Wir haben das Leben in einem früheren Kapitel als einen Naturvorgang
aufzufassen gelernt, der wie alle Naturvorgänge zustande kommt, wenn
ein bestimmter Komplex von Bedingungen erfüllt ist. Werden die
Bedingungen verändert, so ändert sich auch der Vorgang; fallen sie ganz
fort, so hört auch der Vorgang auf. In den Reizen haben wir nunmehr
solche Veränderungen der Lebensbedingungen kennen gelernt. Unter dem
Einfluß der Reize verändert sich der Lebensvorgang und hört ganz
auf, wenn die Reize die Grenzen der Lebensbedingungen überschreiten.
Innerhalb dieser Grenzen aber spielt sich die unermeßliche Fülle von
Reizwirkungen ab.
Ueberblicken wir nun rückschauend noch einmal die bunte
Mannigfaltigkeit der Reizwirkungen, die wir im vorhergehenden kennen
gelernt haben, und sehen wir ab von der geringen Zahl der bisher noch
wenig untersuchten und aufgeklärten Fälle, in denen, wie bei den
metamorphotischen Prozessen der Nekrobiose, unter dem Einflusse von
chronischen Reizen die Lebensvorgänge allmählich in eine perverse
Bahn gedrängt und +qualitativ+ verändert werden, so bemerken wir,
daß die Reize innerhalb gewisser Grenzen nur eine einzige Art der
Wirkung entfalten, die darin besteht, daß sie die Lebensvorgänge
primär nur +quantitativ+ verändern, indem sie ihre Intensität entweder
steigern oder herabsetzen. Die Reize rufen also primär nicht neue
Lebensäußerungen hervor, sondern erzeugen nur eine +Erregung+ oder
+Lähmung+ der schon bestehenden spezifischen Lebensäußerungen jedes
Objekts. Es ist aber im höchsten Grade wahrscheinlich, daß auch
in den Fällen chronischer Reizung, in denen sich allmählich eine
qualitative Veränderung der spezifischen Lebensvorgänge als Folge
des Reizes bemerkbar macht, die +primäre+ Reizwirkung nur in einer
quantitativen Veränderung eines oder mehrerer Glieder des spezifischen
Lebensvorganges besteht, und daß die qualitative Veränderung erst die
sekundäre Folge der andauernden quantitativen Störung des Getriebes
vorstellt.
Betrachten wir daher speziell die quantitativen Veränderungen der
spezifischen Lebensprozesse einer gegebenen Form der lebendigen
Substanz, so bringen diese Reizwirkungen die bemerkenswerte Tatsache
zum Ausdruck, daß die verschiedenartigsten Reizqualitäten vollkommen
gleichartige Wirkungen an demselben Objekt hervorrufen. Eine +Amöbe+
können wir durch chemische, mechanische, thermische, galvanische
Reize zur Einziehung ihrer Pseudopodien und Annahme der Kugelgestalt
veranlassen; die Zellen eines Flimmerepithels können wir auf chemische,
mechanische, thermische, galvanische Reizung mit einer Beschleunigung
der Flimmerbewegung antworten sehen, und bei +Noktiluken+ können
wir durch chemische, mechanische, thermische, galvanische Reize
Lichtentwicklung erzeugen.
Diese wichtige Tatsache zeigt uns, daß in jeder speziellen Form der
lebendigen Substanz eine außerordentlich große Neigung zu einer ganz
spezifischen Folge von Prozessen bestehen muß, und zwar zu derselben
Folge von Prozessen, die in einem bestimmten Umfange dauernd spontan
sich abspielt und in den Lebensäußerungen ihren Ausdruck findet.
Diese charakteristische Folge von Prozessen kann einerseits durch die
leisesten Anstöße der verschiedensten Art befördert werden. Wie das
Nitroglyzerinmolekül durch mechanische sowohl als durch galvanische wie
durch thermische Einwirkungen zum explosiven Zerfall in stets gleiche
Bestandteile veranlaßt werden kann, so kann auch in jeder Form der
lebendigen Substanz durch die verschiedenartigsten Reize immer die
Folge ihrer spezifischen Lebensprozesse in gesteigertem Maße ausgelöst
werden. Anderseits kann auch diese Folge von Prozessen durch gewisse
Reize verzögert und ganz zum Stillstand gebracht werden, ebenso wie die
Explosibilität der Explosivstoffe durch bestimmte Einwirkungen, etwa
Befeuchtung mit Flüssigkeiten, herabgesetzt oder aufgehoben werden kann.
