1. Die Theorie von der Alleinherrschaft des Kerns in der Zelle.

Die klassischen Untersuchungen der älteren Protoplasmaforscher, unter

denen nur ~Dujardin~ und ~Max Schultze~ genannt seien, waren darauf

gerichtet, das +Protoplasma+ als Träger aller Lebenstätigkeiten

hinzustellen. Mit dem +Zellkern+ wußte man in der älteren Zellenlehre

nichts anzufangen, denn da man alle wahrnehmbaren Lebensäußerungen sich

am Protoplasma abspielen sah, hielt man den Kern für unwesentlich und

beschäftigte sich nicht weiter mit ihm.

Es ist psychologisch interessant und ein charakteristischer Vorgang in

der Geschichte des menschlichen Denkens, daß die Erkenntnis häufig erst

nach beiden Seiten um den Mittelpunkt der Wahrheit herum pendelt, ehe

sie an demselben stehen bleibt. Eine extreme Anschauung, die sich im

Laufe der Zeit als unhaltbar herausstellt, führt einen Umschlag in das

gegenteilige Extrem herbei, und erst allmählich wird durch eine gesunde

Reaktion die wahre Mitte gefunden. So geschah es in der Zellenlehre.

Die ursprüngliche Vorstellung von der alleinherrschenden Rolle des

Protoplasmas in der Zelle schlug in neuerer Zeit, nachdem man gefunden

hatte, daß der Kern besonders bei der Fortpflanzung der Zelle durch

Teilung und bei der Befruchtung des Eies tiefgreifende Veränderungen

erfährt, während das Protoplasma scheinbar ruhig bleibt, in die

gegenteilige Vorstellung von der Alleinherrschaft des Kerns um, d. h.

in die Vorstellung, daß der Kern den wesentlichen Träger des Zelllebens

vorstelle, während das Protoplasma nur eine accessorische Rolle im

Zellleben spiele. Was man in der älteren Zelllehre ausschließlich dem

Protoplasma zuschrieb, das wies man in der neueren Zelllehre allein

dem Zellkern zu, und erst seit dem letzten Jahrzehnt beginnt sich eine

gesunde Reaktion gegen diesen Umschlag in das andere Extrem geltend zu

machen.

Es ist nicht möglich, auf alle einzelnen Tatsachen einzugehen, die

in neuerer Zeit bezüglich der Rolle des Zellkerns und Protoplasmas

zusammengetragen worden sind. Es wird genügen, wenn wir einige der

wichtigeren Beobachtungen und Versuche anführen, die zu bemerkenswerten

Schlußfolgerungen Anlaß gegeben haben.

Die Vorstellung, daß der Zellkern eine Alleinherrscherrolle in der

Zelle spiele, hat in neuerer Zeit eine ziemlich weite Verbreitung

gewonnen und ist in verschiedener Form zum Ausdruck gekommen. Vor allem

ist im Hinblick auf die überraschend komplizierten und regelmäßigen

Veränderungen, welche die neuere Morphologie bei den Vorgängen der

Befruchtung und Teilung der Eizelle am Zellkern nachgewiesen hat, die

von hervorragenden Forschern, wie ~Weismann~, ~Hertwig~, ~Boveri~

u. a. vertretene Ansicht entstanden, +daß der Zellkern der Träger

der „Vererbungsstoffe“ sei, und daß die Vererbung nur durch die

Uebertragung gewisser Stoffe des Zellkerns auf die Nachkommen erfolge,

während das Protoplasma keine für die Vererbung nötigen Stoffe

enthalte+.

