2. Das Refraktärstadium.

Die Arbeitslähmung der lebendigen Substanz ist um so größer, je

andauernder oder stärker ihre Erregung durch Reize, also ihre

funktionelle Beanspruchung war. Schon bei kurzdauernder oder schwacher

Reizung aber lassen sich geringe Lähmungssymptome beobachten und

es konnte nachgewiesen werden, daß sogar schon ein ganz schwacher

und momentaner Einzelreiz eine der Erregung folgende Arbeitslähmung

hervorruft, eine Tatsache die, wie sich in neuster Zeit ergeben hat,

von sehr großer Bedeutung ist für das Geschehen im Leben unseres

Nervensystems.

Schon vor längeren Jahren hat ~Marey~[565] die Beobachtung gemacht,

daß der Herzmuskel während der Zeit der Systole vollkommen unerregbar

für Reize ist. Er wird erst wieder erregbar, wenn er den Gipfel seiner

systolischen Kontraktion überschritten hat, und zwar nimmt von hier an

während der Diastole seine Erregbarkeit allmählich zu bis sie wieder

ihren Höhepunkt erreicht hat. Das Stadium der Unerregbarkeit, das mit

jeder Systole einsetzt und die Systole mit abnehmender Stärke etwas

überdauert, ist von ~Marey~ als die „+phase réfractaire+“ bezeichnet

worden. In neuerer Zeit ist dieses „+Refraktärstadium+“ des Herzens

dann besonders eingehend in zahlreichen Arbeiten von ~Engelmann~ und

seinen Schülern studiert worden.

Einige Jahre später haben ~Richet~ und ~Broca~[566] ein gleiches

Refraktärstadium an den Ganglienzellen der Großhirnrinde nachgewiesen.

Diese Forscher hatten einen Hund, der an Veitstanz (Chorea) litt,

d. h. der mit bestimmten Muskelgruppen in unregelmäßigen Intervallen

kurze Zuckungen ausführte, deren Impulse von der motorischen Sphäre

der Großhirnrinde herkamen. Sie legten nun bei diesem Tiere in

Morphiumnarkose die Großhirnrinde frei und reizten die motorische

Sphäre mit momentanen elektrischen Reizen. Dabei zeigte sich, daß die

Reize immer wirksam waren, d. h. eine Zuckung in den entsprechenden

Muskeln hervorriefen, wenn sie mehr als 0,1 Sekunde nach einer

Choreazuckung angewendet wurden, daß die Großhirnrinde dagegen

unmittelbar nach Entsendung eines Choreaimpulses für 0,1 Sekunde

vollkommen unerregbar war. Das gleiche Refraktärstadium von 0,1

Sekunde stellte sich auch nach jeder durch einen künstlichen Reiz

hervorgerufenen Impulsentladung der Ganglienzellen ein. Das sind

ungemein wichtige Tatsachen, denn sie zeigen, daß die Ganglienzellen

unseres Gehirns nicht kontinuierlich in Erregung sein, sondern nur

rhythmische Entladungen liefern können. Hier trifft die Erfahrung

an den Zentren zusammen mit der alten Erfahrung am Muskel, daß

die willkürliche Muskelkontraktion, die ja durch Impulse von der

Großhirnrinde her hervorgerufen wird, wie wir bereits sahen[567],

nicht ein kontinuierlicher, sondern ein diskontinuierlicher Vorgang,

mit anderen Worten eine tetanische Kontraktion ist. Dafür haben wir

z. B. auch beim Menschen einen deutlichen Indikator in dem summenden

„+Muskelton+“, der schon mit bloßem Ohre über einem willkürlich

dauernd kontrahierten Muskel (Kaumuskelkontraktion bei über das Ohr

gelegter Hohlhand als Resonator) zu hören ist. Da ein Ton nur durch

rhythmisch intermittierende Bewegungsvorgänge entsteht, so muß die

Muskelkontraktion rhythmisch intermittierend sein, und da seine

Tonhöhe von der Zahl der rhythmischen Unterbrechungen abhängt, so

kann aus der Höhe des Muskeltons die Zahl der willkürlichen Impulse

in der Sekunde und daher also auch die Dauer des auf jeden Impuls

folgenden Refraktärstadiums berechnet werden. Auf diese Weise hat sich

ergeben, daß der normale Mensch nur ungefähr 18–20 Impulse in der

Sekunde von der Großhirnrinde zum Muskel entsenden kann, daß also das

Refraktärstadium der motorischen Ganglienzellen etwa eine Achtzehntel-

bis Zwanzigstelsekunde beträgt. Man hat daher gesagt, der Mensch kann

nicht öfter als 18–20 mal in der Sekunde „+wollen+“. Wenn nun auch die

Berechnung der Impulszahl, welche die einzelne Ganglienzelle in der

Sekunde entsendet, auf Grund der Höhe des Muskeltons aus mancherlei

Gründen keine exakte und zuverlässige ist, so zeigt die Tatsache des

Muskeltons doch ganz zweifellos, daß die Impulse diskontinuierlich von

den Ganglienzellen entsendet werden und daß auf jede Impulsentladung

ein Refraktärstadium folgt.

