1. Die Stoffwechsel-Mechanik der Zelle.

a) Stoffwechselschema der Zelle.

Durch die Einfügung des Kerns und Protoplasmas in den

Stoffwechselkreislauf nimmt der Mechanismus des Stoffwechsels in

der Zelle eine große Komplikation an. Wenn wir uns auch bei unserer

mangelnden Kenntnis der speziellen chemischen Prozesse in der

lebendigen Substanz zur Zeit noch keine genauere Vorstellung davon

machen können, wie der Stoffwechsel des Biogens sich im Schema

der Zelle mit differenziertem Kern und Protoplasma gestaltet, wie

die einzelnen Glieder dieses Stoffwechsels auf beide Zellteile

verteilt sind, so können wir uns doch auf Grund der bisherigen

Erfahrungen wenigstens ein Bild von der großen Komplikation des

Stoffwechselgetriebes machen, indem wir uns die Beziehungen zwischen

dem umgebenden Medium und der Zelle mit ihrem Protoplasma und Kern

in einem Schema veranschaulichen. In diesem Schema müssen die

Wechselbeziehungen zwischen den drei Faktoren: dem äußeren Medium, dem

Protoplasma und dem Kern, verzeichnet sein.

Zu diesem Zweck ist es nötig, noch einige neue Tatsachen kennen zu

lernen. Wenn sich aus den Ausfallssymptomen, die wir an kernlosen

Protoplasmamassen einerseits und an kernhaltigen Zellen mit

ausgeschaltetem Protoplasma anderseits feststellen konnten, bezüglich

vieler Stoffwechselvorgänge eine weitgehende Abhängigkeit des Kerns

und des Protoplasmas voneinander ergibt, so geht für manche andere

Leistungen aus einigen Versuchen eine gewisse Unabhängigkeit beider

Zellbestandteile voneinander hervor. Es gibt nämlich gewisse Vorgänge,

die auch nach Entfernung des Kerns am Protoplasma noch lange Zeit

bestehen bleiben. Allein wir haben unter diesen Vorgängen zwei Gruppen

voneinander zu unterscheiden. Die einen nämlich dauern nur deshalb noch

eine Zeitlang fort, weil auch nach dem Herausnehmen des Kerns aus dem

Protoplasma immer noch gewisse Mengen vom Kern abgegebener Stoffe, die

wir kurz als +Kernstoffe+ bezeichnen wollen, im Protoplasma vorhanden

sind; denn da ja der Kern fortwährend Stoffe an das Protoplasma abgibt,

so finden sich im Protoplasma selbst stets noch gewisse Mengen dieser

Stoffe vor, die mit der Herausnahme des Kerns nicht entfernt werden

können. Auf Kosten dieser noch aus der Zeit vor der Entkernung im

Protoplasma vorhandenen Stoffe können also gewisse Vorgänge, zu deren

Zustandekommen die Kernstoffe durchaus notwendig sind, noch eine

Zeitlang fortbestehen. Erst mit dem Verbrauch dieser Stoffe hören

dann auch die betreffenden Vorgänge auf. Etwas anders aber verhält

es sich mit der anderen Gruppe von Stoffwechselvorgängen, die auch

nach der Entfernung des Kerns im Protoplasma bestehen bleiben. Sie

sind nicht unmittelbar von der Anwesenheit der Kernstoffe abhängig,

d. h. die vom Kern an das Protoplasma abgegebenen Stoffe sind nicht

+unmittelbar+ zu ihrem Zustandekommen erforderlich. Daß solche Vorgänge

existieren, zeigen uns die von ~Klebs~[665] an plasmolysierten

Zellen von +Spirogyra+ gefundenen Tatsachen, die ~Gerassimoff~[666]

später in vollem Umfange bestätigt hat. Wenn ~Klebs~ die Zellen eines

+Spirogyra+fadens durch Plasmolyse in einer 16-proz. Rohrzuckerlösung

zum Zerfall in einzelne Protoplasmaklumpen brachte, so entstanden

häufig Protoplasmastücke, die keinen Kern, aber noch Fetzen des

Chlorophyllbandes der Zelle besaßen. ~Gerassimoff~[667] hat auch

durch Anwendung von Narcoticis auf +Spirogyra+zellen, die in Teilung

begriffen waren, vollständig kernfreie Zellen erhalten. Solche kernlose

Protoplasmamassen lebten in den Versuchen von ~Klebs~ unter günstigen

Verhältnissen noch wochenlang weiter. Wie wir bereits früher sahen,

hatten sie im Gegensatz zu den kernhaltigen Protoplasmamassen die

Fähigkeit, eine neue Zellulose-Membran zu bilden, verloren. Dagegen

blieben bei ihnen, wie ~Klebs~ fand, andere Lebensäußerungen noch

unverändert erhalten. Die kernlosen Protoplasmamassen verbrauchten

nämlich, wenn sie im Dunkeln gehalten wurden, die in ihnen enthaltene

Stärke vollständig und bildeten, falls sie noch ein Stück Chlorophyll

besaßen, im Licht von neuem Stärke. Das heißt mit anderen Worten: die

Synthese der Stärke aus Kohlensäure und Wasser, sowie der weitere

Verbrauch der Stärke ist bis zu einem gewissen Grade unabhängig vom

Einfluß des Kerns. „Bis zu einem gewissen Grade“, denn wenn die anderen

durch die Entfernung des Kerns bedingten Ausfallssymptome einen

bestimmten Umfang erreicht haben, werden selbstverständlich auch die

stärkebildenden Chlorophyllkörper in Mitleidenschaft gezogen werden;

sie werden selbst Veränderungen erfahren, keine Stärke mehr bilden

und schließlich zugrunde gehen. Aber das tritt in dem vorliegenden

Falle erst verhältnismäßig spät, häufig erst nach mehreren Wochen ein.

Insofern also mit der Störung des ganzen Stoffwechsels durch Entfernung

des Kerns auch der Stoffwechsel der Chlorophyllkörper gestört wird, ist

die Stärkebildung auch in gewisser Weise, aber nur mittelbar, vom Kern

abhängig.

[Illustration: Fig. 283. _I_ ~Engelmann~sche +Gaskammer+. Ein

ringförmiger Hohlraum ist unten von einer Glasplatte geschlossen und

oben von einem Metalldeckel bedeckt, der in seiner Mitte ein Deckglas

für die Untersuchung im hängenden Tropfen besitzt; _a_ _a_′ sind

Heizröhren, die in den Hohlraum des Ringes selbst münden, so daß der

Ring durch durchströmendes warmes Wasser geheizt werden kann; _b_

_b_′ sind Röhren, die in die glasbedeckte Kammer selbst einmünden und

zum Hindurchleiten des Gases dienen, so daß der am Deckglas hängende

Tropfen mit seinem lebendigen Inhalt in der Kammer vom Gase umspült

wird. _II_ +Versuchsanordnung zur Untersuchung in reinem Wasserstoff.+

_a_ ~Kipp~scher Apparat zur Wasserstoffentwicklung, _b_ zwei

Waschflaschen zur Reinigung des Wasserstoffs, _c_ Mikroskop, unter dem

sich die Gaskammer mit hängendem Tropfen befindet.]