Die Tatsache, daß bei der Befruchtung der Eizelle durch die Samenzelle

nur eine verschwindend geringe Protoplasmamenge von seiten der

letzteren auf die Nachkommen übertragen wird, da das Spermatozoon

zum überwiegenden Teil aus Kernmasse besteht, hat dazu verführt,

diese geringe Protoplasmamenge des Spermatozoons +vollständig+

zu vernachlässigen und damit die Uebertragung der väterlichen

Eigenschaften auf die Nachkommen allein dem Kern des Spermatozoons

zuzuschreiben. Das war um so naheliegender, als die geringe

Protoplasmamasse des Spermatozoons, die hauptsächlich in der Geißel

enthalten ist, nach dem Eindringen desselben in die Eizelle sich nicht

mehr weiter vom Protoplasma der letzteren unterscheiden läßt, während

die charakteristischen und tiefgehenden Veränderungen, die durch die

Befruchtung bedingt werden, allein am Kern optisch wahrnehmbar sind.

Indessen, kritischeren Köpfen war die Hinfälligkeit der Argumente,

auf die sich die Alleinherrschaftstheorie des Kerns bei der Vererbung

stützte, peinlich, und so suchten sie nach unzweideutigen Beweisen für

dieselbe.

Die fundamentale Tatsache, die ~Nussbaum~[633] an Infusorien

festgestellt hatte, daß kernlose Teilstücke einer Zelle nach

einiger Zeit unfehlbar zugrunde gehen, während kernhaltige sich

zu vollständigen Zellen regenerieren und durch Zellteilung weiter

fortpflanzen, wurde durch ~Gruber~[634] auf experimentellem Wege

an anderen Infusorien bestätigt und als direkter Beweis für die

Alleinherrschaftstheorie des Kerns ins Feld geführt. ~Gruber~[635]

sagt: „Auf rein empirischem Wege werden wir hier vor die unumstößliche

Tatsache gestellt, daß der Kern der wichtigste, daß er der

arterhaltende Bestandteil der Zelle ist, und daß man ihm mit Recht

die höchste Bedeutung bei den Vorgängen der Befruchtung und Vererbung

zuschreibt.“ ~Gruber~ vergißt aber dabei, daß man, um den Kern allein

als arterhaltenden Bestandteil der Zelle hinstellen zu dürfen, auch

noch das umgekehrte Experiment ausführen, nämlich auch den Kern

ohne Protoplasma untersuchen muß. Bleibt dann der Kern am Leben,

regeneriert er sich einen neuen Protoplasmakörper, und vervollständigt

er sich zu einem ganzen Individuum, so wäre sein Versuch in der Tat

ein „unumstößlicher Beweis“ für die Ansicht von der allumfassenden

Bedeutung des Kerns gewesen. Geht aber der protoplasmaberaubte Kern

ebenso ohne Regeneration zugrunde wie das kernberaubte Protoplasma,

so liegt kein Grund vor, dem Kern mehr zuzuschreiben als dem

Protoplasma; man könnte dann mit demselben Recht das Protoplasma als

den arterhaltenden Bestandteil der Zelle ansprechen. Ein Experiment

in dieser Richtung zeigt aber, daß der protoplasmaberaubte Kern

ebenso zugrunde geht wie das kernlose Protoplasma. Man kann bei dem

großen Radiolar +Thalassicolla+ (Fig. 105 p. 273) den mit bloßem

Auge sichtbaren Zellkern durch eine geschickte Operation mit feinen

Instrumenten aus dem Protoplasma der Zentralkapsel unverletzt

herausnehmen und isoliert beobachten. Die Folge zeigt, daß der Kern,

selbst wenn er vor allen Schädlichkeiten geschützt ist, nach einiger

Zeit stets, ohne auch nur eine Spur von Regenerationsvorgängen sehen

zu lassen, zugrunde geht [636]. Das gleiche kann man bei Infusorien

konstatieren. Damit ist aber die Beweiskraft des ~Gruber~schen

Arguments gebrochen.