Weitere Versuche an den Zentren des Rückenmarks beim Frosch

haben dann die wichtige Tatsache ergeben, +daß die Dauer des

Refraktärstadiums bei gleicher Temperatur allein abhängig ist von

der Sauerstoffversorgung+[568]. Diese Versuche, die mit der p. 552

beschriebenen Methodik ausgeführt wurden, zeigten, daß man durch

Sauerstoffmangel die Dauer des Refraktärstadiums beliebig in die Länge

ziehen und durch erneute genügende Sauerstoffzufuhr wieder bis auf

Bruchteile einer Sekunde verkürzen kann. Bei dauerndem Sauerstoffmangel

wird das Refraktärstadium immer länger, bis es schließlich unendlich

ist, d. h. bis die Erregbarkeit sich überhaupt nicht wieder herstellt.

Es ist aber nicht die +absolute+ Menge des zur Verfügung stehenden

Sauerstoffs, welche die Dauer des Refraktärstadiums bestimmt, sondern

die +relative+ Menge, d. h. die Menge im Verhältnis zum Bedarf der

lebendigen Substanz. Der Bedarf aber wird bestimmt durch die Intensität

des Stoffwechsels der lebendigen Substanz. Wird z. B. der Stoffwechsel

sehr häufig in rhythmischer Weise durch Reize erregt, so reicht

die Menge von Sauerstoff, die bei geringerer Reizfrequenz genügen

würde, um nach jedem Reiz die vollständige Erholung zu gestatten,

bald nicht mehr aus und das Refraktärstadium wird nach jeder Reizung

länger. Das zeigt deutlich, daß das Refraktärstadium nichts weiter

ist als der Ausdruck einer Arbeitslähmung. Ebenso wird natürlich der

Sauerstoffbedarf abhängig sein von der Temperatur, da bei höherer

Temperatur der Stoffwechsel intensiver ist als bei niedrigerer.

Die Sauerstoffzufuhr, die bei niedriger Temperatur bei bestimmter

Reizfrequenz eben ausreicht, um zwischen zwei Reizen immer vollständige

Restitution zu gestatten, wird bei höherer Temperatur nicht genügen

und daher trotz gleichbleibender Reizfrequenz zu immer längeren

Refraktärstadien führen. Daß dagegen bei vollkommen ausreichender

Sauerstoffversorgung die Dauer des Refraktärstadiums bei niedrigerer

Temperatur größer ist als bei höherer, ist selbstverständlich, da ja

Erniedrigung der Temperatur ganz allgemein verzögernd, Erhöhung aber

beschleunigend auf den Ablauf chemischer Prozesse wirkt. Daher liefert

z. B. das Rückenmark des Strychninfrosches, wie ~H. von Baeyer~[569]

gezeigt hat, bei 1° C nur etwa 2–3 Impulse, bei 18° C dagegen etwa

12 Impulse in der Sekunde. Schließlich ist der Sauerstoffbedarf der

lebendigen Substanz bei gleicher Temperatur nicht bloß abhängig von

der Frequenz der Reizung, sondern bei den allermeisten Formen der

lebendigen Substanz auch von der Intensität der Reize, weil fast

überall innerhalb gewisser Grenzen die Größe des Reizerfolgs mit der

Intensität des Reizes zunimmt. Daher wird das Refraktärstadium unter

sonst gleichen Bedingungen nach einem stärkeren Reiz länger sein

als nach einem schwächeren Reiz, d. h. es wird nach einem stärkeren

Reiz länger dauern bis der status quo ante der lebendigen Substanz

wieder hergestellt ist, als nach einem schwächeren Reiz. Es ist aber

selbstverständlich zu berücksichtigen, mit welcher Reizstärke man dabei

die Erregbarkeit während des Refraktärstadiums prüft. Da nach jeder

Reizung die Erregbarkeit nur allmählich wieder ihren ursprünglichen

Höhepunkt erreicht, so ist das Refraktärstadium für die Prüfung mit

einem an der Reizschwelle gelegenen Reiz länger als für die Prüfung

mit einem starken Reiz, der schon wieder einen Reizerfolg liefert, ehe

die Erregbarkeit ganz auf ihr ursprüngliches Niveau zurückgekehrt ist.