Ebenso wie in der Pflanzenzelle kernlose Protoplasmamassen, falls

sie nur noch ein Stück Chlorophyllkörper haben, Kohlensäure spalten

und Stärke synthetisch erzeugen, ebenso vermag auch das kernlose

Protoplasma noch lange Zeit zu atmen. Den Beweis dafür, daß die

Atmung an kernlosen Protoplasmastücken noch in demselben Maße

fortdauert, wie an kernhaltigen Stücken oder ganzen Zellen, liefert

uns folgender Versuch[668]. Wir bringen in den hängenden Tropfen

einer ~Engelmann~schen Gaskammer[669] eine Anzahl von kernhaltigen

und kernlosen Teilstücken von Infusorien zusammen mit unverletzten

Individuen und lassen von einem ~Kipp~schen Apparat her (Fig. 283

_II_) einen Strom reingewaschenen Wasserstoffs durch die Gaskammer

streichen, der die in der Kammer befindliche Luft in kurzer Zeit

verdrängt. Dann sehen wir, daß in der Regel schon nach 5–10 Minuten

die kernlosen Teilstücke sowohl wie die kernhaltigen als auch die

unverletzten Infusorien anfangen, körnig zu zerfallen. Wird dann

sehr schnell der Wasserstoff abgestellt und frische Luft statt

dessen eingelassen, so gelingt es häufig, den vollständigen Zerfall

noch zu verhüten, der sonst unfehlbar nach kurzer Zeit eintritt.

Daraus geht hervor, daß auch in den kernlosen Protoplasmamassen

noch ebenso Oxydationsprozesse stattfinden, wie in den kernhaltigen

und in der unverletzten Zelle. Man könnte bei den Versuchen mit

Wasserstoff allerdings noch an die entfernte Möglichkeit denken,

daß Wasserstoff doch vielleicht nicht vollkommen indifferent für

die lebendige Substanz wäre. Ein solcher Einwand würde wegfallen,

wenn die Versuche mit absolut reinem Luftstickstoff gemacht würden,

der, wie wir wissen, in der Tat vollkommen indifferent ist. Nachdem

seit einigen Jahren die Verwendung von reinem Luftstickstoff für

physiologische Zwecke im Göttinger Laboratorium methodisch in größerem

Maßstabe durchgeführt worden ist, sind denn auch die obigen Versuche

mit reinem Luftstickstoff an +Spirostomum ambiguum+ wiederholt

worden[670]. Die intakten Individuen sowohl wie die kernhaltigen

als auch die kernlosen Teilstücke erstickten bei diesen Versuchen

ebenfalls innerhalb einiger Minuten. Dabei kam es immer zu einer

Verlangsamung der Wimperbewegung bis zum völligen Stillstand.

Wurde nach Eintritt des Stillstandes der Wimperbewegung sofort

wieder Luft durch die Kammer gelassen, so erholten sich sowohl

kernlose, wie kernhaltige Teilstücke wieder vollständig. Erneute

Sauerstoffentziehung rief erneute Lähmung, erneute Sauerstoffzufuhr

erneute Erholung an beiderlei Teilstücken hervor. Mit der Entziehung

und Zufuhr von Sauerstoff werden also die Lebensäußerungen bei intakten

Zellen, bei kernlosen und bei kernhaltigen Teilstücken gelähmt und

wiederhergestellt. Daraus geht mit voller Sicherheit hervor, daß im

Protoplasma der aeroben Zelle ein Sauerstoffverbrauch stattfindet.

Aus der Tatsache aber, daß sowohl bei der Erstickung wie bei der

erneuten Zufuhr von Sauerstoff die kernhaltigen wie die kernlosen

Teilstücke ein übereinstimmendes Verhalten zeigen, ergibt sich ferner

einwandfrei, daß der Zellkern weder ein Oxydationsorgan, wie ~Loeb~

geglaubt hat, noch ein Sauerstoffdepot der Zelle sein kann, sondern

daß die Atmung des Protoplasmas vom Zellkern unabhängig erfolgt.

Auch ~Prowazek~[671] hat kürzlich durch Versuche mit Neutralrot an

verschiedenen Infusorien und Seeigeleiern gezeigt, daß in kernlosen

Protoplasmamassen noch Oxydationsprozesse stattfinden, daß also der

Kern nicht zum Zustandekommen derselben erforderlich ist. Aus allen

diesen Versuchen geht allerdings noch nicht mit Sicherheit hervor,

ob nicht etwa im Kern ebenfalls Oxydationsprozesse stattfinden,

wie im Protoplasma. Allein eine solche Annahme wäre in hohem Grade

unwahrscheinlich schon wegen der zentralen Lage des Zellkerns in der

Zelle, die ihn für den Sauerstoffwechsel sehr ungeeignet machen würde.

Aber auch abgesehen davon sprechen noch folgende Momente sehr stark

gegen die Annahme von Atmungsvorgängen im Zellkern. Erstens sind bei

den Erstickungsversuchen in Stickstoff am Zellkern niemals irgendwelche

mikroskopische Veränderungen zu sehen, während am Protoplasma sehr

tiefgehende Veränderungen auftreten. Zweitens aber hat ~Demoor~[672] in

seinen Versuchen an Spirogyren, die er in reinen Wasserstoff brachte,

gefunden, daß das Protoplasma bald alle Lebensäußerungen einstellte,

während der Kern keine Störungen zeigte und ruhig fortfuhr sich zu

teilen. Es scheint demnach, als ob die Atmung +ausschließlich+

im Protoplasma lokalisiert wäre, als ob der Kern nicht an den

Oxydationsprozessen direkt teilnähme. Die Annahme ~Loeb~s, der Kern sei

das Oxydationsorgan der Zelle, ist bloße Phantasie.

[Illustration: Fig. 284. +Leukocyt vom Frosch+ in einem Grade der

Chloroformnarkose, wo das Protoplasma vollständig gelähmt ist, während

der Kern noch amöboide Bewegungen macht. Vergl. _a_, _b_, _c_ u. _d_.

Nach ~Demoor~.]

Nach den Erfahrungen an kernlosen Protoplasmamassen wäre es

wünschenswert, auch an protoplasmaberaubten Kernen analoge Versuche

darüber anzustellen, ob noch gewisse Stoffwechselvorgänge nach

Ausschaltung des Protoplasmas längere Zeit ungestört fortdauern.

Allein die Entscheidung dieser Frage stößt auf große Schwierigkeiten

aus dem einfachen Grunde, weil wir am Kern nur schwer ein äußerlich

wahrnehmbares Kriterium für seinen Stoffwechsel auffinden können.