Ein anderes Experiment, das der Alleinherrschaftstheorie des Kerns

zur Stütze dienen sollte, stellte ~Boveri~[637] an Seeigeleiern

an. Im Anschluß an die von den Brüdern ~Hertwig~[638] beobachtete

Tatsache, daß auch kernlose Protoplasmastücke von Seeigeleiern

durch Spermatozoen noch befruchtet werden, fand ~Boveri~, daß diese

befruchteten Stücke sich auch noch weiter entwickeln, und zwar zu

einer Zwerglarvenform, die, abgesehen von ihrer Kleinheit, im übrigen

vollkommen den normalen Larven gleicht. Diese Tatsache benutzte

~Boveri~ zu Kreuzbefruchtungsversuchen von kernlosen Eistücken einer

Seeigelform mit Spermatozoen einer andern Form, nämlich von kernlosen

Eistücken des +Sphaerechinus granularis+ mit Spermatozoen von +Echinus

microtuberculatus+. Er schüttelte eine Anzahl Eier von +Sphaerechinus+

in einem Reagenzglase, wobei immer kernlose Protoplasmastücke

abgesprengt werden, und befruchtete die geschüttelte Flüssigkeit mit

Sperma von +Echinus+. Isolierte kernlose Teilstücke zu befruchten,

gelang nicht, da eine Kreuzbefruchtung zwischen den beiden Formen nur

verhältnismäßig sehr selten eintritt. Unter den durch die Befruchtung

erzielten Larven befanden sich:

a) Bastardformen, wie sie bei der Kreuzung der beiden Arten immer

erhalten wurden;

b) Zwergbastardformen, die ~Boveri~ von der Befruchtung kernhaltiger

Teilstücke herleitet;

c) Zwergformen mit echtem +Echinus+-Charakter, die ~Boveri~ von der

Befruchtung kernloser Teilstücke ableitet.

Das Vorkommen der letzten Larvenformen besitzt nun nach ~Boveri~s

Auffassung direkte Beweiskraft für die Alleinherrschaftstheorie des

Kerns, denn da von der einen Seeigelart nur kernloses Protoplasma

der Eizelle, von der andern dagegen auch der Kern des Spermatozoons

übertragen sei, so sei durch den Erfolg, welcher Larven von der

väterlichen Form ergeben habe, bewiesen, daß nur der Kern der Träger

der „Vererbungsstoffe“ sein könne.

Schon bei einer kritischen Betrachtung indessen ergibt sich, daß

dieser Versuch, der bisher vielfach als die feste Stütze der

Alleinherrschaftstheorie betrachtet worden ist, in mehr als einer

Beziehung für den genannten Zweck gar nicht verwertet werden kann.

