschin da has i bresla Lowe man.

Naschaua pascha mer Dad ano Stilapen,

Djomles gaua Lowe, job has froh:

»Gana hilo buter kenk bokhelo!«#

»Ich bin ein kleines, armes Zigeunerkind.

Meine Mutter ist gestorben und mein Vater ist im Arrest.

Lieber, großer Gott! ich bin so arm

Und mein Vater im Arrest, er hat Hunger.

Ich habe nichts als mein Instrument.

Ich nehme es und gehe in die Wirtschaft,

Bis ein wenig Geld mein war.

Gehe zu meinem Vater in Arrest,

Gib ihm das Geld, er war froh:

»Jetzt hat er keinen Hunger mehr.« --

Einen weiteren Erwerb findet der Zigeuner im Geigenhandel, auf den er

sich meisterhaft versteht. Ein anderer Haupterwerbszweig ist die

Holzschnitzerei. Fast ein jeder kann schnitzen, der eine mehr, der

andere weniger gut. Ein jeder Zigeuner kommt eigentlich mit irgend einer

künstlerischen Anlage auf die Welt. Der eine hat ein oft auffallendes

Talent und Neigung zum Bildschnitzen, der andere wieder zum Zeichnen

usw. So können einige Bekannte von mir tadellos zeichnen, dabei weder

lesen noch schreiben. Ein Schwager von mir hatte mehr Talent zum Malen

mit Farben, als zum Zeichnen. Er würde darin manchen gelernten

»Dekorationsmaler« vom Lande oder der kleineren Städtchen übertreffen,

ohne nur die geringste Anleitung je darin empfangen zu haben. Er malte

unter anderem sehr nett den Theatervorhang und Kulissen seines einstigen

»Reisendem Volkstheater«, mit welchem er auf den Dörfern in

Wirtschaftssälen Vorstellung gab. Zum Schluß machte er dann mit seiner

Familie Streich- und Blechmusik mit Gesang! Eben einer der vorhin

erwähnten guten Streich- und Blechmusiker. Spielten z. B. »Genovefa«

usw. Andere lernten es nur durch dies Zeichentalent ohne jede Anleitung

oder Unterricht. Z. B. konnte ich, ehe ich 6 Jahr alt war, ehe ich eine

Schule auch nur inwendig gesehen hatte, wie ich ja überhaupt kaum 3½

Jahre in eine Schule kam, schon gut lesen und schreiben, eben durch mein

Zeichentalent angeregt. Ich zeichnete die gedruckten Buchstaben meines

Namens, schnitzte sie auch ins Holz und lernte sie so kennen, lesen und

schreiben. Als gute Holzschnitzer verfertigen die Zigeuner mit vielem

Fleiß und Talent allerhand, so Tabaks- und Zigarrenpfeifen,

Zündholzsteine, Salatbestecke (Messer, Gabeln, Löffeln), Haarschmuck,

Spazierstöcke usw. Alles mit schönen Schnitzereien verziert. Bedeutendes

leistete hierin ein Vetter von mir, welcher vor nun 7 Jahren gestorben

ist. Im württembergischen und badischen Schwarzwald verkaufte er seine

Arbeiten und hatte dadurch einen schönen Verdienst. Heute noch kann man

in den genannten Gegenden seine sauber, originell und kunstvoll

gearbeiteten Erzeugnisse sehen, die die Besitzer selbst um teures Geld

nicht hergeben würden. Der beste mir bekannte Holzschnitzer, ein

Künstler darin, war der im Jahr 1903 verstorbene G. Winter. Mit den

primitivsten Werkzeugen verfertigte er wirklich nur Kunstvolles. Er

verkaufte seine Sachen teuer und fand auch immer Abnehmer. Keiner der

heute lebenden Zigeuner erlangte bisher wieder solche Fertigkeit im

Schnitzen wie dieser. -- Ein anderer württembergischer Zigeuner besaß ein

besonderes Geschick darin, Kruzifixe, hl. Bildnisse, (Statuen) und

Violinen, Guitarren zu verfertigen. Selbst von Kennern wurde seine

Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit anerkannt, so lieferte er manche

Arbeit in verschiedene Anstalten für kirchliche Kunst. In katholischen

Gegenden wurden seine Heiligen-Figuren gerne gekauft und in mancher

Kirche und an Straßenkreuze durfte er den Christus machen. Einmal

spielte ihm und seiner Kunst der Aberglaube in einer gewissen Gegend des

Unterlandes einen bösen Streich. Er durfte da an das große Kreuz, am

Eingang einer Wallfahrtskirche, den Heiland schnitzen. Kaum war er an

das Kreuz angemacht, bewundert und gelobt von den frommen Besuchern, als

ein paar Tage darauf, bei einem Gewitter der Blitz in das Kreuz schlug

d. h. nur der Christus wurde vom Kreuz weggerissen und gänzlich

zertrümmert. Wie nun die abergläubische Landbevölkerung einmal ist,

wurde dieses Naturereignis dem armen Teufel schwer ausgelegt. Es war ein

sicheres Zeichen, daß der Herrgott selbst so seine Meinung kundgab, daß

er nicht von so einem gottlosen Zigeuner »gemacht« sein wollte. Solche

Reden hörte man nach dem Ereignis. Der Pfarrer kam, weil er den Auftrag

gegeben hatte, auch nicht ganz glimpflich weg. Der Zigeuner fand keine

Abnehmer mehr für seine »Heiligen« und wenn sie auch noch so schön und

künstlich geschnitzt waren. Er mußte daher diese Gegend meiden.

