4. Tod durch Ueberreizung.

Wir haben im vorigen Abschnitt gesehen, daß durch Ueberreizung

Lähmungswirkungen hervorgerufen werden können. +Diese Tatsache ist

wichtig, denn sie zeigt uns, daß dieselben Reize, die bei geringer

Intensität oder kurzer Dauer Erregung hervorrufen, bei höherer

Intensität und längerer Dauer gerade die entgegengesetzten Wirkungen,

d. h. Lähmungen, erzeugen können.+

Die Arbeitslähmung, die wir soeben kennen gelernt haben, ist aber nur

ein einzelnes Beispiel für dieses Verhältnis zwischen Erregung und

Lähmung, das im übrigen viel weiter verbreitet ist. Die erregenden und

lähmenden Wirkungen der Reize, die wir früher kennen lernten, liefern

uns noch eine lange Reihe anderer Beispiele dafür. Hier sei z. B.

erinnert an die Wirkungen des +Wärmereizes+. Die Lebensäußerungen

erfahren im allgemeinen mit zunehmender Temperatur eine Steigerung bis

zu einem gewissen Temperaturgrade, der für die verschiedenen Formen

der lebendigen Substanz und für die verschiedenen Lebensäußerungen

derselben Form sehr verschieden hoch gelegen ist. Hier erreicht die

Erregung ihr Maximum. Wird aber dieser Temperaturgrad überschritten,

so nimmt die Erregung schnell ab und macht einer vollkommenen Lähmung,

der Wärmestarre, Platz. Das Wachstum und die Entwicklung der Eizellen,

die Protoplasma- und Flimmerbewegung der einzelligen Organismen liefern

deutliche Beispiele dafür.

Des weiteren sei daran erinnert, daß im Gebiete des +Lichtreizes+

sich das gleiche Verhältnis findet. Geringere Intensität und

kurze Einwirkung namentlich kurzwelliger Strahlen rufen an den

verschiedensten Objekten Erregungswirkungen hervor. Bei längerer Dauer

oder starker Intensität desselben Reizes tritt vollständige Lähmung ein.

Aus dem Gebiete anderer Reize würden sich leicht ebenfalls Beispiele

für die Tatsache anführen lassen, daß steigende Reizintensität oder

andauernde Reizung zunächst steigende Erregung, dann Lähmung erzeugt.

+Der Enderfolg andauernder oder starker Ueberreizung ist schließlich

stets der Tod; doch ist die Art, wie er sich entwickelt, je nach den

Umständen im einzelnen Fall verschieden.+

Bei andauernder, nicht allzu starker Reizung stellt er sich ziemlich

allmählich ein, und man kann die Stadien des Reizerfolgs in solchen

Fällen am besten verfolgen.

Ein Beispiel mag uns die Wirkung der Narcotica liefern. Setzen wir

z. B. eine Infusorienzelle, etwa das Wimperinfusorium +Spirostomum+,

der Einwirkung von Aether- oder Chloroformdämpfen aus, so sehen

wir zuerst das Stadium scheinbarer Erregung. Allmählich tritt bei

andauernder Einwirkung die Lähmung deutlicher hervor, bis vollständiger

Stillstand des Wimperschlages eingetreten ist. Aus diesem Stadium

läßt sich durch Unterbrechung der Reizwirkung und Wiederherstellung

der normalen Lebensbedingungen das Leben meist noch zurückrufen.

Dauert dagegen die Einwirkung noch weiter fort, so ist dies nicht mehr

möglich: die Narkose ist unmittelbar in den Tod übergegangen. Eine

etwas längere Folge von Wirkungen zeigt bei stetiger Zunahme seiner

Intensität der Wärmereiz. Die Protoplasmabewegung der +Amöben+ nimmt

mit steigender Temperatur zu bis gegen 35° C. Hier nimmt die Bewegung

plötzlich ab; die +Amöben+ verharren im Kontraktionsstadium und

machen höchstens noch ganz schwache Bewegungen, die bei wenig höherer

Temperatur ganz aufhören. Das ist der Punkt der Wärmestarre. Nach

Abkühlung von diesem Temperaturgrad kehrt die Bewegung wieder zurück.

Steigt aber die Temperatur über 40°, so geht die Wärmelähmung in den

Tod über. +Bei der Wärmereizung haben wir, von dem Temperaturminimum

beginnend bis zum Temperaturmaximum hinauf, eine lange Folge

verschiedenartiger Reizwirkungen in größter Deutlichkeit vor uns:

Stillstand der Lebensäußerungen in Kältestarre, steigende Erregung,

Lähmung in Wärmestarre und schließlich Tod.+

[Illustration: Fig. 264. +Pelomyxa palustris.+ _A_ Kriechend, _B_

infolge schwacher chemischer Reizung kontrahiert, _C_ bei längerer

Reizung körnig zerfallend.]

