2. Die Frage nach der Rolle des Sauerstoffs im Stoffwechsel.

Stellen wir uns auf Grund der Biogenhypothese vor, daß die

Lebensvorgänge beruhen auf dem fortwährenden Aufbau und Zerfall einer

komplizierten und sehr labilen chemischen Verbindung, so liefert uns

diese Hypothese zunächst nur einen rein methodischen Gewinn. Das

Hypothetische in ihr liegt lediglich darin, daß wir das, was wir von

der lebendigen Substanz als Tatsache kennen, d. h. den Stoffwechsel,

verlegen in eine einheitliche chemische Verbindung, und daß wir alles

Geschehen in der lebendigen Substanz an diesen Stoffwechsel der

Biogene angliedern. Damit ist in methodischer Beziehung der große

Vorteil der Klarheit eines einfachen Schemas verknüpft, an das sich

weitere Fragestellungen und neue Tatsachen leicht ankristallisieren.

Mag sich dieses Schema im Anschluß an neue Erfahrungen allmählich

mehr und mehr ändern und komplizieren, wie es unausbleiblich ist, ja,

mag es allmählich so umgestaltet werden, daß es schließlich ein ganz

anderes wird als es ursprünglich war, so hat es doch als Schema seine

Dienste getan und als Arbeitshypothese zu neuen Erfahrungen geführt.

Jedes Schema ist von vornherein falsch und doch können wir nicht ohne

Schemata zu richtiger Erkenntnis gelangen. Ein fruchtbarer Irrtum

aber ist mehr wert für die Entwicklung der menschlichen Erkenntnis

als eine unfruchtbare Wahrheit. Von diesem Gesichtspunkte aus will

die Biogenhypothese beurteilt sein und von diesem Gesichtspunkte aus

erheben sich sofort weitere Fragen.

Wie fügt sich die Rolle des Sauerstoffs ein in das Schema der

Biogenhypothese? Hier stehen sich zwei Ansichten gegenüber, die wir

oben schon berührt haben. Nach der Ansicht von ~Hermann~, ~Pflüger~,

~Allen~ und anderen ist die Labilität des Biogenmoleküls wesentlich

bedingt durch die intramolekulare Einfügung des Sauerstoffs. Nach der

Auffassung von ~v. Voit~, ~Detmer~, ~Winterstein~ besteht die Rolle des

Sauerstoffs lediglich darin, daß er erst sekundär die aus dem Zerfall

hervorgehenden Verbindungen zu Kohlensäure und Wasser oxydiert. Nach

der ersteren Auffassung ist die Bildung von Kohlensäure und Wasser

von vornherein ein Produkt der Dissoziation des Biogenmoleküls, nach

der letzteren ist sie ein Prozeß, der zeitlich immer erst dem Zerfall

nachfolgt.

Man könnte daran denken, zwischen diesen beiden Anschauungen leicht

eine Entscheidung zu treffen durch die Erfahrungen, die bei der

Sauerstoffentziehung gemacht worden sind. Indessen bei genauerer

Prüfung ergibt sich, daß diese Tatsachen sowohl im Sinne des

ersteren wie des letzteren Standpunktes verwendet werden können. Wir

wissen, daß mit Abschluß der Sauerstoffzufuhr die +Erregbarkeit+ der

lebendigen Substanz allmählich +sinkt+ und daß die Lebensvorgänge

schließlich erlöschen. Die lebendige Substanz erstickt. Es liegt nahe,

diese Tatsache dadurch zu erklären, daß bei Sauerstoffmangel die

Biogenmoleküle nicht mehr auf die Höhe ihrer Labilität gelangen, weil

kein Sauerstoff mehr in die Biogenmoleküle intramolekular eingefügt

werden kann. Das spräche also für die erstere Annahme. Allein auch die

zweite Annahme kann diese Tatsache in ihrem Sinne deuten, indem sie

das Sinken der Erregbarkeit erklärt durch die Anhäufung von lähmenden

Zerfallsprodukten, die wegen Sauerstoffmangels nicht durch Oxydation

beseitigt werden können. Daß sich solche lähmenden Produkte bei

relativem Sauerstoffmangel anhäufen, wissen wir aus der Ermüdung, die

ja eine Erstickung ist. Ebenso wie die +Lähmung+ bei Sauerstoffmangel

läßt sich auch die +Erholung+ bei erneuter Sauerstoffzufuhr im Sinne

beider Auffassungen verwerten. Nach der ersteren Auffassung würde die

Rückkehr der Erregbarkeit in diesem Falle auf der intramolekularen

Einfügung neuer Sauerstoffatome in die Biogenmoleküle beruhen, nach

der letzteren auf einer Beseitigung der lähmenden Zerfallsprodukte

durch ihre Oxydation zu Kohlensäure und Wasser. So ist die Tatsache

des Kommens und Gehens der Erregbarkeit in ihrer Abhängigkeit von der

Sauerstoffzufuhr nicht imstande, die Entscheidung zwischen beiden

Ansichten zu treffen, und es dürfte überhaupt bis heute keine Tatsache

bekannt sein, die endgültig die eine Anschauung als die richtige, die

andere als die falsche nachweisen könnte.

Dagegen existieren Tatsachen, die den Gegensatz zwischen beiden

Anschauungen wenigstens zum Teil auszugleichen imstande sind.