Selbstverständlich durfte auch nicht er den neuen »Herrgott« machen,

der wurde aus einer christlichen Kunstanstalt bezogen. Dieser Zigeuner

konnte auch, wie bereits gesagt, tadellos gearbeitete Geigen usw.

machen. Dadurch hatte er immer einen Verdienst, meistens lieferte er nur

für die Zigeuner selbst seine Instrumente, aber auch in die größten

Städte und Musikhandlungen verkaufte er öfters seine täuschend

»imitierten« alten Meistergeigen, wo dieselbe dann für schweres Geld,

als »echte« Steiner oder Quanari usw. als durch »glücklichen Zufall« in

Besitz gelangte, an den Mann gebracht wurden. Dann ein naher Verwandter

von mir »Kohler« (Zigeunername; sein rechter Name: Guttenberg, August),

der heute fast ganz erblindet ist, besitzt auch den Ruf als äußerst

geschickter Bildschnitzer und heute noch macht er, als halbblinder, noch

sehr schöne Sachen. Unter anderem kann man Arbeiten von ihm im Museum

für Volkskunde (Abteilung Europa) zu Basel, sehen.

Nachdem ist einer der wichtigsten Erwerbszweige der Zigeuner der

Pferdehandel. Schweinehändler ist der deutsche Zigeuner niemals und noch

nie gewesen. Sie sind tüchtige und gute Pferdekenner, was ihnen niemand

abstreiten kann. Sie besitzen und kennen gute, sicher wirkende

Heilmittel gegen Pferdekrankheiten. Man mag da noch so sehr schreien

über »Quacksalberei«, es ist doch so! Auch verschiedene Kunstgriffe

verstehen sie, die zwar nicht dem Käufer, wohl aber ihnen -- nutzen. Auf

die Beschreibung dieser »Zunftgeheimnisse«, deren es hier und bei

anderen Gelegenheiten, eine große Anzahl gibt, muß ich aus leicht

begreiflichen Gründen verzichten. Einige der berühmtesten Pferdehändler

bei uns sind z. B. der bezw. die Familie (Sippe) »Schnurmichel«

Familienname »Christ!« Überhaupt die aus vier Brüdern bestehende Sippe

und deren Söhne. Sodann »Gadscho« (Zigeunername; richtiger Name:

Lehmann), unser derzeitiger Hauptmann. Beide sind durch ihren

Pferdehandel zu einer ganz netten Wohlhabenheit gekommen. Weiter noch:

Franz Reinhardt und dann noch die in ganz Preußen bekannte Familie

Petermann; besonders bekannt davon »Leidschi« (Zigeunername). Schöne

Pferde, möglichst mehrere, schöne, glänzende Geschirre, verziert und

beschlagen mit Neusilber, Messing usw. ist dem Zigeuner sein größter

Wunsch und sein Stolz und gilt außerdem für Wohlhabenheit. Rührend ist

auch die Liebe, die der Zigeuner für diese Tiere hegt. Den letzten

Bissen teilt er mit ihnen. Dagegen hat er gegen das Putzen derselben

eine merkwürdige Abneigung.

Von anderen, den »_geheimnisvollen Berufen_«, will ich schweigen, sie

sind ja auch so bekannt, also erübrigt sich eine Beschreibung. Auch mit

Schirm- und Kesselflicken suchen sie sich durchs Leben zu schlagen. Die

ungarischen Zigeuner betreiben auch noch die Goldwäscherei,

Schmiedehandwerk und sind z. B. sehr tüchtige Hufschmiede. Letztere

Berufe betreiben die deutschen Zigeuner nicht. Diese versuchen sich

überhaupt in allem möglichen. Der Feldarbeit, Landwirtschaft bringen sie

zwar keine Sympathie entgegen, doch verdingen sie sich oft in letzter

Zeit, im Herbst zum Rüben- und Kartoffelgraben und öfters noch versuchen

sie sich heutzutage durch Steinklopfen ihren Lebensunterhalt zu

verdienen. Auch als Schausteller, Schauspieler, Zirkusbesitzer,

Schildersänger, Tierdresseur usw. suchen sie ihr Fortkommen. So der alte

Reinhardt mit seinen wirklich gut dressierten Vögeln, Kanarienvögel,

Finken, Staren, Lerchen und Spatzen. Diese vollführen alle möglichen

Kunststücke, alles in Freiheit und mit voller Flugfähigkeit ausgeführt.

Eine geladene Kanone abschießen, (natürlich #en miniature#) Wagen

ziehen, einige als Passagiere, Kutscher, Pferde usw. Auch eine hübsche

Pantomime führen sie zusammen auf. Weiter der Zigeuner Pfaus, welcher

in Sälen und Schulen eine dressierte Ringelnatter zeigt, über 1 m groß

geworden, die er gewöhnlich durch die Knopflöcher an seiner Joppe

gezogen, so daß der Kopf, mit dem immer beweglichen Zünglein, gleichsam

als riesige Krawattennadel oben am Hals herausschaut. Ein Wunder für die

einfältigen, törichten Bauern, die solch ein harmloses Tier als giftig

und schädlich ansehen und es töten, wo sie eines erwischen, zu ihrem

eigenen Schaden. Dabei hat er noch einen dressierten Raben, Pudel und

Katze, alle schwarz wie ein Teufel, pardon wollte sagen Mohr! Alle vier

fressen, lecken aus einer Schüssel, schlafen beieinander in schönster

Harmonie und kein Zank oder Streit hat diese ihnen gestört. Ein gewiß

höchst interessantes Bild für den Natur- und Tierfreund. Auch zeigt er

immer einige zahme und originell dressierte Igel.