Nicht immer ist die ganze Reihe bis zum Tode in dieser Weise

entwickelt. Sehr häufig fehlt das eine oder das andere Stadium ganz.

Das hängt teils von der speziellen Beschaffenheit der lebendigen

Substanz, teils von der Art und Weise der Reizung ab. Namentlich

werden bei Einwirkung sehr hoher Reizintensitäten oft alle Stadien

übergangen, und es erfolgt sogleich der Tod. Bisweilen tritt erst ein

kurzes Erregungsstadium ein, aber die hochgradige Erregung weicht sehr

schnell dem Tode. Wenn wir +Pelomyxa+, während sie ruhig kriecht, nur

schwach mit Säuren, Alkalien, Chloroform etc. chemisch reizen, so zieht

sie sich in wenigen Sekunden kuglig zusammen (Fig. 264 _B_), zeigt

also den Ausdruck hochgradiger kontraktorischer Erregung. Erst im

Verlauf längerer, gleichbleibender Einwirkung des Reizes beginnt der

Protoplasmakörper von der Peripherie her körnig zu zerfallen (Fig. 264

_C_). Lassen wir dagegen den chemischen Reiz gleich von vornherein in

größerer Intensität auf den in ruhiger Ausstreckung befindlichen Körper

einwirken, so hat der Ausdruck eines Erregungsstadiums gar nicht erst

Zeit zu seiner Entwicklung. Der Körper beginnt, ohne sich vorher zur

Kugel zu kontrahieren, in der Form, die er im Moment der Reizung hatte,

sofort körnig zu zerfallen (Fig. 264 _B_). Hier tritt also infolge

der Reizung unmittelbar der Tod ein, während die anderen Stadien der

Reizwirkung nicht Zeit haben, sich äußerlich zu entwickeln. Dasselbe

sehen wir bei galvanischer Reizung. Reizen wir +Actinosphaerium+ mit

schwachen galvanischen Strömen, so treten die typischen Symptome

kontraktorischer Erregung an der Anode ein. Die Pseudopodien zeigen

zentripetale Strömung ihres Protoplasmas, das sich zu kleinen

Kügelchen und Spindelchen zusammenballt und dem Körper zufließt, bis

die Pseudopodien eingezogen sind. Wenden wir dagegen sogleich einen

starken galvanischen Strom an, so hat das Protoplasma nicht erst Zeit,

Kontraktionsäußerungen zur Ausbildung zu bringen, sondern es tritt

sofort Zerfall des Protoplasmas an der Anodenseite ein.

Der äußerlich sichtbare körnige Zerfall des Protoplasmas infolge

übermaximaler Reizung ist ein wertvolles Zeichen, wenn es sich, wie

z. B. bei der Reizung mit dem galvanischen Strom, darum handelt, die

Lokalisation einer Erregung festzustellen an Objekten, die sonst nicht

ohne weiteres einen deutlich sichtbaren Ausdruck der Erregung erkennen

lassen. In solchen Fällen braucht man nur übermaximale Stromintensität

anzuwenden, und man erkennt an dem körnigen Zerfall des Protoplasmas

sofort die Stelle, an der die Erregung lokalisiert war. Freilich ist

das auch nur bei solchen Formen der lebendigen Substanz möglich, die

überhaupt im Moment des Todes den körnigen Zerfall zeigen. Es gibt aber

eine große Zahl von Zellformen, besonders solche, die mit einer festen

Membran versehen sind, welche beim Absterben überhaupt nicht körnig

zerfallen. Hefezellen z. B. kann man auf verschiedene Weise töten

durch Ueberreizung, ohne daß der Körper zerfällt. Ihr Tod wird nur

indirekt dadurch angezeigt, daß zugleich mit ihm die Fähigkeit, sich

in Nährlösungen durch Sprossung zu vermehren, verloren gegangen ist.

Auf die verschiedenen Formen, unter denen der Tod eintritt, brauchen

wir indessen hier nicht mehr näher einzugehen, da wir dieselben

bereits früher kennen gelernt haben[586]. Die Ueberreizung in ihrer

allgemeinsten Bedeutung ist nichts anderes als das, was wir an anderer

Stelle als äußere Todesbedingungen bezeichnet haben. Es bedarf daher

auch nicht erst besonderer Erwähnung, daß die Ueberreizung nicht

nur, wenn sie in einer +Steigerung+, sondern auch, wenn sie in einer

+Herabsetzung+ der als Lebensbedingungen wirkenden Faktoren besteht,

bei Ueberschreitung einer gewissen Grenze schließlich den Tod zur Folge

hat. Wir sahen ja bereits früher, daß sowohl eine Ueberschreitung des

Minimums als des Maximums der Lebensbedingungen zu tödlichem Ausgange

führt.

[Illustration: Fig. 265. +Pelomyxa palustris.+ _A_ Kriechend, _B_

infolge starker chemischer Reizung körnig zerfallend.]

Allgemeine Physiologie · 第 230 / 283 题