Dennoch geht aus den bereits genannten Untersuchungen von ~Demoor~

deutlich hervor, daß auch der Kern nach Ausschaltung des Protoplasmas

noch längere Zeit Lebensäußerungen zeigt. ~Demoor~ narkotisierte Zellen

von +Spirogyra+ mit Chloroform, so daß das Protoplasma vollständig

gelähmt war, und fand, daß der Kern trotzdem ungestört seine

komplizierten Teilungsstadien durchlief und die charakteristischen

Veränderungen zeigte, die er in der unversehrten Zelle bei der

Zellteilung bemerken läßt. In den Leukocyten des Frosches besitzt der

Kern amöboide Beweglichkeit, und ~Demoor~ konnte durch Narkose mit

Chloroform das Protoplasma lähmen, ohne daß der Kern seine amöboiden

Bewegungen einstellte (Fig. 284). Diese Erfahrungen lassen erkennen,

daß auch einzelne Vorgänge im Kern in gewissem Maße unabhängig vom

Einfluß des Protoplasmas stattfinden. Freilich läßt sich vorläufig

nicht entscheiden, ob diese Vorgänge nur deshalb noch fortbestehen,

weil auch nach der Ausschaltung des Protoplasmas immer noch

Protoplasmastoffe im Kern enthalten sind, die erst verbraucht werden

müssen, ehe die betreffenden Vorgänge aufhören, oder ob diese Vorgänge

in der Tat nicht unmittelbar von den Stoffen des Protoplasmas abhängig

sind. Vermutlich werden auch hier beide Fälle verwirklicht sein, denn

auch die letztere Möglichkeit hat sehr viel Wahrscheinlichkeit für

sich, wenn wir daran denken, daß der Kern jedenfalls auch direkte

Stoffwechselbeziehungen zu dem äußeren Medium besitzt, die ohne

Vermittlung des Protoplasmas verlaufen. Ohne Zweifel gibt es Stoffe,

die vom äußeren Medium durch das Protoplasma hindurch unverändert in

den Kern gelangen, um hier für den Stoffwechsel benutzt zu werden.

Sicher ist dies von einer bestimmten Wassermenge der Fall, die ja

unbedingt zu jedem Lebensprozeß notwendig ist. Das Wasser kann auch

beständig durch die Zellmembran in das Protoplasma und durch die

Kernmembran in den Kern hinein diffundieren. Mit dem Wasser aber werden

jedenfalls auch manche Stoffe, die in ihm gelöst sind, von außen in

den Kern hinein gelangen und hier zu chemischen Umsetzungen verbraucht

werden.

Schließlich ist anzunehmen, daß nicht alle Stoffe, die der Kern nach

außen abgibt, vom Protoplasma zu Umsetzungen benutzt werden, sondern

daß auch einige als unbrauchbar das Protoplasma passieren und nach

außen befördert werden.

Um eine anschauliche Vorstellung davon zu gewinnen, wie eng und

fest der Kern in den Stoffwechsel der Zelle verwebt ist, und welche

Komplikationen des Stoffwechsels in der Zelle durch die Einfügung

des Kerns in seinen Kreislauf bedingt sind, ist es zweckmäßig, die

experimentell gewonnenen Tatsachen zu einem Schema zu vereinigen, wie

es die beistehende Fig. 285 zur Anschauung bringt[673]. Das Schema

stellt eine Zelle mit Kern vor, in der jeder Pfeil eine Summe von

Stoffen auf ihrem Wege im Stoffkreislauf bezeichnet.

Die Zelle nimmt gewisse Stoffe von außen auf, von denen ein Teil (_a_)

bereits im Protoplasma beim Zusammentreffen mit den im Protoplasma

vorhandenen Stoffen Spaltungen und Synthesen erfährt. Von den aus

diesen Umsetzungen hervorgehenden Stoffen wird ein Teil (_b_) als

unbrauchbar alsbald wieder ausgeschieden; ein anderer Teil (_c_) bleibt

im Protoplasma und wird hier weiter verwendet; ein dritter Teil (_d_)

wird dagegen dem Kern zugeführt. Der Kern erhält außerdem noch einen

Teil der von außen aufgenommenen und unverändert durch das Protoplasma

gegangenen Stoffe (_e_). Die in den Kern eintretenden Stoffe (_d_

+ _e_) erfahren ihrerseits wieder im Kern gewisse Umsetzungen, aus

denen wieder Stoffe resultieren, die zum Teil nach außen abgegeben

werden, ohne vom Protoplasma verändert zu sein (_f_), zum Teil in das

Protoplasma gelangen, um hier weitere Verwendung zu finden (_h_), und

zum Teil im Kern selbst bleiben (_g_).

[Illustration: Fig. 285. +Schema des Stoffwechsels der Zelle.+ Die

Pfeile geben die Richtung der Stoffwanderung an.]

Wenn wir uns nun klar machen, daß jeder Pfeil eine ganze Summe von

Stoffen repräsentiert, daß die vom Kern an das Protoplasma abgetretenen

Stoffe mit den von außen eintretenden auch wieder Umsetzungen eingehen,

daß endlich die aus diesen Umsetzungen hervorgehenden Stoffe zum

Teil wieder dem Kern zugeführt werden, so erhalten wir ungefähr

einen Begriff, wie eng die Stoffwechselverkettung des Kerns mit dem

Protoplasma ist.

Ferner müssen wir uns erinnern, daß bei allen unseren Betrachtungen

Kern und Protoplasma eine große Summe von verschiedenen, in vielen

Fällen sogar morphologisch differenten Körpern vorstellt, daß in dem

Begriff „Kern“ auch alle als Nebenkerne, Mikronuclei etc. bezeichneten

Gebilde zusammengefaßt sind, daß unter „Protoplasma“ die ganze Summe

von verschiedenen Differenzierungsprodukten, auch Chlorophyllkörper,

Zentrosome etc., verstanden ist. Erst wenn wir berücksichtigen, daß

alle die differenten Körper der Kernsubstanz und ebenso die Körnchen,

Zentrosome, Chlorophyllkörper etc. des Protoplasmas wenigstens

zeitweilig selbst am Stoffwechsel beteiligt sind, daß jeder ein

Glied des gesamten Stoffwechsels bildet, erst dann gewinnen wir

eine annähernde Vorstellung von der gewaltigen Komplikation des

Stoffwechsels in der winzigen Zelle und von den unendlich vielseitigen

Beziehungen, durch die der Kern und das Protoplasma untereinander

verknüpft sind.

