3. Die scheinbare Erregbarkeitssteigerung durch Reize.

Schon seit langer Zeit ist die Tatsache bekannt, daß gewisse Reize,

die bei längerer Dauer oder oft wiederholter Einwirkung eine Lähmung

der lebendigen Substanz erzeugen, im Beginn ihrer Einwirkung erst

ein Stadium gesteigerter Erregbarkeit hervorrufen. So ist z. B. ein

solches „Exzitationsstadium“ im Beginn der Wirkung von Narcoticis

oft beschrieben worden. Dem Arzt ist das Exzitationsstadium der

Morphiumwirkung eine geläufige Tatsache. Auch für die Herztätigkeit

ist eine solche erregende Wirkung z. B. des Alkohols behauptet

worden. Da indessen in solchen Fällen, wo es sich um die Erregung

von Tätigkeiten im komplizierten Zellenstaat des Wirbeltierkörpers

handelt, die Genese sehr wenig klar ist, so war zu prüfen, ob sich ein

derartiges Exzitationsstadium im Beginn der Narkose auch bereits an

der einzelnen Zelle beobachten läßt. In der Tat hat ~H. Nagai~[573] an

Infusorienzellen eine solche erregende Wirkung des Alkohols auf die

Wimperbewegung im Beginn der Einwirkung oder bei äußerst schwachen

Dosen durch sehr sorgfältige Versuche nachweisen können. Er bediente

sich als Maßstab für die Wimpertätigkeit der Schwimmgeschwindigkeit der

+Paramäcien+, indem er ihre Galvanotaxis benutzte und die Infusorien

durch einen galvanischen Strom von immer gleicher Stärke zwang, eine

bestimmt abgemessene Strecke in gerader Schwimmrichtung zurückzulegen.

Dabei fand er, daß bei sehr schwachen Dosen von Alkohol ganz zweifellos

die gleiche Strecke in kürzerer Zeit durchschwommen wurde, als

ohne Alkohol, und als bei nur wenig stärkeren Dosen. Auch an der

Nervenfaser war schon früher von ~Waller~[574] beobachtet worden, daß

die Aktionsströme, die der Nerv bei Reizung mit tetanisierenden Reizen

liefert, im Beginn der Einwirkung von Narcoticis eine Verstärkung

zeigen, und ~Boruttau~[575] konnte diese Angabe bestätigen. Er

beobachtete dabei, daß diese Verstärkung des tetanischen Aktionsstromes

zum großen Teil auf einer Verlängerung der Dauer der in der tetanischen

Erregung enthaltenen Einzelerregungen beruht. ~Fröhlich~[576], der

eine wirkliche Erregbarkeitssteigerung niemals bei der Narkose am

Nerven gefunden hatte, konnte dann in gemeinschaftlichen Versuchen mit

~Boruttau~[577] nachweisen, daß im Gegenteil bei der Narkose trotz der

Verstärkung des tetanischen Aktionsstromes stets eine Herabsetzung der

Erregbarkeit, also eine Lähmung, vorhanden ist. Das schien zunächst

sehr paradox. Aber ~Fröhlich~[578] hat sehr bald nachgewiesen, daß

beim Muskel in der Entwicklung der Arbeitslähmung[579] ein ganz

analoges Verhältnis vorliegt, und er ist bei weiterer Verfolgung dieser

Tatsache zur Entdeckung eines Prinzips gelangt, des „+Prinzips der

scheinbaren Erregbarkeitssteigerung+“, das sich als ein Prinzip von

ganz außerordentlicher Verbreitung und Bedeutung herausgestellt hat.

[Illustration: Fig. 263. +Schema der scheinbaren

Erregbarkeitssteigerung.+ Vier aufeinander folgende Zuckungen des

Muskels. Links die Zuckungen des normalen, rechts die Zuckungen des

narkotisierten Muskels. Der Zuckungsverlauf ist rechts, wie die

punktierte Kurve im Vergleich mit der linken zeigt, in die Länge

gezogen. Nach ~Fröhlich~.]

