1. Ermüdung und Erschöpfung.

Wird ein lebendiges Objekt entweder durch lange andauernde oder

durch oft wiederholte oder auch durch sehr starke Reize erregt, so

gerät es infolge der übermäßigen Arbeit nach einiger Zeit in den

Zustand der Lähmung, die gewöhnlich als Ermüdung und Erschöpfung

bezeichnet wird und die wir auch mit einem einheitlichen Ausdruck als

„+Arbeitslähmung+“ bezeichnen können. +Das äußerliche Symptom der

Arbeitslähmung zeigt sich allgemein darin, daß der Reizerfolg, d. h.

die geleistete Arbeit bei fortdauernder Reizung mit gleichbleibender

Reizintensität immer geringer wird.+

Einige Beispiele für diese Tatsache lernten wir bereits bei Betrachtung

der galvanischen Reizung[540] kennen. Lassen wir einen konstanten

galvanischen Strom von mittlerer Stärke durch ein +Actinosphaerium+

fließen, so beginnen im Moment der Schließung an der Anode starke

Kontraktionsbewegungen aufzutreten. Das Protoplasma der Pseudopodien

fließt zentripetal, bis die Pseudopodien eingezogen sind; dann

zerplatzen die Wände der Vakuolen, und es erfolgt ein körniger Zerfall

des Protoplasmas, der von der Kathode her während der Dauer des Stromes

immer weiter vorrückt. Allein dieser Zerfall, der zuerst mit großer

Energie begann, wird, je länger der Strom schon hindurchfließt, um so

langsamer und geringer, bis er nach einiger Zeit ganz still steht.

Die lebendige Substanz des +Actinosphaeriums+ nimmt also im Laufe der

andauernden Reizung an Erregbarkeit ab, so daß der anfangs heftige

Kontraktion hervorrufende Reiz schließlich gar keinen Reizerfolg mehr

hat. Noch viel schneller als +Actinosphaerium+ wird +Pelomyxa+ gelähmt.

Eine Reizdauer von wenigen Sekunden genügt, um die +Pelomyxa+ für

Ströme gleicher Intensität vollständig unerregbar zu machen, so daß es

viel höherer Reizintensität bedarf, um wieder den gleichen Reizerfolg

zu erzielen wie anfangs.

Gegenüber diesen sehr schnell ermüdenden Formen der lebendigen Substanz

haben wir in den Nervenfasern eine Form der lebendigen Substanz,

die unter physiologischen Bedingungen im intakten Zusammenhange des

Körpers überhaupt nicht ermüdet und nur außerhalb des Körpers unter

ganz bestimmten, experimentell hergestellten Bedingungen künstlich

ermüdet werden kann. Die Nervenfaser galt bis vor wenigen Jahren

überhaupt für unermüdbar. So schwer sich auch die Physiologie zu

dieser Auffassung entschloß, so zweifellos war es doch andererseits,

daß alle Versuche, die seit langer Zeit unternommen wurden, um die

Nervenfaser zu ermüden, einen negativen Erfolg hatten. Erst vor kurzem

sind die Faktoren bekannt geworden, die diese scheinbare Unermüdbarkeit

des Nerven bedingen und gleichzeitig konnten dann die Bedingungen

experimentell hergestellt werden, unter denen eine Ermüdung des Nerven

zu erzielen ist. Ein anderes Organ in unserem Körper, das ebenfalls

nicht zu ermüden scheint, obwohl es andauernd arbeitet, ist das Herz.

Hier ist aber bereits seit längerer Zeit bekannt, daß die durch jede

Kontraktion erzeugten Veränderungen des Herzmuskels immer wieder

sogleich durch den Stoffwechsel ausgeglichen werden, so daß sich unter

normalen Verhältnissen keine Ermüdung entwickeln kann, obwohl das Herz

von lange vor der Geburt an bis zum Tode rastlos tätig ist. Dennoch ist

der Herzmuskel ermüdbar, wenn er aus irgendeinem Grunde angestrengter

arbeiten muß, als es normalerweise geschieht. Das ist z. B. bei

andauernd übermäßiger Anstrengung und bei gewissen Krankheiten der

Fall. Zwar machen sich häufig die Ermüdungssymptome nicht sofort, wohl

aber im Laufe längerer Zeiträume bemerkbar, und selbst die Substanz

des Herzmuskels verändert sich in tiefgehender Weise, bis er seine

Bewegungen ganz einstellt. Dann erfolgt der Tod durch Herzlähmung.

Ein besonders günstiges Objekt, um die Entwicklung der Arbeitslähmung

zu studieren, bilden die Skelettmuskeln und die Ganglienzellen des

Zentralnervensystems. Die Ermüdung ist daher auch an diesen beiden

Geweben des Wirbeltierkörpers am eingehendsten studiert worden.

[Illustration: Fig. 255. +Ergograph von ~Mosso~.+ Nach ~Mosso~.]