Aus diesen engen Stoffwechselverknüpfungen ergibt sich eine weitgehende

+Korrelation+ zwischen den einzelnen Elementen der Zelle, speziell

zwischen dem Kern und dem Protoplasma. Das eine ist durch das andere

bedingt. Eines ist auf die Stoffe, die das andere produziert,

angewiesen. So erklären sich die tiefgreifenden Veränderungen, die

das Leben der Zelle erfährt, wenn sich einzelne Glieder der großen

Stoffwechselkette, sei es spontan im Laufe der Entwicklung, sei es

infolge der Einwirkung von äußeren Reizen, verändern. Jede Veränderung

eines Gliedes im Biotonus hat auch eine Veränderung vieler anderer

Glieder zur Folge, und fällt ein Glied aus irgendwelchem Grunde

gänzlich fort, so ist die Stoffwechselkette durchbrochen, und es

beginnt die Nekrobiose, die schließlich mit dem Tode endigt.

* *

*

b) Mechanik der Aufnahme und Abgabe von Stoffen.

Nachdem wir hiermit ein allgemeines Bild von den vielverschlungenen

Wegen des Stoffwechsels in der Zelle gewonnen haben, bleibt uns noch

die Frage übrig, wie dieses Getriebe mechanisch unterhalten wird. Da

es sich bei den Stoffwechselbeziehungen zwischen dem Kern und dem

Protoplasma ebenso wie zwischen der ganzen Zelle und dem Medium um die

Aufnahme und Abgabe von Stoffen handelt, so läßt sich die Frage auch

einfach in dem Problem zusammenfassen, +wie die Aufnahme und Abgabe von

Stoffen seitens der Zelle mechanisch zustande kommt+.

Es ist zweckmäßig, dabei die Aufnahme und Abgabe von gelösten Stoffen

und die Aufnahme und Abgabe von geformten Stoffen gesondert zu

betrachten.

Man hat lange Zeit den +Austausch von gelösten Stoffen zwischen

Zelle und umgebendem Medium+, und zwar sowohl die Resorption wie die

Sekretion, für Vorgänge gehalten, die sich ohne weiteres aus den

Gesetzen der Filtration und Diffusion ergeben. Allein in neuerer

Zeit ist man auf verschiedene Tatsachen aufmerksam geworden, die

beweisen, daß die Filtration überhaupt keine Rolle bei den Vorgängen

der Resorption und Sekretion spielt, und daß auch die Diffusion

oder Osmose nicht allein ausreicht, um diese Vorgänge zu erklären.

Besonders seit den grundlegenden Untersuchungen ~Heidenhain~s[674]

wissen wir, daß es der Lebensvorgang in der Zelle selbst ist, der beim

Austausch gelöster Stoffe zwischen Zelle und Medium die bedeutendste

Rolle spielt, denn die Diffusion allein ist nicht imstande, die

Triebkraft zu erklären, mit der z. B. das Sekret vieler Drüsenzellen

ausgestoßen wird, oder die beträchtliche Energie, mit der z. B. gewisse

Nahrungsstoffe von seiten der Darmepithelzellen hereingerissen werden.

In den letzten Jahren hat nun die Erkenntnis der Tatsache, daß die

Protoplasmaoberflächen die Eigenschaften semipermeabler Membranen

besitzen, einen wesentlichen Fortschritt in dem Verständnis der

Vorgänge des Stoffaustausches zwischen Zelle und Medium angebahnt. Wie

wir bereits an anderer Stelle[675] sahen, haben die semipermeablen

Membranen die Eigentümlichkeit, die Diffusion von Stoffen so

abzuändern, daß sie nicht mehr einfach den Diffusionsgesetzen folgt,

sondern einer gewissen Elektion unterliegt. Die semipermeablen

Membranen lassen gewisse diffusible Stoffe hindurch, andere nicht. Dazu

kommt noch, daß dieses Elektionsvermögen nicht nur bei verschiedenen

Protoplasmaoberflächen verschieden ist, sondern sich auch bei der

gleichen Protoplasmaoberfläche unter verschiedenen Bedingungen

ändern kann. Auf diese Weise wird der Prozeß des Stoffaustausches

viel komplizierter als wir es früher geglaubt haben und +es läßt

sich ein allgemeines Gesetz für alle lebendigen Zellen nur soweit

formulieren, als der Stoffaustausch zwischen Zelle und Medium überall

beruht einerseits auf Diffusionsvorgängen, die durch die spezifischen

Eigenschaften der semipermeablen Zelloberflächen elektiv beeinflußt

werden und andererseits auf den chemischen Umsetzungen in der Zelle+.

[Illustration: Fig. 286. +Dialysator.+]

Unter Diffusion oder Osmose versteht man bekanntlich die Tatsache,

daß sich zwei verschiedene Gase oder Flüssigkeiten, die miteinander

mischbar sind, von selbst zu einem gleichartigen Gemenge mischen,

wenn sie miteinander in Berührung gebracht werden. Wir haben diesen

Vorgang bereits oben kennen gelernt. Erinnern wir uns wieder an die

dort beschriebenen Tatsachen und an die elektiven Eigenschaften

semipermeabler Membranen (vergl. p. 134 ff.), so können wir uns an

einer einfachen Dialysevorrichtung (Fig. 286) die große Bedeutung

klar machen, die der +Chemismus der Zelle+ bei bestehender +Diffusion

oder Osmose+ besitzt. Haben wir in dem äußeren Gefäß des Dialysators

eine diffusible Salzlösung, in dem inneren Gefäß dagegen eine

reichliche Menge der Lösung eines Stoffes, der nicht durch die Membran

diffundiert, etwa eines kolloiden Stoffes, so wird aus der Lösung

des großen Gefäßes in die Flüssigkeit des Zylinders eine bestimmte

Menge Salz hineindiffundieren, während vom Zylinder keine Substanz in

das größere Gefäß übertreten kann. Stellen wir uns nun vor, daß die

Substanz im Zylinder mit dem Salz eine nicht diffusible Verbindung

bildet, so wird das in den inneren Zylinder hineindiffundierende Salz

hier sofort aus dem Diffusionsakt ausgeschaltet. Würde ferner die so

entstandene chemische Verbindung kontinuierlich in einfache diffusible

Stoffe ganz anderer Art zerfallen, die durch Diffusion wieder nach

außen hin abtreten, so würde immer neue Salzlösung aus dem äußeren

Gefäß in den inneren Zylinder hineindiffundieren und die Salzlösung im

großen Gefäß immer dünner und dünner werden, bis schließlich alles Salz

in den Zylinder hineindiffundiert, gebunden und entfernt wäre.