Der Zigeuner Hock war Akrobat, Messerschlucker, Schlangenmensch und

Zauberkünstler. Unter anderem produzierte er sich auch als

»kugelsicher«; letzteres wurde sein Verhängnis. Er lud eine Pistole,

zeigte die Kugel d. h. lies sie vom Publikum untersuchen auf ihre

Echtheit und beim Zurückgeben vertauschte er sie gewandt und unbemerkt

mit einer zu diesem Zweck immer kurz vorher präparierten Kugel aus

Cichorie. Hierauf forderte er einen der Zuschauer auf und gab ihm die

vor aller Augen geladene Pistole in die Hand, ihm auf die entblößte

Brust zu schießen. Gab sich niemand dazu her, so tat er es auch selbst.

Natürlich verletzte ihn die weiche Cichorienkugel nicht. Gewöhnlich

verfing sich dieselbe in den Kleidern oder fiel zu Boden, wo er sie dann

schnell und unbemerkt zertrat. Die bereit gehaltene »echte« Kugel aber

ließ er entweder gleich nach dem Schuß auf den Boden fallen oder zog

sie, je nach dem, auch aus dem Hemd oder der Hose hervor und zeigte sie

vor. So gab er wieder einmal Vorstellung und der dazu Aufgeforderte

schoß auch gleich auf ganz kurze Entfernung auf den Künstler. Mit einem

lauten Aufschrei brach dieser tot zusammen. Er hatte die Kugel nicht

verwechselt, wie die in den Trick Eingeweihten zuerst annahmen, sondern

hatte, statt einer kurz vorher präparierten Kugel (die man nachher fand

und die ganz weich war), eine jedenfalls vergessene schon von längerer

Zeit gemachte Cichorienkugel erwischt, welche durch die Länge der Zeit,

hart und fest geworden und durch die Brust ins Herz gedrungen war.

Die beiden Brüder Stein, welche sich als Kunstwasserschwinger und

Feuerwerker produzieren, wählen zu ihren Produktionen und Vorstellungen

immer die höchsten Brücken über Flüsse oder, wo keine Brücken sind,

machen sie selbst ein hohes Gerüst aus Leitern, von wo herab sie ihre

Kunstsprünge, den Körper mit Raketen eingehüllt, die vor dem Sprung

angezündet werden und während dem Abfeuern der Raketen, allerhand

schwierige und schöne Wasserkunststücke sehr elegant und gewandt

ausführen. Der ältere brach schon zweimal den Fuß bei diesem oft recht

gefährlichen »Kunstsprung«! Der jüngere ist außerdem einer der besten

Guitarrespieler und Künstler auf diesem Instrument von uns deutschen

Zigeunern.

Ein wirklich hervorragender Künstler auf der Guitarre, von keinem

anderen Zigeuner vor- und nachher übertroffen, war der Zigeuner Blach

(Zigeunername: »Gokkel«.) Er spielte darauf ganze Opernauszüge. So z. B.

Auszüge aus »Troubadour« -- »Martha« -- »Undine« usw. Einfach eine

Berühmtheit auf diesem Instrument.

Ich selbst war schon alles mögliche: Schausteller, Rekommandeur,

Dresseur, Schauspieler, Pferdehändler, Zauberkünstler, Impresario von

der »Anitzka« die bärtige Dame, Zirkus- vielmehr »Kunstarena«- und

Singspiel- und Konzert-Direktor, Kunstschwimmer und Athlet und

Ringkämpfer, heute vom Schicksal unerbittlich verfolgt nur noch --

Hausierer.

Der Zigeuner Winter (Zigeunername: »Hose«), der mit seinem Bruder und

Geschwistern einen kleinen Zirkus hatte, d. h. ein Rondel und sein

Geschäft in nettem Zustande hatte, trat als Brustathlet, Kettensprenger,

Ringkämpfer, nebenbei noch mit einem dressierten, großen Affen und einem

Pferd #à la# »Hans« auf. Der Affe war sein Untergang. Er war ein gar

lieber, treuer Freund zu mir. Ein aufrichtiger, liebenswürdiger und

trotz seiner Bärenkraft nur gemütlicher, braver Mensch. Darum das ihm

zugestoßene Unglück um so bedauerlicher. Er gab wie immer (im

Sigmaringischen) eines Abends Vorstellung. Unter den Zuschauern war ein

noch junger Bursche, (ein Schaukelbursche und Sohn von einem Geschäft,

welches auch auf dem Platz aufgebaut hatte, neben dem Rondel der Gebr.

Hose) dieser störte die Vorstellung fortwährend durch laute Rufe, freche

Bemerkungen, man merkte, daß er mit Gewalt die Vorstellung stören

wollte. Da er auf keine Zurechtweisung hörte, wurde er schließlich von

meinem Freund, dem älteren Hose, kurzer Hand an die Luft spediert und

man glaubte, der Fall wäre erledigt. Dem war aber nicht so. Nämlich der

erwähnte Affe war unter anderem auch dazu dressiert, während des

Spielens, inwendig vom Rondel (Rundleinwand) stets im Kreise herum zu

laufen, auf den Hinterfüßen, aufrechtstehend, um zu verhindern, daß

jemand unbefugterweise die Rundleinwand aufhebe und gratis zuschaue. Es

war mehr zur Abschreckung der Dorfjugend und um ein Beschädigen,

Zerschneiden der Leinwand zu verhindern. Diesem Affen, ein ganz und gar

gutmütiges Tier, stach der rohe Kerl von außen durch die Leinwand

hindurch, das Messer in den Leib, so daß er schreiend und röchelnd

verendete. In gerechtem Zorn sprang nun mein Freund hinaus, um den

Übeltäter zu züchtigen oder vielleicht auch nur, ihn festzuhalten. Und

da geschah das abscheuliche, der rohe Patron stieß ihm das noch vom

Blute des Affen rauchende Messer ins Herz, so daß ich nur noch sah, wie

er, wie vom Blitz getroffen, lautlos zu Boden stürzte. Der Bursche

verschwand in der Dunkelheit. Die Vorstellung hatte ein jähes Ende

gefunden. Wohl entging der Täter der irdischen Gerechtigkeit nicht, aber

ein guter, braver Mensch war nicht mehr.