Wenden wir uns zunächst den +Erfahrungen am Muskel+ zu. Da man die

Muskelbewegung mittels der graphischen Methode in exakter Weise

verzeichnen und in ihren einzelnen Momenten anschaulich machen kann,

so kann man die fortschreitende Ermüdung eines Muskels sehr bequem an

der Veränderung der Muskelkurve verfolgen, die der zuckende Muskel

aufzeichnet. ~Mosso~[541] hat dies am lebenden Menschen mittels seines

Ergographen getan und die Ergebnisse in seinem vortrefflichen und

fesselnden Buche über „Die Ermüdung“ mitgeteilt. Der Ergograph ist

ein Apparat, in dem der Arm eines Menschen mittels eines Armhalters

befestigt wird, während ein Finger sich frei bewegen kann. Dieser

Finger steht durch einen Faden mit einem Schreibhebel in Verbindung,

der alle willkürlich oder auf elektrische Reizung unwillkürlich

erfolgenden Bewegungen des Fingers auf einer in Rotation begriffenen

schwarzen Trommel verzeichnet. An den Faden kann ferner ein Gewicht

gehängt und dadurch die Arbeitsleistung der Fingerbeugemuskeln beliebig

verändert werden (Fig. 255). Mittels dieses Apparates kann man sich in

anschaulichster Weise davon überzeugen, daß bei rhythmischer Erregung

des Muskels durch Willensimpulse, die in gleichmäßigen Zwischenräumen

aufeinanderfolgen, die Arbeitsleistung der Muskeln immer mehr abnimmt

und schließlich gleich 0 wird. Das kommt an der Zuckungskurve, die

nur die Größe der Kontraktion angibt, in der beständigen Abnahme der

Hubhöhe zum Ausdruck (Fig. 256). Es würde bedeutend stärkerer Reizung

bedürfen, um nach Ablauf der einen Versuchsreihe wieder gleich hohe

Zuckungen der ermüdeten Muskeln zu erzielen, wie anfangs.

Die Einzelheiten der Veränderungen werden aber besser sichtbar, wenn

man, wie dies ~Marey~[542] schon vor längerer Zeit getan hat, an

einem Myographion Zuckungskurven eines Froschschenkels vom Anfang der

Versuchsreihe an immer von dem gleichen Fußpunkte aus übereinander

aufzeichnet. Dann stellt sich heraus, daß, wie ~Helmholtz~ bereits

fand, mit zunehmender Ermüdung nicht nur die Zuckungshöhe abnimmt,

sondern der Verlauf der Kurve auch gestreckter wird, wobei besonders

der absteigende Schenkel der Kurve eine Verlängerung erfährt.

[Illustration: Fig. 256. +Ermüdungskurve.+ Abnahme der Kurvenhöhe

bei zahlreichen hintereinanderfolgenden Kontraktionen der

Fingerbeugemuskeln. Nach ~Mosso~.]

Vielleicht noch übersichtlicher wird das Bild von den Veränderungen,

welche die Muskelzuckung mit zunehmender Ermüdung erfährt, wenn man

die Zuckungskurven eines herausgeschnittenen Froschmuskels, die durch

rhythmische Reizung mit immer gleichbleibender Reizstärke gewonnen

werden, +hintereinander+ in fortlaufender Reihe auf einer rotierenden

Trommel graphisch verzeichnet (Fig. 257). Dabei erkennt man aufs

deutlichste die folgenden Einzelheiten: Zunächst nimmt die Höhe der

Zuckungen ganz allmählich mehr und mehr zu, es entwickelt sich die

sogenannte „+Treppe+“. Diese „Treppe“ macht auf den ersten Blick den

Eindruck, als wenn der Muskel in der ersten Zeit seiner rhythmischen

Arbeitsleistung an Leistungsfähigkeit zunähme, da seine Zuckungen

höher werden. Diese Zunahme der Leistungsfähigkeit ist aber nur eine

scheinbare, wie ~Fröhlich~[543] gezeigt hat, und stellt in erster

Linie nichts anderes als ein erstes Lähmungssymptom dar, das daraus

resultiert, daß die Wiederstreckung der Muskelsubstanz mit jeder

folgenden Kontraktion etwas langsamer verläuft, so daß eine immer

längere Muskelstrecke +gleichzeitig+ in Kontraktion sich befindet[544].

Sodann macht sich die Verlangsamung der Wiedererschlaffung, d. h.

der Expansionsphase, also die Verzögerung des absteigenden Schenkels

der Zuckungskurve immer deutlicher bemerkbar, darin, daß dieser

absteigende Schenkel immer langsamer auf seinen Fußpunkt zurückkehrt,

so daß die folgende Zuckung bereits erfolgt, ehe der Muskel sich

wieder vollständig gestreckt hat. Dadurch entwickelt sich einerseits

ein dauernder Verkürzungsrückstand, die sogenannte „+Kontraktur+“,

anderseits werden die Höhen der Einzelzuckungen immer niedriger,

weil sich die Einzelzuckungen von einem immer höher rückenden Niveau

aus erheben. Schließlich führt der Muskel nur noch ganz schwache

Zuckungen aus und bei fortdauernder Reizung kann man es erreichen, daß

er überhaupt nicht mehr zuckt. Unterbricht man dann die Reizung (Fig.

257 _e_), so sinkt die Kurve ganz allmählich mehr und mehr ab, d. h.

die Kontraktur läßt nach. Beginnt man dann die Reizung von neuem, so

sind die ersten Zuckungen wieder etwas höher. Der Muskel hat sich ein

wenig erholt. Sehr schnell aber entwickelt sich jetzt die Kontraktur

von neuem und die Zuckungen werden wieder kleiner (Fig. 257 _f_).

