1. Die Veränderungen des Biotonus unter dem Einfluß von Reizen.

Wir haben gesehen, daß die Biogene sehr labile Verbindungen sind,

mit anderen Worten, daß die Atome ihres Moleküls sich in lebhaften

Schwingungen befinden, infolge deren gewisse Atome gelegentlich in

die Anziehungssphäre anderer gelangen, mit denen sie, zu einer

festeren Verbindung vereinigt, sich als selbständiges Molekül

abtrennen. So erfolgt auf Grund der großen intramolekularen Wärme die

spontane Dissimilation des Biogenmoleküls. Die durch den Austritt der

abgetrennten Atomgruppen verfügbar werdenden chemischen Affinitäten

haben aber an den Stoffen der aufgenommenen und namentlich durch die

Tätigkeit der Enzyme in mannigfacher Weise umgeformten Nahrung die

Möglichkeit, sich im gleichen Moment wieder zu binden, so daß sich der

Biogenrest wieder zu einem ganzen Biogenmolekül regenerieren kann.

So erfolgt im Anschluß an die spontane Dissimilation die spontane

Assimilation des Biogenmoleküls.

Da die Dissimilation des Biogens durch die intramolekularen

Schwingungen der Atome bedingt ist, so liegt es auf der Hand, daß

alle Faktoren, welche die intramolekularen Schwingungen der Atome

verstärken, den Dissimilationsprozeß unterstützen müssen. So erklärt

sich der erhöhte Zerfall der lebendigen Substanz, der bei Einwirkung

chemischer, mechanischer, thermischer, photischer, galvanischer

Reize eintreten kann. Sind die äußeren Einwirkungen so stark, daß

ein tief eingreifender Zerfall des Moleküls vor sich geht und kein

regenerationsfähiger Rest mehr zurückbleibt, so erfolgt eine Abnahme

der lebendigen Substanz und bei Ueberreizung schließlich der Tod.

Demgegenüber werden alle Faktoren, welche die intramolekularen

Schwingungen der Atome im Biogenmolekül vermindern, wie z. B. Abkühlung

oder Einwirkung solcher Stoffe, die einzelne Atome in bestimmter Lage

durch chemische Anziehung fixieren etc., den Dissimilationsprozeß

lähmen. Wir wollen alle diese Reize, die den Dissimilationsvorgang

entweder erregen oder lähmen, als +dissimilatorische Reize+ bezeichnen.

Auf der anderen Seite ist es klar, daß auch die Assimilation durch

äußere Einwirkungen befördert werden kann. Da der Assimilationsvorgang

auf der Bindung chemischer Affinitäten beruht, die sowohl der

Biogenrest als auch das fertige Biogenmolekül selbst besitzt, so können

alle diejenigen Faktoren, welche die zur Bindung der vorhandenen

Affinitäten notwendigen Stoffe herbeischaffen und in die geeignete Form

bringen, den Assimilationsvorgang steigern. Vor allem wird also in

dieser Richtung wirken die erhöhte Zufuhr von Nahrungsmaterial, ferner

bei grünen Pflanzenzellen die Einwirkung von Lichtstrahlen, die zur

Spaltung der Kohlensäure und Verfügbarmachung des Kohlenstoffs nötig

ist, dann alle Reize, welche die Produktion von Enzymen anregen, die

zur Lösbarmachung fester Nahrungsstoffe erforderlich sind etc. Aber

umgekehrt wird es auch Faktoren geben, die den Assimilationsprozeß

lähmen. Das wird vor allem ein Mangel an Nahrung und Anhäufung von

lähmenden Stoffwechselprodukten, bei Pflanzenzellen Mangel an Licht,

das Fehlen von Enzymen etc. sein. Wir wollen alle diese Faktoren,

die den Assimilationsvorgang entweder erregen oder lähmen, als

+assimilatorische Reize+ bezeichnen.

Ueberblicken wir dann die +Möglichkeiten+, die sich bei der Einwirkung

von Reizen auf die lebendige Substanz ergeben, so können wir vier

wichtige Fälle der Reizwirkungen unterscheiden. Die Reize können

erzeugen:

1. Dissimilatorische Erregung,

2. Dissimilatorische Lähmung,

3. Assimilatorische Erregung,

4. Assimilatorische Lähmung.

Allein damit sind die +Möglichkeiten+ nicht erschöpft. Bei der

außerordentlich engen Korrelation, in der die einzelnen Vorgänge in

der lebendigen Substanz untereinander stehen, und die, wie wir sahen,

eine vollkommene „innere Selbststeuerung des Stoffwechsels“ bedingt,

so daß z. B. jede Veränderung der Assimilation eine gleich starke

Veränderung der Dissimilation zur Folge hat, ist es möglich, daß ein

Reiz gleichzeitig eine dissimilatorische und assimilatorische Erregung

oder eine dissimilatorische und assimilatorische Lähmung herbeiführen

kann, wie das z. B. innerhalb gewisser Grenzen bei Temperaturreizen der

Fall ist. Wir müssen also den obigen vier Fällen noch hinzufügen:

5. Totale Erregung,

6. Totale Lähmung,

wobei noch zu berücksichtigen ist, daß die Erregung oder Lähmung

möglichenfalls verschiedene Glieder der Stoffwechselkette in ungleichem

Maße betreffen kann.