Zunächst nämlich läßt sich die Abstammung der Zwerglarven vom Typus

der väterlichen Art bezweifeln. Da die Befruchtung kernloser Eistücke

der einen mit Spermatozoen der andern Art nicht isoliert gelang,

so bleibt es sehr fraglich, ob die in Frage stehenden Larven auch

wirklich aus einer solchen Befruchtung stammten. Es wäre denkbar,

daß sich auch aus der Befruchtung von +kernhaltigen+ Eistücken

oder +ganzen+ Eiern der einen mit den Spermatozoen der andern Form

Larven von überwiegend väterlicher Form entwickeln können; sehen wir

doch, daß sich auf die Nachkommen sehr häufig ganz vorwiegend die

Eigenschaften des Vaters oder der Mutter übertragen. Die verschiedenen

Larvenformen, die ~Boveri~ in seinem Versuch erhielt, besitzen aber in

dem betreffenden Entwicklungsstadium noch so wenige charakteristische

Unterscheidungsmerkmale, daß man aus dem Vorhandensein dieser wenigen

Eigentümlichkeiten durchaus nicht mit Sicherheit auf eine einseitige

Abstammung Schlüsse ziehen darf. Aber selbst in dem Falle, daß man die

Deutung, die ~Boveri~ von der Abstammung der betreffenden Larven gibt,

annehmen wollte, wäre der Versuch doch nichts weniger als beweisend. Er

wäre beweisend nur dann, wenn nicht das +ganze+ Spermatozoon, sondern

nur der +Kern+ desselben sich mit dem +kernlosen Protoplasma+ der

Eizelle vereinigt hätte. Wären in +diesem+ Falle Larven vom Charakter

des Vaters entstanden, so müßte man in der Tat annehmen, daß der Kern

allein Träger der Vererbung sein könne. Da aber +das Spermatozoon

eine vollständige Zelle mit Kern und Protoplasma+ ist, so ist durch

nichts bewiesen, daß nicht auch das Protoplasma an der Vererbung

teilnähme. Daß sich ganz überwiegend oder ausschließlich väterliche

Charaktere an den betreffenden Larven bemerkbar machen, würde doch wohl

kaum verwundern, da ja von väterlicher Seite eine ganze Zelle in die

Befruchtung eingegangen sein soll, von mütterlicher Seite aber nur ein

Stückchen Protoplasma. Die Ansicht ~Boveri~s, daß in seinem Versuch

auch mütterliche Eigenschaften hätten vererbt werden müssen, wenn das

Protoplasma ebenso an der Vererbung beteiligt wäre, wie der Kern, würde

also, selbst wenn man seine Annahme von der Herkunft der Zwerglarven

mit reinem Echinuscharakter als zutreffend hinnehmen wollte, nichts

weniger als sicher begründet sein.

Schon auf Grund dieser Ueberlegungen können wir nicht umhin, auch

den Versuch ~Boveri~s für die Entscheidung der Frage, ob im Kern

allein die charakterbestimmenden Eigenschaften der Zelle enthalten

sind, als völlig indifferent zu betrachten, und die gleiche

Stellung zu dem Experiment ~Boveri~s haben auf Grund ihrer eigenen

Untersuchungen in neuerer Zeit ~Morgan~, ~Seeliger~ und ~Yves

Delage~ eingenommen. Wenn es aber außer den angeführten Tatsachen

noch eines Experimentum crucis bedurft hätte, um den völligen

Zusammenbruch der Lehre von der Lokalisation einer spezifischen und

ausschließlichen „Vererbungssubstanz“ im Zellkern ganz augenfällig

zu demonstrieren, so würde dieses Experiment neuerdings ebenfalls

gegeben sein durch die schönen Untersuchungen von ~Godlewski~ jun. Es

gelang nämlich ~Godlewski~[639] kernlose Eistücke von einem Seeigel

mit den Spermatozoen einer Haarsternform, also einer ganz anderen

Echinodermengruppe zu befruchten und aus ihnen unter anderem auch

Larven zu züchten, die rein mütterliche Eigenschaften besaßen.

Angesichts dieser Tatsache wird selbst von den eifrigsten Anhängern

der ~Boveri~schen Lehre nicht mehr behauptet werden können, daß die

„Vererbungssubstanz“ im Zellkern lokalisiert sei. Damit fällt die

Alleinherrschaftstheorie des Zellkerns zusammen. In der Tat hat man

schon vor ~Godlewski~s Experimenten in den letzten Jahren auch auf

morphologischer Seite angefangen, diese Auffassung allmählich zu

verlassen[640].

Eine andere Form der Alleinherrschaftstheorie spricht sich in der

Ansicht von ~Eimer~[641], ~Hofer~[642] u. a. aus, daß der Kern nach

Art eines nervösen Zentralorgans die Lebensäußerungen der Zelle, vor

allem die Bewegungen des Protoplasmas, beherrsche. ~Eimer~ stützt

sich dabei auf verschiedene, nicht ganz unangefochtene morphologische

Beobachtungen über die Endigung von Nervenfasern in Kernen, sogar in

Kernkörperchen von Zellen. Allein selbst wenn diese Verhältnisse sich

wirklich bestätigen sollten, so würde darin doch immer noch kein Grund

liegen, dem Kern allein die Regulierung der Bewegungen des Protoplasmas

zuzuschieben. ~Hofer~ dagegen glaubt aus Experimenten an +Amöben+ den

Schluß ziehen zu dürfen, daß „der Zellkern ein regulatorisches Zentrum

für die Bewegung darstellt“. ~Hofer~ zerschnitt nämlich den Körper

von großen +Amöben+ in einen kernhaltigen und einen kernlosen Teil.