Der Muskel ermüdet jetzt viel schneller als anfangs und zwar um so

schneller, je öfter man die Reizung von neuem einsetzen läßt.

[Illustration: Fig. 257. +Kurve der Arbeitslähmung des isolierten

Froschmuskels durch rhythmische Reizung mit Induktionsöffnungsschlägen+

(in 6 Teile zerschnitten). Bei _a_ und _b_ ist die allmähliche

Entwicklung der „+Treppe+“ deutlich zu sehen. Bei _c_ und _d_

entwickelt sich die „+Kontraktur+“. Bei _e_ sind die Zuckungen schon

sehr klein geworden, die Reizung wird unterbrochen, der Muskel erholt

sich ein wenig. Bei _f_ Wiederbeginn der Reizungen. Die Ermüdung

erfolgt jetzt sehr schnell. Nach erneuter Unterbrechung der Reizung

wird ein drittes Mal mit den Reizungen begonnen.]

[Illustration]

Ebenso wie bei der Einwirkung einzelner Induktionsschläge, nur viel

schneller, treten die Ermüdungssymptome hervor bei Reizung mit dem

tetanisierenden Strom. Zeichnet man auf einer rotierenden Trommel die

Tetanuskurve eines nicht zu kräftigen, mit einem ziemlich schweren

Gewicht belasteten Wadenmuskels vom Frosch auf, so sieht man, wie die

Kurve nur sehr kurze Zeit auf ihrer anfänglichen Höhe bleibt. Sehr bald

schon beginnt sie langsam mehr und mehr zu sinken. Unterbricht man

dann die Reizung, so fällt die Kurve meist nicht bis auf das Niveau

ihres Ausgangspunktes herab, sondern bleibt eine Strecke über demselben

und kehrt erst im Laufe längerer Zeit wieder zu ihrem Ausgangsniveau

zurück. Es bleibt also ein ziemlich großer „Verkürzungsrückstand“ nach

Beendigung der Reizung am ermüdeten Muskel zurück, und nur ganz langsam

nimmt der ermüdete Muskel seine ursprüngliche Länge wieder an.

[Illustration: Fig. 258. +Tetanuskurve eines ermüdeten Froschmuskels.+]

Ziehen wir aus allen diesen Tatsachen das Fazit, so müssen wir sagen:

+Die Arbeitsleistung des Muskels wird mit zunehmender Ermüdung immer

geringer, während die Dauer der einzelnen Zuckung zunimmt. Die

letztere Tatsache beruht im wesentlichen auf einer zunehmenden Dauer

der Expansionsphase. Der ermüdete Muskel braucht nach einer Zuckung

unvergleichlich mehr Zeit um sich wieder zu strecken, als der frische

Muskel.+

Es ist von Interesse, daß man entsprechend diesen funktionellen

Veränderungen auch mikroskopische Veränderungen am ermüdeten Muskel

beobachtet hat. ~H. M. Bernard~[545] hat von einer Anzahl vollständig

gleicher blauer Schmeißfliegen (+Musca vomitoria+) einige durch

unausgesetzes Hetzen in fortwährender Bewegung erhalten, bis sie

vollständig ermüdet zu Boden fielen. Die ermüdeten Fliegen wurden

sofort und gleichzeitig mit dem anderen Teil, der inzwischen in

völliger Ruhe geblieben war, getötet. Beide Teile wurden dann der

gleichen Behandlung unterworfen. Dabei ergab sich ein durchgreifender

Unterschied zwischen beiden. Während bei den ausgeruhten Fliegen die

Muskelfibrillen deutliche Querstreifung und Unterschiede der Streifen

im Tinktionsvermögen zeigten, waren bei den ermüdeten Fliegen nur eben

noch die Zwischenscheiben der einzelnen Muskelsegmente deutlich zu

sehen; der ganze Inhalt des einzelnen Segments färbte sich gleichmäßig

hell, ohne die Differenzierung der Schichten merken zu lassen (Fig.

259). Besonders waren ferner die im Sarkoplasma zwischen den einzelnen

Fibrillen liegenden Körnchen oder „Sarkosomen“ im ermüdeten Muskel

gegenüber dem ausgeruhten ganz enorm vergrößert. Es würde aber zu weit

führen, hier auf die Deutung dieser Veränderungen näher einzugehen.

Es fragt sich nun, was bei der Arbeitslähmung im Muskel vorgeht. Einen

wichtigen Einblick in diese Vorgänge gewinnen wir zunächst, wenn wir

uns von den äußerlich am Muskel selbst wahrnehmbaren Veränderungen

zu den Symptomen wenden, die sich sekundär als Folgen sehr großer

Muskelanstrengungen im Körper entwickeln. Wir finden hier einige

Tatsachen, die uns in der Kenntnis der Ermüdung um einen Schritt weiter

bringen.

[Illustration: Fig. 259. +Flugmuskeln von der Schmeißfliege (Musca

vomitoria).+ _A_ in der Ruhe, _B_ in der Ermüdung. Die Schichtung der

Muskelsegmente ist unsichtbar geworden, und die Sarkosomen zwischen den

Fibrillen sind enorm vergrößert. Nach ~H. M. Bernard~.]