Um das scheinbare Paradoxon einer Erregbarkeitssteigerung bei

allmählicher Lähmung zu verstehen, ist es zweckmäßig, wenn wir uns

zunächst an die Veränderungen erinnern, die der Muskel bei der

Ermüdung erfährt. Wir haben gesehen, daß die einzelne Zuckungskurve

des ermüdeten Muskels sich von derjenigen des frischen Muskels dadurch

unterscheidet, daß ihr Ablauf ganz beträchtlich verlängert ist, und

zwar so, daß speziell der absteigende Schenkel der Kurve, welcher der

Wiederstreckung des Muskels nach seiner Verkürzung entspricht, stark in

die Länge gezogen ist. Das heißt mit anderen Worten, daß der ermüdete

Muskel sich viel langsamer wieder streckt als der frische. Dazu kommt

bei fortschreitender Ermüdung noch ein allmähliches Niedrigerwerden

der Zuckungshöhe bis zum vollständigen Aufhören jeder Zuckung. Die

Verlangsamung der Wiederstreckung des Muskels findet nun bei der

allmählichen Ermüdung des Muskels durch rhythmisch aufeinander folgende

Reize ihren ersten Ausdruck in der „Treppe“, d. h. in der Tatsache, daß

die Zuckungen im Beginn der Reizung zunächst eine Zunahme ihrer Höhe

erfahren. Hier liegt schon das scheinbare Paradoxon. Obwohl der Muskel

durch die andauernde Arbeit allmählich gelähmt wird, werden seine

Zuckungen dennoch höher. Dieses scheinbare Paradoxon löst sich aber

sofort auf, wenn wir uns erinnern[580], daß bei einer Einzelreizung

des Muskels an einem Ende desselben die Kontraktion in Form einer

Welle vom gereizten nach dem anderen Ende hinläuft und daß der zuerst

kontrahiert gewesene Teil des Muskels schon wieder erschlafft ist, wenn

die Kontraktionswelle die entfernter gelegenen Teile erreicht hat.

Es ist also, wie wir bereits gesehen haben, bei einer Einzelzuckung

niemals die ganze Länge des Muskels gleichzeitig kontrahiert, sondern

immer nur ein Teil. Danach ist es ohne weiteres klar, daß, wenn die

Wiederstreckung der kontrahiert gewesenen Muskelsubstanz verlangsamt

ist, selbstverständlich beim Ablauf einer Kontraktionswelle ein

größerer Teil des Muskels gleichzeitig sich in Kontraktion befinden

muß, als wenn die Streckung schneller geschieht, und das findet

eben seinen Ausdruck in der größeren Verkürzung des Muskels bei der

Einzelzuckung. So liegt also in Wirklichkeit gar kein Paradoxon vor.

Auf Grund dieser selben Tatsache, daß durch die Ermüdung der Ablauf

der Zuckungskurve verlangsamt wird, erklären sich aber auch die

Verhältnisse, die man bei faradischer Reizung beobachtet. Der ermüdete

Muskel zeigt, wie seit langer Zeit bekannt ist, eine gesteigerte

Erregbarkeit für faradische Ströme, selbst in einem Stadium, in dem

die Erregbarkeit für Einzelinduktionsschläge schon ganz beträchtlich

gesunken ist. Die vorstehende Figur 263 wird dieses Verhältnis ohne

weiteres verständlich machen. Das Schema gibt links vier übereinander

gelagerte Zuckungen eines normalen Muskels, rechts eines ermüdeten

Muskels wieder. Auf der linken Hälfte des Schemas sind die absoluten

Höhen der Einzelzuckungen größer als auf der rechten Hälfte; trotzdem

erreicht die Gesamtkurve bei dem ermüdeten Muskel rechts eine größere

Höhe als bei dem frischen Muskel links, weil sich jede folgende

Verkürzung rechts auf einen viel größeren Verkürzungsrückstand von der

vorhergehenden Zuckung aufsetzt als links, wo die Streckung schon immer

viel weiter vorgeschritten ist, wenn die nächste Zuckung folgt. So gibt

also trotz der Abnahme der Erregbarkeit für den Einzelreiz der ermüdete

Muskel für den faradischen Reiz doch stärkere Verkürzungen. Ja, man

kann es sogar erreichen, daß faradische Reize von einer gewissen

geringen Frequenz, die für den frischen Muskel unter der Reizschwelle

liegen, und daher gar keinen Erfolg haben, beim ermüdeten Muskel

wirksam sind und eine tetanische Kontraktion hervorrufen.