Trotz diesen vielerlei Beschäftigungen kommt der Zigeuner in den

seltensten Fällen auf einen grünen Zweig. In seinem leichten Sinn, wenig

um das »morgen« besorgt, lebt er nur dem »heute!« Sind alle Mittel zu

Ende, so lebt er solange sorgenlos dahin, bis er vom Hunger und Durst

gequält, hauptsächlich im Winter, dem gefürchtetsten Gast des Zigeuners

mehr als einmal bereit ist, den Unterschied zwischen »Mein« und »Dein«

zu verwechseln. Doch auch in solchen mißlichen Lagen, verliert er seinen

Humor nicht und nimmt manches auf die leichte Achsel, was ein anderer

nicht gerade so leicht finden würde. Schon von Jugend auf wird er an

alle Arten Entbehrungen gewöhnt. Sehr oft ist Schmalhans Küchenmeister

und statt einem fetten Stück Schweinefleisch und einem guten Schluck

Branntwein, muß er sich öfters nur mit Wasser und Brod begnügen. Was

andere schon in frühester Jugend nicht mehr entbehren können, lernt er

erst oft in sehr gereiften Alter kennen, so z. B. erzählt einer meiner

»Kako« (Vetter) oft, wie er der »Bibi« (Tante), seiner Frau, erst kurz

vor ihrer Verheiratung die ersten Schuhe kaufte. Als sie die Schuhe beim

Kaufmann anprobierte, so fragte sie, als sie den einen Schuh angezogen

hatte, ganz verzweifelt: »Kamlo Rom (lieber Mann) einen hätte ich an,

jetzt wo gehört der andere hin?«

Das bisher gesagte beweist also zur Genüge, (das nachfolgende wird es

noch weiter beweisen) daß die Zigeuner -- nicht allein vom Betteln und

Stehlen leben!

Am meisten muß zur Versorgung und Erhaltung der Familie die _Frau_

beitragen, welche sich durch allerlei gute, sichere Zaubermittel,

Wahrsagen, Kartenschlagen usw. fast immer ein gutes Stück Geld erwirbt.

Daß die Zigeuner viele Heil-, Zauber- und Geheimmittel haben, die stets

sicheren Erfolg haben und bei den Bauern, notabene auch bei den

Städtern, in hohem Ruf stehen, durch die dadurch erzielten oft

wunderbaren Kuren und Erfolge, ist gut bekannt. Weniger bekannt ist

vielleicht, daß die Zigeunerinnen auch sehr gute Tänzerinnen sind,

Sängerinnen, Flechterinnen von allerlei nettem Flechtwerk. Die

hervorragendsten unter ihnen besitzen nicht nur bei der Landbevölkerung,

sondern auch bei ihren eigenen Stammesgenossen einen hohen Ruf und

stehen bei letzteren in sehr hohem Ansehen. Solch eine #»brawi

Dschuwel«# (Ehrenname für Zigeunerinnen), wird den anderen stets als

Beispiel vorgehalten und sind solche auf ihren Ehrennamen stolz und auch

mit Recht. Eine der berühmtesten und angesehensten Wahrsagerinnen, die

im Wahrsagen aus den Linien der Hand sozusagen einzig dastand und einen

Weltruf (?) genoß, war meine Schwiegermutter bei uns deutschen

Zigeunern. Außerdem war sie ein sehr schönes Weib, mit wunderbar kleinen

Füßen und konnte ausgezeichnet tanzen. Sie produzierte sich auch als

Fußspitzen- und Kunsttänzerin, indem sie auf einem Teller tanzte. Selbst

wir, die wir doch so oft das Schauspiel sahen, bewunderten immer wieder,

die auf solch einem Teller ausgeführten schönen Tänze. Infolge einer

körperlichen Entstellung gab sie dies Tanzen kurz nach einem Unfall auf.

Umsomehr steigerte dies Mißgeschick direkt ihren Ruf als Wahrsagerin und

weise Frau, weil sie den Unfall Jahre vorher prophezeit hatte. Dieser

Unfall zeigt zugleich, wie man in gewissen Kreisen die Zigeuner trotz

dem Jahrhundert der Humanität, immer noch als vogelfrei zu betrachten

scheint. Ich will ihn daher etwas ausführlicher schildern.

Es war an der bayerisch-österreichischen Grenze, noch auf dem Gebiet des

»heiligen« Landes Tirol, als im Anfang ihrer Ehe meine Schwiegereltern

in Gesellschaft, in einer Lichtung im Wald das Lager aufgeschlagen

hatten. Die Frauen waren alle zurück aus den Dörfern und waren alle

guter Dinge. Nur meine Schwiegermutter war noch nicht zurück, als man

den aufgestellten Späher das Zeichen »Vorsicht« geben hörte. Gleich

darauf gab er das Zeichen »Gefahr« und sofort auch »Hilfe«! Einige

Männer, darunter mein Schwiegervater sprangen in die Wagen, um sich zu

bewaffnen und dann der vom Späher angedeuteten Richtung zu. Die Frauen

und Kinder brachen alles ab und zerstörten die Feuer, die Pferde wurden

eingeschirrt und im nu war alles zur Flucht, zur Abreise hergerichtet.