Ueberblicken wir den Symptomenkomplex, der sich im Laufe starker

Muskelanstrengungen an unserem Körper entwickelt, so bemerken wir

zunächst eine bedeutende Beschleunigung und Vertiefung der Atmung.

Gleichzeitig wird die Frequenz des Herzschlags gesteigert. Die durch

die Muskeltätigkeit erhöhte Wärmeproduktion wird auf reflektorischem

Wege durch Ausbruch starken Schweißes, dessen Verdunstung die

Temperatur herabsetzt, im wesentlichen kompensiert. Ist die

Muskeltätigkeit eine sehr angestrengte gewesen, so tritt aber,

besonders wenn der Körper vorher lange Zeit keine Muskelanstrengungen

durchgemacht hatte, nicht selten im Gefolge der Anstrengung auch ein

leichtes Fieber ein. Die Temperatur steigt, Anfälle von Schüttelfrost

treten auf, und es macht sich eine gewisse Erregbarkeitssteigerung

des Zentralnervensystems bemerkbar. Diese Tatsache ist so bekannt,

daß man sogar von einem „Turnfieber“ oder „Reitfieber“ spricht, das

nach allzu starken Anstrengungen beim Turnen oder Reiten eintritt.

Auch nach sehr ermüdenden Gebirgstouren und nach langen Ritten wird

dieses Ermüdungsfieber nicht selten beobachtet. Unter den subjektiven

Symptomen, die sich im Gefolge sehr starker Muskelanstrengung

einstellen, sind die bekanntesten die während des Fieberstadiums,

z. B. am Abend nach einem anstrengenden Marsch, eintretende Aufregung,

Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und ferner die meist erst am nächsten

Tage oder noch später sich einstellenden starken Muskelschmerzen.

Faßt man diese Momente alle zusammen, so erhält man einen interessanten

Symptomenkomplex, der den Arzt auf das lebhafteste an das

Krankheitsbild akuter Infektionskrankheiten erinnern muß. Die Vermutung

liegt daher nahe, daß dieses ganze im Gefolge der Muskelermüdung

auftretende Symptomenbild auch auf ähnliche Weise zustande kommt wie

der charakteristische Symptomenkomplex der Infektionskrankheiten. Von

letzterem wissen wir durch die neueren Forschungen auf dem Gebiete

der Bakteriologie, daß er die Folge einer Vergiftung vorstellt, die

durch gewisse von den eingewanderten Bakterien ausgeschiedene giftige

Stoffwechselprodukte, die sogenannten Toxine[546], hervorgerufen wird.

Es ist daher nicht ungerechtfertigt, anzunehmen, daß auch die Muskeln

bei angestrengter Muskeltätigkeit in ihrem Stoffwechsel solche Toxine

produzieren, die wirkliche Vergiftungssymptome erzeugen, sobald sie

sich in größerer Menge im Körper anhäufen. Daß diese Vermutung in der

Tat richtig ist, haben denn auch verschiedene Versuche direkt bewiesen.

Die ersten wichtigen Versuche waren die von ~Ranke~[547], der fand,

daß er einen ermüdeten Muskel wieder leistungsfähig machen konnte,

wenn er ihn mit einer physiologischen Kochsalzlösung, die bekanntlich

indifferent für lebendige Gewebe ist, auswusch. Es mußten also im

Muskel durch die Tätigkeit gewisse „+Ermüdungsstoffe+“ entstanden und

aufgehäuft sein, die auf die Muskelsubstanz selbst lähmend wirkten,

nach deren Fortschaffung aber der Muskel seine Arbeitsfähigkeit wieder

gewinnt. Das konnte ~Ranke~ durch folgenden Versuch tatsächlich

bestätigen. Er machte ein wässeriges Extrakt aus Muskeln, die stark

ermüdet waren, und spritzte dasselbe einem frischen Muskel durch die

Blutgefäße ein. Die Folge davon war, daß dieser Muskel alsbald seine

Leistungsfähigkeit verlor und sich ganz ähnlich wie ein ermüdeter

Muskel verhielt. Es ist also durch diesen Versuch in der Tat bewiesen,

daß Ermüdungssymptome durch das Anhäufen gewisser Stoffwechselprodukte

im Muskel entstehen und durch das Ausspülen derselben wieder beseitigt

werden können. In neuerer Zeit hat ~Mosso~[548] einen dem ~Ranke~schen

analogen Versuch am Hunde angestellt. Wenn er einem normalen Hunde Blut

von einem anderen normalen Hunde einspritzte, blieb derselbe ebenfalls

vollständig normal. Nahm er aber statt dessen zur Einspritzung

Blut von einem ermüdeten Hunde, dessen Muskeln durch Tetanisieren

mit dem elektrischen Strom auch nur zwei Minuten lang in heftige

Kontraktion versetzt worden waren, so traten sofort charakteristische

Ermüdungssymptome auf: die Atmung wurde beschleunigt bis zur Atemnot,

und das Herz begann heftig zu schlagen. Die im Muskel erzeugten

„Ermüdungsstoffe“ bleiben also nicht im Muskel, sondern werden vom Blut

aufgenommen und gelangen so zu den Organen des ganzen Körpers, die sie

allmählich vergiften und schließlich lähmen. Die Geschichte des Läufers

von Marathon ist das klassische Beispiel für die daraus entstehende

Folge von Vorgängen.