Ein solcher Fall ist realisiert bei dem Austausch gasförmiger und

gelöster Stoffe zwischen dem Medium und der lebendigen Substanz. Die

lebendige Substanz ist mischbar mit den gasförmigen und gelösten

Nahrungsstoffen und sie hat chemische Affinität zu ihnen. Die

Protoplasmaoberfläche vertritt die Membran des inneren Zylinders,

der Zellinhalt den Inhalt des Zylinders, und die gasförmigen oder

gelösten Stoffe vertreten die Stelle der Salzlösung des äußeren

Gefäßes. Diese Stoffe müssen diffusibel sein, soll überhaupt eine

Aufnahme stattfinden: dagegen kann die lebendige Substanz nicht

durch die Zellmembran diffundieren, da ja die Eiweißkörper etc. zu

den sogenannten „Kolloidsubstanzen“ gehören. Es werden also die

Nahrungsstoffe in die Zelle eintreten, die lebendige Substanz aber

nicht austreten können. Da indessen die lebendige Substanz chemische

Affinität zu den Nahrungsstoffen hat, muß sie dieselben gleich nach

ihrem Eintritt in die Zelle binden. Gleichzeitig zerfällt aber dauernd

die lebendige Substanz, gibt die einfachen diffusiblen Zerfallsprodukte

nach außen ab und bildet durch den Assimilationsakt mit Hilfe der von

außen aufgenommenen diffusiblen Nahrungsstoffe synthetisch selbst

wieder komplizierte kolloidale, d. h. nicht diffusible Verbindungen,

die wieder demselben Schicksal verfallen usf. So werden die

aufgenommenen Nahrungsstoffe immer wieder verbraucht, so daß immer

wieder neue Massen in die Zelle hineindiffundieren müssen, und so

werden die diffusiblen Zerfallsprodukte des Stoffwechsels immer wieder

nach außen hin abgegeben. Stellen wir uns also vor, eine lebendige

Zelle läge in einem Medium, das Nährstoffe enthält, also etwa eine

Bakterienzelle läge in einer Nährflüssigkeit, so müssen auf Grund der

Osmose und des Chemismus der Zelle die Stoffe der Nährflüssigkeit,

soweit sie die semipermeable Protoplasmaoberfläche passieren können,

durch die Zellwand hindurch in die Zellsubstanz und umgekehrt die

Stoffe der Zellsubstanz, welche die Zellwand passieren können, aus

der Zelle in die Nährflüssigkeit treten. Dieser Austausch müßte so

lange dauern, bis ein Ausgleich der transportablen Stoffe zwischen

Zellinhalt und Medium eingetreten wäre. Dann müßte der Stoffwechsel

aufhören. Allein dieser Zustand tritt in der lebendigen Zelle niemals

ein, da wir in der lebendigen Substanz Verbindungen haben, die

fortwährend zerfallen und sich von neuem aufbauen. Es kann zwischen

der lebendigen Zelle und dem Medium niemals zu einem endgültigen

Ausgleich der transportablen Stoffe kommen, weil einerseits die Stoffe,

welche die Zelle vom Medium aufnimmt, immer gleich wieder verbraucht

und in andere Verbindungen umgesetzt werden, und weil anderseits die

Stoffe, welche die Zelle an das Medium abgibt, immer wieder in neuen

Mengen gebildet werden. Es muß daher der Austausch zwischen Zelle

und Medium so lange fortdauern, wie die Zelle einerseits noch in

genügender Menge Nährstoffe aus dem Medium aufnehmen und anderseits

in genügendem Maße Exkretstoffe an das Medium abgeben kann. Ist aber

die Masse des umgebenden Mediums eine begrenzte, so muß die Zelle

nach einiger Zeit zugrunde gehen, und zwar in dem Moment, in dem

entweder die Menge der darin enthaltenen Nährstoffe verbraucht ist,

oder indem das Medium schon so mit Exkretstoffen gesättigt ist, daß

die Abgabe derselben von seiten der Zelle vermindert oder aufgehoben

ist. Beide Fälle sind sehr leicht in Bakterienkulturen experimentell

zu erzeugen. Die Bakterien sterben entweder an Nahrungsmangel oder an

der Anhäufung ihrer eigenen Stoffwechselprodukte, weil der osmotische

Stoffaustausch zwischen Bakterienzelle und Nährflüssigkeit durch

allmählichen Ausgleich der Stoffe zwischen Zelle und Medium schließlich

aufhört. Auch die Ermüdungsvorgänge, die durch Anhäufung von lähmenden

Stoffwechselprodukten bedingt sind, liefern ein Beispiel für diese

Verhältnisse.

In manchen Fällen wird aber der Mechanismus des Stoffaustausches

zwischen Zelle und Medium noch etwas komplizierter. Wenn nämlich die

Nährstoffe im umgebenden Medium nicht in diffusibler Form vorhanden

sind, d. h. wenn sie entweder geformt sind oder so große Moleküle

haben, daß sie die Poren der Zellwand nicht passieren können, dann

müssen sie erst löslich und diffusibel gemacht werden, ehe sie die

geschlossene Zelloberfläche passieren können. Das geschieht durch die

Wirkung der Enzyme, welche die Zelle produziert und in manchen Fällen

nach außen abgibt. In Berührung mit diesen Enzymen werden z. B. die

polymeren Moleküle des Eiweißes, des Leims, der Stärke, des Fettes

etc., sowie die geformten Massen dieser Stoffe gespalten und in Lösung

gebracht und können nunmehr durch die Zellwand ins Innere der Zelle

hineindiffundieren. Gerade bei Bakterienzellen kann man auch diesen

Vorgang sehr gut verfolgen. Bringen wir z. B. eine Bakterienzelle

auf eine mit fester Nährgelatine bedeckte Glasplatte, so beginnt die

Zelle allmählich die Gelatine in ihrer Umgebung zu verflüssigen, d. h.

die festen Stoffe in Lösung zu bringen, und aus dem so entstehenden

Flüssigkeitstropfen, der die Bakterienzelle umgibt, können die gelösten

Nährstoffe in die Zelle hineindiffundieren.

Bei membranlosen Zellen endlich mit nackter Protoplasmaoberfläche ist

eine extrazellulare Verdauung nicht erforderlich, weil ja hier die

Nahrungsstoffe, selbst wenn sie nicht diffusibel sind, ohne weiteres

mit der Oberfläche des Protoplasmas in chemische Beziehung treten

können.

Diese Ueberlegungen lassen es uns mechanisch im wesentlichen begreifen,

wie sich die Resorption und Sekretion an der lebendigen Zelle

fortwährend von selbst vollziehen kann. Auch die hohen Energiewerte,

die sowohl die Resorption als die Sekretion erzielen kann, werden

verständlich, wenn wir den Chemismus der lebendigen Zelle genügend

berücksichtigen; denn findet in einer Zelle ein sehr lebhafter

Stoffumsatz statt, dann ist es ohne weiteres klar, daß die umgesetzte

chemische Energie in der Resorption wie in der Sekretion zu ganz

beträchtlichen Leistungen führen kann. Immerhin bleiben im speziellen

Falle noch genug Rätsel übrig, deren Beantwortung aber an eine andere

Stelle gehört.

