2. Die Selbststeuerung des Stoffwechsels und das Massenwirkungsgesetz.

Wenn wir vom Stoffwechselgleichgewicht sprechen, so müssen

wir uns dabei bewußt bleiben, daß wir es hier nicht mit einem

Gleichgewichtszustande im mathematischen Sinne zu tun haben, sondern

mit der fortdauernden Annäherung der lebendigen Substanz an einen

Gleichgewichtszustand, dessen Bedingungen sich andauernd ändern, so daß

ein wirkliches Gleichgewicht im mathematischen Sinne während des ganzen

Lebens des Organismus niemals erreicht wird mit Ausnahme der wenigen

Fälle des latenten Lebens. Wir haben gesehen, daß die Entwicklung des

Organismus während seines ganzen Lebens niemals zum Stillstand kommt.

Ein stationärer Zustand ist also niemals intra vitam vorhanden, denn

das Verhältnis der inneren zu den äußeren Lebensbedingungen ändert sich

fortdauernd. Darin eben besteht die Entwicklung. Sie repräsentiert wie

das ganze Leben nichts weiter als den Ausdruck für die fortdauernde

Herstellung eines Kompromisses der lebendigen Substanz zwischen inneren

und äußeren Lebensbedingungen, der in Wirklichkeit niemals ein

dauernder wird, weil sich fortwährend die Bedingungen selbst verändern.

So ist also auch das Stoffwechselgleichgewicht kein absolutes

Gleichgewicht, sondern nur ein relatives, nämlich die möglichste

Annäherung an den Gleichgewichtszustand, der dem momentan bestehenden

Bedingungskomplex entspricht.

Dürfen wir also zwar nicht übersehen, daß es sich beim

Stoffwechselgleichgewicht immer nur um die möglichste Annäherung an

einen Gleichgewichtszustand handelt, so können wir doch diesen Vorgang

auf Grund der Gesetzmäßigkeiten, welche die Entwicklung chemischer

Gleichgewichtszustände beherrschen, mechanisch analysieren. Leider

befinden wir uns hier auf einem Boden, der noch vollkommen unbearbeitet

ist. Hat schon das Gesetz der Massenwirkungen, das die chemischen

Gleichgewichtszustände beherrscht, trotzdem es in seinem Kernpunkte

bereits dem französischen Chemiker ~Berthollet~ 1801 bekannt und 1867

von ~Guldberg~ und ~Waage~[611] in strenger Weise formuliert worden

war, selbst in der Chemie erst im letzten Jahrzehnt allgemeinere

Berücksichtigung gefunden, so ist seine Bedeutung für das Problem der

Selbststeuerung des Stoffwechsels überhaupt erst in den letzten Jahren

in ihren allgemeinen Zügen hervorgehoben worden. Und doch läßt sich

schon heute voraussagen, daß die Beachtung dieses Gesetzes für das

Verständnis der Stoffwechselvorgänge einen außerordentlich reichen

Erfolg verspricht.

Das Massenwirkungsgesetz sagt uns, daß der Reaktionsablauf bei

chemisch miteinander reagierenden Stoffen nicht bloß von der Art der

chemischen Affinitäten, sondern auch von den Massenverhältnissen

der Stoffe abhängig ist, da die Zahl der Zusammenstöße miteinander

reagierender Moleküle größer sein muß bei höherer, geringer bei

schwächerer Konzentration der Stoffe. Sehr wichtig ist diese

Tatsache nun bei reversiblen chemischen Prozessen. Hier kommt sie

zum Ausdruck in der Entwicklung dynamischer Gleichgewichtszustände,

die volle Uebereinstimmung zeigen mit den Zuständen des

Stoffwechselgleichgewichts bei der lebendigen Substanz. Das klassische

Beispiel für solche reversiblen chemischen Reaktionen und die aus ihnen

entspringenden Gleichgewichtszustände liefert die Esterbildung.

Bringen wir Aethylalkohol und Essigsäure zusammen, so bildet

sich Essigsäureäthylester und Wasser. Umgekehrt, bringen wir

Essigsäureäthylester und Wasser zusammen, so entsteht Aethylalkohol und

Essigsäure:

C₂H₅OH + CH₃COOH ⇄ C₂H₅·CH₃COO + H₂O

Aethylalkohol Essigsäure Essigsäureäthylester Wasser

Die Reaktion ist also reversibel, aber wenn wir das Reaktionsprodukt

betrachten, finden wir, daß die Reaktion in beiden Fällen nicht bis

zu Ende geht, sondern daß in beiden Fällen von dem Ausgangsmaterial

eine gewisse Menge übrig bleibt. Um das genauer zu verfolgen, ist

es nötig, den Vorgang quantitativ zu untersuchen. Bringen wir also

zunächst Aethylalkohol und Essigsäure in dem Mengenverhältnis

miteinander zusammen, in dem sie sich nach der Reaktionsgleichung

zu Essigsäureäthylester und Wasser vereinigen, also 1 Gramm-Molekül

Aethylalkohol (d. i. das Molekulargewicht des Alkohols in Grammen

ausgedrückt), mit 1 Gramm-Molekül Essigsäure, so bilden sich nur je

zwei drittel Gramm-Moleküle Essigsäureäthylester und Wasser; je ein

drittel Gramm-Molekül Alkohol und Essigsäure bleiben übrig. Umgekehrt,

bringen wir 1 Gramm-Molekül Essigsäureäthylester und 1 Gramm-Molekül

Wasser zusammen, so setzen sich beide so um, daß ein drittel

Gramm-Molekül Aethylalkohol und ein drittel Gramm-Molekül Essigsäure

entstehen, während je zwei drittel Gramm-Molekül Essigsäureäthylester

und Wasser übrig bleiben. Von beiden Ausgangsmaterialien her gewinnt

man also dasselbe Resultat:

⅓ Mol. C₂H₅OH + ⅓ Mol. CH₃COOH + ⅔ Mol. C₂H₅·CH₃COO + ⅔ Mol. H₂O

Da das Molekulargewicht des Aethylalkohols 46, der Essigsäure 60,

des Essigsäureäthylesters 88 und des Wassers 18 ist, so resultieren

in beiden Fällen, sei es, daß wir 46 g Alkohol und 60 g Essigsäure

oder sei es, daß wir 88 g Essigsäureäthylester und 18 g Wasser

zusammenbringen, stets

C₂H₅OH + CH₃COOH + C₂H₅·CH₃COO + H₂O

15,33 g 20 g 58,66 g 12 g.

In diesen Massenverhältnissen halten sich die chemischen Reaktionen

das Gleichgewicht, d. h. es bilden sich, wenn dieser Zustand erreicht

ist, in der Zeiteinheit ebensoviel Moleküle Essigsäureäthylester und

Wasser aus Alkohol und Essigsäure, wie selbst in Alkohol und Essigsäure

zerfallen, denn die chemischen Umsetzungen sind nicht etwa zu Ende,

wenn dieser Gleichgewichtszustand erreicht ist, sondern sie gehen nach

beiden Richtungen andauernd fort, aber so, daß das Gleichgewicht immer

erhalten bleibt. Es handelt sich also hier nicht um ein stabiles,

sondern um ein dynamisches Gleichgewicht.

Aendern wir nun im obigen Beispiel die Massenverhältnisse des

Reaktionsproduktes derart, daß wir die Mengen auf der einen Seite

der Reaktionsgleichung im äquimolekularen Verhältnis vermehren

oder vermindern, so vermehren oder vermindern sich auch die

Mengenverhältnisse auf der anderen Seite der Gleichung so, daß sich

sofort das gleiche Mengenverhältnis von einem Drittel auf der einen

und zwei Dritteln auf der anderen Seite wieder herstellt. Hier liegt

also in der Herausbildung eines ganz bestimmten Gleichgewichtszustandes

der reagierenden Massen genau dasselbe Prinzip vor, wie wir es in der

Selbststeuerung des Stoffwechsels kennen gelernt haben. Reizen wir

z. B. einen Muskel so, daß andauernd der Zerfall seiner lebendigen

Substanz gesteigert wird, d. h. daß die Dissimilationsphase seines

Stoffwechsels erregt wird, so steigt von selbst auch die Neubildung

von lebendiger Substanz, d. h. auch die Assimilationsphase des

Stoffwechsels erfährt sekundär eine Erregung und einige Zeit nach

dem Aufhören des dissimilatorisch erregenden Reizes ist das Defizit

wieder ausgeglichen, das Stoffwechselgleichgewicht wieder hergestellt,

der Biotonus wieder = 1. Das ist der Vorgang der Erholung nach jeder

dissimilatorischen Erregung. Umgekehrt, steigern wir durch erhöhte

Nahrungszufuhr die Assimilationsprozesse, so steigen sekundär

auch die Dissimilationsvorgänge und es stellt sich von neuem ein

Stoffwechselgleichgewicht her nur auf einem höheren Massenniveau. Das

ist die Selbststeuerung des Stoffwechsels. Das Massenwirkungsgesetz

und die Theorie der chemischen Gleichgewichtszustände gibt uns

das mechanische Verständnis für diese fundamentale Tatsache der

Physiologie, der wir es verdanken, daß wir uns nach einer Anstrengung

wieder erholen, daß wir Krankheiten überwinden und daß wir überhaupt

längere Zeit zu leben imstande sind.

Allgemeine Physiologie · 第 245 / 283 题