Der Späher meldete, daß er Hilferufe gehört habe und zwar habe er

zuletzt deutlich die Stimme der »Madel« (Zigeunername meiner

Schwiegermutter) erkannt. Gleichzeitig ertönten wieder die in unserer

Sprache abgegebenen, gellenden Hilferufe und viel näher. Kein Zweifel,

es war die noch nicht Zurückgekommene und allem Anscheine nach war sie

in großer Gefahr. Alle stürzten in fieberhafter Eile der Richtung nach,

von welcher die Hilferufe kamen. Sehen konnte man in dem tiefen Wald

noch nichts. Da, in nächster Nähe der Straße, war eine etwas größere

Lichtung, wo die Männer das nun folgende, abscheuliche Schauspiel mit

ansehen mußten. Ein Gendarm stand da neben meiner Schwiegermutter, riß

an ihr herum, er wollte sie fesseln. Sie wehrte sich dagegen, da stieß

er sie mit dem Gewehrkolben in ganz unmenschlicher Weise, in Rücken, auf

die Brust, den Leib, so daß sie einigemale zu Boden stürzte; und sie war

in -- hochschwangerem Zustand. Ihr Mann sprang rasend vor Zorn und Wut

auf den rohen, wüsten Gendarmen zu, seinem mißhandelten Weibe zu Hilfe

und ihr zurufend. Darauf sprang diese auf und wie ein gehetztes Reh

davon, aber statt ihrem Manne entgegen, in der Richtung der Straße zu.

Da nahm der Gendarm das Gewehr, schoß nach der Fliehenden, und mit einem

markerschütternden Schrei fiel sie am Waldesrand nieder. Entsetzen

ergriff die Männer über solch einer gräßlichen Tat, an einer wehrlosen

schwangeren Frau. Alles glaubte, sie wäre tot. Ihr Mann stumm und weiß

wie der Tod, stand im gleichen Moment vor dem Mörder. Seiner Sinne nicht

mehr mächtig, schoß er dem Gendarm die volle Ladung seiner Pistole ins

Gesicht, so daß ihm das Hirn des Elenden ins eigene Gesicht spritzte. Er

hatte es verdient.[1] Die andern hatten sich um das, wie sie glaubten,

erschossene Weib bemüht, die zwar in Ohnmacht aber nicht tot dalag und

einem Kind das Leben gegeben hatte. Dies Kind ist jetzt -- meine Frau.

Die Mutter hatte nur einen Streifschuß erhalten, aber das Auge war

verletzt, so daß es auslief und sie einäugig war, was sie, vorher eine

der schönsten Frauen, sehr entstellte. Der Gendarm wurde absichtlich

liegen gelassen, nichts von seinem Eigentum angerührt, Tag und Nacht

gefahren und die Gegend für immer verlassen. Später hörten wir, daß die

Zigeuner stark im Verdacht waren, aber schließlich bestimmt angenommen

wurde, der Gendarm wäre bei einem Renkontre mit Wilderern getötet

worden. Und weswegen diese Scheußlichkeiten? Der Gendarm beschuldigte

die arme Frau, eine -- Katze gestohlen zu haben, es habe jemand zugesehen

und ihm Anzeige gemacht. Das war nicht wahr und wenn es gewesen wäre,

berechtigte dies dann zu so brutalen, rohen Mißhandlungen? Durfte er

zwei Menschenleben vernichten (das dem nicht so war, ist nur ein

glücklicher Zufall gewesen) wegen einer -- Katze? Er, der Gendarm

titulierte die unschuldige Frau auch noch mit solch unverschämten,

gemeinen Redensarten, die hier nicht wiederzugeben sind. Auch sagte er,

sie habe die Katze wieder durchgehen lassen, das habe sollen ein Braten

geben usw. Aber wir deutschen Zigeuner essen Katzenfleisch usw. niemals,

selbst in der größten Not nicht. Nach unserem Gesetz streng verboten!

Wer es übertritt, ist #»baledschido«# (unehrlich). Alle Beteiligten sind

schon längst tot, d. h. mit Ausnahme der unbeteiligten Kinder, daher

meine offene und gewissenhafte Schilderung, d. h. wie ich sie oft aus

dem Munde der direkt Beteiligten gehört habe. Die Zigeuner sind weder

Mörder noch Kinderräuber, das wird ihnen zu Unrecht nachgesagt. Ich

selbst und der größte Teil der Zigeuner bedauern tief solche

Ausschreitungen, wie die eben mitgeteilte, aber ich frage: Was hätte ein

anderer Gatte getan, in den gleichen Umständen, angesichts solcher

unmenschlicher Behandlung und einer solchen abscheulichen Tat? Die Tat

des Gatten ist absolut nicht zu billigen, aber schließlich zu begreifen.

Hätte man der Gerechtigkeit ihren Lauf gelassen, so wäre, so gewiß als 2

und 2 vier ist, nicht der Gendarm, wohl aber die Frau zu ihrer

Frühgeburt, zu ihrer Entstellung, zu ihren Mißhandlungen -- noch bestraft

worden. Gerechtigkeit damals und insbesondere gegen die Zigeuner! Auch

wäre es eine Feigheit gewesen und Infamie nach unseren Sitten und

Anschauungen, die Frau arretieren zu lassen, vom anderen ganz zu

schweigen. Daß die Sache ein solch schreckliches Ende nehmen würde,

ahnte Niemand, der Feigling von Gendarm wohl am allerwenigsten. --

[Fußnote 1: nach dem Recht der Naturvölker. D. H.]