Genau wie bei der Ermüdung verhält sich der Muskel bei der +Narkose+

oder bei der +Abkühlung+, denn alle diese Faktoren wirken in gleicher

Weise auf den Ablauf der Zuckungskurve, indem sie in erster Linie

den absteigenden Schenkel der Kurve, also die Wiederstreckung nach

der Kontraktion verzögern. Sehr interessant ist es schließlich, daß

auch die Symptome der sogenannten „+Entartungsreaktion+“ bei Muskeln,

die sich in Inaktivitätsatrophie[581] befinden, wie ~Reinecke~[582]

kürzlich durch eine sehr eingehende Analyse gezeigt hat, genau

identisch sind mit den Symptomen bei Ermüdung, Narkose, Abkühlung, und

daß sie sämtlich zurückzuführen sind auf das Prinzip der scheinbaren

Erregbarkeitssteigerung, dem in Wirklichkeit eine Lähmung zugrunde

liegt.

Vollkommen identisch mit der scheinbaren Erregbarkeitssteigerung des

Muskels ist ferner die Wirkung der gleichen Faktoren am Nerven. Bei

der Arbeitslähmung, bei der Narkose, bei der Erstickung, bei der

Abkühlung ist der Ablauf der Erregungskurve am Nerven in der gleichen

Weise verändert wie am Muskel, wenn wir auch am isolierten Nerven

keinen Ausdruck dafür in einer Verkürzung haben, sondern nur in dem

Verhalten seines Aktionsstromes. Der absteigende Schenkel der Kurve des

Aktionsstromes erfährt durch alle die genannten Faktoren eine starke

Verzögerung. Infolgedessen finden hier genau die gleichen Verhältnisse

Anwendung wie bei der Muskelzuckung, und wir bemerken bei faradischer

Reizung trotz der lähmenden Wirkung der genannten Faktoren eine

Verstärkung des Aktionsstromes.

Nach dem, was wir über die Vorgänge bei allen diesen Beeinflussungen

kennen gelernt haben, ergibt sich nun für die Mechanik der scheinbaren

Erregbarkeitssteigerung, wenigstens bei den aeroben Formen der

lebendigen Substanz, ein einheitliches Prinzip, das allen speziellen

Fällen zugrunde liegen dürfte: es ist die Verlangsamung der Oxydationen

in der lebendigen Substanz. Zunächst liefern alle diejenigen Faktoren,

die den Quotienten der relativen Sauerstoffversorgung, d. h. den Bruch

Sauerstoffbedarf: Sauerstoffversorgung in dem Sinne ändern, daß er

größer wird als 1, d. h. daß +relativer Sauerstoffmangel+ eintritt,

die Bedingungen für die scheinbare Erregbarkeitssteigerung. Bei der

Erstickung ist das selbstverständlich der Fall. Für die Narkose

haben ~Winterstein~[583] an der Ganglienzelle und ~Fröhlich~[584]

am Nerven im Göttinger Laboratorium nachweisen können, daß während

derselben eine Aufnahme von Sauerstoff seitens der lebendigen Substanz,

auch wenn der Bedarf noch so groß ist, nicht stattfindet. Für die

Arbeitslähmung haben wir oben gesehen, daß sie unter physiologischen

Bedingungen allein auf einem relativen Sauerstoffmangel beruht. Es

ist im höchsten Grade wahrscheinlich, daß auch bei der Atrophie

die relative Sauerstoffversorgung der lebendigen Substanz eine

Aenderung erfährt. Schließlich wird auch in der Kälte eine scheinbare

Erregbarkeitssteigerung beobachtet, die z. B. auch die oben[585]

angeführte, von ~Biedermann~ beobachtete Steigerung der Erregbarkeit

des Rückenmarks verständlich macht. Diese Wirkung der Kälte ist ohne

weiteres klar, wenn man die Tatsache berücksichtigt, daß die Kälte alle

chemischen Prozesse verzögert, also auch die Sauerstoffversorgung der

lebendigen Substanz.

Nachdem einmal das Prinzip der scheinbaren Erregbarkeitssteigerung

entdeckt war, zeigte sich, daß es überall im Organismenreiche

beobachtet werden kann. Es wird daher nötig sein, die ganze Summe von

paradoxen Erregbarkeitssteigerungen unter dem Einfluß schädigender,

d. h. lähmender Momente, für die namentlich die Pathologie eine Fülle

von Beispielen kennt, zu analysieren und in jedem Einzelfalle zu

prüfen, ob die Erregbarkeitssteigerung nicht eine scheinbare ist und

auf dem hier entwickelten Prinzip beruht.

Allgemeine Physiologie · 第 229 / 283 题