Während der kernhaltige Teil sich darauf und auch weiterhin ganz wie

eine vollständige +Amöbe+ verhielt, zeigte das kernlose Stück nur noch

etwa 15–20 Minuten normales Verhalten. Dann wurden die Bewegungen

unregelmäßig, indem die Pseudopodienbildung abnorme Formen zeigte, und

hörten schließlich ganz auf. Daraus zieht ~Hofer~ den Schluß, daß das

Protoplasma zwar die Fähigkeit der Bewegung besitzt, aber daß der Kern

ein Zentrum vorstelle, das die Bewegungen des Protoplasmas reguliere.

Daß diese Vorstellung sich nicht halten läßt, geht schon aus den

ausgezeichneten Experimenten ~Balbiani~s[643] hervor, der beobachtete,

daß kernlose Teilstücke von Infusorien unter günstigen Bedingungen noch

viele Tage lang mit völlig unveränderten Bewegungen am Leben bleiben.

Umfassende Versuche an verschiedenen Rhizopoden und Infusorien[644],

besonders aber an solchen Wimperinfusorien, die recht komplizierte

und charakteristische Bewegungen ausführen, sind schließlich speziell

gerade darauf gerichtet gewesen, die Frage zu entscheiden, ob man den

Kern als Bewegungszentrum im Sinne der Zentra des Zentralnervensystems

bei den höheren Tieren auffassen dürfe. Den Erfolg können wir uns

am besten durch einen vivisektorischen Versuch an dem Infusorium

+Lacrymaria+ vor Augen führen.

[Illustration: Fig. 277. +Vivisektorische Zerteilung von Lacrymaria

olor.+ Die schwarzen Linien geben die Schnittführung an. _e_

Abgeschnittener Kopfteil, stärker vergrößert.]

+Lacrymaria olor+ wird zu den holotrichen Ciliaten gerechnet und

zeichnet sich durch ihre höchst charakteristischen Bewegungen aus,

weshalb sie für Versuche über den Einfluß des Kerns auf die Bewegung

ein ausgezeichnetes Objekt abgibt. Das Protist ist in mittlerem

Kontraktionszustande flaschenförmig und läßt einen Körper-, Hals-

und Kopfteil unterscheiden (Fig. 277 _a_ und _b_). Ist das Protist

ungestört, so ist es in rastloser Bewegung, wobei jedem Teil des

Zellleibes seine eigentümliche Tätigkeit zukommt. Der Körperteil macht

fortwährende Gestaltsveränderungen von peristaltischem Charakter.

Der Hals streckt sich bald zu einem äußerst langen und dünnen Faden

aus, der mit seinem Vorderende sich verlängert, verkürzt, umbiegt und

zwischen den Schlammteilchen hierhin und dorthin tastet (Fig. 277 _a_),

bald schnellt er wieder wie ein ausgespannter Gummifaden plötzlich

zusammen (Fig. 277 _b_), um nach kurzem sein Spiel von neuem zu

beginnen. Das Kopfende schließlich tastet mit den langen Wimpern seines

Mundteils überall auf den Gegenständen im Wasser umher, gleichsam als

wenn die Wimpern wie Füßchen darauf entlang liefen. Dabei ist das ganze

Protist infolge der fortwährend wechselnden Richtung des Wimperschlages

in einem ewigen Vorwärts- und Rückwärtszucken begriffen, so daß es

nur wenig von der Stelle kommt und hauptsächlich den langen Hals und

Kopf mit rastlosem Eifer umhersuchen läßt. Wird es gereizt, so zuckt

es plötzlich zusammen und schwimmt in mittlerem Kontraktionszustande

zuerst eine Strecke rückwärts, nimmt dann wieder die Richtung nach

vorn an und wirbelt in rasender Geschwindigkeit unter beständiger

Achsendrehung vorwärts durch das Wasser.

Der Kern mit dem dicht anliegenden Nebenkern liegt im mittleren

Abschnitt des Körperteils.