Wie ich ja schon an anderer Stelle betonte, muß ich es mir versagen, auf

die _nicht immer ehrlichen »Berufe«_ der Zigeunerinnen, wie Zauberei,

Traumdeuterei, Wahrsagerei, Hexenbannerei und Austreiberei usw., sowohl

bei Menschen wie Vieh, näher einzugehen! Hauptsächlich betrifft das

unser Wahrsagen aus den Linien der Hand. _Ein Verrat hierin würde

augenblicklich schwer bestraft werden. Derjenige würde kein Glück, keine

Rast und Ruh mehr haben. Die Verstorbenen würden es rächen._ Es ist dies

einzig unsere Kunst, mit der die Zigeunerin sicher und unfehlbar, sowohl

die Zukunft als auch Vergangenheit ergründet und das größte Geheimnis

bleibt für jeden Nichtzigeuner![2] #Tschatschopaha!# Auch sollte man

nicht so viel Aufhebens davon machen und immer und immer wieder

losdonnern gegen die »unehrlichen« Gewerbe Hexerei, Betrügerei! Was

schadet es, wenn hin und wieder die Dummheit etwas bestraft wird? Warum

sollen wir Zigeuner gegen die Dummheit kämpfen, wenn es selbst die

Götter nicht vermögen? Aber nützen soll sie uns![3] Man bedenke auch,

daß sie selber abergläubisch sind und an manches selber felsenfest

glauben! Aber auch gutes kann eine Zigeunerin mit ihren oder durch ihre

»lichtscheuen« Gewerbe stiften, selbst Verbrechen verhindern, was das

folgende illustrieren soll.

[Fußnote 2: So meint der Verfasser.]

[Fußnote 3: Das ist die Auffassung der Zigeuner. Der Verfasser

denkt wohl schon etwas anders. Seine eigene Frau vermeidet das

Wahrsagen als unehrenhaft!]

Kam da eine mir nah verwandte Zigeunerin (es war im Neckartal und noch

gar nicht so lange her) zu einer als abergläubisch bekannten Frau, die

sich ihres Mannes (einem Säufer) entledigen wollte. Eine »weise« Frau

(keine Zigeunerin!! Man sieht, nicht blos Zigeuner verstehen sich auf

»unehrliche« Geschäfte!) hatte ihr ein Mittel hierzu angeraten, _ein

gutes, tatsächlich sicher wirkendes_. Die Frau war im Begriff dasselbe

anzuwenden bezw. machte Anstalt hierzu. Nämlich sie mußte in den drei

höchsten Namen, mit der linken Hand, Holz und Stroh unter das Bett ihres

Mannes häufen und dies, wenn der Mann schlief -- anzünden, auch in den

drei höchsten Namen, aber alles unbesprochen d. h. von anderen nicht

dabei angeredet werden, sonst hatte die Zauberei _keine_ Wirkung,

andernfalls aber wirkte es sicher und zwar so, daß Niemand, außer der

Eingeweihten, _das Feuer brennen sah_! Auch mußte man es am Freitag tun.

Die Frau wurde _durch_ das Dazwischenkommen meiner Verwandten

_verhindert_, das Verbrechen _auszuführen_. Sie überredete die Frau, daß

sie ihr ein ganz anderes, leichtes und gutes Mittel zu diesem Zweck

wisse und die Frau vertraute ihr ganz und gar. Natürlich fiel es meiner

Verwandten nicht ein, den Mann beseitigen zu helfen. Ihr genügte, einen

»sicheren Verdienst« auf lange Zeit hinaus gefunden, die Frau an einem

schweren Verbrechen, den Mann vor einem schrecklichen Tod, bewahrt zu

haben. Das genügte ihr! Aber man sieht, es gibt in Bezug auf Moral noch

Tieferstehende, als wir Zigeuner; denn Mord wird uns wohl zwar

nachgesagt, aber mit Unrecht. Nur in einem Fall erinnere ich mich, wo

eine Zigeunerin zur Kindesmörderin wurde. Diese war dann auch ihr Leben

lang #»baledschido«# (ausgestoßen von aller Gemeinschaft, geächtet).

Ebensowenig sind sie Kinderräuber (wenn auch früher vielleicht mal in

einzelnen Fällen), denn sie haben selbst genug, brauchen also absolut

keine zu stehlen. Daß sie Menschenfleisch äßen, ist eine haarsträubende

Lüge. Ebensowenig essen wir deutschen Zigeuner Pferde-, Hundefleisch

oder gar Aas, wie z. B. die ungarischen Zigeuner, die schon vergrabenes

wieder ausgraben und verzehren, (verendete Schweine usw.). (?) Wir

würden unser Gesetz schwer verletzen und müßten es schwer büßen. Die

Lieblings- oder Nationalspeise ist Igelfleisch. Bei Tage werden sie ohne

oder auch mit den dazu abgerichteten Hunden gesucht. Bei Nacht selten

und dann nur mit Hunden. Igelfleisch wird jedem anderen Fleisch

vorgezogen.