Liegen dem Austausch +gelöster+ Stoffe zwischen Zelle und Medium

vermutlich in allen Fällen die gleichen Prinzipien zugrunde, so

beruht dagegen +die Mechanik des Austausches geformter Stoffe+ in

den einzelnen Fällen auf sehr verschiedenartigen Grundlagen. Allen

Fällen des Austausches geformter Stoffe ist nur gemeinsam, daß

dieser Austausch lediglich durch +Bewegungen+ der betreffenden Zelle

vermittelt wird, aber das Zustandekommen dieser Bewegungen kann in den

verschiedenen Fällen auf sehr verschiedene Weise durch die Einwirkung

der Nahrung bedingt sein. Wir finden die Aufnahme und Abgabe geformter

Stoffe nur wenig verbreitet, und zwar nur einerseits bei nackten

Protoplasmamassen, wie Rhizopoden, Leukocyten etc., und anderseits bei

Infusorien, soweit sie eine besondere Mundöffnung besitzen.

Bei vielen Infusorien, wie z. B. +Stentor+, +Vorticella+, also

namentlich bei solchen, die eine festsitzende Lebensweise führen,

scheint die Nahrungsaufnahme lediglich dem Zufall überlassen zu

sein, der gelegentlich kleine, freischwimmende Nahrungspartikel,

wie Algenzellen, Schwärmsporen, Bakterien etc., in den Bereich

des charybdisähnlichen Strudels führt, der durch den Schlag der

Peristomwimperreihe erzeugt wird. Dieser Strudel wird in seiner

Richtung durch Veränderungen im Wimperschlag in ganz bestimmter

Weise beeinflußt und zeitweilig so geregelt, daß er direkt in die

Mundöffnung des Zellkörpers leitet. Freischwimmende Infusorien und

die meisten nackten Protoplasmamassen dagegen suchen die geformte

Nahrung selbst auf. Dabei werden sie entweder durch chemische Reize,

die von den Nahrungsmassen durch Diffusion gewisser Stoffe ausgehen,

aus der Ferne herbeigelockt, oder sie werden bei direkter Berührung

mit den Nahrungsmassen durch mechanische Reizung zur Aufnahme

veranlaßt. Im ersteren Falle ist das Aufsuchen und die Aufnahme der

Nahrung eine Form von positiver Chemotaxis, indem die Zelle sich nach

der chemischen Reizquelle hin bewegt, und ihr Protoplasma in engste

Beziehung zu den betreffenden Stoffen bringt, im letzteren Falle eine

Form der positiven Thigmotaxis, indem die Zelle die Berührung mit

dem betreffenden Nahrungskörper möglichst ausdehnt und ihn mit ihrem

Protoplasma umfließt. Sehr häufig sind beide Momente vereinigt. Immer

aber wird der Nahrungsballen vom Protoplasma allseitig umflossen,

wenn er mit ihm in Berührung getreten ist, sei es an der Oberfläche

des nackten Protoplasmakörpers, sei es im Grunde der Zellmundöffnung

eines Infusors. Diese Umfließung erklärt sich in vielen Fällen

aus der expansorischen Wirkung, die der Reiz des Nahrungsballens

auf das Protoplasma ausübt: denn wenn sich die Oberfläche des

Protoplasmas um den Nahrungsballen ringsherum vorwölbt, muß derselbe

schließlich vom Protoplasma umflossen sein. In vielen Fällen dagegen

scheinen lediglich die mechanischen Beziehungen der Oberflächen

des Protoplasmas einerseits und des aufzunehmenden Nahrungskörpers

anderseits zu genügen, um einen Import des letzteren in das Protoplasma

herbeizuführen. In dieser Hinsicht sind die ausgezeichneten

Untersuchungen von ~Rhumbler~[676] interessant, die dieser Forscher

vor mehreren Jahren über verschiedene Momente aus der Mechanik des

Zelllebens angestellt hat. So fand ~Rhumbler~ beispielsweise, daß

Chloroformtropfen, welche in Wasser liegen, Schellackfäden, die

mit ihnen in Berührung kommen, von selbst umfließen, genau wie eine

+Amöbe+ ihre Nahrung mit dem Protoplasmakörper umfließt. Hier sind es

lediglich die molekularen Beziehungen der Adhäsion zwischen Chloroform

und Schellack, die zur Aufnahme des letzteren in den Chloroformtropfen

führen. Die Aufnahme von geformter Nahrung findet also ihre Erklärung

teils in dem Mechanismus der chemotaktischen und thigmotaktischen

Reizwirkungen, den wir bereits an anderer Stelle genauer kennen

lernten[677], teils in den molekularen Oberflächenbeziehungen der Zelle

zu den Nahrungsstoffen.

Wie die Abgabe geformter Stoffe stattfindet, ist noch wenig untersucht.

Es scheint, als ob sie vielfach dem Zufall überlassen ist. Wenigstens

macht es bei der +Amöbe+ den Eindruck. Die geformten Stoffe liegen

in der Regel in Vakuolen, und wenn einmal die Vakuole bei der

fortwährenden Bewegung des Protoplasmas dicht an die Körperoberfläche

zu liegen kommt, platzt gelegentlich die dünne Wand, die sie vom

umgebenden Medium trennt, und der Inhalt wird frei. Vielleicht aber

sind zu diesem Platzen der Vakuolenwand auch irgendwelche Reize von

seiten des Exkretballens notwendig. Ferner spielen auch hier die

Oberflächenbeziehungen zwischen dem Protoplasma und dem Fremdkörper

eine große Rolle. So fand ~Rhumbler~ (l. c.), daß Chloroformtropfen

in Wasser Glasstückchen, die man in sie hineingebracht hat, von

selbst an das Wasser abgeben, weil einerseits die Kohäsion der

Chloroformteile untereinander und anderseits auch die Adhäsion zwischen

Glas und Wasser viel größer ist als die Adhäsion zwischen Glas und

Chloroform. Eine Schwierigkeit für die Annahme einer lediglich

durch die Adhäsions- und Kohäsionsbeziehungen bedingten Aufnahme

und Abgabe von festen Stoffen liegt scheinbar in der Tatsache, daß

ein Flüssigkeitstropfen, der eine bestimmte Art von Fremdkörpern in

sich hineinzieht, dieselben nie wieder nach außen abgibt, während

doch die +Amöbe+ erst die Nahrungskörper aufnimmt und später auch

wieder nach außen abstößt. Allein ~Rhumbler~ macht mit Recht darauf

aufmerksam, daß der Nahrungskörper, der von der +Amöbe+ aufgenommen

ist, sich ja im Protoplasma chemisch verändert und daher nach der

Verdauung eine ganz andere Beschaffenheit besitzt als vorher. Unter

Berücksichtigung dieses Umstandes konnte ~Rhumbler~ auch künstlich eine

Versuchsanordnung herstellen, bei der ein fester Körper erst von einem

Flüssigkeitstropfen aufgenommen und später wieder abgegeben wurde. Er

wählte wieder Chloroformtropfen in Wasser und brachte sie in Berührung

mit feinen Glasfäden, die mit einer dünnen Schicht von Schellack

überzogen waren. Chloroform nimmt Schellack auf. Daher wurden die

Fäden in den Tropfen hineingezogen und von demselben umflossen (Fig.