Daraus erklärt sich eine auf den ersten Blick sehr paradox erscheinende

Tatsache, die jedem Physiologen wohlbekannt ist, nämlich die Tatsache,

daß z. B. Nervmuskelpräparate für ganz schwache Reize, die eben gerade

den Schwellenwert erreichen, viel leichter ermüden, als für starke

Reize. Diese besonders für das Geschehen in unserem Nervensystem höchst

wichtige Tatsache ist aber ohne weiteres verständlich, wenn man sich

bewußt bleibt, daß die Ermüdung eben +relativ+ ist in bezug auf die

Reizstärke. Ist die Ermüdung nur ganz gering, d. h. die Erregbarkeit

nur sehr wenig vermindert, so wird ein Schwellenreiz eben nicht mehr

wirken, während ein starker Reiz eine starke Wirkung erzielt. Die

Wiederherstellung der Erregbarkeit nach einer Erregung vollzieht sich

aber so, daß sie von dem tiefsten Niveau anfänglich sehr schnell,

dann aber langsamer und langsamer ansteigt, bis sie schließlich

wieder ihren Ausgangswert erreicht hat. Der Begriff des „+relativen

Refraktärstadiums+“, bei dem ein Objekt nur für eine gewisse niedrige

Reizstärke refraktär ist, muß daher geschieden werden von dem Begriff

des „+absoluten Refraktärstadiums+“, bei dem das Objekt überhaupt für

jede, auch für die größte Reizstärke unerregbar ist.

Wir haben gesehen, daß die Arbeitslähmung der lebendigen Substanz

allein abhängig ist von der +relativen Sauerstoffversorgung+, d. h.

von dem Verhältnis des Sauerstoffbedarfs zur Sauerstoffzufuhr. Solange

der Bruch Sauerstoffbedarf zu Sauerstoffzufuhr = 1 ist, tritt keine

Arbeitslähmung ein. Erst wenn der Bruch größer wird als 1, also bei

+relativem Sauerstoffmangel+, entwickelt sich die Ermüdung. Da nun das

Refraktärstadium eine Form der Arbeitslähmung ist, so liegt es auf

der Hand, daß von verschiedenen Formen der lebendigen Substanz, die

unter gleichen Bedingungen der Sauerstoffversorgung und Temperatur

sich befinden, diejenigen, welche schneller ermüden, auch ein längeres

Refraktärstadium haben müssen. Ganglienzellen ermüden unter den

Bedingungen, unter denen sie im intakten Körper stehen, sehr leicht,

Nerven gar nicht. Es wäre also zu erwarten, daß das Refraktärstadium

der Ganglienzellen verhältnismäßig lang, das der Nerven äußerst kurz

ist. Das ist in der Tat der Fall. Während das Refraktärstadium der

Ganglienzellen beim Frosch bei Zimmertemperatur etwa 0,1 Sekunde

beträgt, ist das Refraktärstadium der Nerven so kurz, daß es kaum

meßbar ist. Man hat es bei Anwendung von maximalen Reizen nur annähernd

auf 0,001–0,005 Sekunden berechnen können. Daher ist der Nerv an der

Luft, wo ihm Sauerstoff im Ueberfluß zur Verfügung steht, unermüdbar,

denn es ist nicht möglich, eine genügend große Reizfrequenz von

ausreichender Stärke auf ihn experimentell einwirken zu lassen,

da mit zunehmender Frequenz der Reize die Dauer des elektrischen

Einzelreizes sehr bald bis zur völligen Unwirksamkeit abnimmt. Wie

~Nernst~ und ~Barratt~[570] gezeigt haben, muß aber die Intensität

des einzelnen Reizes bei zunehmender Reizfrequenz proportional der

Quadratwurzel aus der Frequenzzahl wachsen, wenn der Reiz einen

eben noch wahrnehmbaren Reizerfolg erzielen soll. Das ist für die

Frequenzen, deren Intervalle kürzer wären als das Refraktärstadium des

Nerven, experimentell mit unserer elektrischen Reizmethodik nicht zu

erreichen. Nach dem oben Gesagten muß aber durch Sauerstoffmangel das

Refraktärstadium des Nerven ganz beträchtlich in die Länge gezogen

werden können und damit muß es auch gelingen, den Nerven zu ermüden. In

der Tat hat ~Fröhlich~[571] in einer reinen Stickstoffatmosphäre das

Refraktärstadium des Nerven bis auf etwa 0,1 Sekunde verlängern können

und dementsprechend erzielte er auch die Ermüdung des Nerven.

Für das Verständnis des Mechanismus der sämtlichen rhythmischen

Lebensäußerungen, wie Herztätigkeit, Atembewegungen, tonische

Erregungen, Wimperschlag, Vakuolenpulsationen etc. ist die Tatsache

des Refraktärstadiums von grundlegender Bedeutung und jede Theorie des

Rhythmus wird an diesen wichtigsten Faktor anknüpfen müssen[572].

Allgemeine Physiologie · 第 228 / 283 题