_Moralische Empfindungen_ spricht man gewöhnlich den Zigeunern ab, aber

sehr mit Unrecht. Mit gleichem Unrecht behauptet man, daß sie auf einer

noch sehr primitiven Kulturstufe stehen. Gerade an ihren _Familien-_ und

_Stammesverhältnissen_, an ihren Sitten und Gebräuchen sieht man das

Gegenteil am besten. Früher als die Zigeuner noch in großen Haufen

(Genossenschaften), d. h. alle Stämme eines _einzelnen_ Landes,

Norddeutsche, Süddeutsche bildeten ein _ganzes_ für sich, (laut den noch

existierenden mündlichen Zigeuner-Überlieferungen) reisten, hatten sie

ihre regelrecht gewählten Anführer (Häuptlinge, Hauptleute). Die Ungarn

haben heute noch ihre Ober- und Unteranführer (Wojwode, Saibidjo). Heute

ist es in dieser Beziehung bei uns wesentlich anders geworden. Schon

längst wurde es nicht mehr geduldet, in größeren zusammenhängenden

Gesellschaften zu reisen, in den letzten Jahren wurden wir sogar

gezwungen, nur noch familienweise in 1 bis 2 Wagen zu reisen, uns in

kleine Trupps aufzulösen. Wir deutschen Zigeuner haben daher nur einen

Hauptmann[4], welcher gewählt wird. Hauptmann wird nur einer, der sich

die Achtung und Neigung der anderen zu erwerben versteht. Auch muß er

nach zigeunerischen Begriffen etwas wohlhabend sein. Er muß ein

bewährter und unerschrockener Mann sein. Wenn er alt, krank oder

gebrechlich geworden, wird ein anderer gewählt, doch gilt auch hier

»keine Regel ohne Ausnahme«, gewöhnlich aus der Familie oder

allernächsten Verwandtschaft des bisherigen Hauptmanns. Dieser spricht

Recht in allen Streitigkeiten der Zigeuner untereinander; hauptsächlich

aber wenn jemand #»baledschido«# ist, d. h. wenn jemand sich gegen das

Gesetz vergangen hat. Zu diesem Zweck ist alle Jahr ein #»Zilo«#

(Versammlung), gewöhnlich im Herbst und zwar im Elsaß. Diese

Zusammenkünfte sind geheim. Fremde werden in keinem Fall zugelassen. Da

werden diese Sachen alle ausgemacht und vom Hauptmann Recht gesprochen.

Je nach dem Vergehen auf ein paar Jahre #»baledschido«# gesprochen oder

ganz ausgestoßen. Andere wieder »ehrlich« gemacht oder auf weitere Jahre

#»baledschido«# gesprochen. Nur inbezug auf die Blutrache stehen dem

Hauptmann irgendwelche schlichtende Rechte nicht zu. Nach solch einem

#»Zilo«# geht es immer lustig zu. Diejenigen, welche wieder ehrlich,

also nicht mehr #»baledschido«# sind und deren Angehörigen, bezahlen,

d. h. halten die andern frei, aus Freude darüber, wieder in die

Gemeinschaft aufgenommen, wieder einer der ihren zu sein. Wein, Bier,

Branntwein, alles fließt in Strömen. Es wird gesungen, getanzt,

geschmaust, gespielt, kurz es geht recht lustig und turbulent zu. Die

Schattenseite ist aber dann die, daß gewöhnlich der Schluß einer solchen

großen Zusammenkunft -- eine regelrechte Schlägerei ist, ja oft werden

wahre Schlachten geschlagen.

[Fußnote 4: Der Verfasser kennt nur den Hauptmann der

süddeutschen Zigeuner. Dieser ist aber nicht der einzige in

Deutschland.]

Denn zu einem solchen #»Zilo«# kommen manche, die nur ihren Feind

suchen, der das »_Totenhemd_« an hat, d. h. die _eine Blutrache_ oder

sonst etwas miteinander auszufechten haben. Es wird #»gepraßt«# d. h.

man beschimpft sich gegenseitig, dann kommt es zum Handgemenge und es

wird geschlagen, gestochen und geschossen. Ohne Blutvergießen oder oft

auch Totschlag geht es meistens nicht ab. Angezeigt wird nichts.

_Niemals_ verrät ein Zigeuner den anderen den Behörden. Alles wird

wieder selbst ausgemacht. Wer etwas anzeigen oder eine Angabe machen

würde, wonach der oder die Täter von der Behörde ermittelt würden, hätte

#»gepukt«#, er wäre ein #»Pukerer«# und sein Tod gewiß. Wird aber der

Täter so erwischt und verurteilt von der Behörde, so gilt diese Strafe

nichts, d. h., wenn er die Strafe verbüßt hat, so ist er dennoch der

Blutrache verfallen. Kommt es aber zu einer Versöhnung der Gegner (am

meisten imponiert Mut und Unerschrockenheit), so ist die Aussöhnung

dauernd. Zum Zeichen der Versöhnung nimmt derjenige, der Rache

geschworen hat, zwei Gläser (Bier-, Wein- oder Branntweingläser),

schenkt selbst von dem betreffenden Getränk ein, nimmt dann aber das

Glas vom anderen Teil, (der Gegner dann umgekehrt), stößt an, d. h.

trinkt ihm zu und beide leeren das Glas auf einmal. Jeder nimmt dann

wieder sein eigenes Glas an sich; die Gegner sind versöhnt, jede Rache

ist vergessen und alles ist vergeben. Hier nur ein Beispiel aus der

Wirklichkeit: Bei einer zufälligen Zusammenkunft (größeren) bei Hagenau,

einer meiner Schwäger mit einem anderen Zigeuner, der meinem Schwager

Rache geschworen, (von ihm aus das »Totenhemd« anhatte) kam es am Abend

in der Wirtschaft durch das unerschrockene Auftreten meines Schwagers

zur Versöhnung der beiden Gegner. (Zeremonie wie vorgehend beschrieben.