287), genau wie ein Bakterienfaden von einem +Leukocyten+ (vergl. Fig.

55, p. 172) oder wie ein Algenfaden von einer +Amöbe+. In Chloroform

ist Schellack löslich. Daher wurde der Glasfaden nach kurzer Zeit von

seinem Schellacküberzug befreit. Reines Glas wird aber von Chloroform

in Wasser ausgestoßen. Infolgedessen gab der Chloroformtropfen die

von ihrer Schellackhülle befreiten Glasfäden wieder nach außen ab

(Fig. 287), wie eine +Amöbe+ die unverdauten Zellulosehüllen eines

Algenfadens.

[Illustration: Fig. 287. +Ein überschellackter Glasfaden wird von

einem Chloroformtropfen aufgenommen und dann, nachdem er seiner

Schellackrinde entkleidet ist, wieder ausgestoßen.+ Nach ~Rhumbler~.]

Als einen ganz wunderbaren Vorgang, der einer mechanischen Erklärung

besondere Schwierigkeiten mache, hat man mehrfach die sogenannte

+Nahrungsauswahl+ von seiten lebendiger Zellen hingestellt, d. h.

die Tatsache, daß die Zellen unter den ihnen zur Verfügung stehenden

Stoffen nur ganz bestimmte Stoffe in sich aufnehmen[678]. So hat

~Bunge~[679] von dem Aufsuchen der Spirogyrafäden seitens der

+Vampyrella Spirogyrae+ gesagt: „An eine chemische Erklärung dieser

Erscheinungen ist vorläufig gar nicht zu denken.“ Weshalb aber daran

nicht zu denken sein soll, ist eigentlich nicht recht verständlich.

Schält man aus diesen Vorgängen das Prinzip heraus, das ihnen zugrunde

liegt, d. h. die Tatsache, daß jede Zelle nur ganz bestimmte Stoffe

in sich aufnimmt und andere nicht, so gibt es im Gegenteil eigentlich

kaum etwas, was selbstverständlicher wäre. Jede Zelle hat ihre

charakteristische Zusammensetzung aus ganz bestimmten Stoffen und hat

ihren ganz eigentümlichen Stoffwechsel. Ist es da unverständlich, daß

nur diejenigen Stoffe aus dem Medium in den Stoffwechselkreislauf

der Zelle hineingezogen werden, die chemische Beziehungen zu den

Stoffen des Zellkörpers haben und zur Unterhaltung des Stoffwechsels

nötig sind, während die anderen, die keine solchen Beziehungen zur

lebendigen Substanz der Zelle besitzen, die für die Zelle indifferent

sind, nicht aufgenommen und bei freier Ortsbeweglichkeit nicht

aufgesucht werden? Das Prinzip, das diesem Vorgange zugrunde liegt,

ist offenbar kein anderes als das, welches die ganze Welt der Atome

und Moleküle überhaupt beherrscht, das Prinzip der Affinität. Daß

eine +Vampyrella Spirogyrae+ nur Spirogyrafäden aufsucht, umfließt

und verdaut und andere Körper nicht, ist sicherlich nicht wunderbarer

als daß sich ein Phosphoratom mit einem Sauerstoffatom sehr leicht

verbindet, mit einem Stickstoffatom dagegen nicht, obwohl ihm in der

Luft beide zur Verfügung stehen oder daß ein ranziger Oeltropfen, wie

~Gad~[680] gezeigt hat, auf einer alkalischen Flüssigkeit amöboide

Fortsätze aussendet und das Alkali zur Seifenbildung benutzt, auf

einer saueren dagegen in Ruhe bleibt. Das Benehmen der +Vampyrella+

steht aber auch in Wirklichkeit gar nicht isoliert da; vielmehr zeigt

+jede+ lebendige Zelle das gleiche Verhalten. Im menschlichen Körper

z. B. nimmt jede Gewebezelle aus der gemeinsamen Nährflüssigkeit,

dem Blute, nur ganz bestimmte Stoffe in sich auf, andere nicht, wie

aus der Tatsache hervorgeht, daß Drüsen-, Muskel-, Knorpelzellen

etc. auch ganz verschiedene und nur für sie charakteristische Stoffe

produzieren. In dieser Beziehung verhält sich die Zelle, wie bereits

~Haeckel~[681] betont hat, genau wie ein Kristall, etwa von Alaun, der

aus einer zahlreiche Salze in Lösung enthaltenden Mutterlauge immer nur

Alaunmoleküle auswählt, um sie zu seinem Wachstum oder, wenn man ihn

verletzt hat, zu seiner Regeneration zu benutzen. So ist das mystische

Dunkel, das man künstlich um die sogenannte Auswahl von Nahrungsstoffen

seitens der einzelnen Zelle zu verbreiten gesucht hat, in Wirklichkeit

gar nicht vorhanden. Was man in anthropomorphischer Uebertragung eine

„Nahrungsauswahl“ von seiten der Zelle genannt hat, ist schlechterdings

eine notwendige Konsequenz aus der Tatsache, daß jede Zelle ihre eigene

spezifische Zusammensetzung der lebendigen Substanz und ihren eigenen

charakteristischen Stoffwechsel hat.

Ebenfalls in rein mechanischer Weise erklärt sich die scheinbare

+Auswahl von Gehäusebaumaterial+ bei +Difflugien+ und verwandten

Organismen[682]. Auch hier hat man an allerlei wunderbare Fähigkeiten

der Zelle gedacht, und auch hier liegen die Bedingungen für die

scheinbar so merkwürdigen Vorgänge in einfachen mechanischen

Verhältnissen. Es läßt sich nämlich bei genauerer Untersuchung

einzelner Fälle nachweisen, daß hier gar keine wirkliche Auswahl

vorliegt, in dem Sinne, wie es bei der Nahrungsaufnahme der oben

genannten Zellen der Fall ist. Es hängt vielmehr die Tatsache, daß

die Formen eines und desselben Standortes nur ein bestimmtes Material

zum Gehäusebau benutzen, vielfach nur von dem Umstande ab, daß ihnen

an dem betreffenden Standort nur dieses eine Material zur Verfügung

steht. Untersucht man z. B. die Wohnstätte einer Form, die ihr Gehäuse

nur aus Schlamm oder aus selbst ausgeschiedenen Stoffen baut, so

findet man, daß hier andere Materialien, etwa Diatomeenpanzer oder

Sandkörner, vollständig fehlen. Gibt man aber einer solchen Form die

Möglichkeit, auch anderes Material zu bekommen, indem man in das

Kulturgefäß, in dem man sie hält, sehr fein pulverisierten Sand oder,

noch besser, sehr fein zermahlenen Staub von farbigem Glase schüttet,

so findet man die durch Fortpflanzung neu entstandenen Individuen mit

einem zierlichen Gehäuse von farbigen Glassplittern umgeben. Auch der

Umstand, daß einige Formen nur kleine Sandkörnchen, andere vorwiegend

größere in ihrem Gehäuse haben, ist zum Teil auf die Beschaffenheit

des ihnen zu Gebote stehenden Materials zurückzuführen, zum Teil aber

auch auf andere rein äußerliche Verhältnisse, wie z. B. auf die Enge

der Gehäusemündungen mancher Formen, die es nicht gestattet, daß der

Protoplasmakörper größere Sandkörnchen hindurchzieht. Es kann demnach

beim Gehäusebau der +Difflugien+ von einer wirklichen Auswahl des

Baumaterials im anthropomorphen Sinne nicht die Rede sein.

