In Lille. Jungfer Zipfersaat. Eine Magd aus Weseners Hause.
Jungfer Zipfersaat. Sie ist zu Hause, aber sie läßt sich nicht
sprechen? Denk doch, ist sie so vornehm geworden?
Magd. Sie sagt, sie hat zu tun, sie liest in einem Buch.
Jungfer Zipfersaat. Sag Sie ihr nur, ich hätt' ihr etwas zu sagen,
woran ihr alles in der Welt gelegen ist.
(Marie kommt, ein Buch in der Hand. Mit nachlässigem Ton.)
Marie. Guten Morgen, Jungfer Zipfersaat. Warum hat Sie sich nicht
gesetzt?
Jungfer Zipfersaat. Ich kam, Ihr nur zu sagen, daß der Baron
Desportes diesen Morgen weggelaufen ist.
Marie. Was red'st du da?
(Ganz außer sich.)
Jungfer Zipfersaat. Sie kann es mir glauben, er ist meinem Vetter
über die siebenhundert Taler schuldig geblieben, und als sie auf sein
Zimmer kamen, fanden sie alles ausgeräumt, und einen Zettel auf dem
Tisch, wo er ihnen schrieb, sie sollten sich keine vergebliche Mühe
geben, ihm nachzusetzen, er hab' seinen Abschied genommen, und wolle
in österreichische Dienste gehen.
Marie (schluchzend läuft heraus und ruft). Papa! Papa!
Wesener (hinter der Szene). Na, was ist?
Marie. Komm Er doch geschwind herauf, lieber Papa!
Jungfer Zipfersaat. Da sieht Sie, wie die Herren Officiers sind.
Das hätt' ich Ihr wollen zum voraus sagen.
Wesener (kommt herein). Na, was ist--Ihr Diener, Jungfer Zipfersaat.
Marie. Papa, was sollen wir anfangen? Der Desportes ist weggelaufen.
Wesener. Ei sieh doch, wer erzählt dir denn so artige Histörchen.
Marie. Er ist dem jungen Herrn Seidenhändler Zipfersaat
siebenhundert Taler schuldig geblieben, und hat einen Zettel auf dem
Tisch gelassen, daß er in seinem Leben nicht nach Flandern
wiederkommen will.
Wesener (sehr böse). Was das ein gottloses verdammtes Gered'--(Sich
auf die Brust schlagend.) Ich sag gut für die siebenhundert Taler,
versteht Sie mich, Jungfer Zipfersaat? Und für noch einmal so viel,
wenn Sie's haben will. Ich hab mit dem Hause über die dreißig Jahr
verkehrt, aber das sind die gottsvergessenen Neider-Jungfer
Zipfersaat Das wird meinem Vetter eine große Freude machen, Herr
Wesener, wenn Sie es auf sich nehmen wollen, den guten Namen vom
Herrn Baron zu retten.
Wesener. Ich geh mit Ihr, den Augenblick. (Sucht seinen Hut.) Ich
will den Leuten das Maul stopfen, die sich unterstehen wollen, mir
das Haus in übeln Ruf zu bringen, versteht Sie mich.
Marie. Aber, Papa--(Ungeduldig.) Oh, ich wünschte, daß ich ihn nie
gesehen hätte. (Wesener und Jungfer Zipfersaat geben ab. Marie
wirft sich in den Sorgstuhl, und nachdem sie eine Weile in tiefen
Gedanken gesessen, ruft sie ängstlich.) Lotte!--Lotte!
(Charlotte kommt.)
Charlotte. Na, was willst du denn, daß du mich so rufst?
Marie (geht ihr entgegen). Lottgen--mein liebes Lottgen (Ihr unter
dem Kinn streichelnd.)
Charlotte. Na, Gott behüt', wo kommt das Wunder?
Marie. Du bist auch mein allerbestes Scharlottel, du.
Charlotte. Gewiß will sie wieder Geld von mir leihen.
Marie. Ich will dir auch alles zu Gefallen tun.
Charlotte. Ei was, ich habe nicht Zeit.
(Will gehen.)
Marie (hält sie). So hör doch--nur für einen Augenblick--kannst du
mir nicht helfen einen Brief schreiben?
Charlotte. Ich habe nicht Zeit.
Marie. Nur ein paar Zeilen--ich laß dir auch die Perlen vor sechs
Livres.
Charlotte. An wem denn?
Marie (beschämt). An den Stolzius.
Charlotte (fängt an zu lachen). Schlägt Ihr das Gewissen?
Marie (halb weinend). So laß doch-Charlotte (setzt sich an den
Tisch). Na, was willst ihm denn schreiben--Sie weiß, wie ungern ich
schreib.
Marie. Ich hab so ein Zittern in den Händen--schreib so oben oder in
einer Reihe, wie du willst--Mein liebwertester Freund.
Charlotte. Mein liebwertester Freund.
Marie. Dero haben in Ihrem letzten Schreiben mir billige Gelegenheit
gegeben, da meine Ehre angegriffen.
Charlotte. Angegriffen.
Marie. Indessen müssen nicht alle Ausdrücke auf der Waagschale legen,
sondern auf das Herz ansehen, das Ihnen--wart wie soll ich nun
schreiben.
Charlotte. Was weiß ich?
Marie. So sag doch, wie heißt das Wort nun?
Charlotte. Weiß ich denn, was du ihm schreiben willst.