Ein weiteres wichtiges Moment für die Analyse der Veränderungen bei

der Arbeitslähmung des Muskels ergibt sich aus den Bedingungen der

„+Erholung+“. Wenn wir uns eine starke Muskelermüdung zugezogen haben,

sei es lokal am Ergographen, sei es in größeren Muskelgruppen bei einer

anstrengenden Bergbesteigung, so werden die ermüdeten Muskeln nach

kürzerer oder längerer Zeit wieder von selbst ebenso leistungsfähig

wie sie vorher waren. Es tritt eine vollkommene Erholung ein, ohne daß

wir etwas dazu tun. Offenbar wird hier die Erholung besorgt durch den

Blutstrom, der die Ermüdungsstoffe herausspült. Aber es ist noch eine

andere Bedingung, die hier in Betracht kommt. Wie wir oben bereits

sahen, vermag auch ein herausgeschnittener Muskel sich noch zu erholen,

wenn auch nicht mehr so vollkommen wie im intakten Zusammenhange mit

dem Körper bei ungestörter Blutzirkulation. Diese Tatsache war schon

~Eduard Weber~[549] und ~Valentin~[550] bekannt. Nun hat schon vor

längerer Zeit ~Hermann~[551] und später wieder ~J. Joteyko~[552] in

~Richet~s Laboratorium feststellen können, daß der ausgeschnittene

und vollständig ermüdete Muskel sich nur erholt, wenn ihm Sauerstoff

zur Verfügung steht, daß er dagegen unter Sauerstoffabschluß nach

vollständiger Ermüdung seine Erregbarkeit nicht mehr wiedergewinnt. Der

Sauerstoff ist also zur Wiederherstellung der Erregbarkeit des Muskels

unbedingt erforderlich.

Ganz analog den Erfahrungen am Muskel sind die Ergebnisse des Studiums

der +Arbeitslähmung an den Ganglienzellen+. Für die Untersuchung

der Arbeitslähmung an diesen so sehr empfindlichen und so geschützt

liegenden Zellen mußte erst eine Methodik ausgearbeitet werden, die

es gestattete, einerseits diese Zellen in ihrem intakten Zusammenhang

mit dem Körper in ihren Lebensäußerungen zu studieren und andererseits

mit ihnen so zu experimentieren, daß sie unter ganz bestimmte

Versuchsbedingungen gesetzt werden können. Das ist auf folgende Weise

zu erreichen[553].

Bei einem Frosch wird in die Aorta eine Glaskanüle gebunden und an

ein kleines Pumpwerk angeschlossen, das im Rhythmus des Herzens eine

gasfreie physiologische Kochsalzlösung in das Gefäßsystem hineinpumpt.

Auf diese Weise wird das Blut durch die Kochsalzlösung allmählich

verdrängt, so daß in den Adern des Tieres statt des ernährenden

Blutes sehr bald eine völlig indifferente isotonische Flüssigkeit

zirkuliert, die nur durch ihren Mangel an Nährstoffen und Sauerstoff

wirkt. Gleichzeitig wird der freigelegte Nervus ischiadicus des einen

Beines, dessen Musculus gastrocnemius als Indikator für den Zustand

der Rückenmarkszentra dienen soll, durch eine kleine Narkosekammer

mittels Aether eine Strecke weit blockiert, damit keine Impulse vom

Rückenmark zum Muskel gehen können. Dieses Hilfsmittel ist nötig,

weil sonst bei heftiger Arbeit der Rückenmarksganglienzellen die vom

Rückenmark her kommenden Impulse sehr bald eine Ermüdung der sehr

leicht ermüdbaren motorischen Nervenendapparate im Muskel herbeiführen

würden, so daß nun keine Impulse zum Muskel mehr gelangen und die

Muskeltätigkeit infolgedessen nicht mehr als Indikator für den Zustand

der Ganglienzellen dienen könnte. Sobald indessen die erste heftige

Tätigkeit der Zentra vorüber ist, kann die Blockade des Nerven ohne

Nachteil wieder aufgehoben werden. Noch nach einer anderen Richtung hin

müssen aber die sehr empfindlichen Nervenendapparate geschützt werden.