Bei einiger Geduld gelingt es nun, unter dem Mikroskop durch scharfe

Schnitte die einzelnen Körperteile abzutrennen, wobei der Kopfteil,

der Halsteil und das hintere Endstück des Körpers stets kernlos

sind, während der Körperteil immer die beiderlei Kerne enthält. Der

Erfolg der Durchschneidung ist zunächst bei jedem Teilstück der, daß

die Wimperbewegung sehr beschleunigt ist. Die Stücke wirbeln daher

alle im Kontraktionszustande mit rasender Geschwindigkeit unter

Achsendrehung durch das Wasser. Allmählich läßt die enorme Steigerung

der Wimpertätigkeit nach, und bald benimmt sich jedes Teilstück genau

so, wie es sich benahm, als es noch im Zusammenhang mit den anderen

stand. Der kernhaltige Körperteil setzt seine metabolischen Bewegungen

fort, durch Wechseln in der Richtung des Wimperschlages bald vorwärts,

bald rückwärts zuckend, der Halsteil zieht sich bald lang aus (Fig. 277

_d_) und tastet ruhelos umher, obwohl er weder Kopf- noch Körperteil

mehr besitzt, bald schnellt er wie eine Gummischnur zusammen (Fig. 277

_c_) und streckt sich wieder aus, der Kopfteil endlich läuft, da er

jetzt vom Körper befreit ist, wie ein selbständiges Individuum auf den

Schlammteilchen im Wasser umher unter ganz denselben Wimperbewegungen

wie am unverletzten Protist (Fig. 277 _e_). Kurz, jedes Teilstück

verhält sich in seinen Bewegungen noch genau so wie am Körper

der normalen +Lacrymaria+. Auf Reize tritt bei allen Teilstücken

Zusammenzucken durch Kontraktion der Myoide ein und Beschleunigung des

Wimperschlages, die zur Wirbelbewegung unter Achsendrehung führt, also

ganz wie sie auf Reizung beim unverletzten Protist eintritt. Dieses

normale Verhalten der Bewegung bleibt bei den kernlosen Teilstücken in

der Regel nahezu einen Tag lang bestehen. Alsdann tritt der bekannte

Unterschied zwischen kernlosen und kernhaltigen Stücken hervor, daß

die kernlosen zugrunde gehen, während die kernhaltigen sich bereits zu

ganzen Individuen regeneriert haben.

+Das Verhalten der kernlosen Teilstücke von Zellen läßt sich also

dahin charakterisieren, daß nach Ueberwindung eines durch den Reiz der

Operation bedingten Erregungsstadiums jedes Stück fortfährt, die ihm

am unverletzten Protist eigentümlichen Bewegungen auszuführen und auch

auf Reize in derselben Weise zu reagieren, wie vor der Operation. Erst

die zum Tode führenden Vorgänge der Nekrobiose, denen das kernlose

Protoplasma anheimfällt, ändern auch das normale Verhalten der

Bewegungen.+

Wie in diesem, so zeigt sich in sämtlichen vivisektorischen Versuchen,

daß die Bewegungen kernloser Protoplasmastücke nach Ueberwindung

eines durch die Operation bedingten Erregungsstadiums stets noch

längere Zeit, häufig mehrere Tage lang, in vollkommen unveränderter

Weise fortbestehen und erst im Verlauf der Nekrobiose des Teilstücks

Störungen und schließlich Stillstand erfahren. Damit stimmen auch die

+tatsächlichen+ Befunde ~Hofer~s vollständig überein. Uebrigens hat

später ~Štolc~[645] auch von Amöben kernlose Stücke unter günstigen

Bedingungen wochenlang mit normalen Bewegungen isoliert am Leben

erhalten können. +Wenn aber die normale Bewegung des Protoplasmas nach

Entfernung des Kerns noch tage- und wochenlang fortbesteht, so kann

der Kern kein regulatorisches Zentrum für die Bewegung sein, und damit

fällt die Zentrumstheorie in sich zusammen.+

Allgemeine Physiologie · 第 249 / 283 题