Aber auch die scheinbar so kunstvolle und geschickte +Bautätigkeit

der Difflugien+ verliert bei genauerer Betrachtung alles Wunderbare,

das man in ihr sehen zu müssen geglaubt hat. Bei der Zellteilung

der +Difflugien+ finden im Protoplasma sehr tiefgehende chemische

Veränderungen und mechanische Bewegungen statt. Dabei werden die

im Protoplasma produzierten und angehäuften Körner und Tropfen des

organischen Schalenbaumaterials an die Oberfläche des Zellkörpers

gebracht und lagern sich hier nach einfachen mechanischen Gesetzen

aneinander[683]. Mit ihnen wird auch das von außen her aufgenommene

Schalenbaumaterial (Sand, Diatomeen etc.), wenn solches im Körper

vorhanden ist, an die Oberfläche ausgeschieden und durch das

organische Bindemittel verkittet. So entsteht die Schale der neuen

Teilhälfte einer +Difflugia+, die sich ganz genau der Gestalt des

Protoplasmakörpers anpaßt, der sich aus der alten Schale herauswölbt.

~Rhumbler~[684], dem wir so viele künstliche Nachahmungen von

Lebensäußerungen der Zelle verdanken, hat auch den Gehäusebau der

+Difflugien+ mit einfachen Stoffen nachgeahmt und gezeigt, daß sich

z. B. Chloroformtropfen und Oeltropfen aus Quarzkörnern, Glassplittern,

Schellack- und Zinnoberteilchen etc., die man ihnen beimischt, in

Wasser auf Grund der Gesetze der Adhäsion und Kohäsion „Gehäuse bauen“,

die von denen der Difflugien schlechterdings nicht zu unterscheiden

sind (Fig. 288 _c_, _d_, _e_). Wir sehen also, daß auch in den

scheinbar so wunderbaren und komplizierten Tätigkeiten der Zelle, wie

sie in der Aufnahme und Verwertung fester Stoffe zum Ausdruck kommen,

keinerlei Momente enthalten sind, die über eine mechanische Erklärung

hinausgingen.

Was endlich die +intermediären Vorgänge des Stoffwechsels+, die

Assimilation und Dissimilation betrifft, so ist deren allgemeines

mechanisches Verständnis bereits oben in den Abschnitten über den

Lebensvorgang entwickelt worden. Inwieweit aber die einzelnen Teile

der Zelle mit ihren chemischen Prozessen daran beteiligt sind,

entzieht sich bei der mangelnden Kenntnis der speziellen Glieder

der Stoffwechselkette vorläufig noch unserer Kenntnis. Darüber aber

kann selbstverständlich kein Zweifel bestehen, daß den Vorgängen

der Assimilation und Dissimilation ebenfalls keine anderen Faktoren

zugrunde liegen als mechanische. Ein vollständiges Analogon aus

der anorganischen Natur für den Stoffwechsel der Organismen

haben wir ja schon früher in den Vorgängen bei der Fabrikation

der englischen Schwefelsäure kennen gelernt und die fundamentale

Tatsache der Selbststeuerung des Stoffwechsels nach einer Störung des

Stoffwechselgleichgewichts durch Reize hat ihr einfaches mechanisches

Paradigma in der Erhaltung chemischer Gleichgewichtszustände auf Grund

des Massenwirkungsgesetzes gefunden. Uebrigens verdient an dieser

Stelle besondere Erwähnung der geistvolle Versuch ~Zehender~s[685],

für die Vorgänge in der anorganischen wie in der organischen Natur

aus gewissen allgemeinen physikalisch-chemischen Voraussetzungen auf

synthetischem Wege ein einheitliches Verständnis zu gewinnen. In

origineller Weise schlägt ~Zehender~ den umgekehrten Weg ein, wie die

zergliedernde und analysierende Forschung, und erörtert von wenigen

Prämissen ausgehend, die verschiedenen mechanischen Möglichkeiten, nach

denen man sich vor allem die Lebensäußerungen in konsequenter Weise aus

den vorausgesetzten Grundeigenschaften des Stoffes resultierend denken

kann. Besonders verdienen seine Erörterungen über den Assimilations-

und Dissimilationsvorgang Beachtung. ~Zehender~s Versuch ist besonders

deshalb bemerkenswert, weil er, von einem ganz anderen Wege ausgehend,

zu dem gleichen Ergebnis führt, wie die physiologische Forschung,

nämlich zu einem rein mechanischen Verständnis der Lebensäußerungen.

[Illustration: Fig. 288. +Gehäuseformen+ (vergl. auch Fig. 60, p.

177), _a_ Gehäuse einer Difflugia aus selbstproduziertem organischen

Schalenmaterial, _b_ Längsschnitt durch den Protoplasmakörper

einer Difflugia mit den noch weichen Tröpfchen des organischen

Gehäusebaumaterials im Innern, _c_ Gehäuse eines Oeltropfens aus

Quarzkörnern bestehend, _d_ Gehäuse eines Chloroformtropfens aus

Glassplittern gebaut, _e_ Gehäuse eines Gemischtropfens von Chloroform,

Provenceröl und alkoholischer Schellacklösung, der mit Zinnober und

Glassplittern verrieben ist (_c_, _d_, _e_ nach ~Rhumbler~).]

Nach alledem lassen sich also die Vorgänge des Stoffaustausches der

Zelle sämtlich aus chemischen und physikalischen Verhältnissen heraus,

wie sie auch in der anorganischen Natur gefunden werden, verstehen,

und wenn wir auch bisher außer stande sind, die speziellen Glieder

des Stoffwechsels im einzelnen Falle bis in ihre Einzelheiten hinein

zu verfolgen, so gewinnen wir doch die Gewißheit, daß der gesamte

Stoffwechsel rein mechanisch zustande kommt, und daß wir nirgends

auf Tatsachen stoßen, die in Wahrheit einer mechanischen Erklärung

unzugänglich sind. +Die eiserne Schlußfolgerung, daß alles, was aus den

gleichen Elementarstoffen besteht, auch den allgemeinen Gesetzen dieser

Elementarbestandteile gehorchen muß, kann selbstverständlich auch in

der organischen Welt nirgends eine Ausnahme erleiden.+

Allgemeine Physiologie · 第 251 / 283 题