Da nämlich zur Steigerung der Erregbarkeit des Rückenmarks dem Frosch

Strychnin injiziert werden soll, und da dieses Gift lähmend auf die

Nervenendapparate im Muskel wirkt, muß die Extremität, deren Muskel

als Indikator dienen soll, vor der Giftwirkung geschützt werden, und

das geschieht durch Unterbindung der Schenkelarterie. Ist der Versuch

soweit vorbereitet, so erhält der Frosch, während die künstliche

Zirkulation unterhalten wird, eine schwache Dosis Strychnin, wodurch

die Erregbarkeit des Zentralnervensystems ins Ungeheure gesteigert

wird. Sofort brechen die heftigsten Krämpfe bei dem Tiere aus. In

dem Moment, in dem das geschieht, wird die künstliche Zirkulation

sistiert, so daß die Ganglienzellen des Zentralnervensystems nunmehr

ohne Zirkulation angestrengt arbeiten müssen. Infolgedessen kommt es

bei der enormen Erregung und Tätigkeit der Ganglienzellen sehr schnell

zu einer Arbeitslähmung. In kurzer Zeit sind die Neurone daher völlig

unerregbar geworden. Wird nunmehr die künstliche Zirkulation mit

gasfreier Kochsalzlösung wieder in Gang gesetzt, so erholt sich der

Frosch in wenigen Minuten bis zu einem gewissen Grade. Die Erregbarkeit

kehrt wieder. Diese Erholung kann also nur durch die Herausspülung

von Ermüdungsprodukten erzeugt werden, denn neues Nährmaterial und

neuer Sauerstoff wird ja durch die völlig indifferente Lösung nicht

zugeführt. Bleibt jetzt aber die Zirkulation eine Zeitlang im Gange,

so fängt das Zentralnervensystem bald von neuem an zu ermüden, bis es

schließlich wieder völlig unerregbar geworden ist. Die Auswaschung

des Rückenmarks mit physiologischer Kochsalzlösung hat also jetzt

keinen erholenden Erfolg mehr und kann die Tätigkeit der Zentra nicht

dauernd unterhalten. Wird dagegen jetzt statt der gasfreien eine

sauerstoffhaltige Kochsalzlösung durchgespült, so erholt sich der

Frosch in 1–2 Minuten von neuem, und zwar jetzt +vollständig+, ein

Beweis dafür, daß die Arbeitslähmung im wesentlichen durch Mangel

an Sauerstoff bedingt war. In der Tat, man kann sich gerade bei

diesen Experimenten am Zentralnervensystem besser als in irgendeinem

anderen Fall davon überzeugen, daß man auch bei angestrengtester

Tätigkeit der Ganglienzellen viele Stunden lang die Erregbarkeit

immer wieder herstellen und unterhalten kann mit Durchspülung der

Zentra mittels einer einfachen physiologischen Kochsalzlösung, der man

künstlich genügende Mengen von Sauerstoff zugeführt hat. Vermindert

man die zugeführte Sauerstoffmenge, so tritt sofort auch wieder die

Arbeitslähmung stärker hervor. +Mit der den Ganglienzellen zugeführten

Sauerstoffmenge steigt und sinkt die Dauer ihrer Leistungsfähigkeit.+

[Illustration: Fig. 260. +Ganglienzellen vom Hund.+ _A_ Normal, _B_

ermüdet. Nach ~Gustav Mann~.]

[Illustration: Fig. 261. +Ganglienzellen des Sperlings.+ _A_ Morgens,

_B_ abends. Nach ~Hodge~.]

Es ist nun wiederum von Interesse, daß auch an den Ganglienzellen

entsprechend den Symptomen der Arbeitslähmung histologische

Veränderungen nachgewiesen werden konnten. So haben ~Hodge~[554],

~G. Mann~[555], ~Lugaro~[556] und viele andere in neuerer Zeit an

Ganglienzellen von Säugetieren, Vögeln und Insekten mikroskopisch

deutliche Ermüdungswirkungen, sowohl am Protoplasma als auch

besonders an ihren Zellkernen, festgestellt. Nach ~Hodge~ besitzen

z. B. beim Sperling am Morgen nach der Ruhe die Ganglienzellen

der Brachialganglien, welche die Flugmuskeln innervieren, helle,

runde, bläschenförmige Zellkerne (Fig. 261 _A_), während sie am

Abend nach der Anstrengung des Tages einen gezackten Kontur haben

(Fig. 261 _B_). Ebenso sind bei der Katze nach Reizung von einigen

Stunden die Kerne der Ganglienzellen, die vorher bläschenförmig und

rund waren, geschrumpft und unregelmäßig konturiert, während die

Anordnung des Inhalts sich wesentlich verändert hat. Nach ~Mann~ und

in Uebereinstimmung mit ihm nach ~Lugaro~ besteht die Veränderung

der Ganglienzelle während ihrer Aktivität im wesentlichen in einer

Turgeszenz des Protoplasmas, während in der Ruhe wieder eine

Volumenverminderung eintritt. Die ~Nissl~schen Tigroidschollen, die

infolge ihres Verhaltens gegen Anilinfarbstoffe so charakteristische

Elemente des Ganglienzellenprotoplasmas vorstellen, lösen sich im

Protoplasma mehr und mehr auf (Fig. 260). Dabei wird der Zellkern

während der Arbeit unregelmäßig konturiert und immer chromatinärmer,

und der Nucleolus kann, wie ~Lugaro~ fand, durch Ermüdung völlig zum

Verschwinden gebracht werden. Am interessantesten sind vielleicht die

histologischen Bilder, die genau den oben mitgeteilten Versuchen am

Froschrückenmark entsprechen. ~Gordon Holmes~[557] hat in ~Edinger~s

Institut die Rückenmarke der im Göttinger physiologischen Laboratorium

unter den oben geschilderten Versuchsbedingungen ermüdeten Frösche

mikroskopisch untersucht, so daß die beistehenden Bilder die exakten

Parallelen zu den soeben geschilderten funktionellen Veränderungen

liefern. Es hat sich dabei herausgestellt, daß hier bei andauernder

Zufuhr von Sauerstoff aber gänzlichem Mangel an Nährstoffen in noch

vollkommenerer Weise als in den oben genannten Fällen die ~Nissl~schen

Tigroidschollen mit andauernder Arbeit mehr und mehr bis zum

vollständigen Schwinden verbraucht werden (Fig. 262).