+Was+ ~Johannes Müllers~ +große Entdeckung der spezifischen Energie
der Sinnessubstanzen besonders für die Erregung der mit Sinnesorganen
versehenen Tiere gelehrt hat[587], das ist also in seiner erweiterten
Form eine Tatsache, die ganz allgemeine Verbreitung hat und tief im
Wesen aller lebendigen Substanz begründet ist. Alle lebendige Substanz
besitzt eine spezifische Energie im Sinne+ ~Johannes Müllers~, +denn
innerhalb gewisser Grenzen rufen ganz verschiedenartige Reize an der
gleichen Form der lebendigen Substanz die gleichen Wirkungen hervor,
während umgekehrt der gleiche Reiz an verschiedenartigen Formen
der lebendigen Substanz eine ganz verschiedene und für jede Form
charakteristische Wirkung erzeugt[588].+
Es ist selbstverständlich, daß man bei der Tatsache der spezifischen
Energie ein Moment nicht vergessen darf, das aller lebendigen Substanz
gemeinsam ist, das Moment der +Entwicklung+. Alle lebendige Substanz
entwickelt sich andauernd und einen wirklich stationären +Zustand+
gibt es mit Ausnahme des Zustandes des latenten Lebens, in dem die
Lebensprozesse vollkommen stillstehen, bei keiner Form der lebendigen
Substanz[589]. Es mag in einem Fall die Entwicklung ungeheuer
langsam, im anderen wieder sehr schnell sich vollziehen, niemals aber
ist der Zustand irgendeiner gegebenen Form der lebendigen Substanz
in zwei verschiedenen Zeitpunkten in mathematischem Sinne gleich.
Infolgedessen wird derselbe Reiz, der zu zwei verschiedenen Zeitpunkten
die lebendige Substanz trifft, auch nicht beide Male auf vollständig
gleiche Bedingungen treffen und so kann es kommen, besonders bei
schnell sich vollziehender Entwicklung, daß der Reizerfolg des
gleichen Reizes von gleicher Qualität, Intensität und Dauer zu
verschiedenen Zeiten auch äußerlich sichtbare Verschiedenheiten
zeigt. Aus diesen Verhältnissen läßt sich aber natürlich kein Einwand
gegen die Lehre von der spezifischen Energie der lebendigen Substanz
und das aus ihr entspringende Gesetz der Reizwirkungen ableiten.
Die spezifische Energie der lebendigen Substanz ist nicht für einen
gegebenen Organismus etwas Unveränderliches, sie bleibt nicht dieselbe
das ganze Leben lang, sondern sie ändert sich mit der Entwicklung;
die spezifische Energie ist nichts weiter als ein Ausdruck für ein
bestimmtes System von Bedingungen. Aendert sich etwas in diesem System,
so heißt das nichts anderes als es ändert sich seine spezifische
Energie, mit anderen Worten, die Art des Reizerfolgs, den das
System bei gleichartiger Reizung liefert. +Die spezifische Energie
irgendeiner gegebenen Form der lebendigen Substanz ist also etwas
Relatives, das abhängig ist von dem gerade gegebenen Zustande des
betreffenden Systems und nur in bezug auf diesen momentan gegebenen
Zustand besteht die Gesetzmäßigkeit, daß alle Reize primär die
spezifischen Lebensprozesse quantitativ verändern, indem sie dieselben
erregen oder lähmen. In diesem Sinne sind alle Reize gewissermaßen
„Katalysatoren“, die den Ablauf der spezifischen Lebensvorgänge
entweder beschleunigen oder verzögern. Das ist das allgemeine Gesetz
der Reizwirkungen.+
Sechstes Kapitel.
Vom Mechanismus des Lebens.