Bei Bier oder Wein wird dazu ein kleines Glas bezw. ¼-Literglas oder

größeres Glas, nur wenig darin, genommen.) Wie es der Zufall wollte, kam

kurz nach der Versöhnung ein anderer Gegner resp. zwei, Vater und Sohn,

an. Der Zigeuner, welcher meinem Schwager Rache geschworen, sich aber

mit ihm versöhnt hatte, hatte den beiden spät angekommenen Zigeunern

ebenfalls Blutrache geschworen. Beide hatten also von ihm aus das

»Totenhemd« an. Es war bereits sehr spät in der Nacht, als es wirklich

zum Zusammenstoß kam. Das Ende war furchtbar. Der frühere Gegner von

meinem Schwager forderte die beiden zuletzt angekommenen Zigeuner heraus,

#»praßte«# und schoß den Sohn auf der Stelle tot und zwar am Ende des

Hausausganges (Treppe) der Wirtschaft. Der Vater des Getöteten wollte

seinem Sohn zu Hilfe eilen, wurde aber von dem sich wie wild gebärdenden

Täter ebenfalls zweimal angeschossen. Eine Kugel bekam er in den

Oberschenkel, die andere ging durch Kinn und Hals und kam am Kopf wieder

heraus. Er flüchtete, mußte aber im Spital aufgenommen werden, wo er

innerhalb 8 Tagen ebenfalls seinen Verletzungen erlag. Mein Schwager

stand unmittelbar neben dem getöteten Zigeuner, als der Täter mit wild

rollenden Augen nach dem anderen Zigeuner suchte. Wäre es nur eine halbe

Stunde früher zum Kampf gekommen, so wäre mein Schwager oder sein Gegner

sicher ebenfalls getötet worden. So aber fand Versöhnung statt und kein

Haar durfte ihm gekrümmt werden. Die Sitten sind in dieser Beziehung

streng. Da kein Zigeuner den anderen anzeigt, so erwischte man den Täter

auch nicht. Er hat jetzt wieder das »Totenhemd« an von den verwandten

Leuten der Erschossenen. Zur näheren Erklärung der Blutrache nur ein

Beispiel: Vor etwa 8 Jahren hatte der Zigeuner B. Eckstein dem Zigeuner

S. Guttenberger, als letzterer eine Gefängnisstrafe verbüßte, dessen

Geliebte bezw. nach unseren Begriffen seine Braut -- ihm abwendig

gemacht. Nach unseren Sitten durfte bezw. mußte er sich rächen, wenn er

kein Feigling sein wollte. Der Verführer wußte aber auch gut, daß er das

»Totenhemd« anhatte, von dem hintergangenen Liebhaber bezw. zukünftigen

Gatten aus.

Als Guttenberger frei war, suchte er den Eckstein auf, der daran war,

die Ehe nach unseren Anschauungen mit dem fraglichen Frauenzimmer

einzugehen. Er traf ihn in einer Wirtschaft. Dieser, überrascht durch

den unerwarteten Besuch, sich aber der Situation voll bewußt, erhob

sich, um hinaus zum Wagen zu gehen, jedenfalls, um sich zu bewaffnen.

Guttenberger zog aber sofort eine Doppelpistole und schoß nach ihm. Der

erste Schuß ging fehl und fuhr die Kugel oben in die Stubentüre. Die

zweite traf ihn in den Kopf und furchtbar entstellt brach er tot

zusammen. Durch die anwesenden Bauern wurde der Täter an einer Flucht

verhindert. Er bekam vier Jahre Gefängnis. Jetzt ist er längst frei,

aber eines schönen Tages fällt auch er als Opfer der Blutrache. Die vier

Jahre Gefängnis haben gar keinen Einfluß oder Bezug auf diese. Dem

Frauenzimmer geschieht nichts. Eine Verbindung aber mit dem betrogenen

Rächer ist für immer ausgeschlossen. Er würde dadurch #baledschido#

werden, nicht aber sie.

Außerdem ist bezw. wird #»baledschido«# (leichtere Vergehen), wer

Hundefleisch, Pferde- und Katzenfleisch ißt, ja wer nur aus einem Hafen,

Schüssel usw. ißt, wo solches nur darin war bezw. darin gekocht wurde,

ebenso wer aus einem Gefäß ißt oder trinkt, welches von einer Zigeunerin

mit dem Rock berührt, gestreift, über das sie etwa hinweggestiegen ist.

Solche Gegenstände müssen, wenn auch noch so nagelneu, sofort vernichtet

werden, natürlich auch das darin gekochte. #Praßen# (Beschimpfen) auf

seine Tote, auf des #Praßenden# Frau -- ohne Abwehr macht #baledschido#.

#Baledschido# wird, wer während der Periode zu seiner Frau liegt und

überhaupt solche Vergehen gegen die Schamhaftigkeit in und außer der

Ehe, z. B. Besuch von Prostituierten, Onanie usw. treibt. Schwere

Vergehen, wofür oft für immer aus der Gemeinschaft ausgeschlossen,

geächtet und verachtet wird, sind Sittlichkeitsvergehen, widernatürliche

Unzucht, Kindesmord usw. Die Strafe des #baledschido# besteht darin, daß

ein solcher auf bestimmte Zeit oder zeitlebens von aller Gemeinschaft,

Verkehr usw. der übrigen Zigeuner ausgeschlossen, verstoßen, geächtet

ist. (Noch bei den Ausländern, bei den deutschen nicht mehr). Auch nicht

mit ihnen zusammen reisen. Solche müssen allein reisen. (Nur

ausländische Zigeuner, bei den deutschen Zigeunern nicht, hier

Zusammenreisen erlaubt). Auch darf man nicht mit solch einem aus einem

d. h. dem »geächteten« seinem Glas etwa trinken. Anstoßen,

»Gesundheittrinken«, »Prosit« und an einen Tisch setzen, ist erlaubt.

Nicht erlaubt wieder -- aus einer Tasse, Teller usw. eines #baledschido#

zu essen oder seine Löffel, Gabel, Messer usw. zu gebrauchen. Wer etwas

derartiges tut, wird eben dann auch #baledschido#. Diese Strafe ist in

jeder Beziehung für den Zigeuner schrecklich. Abgesehen davon, daß er

von allen gemieden wird, wird er von den Behörden als Einzelner überall

angehalten und hat seine liebe Not und Scherereien. Wie sehr auch der

Zigeuner das freie, ziellose Herumreisen liebt, ebenso liebt er die

Geselligkeit mit seinesgleichen. Allein von Ort zu Ort wandern zu

müssen, vom Heimweh und Verlassenheit verfolgt, ist für ihn, bei seinem

geselligen Wesen, die denkbar größte moralische Strafe.

Blicke in das Leben der Zigeuner Von einem Zigeuner · 第 1 / 3 段