[Illustration: Fig. 262. +Ganglienzellen aus dem Rückenmark des

Frosches.+ _A_ Normal, _B_ nach 5¼-stündiger Durchspülung des

Rückenmarks mit sauerstoffhaltiger Salzlösung bei andauernder

Tätigkeit. _C_ Nach 11½-stündiger Durchspülung mit sauerstoffhaltiger

Salzlösung bei andauernder Tätigkeit. Nach ~Gordon Holmes~.]

Schließlich ist es von Interesse, auch noch auf die Ermüdung einer nur

schwer ermüdenden Form der lebendigen Substanz einen Blick zu werfen,

auf die +Arbeitslähmung der Nervenfaser+.

Wie bereits oben bemerkt, haben früher alle Versuche, die Nervenfaser

zu ermüden, ein negatives Ergebnis gehabt. Erst im Jahre 1903

fand ~Garten~[558] eine eigentümliche Nervenart, die sich leicht

ermüden läßt, im Riechnerven des Hechtes. Dagegen waren alle

Versuche an anderen Nervenfasern, vor allem an den markhaltigen

Skelettnerven, vollkommen erfolglos geblieben. Nachdem sich aber aus

den Ermüdungsversuchen am Zentralnervensystem ergeben hatte, daß die

Ermüdung der Ganglienzellen in erster Linie durch Sauerstoffmangel

bedingt ist, lag der Gedanke nahe, auch am Nerven Ermüdungsversuche

unter Sauerstoffabschluß zu machen. Die Tatsache, daß der Nerv in

einer sauerstofffreien indifferenten Stickstoffatmosphäre, wie ~H.

von Baeyer~[559] und ~Fröhlich~[560] gezeigt haben, oder in einer

vollkommen sauerstofffreien physiologischen Kochsalzlösung, wie

in jüngster Zeit ~Fillié~[561] nachgewiesen hat, allmählich seine

Erregbarkeit verliert, ließ erwarten, daß der Nerv auch in einem

vollkommen sauerstofffreien Medium, wenn er andauernd gereizt wird,

schneller unerregbar werden mußte, als wenn er nicht gereizt wurde,

denn wenn der Nerv, wie seine Abhängigkeit vom Sauerstoff zeigt, einen

Stoffwechsel hat, so war auch anzunehmen, daß dieser Stoffwechsel bei

dauernder Inanspruchnahme der Funktion des Nerven durch Reize erregt,

also der Stoffverbrauch gesteigert werden müßte. In der Tat konnte

auch ~Fröhlich~[562] schon im Jahre 1904 echte Ermüdungssymptome am

markhaltigen Nerven in einer reinen Stickstoffatmosphäre hervorrufen.

Wenn man den Nerven, nachdem seine Erregbarkeit in einer reinen

Stickstoffatmosphäre bis auf einen bestimmten Grad gesunken ist,

mit schnell aufeinanderfolgenden Induktionsschlägen reizt, dann

zeigt sich, daß von der ganzen Reihe der Induktionsschläge nur der

erste wirksam ist und eine Zuckung des zum Nerven gehörigen Muskels

hervorruft, während alle folgenden vollkommen wirkungslos bleiben.

Erst wenn man die Reizung unterbricht und dann von neuem einsetzen

läßt, ist wiederum der erste Induktionsschlag wirksam. Der erste

Induktionsschlag ermüdet also den Nerven und da der Nerv keine Zeit hat

sich zu erholen, bis der nächste Reiz folgt, bleiben alle folgenden

Reize unwirksam. Ganz kürzlich hat nun ~Thörner~[563] noch in anderer

Weise die Ermüdung des Nerven demonstriert. Er benutzte nicht wie

~Fröhlich~ als Indikator für die Erregbarkeit des Nerven die Zuckung

des dazugehörigen Muskels, sondern den bei jeder Erregung des Nerven

an diesem selbst auftretenden elektrischen Aktionsstrom[564], den er

mit einem Kapillarelektrometer sinnlich wahrnehmbar machte. Wenn er

nun die beiden Nervi ischiadici eines und desselben Frosches in die

gleiche Stickstoffkammer brachte und den einen der beiden Nerven an

seinem einen Ende andauernd tetanisierte, während der andere in Ruhe

blieb, so zeigte sich ausnahmslos, daß bereits nach kurzer Zeit der

Aktionsstrom des tetanisierten Nerven sich bei der Prüfung beträchtlich

schwächer erwies als der des nicht tetanisierten Nerven, und daß er

schließlich ganz verschwand, während der des nicht tetanisierten Nerven

stets viel länger zu erzielen war. Wurden dann beide Nerven wieder mit

Sauerstoff versorgt, so erholten sich beide wieder vollständig und ihre

Aktionsströme wurden wieder gleich stark wie im Beginn des Versuchs.

Das beweist also deutlich, daß der Nerv unter Sauerstoffabschluß

durch andauernde Reizung ermüdbar ist wie jedes lebendige Objekt.