Der Möglichkeiten sind aber noch mehr denkbar. Die „innere

Selbststeuerung des Stoffwechsels“ ist nicht unbegrenzt, denn wäre

sie immer und überall in vollkommener Weise wirksam, so würde ein

ewiges Stoffwechselgleichgewicht bestehen, und kein Wachstum, keine

Entwicklung, kein Schwund wäre möglich. Wenn also die Selbststeuerung

des Stoffwechsels nur innerhalb bestimmter Grenzen besteht, so

sind andere Fälle denkbar, in denen ein Reiz gleichzeitig eine

assimilatorische Erregung und eine dissimilatorische Lähmung oder

umgekehrt eine assimilatorische Lähmung und eine dissimilatorische

Erregung erzeugt. Es würden also als letzte +denkbare+ Fälle der

Reizwirkung zu den sechs vorstehenden noch hinzukommen:

7. Assimilatorische Erregung + dissimilatorische Lähmung,

8. Assimilatorische Lähmung + dissimilatorische Erregung.

Diese verschiedenen Möglichkeiten der Reizwirkung, die ~Hering~[610]

in seiner kleinen Abhandlung über die Vorgänge in der lebendigen

Substanz ausführlicher behandelt hat, geben uns schon einen Begriff

davon, in wie mannigfacher Weise sich der Biotonus der lebendigen

Substanz unter dem Einfluß verschiedener Reize ändern kann. Und doch

sind die Verhältnisse in Wirklichkeit noch viel komplizierter. Wenn wir

uns erinnern, daß der Zähler sowohl wie der Nenner des Bruches A: D

eine ganze Reihe von einzelnen Gliedern repräsentiert, die sich unter

bestimmten Bedingungen in geringem Grade auch unabhängig voneinander

ändern können, dann erst gewinnen wir ein annäherndes Bild von der ganz

außerordentlichen Mannigfaltigkeit der Wirkungen, welche die Reize in

der lebendigen Substanz hervorrufen können.

Als wir die Wirkungen, welche die Reize an der lebendigen Zelle

erzeugen, kennen lernten, konnten wir sie ihren äußeren Folgen

nach in wenige Gruppen sondern. Wir fanden, daß die Veränderungen

der spontanen Lebensäußerungen, die durch die Reizung erzeugt

werden, entweder quantitativer oder qualitativer Art waren. Die

+quantitativen+ Veränderungen bezeichneten wir, wenn sie in einer

Steigerung der Lebensäußerungen bestanden, als Erregung; wenn sie durch

eine Herabsetzung derselben charakterisiert waren, als Lähmung. Nach

unserer vorstehenden Betrachtung gewinnen wir nunmehr eine annähernde

Vorstellung davon, wie ungemein kompliziert in Wirklichkeit die

Vorgänge sind, deren äußeren Ausdruck wir schematisch als Erregung

und als Lähmung bezeichneten. Den Höhepunkt der Komplikation aber

haben wir jedenfalls in denjenigen Reizwirkungen zu sehen, die den

+qualitativen+ Veränderungen der normalen Lebensäußerungen zugrunde

liegen. Die metamorphotischen Prozesse der Nekrobiose, wie etwa die

Fettaufspeicherung, die uns als Typus dafür dienen kann, zeigen uns

deutlich, daß sich hier einzelne Glieder der A- und D-Reihe langsam

mehr und mehr verändern und so bei der engen Korrelation der einzelnen

Glieder der Stoffwechselkette sekundär weitere Veränderungen bedingen

müssen; sonst könnten nicht Anhäufungen von einzelnen Stoffen

entstehen, die normalerweise nicht in der Zelle abgelagert werden. Wir

haben in den metamorphotischen Prozessen Reizwirkungen, die durch ganz

analoge Veränderungen des Biotonus bedingt sind, wie die Vorgänge, die

sich spontan in der Entwicklung des Organismus abspielen. Wenn sich

aus der Eizelle im Laufe der Entwicklung Drüsenzellen, Muskelzellen,

Nervenzellen etc. differenzieren, so müssen diese Vorgänge ebenfalls

auf Veränderungen einzelner Glieder der A- und D-Reihe beruhen.

Bei unserer überaus lückenhaften Kenntnis der speziellen Glieder

beider Stoffwechselreihen liegt es auf der Hand, daß wir bis jetzt

noch sehr weit davon entfernt sind, auch nur ungefähr die speziellen

Veränderungen zu übersehen, die der Biotonus im konkreten Fall bei

der Einwirkung eines Reizes erfährt. Es bleibt uns vorläufig nichts

anderes übrig, als den äußeren Ausdruck dieser Veränderungen, den wir

schematisch als Erregungs- und Lähmungs- sowie als metamorphotische

Wirkungen bezeichnen, nur ganz allmählich, Schritt für Schritt, zu

analysieren, eine Aufgabe, deren Lösung die Physiologie um so näher

rücken wird, je mehr sich die Methoden der Zelluntersuchung entwickeln

werden.

Allgemeine Physiologie · 第 244 / 283 题