Zunächst nämlich kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auch ohne

intramolekulare Einfügung von Sauerstoff in das Biogenmolekül

das letztere eine so große Labilität besitzen muß, daß es durch

Dissoziation zerfallen kann. Wäre der Zerfall des Biogenmoleküls

lediglich an die Anwesenheit des Sauerstoffs gebunden, so müßte

nach völligem Verbrauch des zur Verfügung stehenden Sauerstoffs

kein Biogenzerfall mehr eintreten. Tatsächlich aber findet auch im

Zustande der Erstickung noch andauernd ein weiterer Zerfall des Biogens

statt, sonst würde man ja lebendige Substanz unter Sauerstoffabschluß

beliebig lange im Zustande latenten Lebens aufbewahren können, etwa

so wie gewisse Organismen bei Wasserentziehung. Demgegenüber ist aber

bekannt, daß die lebendige Substanz, nachdem sie durch Sauerstoffmangel

vollständig gelähmt ist, nur kurze Zeit noch ohne Sauerstoffzufuhr

restitutionsfähig bleibt. Also es ist kein Zweifel, daß die Biogene

auch ohne Sauerstoffzufuhr zerfallen. Das zeigt aber gleichzeitig,

daß die Lähmung bei der Erstickung auch, wenn man sie allein als eine

Wirkung der Anhäufung von Zerfallsprodukten ansieht, keine vollständige

sein kann. Der Zerfall geht weiter, wenn auch in bedeutend schwächerem

Maße und mit bedeutend geringerer Energieproduktion. Aber es fragt

sich, ob dieser Zerfall des Biogens, wie er bei fehlendem Sauerstoff

stattfindet, derselbe ist wie bei genügender Sauerstoffversorgung. Das

ist nun sicherlich nicht der Fall. Die Tatsache des Absterbens und des

Verlustes der Restitutionsfähigkeit bei Sauerstoffmangel zeigt, daß

der Zerfall der Biogenmoleküle bei Sauerstoffmangel auf alle Fälle ein

anderer werden muß als bei Sauerstoffversorgung, mag man das nun darauf

zurückführen, daß kein Sauerstoff in das Biogenmolekül mehr eingefügt

wird, oder mag man es erklären durch die Wirkung der sich anhäufenden

Zerfallsprodukte. Die anaeroben Organismen zeigen uns ebenfalls, daß

auch ohne Sauerstoff ein Zerfall des Biogens stattfindet, aber sie

beweisen uns gleichzeitig, daß bei ihnen der Stoffwechsel noch eine

spezielle Einrichtung besitzt, die aus der Anpassung an die anaerobe

Lebensweise resultiert und die ihn wesentlich anders gestaltet, als es

der Stoffwechsel der aeroben Organismen ist, denn bei den anaeroben

Organismen vollzieht sich bei Sauerstoffmangel der Biogenzerfall so,

daß die Biogenmoleküle dauernd restitutionsfähig bleiben. Nach alledem

müssen wir den Biogenmolekülen einen so großen Labilitätsgrad beilegen,

daß sie auch ohne Sauerstoffeinfügung noch zerfallen.

Ferner ist es ebensowenig zweifelhaft, daß auch die bei der Erstickung

aus dem Biogenzerfall hervorgegangenen lähmenden Produkte, noch

nachträglich durch Sauerstoffzufuhr oxydiert und beseitigt werden

können. Von der Ermüdung wissen wir z. B., daß sich solche lähmenden

Produkte als Folge des Sauerstoffmangels anhäufen. Wir können sie

aus ermüdeten Organen oder Geweben oder Zellen, wie wir oben sahen,

extrahieren. Ihre lähmende Wirkung wird aber sofort beseitigt durch

genügende Sauerstoffzufuhr. Für die anaeroben Organismen aber würden

wir annehmen müssen, daß diese Zerfallsprodukte, deren Anhäufung lähmen

würde, nach ihrer Entstehung durch andere Spaltungsvorgänge, etwa durch

hydrolytische Spaltungen, nicht wie bei den aeroben Organismen durch

oxydative Spaltungen zerstört und unwirksam gemacht werden.

+Nehmen wir alles zusammen, so können wir uns also vorstellen, daß

bei den aeroben Organismen, solange die Sauerstoffzufuhr zureichend

ist, der Biogenzerfall immer sofort bis zu Kohlensäure und Wasser

erfolgt, die leicht ausgeschieden werden, daß erst bei relativem

Sauerstoffmangel in dem Maße, wie sich dieser entwickelt, neben

Kohlensäure und Wasser aus dem Biogenzerfall auch komplexere Moleküle,

sogenannte „Erstickungs- oder Ermüdungsstoffe“ wie Milchsäure

hervorgehen, die lähmend wirken, solange bis sie durch Oxydation

nachträglich zerstört werden, und daß bei absolutem Sauerstoffmangel

ausschließlich solche komplexen „Erstickungsstoffe“ beim Biogenzerfall

entstehen, ja daß zuletzt der Biogenzerfall viel tiefer geht, so daß

die Biogenmoleküle ihre Restitutionsfähigkeit vollkommen verlieren.+

So weit lassen sich beide Vorstellungen einander nähern. Die spezielle

Frage aber, wieweit der Erregbarkeitsgrad der lebendigen Substanz

abhängt von der intramolekularen Einfügung von Sauerstoff in das

Biogenmolekül und wieweit von der nachträglichen Beseitigung lähmender

Zerfallsprodukte, diese Frage ist auf Grund des bisher vorliegenden

Tatsachenmaterials nicht zu entscheiden.

Allgemeine Physiologie · 第 242 / 283 题