Seine spezielle Eigentümlichkeit ist aber die, daß er unter normalen

Verhältnissen immer so viel Sauerstoff findet und diesen so gierig an

sich reißt, daß eine Ermüdung nie zustande kommt. Infolgedessen ermüdet

die Nervenfaser in unserem Körper niemals. Während die Ganglienzellen

ungemein leicht ermüden, sind die Nerven unter +physiologischen+

Bedingungen tatsächlich unermüdbar im Leben unseres Körpers. Wissen

wir also aus anderen Erfahrungen, daß der erregungsleitende Teil des

Nerven, der Achsenzylinder, nur ein Fortsatz des Ganglienzellkörpers

ist, mit dem er zusammen eine einzige zellulare Einheit, das Neuron

bildet, so sehen wir doch an diesem Beispiel, daß die Nervenfaser eine

Differenzierung des Neurons vorstellt, die sich physiologisch, wenn

auch nur quantitativ, sehr abweichend verhält vom Protoplasma des

Ganglienzellkörpers. Die Versuche am Nerven haben aber trotz seiner

schweren Ermüdbarkeit doch wieder in glänzender Weise die Abhängigkeit

der Ermüdung von der Sauerstoffversorgung gezeigt und beweisen geradezu

schlagend, +daß bei genügender Sauerstoffzufuhr eine Ermüdung überhaupt

nicht eintritt+.

Was ergibt sich nun aus allen diesen Erfahrungen für die Theorie

der Arbeitslähmung? Ziehen wir das Fazit, so müssen wir sagen,

zwei wichtige Tatsachen haben sich ergeben, die in dem Vorgang der

Arbeitslähmung zum Ausdruck kommen: +einerseits Mangel an nötigem

Ersatzmaterial zur Unterhaltung der normalen Lebensvorgänge und

andererseits die Anhäufung von lähmend wirkenden Stoffwechselprodukten.

Wir können diese beiden Tatsachen auch sprachlich in kurzen

Ausdrücken unterscheiden, indem wir den Mangel an Ersatzmaterial als

„Erschöpfung“, die Anhäufung von lähmenden Stoffen als „Ermüdung“ im

engeren Sinne bezeichnen.+

Die +Erschöpfung+ im engeren Sinne ist, wie die sämtlichen Erfahrungen

an allen aeroben Formen der lebendigen Substanz zeigen, unter

physiologischen Verhältnissen, d. h. im intakten Körper, stets

ein Mangel an Sauerstoff. Nur unter künstlichen, experimentell

hergestellten Bedingungen, nämlich bei dauernd genügender

Sauerstoffzufuhr unter Ausschluß aller anderen Nahrungsstoffe, können

wir eine Erschöpfung erzielen, die in einem Mangel an anderem, vor

allen Dingen wohl organischem Ersatzmaterial besteht. Das ist darin

begründet, daß die lebendige Substanz, sofern sie überhaupt Sauerstoff

in Reserve besitzt, nur sehr geringe Mengen zur Verfügung haben kann,

während ihr Reservematerial an anderen, besonders an organischen

Ersatzstoffen stets sehr reichlich vorhanden ist. Infolgedessen tritt

bei angestrengter Tätigkeit sehr schnell Mangel an Sauerstoff ein,

aber unter physiologischen Bedingungen kaum jemals Mangel an anderen

Stoffen. +Die Erschöpfung ist also unter physiologischen Bedingungen

stets eine Erstickung, nur unter bestimmten experimentellen Bedingungen

kann sie in einem Verhungern bestehen.+

Die +Ermüdung+ im engeren Sinne beruht auf einer Anhäufung von

lähmend wirkenden Stoffwechselprodukten, die wir im einzelnen noch

nicht chemisch namhaft machen können, die aber jedenfalls bei ein

und derselben Form der lebendigen Substanz schon mehrere chemische

Verbindungen vorstellen, und die voraussichtlich bei verschiedenen

Formen der lebendigen Substanz untereinander wieder verschieden

sind. Von diesen „+Ermüdungsstoffen+“ ist ein Teil sicher mit

wässerigen Lösungen aus der lebendigen Substanz ausspülbar, ein

anderer Teil scheint nicht mit solchen Spülflüssigkeiten aus der Zelle

herauswaschbar zu sein, ein Verhalten, das sich aus den Eigenschaften

der Protoplasmaoberflächen als semipermeabler Membranen verstehen ließe.

+Was nun aber besonders wichtig ist, das ist die Tatsache, daß

Erschöpfung und Ermüdung in einem untrennbaren Zusammenhange stehen,

indem die letztere die Folge der ersteren ist.+ Der Mangel an

Sauerstoff führt zur umfangreichen Anhäufung von Ermüdungsstoffen,

die bei ausreichender Sauerstoffversorgung der lebendigen Substanz

entweder gar nicht entstehen oder in demselben Maße wie sie entstehen,

wieder beseitigt werden. Das zeigt uns der Nerv in geradezu klassischer

Weise. Da der Nerv mit sehr geringen Sauerstoffmengen auskommt,

so findet er schon an bloßer Luft oder im intakten Körper bei

andauernder Tätigkeit genügend Sauerstoff, um dauernd von der Anhäufung

lähmender Ermüdungsstoffe verschont zu bleiben. Nur wenn seine

Sauerstoffversorgung geringer wird, als sein Sauerstoffbedarf, ist er

ermüdbar.

+So ist also jede Arbeitslähmung bei den aeroben Formen der lebendigen

Substanz unter physiologischen Bedingungen stets identisch mit der

Erstickung und ihren Folgen, denn sie beruht immer auf relativem

Sauerstoffmangel.+

Allgemeine Physiologie · 第 227 / 283 题